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Charakterbilder Spätroms und die Entstehung des modernen Europa

Theodor Birt: Charakterbilder Spätroms und die Entstehung des modernen Europa - Kapitel 10
Quellenangabe
typetractate
booktitleCharakterbilder Spätroms und die Entstehung des modernen Europa
authorTheodor Birt
year1923
firstpub1919
publisherQuelle & Meyer
addressLeipzig
titleCharakterbilder Spätroms und die Entstehung des modernen Europa
pages498
created20120625
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drei Männer der Kirche

1. Ambrosius und die Bischöfe Roms

Wir haben immer nur von Kaisern und Königen gehört, und sie sind es in der Tat, die im Drama der Dinge die Titelrolle spielen. Gab es nicht aber noch andere Menschen, von denen sich reden ließe? Heute ist es der Großkapitalist und Industrielle, der oft die Ereignisse mächtig beeinflußt, wennschon die Geschichtstabellen, die man in den Schulen lernt, meist von ihnen schweigen. Vom Namen der Fugger aber schweigen sie nicht. Wer uns heute die Geschichte des Hauses Rothschild erzählt, gibt einen Ausschnitt aus der modernen Weltgeschichte. So sind auch die Biographien eines Krupp, eines Nathusius für das Verständnis der Neuzeit wertvoll.

Im Altertum gibt es nichts der Art. Die Historiker erwähnen uns solche Männer kaum. Auch das Geldwesen haben sie nie im Zusammenhang dargestellt; hätten wir solch einen Bericht, wir würden von dem Verfall der wirtschaftlichen Dinge hören, der für den Untergang der Antike mit zu den wichtigsten Ursachen zählt.

Von den Ländern des Ostens ist da weniger zu reden. Kleinasien produzierte noch immer in Fülle und Üppigkeit; die alten phönizischen Städte Sidon und Tyrus handelten noch immer mit Luxusdingen; Purpur und Parfümerien, und in Alexandrien war noch immer alles zu kaufen, was der Weltmarkt aufwies (nur kein Schnee, wie ein Augenzeuge witzig hinzufügt)Speck, Handelsgeschichte, III, 2, S. 888.. Ebendort hören wir ein einziges Mal von einem Großindustriellen: es war der Inhaber der großen ägyptischen Papierfabriken, die ihm so viel einbrachten, daß er davon eine Armee unterhielt und sich zum Kaiser aufwarf. Darum war Kaiser Valens, der im Ostreich herrschte, dort in der Lage, die Steuern um ein Viertel zu ermäßigenSpeck, Handelsgeschichte, III, 2, S. 576., anders als sein Bruder und Mitkaiser Valentinian I., der im Okzident sich gezwungen sah, die Steuerforderungen immer höher zu schrauben.

Einzelne Geldkönige gab es auch hier noch immer, besonders unter den Herren des Senats in Rom, die man auf ein 323 Jahreseinkommen von 4–5 Millionen deutscher Reichsmark taxiertSpeck, Handelsgeschichte, III, 2, S. 607 und J. Sundwall, Weströmische Studien, 1915, S. 153 ff., und mit Freuden sieht man gelegentlich einmal auf antiken Reliefbildern den Kaufmann wirklich auch dargestellt, wie er sitzt und sein Geld zusammenscharrt und in Körben anhäuftRömermonumente in Trier., oder wie in der Rechenstube Buch geführt wirdGorgonius-Sarkophag in Ancona; s. »Buchrolle in der Kunst«, S. 321 u. S. 66.. Gleichwohl war der Rückgang allerorts gewaltig. So in der Reederei. Nicht die Juden, die syrischen Kaufleute hatten den ganzen Transporthandel im Westen an sich gerissen, und in Neapel, Ravenna, Malacca, Trier, Arles, Bordeaux hatten sie ihre FaktoreienSpeck, Handelsgeschichte, III, 2, S. 841.. Das Großkapital aber lag nahezu still; denn die reichen Senatoren durften nur unverzinsliche Darlehen geben, da der Wucher ihrer Würde nicht entsprachSpeck, Handelsgeschichte, III, 2, S. 973.; vor allem lähmte die Kirche jetzt das Geldgeschäft, da auch sie ihrerseits gegen jedes Zinsnehmen eiferte. Ethisch betrachtet, klingt das sehr schön; wirtschaftlich war es verderblich. Und die großen Privatvermögen waren zudem schwer belastet; denn für die verarmenden Stadtgemeinden, die die Staatsabgaben nicht aufbrachten, ebenso für die Kopfsteuer der Hörigen mußten sie haften.

Die Landbevölkerung war massenhaft in die Städte abgewandert, wo sich besser leben ließ; wer arm war, für den sorgte dort die Gemeinde, und eine Menge fruchtbares Land lag darum verödet. Nun konnten aber auch die Städte bald die Last nicht mehr tragen. Darum griff der Staat, um sich seine Einnahmen zu sichern, regulierend, aber auch ertötend ein; die Freizügigkeit hörte auf. Die Berufe, ob Soldat, ob Bäckermeister, wurden erblich und an das Innungswesen gebunden, und diese Innungen waren dem Staat lieferungspflichtigSpeck, Handelsgeschichte, III, 2, S. 578.. Die Unternehmungslust, die Arbeitslust sank; auch die vielen Mönche und Asketen wirkten dahin, sie zu vermindern; es wurde zur Sache des Ehrgeizes, arm zu sein. Die Einschachtelung der Bevölkerung in Berufsklassen aber bedeutete den sozialen Auseinanderfall. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit, der nationalen Interessengemeinschaft erstickte; der Reichspatriotismus war gelähmt und unterbunden.

Dabei wuchs die Geldnot. Denn die immerwährenden 324 Bürgerkriege, dazu gar die Eroberungszüge der Barbaren vernichteten Millionenwerte und steigerten die Unkraft der Steuerzahler. Auch die vielen Germanen, die im Reichsdienst standen, schluckten Unsummen, und es gab kaum noch Geld. In üppigem Schmuck, Tafelgeräten, Vergoldungen der Profanbauten, der Tempel und Kirchen hatte man Jahrhunderte lang Gold und Silber verschwendet; auch war durch den Importhandel das Edelmetall unablässig ins Ausland abgestoßen, das kaum Geld zurückgab. So stellten sich jetzt jene völlig primitiven Verhältnisse her, von denen wir schon früher hörten; die Steuern wurden vielfach in Naturalien gezahlt, auch die GehälterVornehmlich in Korn und Heu, annonae und capita; Speck, Handelsgeschichte, III, 2, S. 584.. Es erinnert das an die Urzeiten Roms, wo die Soldaten als Sold nur ihre Ration Salz erhalten hatten, jenes Salz, von dem noch heute das Wort Salaire, d. i. Salarium, stammt.

Alle diese Mißstände kamen beiläufig der Kirche zugute; denn die Kirche brauchte die Armen, um wohlzutun, um sich auf ihre Masse zu stützen. Insbesondere aber wurden die Bischöfe in den Städten mehr und mehr Funktionäre des Staates. Die so oft wechselnden Staatsbeamten standen dem Volk persönlich völlig fern; die Bischöfe dagegen waren vom Volk selbst gewählt, also schon darum Männer des allgemeinen Vertrauens. Schon daß sie das reiche Kirchenvermögen selbständig verwalteten, gab ihnen das stärkste Übergewicht, und die Kaiser selbst entschlossen sich notgedrungen, ihnen überdies auch an der weltlichen Verwaltung der Kommunen schwerwiegenden Anteil zu geben. Die Bischöfe leiteten nunmehr die Wahlen der städtischen Beamten, erhielten die Aufsicht über die Finanzverwaltung der Städte, die Aufsicht über die Gefängnisse, Einspruchsrecht im Kriminalprozeß usf. Zum Verständnis alles Folgenden, insbesondere der anwachsenden Macht der Päpste, ist sich dies klarzumachen von größtem Belang.

Aber die Kirche war nicht produktiv. Reformatoren der Agrarwirtschaft, Finanzgenies, Bahnbrecher der Industrie erstanden nicht. Woher sollten sie kommen? Der ganze 325 Lebensbetrieb der oberen und unteren Schichten jener Zeit steht für uns als graue, ununterscheidbare Masse im Hintergrund der Dinge.

Anders die Literaten; sie heben sich hell und blendend ab vom dunklen Grunde, und unter ihnen finden wir, was wir suchen, große Naturen, aus denen der Geist der Zeit spricht und die zu Quellen des Geistes geworden sind. Sie machten Epoche; aber sie waren Seligpreiser der Armut.

Das meiste, was damals geschrieben wurde, war nur Provinzialliteratur und an den Ort gebunden. So schrieben auch die griechischen Kirchenautoren, die ich schon früher nannte, Basilius der Große, Gregor von Nazianz, Gregor von Nyssa griechisch nur für ihr östliches Publikum. Um das Jahr 400 tritt uns dort eine neue Berühmtheit, der Prediger Johannes Chrysostomus, entgegen: kein Dogmatiker, sondern ein Mann der Erbauung. Seine Predigten oder Homilien wurden vergöttert, aber wir hören, daß er in Kampf mit dem Hof geriet. Der allmächtige Eunuch Eutropius liebte ihn und hatte ihn aus seinem früheren Wirkungskreis heimlich nach Constantinopel entführen lassen; so wurde Johannes dort Bischof-Patriarch. Aber er predigte zu streng; darum haßte ihn die lebenslustige junge Kaiserin Eudoxia, des Arcadius Gattin, und ging wiederholt gegen ihn vor. Bei der Kathedrale ließ sich Eudoxia eine silberne Statue setzen, wozu es rauschende Feste gab; Johannes protestierte gegen dies weltliche Gebaren und schalt die Kaiserin, die ihm darum zürnte, eine zweite Herodias, die da tanzt und sich sehnt, den Kopf des Johannes auf der Schüssel zu tragen. Aber er unterlag; es gab blutige Auftritte in der Kirche; er mußte in die Verbannung; auch seine Anhänger wurden verfolgt (in den Jahren 403–405). Das Kaisertum zeigte sich in Byzanz den Kirchenfürsten überlegen; anders in Mailand!

