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Charakterbilder Spätroms und die Entstehung des modernen Europa

Theodor Birt: Charakterbilder Spätroms und die Entstehung des modernen Europa - Kapitel 6
Quellenangabe
typetractate
booktitleCharakterbilder Spätroms und die Entstehung des modernen Europa
authorTheodor Birt
year1923
firstpub1919
publisherQuelle & Meyer
addressLeipzig
titleCharakterbilder Spätroms und die Entstehung des modernen Europa
pages498
created20120625
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Diocletian

Es beginnt die zweite große Offensive des Germanentums gegen das Reich, die im 3. Jahrhundert geschah und eine Zeit des Leidens und der Zerrüttung nicht nur über Rom, sondern auch über die Angreifer, die Germanen, brachte. Es gelang schließlich den Kaisern Aurelian und Probus, das Reich noch einmal neu zu festigen und mit der Glorie der Unüberwindlichkeit aufs neue zu umgeben. Zugleich setzt aber auch der Versuch ein, das Reich in Ländergruppen zu zerlegen, deren jede für ihre Sicherheit selbst zu sorgen hat. Die Katastrophe, die bevorstand, wurde dadurch noch einmal um hundert Jahre hinausgeschoben.

Das weite Barbarenland zwischen Rhein und Weichsel schüttete jetzt also seine Völker aus wie ein Gefäß, das siedet und überläuft. Auch am rechten Rheinufer beherrschte Rom bisher weite Territorien, das schöne Neckarland, auch Wiesbaden und das Hinterland des Taunus bis nach Friedberg hinein, ja, auch die Emsgegend im Norden. Das dortige Fischervolk der Friesen kämpfte mit dem wilden Meer, der Nordsee, der Mordsee; das war ihm Kampfes genug; die Oberherrschaft Roms, das seine Abgaben forderte, duldete es bisher, da niemand ihm half.

Das alles ging jetzt für Rom verloren. Die Grenzbarriere wurde eingerannt, als wäre sie ein Lattenzaun. Wohin waren die stolzen Zeiten, wo Drusus Borkum erstürmte, Tiberius seine Flotte bis zum Kap Skagenhorn warf? Köln und Mainz selbst waren nun bedroht; Rom mußte sie neu und stärker befestigen. Der Germane spähte vom anderen Ufer drohend herüber.

Tacitus hatte die Germanen noch mit scheuem Interesse angestaunt, wie man in der Menagerie den Tiger durch das Gitter bewundert; auch für sein internes Leben, sein Familienleben hatte er Sinn und Auffassung gehabt. Von jetzt an ist der Deutsche nur gehaßt und gefürchtet. Warum stürzen sich die Deutschen in den Kampf? Kein römischer Schriftsteller fragt nach den Gründen; sie sind nur die Räuber und Plünderer, nur Bestien; das genügt.

Der römische Kaufmann, der in früheren, friedlicheren Zeiten 105 durch das freie Germanien fuhr (er drang oft bis zur Elbe, bis zur Spree und zum kurischen Haff), konnte allerlei Günstiges berichtenEs sei hier dankbar an die Schilderung Gustav Freytags, Bilder aus der deutschen Vergangenheit Bd. I, S. 27 ff. erinnert.. Im Gegensatz zu Italien, dessen Entwaldung schon damals begann, schien ihm dies Land in seiner unermeßlichen Weite in Wäldern zu ersticken. Vom Taunus her wollte der Händler etwa die Lahn aufwärts; aber er fand das Flußtal versumpft und überschwemmt, und von den Berghöhen bis tief zum Flußbett hinab stand der Urwald mit seinen schweren Eichenwipfeln (die Eiche liebt den nassen Grund). Nur über die Höhen trug den Reisenden die primitive Straße durch Ackerland, das ihm karg schien; es gab da vielleicht nur Feldgraswirtschaft. Da lagen auch die Dörfer, die Siedelungen. Es war nichts als ein Bauernvolk, diese Germanen. Die Häuser und Höfe standen am Wege verstreut weit auseinander, wie es heute noch an der Weichsel, am Bug und am Njemen bei den Slawen ist. Auf den Hecken und Wiesen blühten dieselben Blumen wie heute; die Mädchen schmückten sich damit, und die Bienen flogen darüber und gaben Honig, daraus die Frauen den Met bereiteten. Auf den Äckern sah der Wanderer die Frauen hinter dem Pfluge; die Haussklaven waren mit am Werk. In den Wäldern trieb das Vieh sich weidend herum. Die Männer schwangen den Hammer in der Schmiede, sie bauten Wagengestelle, die Fachwerkhäuser und Stallungen. Unter der Hand des Böttchers dröhnte das neue Faß. Das Horn des Jägers hallte, wenn er heimkam mit der Beute. Dann saßen die Männer zur Abendrast in der Flurhalle, wo der Herd stand, auf den Bänken, und die Hausfrau kam und schenkte aus der Holzkanne Bier oder Met. Man ehrte sie und dankte ihr. Rauher Gesang erscholl und lärmende Wechselrede; sie sprachen von Jagd und Fehde und zeigten ihre Narben.

War Festtag, so sah der Fremde die Waffentänze der Jungmannen und staunte über die ausgelassene Heldenkraft; der Fürst selbst kam und tat den Sprung über sechs Rosse. War Winter, so fuhren diese Barbaren auf ihren Holzschilden die steilen Schneeberge hinab. Jeder Mann war Krieger; es gab 106 nur Landwehr, Landsturm; das höhere Kriegswesen wurde erst später im Großkampf den Römern abgelernt. Mit dem Häuptling des Dorfes trieb dann der Kaufmann seinen Handel, kaufte Wolle und Gänsefedern, Felle, Honig und Schinken in Massen ein, gelegentlich auch Bären und Elche, die da lebend für die Arena der Römerfeste gefangen wurden. Der Händler bot dafür Südwein und allerlei feine Römerware; denn das römische Geld nahm der Deutsche nicht allzu gerne.

Ein Landgebiet wie das der Cherusker oder der Chatten zerfiel in Distrikte oder Gaue; jeder Gau zu mehreren Dorfschaften. Jeder Gau wählt aus den Reicheren sich seinen Häuptling und Vorfechter; die Häuptlinge traten zum Volksrat zusammen. Der römische Fremdling sah mit Staunen, wie da bei der Beratung das Trinkhorn umging, als ob erst der Trunk die Gedanken löste. War heiliger Tag, so sah er den Priester oder die Priesterin heraustreten und das Volk von allen Seiten pilgernd hinausziehen in den dunklen Hain, wo Nerthus oder Wodan, dessen Geist in den Eichenwipfeln rauschte, verehrt wurde.

So bot schon der Gottesdienst den verstreuten Dorfschaften einigen Zusammenhalt. Kamen aber Schicksalsfragen, so traten alle freien Wehrmänner, das ganze Volk in Waffen, zur Volksversammlung an. Es war eine große Bauerndemokratie. Sollte es Krieg geben? Es war Not im Land. Die Volksernährung zwang wieder einmal zum Kampf, um Salzquellen oder gar neues Land zu gewinnen. Das war es, worum lange Zeit die Germanen unter sich kämpften; es ging um die Salzquellen, um neuen Ackergrund. Die Not trieb; man wollte leben.

Die Frage liegt nahe: warum rodete man, wenn es an Ackerland fehlte, die vielen Wälder nicht mit Axt oder Feuerbrand? Weil der Urwald der sicherste Schutz des Landes war gegen jeden Nachbar. Man denke, welch schützende Rolle der wilde Argonnenwald noch jetzt im Weltkriege der letzten Jahre in Frankreich gespielt hat; er war wie Panzerung. Die Dörfer ließen sich nicht in Festungen verwandeln. Kam der Feind, 107 rettete man sich und seine Habe rasch in das Dickicht. Es war undurchdringlich. Ewig berühmt darum der Teutoburgerwald. Daher hausten auch die Germanengötter, die Landesschützer, in den Wäldern.

Es war wieder einmal Mißwuchs; die Scheuern leer; auch Viehseuche; dazu Übervölkerung. Die Gemeindeflur ernährte das Volk nicht mehr. Man wollte nicht Hungers sterben. Heute ernährt sich Deutschland, wenn es vom Feinde blockiert wird, mühsam ohne Import durch Rationierung des Brotkorns; das war damals nicht möglich. Der Volksting beschloß: Auswanderung! ein Drittel des Volkes hinaus! Wohl hundert Mal ist das geschehen. Anfangs war es ein Völkerschieben im Kleinen und innerhalb der deutschen Grenzen, nur Stamm gegen Stamm; bald aber kamen mächtigere Scharen ins Wandern, zu zehntausend Köpfen und mehr, und sie drängten lawinenhaft immer weiter dem Westen und Süden zu, an die römischen Grenzen.

Ob die Heimatliebe, das Heimweh, dieser tief klingende Grundton im Gefühlsleben, damals den Germanen noch fremd war? Gewiß nicht. Das Leben war hart und herbe; man mußte eben über den Schmerz hinweg, wenn die ganzen Familien sich losrissen zu hunderten, den schwerfälligen Wagen wie die Zigeuner bestiegen, ihn mit dem notdürftigsten Hausrat belasteten und die ererbte Hofstelle räumten auf Nimmerwiedersehen. Aber niemand spricht uns hiervon. Man malt sich gemeinhin nur das Ungestüm der Männer aus, die wild und trotzig oder heldenhaft und froh ins Unbekannte stürmen. Die Jugend wirft sich frohlockend in die fremde Gefahr, in die Weite der Welten. Es kommt nicht darauf an zu leben, sondern zu erleben! Aber in Wirklichkeit fehlte bei solchem Auszug der Sturmschritt; es ging langsam genug auf den Bergstraßen vorwärts wie die Schnecke, die ihr Haus mit sich trägt. Man erbat zunächst vom Nachbarvolk friedfertig Platz zur Siedelung. Erst wenn er verweigert wurde, kam es notgedrungen zum Kampfe um Sein und Nichtsein. Von der Wagenburg her spähten dann Weiber und Kinder drangvoll in die Schlacht. Mitten ins 108 Schlachtgewühl trugen die Frauen Speise und verbanden die Wunden. Auch fehlte die Seherin nicht, die da wie ein höheres Wesen Rat gab, da sie mystisch geheimnisvoll um den Willen der Götter wußte.

Es war natürlich, daß aus der stark demokratischen Volksmasse der Stand des Landadels hervorwuchs; es waren die Reicheren und Weltkundigeren; die begabten Führer und Häuptlinge; aus ihnen sind schließlich die Könige der Deutschen erwachsen. Je größer die politischen Aufgaben wurden, je einflußreicher wurden im Volk die großen Naturen und starken Tatmenschen. Schon Tacitus weiß es: solcher Mann umgab sich mit einer Gefolgschaft von Dienstmannen aus der freien, jungen Bauernschaft, die ihm schlechthin gehorchten, Treue schworen, für ihn das Leben ließen. In der Hoffnung auf große Taten drängten sie sich an ihn, und so wuchs seine Macht. Dann siedete das Blut; es kam der Trieb nach Abenteuer und Wagnis, nach Raub und Beute; denn es galt die Mannen zu lohnen. Solch Auszug war alsdann nicht Wanderzug, sondern Streifzug, wild, plötzlich und rasch.

Das alles bewegte sich zunächst noch in engeren Verhältnissen. Im Verlauf des dritten Jahrhunderts aber nahm es ganz andere Dimensionen an. Die Heimat, wie sie damals war, ermöglichte keine Hochkultur, nach der das Volk ohne Zweifel triebhaft verlangte und zu der es berufen war. Auch heute steht es mit Deutschland so; ist es blockiert und ganz auf sich gestellt, wird die Ernährungslage verzweifelt. Damals fehlte es an planvollem Bergbau noch ganz, und das Eisen war eine Kostbarkeit. Wenn es heißt, die Germanen schmiedeten im Krieg ihre Sicheln in Schwerter um, so ist das keine dichterische Redensart, sondern Wirklichkeit. Es geschah aus Not, aus Sparsamkeit mit dem Metall. Nun entstanden im Westen, gegen den Rhein hin, drei neue deutsche Völker, die Alemannen, die Franken, die Sachsen. Aus kleinen Einzelstämmen waren sie zusammengeballt: die Alemannen aus Stämmen südlich des Main; die Franken aus Chatten, Ampsivariern (Emsanwohnern) und 109 Chauken; die Sachsen aus den alten Reudignern, BardenBei Bardowiek., Chasuariern, Angrivariern. Diese alten unbequemen Namen stehen bei Tacitus; sie sind von jetzt an fast verschollen. Nur dringendste Not, nur ganz große Ziele konnten es bewirken, daß Dutzende von deutschen Stämmen damals ihr Wesen, ihre Eigensucht so preisgaben, um eine neue große Volkskraft zu bilden. Aber auch führende Männer erster Ordnung müssen dabei tätig gewesen sein, von Bismarckscher Intelligenz und Willenskraft. Im Köcher Germaniens steckten fortan diese drei Völkerpfeile; aber nicht nur sie. Rom sollte es spüren: der Köcher Germaniens war mit Pfeilen überfüllt.

Der Koloß des römischen Reichs war indes immer noch stark und widerstandsfähig genug. Der fürchterliche Maximin, der Barbar, der Hüne, schlug sogleich, als er Kaiser geworden, die Alemannen mächtig aufs Haupt und verfolgte sie weithin über den Rhein (im Jahre 236). Er schickte große Gemälde, Jahrmarktsbilder, prahlerisch nach Rom, die diese seine Siege darstellten. Aber der verhaßte Mann wurde bald umgebracht, und wieder erhob sich die Frage: woher jetzt in aller Welt einen Kaiser nehmen? Die Frage war niemals dringender als jetzt. In allen Ecken des Reichs erstehen jetzt Usurpatoren oder »Tyrannen«; sie hängen sich den Kaisermantel um und werden ermordet; sie prägen Münzen, stellen ihre Büste in die Tempel und sind nicht mehr. Sie gleichen den Pilzen, die keine Wurzel haben, keinen Wipfel treiben, emporschießen und vergehen. Blicken wir auf die nächsten dreißig Jahre, so regnet es jetzt also auf einmal Kaisernamen: die afrikanischen Gordiane, die Italiener Maximus Pupienus und Balbinus, der Araber Philipp, weiter Decius, Gallus und Aemilian, Postumus, Ingenuus, Aureolus, Marius, Macrianus und so fort. Ihre Namen sind wie Etiketten auf leeren Flaschen; wir wissen kaum etwas über sie; ihre Biographien sind leer. Die meisten von ihnen tun sich irgendwo in den Provinzen auf, z. T. Soldaten mit obskurster Herkunft: Aureolus war Roßhirt, dann Stallmeister, Aurelius Marius Schmiedegesell.

110 Neben ihnen war es der vornehme Valerian und sein Sohn Gallienus, die durch fünfzehn Jahre (253 bis 267) die Zentralgewalt mit Rom als Hauptstadt gegen die anderen Prätendenten zu behaupten suchten. Der brave Valerian wurde jedoch bald (im Jahre 260) von den Persern lebendig gefangen und starb schmählich in Gefangenschaft (die größte Schmach, die Rom je erlebte). Gallienus aber war lässig und verzettelte seine Hilfskräfte. Er ist immerhin keine uninteressante Figur, der letzte großmächtige Ästhet auf dem Thron, schwelgerisch genußsüchtig wie Verus und Commodus, ruhmestollSo ließ er eine Kolossalstatue seiner Person aufstellen mit einer Lanze, deren Schaft so groß und stark, daß ein Kind darin emporsteigen konnte. Aber die Statue wurde nicht fertig., dazu eleganter Dichter, Leckermaul und Witzbold. Als ein Stierkämpfer den Stier, gegen den er focht, zehnmal vergebens abzustechen versuchte, ließ Gallienus ihm den Siegeskranz mit der Begründung reichen, es sei eben eine unerhörte Leistung, so oft vorbeizutreffen. Es war, als ob das Staatswohl nach seiner Meinung darin bestehe, daß die Stadt Rom ihre Tierhetzen und Theatervergnügen habeVita Gallieni 14, 5.. Kamen böse Nachrichten, so lachte er dazu mit irgendeinem flotten Witzwort, bis die Not ihn denn doch wirklich zwang, zu kämpfen. Dabei war er aber auch mit dem Philosophen Plotinus befreundet, dem tiefsinnigen Neuverkünder der Platonischen Religion, die das Jenseits der Ideen, des Schönen und Wahren und alle Himmel erschloß. Was nützte das in diesen harten Zeiten?

Es ist dies eben die Zeit, wo etliche der Reichsländer sich wirklich zum ersten Male politisch verselbständigt haben. Die Truppen machten es. Ägypten wählte zeitweilig seinen eigenen Kaiser, ebenso das Donauland und so fort. Das bedeutsamste ist, daß Frankreich, das wichtigste Land Westeuropas, damals fünfzehn Jahre lang unter seinem eigenen Monarchen Postumus und dessen zwei Nachfolgern Victorin und Tetricus für sich bestanden hatIn den Jahren 258–267.; aus eigener Kraft gelang es dem Lande so, sich der Invasion der bösen Franken und Alemannen zu erwehren. Dieser Postumus ist also der erste Kaiser Frankreichs gewesen; es war ein trefflicher Fürst und das romanisierte Gallien gesichert und glücklich, so lange er herrschte. 111 Aber auch mit Asien ging es nicht anders; der ganze römische Orient (die asiatische Türkei der Neuzeit) drohte eben jetzt sich völlig loszulösen; das morgenländische Reich der märchenhaften Königin Zenobia bereitete sich dort vor.

