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Charakterbilder Spätroms und die Entstehung des modernen Europa

Theodor Birt: Charakterbilder Spätroms und die Entstehung des modernen Europa - Kapitel 5
Quellenangabe
typetractate
booktitleCharakterbilder Spätroms und die Entstehung des modernen Europa
authorTheodor Birt
year1923
firstpub1919
publisherQuelle & Meyer
addressLeipzig
titleCharakterbilder Spätroms und die Entstehung des modernen Europa
pages498
created20120625
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die syrischen Kaiserinnen und die Christen

Septimius Severus hatte für sich und sein Haus das Weltreich erobert, in den Provinzen herrisch geschaltet, die großen Stadtgemeinden bald belohnt, bald gestraft. Die Volksmasse selbst erscheint dabei wie ein Objekt, das unterschiedslos alles hinnimmt. Daß es im Reich noch eine aufstrebende zweite Weltmacht gab, davon spürt der nichts, der den Dio und ähnliche Geschichtserzähler liest, und doch war es so. Die Verkündung Christi gedieh. Längst waren allerorts, von Syrien bis Spanien und Marokko, die in sich geschlossenen christlichen Gemeinden erstarkt; sie saßen in den Städten. Dem, der Staatengeschichte treibt, erwächst die Pflicht, auch nach den Religionen zu fragen. Denn hier war eine Religion, die selbst einen Staat erzeugte; sie trug den Harnisch der Kirche. Der Angriff der Christusgläubigen auf die irdisch sündige Welt, der Kampf Gottes gegen die Götter hatte längst eingesetzt. Der Kaiser mußte in seiner Eigenschaft als Pontifex maximus, der das Religionswesen leitete und konzessionierte, endlich selbst in diesen Kampf hineingezogen werden. Die neue Lehre von der Vergesellschaftung der Frommen war wie eine Sintflut; wie Grundwasser stieg sie meergleich von unten empor – denn zunächst wurden vor allem die unteren Volksschichten gewonnen – und drohte allmählich die höchsten Spitzen der Gesellschaft zu überschwemmen, zu verschlingen.

Ein jeder mag nach seiner Fasson selig werden, das war der Grundsatz der Alten. Eine Fülle von Göttern, von Kulten gab es; sie waren ursprünglich Nationalgötter, Lokalgötter gewesen; das Leben selbst hatte sie erzeugt, und sie alle duldeten einander neidlos. Für die Aufklärung aber waren sie jetzt schon halbwegs zur Fabel, zur Allegorie geworden; in diesem Sinne las man seinen Homer und Vergil. Die Kultbilder, die in den Tempeln standen, waren vielfach 600, 700 Jahre alt; sie wurden ausgebessert, neu lackiert; aber sie waren wie verstäubt und altersmorschVgl. De materiis vetustissimis bei Ammianus Marcellinus, 22, 13, 3., und man hatte sich gleichsam an ihnen müde gebetet. Nur Aesculapius, der Arztgott, kam bei dankbaren Verehrern jetzt mehr und mehr zur Aufnahme; er war der Heilende, der 67 Heiland auch für die Seelen. Anregender aber war es, daß der Orient ganz neue Götter brachte, internationalen Charakters, deren Dienst mit klingendem Zauber und aufregendem Geheimnis umgeben war: erst Isis. dann Serapis, Mithras. Die fanden ungeheuren Zulauf; die Welt wurde ein großer religiöser Jahrmarkt mit frommen Schaubuden, die konkurrierten. Die Isis zog vielleicht am meisten; sie war schon längst die größte Attraktion. Kaiser Caracalla war es, der ihren Dienst endlich auch unter die Staatsreligionen mit aufnahm, derselbe Kaiser, der auch dem Serapis auf dem Quirinal den prachtreichen Tempeln baute.

Aber ganz anders als diese drei Götter trat Christus auf. Nicht durch prunkenden Kult, er wirkte durch das Wort, die Predigt, die Agitation, die furchtlos von Stadt zu Stadt, von Gasse zu Gasse getragen wurde. Man wußte, daß Christus selbst die Mission, die Weltbekehrung befohlen hatte: wer Ohren hat zu hören, der höre! Eine planvoll umfassende Propaganda; nur Buddha, nur Mohamed haben ein Gleiches mit gleichem Erfolg getan.

Verstreute Judenschaften gab es schon an allen Plätzen; an die Judenschaften knüpften die Sendlinge aus Palästina an. Das herrliche Straßenwesen des Weltreichs erleichterte ihnen das Reisen und Wandern unendlich. Der Staat gab zunächst nicht acht. Da er die im Grunde doch ungefährlichen Judenviertel gewähren ließ, ja mit gewissen Privilegien abfand, wurde den Christen dasselbe zuteil.

Hiergegen waren die anderen Religionen wehrlos. Sie hatten keine Agitationspredigt, keine Organisation, die auf Eroberung ausging. Selbst Isis war tolerant, und wer ihre Weihen nahm, durfte auch zu Jupiter, zu jedem anderen Gott beten. Der Christengott nahm sich aus dem alten Testament die Losung: »Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.« Dieser zornig ungestüme Monotheismus hat gewiß mächtigen Eindruck gemacht. Eine große innere Logik war in ihm: auf der Erde herrschte nur ein Monarch, der Kaiser; wie soll es im Himmel 68 anders sein?Diesen Analogieschluß zieht Cyprian, Quod idola dii non sint, c. 8. Weg mit der plan- und sinnlosen Vielgötterei! Ein Wille waltet, wie im Himmel, so auf Erden.

War es dies, was die Menschheit so rasch gewann? was die Seelen der Vielen packte? oder war es das andere, wovon das Gebet spricht: »und vergib uns unsere Schuld und erlöse uns von dem Übel«? Das Sündengefühl war in den Völkern längst wach geworden und die angstvolle Gewißheit, daß es im Jenseits einst Lohn und Strafe gibt. Aber auch die Mysterien der Isis, auch die des Mithras verhießen Gnade und ewige Erlösung. Es kam hier wie dort nur auf den Glauben an. Warum glaubte man Christus mehr? Gewiß, er predigte Nächstenliebe und Ernstmachen mit der Tugend. Aber die christliche Tugendlehre war im Grunde keine andere als die längst von den Griechen in allen Schulen verkündete.

Was schließlich wirklich den Sieg gab, das war der straffe Zusammenschluß, die Gemeindebildung. Vergegenwärtigen wir uns das damalige Leben und was ihm Inhalt gab. Zur Zeit der freien Demokratie eines Perikles oder der Gracchen, damals wäre eine religiöse Massenbewegung und Propaganda undenkbar gewesen. Das Volk war ausreichend anderweitig beschäftigt; es erschöpfte sich völlig im Staatsleben, im Klassenkampf, in der Bürgerpflicht, die jeden heranzog und den ganzen Menschen brauchte. Seit die römischen Kaiser Orient und Okzident beherrschten, war nun aber in allen Städten, in Ephesus, Chessalonich, Athen usf. die demokratische Selbstverwaltung als staatsgefährlich unterdrückt worden. Nur ein enger Rat vornehmer Leute besorgte die Stadtgeschäfte, genau dem hochadligen Senat entsprechend, der in Rom tagte. Wohin immer die Christusboten kamen, fanden sie also das Stadtvolk müßig; es hatte nichts als das bißchen Theater, Musik, das Turnen mit seinen lumpigen Ehrenpreisen. Auch alle Klubbildung war verboten. Aber heimlich bildeten sich trotzdem die christlichen Gemeinden; sie umgingen das Verbot; und da hatte endlich die Menge, in der eine Fülle von Begabung und Tatkraft schlief und die nach Betätigung hungerte, ein Feld gewonnen, sich zu regen. Die 69 gähnende Leere des Lebens war ausgefüllt; denn die Gemeinden waren zunächst durchaus demokratisch konstituiert; jedes Mitglied konnte sich tätig rühren, mit abstimmen, mit vorbeten, sich selbst hinstellen und zungenreden. Es war beglückend, wie ein Geschenk von oben; es hatte etwas unwiderstehlich Lockendes. Endlich kam Regung, ja Erregung in die Öde des verkümmerten Volkslebens. Einst war die Demokratie patriotisch und kämpfte todesmutig gegen Persien und jeden Landesfeind; jetzt war sie christlich und kämpfte gegen die Welt und ihre Dämonen: Christus das Panier.

Aber die Gemeinde leistete mehr; sie wirkte mit praktischen sozialen Mitteln; sie schuf die soziale Selbsthilfe, da die Reichsregierung nicht half. Das griechische Genossenschaftswesen war dafür ein Vorbild: Armenversorgung, Krankenpflege, Altersversorgung, Begräbniswesen. Die Gemeindediener oder Diakonen gingen von Haus zu Haus und sahen nach den Kranken, nahmen Register der Hilfsbedürftigen auf; die verarmten Witwen wurden als Pflegerinnen angestellt und sahen sich selbst dadurch versorgt; der Bischof oder Episkopus, d. h. der Gemeindeaufseher, verwaltete die Gemeindekasse und vergab die Unterstützungen. Auf dem Altar des Betraumes wurden die einlaufenden Almosen niedergelegt und der Spender ermutigt durch die Verkündigung, daß der Lohn im Himmel nicht ausbleibe. Ein Gemeindeglied stirbt; die Gemeinde selbst als Begräbnisgenossenschaft sorgt für die Bestattung. Die Wohltätigkeit war bei den sog. Heiden zum mindesten ebenso groß; man gab auch da mit vollen Händen; aber es geschah nur aus Menschenfreundlichkeit, ohne an einen Lohn im Himmel zu denkenVgl. meine Römische Kulturgeschichte, 3. Aufl., S. 151 f.. Das junge Christentum organisierte das Wohltun; die »Charitas« wurde zum Kampfmittel. »Seht, wie wir uns untereinander lieben!« so hieß es da. Wer aber nicht Christ war, dem wurde Hilfe zunächst nicht gewährt; die Hilfe war streng exklusiv. Sie war ein Zugmittel. Wer beitrat, konnte auf sie hoffen.

Und auch der Kampf der neuen Lehre gegen die Brandopfer, 70 den Opferdampf, hat gewiß ganz überzeugend gewirkt, auch aus ökonomischen Gründen. Schon Seneca und ebenso Apollonius von Tyana lehrten ja damals, daß Gott, der überirdische, solche Opfer nicht wolle und brauche; und wie kostspielig waren sie! Längst suchten die Frommen sie irgendwie zu umgehen oder zu schmälern; wir lesen, daß man den Göttern oft schlechtere, räudige Tiere schlachtete und für sie vom gesunden Vieh nur die ungenießbaren Teile, Köpfe und Klauen, abschnitt; gelobte man dem Handelsgott Hercules den Zehnten des Geschäftsgewinns, so wurde von dem Zehnten in Wirklichkeit oft genug nur der dritte Teil auf den Altar gelegtTertullian, Apolog. c. 14.. Die neue Lehre untersagte solchen Aufwand. Das Geld kam der Gemeinde zugute.

In diesen Gemeinden selbst aber, die überall sich glichen (denn sie standen alle miteinander im Austausch und Zusammenhang wie ein Netz, das über die Welt geworfen ist), in ihnen lebte ein gläubiger Drang nach Kampf, nach Sieg, nach Weltüberwindung, der sich auf die Verheißung gründete. Es war zugleich ein Geist der Wundersucht, der Exaltation. Die Evangelien, durch die heute Christus auf uns wirkt und sich der Herzen immer neu bemächtigt, waren noch gar nicht daDaß das Urevangelium, das man ansetzt, weite Verbreitung hatte, ist kaum zu erweisen., immer noch lebendig aber die Stimmungen aus jener Zeit der Urgemeinde, als noch beim Pfingstwunder die Flammen sich auf die Häupter der Jünger niederließen; es gab immer noch christliche Wundertäter, die sich insbesondere auf die Dämonen verstanden: bei Nennung von Jesu Namen fuhr allemal der Teufel aus dem Besessenen, und es wird uns versichert, die Heiden konnten solch Wunder nicht verrichten. Auch mit solchem Spuk glaubte man für Christus zu werben. Man muß die flackernd entzündbare, ekstatische Seele des Südländers kennen, um das zu verstehen.

