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Charakterbilder Spätroms und die Entstehung des modernen Europa

Theodor Birt: Charakterbilder Spätroms und die Entstehung des modernen Europa - Kapitel 11
Quellenangabe
typetractate
booktitleCharakterbilder Spätroms und die Entstehung des modernen Europa
authorTheodor Birt
year1923
firstpub1919
publisherQuelle & Meyer
addressLeipzig
titleCharakterbilder Spätroms und die Entstehung des modernen Europa
pages498
created20120625
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Germanenkönige

Das Schicksal der Welt begann sich zu erfüllen, und die Forderung Augustins setzte sich durch.

An Constantinopel freilich zerschellte der Völkersturm; das oströmische Reich stand wie ein fester Block im Schwall der Dinge; es war ein Reich mit zwei Fronten, gegen Mesopotamien und gegen die Donau. Dort in Byzanz hielt sich auch noch das alte römische Kaisertum mit lateinischer Amtssprache; die Staatsmaschine arbeitete da ebenmäßig so weiter, wie Diocletian und Constantin sie eingestellt hatten. Byzantinisch nennt man hinfort dies höfische Regierungssystem, das nunmehr gleichsam in sich erstarrt ist, unzugänglich und unfähig jeder Verjüngung durch volkstümliche Impulse. Aber eine überlegene Diplomatie blieb zugleich dort herrschend, und ab und an fanden sich dort noch erhebliche Kronenträger, die im Namen der alten Universalmonarchie in das Chaos Westeuropas herrisch einzugreifen unternahmen.

Freilich vergebens. Sie konnten nicht hindern, daß im Okzident auf dem alten Boden ein junges Germanenreich neben dem anderen sich herstellte. Es war ein stolzes Kolonisieren: die jungen Völker überall schließlich die Herren im Land, so wie die Engländer heute als die Herren schalten in Indien, Ägypten und Kapland. Aber es waren auch jetzt noch wilde Zeiten. Denn mit dem Schwert mußten die Germanen sich durchsetzen; was war da also Leben und Eigentum? Trotzdem hören wir gelegentlich ausdrücklich ihre Haltung loben. Wer aber fromm war, wurde geistlich; das steigerte sich jetzt; die Aristokraten der Tugend schlossen sich in ihre Klöster ein und schieden von der Menge aus, statt sie zu führen.

Folgen wir zunächst den streitbaren Vandalen nach Afrika. Ihr Name hat üblen Klang. Das soll uns nicht stören. Es waren nur etwa 80 000 kampffähige Männer, die da auf der Suche nach einer Heimat mit ihren Familien nach Afrika kamen und auf dem völlig fremden Boden außerhalb des Zusammenhangs der europäischen Länder sich als Herren festsetzten: Geiserich, Thrasamund ihre bekanntesten Könige aus dem 393 Geschlecht der Asdingen, rechte Recken wie alle diese deutschen Fürsten, die besten Exemplare ihrer Rasse, kühn zugreifend und siegesgewiß; sie glichen einem Roger und Robert Guiscard, den romantischen Normannenkönigen des 11. und 12. Jahrhunderts, die da wie Sturmwind über Sizilien und Neapel herfuhren. Aber die Vandalen waren zugleich gelehrig und klug wie alle anderen Germanen und achteten und bewunderten die Gaben der römischen Zivilisation auf das höchste. Den bäurischen Charakter hatten sie mehr als die anderen Germanenstämme eingebüßt. Sie lernten auch in den Städten zu leben, deren Befestigungsmauern sie freilich niederlegten, freuten sich an Zirkus, Arena und Thermen, hatten ihre städtischen Paläste, ließen vor allem die römische Gesetzgebung und Verwaltung, die sie vorfanden, so weit sie nützlich, unangetastet bestehen und hatten ein offenes Ohr für Theater und Literatur und die Dinge des schönen Scheins und des verfeinerten Genusses.

So war auch das 5. und 6. Jahrhundert immer noch richtiges sogenanntes klassisches Altertum; aber es war kein Römertum mehr; es war jetzt die Zeit der germanischen Antike. Um ein paar Namen zu nennen, so dichtete damals unter den Burgunden Avitus die schönste aller antiken christlichen Dichtungen, die ich kenne, ein Epos von Adam und Eva, die da in Gottes Paradies ihr märchenhaftes Idyll leben, bis die Schlange sie verführt und sie in die Sünde fallen. Venantius Fortunatus dichtete im Frankenreich der Merowinger am Hofe Sigiberts und zu Ehren der frommen Königin Radegunde, Ennodius unter Theodorich in Italien, Luxorius und Dracontius in Afrika unter König Thrasamund. Es sind lauter gewandte Leute, diese Dichter, die sich im rollenden lateinischen Hexameter ergehen; freilich zumeist geistlichen Standes. Und da lebt dann auch die altklassische Mythologie munter weiter. In Pantomimen ließen sich die Vandalen die rührende Geschichte der Andromache vorführen oder den Raub der HelenaAnthologia latina 310.. Beim Zirkusrennen nennen sie ihre Kutscher oder ihre 394 Rennpferde Ikarus und Phaethon und PelopsAnthologia latina 324.. In ihren Gärten hausen immer noch die lieben DryadenAnthologia latina 332.; in den Bädern sind die Statuen Neptuns und Gott Amors aufgestellt, die das Wasser aus der Schale ergießenAnthologia latina 347 f.. Die alten sieben Weisen, Solon, Thales usf., mit ihren Sentenzen lassen sie sich in Versen aufzählen, bequem zum AuswendiglernenAnthologia latina 351.. Wir sehen, wie in den großartigen Maximianischen Thermen in Carthago eine christliche Kapelle hergestellt ist, da findet eine Vandalenhochzeit stattVgl. Dracontius ed. v. Duhn, S. 97. Ein ähnliches Epithalam des Luxorius, ein Vergilcento, für den Vandalen Fridus gedichtet, steht Anthologia latina 18., und ein Dichter ist zugegen und ruft die Göttin Venus selbst herbei, daß sie das Paar glücklich mache. Es ist, als hätte sich nichts verändert.

Carthago hat König Geiserich zu seiner Hauptstadt gemacht. Eine der großmächtigsten üppigsten Weltstädte hatte er damit in Händen; denn Carthago war damals größer und blühender als Rom selbst. Die alten Großgrundbesitzer, die das Volk aussogen, hatte er depossediert und vertrieben, und auf den Latifundien saßen jetzt seine vandalischen Mannen. Daß die Vandalen im Jahre 455 nach Italien vorstießen und Rom nahmen, nahmen und furchtbar plünderten, hat ihrem Ruf am meisten geschadet; daher vornehmlich der Vandalismus, von dem man heute zu reden pflegt. Der maurischen Landbevölkerung in Afrika dagegen waren diese neuen Herren gar nicht unlieb; die Auflagen und Lasten waren jetzt geringer, die persönliche Freiheit ungebundener. Mit rücksichtsloser Strenge gingen die Könige nur gegen die vornehmen Verschwörer im Lande vor, die zum alten Regime hielten und auf das Eingreifen des byzantinischen Kaisers hofften. Die Vandalen widerte aber auch die unnatürliche Lasterhaftigkeit in Carthago an, wo die eleganten Huren sich breit machten und die Päderasten als Stutzer frech über die Straße schlenderten; sie schritten dagegen mit Keuschheitsgesetzen einSalvian VIII, 14.. Das wirft ein grelles Streiflicht auf die sittlichen Kontraste in jenen Zeiten der Rassenmischung.

Dreimal so groß wie Italien war Geiserichs Reich, und es wuchs noch an Macht. Er schuf sich eine Flotte, wie es sonst auf dem Mittelmeer keine gab, und nahm Sizilien weg, Malta, 395 Sardinien, Korsika. Italien war damit nahezu blockiert. Wer sollte diesen Germanen etwas anhaben? Ein freudestrahlendes Gedicht verkündet den Ruhm König ThrasamundsAnthologia latina 376.; es hat etwa folgenden Inhalt: Thrasamundus ist der Ruhm des mundus (ein Silbenspiel; mundus heißt »die Welt«), er, der kaiserlich in Afrika herrscht. Er ist fromm und klug und männlich stark, und alle Schätze der Welt fließen bei ihm zusammen in Königspracht: chinesische Seide, persische Edelsteine, lydisches Gold und alle Früchte des früchtegesegneten Afrika. Carthago die strahlende Hauptstadt. Aber Thrasamund hat auch einen neuen Hafen Alianas gegründet, von wo aus er das Meer beherrscht. Carthago aber über alles! Carthago triumphiert, die Wiege der Asdingen, Carthago prangend in äußerem Glanz, Carthago durch Studien und Gelehrte ausgezeichnet, Carthago strotzend von Volk und von Palästen, Carthago holdselig, Carthago süß durch seinen Wein, der dem Nektar gleich. Möge es glückstrahlend die Jahrhunderte überdauern, dein Herrschertum, o Thrasamundus!

So wie die Vandalen in Afrika, so saßen die Westgoten, Alarichs Nachkommen, in Südfrankreich und Spanien. Frankreich aber hatte mehr als einen Herrn. Nördlich der Loire um Orleans und in der Auvergne bestand immer noch als von Germanen umgebene Enklave ein erhebliches römisches Territorium, das unter kaiserlicher Verwaltung stand; der große römische Heermeister Aëtius wußte es immer noch zu behaupten. Um das Territorium zu sichern, veranlaßte derselbe Aëtius im Jahre 443 die Könige der Burgunden, die angeblich bisher in Worms am Rhein saßen (dort in Worms zeigt uns das Nibelungenlied König Gunther, Hagen und Krimhilde), sich mit ihrem Volke im heutigen Burgund im Herzen Frankreichs, um Dijon, Autun und Besançon, anzusiedeln. Im Elsaß saßen gleichzeitig die Alemannen fest; dieselben auch in der Westschweiz um Solothurn. Das nordöstliche Stück Frankreichs endlich an der Somme und Maas war für immer in Händen der starken Salischen Franken unter den Merowingern. 396 Ganz seitab aber lag Britannien; es hatte sich, wie wir sahen, schon öfter vom Römerreich losgerissen; es hing zu lose am Reichskörper. Jetzt, im Jahre 449, wurde das Inselland von heidnischen Angelsachsen und Jüten, die über die Nordsee jagten, überfallen und genommen; Hengist und Horsa waren ihre sagenhaften Führer, und das Kaisertum hat nie wieder den Arm nach England ausgestreckt. Der Name der Länder gibt dauernd Zeugnis davon; England führt von den Angeln, Frankreich von den Franken seinen Namen bis zum heutigen Tag.

So sah die Welt aus, als Attila, der Hunne, über sie kam. Es war der Alexander, es war der Napoleon jener Zeit. Attila, der große Chan, einigte die verstreuten Hunnenvölker, und der Schreck, die Betäubung fuhr vom Kaukasus bis zu den Pyrenäen. Er unterwarf sich von der Donau aus (zwischen Wien und Ofen lag seine Hauptstadt) alle Länder nördlich der Alpen vom Rhein bis zur Wolga, vom Schwarzen Meer bis zur Ostsee, und plante mehr; er wollte auch Frankreich, er wollte Rom, Constantinopel, er wollte gar auch Persien nehmen. Die Barbarei hatte in ihm ein Herrschergenie erster Größe erzeugt. Es galt eine neue Zusammenfassung der Welt; das römische Reich sollte durch das Hunnenreich abgelöst werden. Zwanzig Jahre (von 433 bis 453) sind die Jahre Attilas, der Gottesgeißel. Die starken östlichen Germanenstämme, die Heruler und Gepiden, die Rugier und Skiren, die Ostgoten waren jetzt die Vasallenvölker der Hunnen, die unter ihren Königen dem Attila willig dienten. Es ist der König Etzel, zu dem aus Worms die Nibelungen ziehen, in dessen Saal Krimhildes Rache spielt; es ist der Etzel, an dessen Hofe auch der Westgotenheld Walthar von Aquitanien, von dem das Waltharilied singt, mit seiner Geliebten Hildegunde als Geißel heranwuchsVgl. mein Buch »Vom Krieg umgeben«, S. 138 ff..

