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Charakterbilder Spätroms und die Entstehung des modernen Europa

Theodor Birt: Charakterbilder Spätroms und die Entstehung des modernen Europa - Kapitel 12
Quellenangabe
typetractate
booktitleCharakterbilder Spätroms und die Entstehung des modernen Europa
authorTheodor Birt
year1923
firstpub1919
publisherQuelle & Meyer
addressLeipzig
titleCharakterbilder Spätroms und die Entstehung des modernen Europa
pages498
created20120625
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Das Ende

Es dient zum Verständnis des Voraufgehenden, wenn wir endlich auch noch Justinian, den Herrn des Ostreichs, mit seiner Kaiserin Theodora kurz ins Auge fassen.

Justinian machte eine gewaltige Figur für den, der nur auf seine Erfolge in Italien und Afrika blickte. Sein Plan der politischen Reunion des alten Gesamtreichs war ihm zu einem erheblichen Teil gelungen. Er besiegte auch noch die aufsässigen Mauren in Nordafrika; er versuchte auch auf Spaniens Boden Fuß zu fassen. Die energische Richtung nach Westen, die seine Regierung innehielt, spricht sich in eindrucksvoller Weise auch literarisch aus. Das umfassendste Lehrbuch und Lernbuch über die lateinische Sprache, die größte lateinische Grammatik, die das Altertum und das Mittelalter besaß, wurde damals von Priscian, einem Marokkaner und Lateinprofessor in Constantinopel, und zwar in fließendster Darstellung abgefaßtMit Vorliebe zitiert Priscian, weil selbst Afrikaner, afrikanische Namen, kennt auch noch die punische Sprache.. Der Okzident erhielt diese wertvolle Gabe von Byzanz. Wenn der Afrikaner Corippus in lateinischen Gedichten die Kaisermacht von Byzanz verherrlichte, so war auch das bestimmt, insonderheit auf die Völker des lateinischen Westens Eindruck zu machen. Von unermeßlicher Tragweite aber, die der Urheber selbst nicht ahnen konnte, war die Rettung des klassischen römischen Rechts, die Sammelschrift der lateinischen Pandekten, die Justinian persönlich veranlaßt hat und die neben seinem Rechtskodex und den »Novellen« im Jahre 533 ausgegeben wurde. Europas Geschichte wäre ohne dies Corpus iuris Justinians nicht denkbar.

Alles dieses war jedoch nur Schein, und Justinians Regierung gleicht schließlich doch nur einer Trödelbude oder gar einer Räuberhöhle, die sich hinter einer glänzenden Palastfront verbirgt. Ruhmsüchtig, wie er war, errichtete der Kaiser die stolzesten Bauten. Theodosius des Großen silbernes Standbild holte er von seiner Ehrensäule herunter und setzte sein eigenes Reiterbild an die Stelle, ein Reiterbild, obschon er nie selber in den Krieg austrittTrotzdem findet sich Justinian reitend dargestellt auf einem Silberschild; s. Jahrbuch des arch. Instituts 30, S. 206, Abb. 7.. Als er einen tollen Massenaufstand der Stadtbevölkerung mit Waffengewalt bezwang (Belisar, der große 431 Feldherr, war dazu nötig), gingen ganze Stadtteile Constantinopels in Flammen auf. Ein zweiter Nero, ließ Justinian alles glänzender wieder aufbauen; bei der Gelegenheit baute er gleich auch 25 neue Kirchen; denn er war arg fromm. Auch die »Hagia Sophia«, die grandioseste Kuppelkirche, der letzte wundervolle Triumph der griechischen Architektur, ist sein Werk. »Salomo, ich habe dich übertroffen,« sagte er stolz, als der Bau fertig dastand, und ließ Salomos Bildnis in der Nähe aufstellen mit der betrübten Gebärde des BesiegtenProkop, Anekdota ed. Orelli, S. 361.. Die Sorge um das Volkswohl aber lag ihm völlig fern, so lautet die entrüstete Anklage eines Zeitgenossen. Die großen Wasserleitungen der Hauptstadt verfielen, und er ließ sie nicht wiederherstellen. Es fehlte an gutem Trinkwasser, es fehlte auch an Brot. Durch Monopole wurden alle Waren verteuert und Geld gerafft mit allen Mitteln und mit schnödester Gewalt. Die Bevölkerung war in Zirkusparteien gespalten; ungestraft trieben sich ihre Banden mit gezückten Dolchen in den Gassen um, um die Passanten auszuplündern, und die Reichen wagten sich nur noch in Verkleidung aus dem Haus. Einen Reichsschatz von 300 000 Pfund Gold hatte der kaiserliche Vorgänger ihm und seinem Onkel Justinus hinterlassen; der Schatz war nur zu schnell verbraucht, und es galt ihn immer wieder nachzufüllen. Denn an die Slawen, die die Balkanhalbinsel schon damals überfluteten, an Hunnen und Germanen und Perser mußten immerfort große Gelder gezahlt werden, um den Frieden zu erkaufen. Justinian begünstigte die »Barbaren« planvoll im Reichsdienst, weil sie ihn militärisch sicherten; an 70 000 derselben lebten damals allein in Constantinopel selbst. Mit solchen Truppen hatten auch Belisar und Narses in Afrika und Italien gesiegt; insbesondere waren es die wilden Langobarden, die in Italien gegen die Ostgoten, Germanen gegen Germanen, fechten mußtenProkop, Gotic. IV, 33.. Das kostete Unsummen; die Barbaren fraßen das Staatsvermögen. Justinian aber huldigte ihnen; er war verliebt in sie: er ahmte selbst ihre Sprache nach, kleidete sich wie sie. Das ging ins Ordinäre. Um Geld und wieder Geld 432 zu schaffen, gab es nun Justizmorde und Gewaltakte zu tausenden; auf das Vermögen der Verurteilten war es abgesehen. Das Recht, das der Kaiser im »Codex« gebucht hatte, trat er in Wirklichkeit mit Füßen. Die Opfer waren die Anhänger einer der Zirkusparteien (der Grünen), vor allem aber die vielen im Lande, die nicht orthodox gläubig waren. Privatvermögen, Kirchenvermögen: der orthodoxe Kaiser hatte das Recht zu strafen und zu konfiszieren. Im übrigen wurde verleumdet und jeder, dem irgendein Laster nachgesagt wurde, gegriffen; dafür gab es ein besonderes Spionensystem.