Mit Recht hieß es damals, die Namen der nützlichen Kaiser sind so wenige: man könnte sie in einen Fingerring eingravierenVita Aurelians 42, 5.. Dem Kaiser Philipp, dem Araber, fiel es zu, im Jahre 248 das tausendjährige Bestehen Roms zu feiern. Welch irrsinniger Zufall! Es gab da die üblichen Tiger und Leoparden in der Arena, ja, auch Nashörner und Giraffen. Ein Semit, ein arabischer Wüstenhäuptling feiert da das Andenken des Romulus und RemusEr war es auch, der das Aufhören der Akten der Arvalbrüder veranlaßt zu haben scheint; s. Wiener Studien 40, S. 39 f.! Keiner der Männer hatte leitende Ideen; es war nichts Aufbauendes mehr bei ihnen zu findenEs herrschte die ignorantia rerum publicarum, Vita Aurelians 43, 1.. Eine Ausnahme macht nur der heldenhafte Decius; er leitete planvoller und sinnvoller, als es der rohe Maximin getan, eine allgemeine Christenverfolgung ein, in der Erkenntnis, daß es hohe Zeit für das Kaisertum sei, sich endlich mit der Macht der Bischöfe auseinanderzusetzen. Vielleicht wäre es damals, im Jahre 250–251, noch geglückt, ihre Macht im Reiche zu entwurzeln. Der rasche Tod des Decius verhinderte die Durchführung, und alsbald erließ Gallienus wieder ein allgemeines Toleranzedikt.

Der Bürgerkrieg herrschte; das war der Inhalt der Zeit; ein Kaiser zog gegen den anderen. Vor allem mußte Gallienus, so unbequem es ihm war, von Rom aus die vielen Sonderherrscher wegzuräumen versuchen. Er tat es nicht ohne Talent; aber er imponierte keinem.

Wenn da nun die Kaiser im weiten Reich wider einander zogen und vereinzelte Schlachten schlugen, so war das nicht das schlimmste; die Menschheit ist zäh und hat schon Schlimmeres überdauert. Auch in der Neuzeit hat Europa den spanischen Erbfolgekrieg (1701–1714), ja, es hat die zwanzigjährige Leidenszeit der schlachtenreichen Napoleonischen Kriege (1792–1813) bewunderungswürdig schnell verwunden. Aber die Perser, vor allem die Germanenvölker gaben acht; sie hörten vernehmlich 112 das Bröckeln, das Krachen, die schweren Risse im römischen Riesenreich und begriffen: jetzt war es Zeit. Die deutsche Offensive konnte beginnen.

Auf einmal taucht in der Weltgeschichte der Name der Goten auf. Tacitus wußte noch nichts von ihnen. In Schweden liegt heute noch Gotland; da hatte der Stamm ursprünglich gesessen. Nun war er im Vordringen, wachsend und wachsend, von Polen und Westpreußen aus durch langsame Schiebung allmählich südwärts bis nach Beßarabien, Rumänien und bis zur Donaumündung gelangt (um das Jahr 250). Der Hunger trieb auch sie. Solch Volk gleicht der Herde in den Prärien, die langsam weidend vorrückt und das Abgegraste hinter sich läßt. In gleicher Weise schoben sich damals aus dem Norden auch andere Stämme, die Langobarden, die Burgunden, langsam vor; die letzteren kamen von den Ostseeinseln (Bornholm ist Burgundaholm). Es war auch hier immer nur ein Teil des Volkes, der wandert. So also auch die Goten und Rugier. Von der Bernsteinküste der Ostsee, vom Baltikum, waren sie z. T. auf den Straßen, die auch die römischen Händler benutzten, wenn sie den Bernstein suchten, bis an das ferne Schwarze Meer gekommen.

Die Balkanhalbinsel lag wehrlos; sie werfen sich über den Balkan in die weiten Fruchtgefilde von Saloniki. Im Kampf gegen sie fiel damals Kaiser Decius. Da setzen auch schon die Franken über den unteren Rhein, überfluten Frankreich und dringen, da niemand sie hemmt, bis zur Garonne, ja, weiter über die Pyrenäen nach Spanien. Auch die Alemannen packt die Gier, sich im wehrlosen Leibe des Römerreichs festzubeißen. Vom Bodensee her steigen sie über die Hochalpen, stehen vor Mailand, belagern Ravenna, das Venedig des damaligen Italiens. Rom selbst zittert und bangt. Seßhaft wurden sie nicht; sie mußten zurück, aber der Germanenschreck blieb gleichsam im Lande.

Indes saßen die Goten schon an der Krim, wo damals noch die griechische Hochkultur in vollster Blüte stand. Wie reich sind heute die Museen Südrußlands an griechischen Funden! Der 113 Bosporus kam in die Hand der Wilden; das Meer lockte; sie wurden plötzlich SeefahrerDie Not lehrt auch den Hasen übers Meer laufen, sagt der Italiener. und warfen sich in die Korsarenschiffe, die dort in den Häfen lagen (es waren schwache, flach gebaute Boote; die Seitenwände nur Weidengeflecht, das man mit Erdharz verpichte); nur etwa dreißig Mann in jedem Schiff. Von Phasis aus, der Heimat der Medea, die einst nach der Sage das erste Schiff der Argonauten gesehen hatte, steuerten sie im Fluge 56 Meilen quer über das Schwarze Meer, wohin? nach Trapezunt. Sie wußten, Trapezunt war die üppigste Handelsstadt. Sie lag im tiefsten Frieden und wiegte sich in Sicherheit. Jetzt waren die blonden Teufel da, drangen nachts über die Mauer und griffen sich die unermeßlichen Schätze (im Jahre 256). Es war der erste Vorstoß der Deutschen nach Kleinasien. Dann ging es westwärts nach Chalcedon, nach Nikomedien, den Prachtstädten. Denen erging es ebenso. In Ephesus zerstörten sie den berühmten Tempel der ephesischen Artemis. Rastlos gingen ihre Streifzüge. Auch noch zehn Jahre später (264 und 267) haben sie dort gehaust. Aber das stachlige Byzanz zu nehmen gelang ihnen nicht, auch nicht Saloniki.

Welch wilde Poesie! Diese Schar fellbekleideter Recken des Nordlands unter den Felsenküsten der griechischen Götter auf tausend leichten Kähnen dahinjagend! Wie anders atmete es sich hier, auf den blauen Wogen der Amphitrite, als auf dem nebelumfangenen baltischen Meer! Sie sahen die klassische Romantik des Olymp, die Ebene Trojas, die Akropolis Athens; sie standen in der Heimat Alexanders des Großen, in Macedonien.

Allein sie wollten nicht herrschen, sie wollten nur herrlich leben. Es war ein ungeheures Abenteuer: Jugendglanz im Auge, Zerstörung im Griff; und sie zerstoben, verkamen, und wohl die wenigsten kehrten heim. Hätten die Goten sich in den eroberten Städten festgesetzt, sie hätten Stand halten können. Aber der freie Germane haßte damals noch die Städte, diese Steinhaufen, wie ungeheure Grabkammern und Gefängnisse. Da war nicht ihres Bleibens. Auch war die Beute, die sie machten, ihnen verderblich; so ist es noch später den 114 Germanenschwärmen nur zu oft ergangen. Unüberwindlich ist zuerst ihre Stoßkraft; sie raffen Beute; die Beute belastet sie; der Zusammenhang der Truppe lockert sich. Hier und dort bleiben Haufen zurück; die Zersplitterung schwächt sie, und der Römer hat Gelegenheit, sie endlich zu fassen. So erfocht endlich auch Gallienus über sie einen Sieg. Ja, die kleinen Athener schlugen die Goten sogar in einer Seeschlacht, als ob Themistokles wieder auflebte. Ein Literat und Bücherschreiber mit Namen Dexippus befehligte dabei die athenische Flotte. Es waren eben nur Nachen, auf denen die nordischen Piraten daherfuhren.

Wie viele Germanen schon damals im römischen Heere als Söldner fochten, habe ich früher erwähnt. Rom konnte sie nicht entbehren. Trotzdem speit die römische Literatur von jetzt an gegen die sog. BarbarenIch brauche nach dem Herkommen das Wort »Barbaren«. Man muß sich aber bewußt halten, daß das Wort im Altertum von Hause aus durchaus kein Schimpfwort war, sondern nur den, dessen Sprache man nicht versteht, bedeutete. In diesem Sinne können auch wir das Wort verwenden. Vgl. meinen Aufsatz »Wir Barbaren« in Velhagen & Klasings Monatsheften 1917, S. 486. nur Gift und Galle, diese Leute, die so unverschämt groß gewachsen und stark sind; man verglich sie mit den wüsten, scheußlichen Giganten, die den Olymp des Jupiter, d. h. den heiligen Göttersitz Rom mit seiner Kaiserburg stürmen wollen. Aber der Glaube stand fest: Jupiter wird den Sieg behalten! – Den Gegner objektiv zu würdigen, dazu fehlte jede Fähigkeit. Angst und Haß machten blind. Es war just so, wie in dem Weltkrieg, den wir jetzt durchlebt haben, wo der Haufe der romanischen und anglisierten Völker sich begnügte, die Deutschen zu beschimpfen, aber ängstlich vermied, die Verhältnisse und Existenzbedingungen des Gegners kennen zu lernenDeutsche Zeitungen und Zeitschriften gelangten z. B. mehrere Jahre lang nicht mehr nach Amerika, die englische Zensur verhinderte das; auch die amerikanischen Bibliotheken erhielten sie nicht. »So sind wir nicht in der Lage unparteiisch zu sein, was den allgemeinen Überblick über die Verhältnisse im Deutschen Reich betrifft«, so schrieb die amerikanische Zeitschrift »Nation« am 8. Juni 1918 (nach Voss. Zeitung 15. Juli 1918).. Die Germanen sengten und plünderten allerdings; aber die edlen Römer machten es ja nicht anders, schon Drusus und Germanicus, die, wenn sie in Deutschland einfielen, die ganze Feldfrucht vernichteten, die Dörfer niederbrannten, Weiber und Kinder töteten; ebenso die Späteren bis zu Kaiser Julian. Ja, auch heute herrscht noch derselbe üble BrauchIch denke an die Verwüstungen, die die Franzosen zwischen Frankfurt und Mainz im Juni 1919, während des Waffenstillstandes, als schon die Friedensverhandlungen dem Abschluß nahten, begingen. »An den Landstraßen die Bäume abgehauen, um damit die Pferde und Kanonen zu schmücken; Obstgärten und Vorgärten in Dorf und Stadt gleichen verheerten Schlachtfeldern; der Wald bei Nied eine einzige Wüstenei. Korn- und Kartoffelfelder gibt es in dem Gebiet nicht mehr. Mißhandlungen an Personen waren gang und gäbe. So furchtbar hausten die Senegalneger« (Voss. Zeitung 25. Juni 1919). Dies Thema könnte inzwischen noch fortgesetzt werden..

Und warum sollten jetzt also die Germanen nicht versuchen, ihrerseits erobernd vorzugehen und römisches Land zu besetzen? Sie brauchten bessere Daseinsbedingungen, und sie folgten darin wiederum nur dem römischen Vorbild. Auch Rom hatte 115 sich ja genommen, was nicht ihm gehörte, und auch Roms Volk war anfangs bekanntermaßen ein Barbarenvolk wie die Germanen gewesen. Selbst noch kulturlos, unterwarf sich Rom die Kulturvölker, die Etrusker, die Osker, die feinen Griechen Süditaliens; dann legte es voll Habgier unersättlich die Hand auf die Kornkammern Siziliens, Nordafrikas, Ägyptens und wurde so der satte Erbe der herrlichen Kultur, die es von den unterjochten Ländern annahm. Sogar seine Buchstabenschrift lernte der Römer von den Griechen, wie der Deutsche sie hernach vom Römer lernte. Was Rom konnte, können wir auch, so durfte der gewitzte Germane sich sagen. Auch wir erobern uns Land, weil wir es brauchen, und wir erben gelehrig die Kulturgüter, die wir vorfinden und zu schätzen wissen. Das ist das Recht des Stärkeren, vorausgesetzt, daß der Stärkere sich des Erbes würdig erweist.

Aber das Gelingen fehlte noch. Rom raffte sich. Roms Größe entfaltete sich noch einmal. Geniale Männer nahmen noch einmal die Führung, zwar keine echten Römer mehr, aber doch beflissene, überzeugte Träger der Traditionen des Trajan und des Severus. Aus dem trostlosen Chaos der Reichswirren, von denen ich gesprochen, taucht langsam und von fern Diocletians überragende Hochgestalt auf, hinter ihm Constantin der Große.

Langsam und von fern; erst kamen andere, die ihnen den Weg bereiteten.

In der Nähe von Mailand war es; da traten die vornehmsten Generäle der Reichsarmee zusammen und beschlossen, um alle Thronwirren auszuschließen, fortan jedesmal den besten Mann aus ihrem Kreise zum Kaiser zu wählen: ein Konklave wie bei der Papstwahl. Gallienus kämpfte eben damals um Mailand seinen schwächlichen Kampf gegen Aureolus (im Jahre 268); es gelang, sie beide, erst Gallienus, dann auch Aureolus, aus dem Leben zu schaffen, und man erhob nun zunächst den Claudius (Claudius II. genannt) zum Herrscher, von dem wir hören, daß er alle besten Eigenschaften besaß; 116 alle Späteren blickten auf diesen Claudius als auf ihr Ideal zurück; aber er starb früh (270), und als sein Nachfolger tritt nun Aurelian auf die Bühne der Welt, ein Illyrier geringer Herkunft aus der großen Stadt Sirmium an der Sau. Da haben wir wieder einen großen Namen. Die wenigen Jahre seines Regiments strahlen in Glorie; es sind die Jahre 270 bis 275.

Ein herkulischer Mensch, dabei rasch handelnd, siegessicher, willensstark, in der Heeresdisziplin von mitleidloser Strenge, das war Aurelian. Furchtbar war er als junger Offizier gewesen; die Soldaten sangen beim Marschieren hinter ihm her:

Tausend köpft er, tausend, tausend; tausend köpft der eine Mann.
So viel Wein verschenkt kein Kneipwirt, wie er Blut vergießen kann.

Doch das war nur im Handgemenge. Als Sieger erwies er sich milde. Als er eine rebellische Stadt (Cyana) belagerte, drohte er wild: »kein Hund soll in der Stadt leben bleiben«! Die Einwohner ergaben sich ihm darauf voll Angst. Da ließ er in der Stadt eben nur alle Hunde töten und schonte die Menschen; er hatte sein Wort überraschend wahr gemacht.

Unter diesen Herrn beugte sich nun wieder das Gesamtreich. Es sollte wieder ein einiges Reich geben. Zwar Dacien, d. h. Siebenbürgen und das Ungarn nördlich der Donau überläßt Aurelian endgültig den Barbaren. So sichert er die untere Donaugrenze; der gute Stratege gibt unhaltbare Positionen auf. Der Name Dacien wurde jetzt auf das entsprechende Reichsgebiet südlich der Donau übertragen. Die Alemannen und Jutungen aber, die neuerdings in Italien selbst tief bis nach Umbrien vorgestoßen waren, schlug er wuchtig aus dem Lande heraus, und das abtrünnige Frankreich brachte er wieder an das Reich. Vor allem: er begann und gewann den Krieg gegen Zenobia. Eine seltsame Episode in Roms Geschichte ist der Kampf mit dieser Frau.

Nahezu der ganze Orient war damals im Begriff, sich vom Reich zu lösen. Das ganz Unglaubliche war geschehen: die 117 Wüstenstadt Palmyra im fernsten Osten, gehätschelt und großgezogen durch die Gunst Roms, hatte sich als Konkurrentin Roms aufgetan, die Palmenstadt, aramäisch Tadmor genannt, erbaut in einer Oase der weiten syrischen Sandwüste.

Die Römer hatten sich gegen Persiens Übergriffe in der letzten Zeit völlig ohnmächtig gezeigt, man denke, wie es dem Kaiser Valerian gegangen! Da warb einer der reichen Großkaufleute Palmyras, er hieß Odaenatus, ein weltkundiger Herr, überdies wetterfest und ein leidenschaftlicher Jägersmann, mit eigenem oder fremdem Geld ein Heer an, nahm den Kampf auf sich, drängte die Perser in geschickt geführten Feldzügen über die Grenzen zurück, nahm ihnen ganz Mesopotamien diesseits des Tigris weg, wuchs so an Macht wie ein Sultan, wahrte aber unterwürfig den Schein, als tue er dies alles als Untertan Roms. Gallienus gestattete, daß der Mann sich Fürst des Orients (dux Orientis), dann König, dann sogar Augustus nannte. Aber er blieb der Form nach Roms Vasall. Mutmaßlich stand Zenobia schon damals als Treiberin hinter ihm.