Ein schöneres Wunder dagegen war die sittliche Reinheit im Gemeindeleben. Jene erste Zeit des Christentums, die noch tief bis in das 2. Jahrhundert reicht, steht durch sie wie verklärt da und wie von einem Nimbus umschimmert. Es war die kurze 71 Idealzeit praktischer Jesusliebe, der Verwirklichung der göttlichen Forderungen Jesu und seiner Sendboten, die einzige Idealzeit, die die Menschheit – oder doch ein Ausschnitt der Menschheit – erlebt hat und nach der wir uns umsonst zurücksehnen: Heiligung des Lebens vor allem im keuschen Wandel; paradiesische Harmonie, eine Gemeinde der Heiligen. Auch die außenstehenden Weltleute wie Plinius sehen mit Staunen die makellose Sauberkeit dieser seltsamen Leute. Aber es war ein Gutsein mit Furcht und Zittern. Die Angst vor dem jüngsten Tage stand wie mit Peitschenhieben dahinter. Christus selbst hatte ja den Tag als nahe verkündet, wo er kommen werde zu richten die Lebendigen und die Toten; so sprach auch Paulus zu den Philosophen in Athen von ihm nur als dem zukünftigen Richter. Furchtbar nahe glaubte man den Schlußakt wirklich, wo Himmel und Erde für immer ineinander stürzen und die Sterne erlöschen, die Posaune bläst und die Gebeine der Toten klappernd in den Grüften sich regen. Tertullian schildert es uns gläubig visionär mit Grausen: die Wiederkehr des Herrn. Er wird dich prüfen: keiner betrügt ihn. Wohl dem, den er nicht sündhaft findet.

Schon aber begannen die Konflikte mit dem Staat; die ersten Glaubensopfer fielen. Es konnte nicht anders sein. Ein Geheimhalten war nicht durchführbar: allein schon, wenn der Christ über die Straße ging, sah er rechts und links Götterbilder an den Wegscheiden, auf den Märkten; wenn er zu Schiff fuhr, war auch da das Bild des Castor und Pollux oder der Isis, ihr als Patronin geweiht; es mußte auffallen, wenn er das Zeichen der AdorationÜber collegia s. Digesten III, 4 und XLVII, 22; coetus illiciti XLVII, 11, 2. nie machte. Genossenschaften, die sich selbst besoldete Beamte hielten, waren immer noch untersagt; der Betrieb einer christlichen Genossenschaft oder Gemeinde wurde um das Jahr 111 in Kleinasien aufgedeckt, die Teilnehmer mit dem Tode bestraft. Aber der Kaiser Trajan machte sich klar, daß eine Durchführung solchen Strafverfahrens allerorten unmöglich sei; die Sekte der Gottlosen war schon zu verbreitet. Darum befahl er den Statthaltern möglichstes Nichtbeachten; nur in akuten Fällen sollte zugegriffen werden. Und das ist lange 72 Zeit die Richtschnur der Regierung geblieben. Eben damals fiel auch der römische Bischof Ignatius als Märtyrer; im Jahre 156 Polykarp, der Bischof von Smyrna, der sich übrigens nicht sehr tapfer zeigteDas sacrilegos ad bestias steht Digest. 48, 13, 7, mit dem Zusatz: sed moderanda poena est.. Bekennernaturen, die sich nicht zurückhalten konnten, gab es zu allen Zeiten; auch ließen sich Anlässe nicht umgehen, wo für den Kaiser die göttliche VerehrungÜber das Schwören beim princeps s. Digesten XII, 2, 13 fin., für die Staatsgötter das Opfer gefordert wurde. Wer es verweigerte, war gottlos, war Atheist, war des Todes. Das Sterbenlassen in Massen war in jenen Zeiten nichts Besonderes; schon Septimius Severus hat uns das gezeigt; es betraf die politischen Widersacher. Warum sollten nicht auch die Christen sterben? Und sie taten es gern. Ihre Seelen drängten sich danach. Der Himmel stand den Bekennern offen. Die Engel neigten sich zu ihnen. Glorie umgab sie.

Und die Wirkung? »Die Verfolgung wirkt nur als Lockspeise für unsere Sekte; wir werden um so zahlreicher, je mehr man uns hinmäht. Das Blut der Christen ist fruchtbarer Samen,« so lautet eine der exaltierten Stimmen aus jenen ZeitenTertullian, Apolog. 30..

In Wirklichkeit hat es im Reich eine planvolle Verfolgung der Christenheit in den ersten 200 Jahren nicht gegeben; nur an einzelnen Orten, wo das Volk sich durch die Christen, die sich spröde abschlossen, provoziert glaubte, wurden Hetzen gemacht; dieser oder jener Statthalter griff dann einmal zu. Es waren immer nur durchaus lokale ErscheinungenDas gilt z. B. auch von der Hinrichtung des Justin in Rom, wobei Junius Rusticus, der nächste Vertraute Kaiser Mark Aurels, das Urteil sprach., und die Zahl der Opfer keineswegs sehr groß, wenn wir die Massentötungen, die sonst geschahen und von denen ich sprach, vergleichen. Aber die Christen selbst erhoben laut wehklagend und anklagend ihre Stimme, feierten die Namen der Gerichteten, und so wurden in der Tat auch die Märtyrer zu Werbern für die Christensache. Blut war geflossen. Die Kampfesfreudigkeit wuchs: »Christus unser Kaiser und König!«

Und nun geschah das Größte. Eine christliche Literatur entstand. Die Evangelien wurden ausgegeben. Paulus' Briefe waren zu tiefsinnig gelehrt und zu individuell und können auf die breitere Masse nicht gewirkt haben. Jetzt stand Christi 73 Lebensbild mit seinen Wundern, seinen Worten in echt volkstümlicher, rührend schlichter Erzählung vor aller Augen; Lazaruserweckung; Seligpreisung; »Vater vergib ihnen«. Vor allem aber wirkten auf jene wundersüchtige Zeit die Geburtsgeschichte, die Verklärung, Auferstehung und Himmelfahrt. Das war etwas so völlig Neues, daß es jeden, der offene Sinne hatte, ans Herz fassen mußte. Was hatte denn auch das klassische Literaturleben damals noch Großes zu bieten? Die olympischen Götter, die sieben Weisen, die Tugend des Sokrates waren abgesungene Themen seit nun bald acht Jahrhunderten; man konnte nicht immer wieder über dasselbe schreiben, und tat man es doch, so wirkte es wie aufgewärmte Speisen, unfrisch und verwässert. War der Überdruß nicht begreiflich? Die Leerheit des Literaturmarktes war großIch will allerdings den Maximus Tyrius nicht unerwähnt lassen und seine in frischem und lebhaftem Ton gehaltenen Betrachtungen oder Predigten, die er in Rom vortrug; er war Nichtchrist, Platoniker und redete u. a. über die Pflicht der Nächstenliebe, die mehr wert ist als Geld und Gut und Ehre, an die sich nur zu leicht Neid und Hader knüpft. Aber es scheint nicht, daß seine Stimme weit reichte, und er ist in seiner Art eine ganz vereinzelte Gestalt.. Hier war frische Seelenspeise; auch den Übersättigten konnte sie locken. Das Alte Testament, die Bücher Mosis, die Psalmen, die Propheten traten hinzu, die man griechisch, ja, bald auch lateinisch in Übersetzung las, und alles hing nun sinnvoll zusammen; ein Heilsplan war damit aufgedeckt, von Adam bis zur Gegenwart; die ganze Geschichte der Menschheit erhielt so, schien es, erst jetzt Zweck und Sinn: eine Geschlossenheit im Denken, die sonst so fehlte. Verheißung und Erfüllung: was gab es Schöneres? Die Wissenschaft der Griechen drückte sich über diese höchsten Fragen immer nur mit Vorsicht aus. Wozu die Vorsicht? Man wollte keine Skepsis. Je bestimmter eine Lehre, je wahrer. Was deutlich im Buche steht, galt als bezeugt, und daran war nicht zu rühren. Das »so stehet geschrieben« genügte. Glaubet nur, und ihr seid beglückt!

Und schon kamen Bekehrte von allen Seiten, die die Feder ansetzten und Verteidigungsschriften schrieben, die z. T. an die Majestät des Kaisers, Hadrian oder Mark Aurel, selbst gerichtet sind: Quadratus um das Jahr 125, Aristides um 140, Justin um 150, Athenagoras um 180, Männer, die großenteils sogenannte Philosophen gewesen waren. Justin hatte ganz nur in Platos hochgeistiger Ideenwelt gelebt; da kommt er nach 74 Ephesus, und am Meeresstrand spricht ein ehrwürdiger Greis ihn an, redet ihm von Gott und Ewigkeit, bringt ihn zum schmerzlichen Eingeständnis der Unbestimmtheit seiner Vorstellungen, um ihn endlich auf die heilige Schrift zu weisen: lies und du wirst Gott schauen. So ging es. Sein Herz war gewonnen.

Endlich ist auch schon vor dem Jahre 150 das erste Glaubensbekenntnis aufgesetzt worden. Es geschah im Kampf gegen die Sektenbildung der Häretiker. Die Gestalt Christi und seine mystische Beziehung zum Vater mußte die erregte Phantasie zu den verschiedensten Gedankengängen verlocken; die verschiedensten Lehren trug man vor; es bildeten sich danach Gruppen oder Sekten. Die Einheit der Propaganda war dadurch schon gefährdet. So entstand damals das berühmte Apostolikum, und zwar in Rom, und mit ihm entstand die Orthodoxie. Es wurde das unverrückbar feste Konsol für die allein wahre Heilslehre der Einheitskirche in alle Zukunft. »Katholisch« nannte sich, wer an ihrer Einheit festhielt.

Also eine »Kirche«. In der Tat kann man jetzt auch schon von einer Kirche sprechen, und Rom als Welthauptstadt nimmt schon in ihr die Führung. Der Kaiser in Rom sah es und mußte die Stoßkraft ahnen, die ihr innewohnte; aber er wahrte auch jetzt noch große Zurückhaltung. Unter Septimius Severus geschah das Martyrium der Perpetua und Felicitas in Karthago (im Jahre 203); Karthago, die Stadt der Himmelskönigin Juno, der Juno caelestis, hatte damit seine ersten heiligen Frauen, die sich der Juno zum Trotz den Himmel gewannen. Aber der Kaiser selbst hatte mit dem Handel nichts zu tun, und solche Prozesse treten verschwindend zurück in der allgemeinen Duldung jener Zeiten.

Übrigens war auch die Kirche vorsichtig und vermied den Zusammenstoß sorglich und klug. Bei den Bürgerkriegen zwischen Kaiser und Gegenkaiser hielt sie sich grundsätzlich neutralVgl. Tertullian, Apolog. 35; ad Scapulam 2.. Das Wichtigste aber war die Militärfrage.

Kann ein Christ Soldat sein? Unmöglich. Der Soldat muß 75 die Fahne, die Legionsfeldzeichen selbst wie Götzen verehren; er muß den Kaisereid leisten und dabei der Gottheit des Kaisers huldigen; er muß beim Siege das Ehrenzeichen des Kranzes tragen, und auf das Kranztragen sahen die Gläubigen mit besonders finsteren Blicken, als wäre er das Sinnbild alles Lasters. Aber die Herren Bischöfe zogen nicht diese Folgerung. Der Kaiser konnte die Soldaten nicht entbehren; seine Herrschaft beruhte auf dem Militärstand, und Drückerei vom Heeresdienst würde die strengste Ahndung finden. Aber auch für die christliche Politik war der Bestand des Kaisertums und des Heeres wichtigVgl. Keim, Rom und das Christentum, S. 346.; denn sobald das weite Reich in getrennte Länder auseinanderfiel, war auch der Zusammenhang der Gemeinden zerrissen. Auf der Einheit des Reiches gründete sich alle Hoffnung auf weitere Ausdehnung und dauernden Zusammenhalt. Man mußte dem Kaiser seine Soldaten geben. Allerdings war der Dienst Befleckung; aber die Kirche hatte schon damals die geistlichen Mittel, das Gewissen der Sünder zu entlasten und zu reinigen. Man konnte z. B. den Akt der Taufe verschieben. Kindertaufe gab es noch nicht. Es gab das Institut der provisorischen ChristenKatecheten., die zur Kirche hielten, ohne getauft zu sein.

So standen denn wirklich Christen nachweislich massenhaft im HeereVgl. Harnack, Die Mission und die Ausbreitung des Christentums, 3. Aufl., I, S. 295 ff. und Militia Christi, Tübingen 1905., wie auch im Personal der tausendköpfigen Hofbedienung; aber sie unterdrückten dabei ihr Bekenntnis. Es ist interessant, auf die Soldateninschriften zu achten; denn während wir tausende solcher Inschriften haben, wo Soldaten an Mars, Silvanus oder andere Götter Weihungen vollziehen, gibt es aus jenen Zeiten meines Wissens eine einzige Soldateninschrift, die Christus nennt oder wo ein Christ sich als solcher kenntlich macht. Man machte im Militärdienst von seinem Glauben keinen GebrauchNur so erklärt sich auch, daß Celsus in seiner Schrift gegen die Christen im Widerspruch mit allen Tatsachen den Christen vorwarf, daß sie keine Soldaten stellen..