Die weltliche Literatur ist jetzt fast ausgestorben. Ein rechter Lokalskribent war im Westreich der eitle Dichter Ausonius. Seine Verse können außerhalb Galliens, wo er lebte, kaum 326 interessiert habenDies bleibt bestehen, wennschon er dem Syammachus in Rom seinen »Griphus« widmete, Kaiser Theodosius ihn um ein Exemplar seiner Poeme verbindlich ersuchte und auch Paulinus von Nola zu ihm Beziehungen unterhielt., wenn er seine Onkel und Tanten und die Schulmeister, seine nächsten Berufsgenossen am Ort, mit Wichtigkeit rühmend besang. Memorialverse zum Auswendiglernen über Kalenderwesen, über römische Festtage u. a. gab er zum besten. Seinen Enkel ermahnt er, in der Schule sich vor der Rute nicht zu fürchten, die doch das Zepter des Lehrers sei. Nebenher schrieb er auch ein paar christliche Gebete, lebte doch aber sonst ganz im HeidentumDer Kaiser ist für Ausonius »Gott«, und der Neid des Schicksals oder auch die Nemesis entscheidet nach ihm über das Los der Menschen. Dem orthodoxen Kaiser Theodosius setzt der Dichter im Einleitungsgedicht auseinander, daß Ceres die Landbestellung leitet, Mars zum Krieg aufruft (S. 1 ed. Schenkl). In den Eclogae Nr. 16 registriert er die heidnischen Feste zu Ehren Apolls, der Magna Mater usf., die noch gefeiert wurden, ohne alle Beanstandung; es ist ein Gedicht zum Auswendiglernen für Schüler. Pomona gibt den Fruchtsegen (Praecatio 17) usf.. Einzig steht sein Gedicht über die Mosel da; es ist der Liebling vieler Deutscher oder doch Rheinländer geblieben, die noch in der Lage sind, an einem anmutig zugestutzten Latein sich zu freuen. Wer diese »Mosella« liest, glaubt mit dem Dichter auf dem Römerschiff von Neumagen aus den lieblichen Fluß hinabzugleiten: Weingärten und Villen an beiden Ufern; Gesang der Winzer; die Fische spielen im klaren Grunde; die Nymphen und Panisken plätschern im Naß. So führt Auson uns denn endlich auch seine Bissula vor, ein deutsches Mädchen im Kindesalter, blauäugig, blond und reizend anzusehen, das er um sich hatte. Im Krieg war das Kind erbeutet, konnte aber schon fließend Latein sprechen. Das sind ganz neue Töne.

Weltliteratur war das nicht. Anders der Dichter Claudian, dessen gleichsam hochamtliche Poesie sogar im Ostreich gelesen worden ist. Ein allbeliebtes Buch wurde ferner das Leben des heiligen Martin von Tours, das damals in Gallien entstandDer Verfasser Sulpicius Severus. und, kaum erschienen, schon in Afrika, selbst in Alexandrien, in aller Händen war. Es erzählte die Wundertaten und Tugenden des guten Heiligen, den ich nannte. Alle anderen aber überstrahlten drei Kirchenmänner erster Größe, die zu jener Zeit den Okzident geistig beherrscht haben. Ihr Erinnerungsbild darf hier nicht fehlen; denn sie verdeutlichen uns zugleich die Verkirchlichung der Weltgeschichte, die eben damals mit Wucht sich durchsetzte. Das geistige Leben verengerte sich, wer nicht dasselbe dachte und glaubte wie der andere, kam in Verruf; aber in der Enge war ein Hochschwung der Energie, den wir bewundern müssen. Jene Männer, die die Kirche heilig sprach, 327 sind Ambrosius, Hieronymus und Augustinus, drei Charakterköpfe schärfster Prägung; jeder ein Typus für sich; keiner gleicht dem anderen.

Der Priester hat also jetzt das Wort; die Kirchentüren öffnen sich uns. Von Schlachtenlärm und brennenden Dörfern haben wir ohnedies schon genug gehört. Um Kirchenzucht und Kirchengewalt wird hier gefochten; die Rüstkammer ist das Buch der Bücher, Bibelzitate die Pfeile, die sicher treffen und wie im Regen niedergehen.

Neben den Genannten war freilich noch ein vierter, der Aufsehen machte, ein lyrischer Dichter, der den Versuch wagte, die Leier des Horaz in die Harfe Davids umzubauen. Es ist Prudentius. In seiner Harfe klingen fromme, rauschen auch mächtige Töne; gleichwohl legen wir sie beiseite; denn es handelt sich um kirchliche Dichtung, und sie ist bis heute ein Problem geblieben; zu allen Zeiten hat sich kirchliche Poesie nur in kürzeren Gesängen als lebensfähig erwiesen, trotz Milton und Klopstock. Denn wo Dogmatik sich einmischt, herrscht Tendenz, und reines Gefühlsleben liegt zu unverhohlen mit ihr im Streite. »Religionsempfindungen sind einfach und schmucklos«, sagt uns eine kritische Stimme aus Klopstocks ZeitenSchiller, Säkularausgabe, Bd. 16, S. 165.. Alle siegreiche kirchliche Literatur geht daher in Prosa. Prudentius hat die noble Kürze des Horaz preisgegeben. Auch seine Gebetslieder sind bei aller InnigkeitSo redet er z. B. Christus an (Cathemerinon 9, 109 f.):

Männer preisen dich und Greise und die Buben groß und klein,
Dich die Jungfraun und die Mütter und einfält'gen Mägdelein
Singend wie aus einem Herzen im andächtigen Verein.
Fluß und Strom und Meeresbrandung, die da Well' an Welle reiht,
Tagsglut, Regen, Schnee und Hagel, Wald, Wind, Nacht und Tageszeit
Soll'n mit uns lobpreisen dich von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Oder am Grab der Gestorbenen (ebenda 10, 5; ich lasse hier die metrische Form fallen): »Was erhebt ihr Überlebenden Jammergeschrei? warum bezweifelt eure Trauer unsre Hoffnung? Die Wehklage schweige; ihr Mütter, trocknet eure Tränen. Niemand zergräme sich um sein Kind. Der Tod ist die Wiederherstellung des Lebens, so wie der Samen, den man dürr und tot in die Furche senkt: er erneut sich bald in jungem Grün und ist bedacht, sich in wogenden Ähren zu wiederholen,« usf.

von unmäßig pomphafter Fülle, abschreckend aber geradezu seine Hymnen auf die Märtyrer. Denn in ihnen herrscht überdies die Freude am Entsetzlichen; drastisch die Darstellung, die Sprache. Man höre: das Eisen zerreißt den Leib; die Wunde klafft offen; sie ist für die Seele wie ein Tor, das sich auftut; die Seele wäscht sich im Blut rein und springt durch die Wunde aus dem HerzenPeristeph. I, 29.. Während dem heiligen Romanus die Zunge ausgeschnitten wird und er dann noch ohne Zunge fortfährt, Christum zu verkündigen, steht ein Engel dabei, zeichnet all seine Wunden genau ab in ein Buch, und das Buch wird ins Archiv Gottes gelegt zu den himmlischen Regesten. Vom heiligen Cassian 328 hören wir, daß er Schulmeister von Beruf war; er pflegte als solcher in der Schulklasse Sätze zu diktieren, die die Knaben mit Metallstilen auf Wachstafeln nachschrieben. Jetzt ist er Märtyrer, und die Knaben sollen ihren Lehrer töten, Rache üben für die Schläge, die er ihnen erteilt hatte. Es sind 200 Knaben. Der Dichter weidet sich daran, wie Cassian gefesselt und entkleidet wird und die Spitzen der Metallgriffel seinen Körper zerfleischen, während die Bande ruft: »Heut wollen wir keine Ferien! Du hast uns das Schreiben gelehrt; jetzt schreiben wir auf dir selber!« Das ist die blutige Phantasie der Jesuitenzeit. Wer einmal in Rom in der Kirche St. Stefano rotondo war, sieht da all diese Schauerlichkeiten, das Zerreißen und Schinden, grell an die Wand gemalt. Da hat man einen zweiten Prudentius in FarbenDie übrigen Dichtungen des Prudentius erliegen zu sehr dem dogmatisch-klerikalen Zweck; das, was man sonst in Prosa ausführte, wird hier in Verse gebracht. Wertvoller ist seine »Psychomachia«, eine heroisch-allegorische Dichtung. Im Palazzo Barberini in Rom sieht man das gewaltige Deckengemälde der kämpfenden Tugenden und Laster. Das ist eine Illustration dieses Prudentiuswerks. Das Werk sollte offenbar in den christlichen Schulen als Text dienen und dort insbesondere die heidnischen Gigantomachien ersetzen. Der Kampf der heidnischen Götter gegen die Giganten war der Kampf des guten Prinzips gegen das Böse, der Kultur gegen die rohe Gewalt. Bei Prudentius kämpfen nun ebenso die Keuschheit, Geduld, Zorn und Habgier in Helm und Schild im Schlachtgetümmel, dazu die Lüge und alle Sünden; ein großer Triumph ist das Ende. Vgl. hierzu O. Höfer, De Prudentii Psychomachia, Marburg 1895. – Die Hymnen auf die Märtyrer sind übrigens wiederum von kaum erträglicher Länge und die Versmaße dazu öfter sehr unglücklich gewählt. Wer erträgt es, 215 daktylische Trimeter oder 62 Phaläceen hintereinander zu lesen? Für die Erzählung war im Altertum nur der Hexameter, das elegische Distichon oder der Jambus geeignet..

Der Gottesdienst hat von diesen Gesängen, wie es scheint, nur selten Gebrauch gemacht. Ganz anders das Ambrosianische Kirchenlied. Es ist eins der denkwürdigsten Verdienste des Mailänder Prälaten Ambrosius, den schlichten Gemeindegesang, der im griechischen Ostreich schon früher bestandDen Gesang in der Grabeskirche zu Jerusalem mit Antiphonen schildert uns andeutend die Peregrinatio ad loca sancta der Silvia Aquitana. Es singen da Mönche und Nonnen; wieweit die Gemeinde der Laien mitsang, ist nicht ersichtlich. Sicher ist, daß schon Arius volkstümliche Lieder kirchlichen Charakters gedichtet hat und in Umlauf setzte. Den Arianern kommt also anscheinend vornehmlich das Verdienst zu. Bestätigend dafür scheint, daß auch Ambrosius in Mailand zunächst eine stark arianische Gemeinde vorfand, von der er sich zu seiner Leistung anregen ließ. Übrigens ist noch Hilarius von Poitiers zu nennen, der vor Ambrosius eine Sammlung lateinischer Hymnen verfaßte. Aber seine Lieder setzten sich nicht durch., in den Gottesdienst des lateinischen Europa eingeführt zu haben. Der Choral, das kirchliche Volkslied war damit geschaffen, in schlichtem Latein für die lateinisch sprechenden Gemeinden der Laien. Auch angemessene Liedweisen, in Musiknoten, wurden dafür festgestellt. Ambrosius tat also, was Luther tat; denn ebenso hat auch Luther später dem deutschen Volk sein deutsches Kirchenlied, sein Gesangbuch, das es brauchte, gegeben. In Mailand aber ging der Gesang damals offenbar zunächst von der Gemeinde selbst aus; Ambrosius hat das Verdienst, ihn in seiner Weise gestaltet, organisiert, zu dauerndem Besitz der Andacht erhoben zu haben.

Wenden wir uns denn diesem Kirchenfürsten zu, dem vornehmsten Vertreter des Priestertums jener Zeiten. Die Freundlichkeit und zugleich das unbeugsame Machtgefühl des katholischen Bischofs tritt uns in ihm zum erstenmal sichtbar entgegen, da er vollkommene Weltlichkeit, d. h. Beherrschung der 329 großen Reichsangelegenheiten, mit vollkommener Frömmigkeit verband. Nicht die Päpste, Ambrosius war es, der zum erstenmal den Kaiser der Welt zwang, sich vor der Kirche zu beugen. Er befahl; der Kaiser gehorchte.