Durch Palastmord kam Odaenatus um (im Jahre 267 oder 268). Seine Gattin Zenobia war seine Erbin. Sie sagte sich sogleich offen von Rom los, und das Gelingen war mit ihr. Syrien, Arabien, Palästina, Mesopotamien waren ihr untertan; sie schlug ein Heer, das Gallienus wider sie aussandte, eroberte das untere Ägypten; schließlich begann sie auch noch Kleinasien sich zu unterwerfen. Die Welt staunte: eine siegreiche Frau die Umgestalterin des Erdkreises! »Asien den Asiaten« war wieder einmal die Losung. Es galt ein großes semitisches Königreich zu gründen. Aber dies Reich war wie eine Blume der Wüste, die einen Tag blüht und dann vergeht.

Wer aus den Zedernwäldern des Libanon, aus den Paradiesen von Damaskus nach Osten zog, kam in die weite syrisch-arabische Sahara mit ihren Salzseen, das Reich des Verschmachters und des Durstes, das bis zum Euphrat reichte. Diese Wüstenstrecken trennten Persien von der Kultur des Westens. 118 Nur Karawanenstraßen führten hindurch; das Kamel transportierte Menschen und Waren. An solcher Karawanenstraße lag Palmyra, das einst Salomo, der Judenkönig, in der Oase erbaut hatte. Quellenreich genug, um eine Großstadt mit Wasser zu versorgen, prangte die Oase in Palmenwäldern und üppiger Vegetation. Der ganze Handelsaustausch, der Indiens Waren über Persien nach Europa trug, ging durch die Hand der Palmyrener. Die Kaufmannsgilde war dort schwer reich und arbeitete wohl organisiert unter einem selbstgewählten Aufsichtsrat. Sie kauften, stapelten die Ware auf und verkauften wieder. Große Bazare zeigten die erlesensten Produkte beider Weltteile. Die schönsten Purpure, die es gab, waren in Palmyra zu sehen. Heute liegt dort in der Öde nur ein elendes Dorf von Araberhütten, und nur die phantastisch großartigen Ruinen, ganze Trupps von Säulen, die vierhundertköpfig mit hohem Schaft aus dem Sande starren, reden von dem, was einst gewesen. Es war wie ein Märchenzauber, als sie den Reisenden der Neuzeit zuerst bekannt wurden; acht Meter tief unter dem Sande haben unsere Forscher jetzt auch das Theater der Stadt aufgedecktVgl. Archäol. Jahrbuch XVII (1902), S. 116. Übrigens gibt das neue Tafelwerk Anschauung: Alte Denkmäler aus Syrien, Palästina und Westarabien, von Ahmed Djemel-Pascha, Berlin 1918.. Vineta, die Traumstadt aus Marmor, im Meer des Sandes versunken! Erst die Kaiser Roms aber hatten jene Herrlichkeit geschaffen; es war in Palmyra alles jung. Vornehmlich Hadrian wirkte dort als Bauherr. Severus erschloß dann auch die umliegenden Wüstenstrecken der Kultur durch künstliche Bewässerung.

Alle diese Orientstädte, Baalbek, Palmyra, Emesa, dienten dem Sonnengott Baal oder BelVgl. Servius zur Aen. I 642, der das B in Bel als Digamma faßt., das ist Helios, den man mit Jupiter gleichsetzte.

Zenobia war die zweite Gemahlin des großen Odaenatus (es handelt sich um die Hauptfrauen im Harem), und es hieß, sie hatte ihn ermorden lassen, damit nicht seine Söhne erster Ehe zur Herrschaft kämen. Nun herrschte sie im Namen ihres eigenen Sohnes VabalathusSo lautet der Name auf Münzen.. An Mut und Wucht des Wesens übertraf sie die Orientalinnen Mamäa und Julia Domna und blickte mit Stolz auf die strahlenden Heroinen der Urzeit, Dido, 119 Semiramis, als ihre Vorbilder zurück; ja, sie behauptete legendarisch von ihnen abzustammen.

Man schildert sie uns als hervorragendes Exemplar ihrer Rasse. Sie sprach die nabatäische Volkssprache ihres Landes, war aber hochgebildet, perfekte Griechin, verstand auch Latein: schwarzlockig, dunkeläugig, mit blitzenden Zähnen und dunklem Teint, verführerisch wie Kleopatra, dabei aber jähzornig und voll kochendem Ehrgeiz wie Herodias. Sie trug den Helm, sie ritt, sie marschierte auch selbst mit den Soldaten. Auswärtige Gesandte lud sie zum Trunk, zechte mit ihnen und horchte sie aus, wenn sie geschwätzig wurden; war dabei aber doch klug genug, den Rat überlegener Männer zu suchen. Da war ein Bischof Paulus von Samosata, der von den Christen exkommuniziert war, weil er über Jesus Irrgläubiges lehrte; sie nahm ihn in Schutz und machte ihn zum Präfekten der Verwaltung der syrischen Hauptstadt Antiochien. Vor allem war der asiatische Grieche Longin ihr vornehmster Berater, ein Ästhetiker und Rhetor, zugleich aber Realpolitiker. Er gab ihr weitsichtig politischen Rat, führte sie aber auch in Plato ein; die Religion Platos griff damals weit um sich.

Noch rascher und überraschender als einst Mithridates hatte Zenobia ihr Orientreich geschaffen, das aus den unerschöpflichen Kapitalien der Kaufherrn Palmyras seine Kraft zog, ein junges Reich voller Hoffnungen, eine Engros-Spekulation, die mit dem Bankerott Roms rechnete.

Da zog Aurelian gegen sie heran. Es war das Jahr 272. Man denkt dabei an Achill, der gegen die Amazone ficht. In einem Jahr und in drei Feldschlachten war der Feldzug erledigt.

Zenobia ist überall zugegen. Sie muß zurück. Aus Antiochia entweicht sie, weil dort die ihr feindlichen Christen zu mächtig sind. Ein herrlicher Anblick muß die große, erbitterte Reiterschlacht auf dem flachen Felde von Emesa gewesen sein, wo maurische und illyrische Reiter gegen das Reitervolk Arabiens und des Ostens fochten. Schließlich ist die Königin auf ihre Stadt Palmyra beschränkt. Sie ist noch keineswegs entmutigt; 120 denn sie vertraut auf die Wüste, die kein Römerheer durchqueren könne. Aber Aurelian durchquerte sie doch. Der Hunger kommt; die Oase kann die blockierte Stadt nicht ernähren; auf dem heißen Straßenpflaster wuchs kein Korn. In der marmornen Pracht der kilometerlangen Säulenstraßen, die die Stadt durchschnitten, schrie Militär und Volk bald nach Brot. Noch immer verzagte die Frau nicht: römische Kaiser sterben oft plötzlich; vielleicht konnte sie späterhin mit Aurelians Nachfolger besser fahren. So entwich sie heimlich aus der Stadt auf einem schnellen Dromedar, um abzuwarten und vorläufig bei den befreundeten Persern Zuflucht zu nehmen. Aber die Reiter Aurelians holten sie ein. Sie war gefangen. Da brach der Stolz der Frau kläglich zusammen; sie nahm keine Schlange an ihren Busen wie Kleopatra; vielmehr suchte sie sich harmlos zu stellen und wälzte auf Longinus alle Schuld. Der edle Longin mußte sterben. Sie selbst wurde geschont, aber sie verschwand nun völlig in der Versenkung, wie eine bengalische Flamme, die uns geblendet hat, plötzlich erlischt. Nach glaublicher Nachricht hat Aurelian die stolze Frau bei seinem prunkenden Triumphzug als interessantestes Beutestück durch Roms Straßen geführt. Sie wurde alt, ja, heiratete nach Einigen sogar noch einen vornehmen Römer, hauste eingezogen auf einer Landstelle bei Tivoli, und man wußte später noch von ihren Nachkommen, die dort lebten.

Der Sonnengott Palmyras aber war der eigentlich triumphierende. Aurelian verfiel seiner Verehrung und baute dem Helios in Rom selbst ein neues prachtvolles Gotteshaus mit Kollossalsäulen aus Granit, deren Trommeln er aus dem Orient herbeischaffte. Die Sonnenreligion war dadurch jetzt Weltreligion; es war ihr letzter Sieg vor Constantin, der das Christentum annahm.

Aurelian schien der ersehnte Mann der Zukunft; da wurde er ermordet. Es geschah in seinem Hauptquartier in Macedonien. Einer seiner Sekretäre, den er wild angefahren hatte, leitete das Komplott. So vergeudete das Reich seine besten Kräfte. Aber ein 121 Werk besteht, an dem für alle Zeiten Aurelians Name hängt; das ist die Aureliansmauer, die große ziegelsteinerne, 16 Meter hohe Festungsmauer, die das stolze Rom bis auf den heutigen Tag ringsum einschließt. Heute ist der Mauergürtel viel zu weit und hängt gleichsam schlotternd um den Leib der alten Weltstadt. Die Germanen waren es, gegen die Aurelian die Stadt damit endlich sichern wollte. Erst sieben Jahre nach seinem Tode stand das Riesenwerk fertig. Es ist die Mauer, die Alarich, der Gote, erstieg.

Wer sollte auf solchen Mann folgen? Die Generäle waren ratlos; sie fanden niemanden. Sechs Monate war zunächst die Welt kopflos, ohne Kaiser: ein beispielloses Interregnum. Es war wie ein tiefes Atemholen der Verlegenheit. Dann überstürzen sich die Ereignisse; der Senat Roms glaubt sich einmal wieder berufen, den Kaiser zu wählen; er wählt den Italiener Tacitus; aber das Militär erschlug ihn. Auf Tacitus aber folgten endlich die beiden Militärkaiser Probus und Carus, die, so kurz auch nur ihre Herrschaft war, doch das Wirken Diocletians auf das günstigste vorbereitet haben. Es handelt sich vor allem wieder um die Germanen. In Probus war die Kraft Aurelians. Wir hören, daß er an der Donau die heimatlosen Burgunden und Vandalen schlug. Aber auch die verwegenen Vorstöße der ruhelosen Franken brachte er zum Scheitern, die wieder einmal zeitweilig ganz Gallien bis nach Spanien überrannt hatten; sie machten es überdies den Goten nach, warfen sich auf Piratenschiffe und segelten um Gades herum ins Mittelmeer, bedrohten das reiche Carthago, landeten auf Sizilien und plünderten Syrakus.

Seit Probus seine Schläge ausgeteilt, sind nun die Germanen wirklich für längere Zeit eingeschüchtert; das war für das Wirken Diocletians und Constantins unendlich günstig. Die Ostgermanen halten sich hinfort völlig ruhigSie lagen dem Anschein nach damals selbst untereinander in Fehde; vgl. Mamertinus Panegyr. II, 16 u. 17; Preuß, Kaiser Diocletian, S. 46.; aber auch die Franken sind vorsichtiger geworden, und es kommt seltener vor, daß sie die Rheingrenze zu überschreiten wagen.

Des Probus Name hat übrigens auch sonst guten Klang; 122 denn er ist es, der die Rebenkultur nördlich der Alpen, deren wir uns heute erfreuen, nicht nur in Österreich, sondern auch in Frankreich und an Rhein und Mosel planvoll gefördert hat. Seine Soldknechte hatten jedoch kein Verständnis dafür, und sie erschlugen ihn (i. J. 282). Sein Nachfolger, Kaiser Carus, aber wurde mitten in seinem Siegeslauf gegen Persien vom Blitz erschlagen (im Jahre 284). Carus hatte es unternommen, Valerians Schande an Persien zu rächen. Noch nicht zehn Jahre waren nach dem Tode Aurelians vergangen, da nähert sich endlich die Gestalt Diocletians. Es ist, als hätte Jupiter selbst den Blitz gesandt, um dem rechten Mann freie Bahn zu schaffen, dem Mann, der nicht nur kämpfen, sondern auch regieren und das Reich selbst zeitgemäß in modernem Sinne umgestalten sollte.

Diocletian hieß als Knabe Diokles. Er war um das Jahr 243 in einem Dorf im dalmatischen Küstenland als Sklave geboren, oder doch sein Vater war Sklave gewesen. Welches Blut floß also in seinen Adern? Es wäre erwünscht, dies zu wissen. Er kann der Rasse nach kein Dalmatier, kein Illyrier gewesen sein; das ist sicher, denn der Sklavenstand ergänzte sich nie aus Landesangehörigen. Also war er vermutlich Germane. Denn das Sklaventum bezog ja seinen Bestand aus den Kriegsgefangenen; die Kriegsgefangenen der letzten Jahrzehnte und schon vordem waren aber ganz vorwiegend und zu vielen Tausenden in den deutschen Kriegen erbeutet worden. In der Tat findet damit die eigenartige Natur des Mannes, die von allen anderen Kaisern so auffällig absticht, eine vortreffliche Erklärung. Es ist die gutartig kluge Bedächtigkeit, der eiserne Fleiß und Sinn für stetige Friedensarbeit, den wir auch in dem großen Ostgoten Theodorich, dem Germanen, wiederfinden.

Abenteuerlich schön ist die Landschaft an der wild zerklüfteten dalmatischen Küste des Adriatischen Meeres, wo Diokles aufwuchs. Wer da durch die Felsenberge zu klettern lernte und durch die tausend Riffe, die dem Meeresschwall spotten, sein Boot zu lenken verstand, in dem festigte sich von früh an 123 männlicher Trotz und sicheres Selbstgefühl; das märchenhaft schöne Klima festigte den kindlichen Glauben an die Wunderkraft des Göttlichen. Sein Vater war mutmaßlich nur Amtsschreiber; gleichwohl fand der Knabe, früh den Freigeborenen gleichgestellt, dort in der glänzenden Hauptstadt des Landes, in Salona, ohne Frage die beste SchulerziehungDies verrät sich später in jeder Einzelheit., wie sie in jeder Großstadt zu finden war. Das reiche Trümmerfeld Salonas heißt noch heute das Pompeji Dalmatiens. Da öffnete sich ihm auch Theater und Amphitheater; Weltgetriebe. Der Hafenverkehr gab ihm früh den Sinn für Handel und Wandel. Aber auch der eigentümlich kriegerische Geist des Landes ging auf ihn über. Die Illyrier fühlten sich hoch über den Italienern. Täglich spähten sie übers Meer: jenseits der Adria lag jenes schwächliche Rom, das von ihrem Gnadenbrot lebte. Waren doch die eben jetzt herrschenden Kaiser Probus und Carus geborene Illyrier.

Wer damals etwas werden wollte, trat in den Soldatenstand, der zu den höchsten Staatsämtern Zugang gab. Dies tat auch Diokles, und es glückte ihm. So machte er Aurelians Kriege mit, sah Probus und Carus als Herren über sich. Das Donauland Mösien, das heutige Bulgarien, hat er eine Zeitlang als Statthalter verwaltet. Dann aber zog ihn Carus, der im Orient stand, persönlich noch näher zu sich heran und machte ihn zum Kommandanten der kaiserlichen Palastwache, die man die domestici nannte. Er galt also als hervorragend zuverlässiger Mann und des intimsten Vertrauens wert. Täglich wollte der Kaiser ihn um sich haben. Da starb Carus jählings; sein Sohn Numerianus übernimmt im Orient das Kaisertum; er ist ein kränklicher Jüngling, der sich nur in der Sänfte bewegt: Poet und zarte Seele und für Attentate das bequemste Opfer.

Die Szene spielte in Kleinasien, am Bosporus, in der Nähe von Chalcedon. Arrius Aper will Kaiser werden; er ist Gardepräfekt und zugleich Schwiegervater seines Opfers, ganz so, wie ehemals der Präfekt Plautian der Schwiegervater des Kaisersohnes Caracalla war, dem er ans Leben wollte. Was dem Plautian 124 mißlang, gelang dem Aper; es gelang ihm irgendwie, die Palastwache und den Diokles selbst zu entfernen. Der junge Kaiser ist ungeschützt; er wird plötzlich vermißt. Das Heer, die Offiziere, Diokles selbst suchen Numerian; sie dringen ins kaiserliche Zelt und finden die stumme Leiche. Aper leugnet, wird aber gefesselt. Die Offiziere treten zusammen und wählen nun Diokles selbst zum Kaiser des Reichs. Die alten Geschichtstabellen verzeichnen den Tag; es war der 17. September 284. Von jetzt an nennt sich Diokles Diocletian. Selbigen Tages bestieg er im Heerlager das Tribunal, hob die Hände und nahm den allsehenden Gott Helios zum Zeugen, daß er selbst den Mord nicht begangen, ließ Aper vorführen, und der Jähzorn packte ihn. »Hier ist der Mörder!« rief er und durchstieß ihn eigenhändig mit dem Schwert: der Kaiser Richter und Henker zugleich. In zehn Tagen war er dann im nahen Nikomedien und machte die Stadt zu seiner Residenz: Nikomedien die Vorgängerin Constantinopels.

Dies ist die einzige leidenschaftliche Aufwallung, die der sonst so vorsichtig rechnende Mann uns zeigt. Eine Druidin und Seherin hatte ihm einst, als er in Gallien jagte, geweissagt: »Du wirst Kaiser sein, wenn du den Eber erlegst.« Eber heißt aper auf Latein. Nun hatte er den Aper erlegt. Auch in der Leidenschaft also wirkte das kühle Denken mit, die Sucht nach Erfüllung des Orakels.