Es war ein Scheinfriede. Noch war das Kaisertum nicht bedroht und völlig Herr der Lage, die christliche Sekte nur geduldet, gewiß. Aber die Bischöfe waren wach; sie waren keine Fremdlinge mehr auf Erden; ihre Agitation unterwühlte 76 die Oberfläche möglichst geräuschlos, und wer nicht sonderlich acht gab, sah es nicht. Sie hatten nicht nur Mut, sondern auch ein wachsendes Gefühl der Stärke; denn ihre Gemeinden, die schon Bauterrain aufkauften, schon als Grundbesitzer dastanden, fühlten sich als geschlossener Staat im Staate und waren zudem viel straffer organisiert als das Gesamtreich, das sie umschloß: ein gefräßiger Parasit im Reichskörper. Auch war das demokratische Prinzip in der Kirche nunmehr abgeschafft, ja, auch den Gemeindeältesten oder Presbytern der maßgebende Einfluß entzogen; vielmehr herrschte jetzt der Bischof allein wie ein Monarch, machtbegabt und als willensstarker Hirt über seine Herde.

Was würde nun geschehen? Die Majestäten auf dem Thron wechselten schnell, und jeder von ihnen hatte andere religiöse Interessen. Septimius Severus war sternengläubig; er hatte außerdem den Dienst der Juno caelestis aus Karthago in Rom eingeführt. Warum sollte nicht auch einmal Christus, der Herr, einen seiner Nachfolger erleuchten?Celsus warf den Christen vor, daß sie darauf hofften; s. Keim, S. 412 u. 418. Am Hofe waren die kaiserlichen Frauen mächtig; ließ sich nicht vielleicht ihr Herz gewinnen? »Zu uns komme dein Reich«, stand im Gebet des Herrn. Sollte das kein Reich auf Erden werden? Gewiß hat sich damals noch keiner ausmalen können, was davon die Wirkung gewesen wäre, katastrophal wie ein Ätnaausbruch; das ganze reiche Heidentum, der bunte Olymp selbst mit seinen aberhundert Göttern würde plötzlich versinken, verschüttet und begraben unter dem grenzenlosen Einerlei des uniformierten Glaubens. Denn auf dem Panier Christi stand eben nicht nur Nächstenliebe, sondern auch radikalster Götterhaß. Man nannte das AtheismusKeim, S. 379..

Aber die Geschichte ging anders. Der große Severus war tot (i. J. 211). Ein Vierteljahrhundert bestand danach noch seine Dynastie; in 24 Jahren hatte sie schon abgewirtschaftet; aber diese Jahre waren merkwürdig genug; der Hof bei aller Trivialität religiös und gottsuchend wie nie, unter der Führung der semitischen Frauen; aber er holte aus dem Orient andere, prunkvoll exotisch fremdartige Kulte. Es gab immer noch nicht 77 genug Götter in Rom, man nannte das Pantheismus. Rom war die Allgötterstadt und rühmte sich dessen (so wie Rom heute die Allerheiligenstadt ist, da es keinen Heiligen gibt, der dort nicht seinen Altar oder seine Gebetecke hätte). Es war damals der Gipfel der Orientalisierung Roms ohne Christus.

Auf Severus folgte Kaiser Caracalla, der sich eigentlich Antoninus nannte; sein Bruder Geta war Nebenkaiser. Julia Domna aber, die Mutter, führte die eigentlichen Geschäfte; aber auch deren Schwester Julia Mäsa lebte am Hofe mit ihren beiden Töchtern Julia Soämias und Julia Mamäa, die an hohe Beamte und Geldleute orientalischer Herkunft verheiratet waren: vier betriebsame üppige Weiber, gewohnt, Blut zu sehen, mit Militärrevolten zu rechnen, Intriguen zu spinnen. Julia Domna und Mäsa waren Töchter des Julius Basianus, des Hohenpriesters des Sonnengottes zu Emesa, aus angesehenem Priesterhaus und schwer reich.

Wie phantastisch großartig klingt nicht Caracallas Name für jeden, der in Rom war! Die Caracalla-Thermen sind's, die nach ihm heißen, das Non plus ultra der Baukunst. So lange davon die fabelhaften Ruinen stehen, wird sein Name unvergänglich sein. In Wirklichkeit war kein Mensch so wert der Vergessenheit wie er, und die Feder sträubt sich, von ihm zu erzählen. Wir können kurz sein.

Beide Kaiser, Caracalla und Geta, die Brüder, saßen im Jahre 211 in Rom. Jeder von ihnen hatte seine Kaisergarde, jeder seinen Hof, seine Leibwächter; sie sahen sich nie ohne starke mititärische Bedeckung. Wie Todfeinde belauerten sie sich: welcher von beiden würde den anderen erledigen? Die Hauptstadt war wie in zwei feindliche Heerlager zerspalten. Die Raufereien rissen nicht ab. Geta war vorsichtig. Eines Tages aber gelang es doch, ihn zu fangen. Bei seiner Mutter glaubte er sich sicher. Er kam zu ihr. Der ersehnte Augenblick war da. Die Mordknechte Caracallas fielen über ihn her. In den Armen der Kaiserin Mutter verendete Geta; er floh wie ein Kind in ihren Schoß. Sie selbst war mit Blut überströmt, 78 ja, auch selbst durch einen Hieb verletzt. Sie wollte aufschreien, aber Caracalla stand herrisch vor ihr und zwang die Mutter zu lächeln.

Einst war dieser Mensch so verzärtelt gewesen, daß er es nicht ertrug mit anzusehen, wie man einen Judenknaben schlug. Damals war er sieben Jahre. Jetzt überbot er Commodus (und Nero) an Scheußlichkeit. Sein Mischblut verriet sich; syrisch war seine feige Hinterlist, afrikanisch seine Wildheit. Man hätte ihn wie eine Bestie in den Käfig sperren sollen. Nun war er auf die Welt losgelassen. Ihn selbst sicherten seine Sygambrer, blonde germanische Riesenkerle, ohne die er nicht ausging, und er griff weiter um sich wie toll: Papinian, der große Jurist, der Stolz Roms, war eins der ersten Opfer seines Hasses; Plautilla, seine Gattin, folgte. Aber auch alle Anhänger Getas fielen in ihr Blut, sogar eine Tochter des ehrwürdigen Mark Aurel, Cornificia, die damals noch lebte. Es ging in die Tausende. Was waren die Christenverfolgungen gegen diese Schlächtereien?

Die Mutter faßte sich. Sie litt, aber sie überwand sich und hielt im Sinne des Severus die Reichsverwaltung fest in ihrer FrauenhandDabei heißt sie πανοῦργος: Dio 77, 10, 2.. Das Reich und die großen Völkermassen hatten es keineswegs schlecht; denn die Reichsinstitutionen waren zu fest gegründet. Auch die Finanz suchte Julia Domna zu sichern. Es ist auffallend, daß sie damals neues Geld mit verschlechtertem Metall in Umlauf brachte; aber die Kaufkraft blieb dieselbe. Mangel an Edelmetall muß für solche Maßnahmen die Ursache gewesen sein. Aber noch etwas anderes tat die Kaiserin; es war ein weltgeschichtlicher Akt: die Verleihung des römischen Bürgerrechts an das Gesamtreich. Der Zug der Zeit ging längst dahin, dieses gleiche Reichsbürgerrecht zu schaffen, und schon Severus hatte das mutmaßlich geplant. Jetzt waren rechtlich alle im Reich Landsleute, der Spanier mit dem Ägypter, der Engländer mit dem Kleinasiaten. Man denke, was das besagen will! Den Vorteil hatte zunächst die Reichsfinanz: alle Besitzenden in der weiten Welt zahlten endlich in den Fiskus die gleiche 79 Steuer. Aber auch das Recht. das Zivilrecht, das die großen Juristen, Papinian und seine Nachfolger ausbauten, kam nun gleichfalls allen zugute und war nicht mehr ein Sonderrecht der Bevorzugten, sondern Weltrecht, Menschenrecht und sollte es bleiben bis in ferne Jahrhunderte.

Caracalla aber spielte Soldat, lebte in der Kaserne und hielt den Kopf schief, weil dies Alexander der Große auch so gemacht hatte. Der Geist Alexanders des Großen spukte damals in der Welt, und das geschah nicht von ungefähr. Denn die Monarchie Alexanders galt als Vorbild; sie war gerade so Militärmonarchie gewesen wie jetzt die des Severus und Caracalla. Alexander stand geradezu aus dem Grabe auf. Man glaubte an Geisterspuk, und es gab Leute, die hatten seinen Geist wirklich leibhaftig auferstanden in Macedonien wandeln gesehenMan vergleiche damit das Gespenst, den Dämon, der in Anlaß von Caracallas Ermordung erschien; er führte einen Esel mit sich und wandelte so zum Kapitol, zum Palatin und weiter, und man hörte ihn deutlich sagen: »Der Kaiser ist tot; jetzt herrscht Jupiter wieder«; dann wandte er sich nach Capua und wurde nicht mehr gesehen; Dio 78, 7.. Caracalla schwärmte für ihn bis zur Verrücktheit; einen Truppenteil staffierte er geradezu ihm zu Ehren mit den alten macedonischen Waffen aus.

Caracalla

Caracalla

Caracalla. Nach Photographie. Staatl. Museen, Berlin; Skulpturenabt. 384.

Eine meisterhafte Büste des Unholds steht in Neapel. Da sehen wir ihn, den krausen Wollkopf, mit der wilden Grimasse, drohenden Stirnfalten, hämisch gezogenen Mundwinkeln und dem bös verschatteten Blick. Warum hieß er im Volksmund Caracalla? Das Wort bedeutete den Mantel mit Kapuze, ein gallisches Kleidungsstück. So wie man in Italien längst die gallische Hose (braca) trug, so führte der Herr dort jetzt auch diesen Mantel ein. Er war in Lyon geboren und jetzt 35 Jahre alt.

Er ist ein Sohn des Feldlagers und denkt, er muß Krieg führen, an der deutschen Grenze, dann im unteren Donaugebiet. Aber es war nur Bluff. Er war frechschnauzig, aber feige; es kam zu keiner Schlacht; er zuckte zurück. Denkwürdig ist nur, daß ihm damals auf der Balkanhalbinsel auch Goten entgegentraten. Da tauchen zum ersten Mal die Goten in der Geschichte aufVita 10, 6..

Er betritt Kleinasien; da bringt er Opfer am uralten Leichenhügel des Achill; denn Alexander der Große hatte das auch getan. Er residiert in Nikomedien; von da schickt er 80 Mordbefehle nach Rom und weiter. Endlich nähert er sich Alexandrien mit seinem Heer. Das war die Stadt Alexanders des Großen; aber er haßt sie; die Alexandriner hatten gewagt, ihn als den Affen Alexanders zu verspotten, vielleicht auch auf sein semitisches Blut angespielt; denn nirgends war der Antisemitismus wilder als dortWenn Dio 77, 22 sagt, daß der Spott der Alexandriner sich auf Verschiedenes bezog (ἐπί τε τοῖς ἄλλοις καὶ οὐχ ἥκιστα κτλ.), so läßt sich eben dies vermuten; es lag zu nahe; auch Alexander Severus wurde ja späterhin von ihnen verhöhnt, indem sie ihn Syrum archisynagogum nannten (Vita des Alexander Severus 28, 7). Daß Caracalla Philosemit war, liegt auf der Hand; s. Bihlmeyer, Die syrischen Kaiser, 1916, S. 31 f.. Erst tat er gleißnerisch so, als wolle er die Stadt mit Wohltaten überschütten, und berief aus ihr die Jungmannschaften zusammen, als wolle er sie anwerben zum Heeresdienst. Als die Mannschaft sich waffenlos versammelt hat, wird sie überfallen und bis auf den letzten abgeschlachtet. Dann belohnte er seine Legionen: »Wollt ihr Gold? wollt ihr Beute, Soldaten? Die Weltstadt liegt offen; mordet nur, raubt und plündert!« Der leibhaftige Satan; er watete in Blut. Nur die Großkaufleute ließ er möglichst schonen; vielleicht ist damit das Judenquartier gemeintSonderbar ist, daß er hinterdrein in der halbzerstörten Stadt Mauern ziehen ließ, um ein Quartier vom andern zu trennen; eine mühsame Sache, die nicht lange bestanden haben kann..