Wer heute in Mailand weilt, läßt sich durch die vielen Standbilder, mit denen sich die moderne Stadt geschmückt hat, die Statuen Napoleons I., Cavours, Manzonis, Lionardos und all der anderen nicht beirren; Ambrosius ist eben bis auf den heutigen Tag der Schutzheilige Mailands. Die ehrwürdig kostbare ambrosianische Bibliothek in der Brera feiert dort dauernd sein Gedächtnis; die Kirche St. Ambrogio, die seinen Namen trägt, reicht bis in das 4. Jahrhundert mit ihrer Gründung zurück, und sie blieb die Hauptkirche der Stadt, in der sich im Mittelalter die deutschen Kaiser mit der eisernen lombardischen Krone krönen ließen.

Sein Leben ist kurz erzählt. Er ist wahrscheinlich in Trier geboren. Sein Vater war um das Jahr 340 prätorischer Präfekt ganz Galliens. also einer der höchsten Beamten des Okzidents. Die Familie war christlich. Aber sein Vater starb früh. In Rom wurde der begabte Knabe mit seiner Schwester und einer Freundin zusammen erzogen, die beide, früh geistlich gerichtet, das Gelübde der Jungfräulichkeit abgelegt hatten. Im Kinderspiel ließ er sich von den beiden Mädchen lustig die Hand küssen, indem er die Rolle des Bischofs spielteWir sahen, S. 202, daß ganz ebenso auch schon Athanasius als Knabe im Spiel den Geistlichen nachahmte.; denn schon damals war es üblich, den hohen geistlichen Herren die Hand zu küssen. Später erinnerte er sich gern daran; es war wie ein Vorzeichen seiner großen Zukunft. Aber er betrat als junger Mann die Staatslaufbahn, bewährte sich früh als Redner und Staatsmann. Die Provinzialverwaltung Norditaliens mit dem Sitz in Mailand wird ihm von Kaiser Valentinian übertragen (um das Jahr 370); er mochte damals 30 Jahre zählen. Er war gewiß, es seinem Vater im Reichsdienst einmal gleich zu tun.

Da starb der Bischof Mailands. Dieser Mann war Arianer gewesen und hatte die Stadt 20 Jahre lang in der arianischen 330 Lehre festgehalten. Wer sollte der Nachfolger werden? Heftiger Streit zwischen Arianern und Rechtgläubigen entbrannte sogleich; in der Hauptkirche selbst tobte das Geschrei der widerstreitenden Parteien. Ambrosius eilte in die Kirche, um Frieden zu stiften. Da erhoben sich gleich Stimmen, die ihn nannten: Ambrosius selbst soll der Nachfolger sein. Er war offenbar schon damals eine allbeliebte Persönlichkeit. Schon rufen alle Stimmen nach ihm, auch die der Arianer; sie ahnten damals nicht, welchen Gegner sie sich schufen. Er wird bestürmt und entweicht aus der Stadt; denn ihm fehlte für dies Amt, so meinte er, die Gelehrsamkeit, vor allem die kirchliche Erziehung. Er ist zwar Christ, aber nicht getauft. Da greift Kaiser Valentinian ein; nichts war dem Kaiser, der in Gallien weilte, willkommener als ein treuer Staatsbeamter auf dem Bischofsstuhl der Hauptstadt Mailand. Da gab Ambrosius nach und ließ sich taufen, offenbarte aber zugleich seinen Standpunkt: rechtgläubig, wie man es nannte; ein Gegner der arianischen Irrlehre. Schon seine Jugenderziehung in Rom hatte ihm diese Richtung gegeben. So war er nun orthodoxer Bischof, und er zeigte es. Die Kaiserin Justina, Valentinians Gattin, die im fernen Sirmium residiert, ist eifrige Arianerin; sie ist wütend über sein Bekenntnis und hetzt aus der Ferne das Volk Mailands gegen Ambrosius auf. Er sollte gegriffen und aus der Stadt geschleppt werden. In der Kirche (der Basilika Portiana) wird er geradezu belagert; aber die Soldaten, die die Kirchentüren bewachen sollen, sind für ihn; sie vernichten alle Anschläge. Indessen in der Kirche frommer Gemeindegesang ertönt, legt sich der Aufruhr, und er wiederholt sich nicht.

Seine Stellung war gefestigt, und er hat im Laufe der Jahre den Arianismus in Mailand völlig beseitigt, ja, dessen Unterdrückung in ganz Italien, heißt es, wurde damals seinem mächtigen persönlichen Einfluß verdanktHieronym. Chronik: Gratiano III et Equit. coss.. Nicht mit Hetzen und blutiger Verfolgung, er erreichte dies lediglich kraft der gewinnenden und überzeugenden Art seines Auftretens, die sich die Menschen, die Seelen, die Gewissen gewann. Wir 331 brauchen die Zeugnisse seiner Verehrer nicht, die uns sagen, wie menschenfreundlich und gut er sich in seiner hohen Stellung als Seelsorger zeigte. Schon seine Schriften zeigen es uns; sie reden für ihn. Der Sinn für das Volksbedürfnis spricht aus ihnen. Auch nichts Sensationelles ist darin, nichts oder doch wenig von dem blutrünstigen Behagen an den Leiden der Märtyrer, das den Prudentius ganz erfüllt. Für derartiges ist der Mann zu fein, zu vornehm und geschmackvollEine Ausnahme scheint es, wenn Ambrosius die Martern der Makkabäer ausführlich schildert, in der Schrift De Jacob et vita beata II, 11..

Soeben haben wir gehört, wie in Mailand in der Kirche mitten im Streit der Gemeindegesang ertönte. Ambrosius fand solchen Gesang also tatsächlich schon vor. Aber er begann nun selbst im eigenen Geist für den gleichen Zweck sangbare Texte zu gestalten, so einfach und unscheinbar, wie das klassische Altertum kaum Ähnliches kannte. Denn die ganze klassische Dichtkunst der Griechen und der Römer, die wir mit Fug und Recht bewundern, war nur für den Hochgebildeten berechnet. Hier findet sich ein Mann vornehmer Stellung und Herkunft, der sich einmal endlich zu den Einfältigen herunterbückt und ihnen in den Mund legt, was völlig schlicht im Ton und doch geeignet ist, die Herzen zu veredeln und aufzurichten. Nehmen wir sein bescheidenes Morgenlied vom Hahnenschrei. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen; da beginnt er:

Aeterne rerum conditor,
Noctem diemque qui regis
usf.

Deutsch lautet es etwaIn Verkürzung um 4 Zeilen.:

    O Schöpfer, der du Tag und Nacht
Und alle Jahreszeiten lenkst,
Der Hahnschrei tönt, ein Heroldsruf.
Er ruft und weckt den Morgenstern.
Das Dunkel weicht. Die Straße leert
Von nächtlichem Gesindel sich.
Im Seemann regt sich neuer Mut;
Es glättet sich der Meeresschwall.
Rasch drum vom Lager! Morgen wird's,
Und neues Hoffen bringt er uns,
Dem Kranken die Genesung mit. 332
Des Räubers Messer droht nicht mehr.
Des Zweiflers Glaube regt sich neu.
    Sieh, Jesus, auf uns Wankende:
Da fällt das Sündigen von uns.
In Tränen löst die Schuld sich auf.
Du selbst sei unser Tageslicht,.
Das uns aus geist'gem Schlummer weckt.
Mit deinem Preis heut heb' ich an.
Dir öffnet sich mein Mund zuerst.

Das ist alles. Christus das Tageslicht! Man wird bemerken, daß hier der Sonnendienst, der Heliosdienst, deutlich nachwirkt. Christus selbst ersetzt ihn. Er ist es, der ihn überwindet; Christus selbst soll fortan unsere Sonne seinDer Seemann wird übrigens an erster Stelle gleich zu Anfang des Liedes erwähnt, weil er auf die See hinausfährt, bevor noch die Sonne aufgeht. Aber auch der Übergang zu Jesus am Schluß ist ganz natürlich. In der Nacht quält wohl der Zweifel die Seele: mit dem Morgen rafft sich, wie es hier heißt, der Glaube neu, der sich dann unmittelbar zu Jesus wendet.. Und das Gedicht selbst: wie leicht zu behalten! Die Sätze kurz gebaut; kurz auch die Verszeilen. Nur der Reim fehlt noch. Erst das spätere Kirchenlied hat sich den bindenden Reim als Schmuck umgelegt, der der Antike fremd ist.

Die Prosaschriften des Ambrosius gingen großenteils aus seinen Predigten hervor. Er diktiert sie seinem Gehilfen, der vor ihm sitzt; wird der Schreiber müde, nimmt er die Feder selbst zur Hand. Das Anmutigste, Schönste sind seine Predigten über die sechs Schöpfungstage. Bewunderung der Schöpfung! Popularisierung der Naturwissenschaft! Daß er ihren Inhalt großenteils einer griechischen Vorlage entnahm, brauchte seine Gemeinde nicht zu wissenDie Vorlage war Basilius der Große; vgl. z. B. Paul Plaß, De Basilii et Ambrosii excerptis ad historiam animalium pertinentibus, Marburg 1905, der übrigens S. 53 zeigt, daß die Worte über den Fisch Thymallus von Ambrosius aus Aelian genommen sind. Übrigens K. Gronau, Poseidonios und die jüdisch-christliche Genesisexegese, 1914; F. Egleston Robbins: The hexaemeral literature, Chicago 1912.. Eine unsägliche Lebensfreude spricht da aus jeder Zeile, und es ist alles persönlich empfunden. Hellster Optimismus. Vom Elend und den Nöten der Zeit spüren wir da nichts; soziale Gesichtspunkte fehlen. Die Armut ist gottgegeben, warum soll man über sie klagen? Ohne sie wäre keine Wohltätigkeit möglich, mit der man sich den Himmel erwirbt. Auf alle Fälle ist der Zweck seiner Predigten nicht Klage, sondern Erbauung. Die Schöpfung! Es lohnt, sich darin einzuleben.

Zunächst handelt es sich freilich um die Gottheit Christi, und streng dogmatisch fängt er an. Christus hat bei der Schöpfung schon mitgewirkt; denn wenn Moses sagt: »Und Gott sah, 333 daß es gut war,« so schaute Gott selbst offenbar nur zu und prüfte, und Christus war es somit, der das Werk vollbrachte und es gut machte (II, 5). Heißt es: »Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde,« so bedeutet das »im Anfang« wiederum soviel wie: »In Christo schuf Gott Himmel und Erde.« Christus selbst ist der Anfang; denn »im Anfang war das Wort« und das Wort war bei Gott und Christus war das Wort (I, 8). Bald aber verschwinden diese schwierigen Erwägungen vor der reinen Naturfreude und Andacht: Er gebeut und es steht da! Es werde Licht und es ward Licht!