Also Diocletian! Sollte auch er wieder nur ein Kriegsfürst sein wie alle anderen, wie ein abgebrauchtes Messer schnell schartig und stumpf werden, Eisen zu Eisen geworfen in die Rumpelkammer der Weltgeschichte? Es schien anfangs so, und doch sann er auf anderes. Der kulturelle Verfall drohte dem Reich; er sann auf Hilfe. Der Krieg ist nicht Selbstzweck, sondern der Platzmacher für die Friedensarbeit. Diocletian tadelte es an Aurelian, daß er wieder nichts weiter als der große Feldherr gewesen; solche Begabung genügt zum Herrschen nicht. Im Stillen rechnete er schon, er rechnete mit Menschen und Ländern statt mit Zahlen und spann Pläne, die er wie ein Spinnennetz über die Welt warf, dem Träumer gleich, der für das 125 Unmögliche die Lösung sucht. Aber er war nicht nur klug, sondern auch warmherzig und persönlichster Zuneigung fähig; durch diese Gabe gewann er sich zur Organisation die helfenden Kräfte. Der Kopf schafft sich Hände. Seine geistige Überlegenheit zwang auch wildere Naturen als Mitarbeiter ihm zu gehorchen; seine Freundlichkeit bringt es mit sich, daß sie es gerne tun, und alles ging wunderbar glatt. Der Erfolg war überraschend.

Die Idee der Reichsteilung stand ihm gewiß von vornherein fest; in Rom selbst aber herrschte eben jetzt des Numerianus Bruder, des Carus zweiter Sohn Carinus als Teilherrscher, ein liederlicher Bursche, der im Stil des Commodus die leichtfertigste Mißwirtschaft trieb. Dieser Mitregent taugte dem Diocletian nicht; er zog gegen Carinus aus; in Bulgarien, an der Morawa, trafen sich die Heere, da wird Carin von seinen eigenen Leuten aus der Welt geschafft; sein Heer ging gutwillig zu Diocletian über.

Noch aber war Ägypten und England abtrünnig, ja, auch Frankreich, das Land der Gallier. Durch die Raubzüge der Alemannen und Franken hatte dies Land neuerdings wieder unsäglich gelitten; im Jahre 270 hatten sie dort 70 Städte überwältigt. Der köstliche Reichtum des fruchtbaren Landes war völlig zerstört, die Landwirtschaft verfallen. Nicht freie Bauern, sondern die sog. Colonen waren es, die die Äcker bestellten, zwangsweise in Gallien angesiedelte Germanen, die am Grundstück dauernd hafteten, nicht umsiedeln durften, unter hohem Steuerdruck litten und der Mißhandlung der Grundbesitzer wehrlos ausgesetzt warenDas Sklaventum ging in jenen Zeiten zurück, und darin ist immerhin ein Fortschritt zu erblicken; denn die Colonen hatten es immer noch besser als die Landsklaven der älteren Zeit, die in Ketten arbeiteten. Auch zum Heeresdienst wurden sie ausgehoben und als Soldaten auf alle Fälle gut bezahlt. Daß Colonen auch große Karriere machen konnten, werden wir gleich sehen.. Von diesen Colonen unterscheidet man die Läten (Laeti), die vor allem bei Lyon und in Flandern saßen, auch sie germanischen Blutes. Sie hatten auf ihren Landstellen nur den Kaiser selbst als Herrn über sich und waren zugleich Ackerbauern und Soldaten, die immer kampfbereit die Grenze zu sichern hatten. Jetzt aber waren auch sie ruiniert. Die Not trieb sie zum Äußersten; ein allgemeiner Bauernaufstand brach los, ähnlich dem entsetzlichen Bauernkriegen in Luthers Zeit. Auch in den Landstädten 126 machte der Pöbel mit. Sie lösten wieder einmal das Land vom Gesamtreich und wählten sich selbst ihre Bauernkaiser Amandus und Aelianus. Die Stadt Paris gewann damals zuerst größere Bedeutung; sie lag da, wo die Marne in die Seine fließt; auf der spitzen Landzunge zwischen beiden Flüssen errichteten die Bagauden – so nannten sich die Aufständischen – ihre Festung; die wurde ihre Hauptstadt; da wurden alle Vorräte aufgestapelt.

Diocletian wußte, was zu tun sei. Er blieb im Osten stehen und begann sogleich mit der Teilung der Reichsgewalt. Ein loser Zusammenhalt des Reichs, wie er ihn plante, war immer noch besser als sein endgültiger Auseinanderfall: Unierung der Länder ohne Personalunion. Seinen Jugendfreund Maximian machte er zum Mitregenten, erst nur unter dem Titel »Cäsar«, und Maximian bewältigte alsbald den Bagaudenaufstand; er sicherte von Mainz aus auch wieder die Rheingrenze, machte überdies jenseits des Stroms verwüstende Streifzüge ins Stammland der bösen Franken. Die Bauernaufstände kehrten nicht wieder. Die Verhältnisse beruhigten, besserten sich.

In der kaiserlichen Titulatur unterschied man den »Augustus« vom »Cäsar«. Augustus hieß die Majestät des regierenden Kaisers selbst, Cäsar hieß ihr Vertreter, etwa so, wie der Kaiser von Indien, der heute in London sitzt, in Indien einen Vizekönig als seinen Vertreter einsetzt; doch hatte der Cäsar immer die Anwartschaft, gelegentlich zum Augustus aufzurückenAuch der magister equitum neben dem Diktator der älteren Zeit ist zu vergleichen; vgl. Röm. Charakterköpfe, S. 176.. Und schon erhob Diocletian seinen Freund Maximian zum Augustus. Damit war die Zweiteilung des Reichs verwirklicht; die Teilung der Welt begann: zwei Bundesfürsten oder Duumvirn, die nur die Freundschaft zusammenhielt, standen ebenbürtig nebeneinander.

Maximian war wieder ein echter Illyrier, stammte von der slawonischen Militärgrenze. Der Mann läuft mit der Marke »ungebildet und roh« durch unsere heutigen Geschichtsbücher. Daß er keine höhere Schulbildung besaß, erklärt sich aus seiner geringen Herkunft. Angst hatte man vor seinem Blick und 127 seinen groben ZügenEutrop 9, 27; 10, 3; Suidas sub Diocletian.. Wir brauchen aber heute diese Angst nicht zu teilen. Das grobklotzige Auftreten war nur äußerlich. Schon Diocletians bedingungsloses Vertrauen zwingt uns, unser Urteil zu mildern. Tatsache ist, daß der derbe Mann gegen die Colonen in Frankreich, die er besiegt, durchaus schonend und milde verfuhr; seine Regierung befleckte sich nicht mit Blut und den Untaten blinder Rachgier. Wie viel blutiger wurden die Bauernrevolten in Luthers Zeit niedergeworfen! Dies Verständnis für soziale Billigkeit war beiden Kaisern gemeinsam; denn auch Diocletian selbst verhängte gegen die Anhänger des Carinus in Rom, den er besiegt hatte, keinerlei Bestrafung, er erkannte alle Beamten ruhig an, die Carin im Bereich seiner Herrschaft eingesetzt hatte.

Maximian aber war der Sohn eines armseligen Colonen; er ist uns ein überaus wichtiges Beispiel dafür, daß es auch einem Menschen solcher Herkunft, wenn er befähigt war, freistand, sich emporzuarbeiten, ja, in die glänzendsten Stellungen zu gelangen. Und der Sohn eines Colonen also wurde dazu ausersehen, den Colonenaufstand zu dämpfen: sinnvoll genug. Maximian hatte mit Diocletian zufällig denselben Geburtstag; die Geburtstage der Kaiser wurden öffentlich mit Festreden gefeiert, und eine solche Rede, die noch vorliegt, rühmt uns, wie brüderlich eng miteinander verwachsen beide Herrscher waren: der Colonensohn und der Sklavensohn! Maximian beugte sich gutwillig und gern der höheren Einsicht seines Freundes.

Das rebellische Ägypten bekam dagegen des Diocletian ganze Strenge zu fühlen. Da war nur ein Strafgericht im Geist des Severus möglich. Vorher hatte Diocletian persönlich nur einen leichten Alpenkrieg gegen Barbaren im Lech- und Inntal geführt. Im Jahre 296 rückte er dagegen mit einem starken Heer von Palästina aus gegen Alexandrien durch die Wüste des Sinai. Aber er gedachte seine Truppen zu schonen. Die mächtige Stadt bezog ihr Trinkwasser durch einen Aquädukt von Canopus her; der Kaiser zerstörte die Wasserleitung, 128 und so ergab sich ihm Alexandria nach achtmonatlichem Widerstand. Da sparte er nicht mit Ächtungen und Hinrichtungen der führenden Personen; schlimmer noch: er ließ die Soldateska auf die offene Stadt los: »mögen sie ihr Werk tun, bis meinem Roß das Blut bis ans Knie reicht!« Da stolperte sein Pferd, und das Knie des Tieres färbte sich in einer Blutlache. Gleich ließ er dem Morden Einhalt tun; dem Wort war Genüge geschehen. Die Weltgeschichte jener Zeit liebt solche Anekdoten. Dem wohltätigen Roß wurde sogar eine Statue errichtet, und bald überhäufte der Kaiser das Land Ägypten mit den segensreichsten Neuerungen der VerwaltungDas betraf die Hauptstadt selbst, die wirtschaftlich so heruntergekommen war, daß Diocletian wie für Rom, so jetzt auch für Alexandrien jährliche Gratis-Kornlieferungen anordnete. Nützlicher noch war, daß es seiner Klugheit gelang, Oberägypten gegen die ständigen Überfälle des Wüstenvolkes der Blemmyer zu sichern.. Auch eine neue Stadt gründete er dort und nannte sie Maximianopel; das ist charakteristisch; ein Diocletianopel gab es nicht.

Schon vorher aber, im März 293, hatte Diocletian eine neue bahnbrechende Entscheidung getroffen. Zwei Kaiser genügten für die Welt nicht; ihr Arm konnte nicht überallhin reichen. Allgegenwart des Herrschers war zu fordern. Denn England trotzte noch immer, und die Kriegsgefahren würden wachsen. So spaltete er sich selbst; er spaltete die Monarchie jetzt in vier Personen. Jeder der beiden Augusti bekam noch einen Cäsar als Helfer. Nach langer Prüfung traf er die Wahl; Galerius und Constantius hießen die zwei Cäsaren; Galerius ein Soldat, groß von Statur, dick und fleischig und wild zufahrenden Charakters, der aus Sofia in Bulgarien stammte. Als Knabe hatte Galerius die Schafe gehütet; jetzt sollte er den Purpur tragen und der Hirte der Völker sein; er sollte helfen. Diocletian adoptierte ihn zum Sohn, und er bekam die Donauländer zu regieren. In Constantius aber begegnen wir dem Vater Constantins des Großen. Auch Constantius stammte aus der Gegend des Balkan; aber er war ein Mann höherer Bildung, feinen Schliffs und bester Erziehung und wurde nun der Adoptivsohn und Helfer Maximians im Okzident und in Frankreich stationiert. So ergänzten sich die Naturen vortrefflich. Man erzählt von den sorgenvollen Träumen, die Diocletian damals heimsuchten; jede Nacht erschien ihm im Traum eine mystische Gestalt, die 129 forderte, er solle endlich zur Wahl schreiten. Schließlich sprach Diocletian zu Galerius: »Empfange denn die Herrschaft, die du jede Nacht von mir verlangst, und mißgönne mir fürder meinen Schlaf nicht.«

Würde sich die kühne Maßregel bewähren? Wer sicherte die Einigkeit unter den Vieren? Diocletian war ein Menschenkenner: sie wirkten sogleich auf das trefflichste ineinander wie die Kolben einer Maschine, für die er selbst der Motor war. Aber er war ängstlich besorgt; die Adoption genügte nicht; doppelt genietet hält besser. Die Adoptivsöhne sollten auch noch Schwiegersöhne sein. Constantius mußte seine Konkubine, die berühmte Helena, die Mutter Constantins des Großen, verstoßen und Maximans Tochter Theodora heiraten; Diocletian selbst hatte eine einzige Tochter, Valeria; die gab er dem Galerius in die Ehe. Schon der Zusammenklang der Namen Galerius und Valeria schien Günstiges zu verheißen.

Mit Spannung blickte er vor allem auf Constantius. Während der wohlbewährte Maximian in Mailand oder, falls er gegen die Mauren kämpfte, in Carthago residierte, stand jetzt Constantius als Herrscher in Gallien und machte Trier zur Kaiserstadt. Seine Aufgabe aber war, England wieder zu gewinnen, und es beginnt hier wieder eine merkwürdige Episode in der Frühgeschichte der europäischen Staaten.

Es war die Zeit der großen Emporkömmlinge. Ein simpler Ruderknecht von der Flandrischen Küste hatte sich eben damals zum Kaiser von England gemacht. Der Wundermensch hieß CarausiusDer Name ist fünfsilbig zu sprechen, also griechisch Καραούσιος (so wie man gewisse Inseln viersilbig Aleûten spricht). Er ist so gebildet wie ἡμεροούσιος, ὑπερούσιος, συνούσιος, ὁμοιοούσιος, πολυούσιος, μονοούσιος, τριούσιος und bedeutet den, der »das Haupt ist«, den Hauptmann oder κάρανος. Daß sich Barbaren gern mit griechischen Namen schmückten, ist bekannt; ich erinnere an den Alemanen Serapio, der gegen Julian bei Straßburg focht. Übrigens wurde auch der Name des Germanenvolkes Chauken vielmehr Chaûci gesprochen, was unsere Germanisten nicht zu beachten scheinen; daß dies die gleichsam offizielle Aussprache im Munde der Römer war, bezeugt die Versmessung bei Claudian, Laus Stil. I, 225, in Eutrop. I, 379.. Heute noch liest jeder Brite mit Interesse und Staunen von seiner Leistung. Die Sache kam so. Franken und Sachsen, die immer rastlosen, hatten sich vor kurzem in den Niederlanden festgesetzt und suchten von da aus als die Wölfe der See zu Schiff die ganzen Küstenstriche Nordfrankreichs mit Plünderung heim bis zur Bretagne. Kaiser Maximian beauftragte den Carausius, der sich zum Admiral der römischen Nordseeflotte heraufgearbeitet hatte, die Küsten zu schützen. Der schlaue Seemann aber, der so als Inhaber der Seepolizei 130 im Kriegshafen von Boulogne saß (Boulogne war damals dasselbe, was heute Calais), ließ die deutschen Piraten ruhig weiter ihr Räuberhandwerk treiben, dann nahm er ihnen die Beute mit Gewalt ab und behielt sie für sich, statt sie dem Kaiser abzuliefern. Maximian wollte ihn dafür strafen; da machte sich Carausius dreist zum Herrn der kaiserlichen Flotte, verbündete sich mit den Reichsfeinden, den Franken und Sachsen, warb ein Heer an, setzte nach England über, überwältigte dort die kaiserlichen Besatzungen und nannte sich selbst Augustus; er war Kaiser von England. England wurde dadurch zum ersten Mal eine wichtige Größe im Staatenkomplex Europas. Maximian versuchte ihn anzugreifen (im Jahre 289), völlig vergeblich. Gegen des Carausius Flotte war nicht aufzukommen; sie beherrschte den Kanal. Das Britannia rules the waves galt schon damals. Auch den französischen Hafen Boulogne behielt der self made man fest in seiner Gewalt (so wie die Briten im 14.–16. Jahrhundert Frankreich zum Trotz Calais besaßen). Geld prägte er, das im ganzen Römerreiche galt, und England gedieh vortrefflich zehn Jahre lang unter seiner Fürsorge.

Kein Zweifel: mit solchem Mann konnte Diocletian nun und nimmer paktieren. Da mußte Constantius vorgehen; Constantius gab Befehl, eine Flotte zu bauen, und begnügte sich zunächst damit, im Jahre 295 Boulogne zu nehmen. Es gelang durch ein Wunderwerk der römischen Belagerungskunst. Eine Mole aus gerammtem Pfahlwerk und Steinblöcken wurde vor die Hafeneinfahrt kühn ins Meer gebaut; die Stadt war dadurch abgeschnitten und ergab sich. Gleich danach wurde der Bau dann von der ozeanischen Brandung, als wäre er aus Pappe, weggespült. Dann packte Constantius in den Niederlanden die Franken und Sachsen und unterjochten sie völlig – ein Kampf in bodenlosen Sumpfstrecken, noch schlimmer, als es unsere Deutschen neuerdings bei Ypern erlebt haben. Im folgenden Jahre war die Flotte fertig zur Hand; Carausius aber wurde von seinem Vertrauensmann, dem Präfekten Allectus, heimtückisch ermordet. Die Überfahrt nach England, die heut im 131 Kriegsfall unmöglich scheint, gelang; Allectus, des Carausius Erbe, fiel im Kampf, London, das ganze Inselland, wurde rasch erobert: Diocletian konnte mit Constantius zufrieden sein.