Hundert Jahre hatten die Hunnen sich bisher in Europa umgetrieben; sie hatten sich in dieser Zeit veredelt, germanisiert, den Einflüssen der Sitten des Okzidents angeglichen. Nur so 397 wurde ein Attila möglich. Seine Erscheinung war freilich asiatisch genug: kurzer Wuchs, großer Kopf mit kleinen Augen und gestülpter Nase; sein Auftreten aber herrenmäßig bei aller Verschmitztheit und nicht ohne Größe; er herrschte durch die überlegene Ruhe seines Wesens, die klug den Jähzorn bemeisterte. Er war so, daß er Vertrauen erweckte und echte Treue und Ergebung fand; der Gepidenkönig Ardarich seine Hauptstütze. Attilas Bruder Bleda war zeitweilig sein Mitregent; die Brüder vertrugen sich tadellos. Von ergebenen Königen und Fürstensöhnen wimmelte die großartige Hofhaltung; alles ging in Zobel und Otterfellen. Auch Gesandte strömten herzu, und ein Grieche, der aus Constantinopel mit vielem Personal zu ihm ritt, ist es, der uns einmal am Hofe des Attila einführt und alles anschaulich zu schildern weißPriskus, der im Jahre 436 als Gesandter des Kaisers Theodosius II. dorthin kam..

Der griechische Kaiser in Byzanz hat dem Attila den Titel eines Feldmarschalls des Kaiserreichs verliehen und zahlt ihm jährlich Tribut in Form eines Feldherrngehalts; aber derselbe Kaiser hatte trotzdem noch immer Hunnen in eigenem Sold; Attila wollte dies nicht dulden. Daher die Gesandtschaft. Beiläufig aber waren diese Gesandten beauftragt, Attila zu ermorden; große Geldmittel waren ihnen mitgegeben, um einen geeigneten Täter anzuwerben.

Attila zieht eben in seiner Residenz ein; die griechischen Gesandten hinter ihm her. Es war ein umfangreiches Dorf von Holzhäusern in flacher Ebene. Die Häuser bestehen aus schön geglättetem Tafelwerk. Das Blockhaus des Königs selbst hat einen Holzzaun mit hohen Holztürmen; die Tür des Zaunes hat Schloß und Riegel. Das Wunderwerk des Ortes aber sind Thermen aus wirklichem festem Stein; ein kriegsgefangener römischer Architekt hat sie für den König bauen müssen. Einreitend wird Attila von Ehrenjungfrauen mit Gesang empfangen. Die Mädchen halten dabei Schleiertücher über sich hoch, so daß immer etwa sieben unter einem solchen Schleier einherschreiten. Der König ist hungrig, sitzt aber nicht ab, 398 sondern speist hoch zu Roß; seine Mannen müssen einen Tisch solange hoch halten, bis er satt ist.

Auf Teppichen liegt er, als er die Gesandten zum erstenmal offiziell empfängt: um ihn eine Menge Dienerinnen, die Buntstickereien auf Leinewand machen. Durch Dolmetscher wird verhandelt; denn die Hofleute dort verstehen zwar Deutsch, auch etwas Latein, aber kein Griechisch. Es folgten Tischgelage, erst beim König, dann auch bei der Königin. Attila hat viele Frauen; seine Hauptgattin heißt Kerka, und er hat viele Söhne, die schon erwachsen sind und Teilherrschaften im Reich verwalten.

Bei der Mahlzeit stehen hölzerne Sessel an beiden Längswänden des Saales entlang. Attila sitzt zwischen ihnen auf einer Kline, einem Sofa, hinter welchem gleich sich sein Schlafraum mit Bett befand; das Bett war durch bunte Vorhänge verdeckt. Auf derselben Kline sitzt sein ältester Sohn neben ihm, der aber in Scheu den Blick nie zu erheben wagt. Zuerst wird nur getrunken, und wem Attila zuzutrinken geruht, der muß vom Stuhl aufstehen und so den Trunk erwidern. Dann werden die kleinen Tische mit dem Essen gebracht und vor die Stühle gestellt, ein Tisch immer für je drei Personen. Attila selbst ißt nur Fleisch von einem Holzbrett; er trinkt auch aus Holz; die Gesandten dagegen bekommen auf Silber serviert und besonders leckere Speisen. Für gewöhnlich lebt der Hunne von Hirse und Dünnbier. Als es dunkelt, werden Fackeln entzündet, und zwei Sänger singen von den Heldentaten des Attila. Ein Narr tritt auf und macht seine Späße, obendrein auch ein Buckliger, der die Gabe hat, in allen Sprachen durcheinander zu sprechen; da dröhnt die Holzhalle vom Gelächter der Barbaren; nur Attila findet kein Gefallen daran. Vielleicht verstand er die Sprachen nicht.

Die Gesandten hören sich unter den Leuten achtsam um. Da finden sie auch einen Griechen, der seit längerem bei den Hunnen als einer der Ihren lebt; der sagt: »Unter Attila lebt sich's weit besser als im Reich bei euch Römern. Hier fehlen 399 die hohen Steuern, und jeder macht so ziemlich, was er will, ohne Berufszwang und leidige Aufsicht; da kann man sich glücklich fühlen.« Den Gesandten stimmt das nachdenklich, und er weiß wenig zu erwidern.

Der Mordanschlag aber, der sich gegen Attila richtete, wird schließlich doch aufgedeckt. Attila begnügt sich damit, den kaiserlichen Gesandten, der den bösen Plan betrieb, in Ketten zu legen und 50 Pfund Gold als Lösegeld für ihn zu fordern. Außerdem forderte er, daß der Kaiser in Byzanz den Eunuchen am Leben strafe, der den Plan zuerst ausgeheckt hatte. »Wie ein elender Bauer stellst du mir diebisch nach,« ließ er dem Kaiser sagen. »Ich hab' meinen Adel bewahrt, du hast den deinen geschändet und bist mein Knecht, da du fortfährst, mir Tribut zu zahlen.«

So bellte der Gewaltige die byzantinischen Katzen an, die sich wie vor der Dogge feige vor ihm verkrochen; so hallte sein Wort wieder und wieder über Alpen und Balkan. Aber er erlag schließlich seinem eigenen Allmachtstriebe. Als er endlich wirklich erobernd in Frankreich einfiel, erlag sein Heeresbann in der wütenden Völkerschlacht auf den katalaunischen Feldern, zwischen Troyes und Chalons sur Marne, im Jahre 451. Für ihn fochten die Ostgoten, gegen ihn aber die Westgoten unter Führung des kaiserlich römischen Feldherrn Aëtius. Für die Westgoten war dies der Tag, der ihren Ruhm verewigt; denn sie retteten damals Frankreich und die römische Kultur. Ihr König fiel in vorderster Reihe; aber auch die Toten schwangen noch die Waffen und fochten in den Lüften weiter.

Attila saß still in seiner Wagenburg, als die Sieger ihren Heldenkönig auf dem Schlachtfeld selbst begruben, als sie ebenda einen neuen König auf den Schild erhoben. Dann zog er ab, aber er ruhte nicht. Was in Frankreich mißlang, sollte ihm jetzt in Italien gelingen. Den Schlüsselpunkt Italiens, Aquileja, nahm er; er verbrannte es. Die Einwohner flohen in die Lagunen ans Meer und bauten dort auf Pfählen eine neue Stadt, 400 Venedig. So ist durch Attilas Raubzug Venedig entstanden, die eigenartige Keimstätte neuer üppiger Kultur.

Attila dünkte sich Herr Italiens. Als er aber Rom nehmen wollte, zwangen ihn seine germanischen Vasallenkönige, dem Flehen des Papstes nachzugeben, der um Schonung batDaß Attila, der Heide, selbst sich vom Papst Leo I. zur Umkehr bewegen ließ, ist Legende; sie ist psychologisch unmöglich. Die Gepiden und Goten in seinem Heere waren Christen; ihre Könige saßen in seinem Kriegsrat. Auf diese christlichen Gemüter muß des Papstes Erscheinen stark gewirkt, ihre Weigerung, gegen Rom mit Gewalt vorzugehen, Attilas Willen gebrochen haben.. Sein Rückzug war ein Symptom des Endes: sein Wille war zum zweitenmal gebrochen. Im folgenden Jahre starb er. Unter seinen Söhnen zerfiel und zerbröckelte sein Riesenreich sofort wie ein Sandhaufen, über den die brandende Woge spült. Ardarich, der Gepidenkönig, der Ostgermane, derselbe, der des Attila Hauptstütze war, zerschlug das Reich seiner Söhne in glorreichstem Schlachtenkampf am Netad in PannonienDahn, Könige II, S 17; Jordanes cap. 50.. So wie in späterer Zeit das Reich Napoleons, des Korsen, erst in der Völkerschlacht bei Leipzig und dann endgültig bei Waterloo zerbrach, so das Reich des hunnischen Napoleon erst bei Chalons und dann in der Gepidenschlacht.

Der Hunnenschreck, das wilde Intermezzo, war zu Ende. In der Phantasie der Völker lebte Attila so ewig weiter wie Bonaparte; die Weltgeschichte aber konnte neu beginnen und da wieder anknüpfen, wo sie vor ihm aufgehört.

Der Sieg des Germanentums in Europa: nennen wir ihn mit Recht den Völkerfrühling? Mit Stürmen setzte er ein, aber es war doch ein Frühling, der den Winter aus dem Lande trieb.

Schon zu Mark Aurels Zeiten hatte es in der alten Welt zu herbsten begonnen. Wie Winterkälte fiel es über die Menschheit seit dem starren Regiment des Byzantinismus, das schon mit Diocletian anhob, und die christliche Kirche brachte, wie eine Zentralheizung, nur künstliche Wärme in das greise Leben. Schwunglos, gedrückt und verkommen war die Gesellschaft unter dem wirtschaftlichen Rückgang, unter dem pressenden Druck der Regierungsmaschine geworden. Auch die Germanen waren gewiß oft rüde, gewissenlos, habgierig und ruchlos genug. Man denke nur an die Frankenkönigin Fredegunde, dies niederträchtige Scheusal, in ihrem Kampf mit der Gotin 401 Brunhilde; und derartige Gestalten mit blutigen Händen, die für Shakespeares Bühne taugen, begegnen uns in diesen Zeiten nicht wenige. Der Historiker lehnt es ab, auf der Wage die Eigenschaften der Völker, ob gut, ob böse, abzuwägen. Gleichwohl wurde in der müden Welt mit den Germanen eine Fülle jungfrischer und mächtiger Triebe wach, elementarer im Laster wie in der Guttat; eine drangvolle Lust zum Werden und Blühen; der erquickende Hauch des Zukünftigen. Die alte Staatsform zerbrach; das Wort Freiheit erhält wieder Sinn und Leben; junge Formen des Volks- und Rechtslebens, unendlich entwicklungsfähig, suchten sich aus dem Primitiven zu gestalten. Es gab neues Heldentum, und damit bald genug auch eine neue Kunst, neuen Liedersang. Es gab die reichste Mannigfaltigkeit in der Entwicklung des Menschentums. Wie klassisch in ihrer Durchbildung, aber wie eintönig ist doch die antike Kunst, ob sie in Rom oder Merida oder Nîmes ihre Tempel aufstellt! Das römische Kaiserreich hatte alle Völker gleich gemacht, und nur die verschiedenen Religionen waren es, die eine phantastische Buntheit in das Leben trugen. Jetzt haben umgekehrt alle Völker einen gemeinsamen Glauben, aber sie selbst differenzieren sich mächtig in ihren Eigenarten, und ihr Wettbewerb um die Werte der Kultur brachte den größten Reichtum in die Welt, mit ständigem Austausch und gegenseitiger Befruchtung, einen Reichtum, deß wir noch heute genießen; man stelle nur das Volk Voltaires neben das Shakespeares, Calderons und Ariosts.