Justinian war von niedriger Herkunft wie auch sein Onkel und Vorgänger, der Kaiser Justin, der geradezu Analphabet war und dem man die Hand führen mußte, wenn er eine Unterschrift leisten sollte. Noch schlimmerer Herkunft war die schöne Kaiserin, die berühmte Kurtisane Theodora. Daraus erklärt sich vieles. Es war ein Umsichschlagen allmächtig gewordener Emporkömmlinge, die aus der Hefe des Volkes stammten.

Aalglatt war Justinian, ganz unpersönlich und jeder Anhänglichkeit unfähig; immer freundlich, aber immer ausweichend, wenn er Audienzen gabDiese Schilderungen, die uns Prokop mit vielen Einzelheiten gibt, können in der Hauptsache nicht erfunden sein.. Mit halblauter, engelhaft sanfter Stimme dekretierte er dann nach angehörter Bitte das Todesurteil. Dazu in der Ernährung frugal bis zum äußersten; er hatte seine bestimmten Hungertage; er trank auch nicht; denn er wollte nie in Wallung geraten. Seine einzige Passion war seine Kaiserin, die schönste aller Weiber. Es heißt, sie war so schön, daß kein Künstler und Bildner ihre Züge je festhalten konnte. Das wundert uns freilich nicht bei dem notorischen Rückgang der damaligen Porträtkunst. Vom Theater stammte sie, eine flotte Person im übelsten Sinne des Wortes, hatte sich als junges Ding auf der Bühne so und so oft nackt prostituiert, wie das im Mimus Sitte war, und tausend Mannsbildern sich gewerbsmäßig hingegeben. Aber, überlegen klug und starkwillig, band sie sich an keinen, bis Justinian sie fand und sich in sie verliebte. Eine unerhörte Sache. 433 Seit sie im kaiserlichen Ornat stolzierte, wußte sie sich zurückzuhalten; sie war satt und begnügte sich jetzt damit, die dreisten Ausschweifungen ihrer Hofdamen zu begünstigen und mit ihrer Allmacht zu schützen. Ihr Eheherr war immer unruhig beschäftigt; sie ließ ihn regieren, hatte aber auf alles acht, gab selbständig Audienzen wie er, und wenn er etwas falsch machte, fuhr sie ihm dazwischen. Das betraf Krieg und Frieden, Persien und Ägypten, Orthodoxie und Häresie. Sie war die Überlegene, es geschah schließlich stets, was sie wollte: ohne Frage eins der genialsten Weiber, die je geherrscht haben; an Niedrigkeit der Gesinnung aber übertrifft sie die Pompadours und Katharinen, die uns die Weltgeschichte nennt, bei weitem.

Lässig und der Genußsucht voll hingegeben, lebte sie dahin, wohnte weit draußen vor der Stadt in ihrem Serail am wundervollen Meer, und alles mußte zu ihr hinauskommen; badete viel, schlief viel und, wie die Wildkatzen, auch am Tage, tafelte üppig und hatte so für die Geschäfte nur wenige Stunden übrig. Aber das genügte. Ganze Tage lang antichambrierten die Vornehmen, die aus der Stadt oder den Provinzen kamen, in einem Vorraum, der viel zu eng und unerträglich heiß war, vergeblich; von Ungeduld verzehrt, reckten die Herren sich dann auf den Zehen hoch, wenn endlich einmal ein Eunuch heraustrat, um wenigstens einen der Wartenden allergnädigst vorzulassen. Die Kaiserin streckte dem Eintretenden alsdann beide Füße hin; er hatte beide Pantoffel zu küssen.

Begreiflich ist, daß bei solchem Regiment, das fast 30 Jahre sich fortsetzte, ein bedenklicher Rückgang der noch immer reichen Länder des Ostens eintrat. Nordafrika aber wurde unter Justinians Verwaltung geradezu ein Land der BettlerProkop, Vandal. II, 28., ebenso Italien wieder völlig verödet und entvölkert; auch diese Eroberungen stärkten also Justinians Reich durchaus nicht. Pannonien mußte er gar den Langobarden preisgeben. Bleibenden Erfolg hat im Grunde nur seine Kirchenpolitik gehabt, an der Theodora eifrig mitwirkte. Das orthodoxe Glaubensbekenntnis wurde endgültig zu Herrschaft gebrachtDurch einen Ausgleich der sog. Monophysiten und Orthodoxen auf dem Konzil des Jahres 553; vgl. Realenzyklopädie für protest. Theologie IX, S. 651 ff., zugleich aber die 434 Trennung der griechischen Christenheit von Rom vollzogen oder angebahnt, die maßgebende Stellung des Papstes nicht anerkannt. Im byzantinischen Reich wurde die christliche Kirche vielmehr zur Staatskirche, der Monarch allein ihr bestimmendes Oberhaupt in Glaubenssachen, wie es hernach auch der Zar in Rußland gehalten hat. Auch die lateinische Sprache hörte in Constantinopel bald auf zu gelten, so wie umgekehrt der Okzident das Griechisch verlernteVgl. H. Steinacker in der Festschrift für Th. Gompertz, 1902, S. 324 f.. Das Schisma des Glaubens wurde zu einem Schisma der Kultur und des Völkerverkehrs.