Ja Licht! Das Licht muß gleich das Erste sein; denn auch der Bauherr, der sich ein Haus bauen will, sorgt erst dafür, daß im Entwurf für das Haus einfallendes Licht vorgesehen ist, bevor er die Fundamente legt (I, 9). Und das Wort tut nun alles und der Wille. Der Wille Gottes ist das Maß aller Dinge, sagt Ambrosius sehr schön (II, 2), und das Wort selbst, das Gott spricht, ist die Leistungsfähigkeitvirtus naturae. der Natur (II, 3). Nur das Böse macht Sorgen; woher kam es in die Schöpfung? Es ist nicht von Gott, so beteuert der Kirchenmann in gesundem Frohsinn. Das Böse ist sekundär, und nur des Menschen Herz selbst war sein Ursprung.

Aber noch kommt er nicht zu reiner Freude; denn »die Feste« macht noch Schwierigkeiten, von der der Schöpfungsbericht sagt: »Es werde eine Feste in der Mitte des Wassers, und es sei eine Scheide zwischen Wasser und Wasser.« Wie kann sich Wasser über dem Himmel befinden? Der Himmel ist doch gewölbt, und es müßte abfließen. Ambrosius belehrt seine Gemeinde dahin, man könne schließlich nicht wissen, wie es über dem Firmament aussehe; vielleicht ist es oben flach und nur nach innen gewölbt, so wie es auch Häuser mit Innenwölbungen gibt, die flache Dächer haben (II, 3). Und nun folgen die Schöpfungstage. Wie schön die Natur! die Berge mit den Schatten gebenden Gesimsen ihrer Formationen! der Wein, der in Guirlanden sich rankt und Augen treibt (I, 8). Wie sinnreich, daß Gott erst die Vegetation schafft und hernach erst die 334 Tiere! Die einfach frugale Pflanzenernährung steht eben voran, die Fleischspeisen folgen erst in zweiter Linie (II, 7). Und das Wachstum selbst: welcher Mensch kann eine Blume machen? und welch Wunder, wie aus kleinem Keime erst nur das zarte Grün ausspringt, dann sich der Halm löst, des Halmes Spitze sich hebt und die Ähre bildet, die zuerst das Saatkorn noch verdeckt in der Scheide trägt! Das Saatfeld treibt Wucher, denn die Natur zahlt selbst tausendfältig zurück, was sie eingezahlt hat (III, 8). Dazu die Heilkraft der Pflanzen: allein schon das Öl. Ist der Hirsch krank, so kaut er vom Zweig des Ölbaums und ist genesen.

Am vierten Tag ist die Sonne geschaffen; zum erstenmal geht über der Welt die Sonne auf. Reibe dir die Augen klar, um sie zu schauen (IV, 1)! Am fünften Tag aber ruft der Prediger Wehe. Denn da entstehen die Meertiere, darunter Hummer und Austern, Aal und Muräne. Wehe, die Gegenstände des Schlemmens sind früher da als der Mensch! Welch gesunder Humor (V, 2)! Verliebt ist Ambrosius in einen Fisch mit Namen Thymallus, der in der Etsch und im Ticino gefangen wurde. Vom Thymian hat er den Namen und ist selbst wie eine Blume. Er redet ihn geradezu an: Was ist hübscher als du? was schmeckt angenehmer als du? was duftet würziger als du (V, 2)? Das lehrreichste aber ist, daß die Fische ihre Rasse rein erhalten; es gibt keine Kreuzungen. Der Hecht freit nur die Hechtin. Das ist Keuschheit. Mensch, laß es dir zum Vorbild dienen (V, 3).

Plötzlich unterbricht sich der Redner: Ich habe über den Fischen die Vögel ganz vergessen. Sie sind mir gleichsam davongeflogen. Könnte ich sie mit Vogelstimmen besingen wie die Nachtigall, die in der Nacht die Frühstunde verkündet und uns aus dem Schlummer weckt (V, 12). Wozu ist ihr seelenvoller Gesang? Er selbst ist Seele und beseelt das Ei, auf dem das Weibchen brütet (V, 24). Übrigens sind die Vögel den Fischen nahe verwandt; denn auch das Fliegen ist nichts als ein Schwimmen, ein Schwimmen im Luftmeer (V, 14). Auf die 335 Kraniche gebt acht: sie fliegen im Geschwader, in fester Ordnung in Reih und Glied, und stellen gar Wachen aus; das ist Staatenbildung. Der Mensch hat also den Staat vom Tier gelernt (V, 15). Achtet auch auf die Turteltaube: ist sie verwitwet, so paart sie sich nicht wieder. Das sei unseren Frauen ein Vorbild. Wichtiger aber noch ist der Geier; denn das Geierweibchen paart sich nicht; es fliegt nur gegen den Wind und ist befruchtetconcipit sine masculorum semine., und man will noch bezweifeln, daß die Mutter Gottes Jungfrau war (V, 20)?

Gott schuf auch den gräßlichen Tiger. Aber auch der Tiger kennt die Liebe, die Liebe zu seinen Jungen. Werden sie ihm geraubt, so verfolgt er den Räuber; der sitzt zu Pferd und wirft ihm eine Glaskugel hin. Der Tiger sieht im Glas sich selbst und glaubt sein Junges zu sehen. Wieder und wieder täuscht ihn der Reiter so, bis er mit der Beute entkommt. Gott schuf auch den Elefanten. Man tadelt dies Tier: es sei zu groß gebaut; seine Beine seien zu ungelenk; es sei ohne Kniee. Der Redner aber weiß es besser: der Elefant schafft eben dadurch Nutzen im Krieg; denn der Perser kämpft vom Elefanten herab und ist dadurch dem Römer überlegen; er wirft aus der Höhe die Geschosse wie von einer Festung. Daher braucht der Elefant dies starke Beinwerk, und ihm ist gegeben, über 300 Jahre alt zu werden (VI, 6). Am schönsten aber die Schilderung des Schlachtrosses: es schüttelt sich die Angst vom Nacken, um in das Feld zu springen, und lacht dem König entgegen, der es besteigt, wittert den Krieg von weitem und will losfahren, wenn es den Schall der Trompete hört (V, 9).

Doch genug. Echte Volkslehre! Es ist der Ausklang der großen Naturforschung des Altertums, die des Aristoteles Schule begründete; naiv und treuherzig. Der Geist des jungen, freudigen Christentums spricht aus ihm; aber man könnte dies Schöpfungsbuch noch heute mit einigen Abstrichen zum Kinderschulbuch machen. Das Ganze ein Loblied: »Herr Gott, dich loben wir« im Sinne des Tedeums, des ambrosianischen Lobgesanges, das mit dem Te deum laudamus anhebtDieser ambrosianische Lobgesang selbst ist freilich nicht von Ambrosius, nach dem er heißt, gedichtet, sondern erst später entstanden..

336 Ambrosius sagt es selbst offen: er lebte wissenschaftlich von der Hand in den Mund; er nahm vorhandene Werke und schriebt sie für seine Predigtzwecke um; er lernte selbst erst, indem er lehrteSo hat er auch die bekannte Pflichten und Sittenlehre verfaßt, die, für die Frommen bestimmt, doch im Grunde nichts ist als eine kluge Bearbeitung der heidnischen Pflichtenlehre Ciceros in christlicher Umdeutung: ein Werk, das auf die Sittenlehre des Mittelalters hohen Einfluß gewann.. Er war in Wirklichkeit kein Gelehrter, sondern ein Mann der Tat. Der im Wort die Milde und Lieblichkeit selbst war, war eisern fest, wo es zu handeln galt.

In Gallien begannen die unheilvollen Kaiserwirren, in die Theodosius der Große zweimal siegreich eingriff und über die ich früher berichtet habe. Valentinian I. war im Jahre 375 gestorben; seine beiden jungen Söhne Gratian und Valentinian II. waren gemeinsam die Erben seiner Macht. Da der letztere noch Knabe, führte zeitweilig seine Mutter Justina für ihn das Wort. Der junge Kaiser Gratian war nach Mailand gekommen, hatte sich dort mit Ambrosius befreundet, als in Gallien die Militärrevolution des Usurpators Maximus losbricht. Gratian eilt dorthin und kommt in Lyon durch Meuchelmord um, im Jahre 383. Da veranlaßte Justina den Mailänder Bischof, nach Trier zu eilen, wo Maximus Hof hielt, um im Interesse des 13jährigen Valentinian einen Ausgleich zu erwirken; und es gelang. Hernach, als Maximus von Theodosius besiegt und beseitigt ist, war es dessen Heermeister Arbogast, der gegen Justina und ihren Sohn den Eugenius zum Kaiser des Okzidents ausruft. Wieder droht Kaisermord; der geliebte junge Valentinian muß für sein Leben fürchten; Boten gehen von ihm ab; er ruft den Ambrosius zu sich nach Vienne; Ambrosius soll raten und helfen; aber noch ehe dieser in Vienne anlangt, wird Valentinian umgebracht. In mächtiger Wehklage von fast orientalischer Glut ergießt sich des Kirchenmanns Trauer über seinen Tod (seine beweglichen Worte liegen uns noch vor), und wir sehen daraus deutlich: nicht der Jüngling, auch nicht Justina hatte bisher in seinem Reichsteil in Wirklichkeit das Regiment geführt, sondern Ambrosius durch ihn. Sein Wille hatte die kaiserlichen Edikte diktiert. Als sodann Eugenius, der Arianer ist und zunächst siegreich in Norditalien einrückt, nach Mailand kommt, 337 verläßt Ambrosius demonstrativ die Stadt: ein Protest gegen den unerwünschten Gebieter.

Schon längst hatte er aber auch auf Theodosius den Großen, der erst Maximus und nun auch den Arbogast und Eugenius besiegte, Einfluß gewonnen. Theodosius residierte im fernen Constantinopel; des Ambrosius Arm reichte auch dorthin. Es war geschehen, daß Mönche, ihrem Religionshaß nachgebend, irgendwo eine jüdische Synagoge niedergebrannt hatten. Theodosius befahl mit Recht, daß der Bischof am Ort die Synagoge wieder aufbauen und auch die Mönche bestrafen sollte. Ambrosius aber denkt anders; er verlangt vom Kaiser Audienz, schreibt Briefe an ihn. Als Theodosius persönlich nach Mailand kommt, rückt er ihm den Fall nochmals in der Kirche vor: »Gott kämpft für dich und du kämpfst gegen ihn?« und zwingt ihn, den Befehl zurückzunehmen.