Endlich aber, es gab auch eine neue Sittlichkeit, roher zunächst und grobkörniger, flegelhafter, aber gesunder. Das gilt zum wenigsten für die Zeiten Alarichs und Theodorichs.

Wir sahen schon, wie die Vandalen in Carthago gegen die verworfenen Laster in der Großstadt einschritten: eine Sittenkontrolle. So singt denn ein Kirchenmann, der jene umwälzenden Zeiten miterlebte, aufrichtig und laut das Lob der Tugend der neuen Völker. Es ist Salvian, der in Marseille saß, aber Vandalen, Goten und Franken aus nächster Nähe beobachtet 402 hat. Gott straft uns schon im Diesseits, so predigt er. Wer unter uns katholischen Christen lebt wirklich Gott wohlgefällig? Alle Sünden haften an uns, als hätte das Christentum nichts verbessert. Seht auf die Germanen. Sie sind schon deshalb entschuldbarer, weil ihre Kultur geringer. Freilich ist der Franke treulos, der Sachse ist wild, der Hunne unzüchtig; aber diese sind noch Heiden und wissen nicht, was sie tun. Die Goten und Vandalen aber, die arianische Christen sind, könnten uns ein Vorbild sein. Sie sind wirklich gut und liebreich zueinander, ob vornehm, ob gering. Daher flüchtet zu ihnen, wer bei uns arm und gering, und findet dort gutherzige Aufnahme und Zuflucht. Der Druck auf die unteren Klassen fehlt, und damit der Klassenhaß. Es lebt sich besserDies hebt auch schon Orosius VII, 41, 7 hervor.. Auch kennen sie nicht die raffinierte Lüsternheit unserer Schauspiele. Der Gote und Vandale ist keusch im Vergleich mit uns. Daher auch ihr Wagemut, der aus ihrem Gottvertrauen fließt. In Gottes Hand legen sie den Sieg. Wir aber sind nicht nur an Geld arm, sondern auch an Sittlichkeit. So ist es ein gerechtes Gericht, daß Gott die Welt an die Barbaren gibt.

Wenden wir uns zu den Westgoten, den Nachkommen Alarichs. Sie hatten, wie erwähnt, zunächst den schmalen Streifen Südfrankreichs inne mit Toulouse und Narbonne. Nach Norden sich auszudehnen hinderte sie der römische Besitz, der dort jenseits der Loire bestand und den jetzt der römische Heermeister Syagrius schützte. Daher weiteten sie sich nach Spanien aus, nahmen Toledo und andere Städte; denn auch sie wußten jetzt das städtische Leben zu schätzen. Ihre Könige waren immer noch ein herrlich Geschlecht. Die Römer aber und die altrömisch Gesinnten sahen auf alles Germanische mit Haß und Schmähsucht. Die Goten, heißt es, haben das Reichsein noch nicht gelernt und werden immer gleich trunken vom BesitzeSidonius Apollinaris Epist. V, 7.. Aber dieselben Zeugen konnten gelegentlich nicht umhin, sie zu bewundern. Mit Neugier wird beobachtet, wie ein junger Germanenprinz, er hieß Sigismer, als Bräutigam auszieht, um sich die Braut zu holen. Eine Koppel Pferde in prachtvoll mit 403 Edelsteinen geschmücktem Geschirr führt er mit sich, geht aber selbst zu Fuß über die Straße, ganz in Rot und Weiß gekleidet, auch er selbst blendend weiß von Haut und kräftigem Wangenrot. Die vornehmen Jünglinge, die ihn im Zuge begleiten, haben bloße Kniee, bloße Waden, Fellstiefel; ein enger buntfarbiger Rock, der nur bis zum Knie reicht; darüber ein grüner Mantel mit Purpurrand; die Hände voll Waffen; von der Schulter hängt das Schwert herabSidonius Epist. IV, 20..

Besonders aber will man wissen, wie solch ein Gotenkönig, der in Toulouse sitzt, selber aussieht, und da erhalten wir eine lächerlich genaue Beschreibung; wie ein Steckbrief: der junge Herr sei ein bevorzugtes Geschöpf Gottes; Rundschädel, aber hohe Stirn; die langgewachsenen krausen Haare haben sich von der Stirn zurückgezogen. Wunderbar lang sind seine Augenwimpern, so daß sie, wenn er das Auge schließt, die Oberwange berühren. Zottige Brauen im Bogen; auch die Nase gebogen, doch schön und anmutig. Die Ohren sind von langen Haarbüscheln zugedeckt. Längs der Ohren etwas Bart; sonst wird das Gesicht täglich ausrasiert. Der Mund klein, da die Mundwinkel ihn nicht verbreitern. Der Nacken natürlich stark muskulös, die Haut des vollen Halses milchweiß, die Arme kraftvoll und hart; die Brust vorspringend, der Bauch eingezogen und die Schenkel fest wie Horn (wer denkt hierbei nicht an den hörnenen Siegfried?) Dazu kommen noch dicke Waden und ein Fuß von Mittelgröße. Nach dieser Beschreibung könnte man solchen Germanen heute in Wachs formen für das Wachsfigurenkabinett.

Zur Frühmesse geht der hohe Herr mehr aus Gewohnheit als aus Einsicht. Eifrig aber ist er als Regent. Er sitzt auf seinem Stuhl; ein Graf in Waffen steht dabei hinter ihm. Die Schutzmannschaft dagegen muß draußen bleiben, weil sie drinnen zu viel Lärm machen würde. Nach zweistündiger Arbeit besucht der König dann seine Schatzkammer und seine Stallungen. Dann geht er auf Jagd. Der Page muß Bogen und Pfeil hinter ihm hertragen; will er den Bogen brauchen, legt er die 404 Hand auf den Rücken, und der Bogen wird ihm in die Hand geschoben. Er spannt ihn immer höchstselbst, läßt sich dann angeben, welches Ziel er treffen soll, und trifft immer. Beim Essen wird nicht mit schweren Silberschüsseln geprotzt; nur das karge Gespräch hat Gewicht, nicht das Eßgeschirr. Dann gibt es Würfelspiel; der Herr lacht, wenn er verliert, und ist jovial herablassend. Hat er aber im Spiel gewonnen, so ist er hernach in glänzender Stimmung, und die Geschäfte, die nun am Nachmittag folgen, gehen glatt; denn da gibt es wieder eine Fülle von Audienzen, und der Andrang der Bittsteller ist groß. Zum Abendtisch treten dann endlich Spaßmacher und Mimen auf, aber keine brausende Orchestermusik; der Herr liebt nur das einfache Saitenspiel, das Gehör und Seele beschwichtigt. Es ist der Harfner, der spielt und den wir aus dem Ritterepos kennen.

Aber der Mord wurde in diesen Königsfamilien üblich, der politische Mord. Der geschilderte junge Herr war zu römerfreundlich; sein Bruder beseitigte ihn (im Jahre 466), und dieser Bruder hieß Eurich, genau gesprochen Eôrîch.Die viersilbige Aussprache Eôricus mit langen Vokalen wird uns durch den Vers gesichert bei Sidonius (ed. Lütjohann), S. 137 v. 43.. In der machtvollen Gestalt dieses Eurich steht das Westgotentum auf dem Gipfel seiner Erfolge. Das Pflichtbündnis mit dem Scheinkaiser in Ravenna hob er auf und ging schneidig erobernd und sicher zugreifend in Spanien wie in Frankreich vor. In Spanien nahm er Sevilla, selbst das ferne Lissabon weg. Bordeaux an der Garonne wurde seine Hauptstadt; Bordeaux wurde dadurch damals für 18 Jahre ein Zentrum der Weltpolitik. In Frankreich selbst war es die Auvergne, sogar schließlich auch Arles und Marseille, die er den Römern wegnahm. Von Marseille aus konnte er immer den Einmarsch in Italien erzwingen.

Statue eines Barbaren als römischer Feldherr

Statue eines Barbaren als römischer Feldherr

Statue eines Barbaren als röm. Feldherr. Cilli, Steiermark (Kopf gebrochen u. aufgesetzt). Rev. Archéolog., 4. Serie, Bd. 12 (1908).

In der Auvergne lag die steile Gebirgsstadt Clermont mit den engen, gewundenen Gassen, in der Nähe des Puy-de-DômeClermont ist Clarus mons; einst hieß es Augustodunum.. Da saß der Bischof Sidonius, der all dies miterlebte und als Augenzeuge über manches uns unterrichtet: ein sehr weltlicher und weltkluger, selbstgefällig vornehmer und schwerreicher Großgrundherr, der seine Kräfte bisher der 405 römischen Kaiserpolitik gewidmet, ja, in Rom selbst die städtische Verwaltung geführt hatte, jetzt aber, ohne eigentliche geistliche Vorbildung, als Bischof nach Clermont gesetzt worden war, um dort den Widerstand gegen König Eurich zu organisieren. Nicht nur Germanenhaß, auch Glaubenseifer wirkte dabei mit ein, und der Papst Roms stand ganz auf der Römerseite. Denn Eurich war eifriger Arianer; seiner Lippe und seinem Herzen schmeckte das Wort »katholisch« sauer wie Essig, heißt es. Wenn die Goten plünderten und die Feldfrucht vernichteten, schickte der Papst damals zum Ersatz Getreide in Mengen gratis nach der Auvergne, so daß die Flüsse von den Lastkähnen bedeckt warenSidonius Epist. VI, 12., ein Zeichen, über welche Gelder der Papst damals schon verfügt haben muß.

Sidonius benahm sich in dem Kampf umsichtig und tapfer; aber es half nichts; Eurich siegte, und Sidonius wurde gefangen abgeführt, eine Menge katholischer Bischöfe beseitigtEpist. VII, 6, 4 ff.. Monate lang mußte der verwöhnte Sidonius in Bordeaux warten und warten, ehe er einmal Audienz erhielt, und mit Staunen und Neid sah er da den Betrieb; die Gesandten aller Völker gingen da ein und aus, nicht nur heidnische Sachsen und Franken, auch Heruler, Ostgoten, auch Griechen aus Constantinopel, sogar persische Unterhändler, die Eurichs Bündnis gegen Constantinopel fordertenEpist. VIII, 9.. Sidonius ließ sich, als er begnadigt worden, herbei, den Allmächtigen sogar in Versen zu verherrlichen, und sein Wort: »Lieber Mönch werden als gotisch! lieber die Haare verlieren als die Heimat«Epist. II, 1 fin., machte er nicht wahr. Der gotischen Königin Ragnahild wurde ein silbernes Waschbecken in Muschelform verehrt; dazu machte Sidonius die nötigen Verse: »Neige dein Herrscherhaupt etwas,« heißt es darin, »und nimm das kleine Geschenk, du große Frau. König ist dein Vater, König dein Gemahl; möge auch dein Sohn einst König sein. Glückselig das Wasser, das, in das lichte Becken eingeschlossen, das lichtvollere Gesicht der Fürsten bespült. Denn wenn die Königin sich herabläßt, ihre Haut mit dir zu netzen, so wird das Silber selbst durch ihr Antlitz noch blanker, als es ist.«Epist. I, 8.

406 Mutmaßlich war diese Königin eine ziemlich derbe, vierschrötige Person. Sie wird die Hände in die Hüften gestemmt und über die Verse laut gelacht haben. Es ist nichts merkwürdiger, als der Gegensatz der großzügigen Goten zu diesem Römer und seiner grenzenlos verschnörkelten, parfümierten, leckeren Art, mit Worten zu spielen!

Syagrius hieß der römische Heermeister, der damals das römische Loiregebiet in Nordwest-Frankreich immer noch verteidigte. Auch zu ihm stand Sidonius in Beziehungen. Dieser Syagrius aber konnte deutsch sprechen; es war dies eine große Ausnahme, und Sidonius macht sich weidlich lustig darüber, daß der Genannte mit vornehmen Burgunden wirklich fließend deutsch spricht und sie obendrein im Latein unterrichtetEpist. V, 5.. Der Deutsche ängstigt sich sogar vor ihm, einen deutschen Sprachfehler zu machen! Wer weiß? dieser Syagrius hätte also schon damals eine deutsche Grammatik schreiben können. Hätte er es doch getan!Grammatische Bestrebungen lagen nicht so fern; bald hernach hat König Chilperich, der Franke, das Alphabet zu ergänzen versucht: Gregor von Tours V, 44.