Die Welt wartete auf Justinians Tod, der im Jahre 565 eintrat; sie wartete; denn neue umwälzende Ereignisse standen bevor. Justinians Politik starb mit ihm; Europa aber ging neuen Erschütterungen entgegen. Fassen wir in Kürze das Wichtigste zusammen.

Noch lauerte ein frischer Germanenstamm im Hinterhalt, die Langobarden. Belisar hatte sie als Hilfstruppe in den Kampf gegen die Ostgoten nach Italien geführt; sie hatten damals Italien schätzen gelernt. Alboïn hieß jetzt ihr König. Aus Pannonien, aus Österreich und Tirol, rückt Alboïn im Jahre 568 den Byzantinern zum Trotz in Norditalien ein – Rosamunde, die Gepidenfürstin, seine Königin – und setzt sich in Verona in den Palast des Theodorich. Zwei Drittel Italiens bis nach Capua waren bald von den Langobarden unterworfen; eisern ihr Arm wie ihre Krone; die Feste Pavia ihre Hauptstadt. Die Lombardei heißt noch heute nach ihnen.

Drei Jahre danach aber wurde zu Mekka in Arabien Mohammed geboren, der Prophet, und eine neue, allein seligmachende Weltreligion, der Islam, tat sich auf, auch er, wie alle Weltreligionen, ein Kind des sonnendurchglühten Orients. Auch dieser Glaube kämpft mit dem Schwert. Bekehrung ist Eroberung; die Araber reiten aus. Arabien wird plötzlich Weltmacht. Persien, Syrien, Palästina, Ägypten erobern die Kalifen im Namen des Propheten; Kairo wird gegründet, Constantinopel selbst wiederholt umzingelt, bedroht. Schon fällt auch Carthago, und das ganze ehemalige Vandalenreich in 435 Nordafrika ist jetzt arabisch; dadurch wurde dies Land für immer der europäischen Kulturgemeinschaft entrissen, versandete langsam physisch und geistig und schied aus der Geschichte aus. Alles das war das Werk von hundert Jahren. Schon aber ist auch Spanien bedroht. Auch das Westgotenreich in Spanien sollte untergehen, und die Araber vollzogen das Geschick. Gibraltar (Gibl-al-Tarik) hat von jenem Tarik seinen Namen, der dort mit seinen Mauren und Berbern im Jahre 717 zum erstenmal über die Meerenge setzte. Und das Krummschwert siegte; die Westgoten erlagen in wochenlanger Entscheidungsschlacht bei Xeres de la Frontera. Ihr letzter König, Roderich, das ist Don Rodrigo, verschwand im Reitergetümmel und ward nicht mehr gesehen; nur seine goldenen Schuhe wurden noch im Schilf gefunden, und die grüne Fahne des Propheten wehte seitdem 7 Jahrhunderte lang auf den Zinnen der gotischen Königsschlösser Toledos, Granadas und Cordovas.

In die steilen Gebirge Nordspaniens, nach Asturien, Cantabrien, Aragonien, Navarra zogen sich die Reste des hochkultivierten Gotenvolkes zurück.

Das Imperium Romanum war hiermit endgültig zerstückelt, die Grundlage für das Staatensystem des modernen Europa endgültig festgelegt. England, Frankreich, Spanien, Italien, jedes der Länder trug hinfort sein Schicksal in sich und rüstete sich selbständig für seine moderne Zukunft. Es änderte daran nichts, daß Karl der Große im Jahre 773 nach Italien zog, dort die Langobardenherrschaft vernichtete und die Frankengewalt an ihre Stelle setzte. Es war Italien trotzdem nicht bestimmt, französisch zu werden.

Das Mittelalter war da. Die neuen Nationen, die Deutschland noch heute umgeben, konnten nun wirklich entstehen; sie festigten sich, bald in raschem Wachstum wie in Frankreich und England, bald in schwerer Neugeburt wie in Spanien. Italien hat gar erst in Garibaldis Zeiten sein politisches Ziel erreicht.

Aber auch die alte römische Reichsidee lebte immer noch. Sie 436 stand dem gesunden Nationalismus noch lange Zeit hemmend entgegen. Wie konnte die Christenheit eines Constantin vergessen? Die römischen Kaiser waren tot, das römische Kaisertum schien unsterblich. Universalmonarchie! Von Justinian sprang die Idee zu Karl dem Großen hinüber. Im Jahre 800 nahm Karl, der Franke, in Rom die Kaiserkrone, die Krone Constantins. Ein magischer Zauber schien an dem Goldreif zu haften, und nicht die fränkischen, die deutschen Wahlkönige diesseits des Rheins sind es hinfort, die immer wieder nach ihr greifen. Es schien der heilige Beruf des Deutschen, um sie zu werben. Auf dem ganzen Mittelalter lastet diese Idee. Wie mit eiserner Zange hielt sie die Gemüter fest, und ein stolzes Fürstenhaus nach dem anderen hat sie erdrückt und zugrunde gerichtet. Denn auch die Papstgewalt reckte sich konkurrierend daneben auf, die auch ihrerseits theokratisch, als Stellvertreter Gottes, die ganze Welt einheitlich zu lenken, alle Könige zu Lehnfürsten des apostolischen Stuhls herabzudrücken beanspruchte: bis endlich der Weltsinn siegte, der Wahn verflog, die Zange rostete. Sie zerbrach an dem Granit des völkischen Egoismus, der überall gleichmäßig erstarkte. Der klare Blick der Politiker forderte hinfort vielmehr das dauernde Gleichgewicht der Mächte Europas. Es gibt keine Menschheit, es gibt nur Volkstum: diese Wahrheit ist das Fazit und Endergebnis der Geschichte der römischen Universalmonarchie.