Dann zog er wirklich auch gegen Persien ins Feld. Er tat so, als zürnte er dem Perserkönig Artabanus, der ihm seine Tochter in die Ehe zu geben verweigert hatte. Währenddessen weilten die kaiserlichen Frauen im Antiochien, der schwelgerischen syrischen Hauptstadt, eingehegt in die halbtropische Märchenpracht des griechischen Orients. In Weisheitsstudien und lasse Lebensfreude teilte sich da ihr Leben wie bei den Kalifen Bagdads. Wir dürfen uns dies ausmalen.

Beide Schwestern, Julia Domna und Mäsa, lebten das geistige Leben ihrer Zeit aus dem Vollen mit. Nicht nur, daß Julia Domna, die PhilosophinWie sie insbesondere als Gönnerin Athens in dieser Stadt geehrt und vergöttlicht wurde, hat A. v. Premerstein gezeigt: Jahreshefte des österr. arch. Instituts XVI, S. 253 ff., der höchsten Wissenschaft, der Astrologie, ergeben war; auch mit Moral und Glauben befaßte sie sich. Philostrat lebte damals; er hatte das größte Wunderbuch jener Zeit geschrieben, und er widmete es ihr persönlichAuch den »Heroikos« trug Philostrat in diesem Kreise vor, eine mystische Schrift, die von homerischen Helden handelt, die noch in der Gegenwart als Geister weiterleben.; ich meine den Roman über Apollonius von Cyana, ein Werk voll abenteuerlicher Weisheit, das von Ethik und Theosophie strotzt und sich wie ein Konkurrenzbuch zu den Evangelien ausnimmt. Für die Augen der Kaiserin war da dieser Apollonius, der religiöse Prophet und Gottmensch, geschildert, der zur Sonne betet, wie Jesus Wunder über Wunder tut und Heiligung des 81 Lebens und den Dienst des unsichtbaren, eines allerhöchsten Gottes, den kein Name nennt, ohne Opfer und Tempelbau predigt. So gingen denn auch sonst bei den Damen viele der griechischen Redekünstler ein und aus. Ihr Serail war der mutmaßlich ziemlich leichtlebige, ambraduftende Sammelort aller Geistreichen jener Zeit. Die Ernsten und die Seichten, alle gaben ihr Bestes her, und die Frauen horchten, lasen selbst, lobten und belohnten und lachten wohl auch hinter ihrem Fächer über den und jenen. Jeder aber ging von ihnen, als hätte er einen großen Tag erlebt.

Mäsa war ihrer kaiserlichen Schwester augenscheinlich völlig gewachsen, nur vielleicht noch kaltherziger und tatkräftiger als sie. Auch Mäsas Töchter Soämias und Mamäa und deren unmündige Söhne waren in Antiochien zugegen, als das ganz Unverhoffte geschah, ein Schlag, der alles umwarf. Caracalla war tot, der Kaiser ermordet. Die Sache verlief trivial genug. Er hatte sein Heer, ohne gegen die Parther gekämpft zu haben, nach Mesopotamien zurückgeführt. Der Feldzug war wieder nur ein Hieb in die Luft, ein glorioses Nichts gewesen. In Edessa ruhte er von seinen angeblichen Strapazen aus. Als er da eines Tages feldeinwärts ritt (er wollte zu einem Gottesdienst), befiel ihn ein Bedürfnis; er stieg vom Pferd. Da fiel über den völlig mit sich Beschäftigten einer der Offiziere her und stieß ihn nieder. In dieser unwürdigsten Situation ließ der Vampyr sein Leben. Er schrie jämmerlich. Seine deutschen Leibwächter waren nicht nahe genug, um ihn zu schützen.

Freilich war Caracalla der Abgott der gemeinen Soldaten (denn er hatte, um sich zu sichern, den Sold über alles vernünftige Maß erhöht und mit Geld um sich geworfen); doch ist es begreiflich genug, daß endlich sich unter den höheren Militärs gegen dies Subjekt Verschwörungen gebildet hatten. Martialis hieß der Offizier, der den Stoß ausführte, Macrinus der Gardepräfekt, der die Tat veranlaßte. Es war das Jahr 217. Alsbald rief das Heer eben diesen Macrinus zum Kaiser aus. Es war diesmal kein Syrer, aber ein Marokkaner. Mit der Dynastie des Severus 82 schien es zu Ende. Julia Domna, die unglückliche Mutter, erreichte die Kunde: beide Söhne durch Mord verloren! Was war der Inhalt ihres Erlebens? Exzeß über Exzeß! Ihr Wille zerbrach, und die Beherrscherin der Welt entleibte sich selbst vor Jammer und Entsetzen. Sie litt übrigens immer noch an der Hiebwunde, die sie an Getas Tod gemahnte. Wieder einmal hatte die Welt eine Tragödie gesehen, eine Schicksalstragödie, die im Purpur und mit Blut spielt und die mit dem Horoskop begann, das einst die syrische Priestertochter mit dem Afrikaner Severus zusammenführte. Die Orientalin war keine Cornelia, die als echte Römerin stolz sich in ihre Philosophie hüllte, da die Gracchen, ihre beiden Söhne, erschlagen waren.

In Rom war indessen fleißig gebaut worden. Die Caracalla-Thermen (mutmaßlich auch sie ein Werk der Kaiserin) waren in sechs Jahren nahezu fertiggestellt. Seit Trajans Zeit war in Rom nichts so Großartiges entstanden. Die römische Baukunst, die den weiten Raumbau liebte und immer kühnere konstruktive Probleme aufwarf und löste, steigerte sich in jenen Zeiten noch immer weiter, und es ist nichts verkehrter, als zu glauben, die Kultur sei damals schon in Verfall gewesenDies ist von H. Lamer überzeugend ausgeführt worden: Wochenschrift f. Philol. 1917, S. 564 f. u. 595 f.. Die Bauten beweisen, daß sie im Gegenteil sich immer noch steigerte. Der Schönheitssinn mit seinen intimen Reizen war freilich im Verschwinden; ein paradoxer Drang nach dem Häßlichen ging durch die Welt; die Christen haßten geradezu das Schöne. Aber die Architektur berührte das nicht, und die Wucht im Aufbau, die Fähigkeit der Bezwingung der Massen wuchs. Kein moderner Staat hat dem Publikum je so etwas zu bieten vermocht. Für den Pöbel Roms war nichts gut genug. Eine Kleinstadt von 3000 Einwohnern hätte auf dem Areal dieser Thermen Platz gefunden, ein Dutzend Frankfurter Bahnhöfe darauf stehen können: ein Viereck, 330 Meter in Front, alle vier Fronten gleich lang. Heute starren die kahlen Gerippe des Baues wie unheimliche Kulissen in den Himmel, als hätten Giganten sie hergeschoben. Lautlose Stille und Öde ringsum. Stundenlang läuft man sich tot in den Räumen. Hochgewölbte Vestibüle, Hallen und Säle 83 bildeten ein ganzes Revier; dazwischen offene Höfe, Gärten, rauschende Springbrunnen; unter freiem Himmel ein Schwimmbadbecken von 60 Metern Länge. Auch eine Bibliothek stand da dem Volke offen. Der Prunk echt sultanisch: farbige Marmorinkrustation, übergoldete Gesimse, Wälder von tragenden Säulen; Phantasiekapitelle von üppig reichster Bildung. Domgleich schwangen sich Tonnengewölbe und Kreuzgewölbe darüber, sie selbst mosaïziert und in Farben strahlend. Jetzt liegen die Gewölbeteile in Riesenklötzen zu Boden geschleudert, und man betastet die Riesenstifte des Blumenmosaiks, das auf weite Fernsicht berechnet war, mit Staunen. Mitten in den Sälen aber standen erstklassige plastische Werke der griechischen Spätkunst zur Schau (dem Schutz des Publikums empfohlen!), die an Ort und Stelle gefunden und heute noch weltberühmt sind, der Farnesische ausruhende Herkules in muskulöser Größe und der Farnesische Stier mit der Tötung der Dirke, eine Tragödienszene in Marmor. Man holte aus den alten Kunstvorräten das hochpathetisch Sensationellste herbei, um es dem Volke zu zeigen. Wer nun das Getriebe kennt, wie es sich sonst in den Thermen bewegte, mit Schwitzbad und Schwimmbad, mit Salben und Frottieren, mit Ballspiel, Wettlauf, Gesang, Geplauder, Dichtervortrag und allerlei lustigem Unfug daneben, der denke sich das in diesen Räumen vertausendfacht. Die Steine reden; die moderne Welt kennt nichts ähnliches an Raumumfassung, die ein Volk beherbergt.

Aber auch die Christen bauten. Welch ein Gegensatz! Sie bauten heimlich und unterirdisch ihre Katakomben. Schon seit dem 2. Jahrhundert wurde Rom gleichsam unterminiert von den Gräbern der Gottlosen. Es waren die Schlafstätten (Cömeterien) für die, die der Herr rufen wird, wenn er wiederkehrt. Da der Leib einst auferstehen soll, war Leichenverbrennung ausgeschlossen. Schon zur Zeit Caracallas hat man mit der Grabung der Callist-Katakomben, die heute die bekanntesten sind, draußen an der Via Appia begonnen. Das weite Grundstück gehörte der Gemeinde. Das Verfahren war neu und 84 originell. Schächte trieb man in den Tuffboden, und es entstanden unterirdische Galerien mit Grabkammern, Geschoß über Geschoß, verbunden durch endlos lange Gänge wie Laufgräben, die in Windungen sich abwärts senken, Seitengänge ausstrahlen und unzählige Ruhestätten für die Leichen wie Taschen in ihren Wänden haben. Man nennt dies Krypten, wovon unser deutsches Wort »Gruft« sich herleitet. Lichtschächte führten spärliches Licht von oben hinab in die stockdunkle Tiefe. Die abgesonderten Grabkammern von etwa 2 Metern im Geviert dienten für bevorzugte Gemeindeglieder; da ruhten die Märtyrer, und so entwickelte sich in den Katakomben der Märtyrerkult. Es sind dies aufgewölbte Räume, die Wände haben Wandkappen, und da hinein malte man schon christliche Symbole, Taube, Pfau, Palmenzweig, Adoranten. Die Thermen ein Schwelgen in Raumweite, hier dagegen alles erstickend eng und gepreßt, ein Geizen mit jedem Winkel. Wollten die Leidtragenden sich setzen, so dienten Leichenbehälter als Bänke.

Dem Staat war dieses Verfahren willkommenEs war nur der Pöbel, der bei den Christenverfolgungen gerade die Begräbnisstätten der Christen heimsuchte: Tertullian, Apolog. 37.. Mochte die Christenheit sich mit ihrer Auferstehungshoffnung wie der blinde Maulwurf verkriechen. Aber es steht fest, daß eben zur Zeit der Kaiserin Julia Domna auch schon die ersten Kirchenbauten in Rom gewagt wurdenEs liegt auf der Hand, daß die Wohnhäuser von Privatleuten bei der Ausdehnung der Gemeinde schon damals für den christlichen Gottesdienst unmöglich ausgereicht haben können, und wenn wir hören (Optatus Milevitanus, De schism. Donat. II, 4), daß im 3. Jahrhundert Rom schon 40 Kirchen hatte, so muß mit dem Bau schon im Anfang des 3. Jahrhunderts begonnen worden sein. Denn solche Bauten entstehen allmählich und nacheinander bei wachsendem Bedürfnis. Vielleicht war auch die Restitutakirche in Carthago so alt; in den Jahren 360–390 ist sie glänzender erneut worden (vgl. A. Schwarze, Entwicklung der afrikanischen Kirche, 1892, S. 40 f.; übrigens v. Sybel, Christliche Antike II, S. 274 und Frühchristliche Kunst, 1920, S. 14 u. 16).. Reiche Gemeindeglieder begannen damit; es war das, was man später Basiliken nannte, große Betsäle ähnlich unseren Turnhallen, von außen unscheinbar und unauffällig, die endlich die Ansammlung größerer Mengen gestatteten und wo man der Verlesung des Bibeltextes, der Perikope, lauschte, das Gemeindelied sang, das heilige Mahl stattfand und am Altartisch Christus täglich neu geopfert wurde. Auch an einem Taufraum mit Becken fehlte es nicht. In der Apsis auf einer Erhöhung stellte sich der Bischof, der schon im Ornat ging, seinen Thronsessel und Bänke an den Wänden entlang, auf denen die Presbyter sitzen mochten. Damit war nun das »Haus des Herrn« entstanden, Kyriakón genannt, deutsch »Kirche«Wenn von Minucius Felix im Octavius c. 10 u. 32 betont wird, daß die Christen keine templa und arae haben, so beweist das nur, daß man die Bethäuser und Basiliken damals nicht mit templa, den Tisch des Herrn nicht mit den Altären des heidnischen Kultus gleichsetzte. Das folgt auch daraus, daß der Verfasser hinzufügt: wir Christen opfern keine victimae und hostiae.. Von Konflikten, die diese ersten Bethäuser veranlaßt hätten, hören wir nichts. Die Nachsicht der Behörden war damals groß.