Berechtigter war ein anderes Eingreifen. Theodosius, der, so milde er sonst war, doch leicht aufbrauste, verhängte ein Strafgericht über die Stadt Saloniki. Dort lag einer seiner gotischen Generäle, Botharich, mit Offizieren und wenigen Truppen in Garnison. Die Germanen waren verhaßt; dazu kam, daß Botharich bei einem Zirkusrennen einen Wagenlenker, den Liebling des Publikums, der sich unverschämt benahm, gefangen setzen ließ. Das Volk verfiel in Wut und massakrierte den Botharich samt seinen Offizieren (im Jahre 390). Theodosius untersuchte den Fall nicht erst; im Zorn schickte er Truppen nach Saloniki und ließ auf das Volk einhauen, das wieder einmal im Zirkus beisammen war. 7000 Menschen sollen dabei umgekommen sein. Der Brief des Ambrosius an den Kaiser ist uns erhalten, in dem er sich zu seinem Richter aufwirft und ihn als schweren Sünder kurzum exkommuniziert. Und er führte dies durch. Nach dem Sieg am Fluß Frigidus kam Theodosius wiederum nach Mailand (im Jahre 394); da verwehrte Ambrosius dem Kaiser schroff den Eintritt in die Kirche. Tue Buße! war seine Forderung. Das Canossa ist damit schon fertig. Was sechs Jahrhunderte später der deutsche 338 Kaiser Heinrich IV. in Canossa auf sich nahm, der Sieg des Papstes Gregor VII., war schon damals durch Ambrosius errungen. Die Zeit der Richter des Alten Testaments lebt wieder auf: Samuel, der den Saul straft und richtet. Der allmächtige Kaiser der Welt knickte ein, tat wirklich die Buße, die ihm auferlegt; ja, zerknirscht und weinend soll er sich vor Ambrosius zu Boden geworfen haben. Erst danach wurde er zur Messe wieder zugelassen. Man vergleiche damit jene Kaiserin Eudoxia, die 30 Jahre später den ihr mißliebigen Patriarchen Johannes in Konstantinopel kurzweg kassierte, um die Wucht des Auftretens des Ambrosius recht zu würdigen.

Es besteht sonach kein Zweifel, daß Ambrosius auch sonst und für die ganze Kirchenpolitik dieses Kaisers der spiritus rector gewesen ist. Auch Stilicho, der hernach mit Honorius in Mailand seinen Standort hatte, trat sogleich in nächste Beziehung zu ihm. Aber schon zwei Jahre nach des Theodosius Ende beschloß Ambrosius sein bewegtes Leben, noch nicht 60 Jahre alt, am 4. April 397. Er war es, dessen Beispiel dem Papsttum der Zukunft den Weg zur Allmacht gewiesen hat: ein Staatsmann von Beruf auf dem geistlichen Stuhl, der erste große Kirchenfürst. Selbst zu den freien Germanen jenseits des Rheins war sein Ruhm gedrungen; Fritigilt, die Königin der Markomannen, schrieb Briefe an ihnPaulinus vita Ambros. 36., und noch nach seinem Ableben wirkte sein Geist weiterSelbst ein Pelagius verehrte ihn hernach uneingeschränkt; s. Augustin, De gratia christ. contra Coelestium et Pelagium cp. 42.. Man erzählte alsbald allerlei Wunder von ihm (das konnte nicht ausbleiben), und als der furchtbare Radagais, der Ostgote, mit seinen Hunderttausenden die Landschaft Toskana brandschatzte, zeigte sich Ambrosius geisterhaft als Verklärter seinen Freunden in Florenz und tröstete sie mit der Verkündigung, Stilicho werde kommen und siegen, Radagais aber vernichtet werden.

Und der Papst? Die Bischöfe von Rom selbst? Man sieht sich forschend nach ihnen um. Auch ihr Einfluß war natürlich gewaltig und stetig; aber von ihren Persönlichkeiten hören wir wenig, wenig auch von den Beziehungen, die Ambrosius zu ihnen hatte.

339 Die christliche Urgemeinde in der Stadt Rom war unter allen Gemeinden naturgemäß von Anfang an die zahlreichste und reichste. Als die Apostel Paulus und Petrus nach Rom kamen, bestand sie schonDies zeigt der Römerbrief.. Der Zulauf aus der Millionenstadt selbst, aber auch die Zuwanderung von außen hob sie rasch, und sofort gewann der römische Bischof auf alle Gemeinden im Land Italien maßgebenden Einfluß; aber auch Gallien, Spanien, Afrika waren gewöhnt, sich Rom unterzuordnen, und so reichte des römischen Bischofs Einfluß schon früh auf diese Reichsländer hinüber. Anfangs und bis in das 3. Jahrhundert herrschte die griechische Sprache bei den Christen in Rom; erst etwa seit dem Jahre 250 setzte sich bei ihnen das Latein durch. Damals gab es schon an die 40 Kirchen und mehr in der Stadt; der Reichtum der Gemeinde war so groß, daß sie ihre Geldhilfe und damit ihren Einfluß bis nach Syrien, Arabien, Cappadocien erstreckteEusebius, hist. eccles. VII, 5; Basilius Epist. ad Damasum 70., und der Bischof schaltete so mächtig über den sieben Hügeln, daß schon Kaiser Decius um das Jahr 250 äußerte, er ertrage in Rom lieber einen zweiten Kaiser neben sich als diesen PriesterCyprian, Epist. 55, 9.. Auch der Prunk zog ein; der Bischof kleidete sich fürstlich, um sich in seiner Würde zu heben; auch die Kirchen kleideten sich nicht anders in sinnfälligen Glanz; die Gebetbücher selbst wurden mit Edelsteinen geschmückt. Begreiflich darum, daß es die Kaiser nicht mehr in Rom litt. Diocletian verlegte den Kaisersitz nach Nikomedien, Constantin nach Byzanz, Maximian nach Mailand; der Bischof verdrängte den Kaiser aus Rom. Das Bedeutsamste aber war, daß endlich Kaiser Gratian im Jahre 375, offenbar unter des Ambrosius mächtigem Einfluß, sich dazu entschloß, die Würde des Pontifex maximus, die er bekleidete, niederzulegen. Bisher waren die Kaiser immer zugleich auch die Oberpriester im Reich. Kraft dieses Amtes hatten sie das gesamte Religionswesen seit Jahrhunderten reguliert, beaufsichtigt, bald den Apollo-, Minervakult, bald den Isiskult, den Sonnendienst begünstigt; kraft dieses Amtes hatte Constantin selbst das Christentum staatlich anerkannt und die Synode von Nicäa berufen, hatte 340 Julian die Gegenreformation gegen das Christentum eingeleitet. Mit dem Schritt Gratians war jeder kaiserliche Anspruch auf entscheidende Beeinflussung der religiösen Dinge aufgegeben, waren die heidnischen Kulte endgültig als nicht mehr vorhanden erklärt, die Omnipotenz des Episkopus Roms offiziell anerkannt, für immer. Pontifex maximus, aber auch Papa, ließ sich dieser jetzt nennen, eine Bezeichnung, die in naiver Weise die väterliche Fürsorge, die väterliche Autorität zum Ausdruck bringt, die damals aber ebenso auch anderen Bischöfen zuteil wurde.

So hatte in der Stadt Rom ein Weltpriestertum Wurzel gefaßt, das in der Geschichte seinesgleichen nicht hat. Freilich haben wohl auch die Priestertümer des alten Ägypten in vorchristlichen Zeiten Jahrtausende bestanden und überdauert; aber sie glichen nur den einsamen Palmen am Wüstenrand; denn nur für die Anwohner des engen Niltals von Theben bis Memphis waren sie die Vertreter ihres Gottes. Das Amt des römischen Pontifex dagegen, der als Erbe Petri den Schlüssel zum Himmel verwaltet und durch Wahl bis heute nun schon im zweiten Jahrtausend unausgesetzt sich erneut, sein Priesteramt wuchs breitwipfelig als ein Riesenbaum empor, der das Römerreich und bald ganz Europa überschattete. Die Erde scheint nicht weit genug für seine Geltung.

Gerade im 4. Jahrhundert, der Zeit, von der ich handle, regte sich das Verlangen, die Geltung des päpstlichen Amtes durch angeblich historische Nachweise noch weiter zu heben und zu stärken. Über das Wirken des Apostels Petrus in Rom wußte man ursprünglich gar wenig. Jetzt hieß es bestimmt, Petrus habe 20 Jahre lang als erster Papst in Rom gewirkt; ja, die lateinische Bibel selbst habe schon er in Rom eingeführtDarauf bezieht sich Rufin in seiner Apologie, Buch II. Derselbe Rufin ist der Urheber der Petrus-Clemenslegende. Es entstand die Schrift De mirificis rebus et actibus Petri et Pauli et de magicis artibus Simonis magi (Duchesne, Liber pontificalis I pg. CII).. Auch von den Gebeinen des Petrus und Paulus begann man zu erzählen: sie waren in den Katakomben beigesetzt; Christen aus dem Orient kamen und raubten sie, um sie nach dem Osten zu entführen; da bebte die Erde, die Römer verfolgten die Räuber, und der Papst Cornelius ließ sie alsdann auf dem Gebiet des 341 Vatikan und an der Straße nach Ostia beisetzen. Von da kamen sie später wieder in die Katakomben zurückDuchesne, Liber pontificalis I pg. CIV.. Solche Geschichten wurden jetzt wertvoll; auch glaubt die Kirche sich heute noch im Besitz der Köpfe der beiden Apostel. Im 14. Jahrhundert soll Papst Urban V. sie wieder aufgefunden haben, und der Sakristan zeigt heute im Querschiff der Laterankirche das Ciborium, in dem sie aufbewahrt werden.

Vor allem legte man Wert darauf, daß Constantin der Große in Rom vom Papst Silvester zum Christentum bekehrt und getauft worden sei. Wie es in Wirklichkeit damit stand, haben wir früher gesehen. Jetzt erzählte man: Der junge Constantin befahl eine Christenverfolgung in Rom; Papst Silvester floh in eine Höhle. Constantin aber wurde sofort vom Aussatz befallen, und kein Arzt konnte ihm helfen. Die heidnischen Priester auf dem Capitol sagten, er könne Heilung finden, wenn er sich im Blut von neugeborenen Kindern bade. Constantin schauderte davor zurück; da erscheinen ihm zum Lohn und Dank die Apostel Petrus und Paulus und sagen ihm, ein Mann, Silvester, lebe; der könne ihn heilen. Constantin hält Petrus und Paulus für heidnische Götter und läßt Silvester unbedenklich kommen. Der klärt ihn über das Christentum auf und heilt ihn wirklich durch den Akt der Taufe, die er im Baptisterium des Lateran vollzieht. Aber Helena, Constantins Mutter, protestiert; sie ist auf den jüdischen Glauben erpicht und veranlaßt in Rom eine Disputation zwischen Silvester und jüdischen Rabbis. Silvester obsiegt anfangs im Redestreit; da verrichtet einer der Rabbis ein Wunder; er spricht einem Stier den Namen Jehovas ins Ohr, und der Stier bricht wie vom Blitz getroffen nieder. Alles ist bestürzt, und der Jude scheint zu siegen. Aber siehe da: Silvester weckt den Stier zu neuem Leben auf; das Christentum triumphiert glänzend, und Helena wird Christin wie ihr Sohn und viele andere mit ihrDuchesne, Liber pontificalis I pg. CXI..