Byzanz war seit Karls des Großen Zeit von Europa wie ausgeschieden; nur geringe Enklaven wie Ravenna besaß es noch zeitweilig auf italienischem Boden; es gehört seitdem dem Orient an, ist auf sich allem gestellt und hat so mit verhältnismäßig geringen Kräften seinen kulturgeschichtlich unendlich wertvollen Bestand gegen Araber, Perser, Avaren und Bulgaren in unaufhörlichen und großartig geführten Kämpfen noch Jahrhunderte lang behauptet. Auch für die Verbreitung des Christentums hat Byzanz nicht aufgehört zu wirken; aus Saloniki zogen im Jahre 863 die Slawenapostel Methodius und Cyrill nach Mähren; vor allem ist in Rußland durch 437 Wladimir den Großen im 10. Jahrhundert das Christentum nach griechischem Ritus eingeführt worden. Von der Hagia Sophia zog der orthodoxe Glaube den Don und Dniepr aufwärts durch das Land der Steppe bis nach Kiew, und die vergoldeten Kirchenkuppeln mehrten sich.

Die Germanen aber hatten ihre Mission der Umgestaltung Europas nicht ohne ungeheure Opfer vollführt. Ganze Völker voll Tatkraft und Bildungstrieb, Ostgoten, Westgoten, Vandalen, waren mit ihren Königreichen wie in der Versenkung verschwunden. Warum gerade sie? Sie waren in ihren Reichen doch nur Kolonisten gewesen und ihr Menschenmaterial zu gering, um die Grundbevölkerung der Länder rasch genug zu überwuchern. Auch waren es just die äußersten Außenposten am Mittelmeer, die sie besetzten; ihnen fehlte der Zuzug weiterer gleichartiger Volksmassen, und der heiße Erdboden sog sie gleichsam auf wie den Gewitterregen, der einmal brausend niederschlägt und sich nicht erneut.

Wie anders England und Frankreich! Die Franken konnten sich als Herren auf Galliens Boden immer neu durch Zuzug von jenseits des Rheins verstärken; nicht anders die Angelsachsen in England; und durch dänische, normannische Völkerwellen wurde der germanische Typus Englands noch weiter gesteigert, der keltische dort völlig beiseite gedrückt. Es ist der dem Friesischen verwandte Rassentypus, den England der Welt noch heute zeigt.

Aber auch mit Frankreich steht es nicht wesentlich anders, und es lohnt, dies klarzustellen. Der Franzose zählt sich heute mit Betonung zu den romanischen Nationen. Das ist grobe Selbsttäuschung oder ein falsches Spiel mit Worten. Es handelt sich hier nicht um die Sprache, sondern um das Blut. Nur Kelten oder Gallier saßen zu Julius Caesars Zeiten in Frankreich (dazu kam freilich noch die Grundlage einer brachykephalen Urbevölkerung, von der wir wenig wissen). Wenn nun jene Gallier die lateinische Sprache annahmen, so sind sie damit wohl ein lateinisches, aber kein romanisches Volk geworden. 438 Römisches Blut ist da in allergeringstem Maße eingeflossen; massenhaft warfen sich dagegen, wie wir gesehen haben, vor allem seit dem 3. Jahrhundert und immer aufs neue, germanische Bevölkerungen ins Land; anfangs durch Verschleppung und Versklavung; es waren die Laeti und die anderen Colonen, die fest an die Ackerscholle gebunden wurden; dann aber haben erobernd Alemannen, Westgoten und Burgunden zu Abertausenden sich in dasselbe Land ergossen; erdrückender als sie alle die Franken. Auch dieses fränkische Herrenvolk nahm dann schließlich nach Karls des Großen Zeit die aus dem Latein entwickelte Sprache an, die man die französische Sprache nennt; dasselbe taten auch die Normannen, die in der Normandie saßen und unter Führung Wilhelms des Eroberers sich Englands bemächtigten. Die Sprache aber ist nicht Fleisch und Blut; sie ist unkörperlich und höchstens imstande, den Seelenausdruck zu verändern, die Kunst des Denkens umzugestalten. Das Wort »französisch« selbst heißt ja auch nichts weiter als fränkisch, die französische Sprache die fränkische SpracheFrancus wurde lateinisch der Franke genannt, franciscus fränkisch; aus franciscus aber ist françois, français geworden; auch dies heißt also fränkisch. So steht denn im Deutsch des Mittelalters neben Frankrîche das Wort Franze für Frankreich. Aus François aber hat der Deutsche zweisilbig »Franzos« gemacht, und das ist richtig. Das schließende e in »Franzose« ist falsch und unberechtigt; falscher noch die Erweiterung, durch die wir das Eigenschaftswort »französisch« bilden. Da ist das isch zu viel; es ist so, als wollten wir statt dänisch dänischisch sagen; denn mit François ist betreffs der Bildung Danois, Suedois zu vergleichen. Als Rassenbezeichnung muß für die Franzosen Francogalli verwendet werden.. La France ist das Frankenland, l'Allemagne das Alemannenland; der Gegensatz der Franken und Alemannen spricht sich noch jetzt in den modernen Ländernamen aus.