In Diocletians Sinne geschah es auch, daß Constantius im rückeroberten Britannien niemanden strafte; eine allgemeine Amnestie wirkte sogleich versöhnend, und das Land blieb in Vollblüte wie bisher. Denkwürdiger aber ist noch, daß Constantius damals jene Franken und Sachsen, die er unterjocht hatte, mit Weibern und Kindern in großen Zügen als Gefangene verschleppte. Schon früher hatten die Kaiser in Gallien oft zur Hebung der kargen Bevölkerung Germanen angesiedelt; jetzt wurde die weite Gegend an der Somme und Oise, bei Amiens und Beauvais, auch bei Troyes und Langres, auf dieselbe Weise neu bevölkert. Ein Augenzeuge schildert unsPanegyrici latini V, 9., wie auf allen Straßen in den genannten Städten die neu angekommenen Barbaren bestürzt und ratlos am Boden kauern, ihre Weiber mit dem Ausdruck der Verachtung auf die eigenen Söhne blicken, die sich so haben fangen lassen, die jungen Frauen mit fremdartigem Gemurmel die Kindchen zu trösten suchen, die in Fesselung daliegen; »sie alle, diese friesischen Räuber, sollen jetzt aufs Land hinaus und uns unsere Einöden kultivieren, im Dreck für uns arbeiten, das Vieh für uns auf die Märkte treiben, ja, wenn es nötig, auch als Soldaten für uns sich schinden lassen.«

Wer denkt hierbei nicht an das tragische Schicksal unserer zur Zwangsarbeit verurteilten vielen tausend deutschen Gefangenen in Frankreich im Jahre 1919, an die gegenwärtigste Gegenwart? Es ist alles schon dagewesen.

Schon vor der Zeit der Merowinger ist ein großer Teil Galliens also mit deutschem Blut völlig durchsetzt worden. Zum Verständnis der heutigen Rasse in Frankreich ist dies zu wissen wichtig.

So wie Constantius, schien anfangs auch der grimme Galerius sich als »Cäsar« nicht übel zu bewähren. Ihm hatte Diocletian die Donauländer anvertraut, und Galerius vernichtete dort sogleich das wilde Volk der Karpen, das die 132 Reichsgrenzen behelligte, bis zur Ausrottung. Der Name des Karpenvolkes ist seitdem fast verschollen, aber das Karpathengebirge heißt noch heute nach ihm. Dann nahm Diocletian den Galerius auf seinen ägyptischen Feldzug mit, und sein Vertrauen wuchs. Das ganze römische Reich war unter den vier Herrschern in seiner Einheit jetzt völlig wieder hergestellt und unantastbar. Aber zum Frieden kam es trotzdem noch nicht. Es galt erst noch die Perser zu fassen; Persien sollte die Strafgewalt Roms endlich gründlich fühlen. Denn eben hatte sich der Perserkönig Narses frech auf Armenien geworfen und den tapferen armenischen König Tiridates, der der Vasall und Schützling Roms war, aus seinem Lande gejagt: Armenien der Zankapfel der großen Reiche damals wie heute.

Diocletian sendet zunächst den Galerius aus; der aber wird von König Narses schmählich geschlagen (im Jahre 296), so daß er nur mit genauer Not der Gefangenschaft entgeht. Tiridates, der König, schwamm, um sich zu retten, in voller Rüstung durch den Euphrat. Ohne Heer zieht Galerius als Flüchtling auf der Straße nach Antiochien. Da begegnet er einem Zug Soldaten und dem Diocletian selbst, der eben im Wagen daherfährt; und er wurde übel empfangen. Diocletian ließ ihn im Angesicht der Truppen im kaiserlichen Purpur hinter seinem Wagen zu Fuße trollen, eine Meile lang, eh' er ihn in den Wagen nahmVgl. u. a. Ammian. Marcell. 14,11,10; Preuß, Diocletian, S. 77.. So strafte er den Adoptivsohn; er zeigte, was auch damals noch die väterliche Zucht (patria potestas) bedeutete, und Galerius, der jähzornige Mensch, zuckte nicht auf; er blieb seinem Meister in Treue ergeben.

Dann nahm Diocletian den Krieg selbst in die Hand und zeigte sich als Meister der Strategie. Zwei Heere sollten konzentrisch vorstoßen; durch das armenische Hochgebirge ließ er Galerius gegen Narses manövrieren, indes er selbst in der mesopotamischen Ebene den Feind beschäftigte. Narses war übermütig; er schleppte seinen ganzen liebreizenden Harem mit sich im Hauptquartier und Feldlager und allen Prunk des Hofstaates. Da überwältigte ihn Galerius durch nächtlichen 133 Überfall (im Jahre 297); er stellte seine Feldherrnehre glänzend wieder her. Germanen – Goten – kämpften da als Söldner unter seinen Fahnen. Narses selbst wurde verwundet; die ganzen Prachtzelte, die Kriegskasse, vor allem seinen Harem gab er dem Sieger preis. Ein Gote erbeutete eine Tasche voll köstlicher Perlen; die Perlen schmiß er als unnütz weg, die wertlose Tasche behielt er.

Galerius wollte weiter vordringen, Diocletian hielt ihn zurück, und schon bat Narses um Frieden. Die Verhandlungen geschahen am persischen Hof; die römischen Geheimschreiber kamen dorthin. Narses aber verlangte nur nach seinen schönen Frauen; sein Harem war ihm mehr wert als seine Länder. Mit Schmunzeln sandte Diocletian sie ihm zurück. Dafür fiel jetzt ganz Mesopotamien in einer Ausdehnung wie nie zuvor an das römische Reich; Tiridates erhielt sein Land zurück, und auch über das Land Georgien und die Südabhänge des Kaukasus, wo die kriegerischen Iberer saßen, wurde Roms Vorherrschaft ausgedehnt, und der Kaiser hatte nun die Kaukasuspässe in Händen, um jeden Vorstoß der Sarmaten von Rußland her gegen Armenien und das Zweistromland zu verhindern. Erst 60 Jahre später hat das Reich alle diese Vorteile, die Diocletian gewann, wieder eingebüßt.

Der Erfolg war groß und übertraf den Trajans. Aber Diocletian dachte nicht an Triumphfeiern, weder in Rom noch in seiner Residenz Nikomedien, die er kostbar ausbauen ließ und zu einer Großstadt ersten Ranges erhob. Das Jubelgeschrei der Gasse war ihm nichts. Erst jetzt sollte sein eigentliches Lebenswert. beginnen. Er war Arbeiter, und ihn selbst sah man kaum. Für ihn sprachen seine Erlasse. Der Wortlaut von 1200 Verfügungen Diocletians ist uns erhalten; sie sind alle datiert, und wir ersehen daraus, wie er von Ort zu Ort reist, immer von seinen Bureaus und seinem Konsistorium umgeben. Er war der erste Jurist seiner Zeit, er war Volkswirtschaftler wie wenige vor ihm, er war vor allem Organisator und Verwaltungsbeamter erster Ordnung, und er unternahm es, die Welt umzubauen. 134 Gleichsam als Flieger stieg er hoch und betrachtete sein Kaiserreich aus der Vogelschau. In Wirklichkeit rollte er die geographische Weltkarte auf und begann sie umzuzeichnen.

Die Teilung des Reichs schien sich zu bewähren; dabei blieb es. Es bestand jedoch die Gefahr, daß die Reichsteile unter den vier Herrschern einander mehr und mehr entfremdet würden; dem galt es, so gut es ging, entgegenzuwirken, und es gab eine vollständige geographische Revolution: Vernunft gegen Herkommen! So wie Frankreich im Revolutionsjahr 1789 aus administrativem Interesse seine alten Provinzen aufhob und ihre Sonderrechte beseitigte, so brach auch Diocletian jetzt mit aller historischen Tradition und teilte unter Aufhebung der ganzen bisherigen Reichsländerverwaltung das Imperium neu in zwölf Diözesen, d. h. Verwaltungsbereiche ein (die Kirche hat den Ausdruck alsbald von ihm angenommen), jede Diözese aber wieder in sieben bis siebzehn kleine Provinzen, die den Departements des heutigen Frankreich im Prinzip durchaus entsprechen. Im ganzen ergaben sich so 101 Provinzen. Italien wurde dabei aller bisherigen Vorrechte beraubt (so wie jetzt auch Roms Senat zu einer bloßen städtischen Behörde erniedrigt wurde); es zerfiel als Diözese in fünfzehn Provinzen, und zwar wurde das Schweizer Alpenland vom Comer See bis zum Bodensee mit zu Italien geschlagen. Interessant ist auch, daß Diocletian den westlichen Teil von Marokko mit der Hauptstadt Tanger (Tingis) zu Spanien schlug: ein Wegweiser für das, was auch jetzt die modernen Staaten wollen. Österreich-Ungarn oder die pannonische Diözese zerfiel in sieben Provinzen; die Donauprovinz aber, deren Hauptstadt Alt-Ofen war, nannte er die provincia Valeria. Valeria hieß nämlich seine Tochter; nach ihr nannte er sie. Sie war des Galerius Gattin. Diese Benennung ist die einzige Tat der Ruhmsucht und Eigenliebe, die sich dem Diocletian nachweisen läßtMan hat mit Wahrscheinlichkeit vermutet, daß Diocletian auch die antike Weltkarte, von der uns ein spätes Abbild in der »Peutingerschen Tafel« vorliegt, umzeichnen ließ; vgl. I. U. Seefried im Oberbayr. Archiv, Bd. 29 u. 31..

So war jetzt das Verwaltungsnetz mit viel engeren Maschen als früher über die Welt geworfen, und der Bureaukratismus, den Hadrian angebahnt hatte, kam zur Vollendung; von hundert 135 Bureauzentralen aus ließ sich unendlich viel besser regieren: ein großer Schematismus, der die Übersicht, die Geschäftsführung erleichterte. Auch die Einheit des Reichs schien durch diese straffere Verwaltung besser gesichert. Weiter wurde dadurch aber auch ein ganz neues vielköpfiges Beamtenpersonal nötig, mit veränderten Titulaturen: Präses hieß jetzt z. B. der Provinzialverwalter; auch der Ausdruck comes kommt für gewisse höhere Ämter militärischen oder nicht militärischen Charakters auf; der Oberstallmeister heißt comes stabuli; es ist der Begriff des Grafen, französisch comte. Das wichtigste: der Einfluß des Militärs wird energisch und für immer vernichtet; das Soldatenkaisertum, das Septimius Severus begründet hatte und das sich schließlich so unheilvoll erwiesen, hört auf. Kein Beamter ist fortan mehr aktiver Offizier, alles Zivilverwaltung. Das Heer ferner wurde vergrößert, und zwar fast bis zum vierfachen, die Formationen im Heere dagegen verkleinert; die römische Legion ist nicht mehr die alte. Constantin der Große konnte hernach nichts tun als alle diese Neuerungen beibehalten und weiter ausbilden. Es kam in der Folgezeit kaum noch vor, daß Soldatenhaufen sich an der Person des Kaisers vergriffen und ihn umbrachten. Unter die Vergangenheit war ein Strich gemacht; eine neue Epoche begann.

Auch für die Jahreszählung brachte der Kaiser eine epochemachende Neuerung; daß man die Jahre nach Konsuln benannte, genügte längst nicht mehr; man zählte außerdem auch noch die Regierungsjahre jedes Kaisers und datierte danach. Diocletian führte jetzt auch noch den Indictionenzyklus ein (im Jahre 297), der bis tief ins 6. Jahrhundert hinein Geltung behielt und die Zeitrechnung regulierte, ja, noch über das Mittelalter hinaus seinen Einfluß übteDas nähere bei O. Seeck in Deutsche Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Bd. 32, S. 279; Rhein. Mus. 62, S. 492..

Aber es gab noch mehr zu tun, zu bessern, zu heilen. Denn die Zerrüttung der Verhältnisse in den letzten 50 Jahren war zu heillos groß. Es betraf die Finanz. Neue Steuern mußte Diocletian ausschreiben, über die sich Wehklagen erhoben; wer klagte nicht, wenn die Steuerschraube im Interesse der 136 Gesamtheit neu angesetzt wird? Die Vergrößerung des Heeres steigerte das Militärbudget eben jetzt erheblich; auch das neue Beamtentum verlangte Steigerung der Gehälter; das verschlang Unsummen. Aber auch eine umfassende Bautätigkeit blieb Pflicht der Kaiser und wahrte auch jetzt den großen Stil. Viele neue Kastelle und Militärstädte hat Diocletian zur Sicherung der langen Nordgrenzen der Donauprovinzen und der Grenzen Arabiens gegründet. Aber auch die vier Residenzen, Nikomedien, Sirmium, Mailand und Trier, wurden der Würde der Herrscher entsprechend mit Prunkbauten geschmückt. Es sind auch in Diocletians Zeitalter immer noch Leistungen von grenzenloser Solidität und kühnstem Ausmaß, und es wird immer rasch gebaut. Die felsenharten Römerruinen Triers ragen ernst und schwer, unwandelbar bis in unsere Gegenwart hinein und reden uns von jenen Zeiten. Diocletian liebte Rom nicht; aber Rom war doch immer die Stadt des alten Ruhmes, die dem Reiche den Namen gab, und so hat sein Freund und Mitkaiser Maximian auch dort in seinem Sinn als Bauherr gewirkt. Ich brauche nur Roms Diocletians-Thermen zu nennen, die an grandioser Raum und Materialverschwendung dem Wunder der Caracalla-Thermen zum mindesten gleichkamen; Baderäume für 3000 Menschen; offene Säulenhallen; Spielplätze; ein theaterartiges Schaugebäude; vier Göttertempel, darunter einer des Aesculapius; auch eine Bibliothek (angeblich die Trajans) fand sich da aufgestellt. Im Jahre 305 oder 306 sind diese Thermen dem Volk übergeben worden. Die Baureste, in denen im Mittelalter die Karthäuser-Mönche wohnten, fand Michel Angelo vor und machte aus dem einen Mittelsaal der Baderäume, der noch aufrecht stand, seine Kirche St. Maria degli Angeli. In dem übrigen Trümmerfeld hat das moderne Italien jetzt sein Nationalmuseum untergebracht; aber die alte selige Thermenstimmung, das lachende Dolce far niente Altroms ist darin nicht wieder aufgewacht. Wo in den weiten Hallen früher die Badenden in ausgelassener Natürlichkeit sich umtrieben und das Leben wie toll moussierte, stehen jetzt leblos und zerbrochen die aus dem Schutt 137 gegrabenen Statuen, Friesreste und Grabsteine, auf ein Fachwerk von Stuben verteilt, und der bebrillte Gelehrte, der das süße Nichtstun nicht kennt, schreitet vorgebückt und forschend von Marmor zu Marmor und macht sich mit grimmigem Eifer seine Notizen.

Übrigens war auch Kaiser Galerius nicht ganz ohne Kunstinteressen; wir lesen, wie er von seiner Hauptstadt Sirmium aus oft die nahe gelegenen Marmorsteinbrüche besuchte, wo die Arbeiter gleich unmittelbar aus den gebrochenen Blöcken die neuen Statuen, sei es Jupiter, Aeskulap oder Helios, heraushauten; er kam, inspizierte und gab persönlich neue Aufträge. Die Axt war ihm aber zum Glück noch wichtiger als der Meißel; nützlicher war, daß Galerius im Gebiet Pannoniens auch Wälder von unermeßlicher Ausdehnung aushauen und niederlegen ließ. Hierdurch und ebenso durch Ableitung der Wassermassen des Plattensees in die Donau und Entsumpfung des Umlandes gewann er weite Strecken trefflichen neuen Ackerbodens. Den Weinbau hatte dort schon Kaiser Probus eingeführt, und so steigerte sich der Kulturertrag, die Kulturhöhe jenes schönen, zukunftreichen Landes damals erheblichVgl. I. Jung, Die romanischen Landschaften. S. 430..

Alles dies waren Pflichtleistungen; aber sie zehrten am Staatssäckel. Es galt nun auch die Staatskassen neu zu füllen, ja, den Kredit des Staates zu retten; denn der Staatskredit war völlig untergraben. Das lag am Gelde; seit langem fälschten die kaiserlichen Münzstätten das Geld; das Silbergeld, das dem Kleinhandel diente, enthielt seit langem kaum noch Silber; man blieb nicht einmal bei der Legierung mit Kupfer (Billon) stehen; Blei und Zinn trat an die Stelle. Woraus sich diese unerhörte Mißwirtschaft erklärt, ob allein aus dem Mangel an Edelmetall und der Unergiebigkeit der Bergwerke, steht dahin; jedenfalls war aller Handel und Wandel damit gestört, und die Preise der Waren stiegen ins Unerschwingliche, weil das Geld selber nichts mehr wert war. Auch unsere Gegenwart erlebt eben jetzt solche Phantasiepreise, in Rußland, in Deutschland, wenn der Staat nur Papiergeld ausgibt ohne den Nachweis genügender 138 Goldreserven in den Banken; man nimmt schließlich das wertlose Papier nicht mehr in Zahlung, und der primitive Tauschhandel tritt an die Stelle: wer Ware will, muß Ware geben. Diocletian aber griff gründlich ein; er tat es vor allem im Interesse seiner Beamten, die nicht Selbsterzeuger von Naturprodukten waren und mit ihren Gehältern auskommen mußten. Seine aufgefundenen Silbermünzen sind wieder fast reines Silber. Übrigens wurde es im Handel jetzt Sitte, jedes Silber- und Goldstück bei der Zahlung sorglich nachzuwiegen.