85 Kaiser war jetzt Macrinus. Er stand fern im Orient. Was war von dem Marokkaner zu hoffen? Würde er eine Dynastie gründen? Es schien, er war kein übler Mensch, aber unvorsichtig. Es ist der erste Kaiser, der, als Soldat von unten sich heraufarbeitend, nicht einmal die Senatorenwürde besaß. Die Zivilverwaltung kannte er demnach nur oberflächlich. Jetzt aber versäumte er, gleich nach Rom zu gehen; er blieb in Antiochien vorläufig sitzen und genoß die Freuden der Großstadt. Das mißfiel dem Senat. Auch hatte er nicht Caracallas Millionen zur Verfügung, um Geld zu streuen. Das mißfiel den Soldaten.

Mäsa gab acht. Ihr blieb nichts verborgen. Macrin hatte sie nach Emesa abgeschoben, wo sie fürstlich mit ihren Töchtern und Enkelsöhnen hauste. Der Sohn der einen Tochter Soämias hieß Avitus Basianus und zählte erst 14 Jahre, der Sohn der anderen Tochter Mamäa wurde nach Alexander dem Großen Alexander genannt, ein anspruchsvoller Name, und war erst elfjährig. Warum sollte das Haus des Severus in diesen Jungen nicht wieder erblühen? Unmündig waren sie noch; aber Mäsa war herrschfähig genug, um für sie das Regiment zu führen. Wo die Väter dieser Knaben sich befanden, ob sie noch lebten, erfahren wir nicht.

Der ältere kam zunächst in Frage. Er war blendend schön und an tausend Schmeicheleien und verliebte Blicke gewöhnt; mehr als das, er war damals schon Priester des weithin verehrten Sonnengottes von Emesa, des Bal, den man den Elagabal nannte. Erblich ging das Priesteramt vom Urgroßvater Basianus auf ihn über. Die Phantasie verschwebt in erdentrückten, opernhaften Märchenzauber, wenn man von jenen orientalischen Gottesdiensten hört. Im weiten, pomphaft dekorierten Tempelhof tanzte der vornehme Junge vor allem Volk beim Gottesdienst nicht nur im Reigen, sondern auch den Solotanz um den Hochaltar, als beschriebe er leichtfüßig die Laufbahn der Sonne selbst, zu schallender Musik der Klarinetten und Flöten, alle Altersgenossen überstrahlend, 86 körperlich frühreif, üppig im Wuchs, ein junger Bacchus, nach Beifall um sich spähend, gleichsam eine prämiierte Schönheit (Hafis hätte seine Reize besingen können), in schleppendem Frauenchiton mit langen Ärmeln, in den Locken ein strahlender Goldreif mit Juwelen, als wäre er die Sonne selbst. Schlug im Tanz das Gewand zurück, so sah man die Beine in weiten Hosen; Gewand und Hosen waren kostbar purpurn und golddurchsponnen: er trug die Farben des leuchtenden Gottes, dem er diente.

Von weither kam das Publikum, begierig, das zu sehen; aber auch ein Militärlager befand sich bei Emesa, und auch die Soldaten hatten ihre Freude an dem Knaben. Mäsa merkte es, und ihr Plan war fertig. Sie verbreitete, daß dieser Basianus und ebenso auch sein Vetter, der junge Alexander, nicht ihrer nominellen Väter Söhne, nein, daß sie Söhne des Kaisers Caracalla seien, der einst der Soämias und Mamäa in freier Liebe beigewohnt habe. Das echte Blut des großen Severus floß also in den beiden; sie waren die Hoffnung der Welt. Das wurde gern geglaubt; es blieb die offizielle Lüge, und die Begeisterung der Truppe war groß. Das Gold tat das Übrige. Als Kaisersproß, ja, als Kaiser begrüßten die Soldaten nun den schönen Tänzer und führten ihn und zugleich die kaiserlichen Damen, die sich vor dem Waffenlärm nicht fürchteten, in weitem Marsch nach Antiochia und in das große Soldatenlager, das sich außerhalb dieser Stadt befand und in dem Macrinus damals nicht zugegen war. Auch hier sind die Legionen für den Wunderknaben rasch gewonnen. Wer frug da noch weiter nach Charakter und Begabung? Basianus aber fand sich erstaunlich schnell in die neue Rolle und lächelte gnädig und schmachtend und herzgewinnend.

Macrinus begriff zu spät den Ernst der Lage. Er schickte anfangs, als wäre es ein Scherz, nur eine kleine Truppe aus, die sogleich zum Basianus, dem »echten« Sproß des Severus, überging. Erst danach kam es zur Entscheidungsschlacht, in der Macrin endgültig unterlag. Als Landstreicher vermummt, 87 floh er einsam zu Fuß über Land und Gebirge, ein jämmerlicher Sturz, bis man ihn griff. Sein Kopf wurde der Mäsa abgeliefert.

Basianus war jetzt Kaiser (i. J. 218) und führte von nun an den Ehrennamen Antoninus, den auch Caracalla führte und der in der Dynastie erblich war. Das Volk aber nannte ihn Elagabal oder gar Heliogabalus nach dem Sonnengott, dem er diente. Natürlich fehlten auch jetzt wieder die Hinrichtungen nicht, die das neue Kaisertum sichern sollten. Dann aber galt es, nach Rom zu ziehen. Elagabal nahm seinen Gott mit und gab ihm schon gleich auf der Reise in Nikomedien große Feste; er tanzte auch da. Sollte das so weitergehen? Die Großmutter mahnte ihn ernstlich, endlich Römertracht anzulegen; aber er tat es nicht. Er schickte vielmehr sein farbiges Porträt nach Rom, an den Senat, in Überlebensgröße, und befahl, das Bild im Senatssaal, der Curie, so anzubringen, daß jeder, der eintrat, es sehen mußte: da war er pfauenhaft in seiner bunten Tracht gemalt; die römischen Herren sollten sich rechtzeitig daran gewöhnen. Der Bengel hatte sich's in den Kopf gesetzt: er hatte bisher durch sein bezauberndes Ich alle Erfolge errungen; er wollte als derselbe schöne Sonnenjüngling auch weiter siegen. Was gingen ihn die altmodischen blöden Italiener an? Und er wollte seinen Gott zum Sieger über alle Götter machen. Dafür war er gerade der rechte Prophet! So sah ihn denn Rom wirklich, und sein Erstes war, daß er dem Elagabal einen Tempel baute aus rotem GranitVgl. Baumeister, Denkmäler, S. 1484. unmittelbar am Palatin. Fabelhaft rasch stand der Bau fertig; es ging mit Hochdruck. Die Senatoren und Ritter mußten dabei in orientalischen Ornaten herumstehen und fremdartige Symbole halten, wenn er tanzte. Er zwang sie zu dieser Religion. In allen Gebeten wurde (so befahl er) der neue Gott fortan zuerst gerufen. Das Weitere klingt wie Kinderei. Wie ein Kind, das mit Puppen spielt, holte er das unverrückbare, uralte Minervabild, Palladium genannt, das die Vestalinnen hüteten, kurzweg aus seiner Zelle und stellte es in den neuen Tempel 88 als Gattin seines Bal (»Baltis« genannt). Dann aber schien ihm diese Minerva nicht gut genug, und er ließ aus Karthago das hochheilige Tempelbild der »himmlischen Juno« (Juno caelestis), der höchsten afrikanischen Gottheit, kommen; die gab er seinem Gott zur EheDiese Ehe hat in der Phantasie weiter gewirkt; vgl. die orientalische Fabel bei Usener, Weihnachtsfest, S. 34: Hera, die tote, ist aufgelebt und ist schwanger, und nicht mehr Hera heißt sie, sondern Urania (caelestis), denn der große Helios hat sie geliebt.. Auch alle Tempelschätze mußten aus Karthago mitkommen.

Auch er selbst heiratete gleich, und zwar dreimal. Einmal griff er sich dazu eine vornehme Vestalin aus dem Kloster, die ewige Keuschheit geschworen hatte. Was kümmerte ihn ihr Gelübde und der ganze altrömische Köhlerglaube? Eine Heirat mit ihm, dem Sonnenpriester, war Heiligung. Zur Ehe war der vierzehnjährige noch gar nicht reifIm Jahre 222, seinem Todesjahr, trug er allerdings schon etwas Bart; so zeigen ihn da die Münzbilder. Da war er 18jährig. Auch die Vita c. 31, 7 weiß von seinem Bart zu erzählen.. Auch wechselte er die Frauen gleich nach wenigen Wochen. Sie waren ihm langweilig. Sein Körper schmachtete vielmehr nach Männerliebe.

Bald hatte er vor der Stadt auch noch einen zweiten Tempel errichtet, und nun fand alljährlich dorthin die große Prozession statt, die uns ausführlich beschrieben wird. Das Bild des Gottes Elagabal von Emesa war keine Statue, sondern ein Fetisch, offenbar uralt, ein unbearbeiteter schwarzer großer Stein, mutmaßlich ein Meteorstein, der konische Form hatte, unten breit, nach oben sich verjüngend, und auf dem sich vielleicht durch Naturspiel Andeutungen einer Sonnenscheibe befanden. Der Stein wurde nun auf den Götterwagen, den kein Menschenfuß betreten durfte, gestellt; sechs Schimmel zogen den Wagen. Die Zügel wurden dem Stein umgehängt, als kutschiere er selbst; denn man glaubte ja, daß auch Helios, der Sonnengott, täglich im Gespann über den Himmel fuhr. Der junge Kaiser, der sich übrigens dick schminkte, um möglichst schön zu sein, tänzelte höchstselbst vor den sechs Schimmeln her, um sie zu lenken. Dabei mußte er aber rückwärts schreiten, und, damit er nicht stolperte, war ein Schwarm von Dienern tätig, jeden Anstoß zu entfernen. Die Straße war mit Goldsand bestreut, der sonnenhaft flimmerte. Alle anderen Götter holte man aus ihren Tempeln; sie wurden als Gefolge hinterher getragen. Das 89 Volk lief mit brennenden Fackeln nebenher. Es war ja das Fest des Lichtes. So etwas war noch nicht dagewesen. Zum Schluß stieg die Majestät auf einen Turm und warf kostbare Geschenke in die Menge, die sich wild darum balgte. Etliche erstickten in dem Gedränge. Alle Gottesdienste sollten in diesem neuen Gottesdienst aufgehen – Monotheismus! –, auch der christliche. So sagte dieser Operettenkönig ausdrücklich.

Fragt man, was er sonst trieb? Er hatte die Beschneidung angenommen und aß kein Schweinefleisch. Das kann uns bei dem Vollsemiten nicht wundernStatt dessen ließ er sich Strauße braten; Straußenfleisch sei den Juden erlaubt und vorgeschrieben; Vita c. 28, 4.. Sollen wir uns aber auch sonst dafür interessieren, was dieser Laffe aß und trank und womit er die Zeit totschlug? Die alten Geschichtsbücher sind voll davon, daß er nur in rein seidenen Stoffen ging, nur in köstlich parfümeriertem Wasser badete, Pfauenzungen und Nachtigallenzungen und Flamingohirn aß, Wurstfüllungen aus gehackten Austern liebte, seine Hunde mit Gänseleber fütterte u. s. f. Löwen hielt er sich, deren Gebiß entfernt war, und ließ sie während des Essens in den Saal kommen, damit die Gäste vor Schreck erstarrten. Auf Luftkissen ließ er die Tischgenossen beim Essen lagern und ließ den Kissen dann die Luft entziehen, so daß die Gäste kläglich unter den Tisch rollten. Über den Vatican kutschierte er mit vier vorgespannten Elephanten, und es kümmerte ihn nicht, daß die alten Grabdenkmäler, die da standen, umfielen. Wahre Bubenstreiche!