Daher ist nun auch der Charakter des Franzosen im Mittelalter so anders als der des alten Galliers. Die gallische Urbevölkerung war politisch unbegabt, auch soldatisch kein Volk ersten Grades. Ganz anders der Franzose; der Geist Chlodwigs lebte sichtbar in ihm weiter, der Geist der ehrgeizigen Offensive, der kühnen und immer scharf rechnenden Politik. Nicht anders, wenn wir auf die Kunstbegabung sehen. Wie erfindungsarm, lahm und eitel sind noch im alten Gallien die Dichter des 4. und 5. Jahrhunderts, ein Auson und Sidonius! Erst im fränkisch gewordenen Lande erblüht plötzlich wunderbar die Poesie, das ritterliche Epos, die phantasiereiche romantisch große Dichtkunst. Mit den Franken kam die Phantasie ins Land. Diese Dichtkunst ist so germanisch wie das 439 Rittertum selber: Turnier, Gottesgericht im Zweikampf, Reiterleben, Abenteuerlust, die durch alle Länder streift. König Artus' Tafelrunde, Roland, Tristan und Isolde: schon die Namen der Helden verraten oft, wes Geistes Kind sie sind.Vgl. W. Kalbow, Die germanischen Personennamen des altfranzösischen Heldenepos, Halle 1913.. Damit begann eine neue schöpferische Periode der Weltliteratur, und alles das ist so unrömisch wie möglich. Und neben dem Epos steht die Gotik; auch sie ist französisch, d. h. auch sie ist fränkisch-germanisch. Wie eine neue Anbetung des Göttlichen schoß sie empor. In ihr ist Waldgeist, Wipfelgeist, und nur ein Waldvolk konnte diesen Hochwuchs der schlanken Pfeilerstämme, verzweigten Kreuzgewölbe und Steinblumen ersinnen; es ist die Sehnsucht dessen, der im Grase liegt und durch die verzweigten Buchenwipfel in den Himmel schaut; Germanensehnsucht in das Unendliche. Während der römisch antiken Bauweise der Geist der Begrenzung und des Meßbaren eignet, hat der Germane mit dem Volk des Jesaias und der Psalmen die Schwungkraft gemein, über sich selbst hinaus: phantastisch kühn in alle Himmel.

So hatte Frankreich im Mittelalter die Führung der germanischen KulturDas gilt insbesondere vom 13. Jahrhundert, dem Jahrhundert der Kreuzzüge, wo alle occidentalen Völker ein Gemeingefühl zusammenfaßte, Nordfrankreich aber die Zentrale bildete. Das spricht sich auch in dem Eroberungszug der Gotik aus, die zum Universalstil wurde; vgl. G. Dehio in der Histor. Zeitschrift 86, S. 387.. Das wurde erst anders durch die alles umgestaltende italienische Renaissance, als in den Geistern im 15. und 16. Jahrhundert die Antike auferstand. Dies neue geistige Römertum drang sogleich von Italien nach Frankreich hinüber. Damit war dem lebhaften, begabten Volk seine neue Rolle zugewiesen: Erneuerung Roms. Da Italien politisch nichts bedeutete, so übernahm das starke Frankreich Franz des Ersten von nun an die Aufgabe, auch ein politisches Römertum, dem die Vorherrschaft in Europa zukommt, neu zu schaffen und darzustellen. Gleich als Kaiser Maximilian starb, hat sich Franz I., der Franzose, um die römische Kaiserkrone deutscher Nation beworben. Schon damit war das Ziel deutlich angezeigt. So trug nun auch Paris fortan die altrömische Maske.

Das Königshaus war germanischer Abkunft; ebenso ungefähr der ganze Landesadel und auch große Teile des Bürgertums; das gilt noch von Lafayette, Voltaire, dann Gobineau, 440 auch Fénelon u. s. f. Überhaupt stammen die begabten Franzosen der Vergangenheit zumeist aus den Landesteilen, die von diesseits des Rheins kolonisiert sind. Jetzt aber unternahm es der Franke, der bisher nur in der Sprache latinisiert war, planvoll, sich selber zu verrömern; und das ganze Franzosentum wird nun romanische Drapierung, kein Sein, sondern ein Scheinen. Diesem Gallo-Franken hängt die römische Toga sonderbar aufgebauscht um die nervös unruhigen Gliedmaßen. Der gotische Baustil wurde hinfort verachtet und ebenso die kühnen und formlosen Ritterromane. Man wurde klassisch, dichtete nach dem Vorbild Roms Elegien, Dramen und Satiren, in denen nunmehr das rednerische Pathos und der geistreiche Ton erwachte; und die Städte schmücken sich auf einmal mit römischen Tempelformen, römischen Säulen und Pilastern, Fassaden und Fensterordnungen. Wie Corneille, hat auch noch Voltaire klassizistisch gedichtet. Wie die Schlösser Ludwigs XIV. und der Baustil Mansards, so war auch noch der Empirestil Napoleons eine gesuchte Neubelebung Roms. Die Männer der Revolution nährten ihr Pathos aus dem alten Livius, Plutarch und Cicero, und Napoleon hat in seiner Person bewußt den römischen Imperator erneuert.

Daß der Franzose diese seine übernommene Römerrolle seit nun 300 Jahren nicht ohne Effekt spielt, ist nicht zu leugnen. Er ist nahezu mit ihr verwachsen. Das Auge des Historikers aber weiß den Mimen auch heute noch von seiner Rolle, das Programm von seinem Urheber deutlich zu trennen.

Mit mehr Recht nennen sich wohl die Spanier und Italiener Romanen. Wer entdeckt heute am Durchschnitts-Italiener und Spanier noch germanische Züge? Gleichwohl hat auch da der Zufluß aus der blonden Rasse nachhaltig weitergewirkt. Der Spaniertypus hat sich im Befreiungskampf gegen die Mauren ausgebildet im 10.–14. Jahrhundert. Die Nachkommen der Westgoten in Asturien unter Pelayos Führung aber waren es, die diesen Kampf begannen, und das ganze feudale spanische Rittertum, das da unter der Fahne des Kreuzes focht, stammt 441 von ihnen; es ist dem Wesen nach germanisch und mit dem Rittertum Frankreichs und Deutschlands völlig artgleich. Man sehe den Eid, den Campeador oder »Kämpfer«, mit dem treuen Roß Babieça und seinen Mannen, Wolfsrachen auf ihren Schilden; auch hier Gottesgericht im Zweikampf, auch hier Reitergefecht, Ehrbegriff, stolze Lehnsmannentreue. Im kastilischen Königshaus lebte der Name Heinrich, Enrique, weiter; in Leon herrschten die Nachkommen des Goten Reccared. Auch Diaz, Gomez, Ferdinando, Alfonso sind ja entstellte deutsche Namen. So ist Katalonien nichts anderes als Gotalanien; der Name selbst bedeutet auch heute noch das GotenlandSo wie Andalusien seinen Namen von den Vandalen hat; es ist Vandalitia. Ich erinnere noch daran, daß im 11. Jahrhundert in den Kirchen Spaniens die westgotische Liturgie herrschte.. Das Blondhaar herrscht noch bei den Frauen im Don Quixote des Cervantes; blauäugig war die Königin Isabella von Kastilien.