In Sidonius steht der eitle Franzose fertig vor uns. Er ist nur noch nicht germanisiert genug, um bedeutend zu sein.

Des gewaltigen Königs Eurich Macht und Herrlichkeit aber kam bald in Verfall, als er in Arles starb (im Jahre 485). Nicht den Westgoten gehörte die Zukunft, erst recht nicht den Vandalen. Vielmehr brachte die nächste Generation jetzt aus anderem Stamm zwei große Germanen, deren Namen unvergänglichen Klang bewahrt haben: es sind Chlodwig und Theodorich der Große, und ihre Völker, die Franken und Ostgoten, nehmen plötzlich die Führung der Dinge, werden Träger der Fortentwicklung Europas. Man beobachtet mit Spannung, wem von diesen beiden es endlich bestimmt war, einen endgültigen Besitzstand, der bis heute dauert, zu schaffen. Chlodwig, der Merowinge, der rücksichtslos durchtriebene, satanisch kluge Kriegsmann; Theodorich nicht minder tatkräftig, aber weise, besonnen, ein Mann des Rechts und des versöhnenden Wortes.

In Nordost-Gallien, zwischen Somme und Maas, saßen 407 bisher die Franken auf verhältnismäßig engem Gebiet; an der Schelde war ihr KönigssitzGregor von Tours I, 40.; ihre Hauptstärke lag noch außerhalb des Landes am Unterrhein. Wollten sie nach Westen und Süden sich ausdehnen, so stießen sie auf das römische Gebiet der Loire, das jener Syagrius verteidigte, und auf die Burgunden, die an der oberen Saône und Rhone saßen. Im Jahre 481 wurde der junge Chlodwig KönigVgl. Gregor I, 27 ff.; W. Levison in d. Bonner Jahrbüchern CIII (1898) S. 42 ff. und seitdem die entschlossene Offensive Prinzip der Frankenpolitik, die es bis in die Zeiten der Bourbonen, Napoleons und des heutigen Poincaré geblieben ist. Es zeigte sich bald. Sein Geist und sein Schwert waren schärfer gewetzt als das der anderen. Kaum war er 20 Jahre alt geworden, da schlug er schon jenen Syagrius aufs Haupt (im Jahre 486), und das ganze Römergebiet war sein eigen. Syagrius rettet sich zu den Westgoten, nach Toulouse; Chlodwig aber fordert brüsk seine Auslieferung, und die Westgoten sind so schwach, den Mann auszuliefern; denn Chlodwig grenzt jetzt unmittelbar an das Gotenreich, und seine Forderung war drohend. Zehn Jahre wartet er; dann zieht er mit starkem Heeresbann in das Elsaß und besiegt dort in der berühmten Schlacht, die man die Schlacht bei Zülpich nennt, im Jahre 496 die Alemannen. Nunmehr umfaßt er das Gebiet der Burgunden von Westen her. Da tat er als Sieger den entscheidenden Schritt, durch den er alle anderen Germanenkönige überbot; er war noch Heide; in der Weihnachtsnacht desselben Jahres ließ er sich zum Christen taufen, aber er wählte den katholischen Glauben. Alle anderen Germanen waren immer noch arianisch; der Franke allein war jetzt papistisch und römisch gläubig, und seine Berechnung täuschte ihn nicht. Der Papst war für ihn, und alle Bischöfe in allen Städten der benachbarten Germanenländer arbeiteten ihm jetzt in die Hände; sie alle wollten jetzt das fränkische Regiment.

Leicht wird es ihm jetzt, im Jahre 500 auch die Burgunden zu besiegen. Dann ist er so weit, mit verdoppelter Macht endlich auch gegen das Westgotenreich nach Südfrankreich 408 vorzubrechen. Die Bischöfe übergaben, verrieten ihm da eine feste Stadt nach der anderen. Er tut fromme Werke, und sogar das Wunder kommt ihm darum zur Hilfe; ist ihm ein Fluß zu breit, erscheint aus den Wäldern eine Hirschkuh wunderbar, um ihm die Furt zu zeigen, und er setzt mit Roß und Mann hinüber. Die Westgoten erlagen in der Entscheidungsschlacht bei Poitiers im Jahre 507. Der Katholizismus siegte mit Chlodwig; Chlodwig siegte durch den Katholizismus. Übrigens herrschten bei diesen Goten endlose Kronwirren; die Thronfolge war durch kein Erbrecht gesichert; auch das schwächte ihre Kraft unheilvoll.

Fortan waren die natürlichen Grenzen der europäischen Staaten hergestellt, die das heutige Europa anerkennt. Frankreich und Spanien waren getrennt. Spanien ist für die nächsten Jahrhunderte Westgotenland, Frankreich für immer das Land der Franken. Nur in Arles saßen die Westgoten noch fest; Chlodwig gelang es nicht, Arles zu nehmen.

Dieser Chlodwig war nicht nur Kriegsmann; er war Politiker ersten Ranges: erst lauernd und abwartend, dann rasch zufahrend mit festem Griff. Er erspähte die Schwächen seiner Nachbarn, er kannte die Stärke der geistlichen Macht. So ist er ein zweiter Constantin. In der Tat: so wie Constantin der Große gegen den Heiden Licinius planvoll das Christentum in seine Segel nahm, so nahm Chlodwig den Katholizismus in seine Segel gegen die arianischen Konkurrenten. Beiden Männern war die Religion nur das Mittel, die Macht war das Ziel, und beide irrten sich nicht. Ihre Politik war unfehlbar.

Paris war jetzt Chlodwigs Hauptstadt. Mit welcher Tücke er in den letzten Jahren seines Lebens eine Anzahl von fränkischen Gaukönigen, Sigebert in Köln, Ragnachar im Cambray u. a., die noch selbständige Herrschaften innehatten, mitsamt ihren Söhnen ums Leben brachte, erzählt Gregor von Tours, der die Geschichte der Franken schrieb, ohne alle Beschönigung, obschon dieser Gregor sonst, wo er kann, den 409 kirchlichen Sinn des Gewaltigen lobpreist. Auch viele andere Gaukönige ließ Chlodwig so töten, sogar seine nächsten Verwandten (erzählt Gregor weiter). Dann aber sprach er zu seinen Leuten: »Ach, daß ich nun so einsam bin und kein Blutsverwandter mehr da ist, der mir helfen kann!« Das sagte er aber nicht aus wirklicher Betrübtheit, setzt unser Autor hinzu, sondern aus List, um zu hören, ob vielleicht noch einer da wäre, den er töten könnteGregor II, 42..

Er starb in seinem 45. Lebensjahr. Nach seinem Tode teilten sich seine wilden Söhne in die Macht, und es begannen unter ihnen die Ränke, der blutige Hader, der nicht enden wollte. Das Königtum der Merowinger ist von hinterlistigem Verwandtenmord erfüllt, wie denn der Königsmord damals auch bei den Westgoten, auch bei den Angelsachsen in erschreckender Weise zunahmBis zum Jahre 549 sind 7 westgotische Könige ermordet worden, nur 5 starben natürlichen Todes. Für die Angelsachsen vgl. Stubbs, Constitutional history of England I, S. 137; Gregor, von Giesebrecht und Hellmann I, S. 168.. Gleichwohl hat sich das Lebenswerk des Siegers Chlodwig dauernd bewährt. Die Söhne gingen auf seinen Bahnen; mit Erfolg begannen sie den Versuch, auch Thüringen zu erobern, das dortige Königshaus zu vernichten.

Wir aber wenden uns jetzt zu Chlodwigs großem Zeitgenossen, der ihn an Ruhm noch überboten hat, zu Theodorich, dem Ostgoten, und wir werden erfreulichere Eindrücke gewinnen. In Chlodwig zeigt sich nichts als die Schlagkraft der unkultivierten Germanennatur, die keine Skrupel kennt, in Theodorich ihre Veredelung unter dem vollen Einfluß der Antike. So ist aus ihm (wir dürfen den hochgegriffenen Ausdruck gebrauchen) eine Idealgestalt geworden und doch ein rechtes Produkt der Zeit, ein erlesener Träger des Zeitgeistes.

Blicken wir wieder auf Italien. Da saß in Ravenna immer noch irgendein Schattenkaiser alten Stils, der die Scheinherrschaft führte, am längsten der Kaiser Valentinian III. (in den Jahren 425–455), der die Besiegung Attilas aus der Ferne miterlebte, den Römer Aëtius aber, der Attilas Besiegung glorreich durchgefochten hatte, aus Neid und Furcht umbringen ließ, um dann selbst ermordet zu werden. Der griechische Kaiser in Constantinopel hielt darauf, daß das alte 410 Zweikaisertum des Arcadius und Honorius fortbestehe und also auch in Ravenna nach wie vor ein Repräsentant der Kaisermacht fungiere; fehlte ein solcher, so erhob er selbst Anspruch auf die Herrschaft in Italien.

Aber es kam anders, und das Dekretieren nützte dem Byzantiner nichts, wo die Germanenvölker, die Ostgermanen, in ewiger Unruhe über die Grenzen drangen. Neben den Ostgoten sind nochmals die Heruler, die Gepiden, die Rugier, die Skiren zu nennen, Völkerschaften, die den Goten nächstverwandt waren. Als Attilas Reich wie eine Schaumblase jählings zerplatzt war, saßen alle diese Stämme wieder selbständig in ihren Gebieten unter Königen, und zwar in den Landstrichen der Ostalpen, Ungarns und Rumäniens, an der Theiß und Donau. Der Kaiser von Byzanz sah sich u. a. genötigt, den Gepiden Jahresgelder zu zahlen, um sie zu beruhigen. Übrigens ließen sich auch ganze Scharen aus diesen Völkerschaften regelmäßig zu hohem Sold als bevorzugte Truppe im kaiserlichen Heer anwerben, und so war nun auch Italien von solchen Soldtruppen erfüllt. Schon zu den Zeiten Valentinians III. nahmen diese germanischen Söldner in Italien dermaßen überhand, daß sie sich wie die Herren im Lande fühlten. Daraus ergaben sich ihre Forderungen; sie forderten festen Landbesitz, ja, womöglich den gesamten Ackerboden Italiens für sich selber.

Unter ihnen war ein junger Soldat mit Namen Odowaker, der zu den Rugiern oder Skiren gehörte und durch seine Eigenschaften früh eine führende Stellung gewann. Er versprach den Heerscharen, ihre Ansprüche endlich durchzusetzen, wenn sie ihn zu ihrem König machten. Es geschah. Sogleich bemächtigte er sich der armseligen Person des letzten römischen Kaisers; dieser Kaiser hieß damals närrischerweise Romulus, und so kommt das Wunderbare zustande, daß Roms Geschichte mit einem Romulus beginnt und mit einem Romulus endet. Odowaker nahm diesem »Romulus Augustulus« alle Kronrechte, 411 schonte aber sein Leben, und der Abgesetzte durfte mit einem Jahresgehalt von 6000 Soldi als Privatmensch weiterleben6000 Soldi sind ungefähr 28 600 Gulden..

Odowaker war jetzt zwar König in Italien, aber nur Heerkönig, ein König ohne Nation, und er herrschte als solcher Soldatenkönig zehn Jahre im Lande, indem er sich formell als Statthalter des byzantinischen Kaisers Zeno, diesen somit als seinen Oberherrn betrachtete. Zeno freilich wollte seinerseits hiervon nichts wissen. Ein Drittel aller Landstellen in Italien hat Odowaker dann wirklich an seine Landsknechtregimenter verteilt, und eine Menge Germanen waren also jetzt als Militärkolonisten im Lande verstreut. In Ravenna erbaute er sich einen neuen Palast (den kaiserlichen Palast wagte er, wie es scheint, nicht zu bewohnen) und stand so mächtig da, daß er sogar als Arianer die Papstwahlen in Rom zu beeinflussen unternahm.