Wäre es nur damit genug. Aber nun der Haremsgeruch am Hof, die Eunuchenwirtschaft (auch dies etwas ganz Neues) und das sonstige Personal, womit er sich umgab, ausgesucht gemeine Kreaturen, zumeist Asiaten, Kutscher und Mimen, die er frech in die höchsten Ämter, sogar ins Konsulat beförderte. Man nennt uns die Namen. Hierokles und Zoticus hießen seine erklärten Liebhaber. Wenn er mit dem Musselintuch winkte, das an goldenen Ringen hing . . . doch bedecken wir den Rest mit Schweigen. Seine Mutter traf die Verantwortung für alles; sie traf die erste Schuld. Denn auch Soämias führte ein notorisch liederliches LebenVita Heliogabali, c. 2..

90 Rom war mit Moral wahrlich nicht verwöhnt. Jetzt war es angewidert, vor allem auch die Soldaten, die Prätorianer. Mäsa selbst war schwer betroffen; denn sie, die Großmutter, regierte ja. Aber sie wußte ein Mittel, um die Situation zu retten. Sie zwang jetzt den Enkel, seinen jüngeren Vetter Alexander zum Mitregenten zu machen. Führte Elagabal den Titel Augustus, so erhielt Alexander den Titel Cäsar; ersterer mochte weiter seinen religiösen Sport treiben, Alexander sollte sich ernstlich der Reichsverwaltung widmen. Dieser Knabe war erst zwölf Jahre alt. Sofort geschah, daß sich dem jüngeren alle Sympathie zuwandte, daß vor allem die Garde ihm enthusiastisch huldigte. Elagabal merkte es, und die Wut stieg ihm zu Kopfe. Er verging vor Eifersucht. Gab es nicht Gift, Gift, den Vetter zu beseitigen? Mäsa und Mamäa mußten fortan den Knaben ängstlich hüten. Kein Essen durfte er anrühren, das vom kaiserlichen Tische kam. Schließlich ließ Elagabal den Vetter nicht mehr auf die Straße; bei keiner öffentlichen Aktion durfte er sich zeigen. Das Militär aber schrie stürmisch: »Wo ist der junge Cäsar? Wir stellen dir die Palastwache nicht mehr, wenn du nicht machst, daß er sich uns zeigt.« Da nahm Elagabal in Angst und Grimm den Knaben mit in seine von Gold und Edelsteinen überladene Sänfte; so begaben sie sich zum Kasernenhof. Die Soldaten öffneten die Lagertore und überschütteten Alexander gleich freudig mit Ehrenbezeugungen, Elagabal wurde keines Grußes gewürdigt. Wie der Hergang weiter verlief, ist nicht sicher. Die kaiserlichen Frauen waren jedenfalls auch zugegen. Es heißt, Elagabal blieb die Nacht im Lager und schlief im Fahnenheiligtum. Erst folgenden Tages fand er den Mut zu schelten, Genugtuung zu fordern und die Rädelsführer, die ihn kränkten, mit Bestrafung zu bedrohen. Da schien es Zeit ein Ende zu machen. Die Soldknechte packten und massakrierten den Menschen, der nie eine Waffe getragen hatte, zugleich aber auch die Mutter Soämias, die ihren sauberen Sprößling in all der Zeit (es waren vier Jahre) hatte gewähren lassen. Mit Halloh wurden die beiden 91 Leichen durch die Stadt geschleift, der Lüstling in den Tiber geworfen. Die Wasser des Stromes genügten nicht, seine Sünden wegzuwaschen.

Für den müßigen Stadtrömer war die Weltgeschichte nichts als ein Theaterstück mit tausend Verwandlungen; die abgeschmackteste hatte er jetzt erlebt. Mit dem Kaiser Elagabal verschwand auch der gleichnamige Gott aus Rom. Mäsa entschloß sich, den gespenstischen Fetisch wieder nach Emesa zurückzuschaffen, das Junobild nach Karthago. An Hierokles und dem anderen Gelichter wurde Lynchjustiz geübt. Zu Ehren des Sonnendienstes aber müssen wir sagen, daß es töricht wäre, ihn nach dem, was man da eben erlebt hatte, zu beurteilen. Der feine Sohn der Soämias hatte ihn geschändetAelian schrieb damals, nach Elagabals Tode, eine Anklageschrift gegen ihn: Philostrati Vit. soph. II 31, 2.. Auch sollte er in anderer Gestalt bald wieder aufleben. Was läßt sich für den Erdenmenschen, dessen Phantasie bei einem rein geistigen Gottesbegriff sich nicht beruhigt, Reineres, Verklärteres denken als das Himmelslicht, das wärmend die Unendlichkeit und das All durchdringt? Es ist übermenschlich hoch und rein und fleckenlos, ist mächtig und unerschöpflich und der Spender alles Segens auf Erden: sein Ersterben im Winter unser Leid, sein Auferstehen ist Frühling, Verjüngung aller Kreatur und alles Lebens. In diesem Sinn haben seit Alters die frommen Inder, haben die Syrer dem Sonnendienst gehuldigt, ebenso die Griechen seit Homer und den Orphikern; auch Sokrates spricht sein Gebet, wenn er die Sonne aufgehen siehtAuf einer Insel im Roten Meer wurde dem Sonnengott eine Herde von Zebras gehalten, die Plautian von da nach Rom entführte; s. Dio, 75, 14, 3.. Die Griechen stellten ihren Helios in edler Bildung mit dem Strahlenkranz dar, wie er auf dem Wagen mit bäumenden Rossen aus dem Meer auffährt; so hatte ihn auch Kaiser Hadrian auf seine Münzen geprägt. Hadrian verehrte den Gott, Severus baute ihm in Byzanz einen Tempel, und auch die Christen standen damals nicht an, ihren Heiland selbst der Sonne gleichzusetzenÜsener a. a. O. S. 170 f.: Christus der illuminator humani generis; Cyprian Quod idola dii non sint c. 11; Tertullian, Apolog. 21.. Schon im Johannes-Evangelium heißt ja Christus »das Licht der Welt«, und die christliche Taufe war in jenen Zeiten eine Lichtfeier, mit Kerzen und LampenlichtÜber jeden, der getauft wird, ergießt sich das Licht von oben; so Cyprian ad Donatum c. 4.. Eben daher haben wir heute noch unseren Sonntag; der Tag der Sonne ist der 92 heilige Tag für uns geblieben; daher auch unser Weihnachtsfest; auf den 25. Dezember setzte man den Geburtstag Jesu; es ist der Tag, an dem die Sonne neu geboren wird, siegreich das Jahr wieder wachsen läßt und die längste der Winternächte überwindet. Man frage den im Bergwerk Verschütteten oder den Blinden, dessen Auge sich neu erschließt, was ihm das Licht ist: ein Erwachen aus Grabesnacht, Neugeburt, Erlösung und Auferstehen. Was ist für den naiven Sinn natürlicher, als die Hände zu recken zu seiner Anbetung? Aller Geist ist Flamme und Licht, und er wandelt täglich als Sonne den Himmel entlang königlich über uns her und regelt wortlos unser Leben, gibt uns das Zeitmaß und lehrt uns das Gesetz, die göttliche Notwendigkeit im Aufbau des AllsMan lese den Hymnus auf Sol in der Anthologia latina Nr. 389, wo es heißt, v. 5: nam chaos est sine Sole dies. Am Wundervogel Phönix vollzieht Sol die Auferstehung: nascitur ut pereat, perit ut nascatur ab igni, v. 32. Alle Götter sind Sol: Sol Liber, Sol alma Ceres, Sol Juppiter ipse eqs., v. 43. Sol gilt als syrischer Jupiter: Vita Caracallas c. 11, 7. So macht denn der Augur Scipio Orfitus eine Weihung dem Juppiter O. M. Sol Serapis, CIL VI 402 (Helbig, Führer Nr. 871). Sarapis wird als Sol mit der Strahlenkrone dargestellt: Helbig Nr. 298..

Auch der Mithrasdienst ist nur eine andere Form der Sonnenverehrung gewesenSchon Kaiser Commodus nahm die Mithrasweihen und machte den Mithrasdienst zur Staatsreligion..

Rom konnte endlich beruhigt aufatmen. Der große Skandal war vorüber. Man fühlte gleich, jetzt endlich würden wieder gute Zeiten kommen, vielleicht gar die goldene Zeit Mark Aurels. Der junge Alexander war gut geartet. Was der große Severus vorbereitet hatte, konnte sich unter ihm vollenden. Alexander Severus nannte er sich jetzt. Mamäa, seine Mutter, stand neben ihmEs scheint, sie hielt ihn wirklich für einen Sohn Caracallas, also einen echten Enkel des Severus: Dio 79, 19, 4., die vierte der Frauen, von der ich zu reden habe, und sie war anders geartet als Soämias. Von Anfang an hatte sie den Sohn von allen Ausschweifungen seines Vetters ferngehalten, hatte ihm die besten Männer zu Lehrern gegeben, die die Zeit besaß, eine Erziehung, die damals immer noch auf der lauteren Ethik der Stoa, wie Seneca und Mark Aurel sie gepredigt hatten, beruhte. Mäsa, die alte, tritt jetzt zurück. Mamäa ist es, die ihren Sohn mit einem Kronrat (concilium) von 16 senatorischen Herren umgibt, ohne deren Zustimmung nichts geschiehtHerodian 6, 2.. Das Römertum kam dadurch wieder zu seinem Recht. Auch greifen jetzt wieder die großen Juristen ein, Papinians Nachfolger Ulpian und Paulus; auch dies Männer, die ganz auf der stoischen Gesellschaftslehre fußen und deren großartige Tätigkeit auf dem Gebiet der praktischen 93 Gesetzesauslegung in Justinians Pandekten offen zutage liegt; denn der größte Teil des Inhalts der Pandekten ist aus den Schriften des Ulpian und Paulus wörtlich herübergenommen. Ulpian wird jetzt sogleich Gardepräfekt und bestimmt als solcher nach dem Herkommen den Geschäftsgang, der das Weltreich umfaßte. Die Schilderungen dieser Alexanderzeit sind daher reine Jubelhymnen. Der Senat pflegte in seinen obligaten Gebeten (die unserem Kirchengebet entsprechen) jedem Kaiser hundert Regierungsjahre zu wünschenDio 78, 8.; jetzt war der Wunsch wirklich ehrlich gemeint. Gelang es dem jungen Herrn, weiter durch Erben die Dynastie fortzusetzen, so war auch der Koloß des Weltreichs in seiner Einheit gesichert, die Menschheit geborgen. Freilich war er Asiat; auch Ulpian war es, der ganze Hof semitisch; es wurde fast nur griechisch gesprochen. Aber damit söhnte man sich aus. Als Mäsa die Augen schloßDas Jahr ist unbekannt., konnte sie eines ruhigen Todes sterben. Ihr großer Staatsstreich war doch nicht mißlungen.

Und ihre Tochter war sogar mehr als sie. Wie schade, daß wir Mamäas Biographie nicht haben, daß das Altertum uns überhaupt keine Biographien von Frauen gibt! Nicht, daß wir wissen möchten, wie sie sich kleidete (obgleich auch das bei Frauen immer wissenswerter ist als bei Männern); wohl aber, wie sie mit den Staatsmännern überlegen konferierte, den Soldaten gegenübertrat und wie sie im Bureau saß und rechnete und Gelder zählte. Den Stil der russischen Zarinnen nahm sie vorweg: laxe Grundsätze, aber Geschäftsklugheit, Bildungstrieb und starker Wille. Mamäa ging schlicht einher, das Haar einfach gescheitelt und glatt an den Seiten heruntergekämmt mit leichter Wellung; dieselbe Haartracht zeigen auch Mäsa und Julia Domna. Eine Frau der Arbeit kann keine Turmfrisur tragen. Ihr jugendlicher Marmorkopf in Paris zeigt wenig Gemüt und Seele, um so mehr kühle Klarheit und Geschlossenheit des Wesens; die Nase springt kräftig vor mit vollen Nüstern. In der Tat, so war sie: von zähem Willen, von großer Stetigkeit und planvoll in allem; zugleich Weltdame und Moralistin, 94 Intrigantin und Finanzgröße, die die Reichseinnahmen genau verrechnete, natürlich zu ihrem Vorteil. Am Prinzip des großen Severus hielt sie fest, vor allem ihr Hausvermögen zu steigern; das war unerläßlich, da auch das Regierungssystem dasselbe blieb und viele Beamtenstellen des Reichs in Händen des Militärs lagen, das bei dem jedesmaligen Kaiser persönlich im Dienst stand und aus der kaiserlichen Schatulle seine Bezahlung nahm. Die Ergebenheit des Soldatenstandes aller Grade hing von der Gage ab, die Mamäa zahlteAuch die assessores oder Gehilfen der praesides oder Gouverneure wurden jetzt honoriert: Vita 46. Ulpian schrieb damals einen liber assessorius, Digest 47, 10, 5. Über die praesides s. Digest. 1, 18, 1 ff..