Länger noch als in Spanien hat die germanische Unterströmung ohne Frage in Italien nachgewirkt. Der italienische Volkstypus ist gewiß nicht germanisch, aber er ist auch nicht römisch. Wer kann im Italiener noch den Römer erkennen? Schon im Altertum selbst war die unausgesetzte Zuwanderung asiatischer Elemente hierauf von Einfluß (denn alle Sklaven waren ja ausländisches Blut); dann aber kamen die Germanentruppen im Römersold, dann die Mannen Odowakers, weiter die Goten Theodorichs, die Langobarden Alboïns, weiter die Franken, die Normannen, endlich die Zeit der Hohenstaufen, wo ganz Italien sich in Gibellinen und Guelfen spaltete. Daher die vielen deutschen Eigennamen, nicht nur Vornamen wie Luigi, Carlo und Francesco, die bis in die Gegenwart reichen, sondern auch Familiennamen wie Ghiberti (d. i. Wilbert), Alberti, Bruno u. s. f.Im 10. bis 12. Jahrhundert wimmelt es in Italien von deutschen Eigennamen: Adalbert von Ivrea, Berengar von Friaul, Otto von Montferrat, Wido von Spoleto, Alberich von Tusculum, Bertha von Susa, Adelheid von Turin, weiter Engelbert und Hugo, Irmengard, Emma und Mathilde. Pandulf und Gisulf sind die letzten langobardischen Fürsten in Süditalien, als dort die Normannen unter Roberts Führung eindringen. So aber auch die Künstlernamen: Meister Wilhelm an der Fassade von S. Zeno in Verona, Ubertus an den Bronzetüren des Lateran in Rom; dazu Meister Gruamons in Pistoja, Robertus und Biduinus in Lucca; Arnolfo di Cambio in Siena und Florenz, Fra Guilelmo d'Agnolo in Pisa usf. Weiterhin wird dann aber auch eine Reihe italienischer Familiennamen aus dem Deutschen erklärt: die Alberti, Riccardi, Strozzi, Pazzi, Landi, Grimaldi, Dandolo u. a. m. Der Deutsche in Italien hat nicht nur genommen, sondern auch gegeben. So auch in der Kunst. Es läßt sich freilich nur ahnen, nicht genau ermitteln, wie viel die wundervolle italienische Renaissancekunst dem Anteil deutschen Blutes verdanktHelmolt, Weltgeschichte VI, S. 330. Übrigens sei für diese Fragen, die Frankreich, Spanien und Italien betreffen, auf L. Woltmann »Die Germanen in Frankreich«, Jena 1907, verwiesen; daselbst S. 52 über die Capetinger und Bourbonen, S. 63 ff. über französische Eigennamen, S. 86 über Napoleon, S. 119 ff. und 127 ff. über germanische Einflüsse in Italien und in Spanien. Man kann an der Methode Woltmanns vielleicht manches anfechten; eine Menge auffälliger Tatsachen aber stellt er nützlich zusammen. Ich erinnere noch an den Florentiner Humanisten Pico della Mirandola, der uns als junger Mann mit augenfällig deutschem Typus, von hohem Wuchs, mit hellen Haaren und tiefblauen Augen geschildert wird (L. Geiger, Renaissance und Humanismus, 1882, S. 204). – Neuerdings ist in den Franzosen selbst wieder das Gefühl dafür wach geworden, wie nahe sie im Grunde den Germanen stehen. Daher stellt Suarés Shakespeare über Racine, Rembrandt über Rafael. André Gide sagt: »Wir hatten (außer den Italienern und Spaniern) andere Vettern, die Barbaren . . ., diese cousins germains. Beschränken Sie Frankreich nicht auf das, was es schon gesagt hat; wenn es auch weniger lateinisch ist, so glauben Sie nicht, daß das, was es noch sagen hat, weniger französisch ist.« Und Romain Rolland: »Frankreich verdankt seine Auferstehung der Mannigfaltigkeit seiner Rassen, die es zusammensetzen. Die Blumen des Geistes, die seit dem 12. Jahrhundert im französischen Garten blühen, waren bei aller Verschiedenheit alle unter einander verwandt« (nach P. E. Curtius, Die literarischen Wegbereiter des neuen Frankreich, S. 187 f.; 241 f. u. 249).. Man bedenke aber, daß es im Altertum eine römische Malerei kaum gab; woher also kam dem Italiener die Begabung? Ist es Zufall, daß auf all den italienischen Gemälden die blonden Schönheiten herrschen? daß 442 Michelangelo (wie übrigens auch Napoleon Bonaparte) langobardischer Herkunft war? Auch völlig unmusikalisch war der Römer des Altertums und hat nie ein Tonkunstwerk zustande gebracht; es ist geradezu kläglich zu sehen; woher also kam dem Italiener die Musik? woher ein Palästrina? woher das Vermögen, das Gemüt in Wohlklang zu ergießen und im komplizierten Tonsatz Musikwerke zu schaffen, die der großen deutschen Tonkunst zum Vorbild dienten und die Wege wiesen?

Ein Volkscharakter gestaltet sich geheimnisvoll wie die Pflanze, die über Nacht aufsprießt. Wer will uns sagen, woher der Same flog? wer uns das Geheimnis enthüllen? Es ist so, wie wir bei einem begabten Kinde staunend fragen, von welchem der Eltern ihm mit dem Blut seine ungewöhnlichen Eigenschaften kamen.