Es ist merkwürdig genug, daß man über die römischen Kirchenfürsten nichts besseres zu erzählen wußte und daß man nicht sogleich ihre Biographien schrieb, wie wir doch eine des 342 Ambrosius besitzen. Ihre Person trat nicht stark genug hervor. Sie mochten so oder so geartet sein: das Amt selbst erhob sie, gab ihnen den Charakter. Das Papsttum herrschte in der wechselnden Person: so war es damals, so ist es noch heute. Sicher ist, daß es zumeist kluge und zielbewußte Männer warenWie beliebt sich Papst Liberius zu machen wußte, zeigt Ammianus Marcell. 15, 7, 6.; ihr größtes Verdienst im Sinne der kirchlichen Interessen ist, daß sie von vornherein sich gegen die Arianer stellten und das Glaubensbekenntnis von Nicäa zu dem ihren machten. Das war ein klares Programm im Dienst der Katholizität oder Einheit der Kirche. Wer Arianer war, hatte hinfort mit der Macht des Papstes zu rechnen. Je mehr sich die tausend Bischöfe aller Länder seiner Autorität unterordneten, je aussichtsloser wurde die arianische Sache im Kreise der Laien, insbesondere der Germanen, die diesem mehr weltförmigen und gemeinverständlichen Christentum zugeneigt waren.

Um das Jahr 380, in des Ambrosius Zeit, war Damasus Papst, jener Damasus, der die Marmorinschriften für die Märtyrer mit seinen eigenen Versen in den Katakomben anbrachte. An seinen Hof kam Hieronymus. Hieronymus kam nach Rom, und damit stellte sich der Kirche ein Literat erster Ordnung zur Verfügung. Er und neben ihm Augustinus begannen als unmittelbare Fortsetzer des Ambrosius ihr literarisches Wirken. Ist Ambrosius der Diplomat der Kirche, so war Hieronymus der geniale Journalist und Philologe, Augustin der Philosoph und Dogmatiker. Sie zusammen haben das Christentum des Okzidents auf einen neuen Boden gestellt. Die ersten beiden verfolgten die Aufgabe, die Geistesschätze, die das griechische Christentum im Orient – Origenes, Eusebius und die weiteren – aufgehäuft, dem Okzident zugänglich zu machen; Augustin griff über diese Aufgabe weit hinaus.

2. Hieronymus

Wer kennt nicht die mittelalterlichen Darstellungen des heiligen Hieronymus, der in der Höhle sitzt und im offenen 343 Folianten liest, eine Kerze neben sich, den Löwen friedfertig zu seinen Füßen; vor ihm der Totenkopf und der Stein, mit dem er sich die Brust schlug? Der Gelehrte und Büßer! Dürer hat ihn mitsamt dem Löwen in die gemütliche deutsche Bürgerstube versetzt, hochbetagt, langbärtig, mit der großen Glatze unter dem Heiligenschein. Welch frommes Behagen! Wie anders war der Heilige in Wirklichkeit! Es fragt sich, ob er zu innerer Versenkung Zeit hatte. In rastlosem Drang der Arbeit häufte der gelehrte Mann Bücher um sich auf, die er selbst geschrieben, und so wie auch sonst Philologen arge Zänker sind, war er einer der schonungslosesten Pamphletisten, den die Weltliteratur gesehen hat. Sein Losungswort aber ist Virginität. Das Zölibat hat in ihm seinen vornehmsten Verfechter.

Wir kennen ihn lediglich aus seinen Schriften. Hieronymus stammte von jenseits der Alpen, aus der Mischbevölkerung des Grenzgebietes von Pannonien und Dalmatien, dem heutigen Steiermark und der KrainSein Geburtsort hieß Stridon.. Die elterliche Familie war schon rechtgläubig christlich; sie war überdies wohlhabend genug, ihm die beste Erziehung zu gestatten. Beiläufig erzählt er, wie er als Bub einmal die Schule schwänzte und bei den Haussklaven sich Ferien machte, bis die Großmutter ihn faßte und dem grimmigen Schulmeister auslieferteContra Rufin I, 30.. Seine gelehrten Studien machte er in Rom und führte zugleich ein durchaus weltliches Leben. Mutmaßlich war sein Ziel, Lehrer oder Professor der Grammatik oder Redekunst zu werden. Er lebte ganz in den römischen Klassikern Cicero, Vergil, Horaz, Terenz; auch Griechisch trieb er damals schon und kaufte sich voll Eifer eine ansehnliche Bibliothek zusammen, den einzigen Schatz seines Lebens, den er, als er als Büßer alles von sich warf, sorglich hüteteEr redet von bibliothecam sibi conficere; der Ausdruck steht so auch bei Cicero, ad Quingum fr. III, 4, ad Attic. I, 7 und heißt dort, wie es scheint, »eine Bibliothek sich kaufen«. An Herstellung derselben durch eigenhändige Abschrift ist also schwerlich zu denken. Hieronymus muß aber demnach recht wohlhabend gewesen sein.. Allerlei Ausschweifungen oder schwerere Verfehlungen im Umgang mit Frauen muß er als Jüngling begangen habenEr nennt sich selbst reuig von allem Schmutz der Sünde bedeckt Epist. IV, 2; tunicam meam pollui sagt er Epist. 18, 11 nach Epist. Judae 23.; aber ohne merkliche innere Konflikte ließ er sich 25jährig in Rom taufen, stieg auch aus Neugierde einmal in die Katakomben hinab, um das Grauen der Stockdunkelheit und die Schrecken der unendlichen Grabesstille zu empfindenComment. Ezech. c. 40.. 344 Aber dies beeinflußte ihn innerlich wenig. Entscheidend wurde, daß er zu gelehrten Zwecken nach Gallien und Germanien reiste. Nebenher machte er da als rechter Philologe Beobachtungen über die keltische VolksspracheComment. Galat. II praef.. In Trier aber, das damals noch großmächtige Kaiserstadt und ein angesehener Studiensitz war, fielen ihm die Schriften des Hilarius von Poitiers in die Hände, in denen ein Geist zelotischer Rechtgläubigkeit lebte. Er wurde dadurch zuerst mit den Spekulationen der griechischen Theologen bekannt; es war vielleicht überhaupt das erste kirchliche Werk, das er studierte. Er schrieb es sich eigenhändig ab; es wirkte umstürzend, lebenbestimmend auf ihn. In ihm selbst schlummerte ein literarisches Genie erster Größe; es regte sich plötzlich in ihm; er hatte ein Gebiet gefunden, auf dem er sich in großem Stil kämpfend und erziehend ausleben konnte. Es würde ihm ein Leichtes sein, einen Hilarius zu überbieten.

So wurde er Kirchenmann. Sogleich fand er Freunde gleichen Strebens, Diakone und Mönche, die ihn darin bestärkten. Ehrgeizig sprang er in die neue Bahn und warf alsbald seine erste Schrift, die fabelhaft wundersüchtige Märtyrergeschichte von dem Prozeß und der siebenmaligen Köpfung einer schuldlos verklagten Frau ins Publikum (durch diese Schrift dürfte jener Dichter Prudentius zu seiner schreckhaften Märtyrerpoesie angeregt worden sein). Den römischen konsularischen Beamten, der gegen jene Frau den Prozeß geführt, verunglimpfte Hieronymus dabei als bestialischen Henker auf das gröbste. Erst danach machte er sich klar, daß der hohe Herr sich an ihm rächen könne, und er beschloß, nach dem Orient zu entweichen, um sich zu sichern. Von Bußbestrebungen hören wir noch nichts. Erst als auf der anstrengenden Reise durch Kleinasien und Syrien ihm sein Begleiter und lieber Freund Innocenz stirbt, als er selbst erkrankt und bis zur Gebrochenheit darniederliegt, überkommt ihn das Gefühl der eigenen Sündigkeit. Die Einsamkeit der Wüste lockt ihn, und er beschließt plötzlich, alles Weltliche von sich zu werfen, Mönch und Asket zu werden. 345 Gleichzeitig war sein Jugendfreund und Studiengenosse Rufin zu den Einsiedlern nach Ägypten gegangen. Auch eine vornehme Römerin tat da mit; sie hieß Melania.

Hieronymus einsam in der Wüste. Er war noch jung, und er schildert sich selbst. Aus Furcht vor der Hölle, der Gehenna, hatte er sich diese Pein erwählt; aber die Erinnerungen an das üppige Leben in Rom verfolgen und peinigen ihn da. »Im Bußgewand, von Schmutz so schwarz wie ein Neger; die Glieder so hager, daß sie kaum noch zusammenhängen; Skorpione in meiner Zelle, wilde Bestien ringsum in der Öde; aber ich sehe im Geist nichts als tanzende Weiber. Da schrie ich Tag und Nacht und schlug mir die Brust, bis ich über mir die Schar der Engel sah und mit dem Hohen Liede rufen konnte: Wir laufen dir nach im Duft deiner Salben!«

Auch seine Bibliothek war bei ihm, und er ist beglückt nur, wenn er Plautus oder CiceroWenn er den Seneca noster Seneca nennt, so hängt das wohl damit zusammen, daß man eben damals anfing, Seneca für einen Christen zu halten: Adv. Jovinian. I, 49., die noblen Heiden, liest; die barbarisch ungefüge Sprache der Propheten dagegen widert ihn an. Da hatte er die berühmte Vision, einen Traum der Entrückung. »Vom Fasten geschwächt lag ich im Fieber (so erzählt er), und es schien, ich sollte sterben. Da wurde ich im Geist plötzlich in die Unterwelt vor den Thron des RichtersWelcher war es? Er nennt Christus nicht. gezerrt. Ich fiel zu Boden, von der Überfülle des Lichts ganz geblendet. »Wer bist du?« fragte mich die Stimme. Ich nannte mich einen Christen. »Du lügst,« sagte da der auf dem Throne; »Ciceronianer bist du und nicht Christianer; denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz,« und er ließ mich geißeln. »Herr, Herr, Erbarmen!« schrie ich. Die, die den Richter umgaben, legten für mich Fürbitte ein; da tat ich den Schwur: »Herr, wenn ich je weltliche Bücher habe und lese, habe ich dich verleugnet.« In diesem Augenblick kehrte ich zur Oberwelt zurückregvertor ad superos heißt es (Epist. 22, 30, 5); aus diesen Worten folgt, daß die Gerichtsszene nicht im Himmel, sondern in der Unterwelt spielt; Hieronymus ist noch ganz befangen in den Vergilischen Schilderungen des Jenseits, das in der Unterwelt liegt; dort haust der Totenrichter., öffnete die Augen, die noch voll Tränen waren, und noch nachher hatte ich sichtbare Striemen auf dem Rücken, zum Zeichen, daß ich wirklich geschlagen worden.«

Aber den Schwur hielt er nicht. Er war viel zu intelligent, seine Phantasie zu reich, um sich auf die monotone 346 Kirchenliteratur zu beschränken. Vier bis fünf Jahre war er in der Wüste; aber der Philologenhunger, der Arbeitsdrang war zu mächtig in ihm. Er vergrößerte durch Abschreiben seine Bücherbestände und nahm Unterricht im Hebräischen bei einem Rabbiner. Nicht nur das; er fing an zu schriftstellern und wußte, in Rom werde man sich um seine Schriften reißen; denn die Anachoreten waren bisher fast nur Orientalen; es war etwas Außerordentliches, daß ein echter Okzidentale, ein Römer und ein Mann der höheren Gesellschaft es ihnen gleichtat und gar Visionen hatte, ein Mann, der aus der fernen Wüste selbst, wo der Löwe umgeht, wunderbar ciceronisch stilisierte Briefe schrieb und die Wüste selbst in hohen Tönen wie das Paradies besangVgl. Epist. 125, 8: Mir ist die Stadt ein Kerker, die Einsamkeit das Paradies.. Sensationell, mächtig energisch war seine Sprache: »Folgt mir nach (so schrieb er); tut es mir gleich. Und ob deine Mutter darob ihre Haare zerrauft, ob dein Vater, dich zu hindern, sich auf die Schwelle legt: tritt auf ihn, schreite über ihn hinweg und fliege zur Fahne des Kreuzes. Alle Familienbande zerreißt die Liebe zu Gott und die Furcht vor der Hölle. O Einöde, in der Christi Blumen sprießen! Die rauchgeschwärzten Städte sind ein Kerker. Abzuwerfen des Leibes Last ist meine Sehnsucht und zu des reinen Äthers Himmelsglanz aufwärts zu fliegen.«Epist. 14 an Heliodor. Schön heißt es auch in der Epistel 145, 4: proice sarcinam saeculi, wie Schiller sagt: »werft die Last des Irdischen von euch,« freilich in etwas anderem Sinne.