Aber er machte sich im Lande nur zu schnell unbeliebt; denn er war arm und brauchte Gelder. Er schenkte gern mit vollen Händen und hatte nichts. Die Folge war ein Aussaugesystem, das die Bevölkerung, insbesondere das Großkapital, schwer erbitterte. So war es natürlich, daß er erlag, als ein Mächtigerer sich an den Grenzen zeigte. Dieser Mächtigere kam im Auftrage Kaiser Zenos. Es war der Ostgote.

Nach dem Auseinanderfall des Hunnenreichs hatten auch die Ostgoten sich wieder selbständig gemacht. Mit Genehmigung des Kaisers nahmen sie Wohnsitze in Pannonien, und der Kaiser bewilligte ihnen so gut wie den Gepiden Jahresgelder. Theodemir hieß ihr König, aus dem stolzen Geschlecht der Amaler, der dann noch einmal einen Angriff der Hunnen abzuwehren hatte. Am Tag, da er die Hunnen schlug, wurde ihm von seiner Konkubine Ezeliva der Sohn Theodorich geboren, den man Theodorich den Großen nennt.

Für die Ostvölker war damals Constantinopel das Zentrum alles Lebens; der Knabe Theodorich wurde 7–8jährig als Geisel für die Treue seines Vaters an den byzantinischen Hof gegeben. Er war ein elegantes Bürschchen oder ein 412 ansehnlicher feiner Knabe (puerulus elegans) und gewann sich gleich das Herz des damaligen Kaisers Leo. Zehn Jahre lebte er dort; seine ganze Knabenerziehung war somit ohne Frage griechisch-römisch; der ganze altklassische Schulunterricht kam über den GermanenDaß der Kaiser Justinus, der Onkel Justinians, Analphabet war, müssen wir dem Prokop wohl glauben. Wenn die Excerpta Valesiana aber für Theodorich dasselbe melden, so ist das Unsinn. Schon die vielseitigen geistigen Interessen, die Theodorich nachweislich verfolgte, widerlegen das: er kennt Homer aus der Jugendzeit (Cassiodor Var. II, 22), betont den Wert der literarischen Bildung (III, 33); daher das aedificari libris III, 11, 5; die Übersetzungen des Boëthius preist er I, 45, und so gilt der Satz: in teneris annis adquiritur quod matura aetate servetur (III, 11, S) sicher von ihm. Mehr noch beweist sein Regiment selbst, das in Verwaltung und auswärtiger Politik gänzlich auf schriftlichem Verfahren beruhte. Die abertausend wichtigen Akten muß der König durch Selbstlesen kontrolliert haben, oder er war verraten und verkauft. D. h. er las, aber er schrieb nicht gern. Dieselben Excerpta sagen uns 14, 79, daß er unter jede Akte sein »ich habe gelesen« (legi) setzte. Das ist das beste Zeugnis; er las. Aber er schrieb dies legi mit Hilfe einer Schablone, d. h. er wollte das legi in Schönschrift geben, und das freihändig Schreiben war ihm unbequem. Aus der Verwendung der Schablone aber ist das Märchen vom Analphabeten (illiteratus) entstanden. Auch Jordanes nennt sich übrigens agrammatus p. 126 M., und als der Prinz in das Reifealter des Studenten trat, war er ein Träger der Antike, ein Mensch feinster Bildung geworden, der es an Schliff, an Tiefblick und Weitblick den byzantinischen Jünglingen, die mit ihm erzogen wurden, ohne Frage gleichtat. Aber er hatte sich bei alledem sein Nationalgefühl bewahrt; denn es lebten in der Hauptstadt zahlreiche Männer seines Stammes in den angesehensten Stellungen, an denen sein jugendlicher Stolz sich nähren konnte. Gleichsam mit dem Zeugnis der Reife entlassen, wurde er 18jährig Waffengefährte seines Vaters Theodemir, der gerade in Fehde mit benachbarten Germanenstämmen lag: auf eigene Faust wirbt er da 6000 Mann an und besiegt die Sarmaten, die Belgrad (Singidunum) inne haben; seine erste Waffentat; und er zeigt sich gleich als Vollblutgote; Kaiser Leo erhebt auf Belgrad Anspruch; aber Theodorich behält es für sich. Sem Vater stirbt; da ist er, noch nicht 20jährig, König. Wie viele dieser Könige, Alarich, Chlodwig, Theodorich, treten als junges Blut, im Siegfriedalter, in die Geschichte! Und er spielt nun auch die Doppelrolle, die Alarich einst gespielt hatte; er ist einerseits selbständiger Erbkönig seines Volkes, er ist anderseits Heermeister im Dienst des befreundeten Kaisers.

Und schon macht er sich politisch geltend, ja, unentbehrlich. Kaiser Leo starb im Jahre 474. Dessen Nachfolger Zeno litt anfangs schwer unter Widersachern in seiner Hauptstadt; um sich den Thron zu sichern, stützt sich Zeno zunächst auf Theodorichs Hilfe, mit vollem Erfolge, und überschüttete den jungen Barbaren darauf zum Danke mit Reichtümern, ernannte ihn zum Patricius, ja, er adoptierte ihn zu seinem Sohne.

Theodorich nahm es hin; aber er fühlte sich durch solchen kaiserlichen Dank zu nichts verpflichtet. Auch trug Zeno kein Bedenken, alsbald einen anderen Gotenfürsten, der zufällig 413 denselben Namen Theodorich trug, statt seiner zu begünstigen, ja, gegen ihn auszuspielen. Des jungen Königs Pflicht lag anderswo; denn er war der berufene Träger des Egoismus seines Volkes. Er hatte am Byzantiner Hof die Vorzüge, aber auch die Schwächen des alten Weltreichs durchschauen gelernt, ein Herrschertum, aufgeblasen und verzagt, schwach und listig, und seine Pläne gingen hoch. Die Vandalen saßen in Carthago, die Westgoten in Bordeaux; Chlodwig hatte eben den Römer Syagrius besiegt; warum sollte Theodorich nicht das gleiche versuchen? Rom zwar lag zu fern; aber warum sollte er Constantinopel nicht bedrohen? Es war ein Hin und Her von Drohung und Versöhnung zwischen dem Kaiser und ihm. Zunächst überfällt Theodorich das Land Thessalien (im Jahre 482); da werden ihm vom Kaiser die Länder Dacien und Mösien eingeräumt, und er wird zudem römischer Konsul, die altmodische höchste Ehrung, die freilich den Kaiser wenig kostete. Zeno muß Krieg in Kleinasien führen; da setzt Theodorich für ihn erfolgreich sein Heer ein, und er darf nun gar als Triumphator nach Art des Pompejus und Scipio mit seinen Goten in Constantinopel einziehen, und seine Reiterstatue wird im Angesicht des Kaiserpalastes aufgestellt (im Jahre 486). Trotzdem bedroht er hernach den Kaiser rücksichtslos wieder in seiner Hauptstadt, und Zeno hat keine Wahl mehr: Rom oder Constantinopel? Zeno beschloß, den gefährlichen jungen König auf Rom, auf Italien abzulenken. In Italien saß Odowaker. »Befreie Italien,« hieß es, »und es sei dein. Du magst dort herrschen als Stellvertreter meiner Kaisermacht.« Es war die altbewährte Taktik der Cäsaren, Germanen auf Germanen zu hetzen.

Nichts aber war dem Theodorich erwünschter; denn er hatte auch persönliche Gründe, dem Odowaker zu grollen. Im Jahre 488 brach er los, kein Heereszug, vielmehr eine Völkerwanderung: Weiber, Kinder und Greise auf Karren in langen Wagenzügen, dazu Vieh und Viehtreiber. Auf 250 000 kampffähige Männer wird sein Volk geschätzt. So ging es in harter 414 Winterszeit durch die weiten Strecken der Donauländer und die Ostalpen. Durch das Volk der Bulgaren schlug er sich durch, die da von Stutenmilch lebenEnnodius S. 267, 12 ed. Hartel., besiegt in verzweifeltem Ringen die Gepiden, von denen dann viele abenteuerlustig sich seinem Zug anschließen, er selbst auf blankem Roß in lichtem Harnisch, dem Sturmgewand, und überall der erste im Kampfe. Vor dem Beginn der Schlacht schmückten ihn seine Mutter und seine Schwester eigenhändig; so wollte er es haben: »Geschmückter will ich im Kampf sein als beim Feste. Wer mich am Draufgehen nicht erkennt, erkenne mich am Glanz der Waffen!«

Odowaker warf sich ihm entgegen; da gab es zunächst eine Isonzoschlacht; dann die Schlacht bei Verona. Daher der Dietrich von Bern der Heldensage; Dietrich von BernDer Name Verona konnte auch Berona geschrieben werden, da im Spätlatein die Laute b und v unendlich oft verwechselt wurden. Die Stadt Bern in der Schweiz aber hat, wie man mich erinnert, von jenem Verona ihren Namen überkommen. Dies Bern ist von dem Zähringer Berchtold erst im Jahre 1191 gegründet worden, der Titular-Markgraf der Mark Verona war. ist nichts anderes als Theodorich von Verona.

Eine Zeitlang war der Gegner wieder gegen ihn im Vorteil; treulos liefen ganze Kriegerhaufen von einem Führer zum andern über. Im Jahre 490 kam es zu einer dritten Schlacht an der Adda. Dann wird Odowaker in Ravenna eingeschlossen, und da spielt nun die Schlacht bei »Raben«, wie die Sage sie umnennt. Drei Feldlager errichtet Theodorich vor der festen Stadt. Aber erst, als er eine hinlängliche Flotte gewinnt, um auch den Hafen der Festung abzusperren, ergibt sich Odowaker, vom Hunger bezwungen. Es war eine dreijährige Belagerung. Theodorich schont das Leben des tapferen Gegners. Aber es wurde ruchbar, daß Odowaker auch jetzt noch Ränke spann; ein Landsknechtführer versteht sich darauf, Anhänger auch unter den Leuten seines Gegners zu werben. Da lud ihn Theodorich zum Gastmahl, ließ ihn festhalten, und mit dem Ruf: »da hast du selbst, was du den meinen angetan!« hieb er ihn nieder mit eigener Hand. Richter und Henker zugleich! Mit Geschrei füllt sich die Halle. Es war das Verfahren des Diocletian (oben S. 124). »Es ist besser durch Königshand als auf dem Stroh zu sterben«: damit mochte Odowaker sich trösten, oder gar, wie es im Verse lautet: »Von eines Königs Handen lieg' ich hier herrlich tot.« Auch sein ganzes Gefolge wurde getötetMir will die Darstellung dieses Vorganges bei L. M. Hartmann, Geschichte Italiens im Mittelalter I S. 76 nicht einleuchten. Der Umstand. daß Theodorich anfangs das Leben Odoakers schonte, beweist, daß die nachträgliche Hinrichtung in gefährlichen Umtrieben des letzteren Grund gehabt haben muß. An die Nachricht, daß auf Theodorichs Geheiß die italienische Bevölkerung über Odoakers Soldaten in weiten Landesteilen herfiel und sie sämtlich ermordete, ist schwer zu glauben; diese Soldaten waren doch in der Lage, gegen die Italiener sich hinlänglich zu wehren..