Allerdings schuf das auch Mißstände. Man mußte sie hinnehmen. Caracalla hatte die Soldaten auf das ärgste verwöhnt; sie steigerten ihre Forderungen oder streikten; ihr Auftreten war herausfordernd, und so kam es damals, und wohl schon in den nächsten Jahren, in Rom selbst zu gräulichen Krawallen; die Bürger rotteten sich gegen die Garde; ganze Häuserquartiere gerieten in Brand. Auch draußen in den Provinzländern gab es Putsche; der oder jener Offizier warf sich zum Kaiser auf. Schließlich aber ging doch alles gut. Unheimlich ausgedehnt hatte sich die Seeräuberei auf dem Mittelmeer, die Handel und Wandel störte. Man mußte Geduld haben.

Den Alexander aber, ihr Söhnchen, hielt Mamäa fest in der Hand. Es gehörte sich so, daß er in der »Hut der Mutter« standÜber die custodia matris vgl. Rhein. Museum 70, S. 269; Aus dem Leben der Antike, S. 235; dazu auch Livius I, 3, 1.. Was er aß, wen er zu Besuch empfing – sie paßte auf, gab ihm eine Frau (es war wieder einmal eine Kinderehe, der wir in jenen Zeiten so oft begegnen) und nahm sie ihm wieder, als sie ihr mißliebig ward. Der Vater der jungen Person wagte ihr nämlich zu trotzen, ja, die Soldaten gegen sie aufzurufen. Der Dämon in ihr erwachte, und sie ließ ihn umbringen.

Gleichwohl ist zunächst Ulpian der eigentliche Träger der Regierung, der Ordner der Verwaltung gewesen. Er war die treibende Feder im Uhrwerk, wie Seneca unter Nero, und das Glücksgefühl wuchs. Das Recht herrschte wieder, die Unparteilichkeit. Die Köpfe saßen wieder sicher auf den Schultern. Die Gesellschaft erholte sich; die Blutbäder ruhten. »Jeder im Reich soll sich frei fühlen, der gutwillig den Gesetzen gehorcht,« das war 95 das Leitwort UlpiansDigest. 49, 1, 25: die libertas soll jeder haben, der bona voluntas und oboedientia zeigt, ein Satz, der sich übrigens wie eine Verwarnung an die Christen liest.. Einzelne Verfügungen aufzuzählen ist unmöglich, wie über das Ansiedelungsrecht der Veteranen im HeerVita 45., über die Verwaltung der Hauptstadt durch 14 KuratorenVita 33., die Ordnung des InnungswesensDer Schuster und der Kleinhändler; Vita 33. und seiner Rechtsvertretung. Aber auch die Wohltätigkeitsveranstaltungen großen Stils, die man Alexander zuschreibtVersorgung armer Kinder, die nun pueri Mamaeani hießen, Vita 57; Unterstützung Verarmter, Vita 40; Geldvorschüsse, Vita 21; Einführung von Luxussteuer, Herabsetzung anderer Steuern, Vita 24 u. 39., gehen gewiß auf seine Anleitung zurück.

Und Alexander selbst? Auf ihn blickte alles erwartungsvoll. Der Knabe zeigte sich lernfleißig und für jedes edle Wort empfänglich wie einst der Knabe Mark Aurel, aber ohne Feuer und sanft wie ein Lamm, ein Musterjunge, sparsam, verbindlich, bescheiden. Der Mutter Geldgier war ihm peinlich. Sein Porträt zeigt ihn uns noch bartlos, und da sieht er recht phlegmatisch aus, etwa wie ein Oberprimaner, der weniger durch Genie als durch Sitzfleiß primus omnium geworden ist; von fremdartigem Typus: mit etwas wulstigen Lippen, starren Augäpfeln und dickem Hinterkopf. Er gehörte zu denen, die keine Fliege töten können, ja, er hatte Talent zum Heiligen; schon allein um vom Elagabal abzurücken, trieb er es darin bis zum äußersten. Ein Büchermensch; daß die Frau Mutter ihn auch zu Leibesübungen anhielt, nützte wenig. In Platos Staat versenkte er sich ganzPlatos Staat wird auch in den Digesten angeführt; vgl. oben S. 56 Anm. "Daß Hadrian seine Reichsverwaltung...". und in Ciceros Schriften verwandten Inhalts. Strebsam wie ein Student vor dem Examen ging die Majestät auch in die UniversitätsvorlesungenGemeint ist das Athenaeum Hadrians, Vita c. 35.. Sein Lieblingswort, das er sogar an öffentlichen Gebäuden anbringen ließ, war der alte Satz: »Was du nicht willst, daß man dir tu', das füg' auch keinem andern zu,«Vita c. 51: quod tibi fieri non vis, alteri ne feceris. Der Satz steht fast wörtlich ebenso auf der christlichen Inschrift CJL. V 8738 aus dem 5. Jhd. Er war also in dieser Form rezipiert. Warum aber steht die Perfektform feceris? Man erwartet facias, und so, mit, facias, bringt Orientius den Satz wirklich, mit faciam Ausonius (vgl. Archiv f. Lex. XIII, S. 262). Das auffällige feceris mit seinem Silbenfall beweist zwingend, daß die Worte ursprünglich metrische Fassung hatten; vgl. die Disticha Catonis 1, 30: quae culpare soles, ea tu ne feceris ipse. Auf dasselbe führt die Nachstellung des ne; in Prosa hieße es ne alteri. Unverkennbar also sind die zitierten Worte ursprünglich ein trochäischer Vers gewesen, der sich von selbst so ergänzt:

Quod tibi (ipsi) fieri non vis, alteri ne feceris.

Er ist ganz in der Art der Sententiae des Publilius Syrus und könnte sehr wohl unter ihnen gestanden haben. Schon die Versform aber verrät seinen nichtchristlichen Ursprung. So finden wir denselben Gedanken denn auch sonst in der nichtchristlichen Literatur; vgl. A. Otto, Sprichwörter der Römer S. 16; dazu Maximus Tyrius Orat. 12 und Plutarchs Schrift »An ab hoste disci possit«.

und die Christen lasen den Satz gern; sie bildeten sich ein, der Kaiser habe ihn von ihnen, ja, er sei heimlich Christ geworden.

Daran war freilich nicht zu denken. Schon Ulpian stand dagegen, der als Stoiker in der Christenfrage fest und klar den Standpunkt Mark Aurels wahrteDaher der oben (S. 95 Anm. "Digest 49, 1, 25...") zitierte Satz Ulpians. Gleichwohl konnte die junge Kirche jetzt sicherer auftreten. Offiziell galten die Christen immer noch als bloße Ableger des JudentumsWenn es in der Vita c. 22 heißt: Judaeis privilegia reservavit, Christianos esse passus est, so heißt das nicht: er duldete, das Christen existierten, sondern: er ließ zu, daß die Juden Christen seien; es ist zu esse ein eos zu ergänzen., und der Hof war semitisch, war judenfreundlich. Eine fast 96 wohlwollende Duldung herrschte. Schon Julia Domna hatte dereinst ihrem Sohn Caracalla in Lyon eine christliche Amme gegeben, und Christen in der Palastbedienung waren schon nichts Ungewöhnliches; sogar sein kaiserliches Hausgut ließ Caracalla von einem solchen verwaltenAurelius Prosenes, der hernach auch sogar a cubiculo Augusti war; vgl. CJL. VI.. Daher eben jetzt der Beginn des Kirchenbaues, von dem ich sprach. Man konnte ihn ruhig wagen. Alexander proklamierte die Duldung sogar ausdrücklich. Wegen eines Bauterrains lag die christliche Gemeinde mit der Innung der Speisewirte oder Garköche Roms in Streit; die Sache kam an die höchste Instanz; Alexander sprach es der Gemeinde zu; denn sie diene doch immerhin Gott in irgendeiner Weise. Ja, sogar ein Christusbild besaß er schon. Besonders verehrte Idealmenschen stellten die reichen Römer gern in ihrer Hauskapelle (Lararium), einer Art Walhalla, auf; so standen im Lararium Alexanders neben Mark Aurel und anderen Kaisern auch der alte Sänger Orpheus, dann Apollonius von Cyana, der schon Julia Domnas Herz gewonnen hatteCaracalla baute dem Apollonius von Tyana ein Heroon; s. Dio 77, 18, 4., aber auch Christus und Abraham. Für den Freund der Religion ist dies eine unendlich wichtige Kunde: Christus wurde damals bereits plastisch dargestellt; gewiß auch in den Kirchen; es gab also bereits einen ChristustypDie Nachricht zu verdächtigen, fehlt jede Berechtigung. In bezug auf die Erwähnung der Kaiser, des Orpheus, des Apollonius ist sie völlig glaubhaft und sachgemäß; also müssen wir auch die Mitteilung über Christus und Abraham annehmen. Wer diesen Teil der Nachricht verwirft, muß sie ganz verwerfen; ein Abbröckeln ist unmethodisch. Welche Bedeutung der Gestalt Abrahams, der Christi nahezu gleichwertig, in der Entwicklung des »Gottesstaates« zukam, zeigt Augustins Civitas Dei (oben S. 383). Diese Auffassung muß älter sein; vgl. Justin, Apolog. 1, 46. Begann doch damals auch schon in der christlichen Chronographie die ganze Zeitrechnung mit Abraham; man zählte Jahre Abrahams; denn von ihm ging auch die ganze nichtjüdische Geschichte aus; vgl. 1. Mose, 12, 3. Daher wird also auch im Lararium des frommen semitischen Kaisers Abraham neben Christus gestellt. Übrigens hat man passend verglichen, was Augustin De haeresibus III, 7 von einer Frau erzählt, die in einer Kapelle die Bilder Jesu und des Paulus neben denen Homers und des Pythagoras verehrte.. Es folgt daraus aber auch, daß der junge Monarch die Evangelien schon gelesen haben muß.

Um das Jahr 250 n. Chr. zählte die Gemeinde Roms wohl schon an 30 000 GläubigeSie hatte damals einen Klerus von 155 Angestellten, eine Armenversorgung von 1500 Seelen; s. Harnack, Die Mission II³, S. 255.. Und nun trat auch das christliche Gelehrtentum auf. Ein großes Licht war damals ein gewisser Julius Africanus, ein reicher Herr, dabei Christ, der in Palästina lebte. Der Mann schrieb eine epochemachende Chronik, Geschichtstabellen, in denen er zum erstenmal die biblische und jüdische Geschichte mit der Profangeschichte verband und alles nach Jahren ordnete: ein unentbehrliches Werk. Ein weiteres Werk, das rein weltlicher Wissenschaft diente, widmete er geradezu dem Alexander, der das annahm. Mehr noch: eine ganze Bibliothek nahm der Kaiser von ihm als Geschenk an und ließ sie öffentlich aufstellenEs handelt sich um das Pantheon in den neuerbauten Bädern Alexanders, das dieser Julius Africanus zusammen mit der Bibliothek stiftete; vgl. Oxyrhynchos Papyri Nr. 412.. Aber auch 97 der Bischof Roms selbst näherte sich schon unverlegen dem Hofe.

Unter den Augen Mamäas entspann sich in der Stadt damals offener Kirchenstreit. Auf den Bischof Zephyrinus war Callistus gefolgt, derselbe, nach dem die Callist-Katakomben heißen. Man beschuldigte ihn, nur durch List und Ränke habe er den Bischofstuhl erworben, und als sein Ankläger trat nun einer der gelehrtesten Christen auf, der sich gleichfalls Bischof Roms nannte; also ein Gegenpapst. Er hieß Hippolytus. Callist behauptete, das katholische Prinzip, die unitarische Kirche zu vertreten. Hippolyt fiel über ihn her in seinem großen Werk »Gegen die Sektenbildungen«. Das Geräusch dieses unschönen Streites mußte auch an den Hof dringen. Aber Hippolyt ging weiter; ein Sendschreiben richtete er an Mamäa selbst, worin er sie über die Auferstehung des Fleisches belehrte, und veröffentlichte dieses Schreiben.