Da aber entstand im Orient neuer dogmatischer Streit über die Trinität und die drei Personen Gottes. Zwei oder drei Parteien bildeten sich, von denen die eine noch orthodoxer sein wollte als die andere, und sie verlangten des Hieronymus Zustimmung. Dogmatik war nicht seine Stärke. Ihm wurde dadurch der Aufenthalt verleidet. Was tun? Er schrieb dringend an den Papst Damasus nach Rom um Anweisung, wie er sich entscheiden solle. Hieronymus glaubte durchaus nicht an die Unfehlbarkeit des PapstesIn seinem Matthäus-Kommentar versteht er den Felsen Petrus nicht im Sinne des Papsttums (s. Zöckler, Hieronymus S. 214). In Brief 127, 9 spricht er darum von der Einfalt, simplicitas, des gegenwärtigen Papstes Sinicius. Ja, der Inspirationsbegriff beherrschte ihn noch nicht, und auch die Evangelisten begehen nach ihm gelegentlich Fehler und Irrtümer (Zöckler S. 190).; aber es war ihm bequem, im Zweifelsfalle sich unter eine Autorität zu stellen. Als Antwort beruft der Papst in dieser Sache ein Konzil nach Rom (im Jahre 382) und lädt auch Hieronymus dazu ein.

So kam er nach 11jähriger Abwesenheit wieder nach Rom 347 als des Damasus Vertrauensmann; und Rom bekam es zu spüren. Die ganze Stadt fiel in Erregung; denn der große Büchermensch und Eremit begann seine Agitation, als glühender Eiferer, nicht etwa unter den Männern; nein, die stolzen Frauen des Hochadels öffneten ihm ihre Häuser, die reichen Witwen mit ihren Töchtern, die in den großen Palästen hausten. Solch hagere Büßergestalt, braungebrannt wie ein dürrer Pinienstamm, in der Tracht Johannes des Täufers, dazu voll Feuers, Jähzorns und blendenden Geistes, übte sogleich magische Wirkung auf die Frauenseelen. Sein Predigtthema aber ist die Keuschheit der Frau.

Damals war von einem Arianer mit Namen Helvidius ein Buch über die Maria erschienen, in dem die Jungfrauengeburt Jesu bestritten und Jesus als rechter Sohn Josefs nachgewiesen wurde. Mit Keulenschlägen zermalmt ihn Hieronymus in einer Flugschrift, die die Jungfrau Maria und alle Jungfrauenschaft verherrlicht, alle Ehe entwertet. Im Ideal soll nicht nur das Weib, auch der Mann soll Jungfrau sein; Christus selbst wird Jungfrau genannt: Christus virgoVgl. Epist. 49, 21.. »Du unwissendster aller Menschen,« fährt er den Helvidius an: »du bist wie ein Kamel, das tanzen will.« Die Jungfrau (führt er aus) hat Zeit zu Fasten und Beten, und sie ist heilig an Leib und Seele. Wie anders die Ehefrau! Ihr Gatte, der abwesend, soll eben nach Haus kommen; da poliert sie ihr Gesicht, schminkt sich vor dem Spiegel, übt sich im weichlichen Gang. Ihre Kinder, die kleinen Bälge, schwatzen indes um sie her; die älteren Kinder verlangen ihren Kuß, die Dienerschaft rumort. Die Ausgaben werden schnell nachgerechnet, die Köche stehen zu Haufen und klopfen das Fleisch mürbe. In der Webstube dröhnt das Geräusch der webenden und spinnenden Mägde, bis es heißt: der Mann tritt ins Haus! Sofort muß die Frau wie eine Schwalbe durch alle Stuben flattern, nachsehen, ob das Bettpolster auch fest genug gestopft ist, ob der Fußboden gekehrt, die Trinkgefäße blank, das Essen angerichtet ist. Wie kann sie da an Gott denken! Und das sollen glückliche Häuser sein? Da kommt schon 348 Tafelmusik, Flöte, Leier und Zymbeln; der Parasit macht bei Tisch seine frechen Späße; der Mann läßt Tänzerinnen kommen, Opfer der Gier, die halbnackt das Auge kirren, und die unglückliche Hausfrau muß sich daran mitfreuen und innerlich Schaden nehmen, oder der offene Streit ist da. Nimm dazu die Ängste der Geburtswehen. Wohl der Frau, die davon frei ist, die alle Menstruation hinter sich hat! Ihr Sinn ist nicht mehr auf den Mann gerichtet. Sie hat Zeit zum Beten.

Schon Ambrosius hatte das Nonnenwesen empfohlen; Hieronymus fand daher bei den Frauen diese Stimmung schon vor, und die vornehmen Witwen Marcella, Asella, vor allem Paula mit ihren Töchtern Eustochium und Blesilla, sind es, denen er sich widmet. Es waren z. T. schriftgelehrte Damen, und alles drehte sich um die Erklärung des Bibeltextes. Die gelehrte Frau, die Philologin, die das alte Rom sonst kaum kennt, gab damals der christlichen Gesellschaft nahezu den StempelAuch in Spanien sehen wir übrigens damals, wie schrifteifrige Frauen sich für die häretische Lehre des Priscillian besonders ereifern: Sulpicius Severus, Chron. II, 46.. Es handelte sich da keineswegs um Jesu Leiden und Sterben, sondern um solche Dinge, was das Wort »Amen« oder was das »Sela«, das in den Psalmen steht, eigentlich bedeute. Diese Frauen fasteten, vermieden das Bad, hatten Ohrringe und seidene Kleider abgelegt. Paula schenkt sogar ihr kolossales Vermögen und das ihrer Kinder der Kirche. Die vorstädtische Villa der Marcella wurde, da viele Geistliche bei ihr ein- und ausgingen, geradezu eine Pflanzschule des Klosterwesens. Viele Stunden verbringt Hieronymus mit diesen Frauen in ihren Palästen. Er ist der Lehrer, aber er ist kaum älter als sie. Dabei schenken sie ihm gelegentlich Armbänder oder Tauben oder einen Korb voll KirschenEpist. 31, 1..

Wir kennen diesen Verkehr aus seinen Briefen. Die Briefe eines Ambrosius, Hieronymus und Augustinus waren ebenso gut Gemeingut des Publikums wie die Erlasse des Kaisers; sie wurden mit Willen des Verfassers alsbald veröffentlicht; die Abschriften gingen von Hand zu Hand, waren Gegenstand der Stadtgespräche, insbesondere jetzt des Hieronymus Brief an die junge Eustochium über die Wahrung der JungfräulichkeitEpist. 22..

349 Zündend, aufpeitschend, zugleich ätzend satirisch im Stil Juvenals, so ist seine Schreibweise. Über Rom ging es her, die elegante Gesellschaft, auch den Klerus: auch das christliche Rom ist die Stadt der Laszivität und der WollustEpist. 24. 5.. Vor dem Weintrinken warnt er die Frauen an erster Stelle: rührt ihn nicht an; er entzündet die Sinnlichkeit. Wir wissen auch sonst, daß zechende Frauen im Altertum nichts Seltenes waren. »Es gibt Mädchen genug, die sich berauschen, und dann nehmen sie das AbendmahlEpist. 22, 8–11.. Knappe, lose Gewänder tragen sie, die Haarzöpfe aufgelöst, werfen fangende Blicke auf der Straße und nisten sich bei den Klerikern als Haushälterinnen ein. Bös sind auch viele Witwen, die rotgeschminkt in der Sänfte daherkommen, von Eunuchen umgeben, nicht als hätten sie ihren Mann verloren, sondern als suchten sie nach einem Manne. Bei Tisch lassen sie sich von dem Geistlichen die Stirn küssen und küssen ihm die Hände, um dann süß von ihm zu träumen.« Es sind jene Matronen mit Frisuren von unechtem Haar, die wie Türme hoch stehenEpist. 130, 7, 13..

Man sieht: Hieronymus kannte das Leben; mit strengen Vorschriften will er es regulieren: wie oft am Tag die Frauen zu beten, welchen Umgang sie zu meiden haben. Vor jedem Ausgang, ja, vor jeder Verrichtung schlage mit den Fingern das Kreuz. Lauft auch nicht zu den Märtyrergräbern, sondern verehrt die Märtyrer im stillen Kämmerlein; denn da fehlt die Versuchung. Siehe: wenn du einschläfst, tritt der Herr, der dein Bräutigam, still ins Gemach; hinter der Wand tritt er hervor und legt die Hand auf deinen Schoß zum Zeichen, daß er verschlossen sei und nicht gebären soll. Peinlich berührt dabei zu lesen, daß der Verfasser nicht nur das Baden, sondern auch das Waschen verpönt und die Ungewaschenheitinluvies. Epist. 50, 3, 2. seiner hohen Freundinnen lobpreist.

Du heiratest? wünschest dir einen Sohn? Wozu? Damit dein Vater einen kleinen Enkel hat, der ihn mit seiner Unsauberkeit beschmutzt?Epist. 54, 4. Seine Warnungen sind unerschöpflich. So lesen wir: Vermeide den Umgang mit Frauen, die die 350 Schränke voll Toiletten haben; täglich tragen sie ein anderes Kostüm. Wenn sie wohltun und Geld spenden wollen, wird ein Ausrufer gemietet, der trompeten und die Armen dazu herbeirufen mußEpist. 22, 32.. Vermeide ebenso die flotten Personen, die zu dir sagen: »O du mein Hündel, genieße doch, was du hast, und lebe drauf los! Wozu willst du für deine Kinder sparen?«Epist. 22, 19. Schlimm sind auch die affektierten Frauen, die da alle Worte nur halb aussprechen, da sie die Zähne beim Sprechen nicht öffnen und für bäurisch halten, was natürlich istEpist. 22, 19.. Vor allem geh nicht mit Jünglingen um, die so schön frisiert sind; laß sie dein Haus nicht betreten, auch keinen Berufssänger, keine Musikantinnen; sie sind der Chor des Teufels. Ebenso dein Vermögensverwalter: er läßt sich die Haare brennen; laß ihn nicht mit dir gehen, wenn du ausgehst, auch nicht etwa deinen Milchbruder, der schön ist wie Milch und Blut.