415 Diese Reiterkämpfe von Germanen gegen Germanen, die Kämpfe Theodorichs mit Odowaker, haben auf die deutsche Phantasie weithin den tiefsten Eindruck gemacht, und Dietrich, »der Vogt von Bern«, wurde sofort als eine der Zentralfiguren der deutschen Heldensage ins Wunderbare umgedichtet. Die Romantik des Rittertums umfaßte ihn; sie zehrte von seiner Erinnerung. So tönt es noch heute zu uns herüber. Er springt in den Kampf. Durch Blutweihe sind seine Heergesellen mit ihm verbunden, und sein Gefolge ist sein Schirm und seine Zier. Jäher Zornmut packt ihn, wenn er königliche Jünglinge umkommen sieht, die ihm teuer, und er rächt ihren Tod, indem er dem Meister Ilsan, der sie hütete, das Haupt abschlägtUhland, Werke ed. Holthof, S. 270.. Im Rosengarten kämpft er mit Siegfried und streckt ihn mit Schwertschlag auf die grüne Heide nieder. Auch den Riesen Ecke erschlägt er und tauscht die eigenen zerhauenen Waffen mit den seinen aus. Falk heißt sein Roß, das über das Feld fliegt und laut schreit, wenn es angebunden ist und seinen Herrn in Bedrängnis sieht. Der Rosengarten aber liegt im Tiroler Land um Trient; es ist ein Anger voll Vogelsangs und spielenden Wildes, und Dietrich meint da im Paradies selbst zu sein. Ebendort sind auch die Zauberberge mit den Zwergen in der Tiefe, dort auch die Lindwürmer oder feuerspeienden Vipern. Mit Drachen und mit Riesen kämpft Dietrich dort; auch jener Ecke war solch ein Riese. Aber auch andere wohlbekannte Namen tauchen auf; denn sein Waffenmeister und Pflegevater ist Hildebrand, der alte, dem sein Bart längst grauet auf seinen langen Heldenfahrten. Die kühnen Wölflinge aber sind Dietrichs Recken. Es sind Recken, die statt der Jungfrau das Schwert minnen; darunter Wolfhart, der Berserker, der in seinen Schild beißt und mit den Zähnen knirscht vor Wut. Desselben Wolfhart Roß ist weiß wie Hermelin, und auf dem Helm hat er eine Stange mit Goldschellen, die erklingen, wenn er den Helm schüttelt. Von der Mauer von Bern (Verona) sehen die Hausfrauen die Helden ausreiten über die Etschbrücke in das ebene Feld. »Wie recht schön ist hier das 416 herrliche Land!« rufen da die Männer. »Wahrlich, Vogt von Berne, ihr mögt hier wohl immer wohnen gerne!«

In der Tat, Theodorich wohnte hier gerne, er, der Herr Veronas, aber auch Roms, der Herr Italiens. Auch über Sizilien erstreckte sich sein Machtbereich. Er selbst aber warf jetzt sein Reckentum ab, und sein Schlachtenroß ruhte im Stalle. Ihn, den die Dichtung nur als Mann des Schwertes feiert, die Geschichtschreibung feiert ihn vielmehr als Friedensfürsten, der acht gibt auf das Glück der Völker. Denn so war es. Nachdem Odowaker gefallen, begann er ungesäumt die große Friedensarbeit und wurde als besonnener Politiker und Reichsverwalter in bewunderungswürdiger Weise ein Retter der sinkenden Kultur, ein zweiter Stilicho, aber dazu ein Kronenträger: also Stilicho und Alarich in Eins. Mochte sein Werk hernach untergehen: die 34 Jahre seines italienischen Herrschertums, ein volles Dritteljahrhundert, waren ein Segen für die Welt, dergleichen das römische Kaisertum selbst kaum seit der Zeit der Antonine je gewährt hatte. Hebung Italiens, Pazifizierung der Welt waren die hohen Ziele seines Wirkens.

Die Ansiedlung seiner Goten geschah in mildester Form. Die Bücher Moses erzählen, daß die Israeliten einst, als sie gegen Jericho zogen und das Land Kanaan nahmen, die Moabiter dort völlig mit dem Schwert vertrieben und das ganze Land durchs Los an ihre Geschlechter verteilten4. Moses, 33, 50 f.. Die Gotenansiedlung dagegen war gleichsam nur eine Einquartierung, und die bisherige Bevölkerung blieb sitzen, wo sie war. Aus dem römischen Heerwesen war das Verfahren übernommen; denn die Römer belegten, wenn sie ihre Heere vorschoben, allemal zuvor für die Soldaten festes Quartier, und die Hausbesitzer waren dann verpflichtet, dem Ankömmling in jedem Fall ein Drittel des Raums zur Verfügung zu stellen. An dies Verfahren hielten sich die Könige der Westgoten, ebenso auch Theodorich gebundenDie Vandalen in Afrika hielten es anders; s. Prokop, Vandal. I, 5.. Daher kommt es, daß die Goten nicht etwa ein zusammenhängendes Stück Italiens für sich allein bewohntenVgl. E. Th. Gaupp, Die germanischen Ansiedlungen u. Landteilungen, S. 474 f.; sondern sie wurden vielmehr, und zwar 417 vornehmlich in den nördlicheren Teilen des Landes, in der Weise untergebracht, daß jeder Familie immer ein Drittel der Landstelle des alten Eigentümers abgetreten wurde. Eine gemischte Kommission von Goten und Eingeborenen besuchte die Grundstücke, beaufsichtigte die Vermessung, die mit der Meßschnur geschah, und jedem gotischen Haushaltungsvorstand wurde durch Anweisungszettel (pittacium) sein Grundstück bezeichnet und zugeeignet. Also waren die etwa 200 000 Germanenhausstände weit herum im Lande verstreut, in Toskana, um Venedig und Ravenna, um Benevent usf. und hatten keinen Zusammenhalt. Dieser Sachverhalt blieb nicht ohne Folgen.

Zum Germanenrecht gehörte sonst die Volksversammlung, zu der alle Schwerttragenden zusammenkamen. Bei der Zerstreutheit der Ansiedlungen war es unmöglich, dies Recht zu wahren, und Theodorich regierte daher gegen das Herkommen als absoluter Herr nach Art der römischen Kaiser, nur vom Rat der Vornehmen umgeben. Um so leichter wurde erreicht, daß seine Goten allmählich wieder zu Landbauern wurden. Von Beruf waren die Männer im Dienstalter unter ihnen freilich nur Soldaten; sie bildeten den Soldatenstand im Land; aber in den langen Friedenszeiten mußten ihre Familien wieder Interesse am Ertrag ihres Grundbesitzes gewinnen, die Altmänner, die Frauen selbst darüber die Aufsicht führen, ihre Knechte zugreifen. Denn was die ansässigen Colonen bisher geleistet, genügte nichtHartmanns Ausführungen über diese Dinge (S. 109) lassen noch manches unklar. Die Goten waren von Haus aus ein Bauernvolk und haben gewiß auch selbst mit den Pflug geführt. Wie sehr das jenen Völkern im Blut lag, zeigt sehr schön Alarichs Ausspruch: »je dichter das Gras, je besser das Mähen.« Wegweisend scheint mir, was Orosius von den Goten und anderen Stämmen, die sich in Spanien niederließen, mitteilt; zuerst fand dort eine Landverteilung statt (distributa possessione consistunt VII, 40, 10); dann verwünschen sie ihre Waffen und wenden sich zum Pfluge (VII, 41, 7). Wie soll das bei den Ostgoten anders gewesen sein? Die Sache ist schließlich ein Rechenexempel. Nach Hartmann S. 120 wurden damals die unfreien Arbeiter von den gotischen Herren vielfach vom Land in den städtischen Dienst herübergenommen, und die Zahl der Colonen vermehrte sich keinesfalls; die Landarbeit aber ist doch tatsächlich ganz erheblich gesteigert worden; wo sollten also die nötigen Hände herkommen, wenn die Goten selbst nicht zugriffen? Über das »Steine von den Äckern« vgl. Cassiodor Var. I, 28; Meliorisieren, in melius mutare, II, 21; Entsumpfung II, 32; Abholzen IV, 17; 18; 20. Die Goten wohnen in casae auf dem Lande IV, 14. Gegen Getreideausfuhr I, 34..

Die Männer gingen übrigens nach wie vor im vollen Haargelock umher, nannten sich darum selbst »die langhaarigen« (capullati) und trugen auch nie einen Hut im Gegensatz zu den geistlichen Herren, die Hüte oder Tiaren trugenJordanes, Getica 72; vgl. Cassiodor, Variae 4, 49..

Die Landwirtschaft lag in Italien völlig darnieder; Campanien, Toskana ein Ödland; die Poebene von Binsen und Kolbenschilf überwuchertEnnodius S. 281 ed. Hartel.. Theodorich setzte daher alles daran, daß Italien wieder lernte sich selbst zu ernähren, um von den Vandalen und der Kornzufuhr aus Afrika unabhängig zu sein. Meliosieren! Entsumpfung, Entwaldung des Pogebiets; die 418 Steine von den Äckern! Schon das empfanden die Römer als Wohltat. Dabei mußten die Goten dieselbe Grundsteuer wie die Italiener zahlen; und der Herrscher tat auch sonst alles, um die Herzen zu gewinnen, den Rassengegensatz auszugleichen. Er war nicht umsonst griechisch-römisch erzogen. Die »Civilität« wurde sein RuhmEnnodius, S. 264 f.. Kaum ein Italiener lernte gotisch, die Goten aber lernten Latein, gewöhnten sich an römische Sitten, auch an die Wohlgepflegtheit des großstädtischen Lebens. Ausgleichend vor allem aber war Theodorichs Kirchenpolitik.

Warum nahm er nicht wie Chlodwig den katholischen Glauben an? Er hätte es dann viel leichter gehabt, sich mit dem Bischof Roms gut zu stellen. Er war Arianer, aber ohne allen Fanatismus und anders als jener König Eurich, der Westgote; der Übertritt hätte seinem Gewissen mutmaßlich keine große Beschwerde gemacht. Er tat es nicht, weil auch die Kaiser in Byzanz, auch Kaiser Zeno und Zenos Nachfolger Anastasius, als deren nomineller Statthalter er in Italien herrschte, den Arianern und ihrer Lehre wohlwollend gesonnen waren. Aber er gewann trotzdem die Verehrung des katholischen Klerus. Der Papst selbst holte ihn in Prozession ein, als der König im Jahre 500 nach Rom kam, und Theodorich nahm in der Peterskirche an der Messe teil. Eingehend wird uns sein leutseliges Verhalten zu dem edlen Epiphanius, dem Bischof von Pavia, geschildert. Sein freisinniger Grundsatz war: Religion kann ich nicht kommandieren, niemand wird gegen seinen Willen zur Gläubigkeit gezwungenReligionem imperare non possum, quia nemo cogitur ut credat invitus..

Hören wir ein paar Proben aus einer feierlichen lateinischen Ansprache, die damals ein Geistlicher an ihn richtete. Es herrscht darin der reine Hymnenton; das Latein ist dabei recht schwierig; Theodorich muß das gleichwohl verstanden haben. »Damit der Ruhm der Taten nicht altere, soll unsere Zunge sich üben. Auf deinem Altar bringen wir deiner Majestät eine literarische Spende dar. Die Freiheit hängt von deinen Waffen ab, und froh kann ich darum dich loben. Die Ewigkeit wird dem zuteil, wer, wie du, den gelehrten Studien die Ruhe gönnt, die sie 419 brauchen. Gott fordert von uns, daß wir einsehen, wem wir es zu danken haben, daß wir der Weisheit pflegen können. So viel Kriege ich zähle, so viele Triumphe. O Rom, du bist alt und schwach. Was sitzest du immer träge in deinen Heiligtümern? Komm her und sieh die Schlachtfelder, auf denen er siegte. Unser Herr ist im Krieg gefürchtet, nicht aber im Frieden. Denn siehe: aus der Asche erheben sich die Städte wieder. Unter der Fülle deiner wohlmeinenden Staatskunst (Civilität) strahlen wieder die Paläste in goldenem First, und selbst Rom verjüngt sich. So kämpft du gegen den Untergangoccasum debellare, Ennodius, S. 270 f.. Die Privatvermögen steigern sich und damit auch das Staatsvermögen. Unser Leben zu sichern, dazu bedarfst du keiner Kriege mehr; deine fürstliche Meinungsäußerung tut schon dasselbe. Auch schützt du mit Anlegung von Kastellen unsere Grenzen. So werden denn alle Künste wieder mit Fleiß betrieben, die Talente aufgesucht; der große Name Roms ist wieder hergestellt durch dich. Und deine Goten? Du zähmst und bändigst ihren Ungestüm, und sie begnügen sich mit friedlichen Waffenspielen, denen wir in den Arenen staunend zuschauen und die besser sind als die blutigen Gladiatorenspiele der früheren Zeiten.«Vgl. Ennodius, S. 281–284. Lobes genug. Aber auch Theodorichs rassige Erscheinung imponierte, wo immer er sich zeigte: »Im Zorn ist er wie der Blitz, aber wolkenlos schön, wenn er fröhlich ist.«Ennodius, S. 285.