Das Interesse der umsichtigen Frau war sichtlich geweckt. Sollte sie die neue Lehre nicht zur Hofreligion machen, da die Einführung des Sonnendienstes so kläglich gescheitert war? Als sie nach Antiochien kam, tat sie den großen Schritt; sie zitierte den Origenes vor sich. Es kam zur mündlichen Auseinandersetzung zwischen der Kaiserin und dem ersten Führer der Christensache. Es war ein Religionsgespräch wie in Luthers Zeit und historisch ewig denkwürdig, die Begegnung Mamäas mit Origenes. Sie ließ den gelehrten Herrn mit militärischem Geleit aus Alexandria holen; sie wollte ihn hören. Der Greis, zugleich Philosoph und Philologe, hatte die ganze Geistesgeschichte des Griechentums und Judentums studiert und übertraf noch den Hippolyt, ja, ohne Frage auch alle heidnischen Größen der Zeit an profundem Wissen. Als Haupt einer großen christlichen Gelehrtenschule zog er Christen und Heiden an, beeinflußte gerade auch die gebildeten Kreise im weiten Orient, und niemand hat durch Wort und Schrift so viel für die Weltpropaganda getan wie er. Ein großes Schreiberbureau mit Kopistenpersonal diente ihm. Er ist es, der die große kritische 98 Textausgabe des griechischen Alten Testaments gemacht hat, indem er zur Kontrolle des Wortlauts sechs Textfassungen nebeneinander stellte (die Hexapla). Auch seine Heiligkeit war groß. Als junger Mensch war er so weit gegangen, sich entmannen zu lassen, weil er im Matthäus 19, 12 las, dem Entmannten komme der Himmel zu.

Jetzt trat er als gewiegter Weltmann, ein Mann des feinen Tones und der klugen milden Rede, ohne den gellenden Fanatismus der Zeloten, über die Schwelle des Serails der Kaiserin selbst. Wüßten wir nur, was sie da redeten! Die Weltgeschichte hing an ihren Worten. Vor kurzem hatte Celsus sein berühmtes Werk gegen die Christen und Origenes wiederum gegen Celsus seine berühmte Verteidigung geschrieben. Redete Origenes zur Mamäa wieder von der Auferstehung? sprach er vom Wort, das Fleisch ward unter uns? forderte er gar Beseitigung der Gottesbilder? und fuhr ihm Mamäa mit all jenen Gründen, die die Klugheit eingab, dazwischen, ein sophistisches Geplänkel? »Ihr sagt, man dürfe Gott nicht abbilden, und sagt doch auch, daß Gott den Menschen nach seinem Bilde schuf, setzt also selbst ein Bild Gottes voraus, ihr Toren! Und in sieben Tagen soll euer Gott die Welt geschaffen haben? wie einfältig! Ehe Sonne und Mond waren, gab es noch keine Tage und Nächte. Und Christus wollte die Menschen selig machen? warum kam er dann so spät? Was haben Sokrates, Solon und Homer, die vor Christus lebten, verbrochen, daß sie nicht auch mit erlöst werden sollen? Und die Vergötterung des Menschen Jesus, ist sie etwas anderes als die des Antinous, die unser Kaiser Hadrian beschloß?Vgl. Keim, S. 402. Über die Antinous-Religion s. Röm. Charakterköpfe, 5. Aufl., S. 302 ff. Wer den einen verwirft, muß beide verwerfen. Die Auferstehung des Fleisches ist ein fleischliches Begehren. Plato lehrt: nur die Seele soll auferstehen; denn nur sie ist Gottes Werk, der Menschenleib dagegen ist Erde und nicht besser als der der Fliege und Fledermaus; er ist also ein Hindernis der Unsterblichkeit, und wir müssen ihn loswerden. Überhaupt aber wißt ihr Christen selbst nicht, was ihr glaubt; denn gestehe nur: jede Sekte lehrt etwas anderes.«

99 Origenes ging. Die Begegnung blieb ergebnislos. Weltstaat und Weltreligion suchten sich und konnten sich noch nicht finden. Und nun trat ein, was das Finden auf lange Zeiten unmöglich machte. Alle politischen Hoffnungen stürzten plötzlich zusammen, und ein neues Chaos sollte folgen.

Schon das war ein schweres Unglück, daß im Jahre 228 Ulpian von seinen Prätorianern erschlagen wurde. Der ausgezeichnete Mann forderte Disziplin, und das paßte der verwöhnten Bande nicht. Alexander stand hilflos daneben und deckte die Leiche mit seinem Purpur. Volle zehn Jahre hatte der junge Herrscher des tiefsten Friedens genießen dürfen. Nur zu gern blieb er all die Zeit hindurch in der Hauptstadt, auch als er im kriegstüchtigen Alter stand. Es wäre Pflicht des Imperators gewesen, sich seinen Legionen draußen an den Reichsgrenzen zu zeigen. Nun kam das Schicksal von Osten; es setzte zum Umsturz den Hebel an.

Wer konnte den Umsturz voraussehen, der inzwischen im fernen Persien geschah? Das alte parthische Königshaus der Arsaciden wurde gestürzt; die Sassaniden begannen. Artaxerxes, der Sassanide, eroberte sich jene Länder im Jahre 226, und nun regte sich dort ein ganz neuer, stoßkräftiger Geist, der Plan, das Perserreich des alten Kyros, Darius und Xerxes in seiner ganzen Größe zu erneuern: Europa den Römern, Asien den Persern! Trennung von Europa und Asien! Ohne Zaudern überflutete Artaxerxes plündernd mit seinen Scharen das ganze römische Syrien, drang in Kleinasien ein; sein Plan war schon halb verwirklicht. Die Bestürzung war groß. Krieg! welch unbehagliches Wort! Alexander versuchte, den bösen Feind erst durch edel tönende Briefe zu begütigen, die ihm die Mutter diktierte. Es half nichts; er mußte aus den Reichsländern ein starkes Heer zusammenziehen, er mußte ins Feld. Ihm stürzten die Tränen, als er aus Rom ging; alles weinte.

Der römische Feldzugsplan war gut; von drei Seiten stießen drei Heere nach Persien vor. Aber während die erste und 100 zweite Armee wirklich kräftig vordrangen und sich exponierend dem Feind zum Kampf stellten, blieb die dritte Armee, die Alexander selbst führte, weit zurück, und so geschah es, daß die beiden anderen, ohne Deckung von Süden her, schließlich erlahmten, dezimiert, ja, vernichtet wurden. Seit den Cimbern und Teutonen hatte Rom nicht solche Katastrophe erlebt. Warum ging Alexander nicht vor? Seine Mutter war bei ihm; sie war kein Feldherr; der Sohn hing gleichsam an ihrer Schürze, und die Verachtung seiner Legionen traf ihn mit Recht. Es galt wieder mit vollen Händen Geld zu streuen, um die rabiate Stimmung zu dämpfen. Alexander der Große hatte einst als Jüngling ganz Persien im Sturm überrannt; dieser Kaiser, der sich nach ihm nannte, wagte den Fuß nicht über die Grenze zu setzen.

Immerhin aber hatte doch auch der Feind schwere Verluste gehabt; die Angriffe stellte Artaxerxes vorläufig ein, und so konnte Alexander sich doch eines Erfolges rühmen. Aber als er eben seinen kärglichen Triumph feierte (im Jahre 233), setzte das Schicksal schon den zweiten Hebel an. Die Germanen standen auf. Sie hatten von dem allen Kunde und bedrohten die Alpenübergänge nach Italien von der Donau her, sie bedrohten den Rhein. An den Rhein eilte Mamäa, die unermüdliche, in tiefen Sorgen mit ihrem Sohne. Die Syrerin wollte jetzt mit Germanen kämpfen; aber sie war keine Amazone, keine Penthesilea. Gold bot sie den Barbaren, um den Frieden zu erkaufen. Dann setzte sie ihre Hoffnung auf die Bogenschützen, die sie aus dem Orient mitgebracht hatte; denn auf den Fernkampf mit dem Pfeilschuß war der Draufgänger, der Nordländer nicht eingeübt. Übrigens aber mußte eine ausreichende Armee doch erst noch geschaffen, junge Mannschaften erst noch einexerziert werden, und Alexander betraute einen gewissen Maximin damit.

Der Hüne Maximin war allerdings ein Kernsoldat; es war ein roher Kraftmensch halb deutscher Herkunft, sein Vater angeblich ein Gote. Der aber gewinnt nun sogleich das Herz der 101 Truppe. Die Leute erkannten: das ist der Mann, den wir brauchen! und sie warfen ihm den Purpur um. Maximin zaudert erst, völlig überrascht, aber er fügt sich; er wirft das Zeichen der Herrschaft nicht ab und führt seine Leute schnell entschlossen im Aufruhr gegen das kaiserliche Zeltlager: er oder ich! einer kann nur Kaiser sein.

Eilboten kommen zu Alexander, ihn zu warnen; der steht wie gelähmt; man sah ihn weinen. Das Militär, das ihn umgibt, ist noch treu; er versichert sich ihrer Treue und gelobt demütig: »wenn ich schlecht regiert habe, will ich mich bessern.« Die Nacht vergeht. Schon zeigen sich Staubwolken. Es ist Maximin, der in der Frühe drohend herannaht. »Nun also zu den Waffen, Soldaten!« ruft Alexander. »Habt Mitleid und Erbarmen; was zaudert ihr?« Das war nicht der rechte Ton. Die Soldaten wollen nicht. Sie rufen: »Deine Mutter ist an allem schuld, die in ihrer Knickerei nicht ordentlich zahlt; nicht ein einziges Mal habt ihr uns über den Sold hinaus beschenkt. So gib du uns deine Vertrauten heraus, die üblen Ratgeber, die an allem schuld sind, daß wir sie umbringen.«

Da ist schon der Vortrupp Maximins heran; Getöse und Geschrei. »Verlaßt doch das Muttersöhnchen,« rufen sie, »den weibischen Menschen!« und Alexanders Mannschaften heben die Feldzeichen und gehen wirklich zu Maximinus über. Zitternd hockt der Verlassene mit seiner Mutter im Zelt und erwartet den Ausgang, und es ging rasch: ein Tribun mit etlichen Centurionen dringt mit gezücktem Messer ein und tötet ihn, tötet erbarmungslos auch die Mutter und was an kaiserlichem Personal sonst noch erreichbar war.

So war es geschehen. Die Dynastie des großen Severus war nun doch vernichtet, alle Verheißungen eitel. Die Sterne hatten doch getrogen. Frauenlist, Blut und Ränke, selbst das ehrliche Streben des letzten schwächlichen jungen Kaisers waren umsonst. Julia Domna, Soämias, Mamäa, alle drei Kaiserfrauen starben gewaltsam. Jetzt herrschte zum ersten Mal 102 ein Halbgermane, der Rom mutmaßlich nie gesehen hatte, ein rechter Barbar, und er begann sein Regiment sogleich nicht allein mit blutiger Verfolgung aller Anhänger Mamäas, sondern auch mit einer großen Christenhetze. Das ist bezeichnend; die Christen waren Mamäas Verehrer, sie waren ihre Begünstigten gewesen.

Jetzt stand wieder einmal alles in Frage; denn auch Maximin hielt sich nicht in seiner Macht. Das stark gebaute römische Staatsschiff ergriff ein Wirbelsturm, wie es noch keinen erlebt hatte. Wird es nicht kentern? Die Planken krachen, die Segel flattern zerfetzt am Mast. Von Osten her stößt der Sassanide, vom Norden die wachsende Macht des Germanentums, und der Mann am Steuer fehlt. Bald dieser, bald jener sucht es zu fassen, wird vom Orkan weggefegt und verschwindet. Unsicher wandert das Kaisertum von Hand zu Hand. Christen und Heiden spähten nach einem neuen Severus aus. Wann würde er sich finden?

Mamäa aber zählen wir trotz allem zu den großen Frauen der Weltgeschichte. Denn nach den Anklagen der Soldateska dürfen wir sie nicht beurteilen. Hochragend überlegen steht sie über ihren Zeitgenossen. Mit Weitblick und bewunderungswürdiger Stetigkeit hat sie die Reichspolitik des Severus weitergeführt, sein Erbe zum Wohl des Ganzen zu retten gesucht. Nicht nur Familienehrgeiz trieb sie; die Sorge der Menschheit hat sie in ihrem Busen getragen. Aber sie war kein Mannweib, keine Isabeau; sie war nur eine Frau und die Tragik ihres Lebens, daß sie einen Schwächling und keinen Helden gebar. 103

 


 

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