Franzosen, Spanier, Italiener: jedes der drei Völker schritt seinen eigenen Weg; jedes hat bis zum heutigen Tage andere Sorgen und Wünsche; jedes eine andere Herkunft. Aber ein gemeinsames Band umschließt sie doch; es ist die Sprache. Blut und Rasse ist nur körperlich, nur animalisch und tritt nicht deutlich ins Bewußtsein. Ungleich mächtiger ist die Sprache, sei sie auch nur angelernt, da sie die Geister bindet, da sie das Bewußtsein trägt, ja, Bewußtsein schafft. Es bedeutet viel, wenn Völker Liebe und Haß und Stolz, Gott und Vaterland mit ein und demselben Wort benennen. Der Gleichklang wirkt Sympathie. Es sind alles drei lateinische Völker, von denen ich rede, die übernommene Römersprache ihr wichtigstes gemeinsames Erbe aus der Zeit der Cäsaren. Danach gruppieren sie sich bis auf den heutigen Tag.

Mit großartiger Ellbogenfreiheit aber hat sich endlich neben diese Gruppe England, das Britannien der Römer, gestellt. Auch das Germanenvolk der Engländer nahm bekanntlich in seinen rein niederdeutschen Sprachschatz große lateinische Wortmassen auf, gleich als wollte es mit den Lateinfranken, den Franzosen, in zweckmäßiger Fühlung bleiben; aber es nahm diesen lateinischen Aufguß nicht etwa aus erster Hand von Rom, 443 sondern aus zweiter Hand von den Normannen. Und nicht den Franzosen, den Engländern war nun auch die größere Zukunft vorbehalten.

Es ist erstaunlich zu sehen. Das Inselland, wo einst Septimius Severus sein tatenreiches Leben beschloß, wo Constantin der Große sein Weltkaisertum antrat, wo Carausius, der Seeräuberhauptmann, zum erstenmal ein selbständiges britisches Reich römischen Stils gründete und kraft seiner Flotte zu sichern wußte, es war in den Zeiten der Antike doch immer nur ein abgesplitterter Fetzen Europas, isoliert und fern abgerückt und für die damalige enge »Welt« leicht entbehrlich. Das wurde mit einem Schlage anders, als die Ozeane sich öffneten, die jenseitigen Kontinente auftauchten, der Seefahrer in der fernen Südsee die fabelhaften Antipoden fand, an die Augustinus nicht glaubte, Europa an Bedeutung mehr und mehr einschrumpfte, das Handelsschiff, das Kriegsschiff seetüchtiger wurde und schließlich ins Kolossale wuchs. Seitdem hat das Germanentum von England aus die ganze Welt kolonisiert. Als Vorbau Europas liegt die Germaneninsel frei und unzugänglich im Wasser, und ihr Volk suchte und fand seine Zukunft jenseits des Atlantik und der großen Meere. So ist London – wie einst Rom – schließlich das herrschende Zentrum des größten Weltreichs der Gegenwart geworden, Englisch die Weltsprache, die alle Völker sprechen lernen wie einst das Latein in den Zeiten des Römertums. Englische Festungen, englische Dreadnoughts beherrschen die Meerengen und das offene Fahrwasser Spaniens, Arabiens, Afrikas, Australiens, Indiens. Erst spät und langsam ist das bevorzugte Volk in diese beispiellose Machtstellung eingerückt.

Das ist der Stand der Gegenwart; Roms Geschichte hat uns indes belehrt, wie Weltreiche entstehen und wie sie auseinanderfallen. Alles im Leben hat seine Zeit, ob wir nach Jahren, ob wir nach Jahrhunderten zählen. Die Kräfte ruhen nicht, die da im ewigen Wechsel lösen und binden.

Und Deutschland endlich? Deutschland, das Mutterland des 444 Germanentums? das alte Kraftzentrum, von dem Frankreich und England nur Ausstrahlungen sind? Mit finsterem Groll und Bitterkeit sieht es jetzt auf diese Völker, seine Töchter, die sich in diesen Jahren des Weltkrieges mit dem Slawentum verbündet haben, um das alte Stammland politisch zu vernichten. Deutschland hat nie zum Imperium Romanum gehört, und es ist stolz darauf. Es hat keine Fremdherrschaft je geduldet. Es hat die germanische Rasse am reinsten bewahrt, so auch das Kleinod der deutschen Sprache, die an altem Adel dem Latein Ciceros, dem Griechisch des Sophokles gleichsteht, aber von den latinisierten Germanen vergessen und preisgegeben wurde. Eben dadurch aber ist es gekommen, daß der Deutsche in der Welt so isoliert dasteht, und daran hing und hängt sein tragisches Schicksal, das sich eben jetzt, da ich dies schreibe, vollendet.

Durch Mittelalter und Neuzeit hat auch Deutschland eine selbständige, große und tatenreiche Geschichte durchlebt. In freiwilligem Lerneifer und nicht gezwungen, hat es von den Franken Frankreichs die Kulturgüter des römischen Altertums entlehnt und bei sich eingeführt, Städte, Kirchen und Klöster gebaut, Gewerbe, Künste, Wissenschaft und Handel getrieben: fleißig, erfindungsreich, gelehrt und dazu kriegstüchtig wie wenige. Ja, es nahm obendarein aus der Hand Karls des Großen die Last des römischen Kaisertums auf sich; der Ruhm umstrahlte seine gekrönten Fürsten, und es schien oftmals, als wäre es zur führenden Macht des weithin germanisierten Europa bestimmt.