Jeden Einzelsatz dieses Hymnus könnten wir mit Tatsachen belegen. Der Kaufmann fuhr jetzt wieder sicher über die Straßen; die Städte schlossen ihre Tore nicht mehr. Erwähnt sei noch, daß Theodorich auch wieder Wagenrennen und Tierjagden in den Arenen zum besten gab, wie es die verwöhnten Volksmassen gewöhnt waren. Es schien nichts zu fehlenAuch prätorianische Soldaten hielt er in Rom und löhnte sie gut; erst Justinian schafft sie hernach ab: Prokop Anekdota 26.. Münzen schlug er mit dem Bild des Kaisers von Byzanz; den eigenen Namenszug setzte er auf die Rückseite des Geldes. Im Palast des Odowaker mochte er nicht sitzen; er baute sich seine eigenen Paläste, und die Gesandten aller Könige liefen da aus und ein und suchten Rat und Hilfe. Unvergleichlich sein 420 Fleißdiligentia: Ennodius, S. 280, 21.. Der Schlachtensieger schien geradezu zum Schreibervorstand geworden; es fehlte in seinen Bureaus nur die Schreibmaschine. Eine Fülle königlicher Erlasse ergingen täglich, besonders zahlreich die gegen Gewalttaten; der Gote sollte sich an den Rechtsstaat gewöhnen: Zeuge dessen ist uns der Römer Cassiodor, Cassiodorus Senator, der als Theodorichs rechte Hand die Feder führte und in gepflegtestem, oft freilich recht schnörkelhaftem Latein des Königs Anordnungen redigierte. So lesen wir sie noch heute; und da wird nicht kurzweg befohlen, sondern jede Anordnung gedankenvoll mit allgemeinen weisen Betrachtungen eingeleitet. Die Liebe zur Bildung, das Eingelebtsein in das humane Denken des alten römischen Kaiserrechts aus der Zeit der Antonine spricht aus dem allem.

So regt sich nun auch die Schriftstellerei wieder im Lande, es regt sich wieder die Wissenschaft in bedeutenden Werken; es wirkt wie ein Wunder, diese letzte Nachblüte der römischen Literatur. Denn es war unwiederbringlich das letzte Blühen. Jener Cassiodor schrieb eine verherrlichende Geschichte der Goten, ein anderer vornehmer Stadtrömer, Symmachus, eine Weltgeschichte im Sinne des christlichen Glaubens. Doch das ist das geringste. Eine freie weltliche Wissenschaft, die hohe Philosophie, ist jetzt der Gegenstand des Interesses. Die Philosophie, die Augustin unter das Joch der Kirchenlehre gebeugt, geht jetzt wieder frei einher, nicht zwar im Gegensatz zum Christentum, aber doch unbekümmert um jedes Credo. Bezeichnend ist schon, daß Theodorichs Schwager, Theodahad, der Vollgermane, der als Großgrundbesitzer in Florenz lebte, Platoniker war und außer dem Geldgeschäft diesen hochgeistigen Studien sich hingab. So hören wir auch von Theodorich selbst, daß er über Sternkunde, über Länderkunde sich unterrichtete, die Natur der Dinge (rerum naturas) kennen zu lernen sich bemühte und als ein Philosoph im Purpur (purpuratus philosophus) dastandCassiodor, Variae 9, 24.. Als großer Schriftsteller aber trat ein anderer vornehmer Stadtrömer, Boëthius, auf und unternahm es, von 421 vollem Verständnis getragen, die Hauptwerke der damals maßgebenden griechischen Philosophie ins Latein zu übersetzen und mit Erklärungen zu versehen; eine großartige Sache. Seit Seneca und Apulejus hatte das römische Geistesleben nichts Ähnliches gesehen. Boëthius ist es, dem das Mittelalter die klassischen logischen Schriften des Aristoteles in ihrer lateinischen Fassung verdankt, die da zur Exerzierschule alles Denkens wurden; er fügte hinzu des Porphyrius »Einführung« in das platonische Gedankenleben. Aber auch des Boëthius Werk über die Musik sei genannt; denn die Harmonik der Kirchenmusik des Mittelalters soll auf dieses Werk sich gründen. So konnte Boëthius damals als letzter weltlicher LehrschriftstellerWie frei und kirchlich ungebunden Boëthius dachte, zeigt u. a. sein Ausspruch, daß die Guten damit belohnt werden, daß sie Götter werden, deos fierei, De consol. IV pr. 3. sich ausleben, der dem Bedürfnis der Folgezeiten völlig entsprach. Theodorich aber wußte den Mann zu würdigen und zog ihn freundschaftlich an seinen Hof, in seinen Dienst. Er betraute ihn zeitweilig mit der Aufsicht über das Münzwesen.

»Kampf gegen den Untergang« war des Königs Programm; so hat er auch zur Konservierung der verfallenden Prachtbauten Italiens viel getan. Einen besonderen Architekten stellte er dafür an; es war die Tätigkeit des Konservators. Auf dem alten Forum Roms sind in den Bautrümmern Ziegel mit seinem Namen und dem Lobspruch gefunden worden: »zum Wohle Roms geboren.« In Como war eine Bronzestatue geraubt worden: »100 Goldstücke für den ehrlichen Finder«, ist Theodorichs Erlaß, u. s. f.Betreffs des Architekten vgl. Cassiodor, VII, 15; Brief an einen Architekten, II, 39. Konservierung der Bauten, I, 25. Betreffs der Erzstatue in Comum II, 35 u. 36; reparatio urbium I, 28. Demolierte Bauteile nach Ravenna geschafft, III, 9. Bekannter ist, wie er sich selbst als frommer Bauherr zeigte. Davon zeugt Ravenna. In das verödete Ravenna geht der Reisende heute wohl nur noch, um dort die uralten Kirchen zu sehen, die uns die besterhaltenen Zeugen sind für den Kirchenbau der Antike. Schon die Kaiserin Placidia, die Schwester des Honorius, die Mutter des Kaisers Valentinian III., hatte in Ravenna in gleichem Sinne gewirkt und die Kirche S. Giovanni Evangelista errichtet. Theodorich aber baute für seinen arianischen Glauben die Kirche Sant' Apollinare Nuovo (auch die großartig mosaizierten Heiligenfiguren im Mittelschiff stammen aus 422 seiner Zeit), überdies die Basilika Santo Spirito, endlich das Baptisterium oder Taufgebäude S. Maria in Cosmedin. Für kaiserlich königliche Andachten sind diese langgestreckten Hochbauten bestimmt, mit vergoldeter Flachdecke über dem Mittelschiff und lichtlosen Seitenschiffen, streng und kühl und voll ernster Würde. Die Erdenherrscher huldigten dort einst ihrem Herrn im Himmel; heute nistet darin die Vergessenheit; die Gemeinde fehlt; die schweren Türen sind meist verschlossen, als wären dies leere Grabkammern Gottes, und die Schritte des Fremden schlürfen seltsam dahin auf den kalten Fliesen.

Es war eine »goldene Zeit«. Auch Theodorichs auswärtige Politik, seine Weltpolitik trug dazu bei, daß man sie in diesem Sinne feierte. Er nahm den Gedanken vorweg, den später Karl der Große ausführte, alle Germanenreiche irgendwie zu einer Einheit zusammenzufassen. Beide Herrscher waren also »Alldeutsche«. Aber was jener Karl durch blutige Kriege erzwang, suchte Theodorich auf friedlichem Wege zu erreichen. Auf alle Fälle machte er Italien noch einmal wieder zum Mittelpunkt der Welt; alle Germanenreiche suchten Anlehnung an ihn, mit Ausnahme des gefährlichen Chlodwig. Gegen Chlodwig gab Theodorich das heilsame und überlegene Gegengewicht. »Laßt die Kriege ruhen; wir wollen Frieden halten; sichern wir ihn durch einen allgemeinen Völkerbund.« Es ist ganz die Losung unserer heutigen pazifistischen Gegenwart, die er, der deutsche Idealist, schon damals im Munde führte; zugleich aber war es die Forderung Augustins (oben S. 388), von der der literarisch gut bediente König vielleicht wirklich Kenntnis hatteSchon Kaiser Probus hatte vom Weltfrieden gesprochen (Vita c. 20), aber in ganz anderem Sinne; er verstand darunter keine internationale Verständigung ebenbürtiger Mächte, sondern die Unterjochung sämtlicher noch freien Völker durch Rom (ubique Romanae leges). Durch Verhandlung, nicht durch Waffen (verbis, non armis), sollen alle Differenzen geschlichtet werden! Das predigen seine Erlasse an die auswärtigen Mächte voll Wärme. Im selben Sinne aber trieb er auch die umsichtigste Heiratspolitik, und eine Menge deutscher Frauen tauchen da vor uns auf. Er selbst nahm Chlodwigs Schwester Audefleda zur Gattin; seine eigene Schwester verheiratete er mit dem Vandalenkönig Thrasamund; zwei seiner Töchter gab er an die Könige der 423 Westgoten und der Burgunden, seine Nichte Amalaberga an den König der Thüringer. So war das verwandtschaftliche Band geradezu um alle geschlungen; es stand nur zu hoffen, daß es nicht riß und daß diese Gotenfrauen auch wirklich Einfluß gewannen. »Legt die Barbarei ab und lernt römische Kultur (Civilität), wie wir sie haben,« so ergeht seine Mahnung an die Herren im Norden. Vor allem Amalaberga, seine Nichte, die nach Thüringen ging, preist er als literarisch gebildetes Mädchen von besten Sitten besonders als Vorbild an. Gelegentlich schickt er an den burgundischen Hof eine kostbare Uhr, auch die nötigen Uhrmacher dazu; das technische Wunderwerk sollte dort imponieren. An Chlodwig schickt er gar einen Gesangsvirtuosen und hofft, der Sänger werde dort wie Orpheus durch seinen Wohllaut die wilden Sitten der Franken bezähmen. Der Philosoph Boëthius war es, der für diesen Zweck sowohl den Sänger wie die Uhr aussuchen mußte.

Aber Chlodwig war störrisch. Umsonst schrieb Theodorich an ihn: »Es ist meine Pflicht, junge Könige zu ermahnen; sei gelinde und folge meinem Genius.« »Waffen, nicht Worte,« war des Chlodwigs Meinung. Theodorichs Wünsche, Theodorichs Gleichgewichtspolitik mißachtend warf sich Chlodwig auf die Westgoten um Bordeaux und Narbonne und zerbrach ihre Macht.

Da ballte Theodorich die Faust. Er erhob sich noch einmal als der Siegreiche, der er immer gewesen. Das Heldenepos hätte einen Zweikampf des Dietrich und Chlodwig daraus gemacht; aber das Epos schwieg. Es hat sich mit Chlodwig nie abgegebenAuffallend ist, wie das Nibelungenlied von den Franken völlig absieht. Ich bin kein Kenner der Dinge, aber ich lese, daß »Nibelunge« eigentlich ein fränkisches Wort. Auch war Worms, wo das Epos sich abspielt, in Wirklichkeit schwerlich je burgundisch; es war im Besitz der Franken. Im Nibelungenlied wird von den Burgunden gegen die Sachsen gekämpft; das taten in Wirklichkeit wiederum die Franken. Planvoll also, so scheint es, hat der Sagendichter alle fränkische Erinnerung ausgemerzt und die Burgunden an die Stelle gesetzt.. In Wirklichkeit blieb Theodorich vornehm in seiner Residenz und schickte nur seinen besten General, den Grafen Ibbas, in die Provence. Und Chlodwigs Heer wurde geworfen, das von ihm belagerte Arles entsetzt; die Franken standen vor den Ostgoten nicht; Theodorich wahrte auch jetzt sein Übergewicht, und Italien erweiterte nunmehr seine Machtsphäre noch bedeutend: Tirol und weite Strecken Österreichs waren längst in seiner Hand, jetzt auch die schöne Provence mit 424 Marseille, Arles und Avignon; ja, als in Spanien der unmündige Amalarich König wurde, der Theodorichs Enkel war, dehnte Theodorich als Vormund des Knaben auch noch über das Spanien der Westgoten seinen Machteinfluß aus. Als Chlodwig stirbt, machen alsbald dessen rauflustige Söhne Krieg mit Burgund. Auch da griff Theodorich militärisch ein und sicherte sich einen Teil des burgundischen Gebietes. Er stand auf der Höhe.