Das Geld war also jetzt gut; aber die Wirkung blieb aus; Diocletian sah es mit Ingrimm: die Warenpreise gingen nicht herunter. Da entschloß sich der große Rechner im Jahre 301 zu einem Schritt, der unvergeßlich ist und das Interesse der Gegenwart im höchsten Maße verdient. Er machte einen Tarif für Höchstpreise. Es ist wohl das früheste Beispiel der Art, das die Finanzgeschichte kennt; ein Werk unendlichen Fleißes. Solche Tarife sind Produkt der Not; durch die Not gezwungen hat auch Deutschland jüngst durch Höchstpreise zu erreichen gesucht, daß zum wenigsten die Eßwaren der ärmeren Bevölkerung zugänglich bleiben. Dieselbe Not ging im letzten Weltkriege durch fast alle Länder, und überall gab es in gewisser Ausdehnung solche Tarifierungen.

Der Tarif Diocletians ist uns in Inschriftresten bruchstückweise erhalten: ein kostbares Monument! Der unvollständig vorliegende Text füllt im modernen Abdruck gut 40 Seiten. In allen Städten und Nestern wurde er in Inschriftform, auf Stein graviert, auf den Marktplätzen aufgestellt, und er betrifft nun in umfassendster Weise sämtliche Waren und Gebrauchsgegenstände, die das Leben kennt, ja, auch den Tagelohn der Arbeiter und Kutscher. Wir erhalten den Höchstpreis für Feldfrüchte und Sämereien, Naturweine und Kunstweine, Öl, Salz, Honig, frische Fleischwaren, Schmalz und Würste, Fische, Artischocken, Endivien, Rettiche, Krebse und Gurken, 100 Stück Kastanien, 1 Scheffel Haselnüsse; für Datteln, Rosinen, Pfirsiche und Aprikosen; weiter Häute und Pelzwerk, Soldatenstiefel, Pantoffeln, Bauholz, 139 Brennholz, Lastwagen, Radspeiche und Deichsel, auch Schlafwagen (Dormitorien genannt); Preise für Kapuzenmäntel, fertige Frauenkleider aus Wollstoff und Seide; dann aber auch den Höchstsatz für den Tagelohn des Maurers, Zimmermanns, Walkers, Mosaikarbeiters, Anstreichers, Maultiertreibers, Berufsstickers; für Fuhrlöhne; Honorar für Elementarlehrer und wissenschaftliche Lehrer; wieviel der Tierarzt für das Scheeren des Maultieres oder für Aderlaß fordern, wieviel der Barbier fürs einmalige Rasieren nehmen soll, nämlich zwei Denare; der Buchschreiber darf für 100 Zeilen in bester Schrift nicht mehr als 25 Denare erhalten und so fort.

Diocletian gibt aber auch an, daß ein Pfund Feingold mit 50 000 Denaren gleichwertig sei; unter Denar ist nämlich eine Kupfermünze, wie sie Diocletian gleichfalls einführte, verstanden. Ist nun das Goldpfund gleich 920 Mark in modernem Gelde, so war der Denar gegen zwei Pfennig wertVgl. Blümner, Der Maximaltarif des Diocletian (1893), S. 59.; der Buchschreiber erhielt also, wenn man ihn gut bezahlte, für 100 Zeilen 50 Pfennig.

Offenbar waren diese Höchstpreise für jene Zeit durchaus hoch gegriffen und somit wirtschaftlich vollberechtigt. Mit Entrüstung blickt Diocletian auf die Händler; in seinem Vorwort sagt er ungefähr: »Die Kriege ruhen, wir haben jetzt tiefsten Frieden; nun soll das Reich die Güter des Friedens auch genießen. Aber die Habsucht wütet; täglich, stündlich, in jedem Moment stürzen die Rasenden sich auf ihren Profit; sie kennen kein Maß, und das Publikum kann es nicht länger mit Geduld hinnehmen. Es gilt als religio, am Ausplündern der Besitzenden sich nur durch Zwang hindern zu lassen. Daher ist es die Sache unserer väterlichen Fürsorge, für die Menschheit (genus humanum) Hilfe zu schaffen. Die Justiz muß eingreifen. Was durch Naturrecht sich von selbst herstellen sollte, muß jetzt durch Gewalt erzwungen werden. Zu lange schon haben wir geschwiegen. Denn selbst aus den Gottesgaben wollen sie Gewinn ziehen; in Bezug auf die bevorstehende Ernte wird spekuliert, vorher berechnet, und sie sind unglücklich, wenn Regen 140 die Felder befruchtet. Das Vierfache, das Achtfache nehmen sie; es kommt bisweilen dahin, daß der Soldat für eine Sache, die er braucht, seinen ganzen Sold hinwerfen muß. Das ist Raub am Staate. Daher haben wir beschlossen, zwar nicht die Preise für die Waren zu bestimmen (denn vielerorts sind diese zum Glück noch reichlich vorhanden und auch billig zu haben), wohl aber eine Grenze für die Preise festzusetzen. Niemand darf sie überschreiten; Käufer und Verkäufer, die über See Handel treiben oder von Provinz zu Provinz wandern, haben sich danach zu richten. Und da es zu allen Zeiten so war, daß nur durch Furcht die Frechheit gezügelt wird, so soll, wer dies Gesetz nachweislich verletzt, die Todesstrafe erleiden. Man halte das nicht für zu hart; jeder kann der Strafe entgehen, der Bescheidenheit lernt« usf.

Also Todesstrafe! Man sollte auch heut bei ähnlicher Sachlage mit dem Füsilieren drohen. Vielleicht würden wir davon eine gute Wirkung verspüren. Diocletian muß an den Erfolg geglaubt haben. Ob es wirklich zu Hinrichtungen kam, erfahren wir nicht.

Vor sämtlichen kaiserlichen Reskripten, auch vor diesem, stehen als Urheber jedesmal die Namen aller vier Kaiser. In all den Jahren aber haben sich die vier Kaiser nie persönlich getroffen, nie gesprochen; drahtlose Telegraphie und Telephon gab es nicht; Kuriere konnten auch nicht jedesmal von Kleinasien bis an die Mosel laufen. Es scheint alsoVgl. Preuß, S. 99. Gelegentlich schickt Diocletian seinen Befehl direkt an den Prokonsul in Afrika, als ob Kaiser Maximilian nicht da wäre., daß Diocletian allemal dekretierte und die anderen drei ihren Namen stillschweigend dazu hergaben. »Auf seinen Wink geschah alles,« sagt ein Zeuge. Die Mitkaiser sahen zu ihm auf wie zu einem Vater, wie zu einem GottAurelius Victor.. Sie haben in der Tat nie protestiert, wohl aber ab und zu die Ausführung der Bestimmungen in ihren Landesteilen hingehalten.

Der Ton, der in diesen Erlassen herrscht, ist merkwürdig salbungsvoll, feierlich, erhaben; auch Constantin der Große hat später diesen etwas gedunsenen Sprechton beibehalten (in meiner obigen Wiedergabe sah ich mich genötigt, den 141 Wortlaut wesentlich zu vereinfachen). So ging es auch in den Titulaturen; der Kaiser ist jetzt »heilig« und nennt sich dominus und sacratissimus, entsprechend feierlich werden die Beamten höheren und höchsten Ranges benannt; es ist so, wie wenn bei uns der Geheimrat zum »Wirklichen Geheimrat« erhöht wird. Der Superlativ, den einst schon Cicero so liebte, erstarrt hier in den Titulaturen, und es gibt einen Stand der clarissimi, einen Stand der perfectissimi; die »Cäsaren« heißen nobilissimi. Auch das Wort »Clarissimat« kommt auf, das eben den Stand bezeichnet: eine Hofetikette mit Rangordnung, die allerdings schranzenhaft wirkt.

Der Historiker steht hier nachdenkend still; er bemerkt: hier beginnt der Byzantinismus. Diocletian, der Sklavensohn aus Dalmatien, war davon der erste Urheber. Planvoll und durchdacht ist er auch in der Selbstdarstellung, in der Art seines Auftretens. Der Monarch wird jetzt unnahbar, und alles ist kostbar an ihm. Kaiser Augustus war dereinst schlicht als Zeuge vor Gericht aufgetreten, als Bürger unter Bürgern; Titus und Hadrian hatten harmlos in den Volksbädern mit gebadet. Diocletian folgt jetzt dem Beispiel der Perser, und ein orientalischer Nimbus umgibt ihn. Von der Palastwache gehütet, durch ihre Kammerherren abgesperrt, lebt die Majestät für die profane Welt unsichtbar in ihrem Palast wie ein Gott im Allerheiligsten des Tempels, in melancholischer Einsamkeit, und wer dem Herrn naht, naht ihm wie dem Papst mit dem Zeichen der Anbetung. Von ängstlichem Schweigen ist er umgeben und darin wie verschanzt. Tritt er einmal heraus, so sitzt er in der Sänfte oder Karosse, die Schutzmannschaft um ihn her, und das Volk weicht aus, weil es die Schläge und Püffe der Platzmacher fürchtetWas wir im Panegyricus Theodosii 21 lesen, traf schon damals zu.. Dem entsprach die theatermäßige Verkleidung; der pomphafte Fürstenornat des Mittelalters beginnt hier; Diocletian ist das gequälte Vorbild aller Kronen tragenden Monarchen. Um die Stirn legte er sich das weiße Diadem mit Perlen, um die Schultern den seidenen Purpurtalar, den Kaisermantel, mit Gold und Edelsteinen durchstickt. Auch die Schuhe sind mit Edelsteinen 142 beschwert. Schon Kaiser Aurelian war allerdings mit diesem morgenländischen Kaiserprunk vorausgegangenIn Rom gab es ein Mosaikgemälde, das den Aurelian darstellte mit Szepter und Krone und in einer cyclas: Vita c. 25.. Noch unsere neuere Zeit liebte es, sich seine Kaiser in solcher steifen Pracht zu denken.

Warum diese Absperrung? Es galt den Monarchen zu sichern. Wir haben mit angesehen, wie das Kaisermorden zur Regel geworden war. Die Scheu vor dem Herrscher war verschwunden. Die Soldateska sollte nicht mehr an ihn heran. Seit Diocletian können die Männer im Purpur wieder natürlichen Todes sterben. Dies der Beweggrund; Diocletian selbst aber war Mensch und fühlte sich als Mensch. Wir hören, wie er klagt: »So muß ich abgeschlossen leben, und das Volksleben berührt mich nicht, und ich erfahre nicht die Wahrheit. Der gutwilligste, vorsichtigste Monarch wird mißbraucht und verraten; denn meine Freunde bei Tisch sind ohne Redlichkeit; meine Hofgesellschaft üble Trabanten, die Kammerherren töricht, die Eunuchen voller Habgier. Fünf oder sechs Leute komplottieren; sie wollen den Herrscher schon täuschen und herumkriegen. So geht es uns.«imperator domi clausus vera non novit usf. Das ist der Seufzer aller Kalifen und Sultane geblieben, wenn sie nicht, wie etwa Harun al Raschid, in Verkleidung sich unter das Volk mischen. Aber Diocletian wurde wohl nicht allzu oft getäuscht. Vor allem den jungen Constantin hat er früh erkannt; darum ließ er ihn nicht zu seinem Vater Constantius, sondern behielt ihn dauernd unter eigener Aufsicht, nahm ihn auch auf seine Feldzüge mit; denn er durchschaute offenbar dessen rücksichtslos ehrgeizige Natur und wollte versuchen, ihn im eigenen Sinne zu erziehen.

Ein später Autor sagt uns, Diocletian war hoch gewachsen und hager, Bart und Haupthaar ergraut, die Gesichts- und Körperhaut weiß, die Augen mit blauem Schimmerγλαυκίς, die Nase stark, eine Schilderung, die für einen Menschen germanischer Abkunft ganz wohl passen würdeBesonders die weiße Haut wird immer am Germanen hervorgehoben im Gegensatz zum gebräunten Südländer.. Dabei ging er etwas vorgebeugt. Es gab Bilderbücher, in denen man die großen Personen der Weltgeschichte in bunten Farben sah; aus solchem Bilderbuch wird diese Schilderung stammenJohannes Malalas Buch XII. Über solche Bilderbücher vgl. »Die Buchrolle in der Kunst« S. 307; ihre Bilder mußten auf Tradition beruhen.. Auffallend ist, 143 daß es keine einzige Statue oder Büste des großen Mannes gibt; es hat fast den Anschein, daß er ihre Anfertigung selbst verhindert hatBernoulli, Römische Ikonographie II, 3, S. 194 f. kann nichts nachweisen außer dem Münzbild, das nichts hergibt; denn die Münzbilder des Diocletian und Maximian sind sich völlig ähnlich. Vgl. auch das Bleimedaillon in Paris, das beide Herrscher sitzend zeigt (»Buchrolle in der Kunst«, S. 91).. Nur sein Roß ließ er in Erz gießen. Der originelle Mann war als Vollblut-Idealist und echter Mann der Arbeit jeder Eitelkeit abgewandt, er war sich selbst gleichgültig, wie ein Entdecker und Mathematiker, der ganz nur in seine Rechnungen versunken ist. Immerhin ließ er seine eigene Biographie und die seiner drei Mitherrscher von seinem Geheimschreiber Claudius Eusthenius aufschreibens. Vita Carini c. 17.. Festreden sind wohl auf ihn gehalten worden, auch Festgedichte in griechischer Sprache auf ihn gemachtSuidas erwähnt von dem ägyptischen Dichter Soterichos ein ἐγκώμιον εἰς Διοκλητιανόν, das nach den Panegyrici Claudians zu beurteilen ist und für sie ein Vorgänger war. Auch Claudian war Ägypter.. Das konnte er nicht verhindern, und man lobte in großen Tönen seine Klugheit, Bedachtsamkeit, Selbsthingabe, Humanität und Schonung des Bürgerblutes, auch seine persönliche Sittenreinheit; gewiß mit Recht. Denn in seinem Familienleben, in seinem Verhältnis zu Frau und Tochter, zu seinen Freunden stand er ohne Makel da wie wenige Herrscher. Auch als Gesetzgeber trat er für die Heiligkeit der Ehe einIn dem Ehegesetz vom Jahre 295: Cod. Gregorian. V, 1., und Mark Aurel nannte er selbst sein Vorbild.

Aber er hatte für Feste und Redeakte wenig Zeit; nur an den Turnspielen, die immer noch dem olympischen Zeus zu Ehren gefeiert wurden, hat er sich als Preisrichter beteiligt. Diocletian war kein Mann der Ekstase, und die Himmelssehnsucht und der Gottesrausch der neuplatonischen Religion, die eben zu seiner Zeit ihre beredten Vertreter fand, ließ ihn ebenso kalt wie das Christentum. Mit festen Füßen stand er vielmehr auf dem Boden des alten römischen Glaubens, und Zeus oder Jupiter allein war sein Gott, der Nationalgott oder Schutzgott des ReichesOhne Frage setzte er diesen Zeus nach der Gewohnheit jenes späten Zeitalters mit Helios gleich.. Das ist begreiflich; denn er selbst hieß ja als Knabe Diokles, und das bedeutet den »durch Zeus berühmten« (so wie Herakles der durch Hera berühmte heißt). Er glaubte darum in der Tat, Jupiter oder Zeus habe ihn so groß gemacht. Dazu kam, daß man sich, wie wir sahen, die Germanen als Giganten dachte, die nur von Jupiter besiegt werden können. Über ganz Frankreich verbreiteten sich damals die Gigantensäulen, die Jupiters Sieg darstellten. 144 Sein Kultus war also, politisch betrachtet, so zeitgemäß wie möglich. Darum nannte sich Diocletian nun auch ständig lateinisch Jovius, seinem Freund und Helfer Maximian legte er den Namen Herculius bei; ebenso hießen auch seine Kerntruppen danach die Jovischen, die Maximians die Herculischen Legionen.

Er sprach es aus, die alten Gottesdienste wolle er schützen; das bedeutete also lediglich eine Defensive. Schonungslos ging er nur gegen den dummen Aberglauben der Ägypter vor; Ägypten war das Land der Bauchredner, Marionettenkünstler, Astrologen und Zauberbeschwörungen; er ließ dort alle Zauberbücher, desgleichen die Bücher, die das Goldmachen lehrten, vernichtenSchon Septimius Severus hatte dasselbe getan.. Übrigens duldete er alle Kulte, so auch das ChristentumNicht aber die Manichäer, die sich neu auftaten (Cod. Gregorian. XIV, 4); ihre Bekämpfung konnte den Christen nur zur Freude gereichen.. Er war selbst an seinem Hofe von zahlreichen Christen umgeben; viele seiner Hofleute bekannten diesen Glauben, und die Verpflichtung, an heidnischen Opferhandlungen teilzunehmen, wurde ihnen voll Nachsicht erlassen. Auch Prisca selbst, die Kaiserin, Diocletians Gattin, desgleichen Valeria, seine Tochter, waren ganz ebenso christlich gesonnen, wennschon sie es vermieden, sich Christinnen zu nennen. Diese Valeria ist hernach von der Kirche sogar zur Heiligen erhoben worden. Der Kaiser dachte nicht daran, sich darum mit seinen Frauen zu überwerfen. Mochten sie, wie sie wollten, selig werden. Unmittelbar vor dem kaiserlichen Palast in der Residenz Nikomedien lag eine große christliche Basilika; Diocletian hatte da täglich vor Augen, wie die Gemeinde früh und spät zum Gottesdienst zusammenströmte. Zum Glück gab es noch keine Glocken; sonst wäre ihm das ständige Läuten vielleicht doch auf die Nerven gefallen.