Aber Deutschland scheiterte an seinen eigenen Eigenschaften. Was haben ihm seine gewaltigen Staatsmänner und Herrscher, die Ottonen, die Hohenstaufen, der große Kurfürst und Friedrich der Große, was hat ihm schließlich Otto von Bismarck genützt? Ein rettungsloses Zerschellen der immer wieder gewonnenen starken Positionen ist unser Los durch alle Zeiten geblieben: Tod und Auferstehung und wieder Tod. Der Grund dafür aber ist klar. Nur ein in sich einheitliches Land ist zur 445 Machtpolitik befähigt. Die Engländer und Franzosen haben früh den einheitlichen Typus einer Nation gewonnen, sich in eine Staatsform gekleidet, die dauerhaft die Kräfte sammelt und ihrem Wesen angemessen ist. In ihnen ist daher die Nationalehre und ein gesunder Ehrgeiz wach, und die Politik ist bei ihnen feste Tradition seit Chlodwigs und Wilhelm des Eroberers Zeiten. Deutschland war und Deutschland ist dagegen ein loses Nebeneinander von Schwaben und Sachsen, Hessen und Bajuvaren, die in angestammtem Neid und Hader auch heute wieder so borstig eigenwillig auseinanderstreben wie in den Tagen Hermanns des Cheruskers, Friedrich Barbarossas und Gustav Adolfs. Wo der nationale Kernwille fehlt, ist die politische Tradition, ist die Stoßkraft, ist die politische Zielsetzung unmöglich.

Unter der zwingenden Führung Preußens hatte sich Deutschland noch einmal nach jahrhundertelangem Darniederliegen zu einer Machtstellung emporgerungen, die seiner Volkszahl würdig war. Als die Mißgunst der Welt sich gegen sie verschwor, warf es sich heldenmütig in den Verzweiflungskampf gegen zehnfache Übermacht. Wir haben es mit Bewunderung, mit Erschütterung erlebt. Deutschland ist in dem Kampf erlegen, und unser dauernder Ruin ist beschlossen. Welches aber sind die Feinde, die sich dazu zusammentaten? Es sind just die Mächte des alten Imperium Romanum. Die alten römischen Reichsländer Italien, Frankreich und England standen auch jetzt wieder zusammen; sie wollten ein starkes Germanien nicht dulden. Die Deutschen sollen wieder in den Urzustand wie zur Zeit des Marius und Julius Caesar zurück. Es wäre den Feinden eben recht, wenn wir auch wieder barfuß und halbnackt im Fellschurz herumliefen und uns von Gerste und Hirse nährten wie in jenen armseligen Zeiten.

Der Deutsche aber hat mitten im Kampfe, von innerem Klassenhaß zerrüttet, die Waffen vorschnell und wie im Irrsinn weggeworfen. Er hofft, scheint es, immer noch auf Gnade. Verkleinert, verhungert und abgemagert nagt Deutschland jetzt 446 am Knochen der sozialen Volksbeglückung; es begnügt sich jetzt damit, seine lockere Staatsform hastig umzuwerfen und noch lockerer wieder aufzubauen, wie ein Kind, das mit dem Baukasten spielt, bis man ihm auf die Finger klopft. Alle Machtpolitik verreden und verwünschen jetzt unsere Wortführer, als ob sie nicht wüßten, daß ohne Macht kein gesicherter Wohlstand, ohne Wohlstand keine Kultur, ohne Kultur keine Rettung vor moralischer und leiblicher Verelendung ist. Beides, auch die moralische Korruption, hat schon erschreckend eingesetzt.

Was also wird uns die Zukunft bringen? Wir sind heute isolierter als je. Das römische Weltreich konnte Deutschland einst zerstören, der Koalition der jetzigen Weltreiche ist es erlegen. Wie Schweden und Holland, wird auch Deutschland nunmehr ein Land der politischen Zukunftslosigkeit; es wird zur Antiquität, ein stilles Denkmal seiner eigenen Vergangenheit. Gleichwohl ist das nicht das Ende. Der Vaterlandsfreund glaubt trotz allem und allem, er glaubt selbst angesichts des ruchlosen Leichtsinns, mit dem heut Unzählige unter uns den Verfall fördern statt ihm zu wehren, an eine moralische Wiedergeburt. Er kann nicht anders. Ohne solchen Glauben läßt sich nicht leben, und es stärkt sein Herz, wenn er zurückblickt auf die große Geschichte der Germanen.

Was ist Moral? Sie ist Kraftwirken in Gottergebenheit. Unsere Kraftquellen haben sich stets erneut im Auf- und Abwogen der Weltgeschichte, in unerschöpflicher, unversieglicher Verjüngung; und ob es uns bestimmt ist, Jahrhunderte lang den Herrenvölkern als Heloten zu dienen: die Arbeit selbst erfreut, erquickt, die Arbeit schafft Gesundung und inneres Genügen. Sie, durch die sich der Herrenmensch entehrt fühlt, ist für den Deutschen ein Kleinod. Der Deutsche ist da, um sich zu opfern, und die Geduld ist der Trotz des Frommen. Wer zählt die Scharen arbeitsuchender Siedler, die unser verarmtes Deutschland allein im 18. und 19. Jahrhundert, in den Zeiten der Massen-Auswanderungen, nach Ungarn, Rußland, Brasilien, Australien, Kalifornien geworfen hat? Sie haben durch ihren 447 redlichen Fleiß auch draußen der Welt genützt; ja, sie bewährten sich überall als Kulturträger ersten Ranges. 30 Millionen Deutsche leben so noch heute in fremden Ländern verstreut. Für ihr Vaterland sind sie verloren. Der Weinstock aber ermüdet nicht und fragt nicht nach Dank; er trägt immer neu und bietet fröhlich seine Trauben. Seien wir wie er. So blicken wir auf Frankreich, auf England, die unsere Todfeinde geworden sind, und über die Meere auf die weite germanisierte Welt mit Genugtuung und Schöpferfreude hinaus, eingedenk des Wortes unseres Dichters, der in der Zeit der größten deutschen Schmach und Machtlosigkeit sich seinen gesunden Stolz bewahrte:

Ich sah die Völker alle als einen großen Leib,
Den Deutschen als ihr Leben: er opfert sich der Welt.

(Abgeschlossen im Juni 1919.)

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