Theodorich starb im Jahre 526Er starb an der Ruhr (Anonymus Valesianus).. Noch nicht 30 Jahre vergingen nach seinem Tode und sein ganzes Werk brach zusammen, das stolze Reich war wie weggeweht. Das Werk Chlodwigs dagegen gedieh. Es wirkt überraschend. Die Ostgoten sind für uns heute wie eine Sage geworden, die Franken immer noch die greifbarste Wirklichkeit. Wie kam das? und was war der Grund? Die Kirche gab die Entscheidung. Am Arianismus gingen rasch nacheinander das Vandalenreich in Afrika, das Ostgotenreich in Italien zugrunde. Augustins Lehre drang durch, und die Orthodoxie griff gegen die arianischen Völker zu den Waffen.

Bisher waren die Kaiser des oströmischen Reichs in Byzanz Arianerfreundlich. Aber sie gaben nunmehr auf Chlodwigs Erfolge acht; sie lernten von Chlodwig, wie vorteilhaft es sei, sich dem Papst zu nähern; alle Bischöfe der Christenheit werden allemal zu leidenschaftlichen Agenten eines gut katholischen Herrschers. Theodorich mußte in seinen letzten Jahren diesen bedenklichen Wandel noch miterleben. Die kaiserliche Großmacht in Constantinopel war plötzlich im Jahre 519 papstfreundlich geworden; über 50 heterodoxe Bischöfe wurden im Orient sofort abgesetzt; und sofort konspirierten auch gegen Theodorich die italienische Geistlichkeit, die vornehmen Senatorenfamilien Roms, der Papst selbst mit Byzanz. Man wollte dem rechtgläubigen Kaiser das Land Italien wieder in die Hand spielen. Was nützte dem Theodorich jetzt seine Toleranz, seine hundertfältig bewiesene Versöhnlichkeit? Die Kirche war grundsätzlich unversöhnlich. Das einzige Mittel, sein Reich für die Zukunft 425 zu retten, wäre gewesen, den Glaubenswechsel des Kaisers mitzumachen. Aber Theodorich war zu alt dafür. Statt dessen griff er kräftig zu; er ergrimmte über den Undank, wurde in seinen Schlußjahren ein strenger Herr und warf den Papst selbst ins Gefängnis, ließ Römer des Hochadels wie Albinus und Symmachus hinrichten (im Jahre 525) sowie auch jenen Boëthius, den Philosophen, dem er sein Wohlwollen geschenkt hatte, der aber in jene Umtriebe irgendwie verstrickt war und seine Schuld vergebens leugnete. Der König schob des Boëthius Hinrichtung hinaus; sie wird ihm bitter schwer gefallen sein. Den Bruch der Treue so vieler zu erleben, verdüsterte sein Herz und stimmte es herbe. Keinem Idealisten werden, ob früh, ob spät, die grausamen Enttäuschungen erspart.

Boëthius aber schrieb in der Kerkerhaft zu Pavia sein letztes, berühmtestes Werk, seine »Consolationen«, die Selbsttröstungen eines Philosophen, darin er verstanden hat, bis auf den heutigen Tag die Herzen der Nachwelt für sich zu gewinnen. Denn es ist ein Werk bleibenden Wertes. Die »Philosophie« selbst nimmt darin beredt das Wort, eine allegorische Figur, hochgewachsen über alles Menschenmaß; ihr Gewand von unzerstörbarem Stoff ist vom Alter geschwärzt und in Fetzen zerrissen, weil so viele Hände daran herumgezerrt; auch sie selbst ist uralt, aber sie ist zugleich doch ewig jung, und feurig sprühen ihre Augen. In schöner Sprache und warmem, dringendem Ton werden da alle Grundfragen nach dem letzten Zweck unseres Lebens erörtert; dabei alles Kirchliche vermieden; Christus ist völlig beiseite gestellt. Der Weltmensch aller Zeiten und jedes Glaubens kann hier Trost finden. Alles Irdische ist nichts; das Gutsein lohnt sich selber.

Hätte Theodorich den raschen Niedergang des Glücks seiner Nachfolger erlebt, auch er hätte in diesem Buche und bei diesem Gedanken Trost gefunden.

Die Weltgeschichte schiebt ihre Gestalten. Ein neuer Mann des Schicksals tritt jetzt auf. Das Unvorhergesehene geschieht. Ein Jahr nach Theodorichs Tode (im Jahre 527) wurde 426 Justinian Kaiser in Byzanz, ein Staatsmann zweifelhaften Wertes, aber ein Mann der großen Pläne und darin unermüdlich. Er wollte nichts Geringeres, als den alten Machtbereich Constantins des Großen wieder herstellen, den Okzident wieder von Constantinopel aus beherrschen. Das bedeutete Krieg auf Leben und Sterben. Ein ausgezeichneter Feldherr stand dem unkriegerischen Justinian in Belisar zur Verfügung; die katholische Sache war ein trefflicher Kriegsgrund und Hilfe. Im Jahre 534 brach Belisar mit geringen Streitkräften überraschend vor und zerstörte zunächst das Vandalenreich in Afrika; es ging bis zur Ausrottung. Im folgenden Jahre wandte sich der Sieger schon gegen Italien.

Theodorich hatte keinen Sohn; man hatte umsonst um einen Thronfolger gebetet. Amalasuntha, Theodorichs Tochter, dies Germanenweib reinster Rasse, hatte sich völlig romanisiert, blickte auf das hartknochige Gotentum mit Geringschätzung und sehnte sich als Weltdame großen Stils nach der steif bigotten Grandezza des Constantinopolitaner Hoflebens. Sie glaubte als Regentin wie einst Placidia oder wie die syrischen Kaiserinnen durch eine Weiberpolitik, die ränkevoll schwankend und zweideutig war, in Anlehnung an Byzanz die Lage retten zu können: bis der Haß der Ihren sie traf; sie wurde auf das grausamste ermordet, im Bade erstickt. Aber auch danach fehlte den Goten in dem Existenzkampf, der nun folgte, die rechte Führung, ein legitimer König, und viele von ihnen waren schon so romanisiert, daß sie ohne Skrupel als Söldlinge zu Belisar übertraten, zu dem kaiserlichen Feldherrn; der jetzt mit überlegener Kriegskunst vorstieß und rasch Sizilien, Neapel, Rom nahm. Unvergeßlich, aber vergeblich war der Heldenkampf der Goten, der Nibelungen Not in hundertfacher Vergrößerung; unvergeßlich vor allem das Heldentum des Totila. Ein Byzantiner, Prokop, ist es, der uns diese Kämpfe, der uns auch den Totila schildert; er vergeht in Bewunderung vor ihm. Der Goldglanz des Ruhmes umschimmert seinen Namen bis heute. Der Feldherr Narses, ein Eunuch in Waffen, mußte 427 vollenden, was Belisar begonnen; nach fast 20jährigen Kriegsgängen waren die Goten in Italien völlig unterjocht und entkräftet, war Italien so gut wie Afrika in der Gewalt des triumphierenden Byzanz.

So ist Theodorich in seiner Größe nichts als eine Episode gewesen, aber es haftet nicht nur persönliches Interesse an ihm, sondern auch völkisches. Dreißig Friedensjahre bedeuteten viel in den damaligen Zeiten; seit Constantins des Großen Zeiten hatte die Welt derartiges nicht erlebt; ein Germane aber mußte kommen, um ihr dies Glück zu geben. Und es war kein träger Friede, sondern ein Friede rüstiger Kulturarbeit.

Heute zeugt von Theodorich nur noch sein Grabmal. Vor den Toren Ravennas liegt das Mausoleum eindrucksvoll, noch heute im wesentlichen unverändert, einsam, stumm, verschlossen und ernst im flachen Felde, wo alles ringsum öde und menschenleer; schlicht, schmucklos, und doch groß und würdig: eine runde steinerne Kassette streng klassischen Stils mit kuppelförmiger ÜberwölbungBei seinen Lebzeiten hatte er sich das Grabmal erbauen und einen ungeheuren Block suchen lassen, um damit das Werk zu krönen (Anonymus Valesianus). Über antike Mausoleen in Rundform, für die eben auch das des Theodrich ein Beispiel ist, vgl. W. Altmann, die italischen Rundbauten (Berlin 1906) S. 79.. Der Deutsche sieht es mit fremden Augen an. Alarich fand im Fluß Busento einst ein echtes Germanengrab; über den Leichnam Theodorichs dagegen stülpte das Römertum seinen abgezirkelten Quaderrundbau wie eine lateinisch gedichtete Elegie aus Stein. Der Abend kam, der Mond ging auf und spielte traumhaft in den Fieberbäumen, als ich davorstand. Da wurde mir spukhaft zumute. Der Grabbau vor meinen Augen wandelte sich; er wurde zu einem Helm, gigantisch groß, mit festgeschlossenem steinernem Visier, hinter dem der Kolossalschädel des Recken mit leeren Augen grollte, regungslos; die mächtigen Zähne hart aufeinander gebissen. Im Geist hob ich das Visier; da starrte mich die Melancholie eines großen Gestorbenen an, der nicht nur groß, sondern auch gut war, aber beides vergebens: eine Melancholie, die nicht sterben will.

Mit Theodorichs Tode beginnt schon das Mittelalter; denn es beginnt der Verfall des Schulwesens im Okzident, die Flucht der Gelehrsamkeit und der Künste in die Klöster. Ein 428 Schriftsteller wie Boëthius war jetzt nicht mehr möglich. Bezeichnend dafür ist Cassiodor, der Vorsteher der königlichen Kanzlei unter Theodorich. Als das Ostgotenreich zerfiel, zog sich dieser beflissene Träger der königlichen Politik nach Calabrien zurück und baute dort sein eigenes Kloster, das er seinen Fischteich, sein Vivarium nannte; er war dort nämlich Besitzer einer großen Fischerei; der Name aber war ein Gleichnis: die frommen Mönchlein sind in dem Kloster selbst wie die Fische, die einst in Petri Fischzug eingefangen worden und die nun in dem künstlichen Bassin des Klosterlebens friedlich plätschern und kein Unrecht tun. Da tat Cassiodor der menschlichen Kultur den Dienst, der unvergeßlich ist, daß er für die Geistlichkeit das Bibliothekswesen neu und grundlegend ordnete; er machte zum Gesetz, daß der Mönch hinfort Bücher kopieren und ordnen lerne (das betraf nicht nur die geistliche Literatur, sondern auch die Rettung der weltlichen) und schuf so ein Vorbild, das für lange Zeiten maßgebend blieb. Schon vorher hatte Benedikt, der Urheber der Benediktinerregel, im Jahre 529, das berühmte Kloster seines Namens auf dem Monte Cassino in Campanien gegründet. Auch sein Orden wirkte in gleichem Geiste. So ist es gekommen, daß die Kloster hinfort in emsigem Betrieb die geistigen Schätze des Altertums durch das Mittelalter gerettet haben, jene Schätze, ohne die das moderne Leben nicht denkbar wäre. Auch dies war ein wichtiger Baustein, ja, Grundstein zum Aufbau des modernen Europa. 429

 


 

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