Die christlichen Gemeinden waren in den letzten fünfzig Jahren, in den Jahren des Chaos, gewaltig angewachsen; die kirchlichen Bauten, das kirchliche Vermögen und Grundbesitz mehrten sich überall augenfällig. Der Kaiser Gallienus hatte im Jahre 259 durch Edikt die christliche Kultusform ausdrücklich für zulässig erklärt. Seitdem wurde die aggressive Politik der 145 Bischöfe immer kühner. Die Kaiser, die kaiserlichen Provinzialverwalter mußten sich wie mit politischen Mächten mit den Bischöfen stellen; sie glichen einer konkurrierenden Nebenbehörde. Dabei war die Kirche selbst schon arg verweltlicht; Heuchelei, hochfahrendes Gebaren, das gräulichste Gezänk der Herren Bischöfe zeigte, daß die Idealzeit christlicher Tugend im Sinne Jesu längst dem nur allzu Menschlichen erlegen warEusebius selbst bezeugt dies..

Da die Kirche jetzt so mächtig dastand, ist es kein Wunder, daß ihr Glaube nun auch mehr als sonst zum Gegenstand der Debatte wurde und lebhafte Stimmen sich gegen sie erhoben. Der feine Platoniker Porphyrius schrieb seine viel gelesene Schrift gegen die Christen, »die durch mystischen Dunst die gesunde Vernunft benebeln«; weit gehässiger aber noch fuhr ein hoher kaiserlicher Beamter gegen sie los; es war Hierokles, der Vikar von Bithynien. Seine Schrift klang bedrohlich; denn sie sah wie ein offizielles Manifest aus.

Auf dem Heer beruhte die Sicherheit des Staates; wer die Disziplin des Heeres untergrub, war Staatsfeind. So ist es noch heute. Diocletian dachte gar nicht an Christenverfolgung; er erließ den christlich gesinnten Soldaten sogar die Beteiligung an den heidnischen Opfern. Aber die Christen provozierten selbst. Es waren Afrikaner, die heißblütigsten von allen. In der Provinz Afrika, in Theveste, geschah im Jahre 295 die erste gröbliche Gehorsamsverweigerung, von der wir zufällig hören. Ein junger Mensch sollte ins Heer eingestellt werden; man wollte sein Größenmaß nehmen. Er weigerte sich, weil er Christ sei. Es wird trotzdem festgestellt, daß er das Militärmaß hat; er bleibt trotzig. Der Prokonsul redet ihm gütlich zu: der Waffendienst sei durchaus unbedenklich; in der Leibwache aller vier Kaiser seien ja Christen genug. Als er dauernd Widerstand leistet, wird er hingerichtet wegen Widersetzlichkeit gegen den Fahneneid.

Nach diesem und ähnlichen Vorkommnissen wurden am Hof die Stimmen lauter und lauter, die das Staatswohl für gefährdet erklärten. Die Götter selbst seien zornig, so versicherten 146 die Opferpriester auf Grund der Vogelschau und Eingeweideschau; denn die Götterstimmen schwiegen, wo Christen zugegen. Besonders Galerius, der seiner Natur nach nichts als Soldat war, wirkte zur Rettung der Disziplin mit ein. Diocletian befahl jetzt, das ganze Personal seines Hofes sollte sich hinfort an den herkömmlichen Opfern beteiligen, vor allem aber auch das ganze Heer, Offiziere und Gemeine. Die Folge war, daß eine große Anzahl Offiziere und Soldaten aus der Armee austraten, den Dienst verweigerten (im Jahre 297). Diocletian ließ sie gehen; er strafte sie nicht; sie mochten tun und lassen, was sie wollten. Aber sie ergingen sich dabei augenscheinlich oft in den dreistesten Schimpfreden auf die Religion des Kaisers; uns wird solche aufrührerische Szene, die sich in Marokko abspielte und sich gegen den Kaiser Maximian richtete, geschildert. Alle Subordination war damit gefährdet. Sollten die Kaiser plötzlich selbst Christen werden? Das war unmöglich. Also galt es einzuschreiten.

Aber es kam noch ein weiterer Grund hinzu, der ausdrücklich von ihnen geltend gemacht worden ist: auch das Sektenwesen innerhalb der Kirche selbst brachte in die Allgemeinheit, in das ganze bürgerliche Leben ständig Unfrieden und die gehässigsten Kämpfe, die den Hütern des Staatswohles auf die Dauer unerträglich schienenDies wird von Galerius als Grund für die Christenverfolgung angegeben: s. Eusebius, hist. eccles. 8, 27; Lactanz, mort. persec. c. 34..

Einmal mußte es zum Kampfe zwischen Staat und Kirche kommen. Jetzt war der Staat erstarkt und konnte zugreifen. Es fragte sich nur, ob es nicht zu spät geschah. Diocletian zauderte, Galerius trieb, und es vergingen noch einige Jahre. Das kaiserliche Konsistorium beriet; das Orakel Apolls in Milet wurde befragt. Im Jahre 303 war der Beschluß gereift, die christlichen Gottesdienste im ganzen Reich aufzuheben. Radikal wie immer, so war es der Kaiser auch jetzt. Halbe Maßregeln führten zu nichts.

Das Militär ging in Nikomedien vor und zerstörte das Kirchengebäude. Tags darauf las man in den Straßen an den Mauerwänden den kaiserlichen Erlaß: alle Kirchenbauten sind 147 zu zerstören; alle kirchlichen Bücher zu verbrennen, und wer Christ ist, kommt vor Gericht. Bleibt er bei seinem Bekenntnis, so kann er in den Sklavenstand herabgedrückt werden. Mit Tod und Hinrichtung drohte der Kaiser wohl den Kaufleuten, die im Handel durch schwindelhaft hohe Preise das Publikum aussogen; den Christen drohte er wohlgemerkt nicht damit. Er wollte kein Blut vergießen.

Sofort aber wurde der kaiserliche Erlaß von der Mauer gerissen, und der Aufruhr war da. Dann brach gar im kaiserlichen Palast Feuer aus. Große Aufregung. Woher der Brand? Der Verdacht lag nur zu nahe: die Christen sind schuld, die christlichen Hofbeamten. Es gab Untersuchung mit der üblichen Folterung; niemand gestand. Da brennt es zum zweiten Mal im Palast. Galerius, der anwesend, entfernt sich jetzt fluchtartig, und nunmehr bricht der Zorn Diocletians los. Die kaiserlichen Frauen selbst zwingt er an den Opferhandlungen teilzunehmen, die christlichen Palastdiener werden gegeißelt, verbrannt oder gehängt; der Bischof von Nikomedien und sonstige hervorragende Gemeindeglieder werden hingerichtet; denn der Kaiser ist überzeugt, daß sie die Brände verursacht; sie sind Attentäter.

Wie ein Lauffeuer fuhr das Gerücht hiervon über den Orient, und schon erhob sich Rebellion gegen den Kaiser in Melitene. Melitene hieß eine Landschaft und Stadt im Ostteil Kleinasiens, im armenischen Quellgebiet des Euphrat. Die Christen schürten: so mußte man glauben. Vor allem aber in Antiochien, der Weltstadt, die schon halbwegs Christenstadt war, geschah dasselbe. Diocletian hört, daß man in Antiochien einen christlichen Kaiser wollte und einen Offizier dort dazu schon wirklich ausrufen ließ. So scheint wenigstens der Hergang gewesen zu sein.

Der junge Constantin war in Nikomedien zugegen; er gab acht. Er war es ja, der später in Wirklichkeit dieser erhoffte christliche Kaiser werden sollte. Diocletian aber verschärfte jetzt naturgemäß in mehreren neuen Edikten sein Verbot; die Christen galten ihm jetzt als offene Rebellen; alle Bischöfe, Diakone, die nicht nachgaben, kamen in die 148 Untersuchungsgefängnisse; alle Christen sollten wenigstens einmal sich herbeilassen, an den staatlich herkömmlichen Opfern teilzunehmen. Mit Tod wurde auch jetzt keineswegs gedroht. Dem Ermessen der hundert Provinzialverwalter im Reich blieb die Durchführung des kaiserlichen Willens überlassen. Daß die einen es lax, die anderen mit grausamer Strenge handhaben würden, war vorauszusehen.

Der Brand im Palast war gelöscht; nun aber stand die Welt in Brand. Der Schreck fuhr wie Donnerschlag durch die christlichen Gemeinden vom Orient bis zum Okzident, eine unbeschreibliche Erregung; es war, als hätte man Bomben durch die Kirchenfenster geworfen. Die Gefängnisse füllten sich gleich. Zahllos waren aber auch die Christen, die auf ihr Bekenntnis keinen großen Wert legten und dem Staatswillen zunächst willig gehorchten, und dies waren nicht nur Laien. Den Mißerfolg, der bevorstand, sah Diocletian nicht voraus; er war wie der Wissenschaftler und Theoretiker, der fehlerlos, aber nur mit absoluten Größen rechnet, wie der Physiker, der die Flugbahn des Artilleriegeschosses genau vorherbestimmt, ohne an den Widerstand der Luft zu denken.

Die Erfahrung fehlte; denn der Fall war in der Weltgeschichte noch nie vorgekommen, die Aufgabe noch nie gestellt, eine Masse, die nach Millionen zählte und seit nun zwei Jahrhunderten fest organisiert war, aus ihren liebgewordenen oder gar heilig gehaltenen Gewohnheiten zu reißen.

Während der Kaiser die Edikte erließ, begab er sich auf Reisen; er ging zum ersten Mal nach Rom. Just zwanzig Jahre hatte er jetzt regiert, und er wollte sein Regierungsjubiläum zusammen mit Maximian in Rom, das längst nach ihm verlangte, begehen, im Jahre 303. Im Frühling brach er auf, im Herbst war er dort. Von dort erließ er eine weitgehende Amnestie für die Straffälligen im ganzen Reich, die auch vielen Christen zugute kam; die Welt sollte mit ihm glücklich sein. Zugleich sollte jetzt aber auch nachträglich, Rom zuliebe, das 149 auf solche Schaugepränge versessen war, und auf Wunsch des Senates der Sieg über den Perserkönig im Triumph gefeiert werden. Solche Feier war lange nicht dagewesen, der Zudrang des reisenden Publikums aus allen Reichsländern ungeheuer. Auf einem Viergespann von Elefanten waren die beiden Kaiser zusammen in die Stadt eingefahren. Im Triumphzuge, der über die alte »heilige Straße« aufs Kapitol ging, gab es bunte Bilder zu sehen (sie wurden auf Gestellen einhergefahren), auf denen man Narses und all seine schönen Frauen abgemalt sah. Auch gefangene Germanen und Sarazenen gingen im Zug usf.

Aber das römische Gassenvolk erlebte trotzdem die größte Enttäuschung. Die Masse war wilde Tierjagden, Löwen und Tiger und andere Bestien, die mit Menschen kämpfen, in der Arena, im Kolosseum zu sehen gewohnt, im Stil Trajans. Aber Diocletian verwarf diese Roheiten, ganz so wie auch die christliche Kirche gegen sie eiferte. Aber auch nach sonstigem tollem Zauber verlangte das Volk, wie Carinus sie der Stadt vor zwanzig Jahren im Namen seines Vaters Carus zum besten gab: Bären, die als Menschen dressiert waren und ein wirkliches Lustspiel aufführten, Seiltänzer, die über das Seil mit Stelzen an den Füßen gingen, oder ein gewisses »Sarmatenspiel«, das besonders entzückte und in dem es ohne Frage über die bösen Barbaren herging. Diocletian sagte kurz und verächtlich: »Carus ist also der Spaßmacher Roms gewesen«ergo bene risus est in imperio suo Carus (Vita Carini 20); über die Bedeutung von rideri vgl. Berliner philol. Wochenschrift 1918, S. 190.; er dachte nicht daran, es ihm gleichzutun. »Wenn der Sittenrichter selbst zuschaut, müssen auch die Schauspiele sittenreiner sein,« war sein Grundsatzcastiores esse oportere ludos spectante censore (Vita Carini 20).. Schließlich spendierte er gnädigst ein Dutzend Elefanten, ein paar hundert Pferde, dazu ein Zirkusrennen von bloß sechs Wagen. Das war alles. Nein, nicht alles; er tat seine Hand auf und beschenkte die Stadt mit 310 Millionen Denaren, das sind 126 Millionen Mark, zu gleichen Teilen an jeden Stadtbürger zu verteilen; das gab 900 Mark auf den Kopf. Das war noch nicht dagewesen. Aber der schnöde Mob dankte es ihm nicht; er wollte sensationelle Spiele, nicht Geld. 150 Auch daß man die Thermen, die großartigen Diocletians-Thermen baute, wurde nicht gerechnet.

Dem alten Ruhm der ewigen Roma hatte er huldigen wollen; es sollte ein reines Freudenfest werden, das er beging; aber der Hohnruf des frechen Pöbels scholl an sein Ohr. Murrend und voll Verachtung verließ er die Stadt, mitten im harten Winter, am 20. Dezember. Er reiste ins Donauland und erkrankte. Erst im August 304 traf er wieder in seinem Nikomedien ein. Die Krankheit nahm zu. Offizielle Gebete für seine Genesung gab es in allen Tempeln; aber die Götter halfen nicht. Ihn traf ein SchlaganfallSo erklärt sich, was Lactanz de mort. pers. c. 7 von ihm sagt: demens enim factus est ita, ut certis horis insaniret, certis resipisceret.. Er fühlte seine geistigen Kräfte gebrochen (der Palastbrand und die furchtbaren Erregungen, die damit zusammenhingen, hatten sein Nervensystem erschüttert), und er beschloß sofort abzudanken. Nicht nach gescheitertem Lebenswerk, wie der Spanier Karl V. anderthalb Jahrtausende später, sondern »satt vom Glück« legte er tatsächlich im Jahre 305 den Purpur ab. Er zählte erst 59 Jahre. Bedingung war, daß auch sein brüderlicher Freund Maximian abdankte, und Maximian fügte sich wirklich darein. Diese Fügsamkeit ist erstaunlich.

Auf einer Anhöhe vor der Stadt Nikomedien hatte Diocletian eine Jupitersäule errichtet; vor der Säule saß er auf seinem Thronsessel; Soldatentrupps umgaben den Platz, Vertreter aus allen Legionen des Reichs. Auch Galerius und der junge Constantin waren zugegen. Er erhob sich müde (sein Äußeres war sehr entstellt; man erkannte ihn kaum wieder) und erklärte dem Heer seine Abdankung in wohlerwogener Rede; er wolle Ruhe nach der Arbeit und gebe dem Gott Jupiter nunmehr zurück, was er ihm verliehen. Auch die Nachfolge ordnete er. Was da geschah, war ohne Beispiel.

Am selben Tag, dem 1. Mai, vollzog auch Maximian in Mailand gehorsam, aber widerwillig dieselbe Handlung.

Diocletian räumte sofort den Palast, hob den Fuß und reiste in seine ferne Heimat, gleichsam in seine Kindheit, nach Salona 151 in Dalmatien zurück. Das deutsche Gefühl des Heimwehs zog ihn. Auch nannte er sich jetzt wieder einfach Diokles, wie er als Knabe geheißen. Aber er bezog keines Fischers Strandhütte, nicht das einfache Mietshaus, in dem er vielleicht einst heranwuchs. Einen märchenhaften Palast (palatium) hatte er sich da längst vorsorgend erbaut, hart am hohen Felsengebirge über der Küste, an einer stillen Bucht, wo die Welle sanft anschlägt, wo vorgelagerte Inseln die Brandung der Adria auffangen. Der Reisende sucht den Palast noch heute auf; denn im Reisebuch steht er noch heute mit einem Doppelstern verzeichnet; ein Teil der heutigen Stadt Spalato ist in seine mächtigen Trümmer eingebaut. Burgartig war er gegen türkische Überfälle durch hohe Festungsmauern und schwere Türme geschützt, mit etwa 200 Meter Front nach allen vier SeitenGenauer ein Rechteck von 179/215 Metern Seitenlänge.. Die Kaiserwohnung selbst mit ihren Nebenräumen nahm die ganze dem Meer zugewendete Seite dieser Festung ein; ein offener Gang von Arkaden tat sich da nach der Seeseite auf. Die übrigen Bauten waren durch Straßen in Häuserviertel geteiltVgl. I. Jung, Die romanischen Landschaften, S. 370 u. 416; G. Niemann, Der Palast des Diokletian in Spalato, mit 23 Tafeln.. Aber auch das umliegende Ackerland gehörte dem Kaiser, und seine eigene Landwirtschaft versorgte ihnEpitome de Caesaribus 39, 5: In propriis agris consenuit.

Zehn, ja fünfzehn Jahre hat der Kaiser da noch gelebt, ein Verschollener, untätig, willensschwach, von treuen Mannen gepflegt und gehütet, hat von hohen Altanen aufs Meer gestarrt, ist die kühlen Marmorkolonnaden entlang geschlichen oder hinaus aufs Feld gegangen, um nach den Pflanzungen zu sehen, hat angebetet im Jupitertempel (denn ein Jupitertempel fehlte nicht; heute ist er zur christlichen Taufkapelle geworden), hat sein eigenes stolzes Kuppelgrabmal, das auf ihn wartete und fertig stand, neugierig betrachtet und wie Ödipus vor der Sphinx gestanden; denn auch eine steinerne Sphinx lagerte im Palasthof, und er las von ihren stummen Lippen die ewige Rätselfrage des Lebens: wo ist das Glück?

Sollen wir den Einsiedler mit Karl V. vergleichen, der in St. Just um seinen Seelenfrieden im Kloster betete? oder mit Bismarck, der wie Diocletian nach zwanzigjähriger Regierung 152 sich grollend in die Einsiedelei von Friedrichsruh zurückzog und grimmig hinaushorchte in die Welt? oder nicht vielmehr mit dem unseligen jungen König Ludwig von Bayern, der Regierung Regierung sein ließ und in Prachtschlössern, die er sich selbst erbaut, sein Leben phantastisch einsam menschenscheu verbrachte? Es ist zu vermuten, daß auch Diocletian damals bis zu einem gewissen Grade geistesgestört (denn ein Schlaganfall ist nicht ohne Nachwirkung), daß er auf alle Fälle gebrochen und in Kleinmut versunken war, da er das Abnehmen der starken Geisteskraft, des Gedächtnisvermögens, der Herrschaft über sich und andere an sich bemerkte. Nur so kann uns sein Verhalten verständlich werden.

Eine stolze Zeit des Gelingens lag freilich hinter ihm; jetzt sollte er wehrlos zusehen, wie unter seinen Nachfolgern so manches, was er geplant und wofür er seinen Namen eingesetzt, vollständig vernichtet wurde und in kläglichem Mißlingen endete. Denn die Nachrichten drangen übers Meer zu ihm; sie machten vor der »goldenen Tür« seiner Burg nicht HaltDie porta aurea, die noch steht.. Daß in Handel und Wandel die Höchstpreise, die er vorgeschrieben hatte, vielerorts immer noch rücksichtslos überschritten wurden, war das geringste. Mag man den großen Handelstarif Diocletians utopisch nennen; mit Unrecht indes hat ihn der Kirchenschriftsteller Lactanz dem Gelächter und Hohn der Jahrhunderte preisgegebenAn dem Mißlingen der Sache trugen ohne Frage die Kaiser Maximian und Constantius mit Schuld; ihren Namen hatten sie mit dazu hergegeben, aber renitent stillschweigend in ihren Reichsgebieten die Durchführung hintertrieben. Im Vorwort des Tarifs verkündet Diocletian ausdrücklich, daß er für das ganze Reich (orbis) bestimmt sei. Die Inschriftenreste des Tarifs sind aber ausschließlich nur in Griechenland und im Orient, dem Regierungskreis des Diocletian und Galerius, gefunden worden. Dazu stimmt, daß das Warenverzeichnis selbst ganz vorwiegend nur Waren des Orients berücksichtigt. Also ist der vorliegende Tarif nur für das Ostreich entworfen worden unter der Voraussetzung, daß Maximian und Constantius einen entsprechenden für das Westreich ausarbeiten ließen. Aber sie hielten dies für zu schwierig oder überflüssig und haben es nicht getan. Schon dadurch war die Wirkung der Maßregel Diocletians stark beeinträchtigt.. Schon aber triumphierte die ganze rebellierende christliche Kirche laut; denn auch die furchtbare Christenverfolgung verlief schließlich im Sande.

Sein Rücktritt ersparte es dem Diocletian, selbst weitere Todesurteile gegen Christen zu fällen. Auch Kaiser Constantius in Trier hielt es übrigens ebenso, und so blieben Frankreich und England von der Christenverfolgung fast ganz verschont. Nur Maximian und Galerius waren ihre Vollstrecker, Italien und Spanien, vor allem aber Afrika und der Orient die Länder, wo die Opfer fielen.

Acht Jahre, von 303 bis 311, währte im Orient die Verfolgung; im Westreich nur zwei Jahre. Diocletian hatte sich von 153 ihrem Erfolg überzeugt, von der Einschüchterung der Massen, der Bekehrung Tausender zu den alten GötternOptatus Milev. De schismat. Donat. I, 20; III. 8., der Zerstörung tausender von heiligen Büchern und BibelexemplarenDie Bischöfe selbst lieferten die Bibeln aus; oft versteckten sie aber auch die Bücher oder setzten irgendwelche Profanbücher an die Stelle; die Behörde dringt dann in die Kirchenbibliotek ein und findet alle Börter und Fächer leer; Optatus De schismat. Donat. I, 13; Augustinus contra Crescent. III 26–30; vgl. A. Manaresi, l'impero Romano e il christianesimo S. 451 ff.; jetzt aber mußte er hören, wie von Jahr zu Jahr der Widerstand wuchs, die sog. Bekenner sich mehrten, die Furchtbarkeit der Martern und Schreckmittel ab und an bis ins Scheußliche sich steigerteDies betrifft aber wohl nur Ägypten, besonders die Thebaïs; s. Eusebius 8, 9. In Kleinasien saßen die Christen vielleicht am dichtesten; da wurde ein Christendorf von Soldaten in Brand gesteckt, die Bewohner kamen um: ebenda 8, 11. und sich dennoch als fruchtlos erwies. Denn die Gemeinden erstarkten im Kampf; der häßliche Glaubenshader trat jetzt zeitweilig in ihnen zurück; das Massengefühl gab ihnen die Kraft zu trotzen und die Katastrophe zu überdauern. Es war, als wollte man mit der Hand das Meer ausschöpfen: bis schließlich Galerius erkrankte und Diocletian von dem berühmten Edikt vernahm, in dem Galerius endgültig die Verfolgung aufhob (im April 311).

Diocletian hatte die Christen nicht gehaßt, er hatte sie nur grundsätzlich verworfen; aber er fühlte, der Haß der Welt lastete nun auf ihm; nicht nur der Haß, auch der Hohn der Welt. Denn er galt nun als der Besiegte. Die Christen haben es in der Tat an nichts fehlen lassen, um sein Gedächtnis für immer zu schänden.

Von wie vielen Millionen Helden des Schlachtfeldes, die für die Rettung des Vaterlandes opferfreudig ihr Leben ließen, ist der Name verschollen, und kein Gedächtnis ehrt ihr Andenken! Die Männer und Frauen dagegen, die an ihre Glaubenssache damals ihr Leben setzten, sind sogleich mit glühender Liebe verherrlicht worden; man liest ihre Namen noch heute in jedem Kalender; Kirchen wurden über ihren Gebeinen erbaut, in Steininschriften ihr heilig gesprochener Name verewigt. Afrika nennt uns die Crispina, die Sekunda und DomitillaVgl. A. Schwarze, Untersuchungen über die Entwicklung der afrikanischen Kirche, S. 125.; aus Rom selbst klingt uns der Name des heiligen Sebastian, der heiligen Cäcilie und Agnes entgegen: Sebastian, der Gardeoffizier, den die marokkanischen Bogenschützen an den Baum binden und mit tausend Pfeilen durchbohrenVgl. A. Manaresi, l'impero Romano e il christianesimo, S. 458.; Cäcilie, die zur Schutzheiligen der Musik gewordenÜber die Lebenszeit der Caecilia vgl. Manaresi S. 459.; Agnes, die im Freudenhaus durch ein Wunder ihre Reinheit bewahrt; ihr 154 Attribut ist das Lamm, das Sinnbild der Unschuld. Die größten Maler der Neuzeit haben sich geübt, diese Gestalten unserer Andacht nahe zu bringen. Auffallend viele junge Mädchen sind es, die sich schwärmerisch so für ihren Glauben dahingaben in Sehnsucht nach dem himmlischen Bräutigam. Denkwürdiger noch der palästinensische Märtyrer Pamphilus, der Buchgelehrte, der für den griechischen Bibeltext so hochverdient ist; er ist der Lehrer jenes Eusebius, der uns die Kirchengeschichte, das erste große Manifest des Triumphes der Christenheit, geschrieben hat. Auch diesen Pamphilus erfaßt das Geschick; ein Jüngling, der seinen Leichnam bestatten will, wird gleichfalls unter Qualen getötetEusebius, Martyr. Palaestin. 11 20.. Zwei Jahre vor der Exekution aber verbrachte Pamphilus in Gefängnishaft und konnte dort ruhig seinen gelehrten Studien nachgehen; Eusebius leistete ihm dabei freiwillig Gesellschaft, blieb aber von der Strafgewalt unberührt.

Schon einige dieser Beispiele zeigen, daß sich die fromme Dichtung, die Legende, früh dieser Dinge in ausschweifender Phantastik bemächtigt hat, und für den, der den Tatbestand erforscht, ermäßigt sich das Grauen, das an den Christenprozessen haftet, erheblich. Tatsache ist, daß die meisten Bekenner nur in den Stand der Unfreien versetzt und vielfach zur Arbeit in den Bergwerken verurteilt wurden; aber es stand ihnen dort frei, weiter ihres Glaubens zu leben, ja, sich gelegentlich ihr Gotteshaus zu bauenEusebius, Martyr. Palaestin. c. 13. Über die Christen in den Marmorsteinbrüchen bei Sirmium vgl. die Legende der Quattuor coronati (Büdingers Untersuchungen z. röm. Kaisergeschichte III, S. 321 ff.).; nur die herausfordernd Trotzigen traf Hinrichtung, Enthauptung. Man muß sich wundern, daß wir gerade aus dem Reichsteil Illyrien, wo der grimme Galerius herrschte, von so wenigen Martyrien hören. Das Verhalten des christlichen Publikums selbst gibt dafür die Erklärung; nur in den Ländern mit heißblütig erregbarer Bevölkerung, dem Orient, Nordafrika, Ägypten, fielen die Opfer zahlreicher; der Fanatismus provozierte die Behörden; er reizte das Richterpersonal; es war wie ein wilder Gottesrausch, ein leidenschaftlich triebhafter Ehrgeiz nach der Märtyrerkrone. In Ekstase jauchzend drängten sich da viele 155 zur Folter. Manche aber, hören wir, drängten sich auch deshalb dazu, da sie sich im Leben durch üble Wirtschaft gesellschaftlich unmöglich gemacht hatten. Auffallend ist endlich, daß überhaupt nur neun Bischöfe fielenEusebius, hist. eccles. 8, 13.; und wenn uns Eusebius sagt, daß in Palästina die Verfolgung besonders heftig war und dort doch schließlich in all der Zeit nur 80 Todesurteile vollstreckt wurden, so wird man für die anderen Reichsländer danach z. T. sehr viel geringere Zahlen anzusetzen haben. Man hat damit verglichen, daß unter Herzog Alba in dem kleinen Bereich der Niederlande zur Zeit Egmonts und Wilhelms von Oranien 100 000 Protestanten den Glaubenstod starben. Der spanische Katholik war denn doch ein schärferer Scharfrichter als der Heide Diocletian: ein blendender Beleg für den Fortschritt der menschlichen Kultur im christlich gewordenen Europa.

Der große Verteidigungskampf des Staates gegen die Kirche war gescheitert. Der entthronte Einsiedler hörte es; aber er hörte mehr. Der junge Constantin schwang sich zur Macht empor; Constantin zerbrach mit raschem Griff das Regiment, das Diocletian letztwillig bei seinem Rücktritt feierlich zur Nachfolge bestimmt hatte. Die Waffen rasselten wieder in allen Ländern. In ein neues Chaos versank das Reich. Auch der mühsam und kunstvoll gezimmerte Organismus der Reichsregierung, durch den Diocletian den inneren Frieden so lange gesichert hatte, fiel um wie ein Kartenhaus.

Den Constantius und Galerius hatte Diocletian, als er zurücktrat, nunmehr zu regierenden Kaisern oder Augusti gemacht, zu Cäsaren dagegen zwei bisher so gut wie unbekannte Männer, die sich erst durchsetzen mußten: sie hießen Severus und Maximinus Daja. Die Namen häufen sich jetzt, und es gilt vor allem Maximin und Maximian zu unterscheiden. Diocletian hatte diese Bestimmungen als kranker Mann offenbar schon im Zustand innerer geistiger Zerrüttung gemacht; sonst hätte der Kluge vorausgesehen, was bevorstand; denn nicht nur Constantin, des Constantius Sohn, lebte ja und hatte natürlich Ansprüche auf die Herrschaft, sondern auch 156 Maximian hatte einen Sohn, Maxentius. Nun erhoben sich auch diese beiden jungen Männer, Constantin und Maxentius, alsbald selbst eigenmächtig zu Cäsaren; ja, auch der alte Maximian, der Vater, griff wieder nach dem Purpur, und die Fehde zwischen all den Gewalthabern brach los, der heillose Bürgerkrieg. Es blieb nicht aus, daß man auch Diocletian selbst gelegentlich wieder in die großen Händel hineinziehen wollte. Er ist noch einmal von Salona nach Carnuntum gereist; Galerius rief ihn; man wollte ihn bereden, zu helfen und aufs Neue die Führung wieder in die Hand zu nehmen. Aber er war völlig müde und lehnte ab. Der große Mann war zum Gärtner geworden und sagte lakonisch: »ich wollte, ihr könntet mit mir meinen Kohl bauen; dann wäre euch besser«Epitome de Caesaribus 39, 7..

Constantius starb im Jahre 306. Zeitweilig standen nun also die übrigen, Galerius, Maximin, Constantin, Severus, Maxentius und der alte Maximian, als sechs Prätendenten oder Inhaber der Kaisermacht nebeneinander und widereinander. Zuerst vernichtet Maxentius den Severus. Dann aber dringt aus dem Norden Constantin siegreich vor, und der Einsiedler in Salona muß hören, wie Constantin in Arles den alten Maximian gefangen nimmt und zu Tode bringt, wie er gar nach Italien und bis nach Rom seine Feldzeichen trägt und den Maxentius bei der Milvischen Brücke besiegt. Constantin aber focht jetzt unter dem christlichen Kreuz. Das Ungeheure war geschehen; die Kirche war es, die mit ihm triumphierte.

Es war damals schon klar, daß Constantin nach der Alleinherrschaft strebte, und Diocletian hatte für sein Leben zu fürchten; denn man hatte ihn trotz allem im Verdacht, daß er, der wehrlose, machtlose, frondiere, durch seine Gattin Prisca, die im Ostreich lebte, mit Constantins Gegnern heimlich im Einvernehmen stehe. Constantin wäre auch gewiß nicht davor zurückgeschreckt, ihn zu töten. Nur Maximin, der im fernen Osten das Szepter führte, huldigte noch dem Diocletian und nannte ihn seinen Vater; aber er konnte ihn nicht schützen. Es war schon viel, daß dieser Maximin den kaiserlichen Frauen 157 Prisca und Valeria eine Zuflucht gewährte. Die Frauen dünkten sich bei ihm gesichert, aber auch diese Hoffnung trog, und zu hundert Enttäuschungen kam nun noch der persönliche Herzensgram. Denn auch Maximin wurde niedergeworfen und Prisca und Valeria beide erbarmungslos getötet. Der Stillgewordene mußte auch das hinnehmen. Die wilde Zeit war wieder da. Schon herrschte eine neue Größe, Licinius, im Morgenland, wo einst Diocletian gewaltet; schon zogen Constantins Heeressäulen über das illyrische Land gegen Thrazien aus, um sich im blutigsten der Kriege mit diesem neuen Gewalthaber zu messen; Constantin gegen Licinius! Wozu hatte Diocletian gelebt? wozu die Kräfte des Reichs mühsam geschont? Er war vergessen.

Endlich nahm der Tod ihn aus dem Leben, im Frühjahr 316; er war 73 Jahre altVgl. zu diesen und anderen Zeitansätzen jetzt O. Seeck, Regesten der Kaiser und Päpste für die Jahre 311 bis 476 n. Chr. (S. 165).. Es war hohe Zeit für ihn. Seine Feinde liebten es, sich auszumalen, daß die zitternde Angst vor Constantin ihn umtrieb, bis er schließlich Gift genommen; oder er sollte gar schon an der bloßen Angst (angor) gestorben sein. Viel wahrscheinlicher ist, daß zunehmende Schwäche seinem Leben ein Ende machte.

Die Leibeserben fehlten. Die Diener stoben auseinander. Der Riesenpalast von Spalato stand fortan leer, und auf dem Altar des Jupitertempels erlosch die Flamme für immer, in die des alten Kaisers Hand, die nun erkaltete, den Weihrauch streute. Ein Purpurvorhang hing über seinem Grab; auch der, hieß es, sei gestohlen wordenAmmianus Marcell. 16, 8, 4.. Wie ein Ausgestoßener war hier am weltabgelegenen illyrischen Strande der letzte große Jovius und kaiserliche Jupiterverehrer gestorben, indes das Kreuz Christi, das heißt die Macht des Episkopats, von Rom aus seinen Siegeszug über den Erdkreis begann.

Der große Umschwung war da. Überraschend und auf einmal war er gekommen. Zunächst fand das Christentum nur wohlwollendes Gewährenlassen, ein freies Feld sich auszuleben; aber das Römertum sollte nun doch christlich werden. Es fragte sich, ob das christlich gewordene Römertum das Reich 158 in Zukunft retten konnte. Denn noch immer drohten die Germanen. Christus war an keine Nation gebunden, seine Kirche international. Was würde geschehen, wenn auch die Germanen das Kreuz nahmen?

Die Sphinx gab wieder ein Rätsel auf. 159

 


 

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