Er schont aber auch die Geistlichen nicht: vor allem die, die auf Reichtum Jagd machenZur Entschuldigung der Geistlichen müssen wir erwähnen, daß viele von ihnen damals noch heirateten, also Familien zu ernähren hatten: hodie quoque plurimi sacerdotes habent matrimonia: Hieron adv. Jovin. I, 23.. Sie machen den alten Leuten, die kinderlos, den Hof, um sie zu beerbenVgl. Valentinians Edikt gegen die Erbschleicherei der Geistlichen: cod. Theodos. 16, 3., halten ihnen den Nachttopf hin, fangen den ausgehusteten Schleim mit ihren Händen auf. Kommt der Arzt, so fragen sie mit zitternden Lippen, ob es dem Kranken denn wirklich besser geht, und die Pein ist groß, wenn er das bejaht, als dächten sie: soll er so alt werden wie Methusalem? Nicht die Priester, nur die Kirche ist es, die erben soll; sie muß reich sein, um für die Armen zu sorgenEpist. 52, 6..

Solche Ausfälle ersetzten damals das kritische Feuilleton der heutigen Tage; sie nähern sich gelegentlich fast dem Ton unserer Witzblätter. Wie mancher mochte sich dadurch wirklich getroffen fühlen! Aber Hieronymus griff höher hinauf; er tadelte auch die Bischöfe selbst: sie sollen keine hohen weltlichen Beamten und Konsulare bei sich zu Tisch laden, so daß diese Herren gar besser beim Priester mahlzeiten als in ihrem eigenen Palast und daß dann gar die Militärwache vor der Priesterwohnung aufziehtEpist. 52, 11.. Schlimm, daß es unter den Bischöfen solche 351 gibt, die so lange zechen, bis sie betrunken sind»Wer Luxus treibt, ist schon lebend tot, wer sich betrinkt, ist nicht nur tot, sondern begraben,« sepultus, Epist. 69, 9, 1; dies ist nach dem vino sepultus Vergils gesagt.. Hat doch schon Cicero gesagt: »Es muß sich geziemen, was du tust.« Aber es gibt auch solche unter ihnen, die geradezu zum Gelächter werden durch die Art, wie sie sich kleiden und sich bewegen. Den Pfau lassen sie von ihrem Koch möglichst langsam dämpfen, damit die Hitze bis an die Knochen dringt und das Fleisch nicht zu mürbe wirdEpist. 69, 8, 7.. Gestern noch im Amphitheater, heute in der Kirche; Abends im Zirkus, am Morgen vor dem Altar: es geht von Übermut zu Übermut, de superbia ad superbiamEpist. 59, 9..

Es war gewiß mutig, so etwas zu schreiben. Hieronymus stand neben dem Papst da als eigentlicher Richter und Erzieher der Christenheit und des Klerus. Kein Wunder, daß die römische Gesellschaft sich gegen ihn aufbäumte, ihn haßte, ja, lächerlich zu machen suchte. Das geschah sogleich in Anlaß jenes Briefes an die junge Eustochium des Jahres 384. Im Himmel, hieß es, soll das Geschlecht aufhören, alle Weiber da zu Männern werden? Was werden unsere Frauen dazu sagen?Rufin, Apologie I, 23. Unter den Angreifern, die er fand, war ein gewisser Onasus, ein reicher geistlicher Herr. Es ist erstaunlich, wie Hieronymus den anpacktEpist. 40, 2.. Mein Beruf ist der des Medikus (schreibt er), den Leuten mit eiternder Nase die Nase zu schneiden und geschwollene Drüsen zu operierenGesagt nach Cicero pro Sestio 135.. Ist es etwa Onasus allein, der sich jetzt gegen mich erhebt und gedunsene Worte mit aufgeblasenen Backen gegen mich in die Wagschale wirfttrutinatur verba, gesagt nach Persius, 3, 82.? Ich habe gesagt, daß gewisse Leute durch Schliche und Betrug zu ihrer hohen Stellung kamen: was geht das dich an, der du ja so schuldlos bist? Ich greife Priester an, die sich mit Geld bestechen lassen; was erzürnt dich das, da du ohnehin schon reich genug bist? Was ich auch sage, und wenn ich über Eulen und Uhus oder Nilpferde spotten wollte, du beziehst alles auf dich und willst mich darum vor den Strafrichter ziehen. Kommst du dir etwa hübsch vor und heißt doch Onasus nach deiner Nase? Ich rate dir, verbirg in Zukunft deine Vorzüge, um schön dazustehen; laß niemanden deine Nase sehen, deine Reden hören; dann giltst du als beredt, dann giltst du als wohlgestaltet.

352 Aber die üble Stimmung steigerte sich. Seine Freundin Marcella selbst runzelte die StirnEpist. 27 ad Marcellam.. Ihm war im Eifer und geistreichen Spiel die Äußerung entschlüpft: die Nonne sei Braut des Herrn, also könne die Mutter der Nonne sich rühmen, »Schwiegermutter des Herrn« zu sein. Man höhnteRufin, Apologie II, 10.. Anstößig schien gewiß auch sein Preis des EunuchenstandesDie einen sind Eunuchen aus Zwang, die anderen aus freiem Willen, sagt er lobend, Epist. 22, 19, 2, mit Beziehung auf Matthäus 19, 12.. Eben jetzt starb sein Gönner Papst Damasus, im Jahre 384; da mußte er Rom räumen; er konnte sich nicht mehr dort halten. Er wurde des unzüchtigen Umgangs mit seiner edlen Freundin Paula bezichtigt; es kam darüber sogar zur Gerichtsverhandlung. Der Ankläger mußte widerrufen. Dann starb die junge Blesilla, wie es hieß, infolge zu strengen Fastens. Hieronymus pries sie selig; aber man gab ihm die Schuld, und bei dem Leichenbegängnis kam es fast zum Tumult; man schrie: »Steinigt alle Mönche, die verfluchten, jagt sie aus Rom, stoßt sie in den Tiber!« Und Hieronymus wich aus Rom. Es war das zweitemal, daß er flüchten mußte.

In Ostia schiffte er sich ein und schrieb da noch einen Abschiedsbrief: »Ich verlasse dieses Babel und fahre nach Jerusalem, ich Tor, der ich vergaß, daß, wer Jerusalem verläßt, unter die Mörder fällt. Paula gewann mein Herz nicht durch Sinnenreiz, sondern als Trauernde, als Fastende, von Schmutz bedeckt, von Weinen fast geblendet. Seitdem ich sie wegen ihrer Keuschheit verehre, sollen mich alle Tugenden verlassen haben?«Epist. 45, 3–7.

Er sah Rom nie wieder, und es folgt das Wunderbarste, die Riesenlebensarbeit des Hieronymus in Bethlehem durch fast 40 Jahre. Wunderbar auch das, daß Bethlehem dazu ausersehen war, der Mittelpunkt der römischen Literatur zu werden. Denn dazu wurde es durch ihn erhoben. Paula begleitete ihn dorthin; sie war es, die das Geld gab und die Gründung zweier benachbarter Klöster mit gemeinsamem Bethaus ermöglichte: ein Mönchskloster, dem Hieronymus, ein Frauenkloster, dem Paula vorstand. Da begann er die Kirchenliteratur unendlich zu bereichern; es war eine große 353 Redaktionszentrale mit reicher Bibliothek, Schreiberpersonal und Papiervorräten. Auch ein Buchhandel muß sich daran angeschlossen haben; denn er konnte die vielen Abschriften, die er herstellen ließ, nicht gratis abgeben.

Ganze Serien von Büchern schrieb er jetzt; er füllte sie mit Kommentaren zu den Evangelien, den Propheten, den Psalmen usf., indem er Werke griechischer Gelehrter, vor allem des vielbewunderten Origenes, auszog und alles Beste aus ihnen entnahm: eine geistige Durcharbeitung des gesamten Inhalts des Alten und des Neuen Testaments mit seinen abertausend dunklen Stellen, die erstaunlich ist. Seine Gelehrsamkeit schien stupend, seine Vielseitigkeit, Gewandtheit, Akkommodationsfähigkeit im Durchdenken dessen, was andere gedacht. Er war der Cicero der Kirche. Denn so wie Cicero selbst dereinst in seinen Tusculanen und anderen Schriften die altgriechische Weltweisheit in Rom eingebürgert hatte, so tat Hieronymus jetzt das nämliche für die griechische Theologie, in viel massiveren Werken. Seine Diktion übertraf alles; er selbst ging zwar im Bußgewand, seine Rede aber schritt in rauschender, glitzernder, geschmeidiger, wundervolle Falten werfender Robe daher. Er hatte Cicero vergebens verleugnet. Kein Autor kam neben ihm auf. Man sah es mit Neid und Scheelsucht.

Die Gegner faßten ihn darauf an, er habe doch in der berühmten Vision Cicero abgeschworenRufin, Apologie II, 6.. Wie sollte er sich verteidigen? Er brauchte seine ciceronianische Virtuosität ja doch nur im Dienst Christi; was wollte man mehr? Er selbst sagte mit Recht: die purpurgefärbte Wolle wird durch kein Wasserbad wieder weiß gewaschen (er selbst war die Wolle, Cicero der Purpur). »Übrigens war es ja nur ein Traum, als ich Cicero abschwor, und Träume sind keine Wirklichkeit; wie oft träume ich, daß ich über Berge und Meere fliege; bin ich darum zum Fliegen verpflichtet?«Contra Rufin. I, 30 f.

Er schrieb nichts eigenhändig, sondern diktierte nur alles. Es ging in der Tat wie im Fluge, rastlos, lebhaft, im hohen Alter noch die Sprache des Jünglings. Es fließt ihm von der 354 Lippe in völliger Natürlichkeit: eine pulsierende Belebtheit des Wortes. Selbst der schwerfällige Gang seiner Kommentare wird dadurch beschwingt, und nun gar seine Flugschriften, seine Briefe, voll Trost für die Trauernden, voll Ratschlag für die jungen Geistlichen; er wußte, sie waren Ereignis, und mit gewisser Eitelkeit blickt er darauf und gibt oft an, diese Schrift habe er in einer Nacht diktiertÄhnliches fanden wir in Kaiser Julians Schriften.. Eine Menge Menschen, Pilger, Gelehrte, auch Neugierige strömten zu ihm in Bethlehem zusammen; es war fast ein Jahrmarktstreiben. Es gab auch solche, die seine Schreibgehilfen bestachen und sein unfertiges Manuskript zu stehlen suchten. Und noch immer war seine Zunge, wo es zu fechten galt, scharf wie ein persisches Messer.

Ein gewisser Jovinian schrieb gegen ihn ein Werk über den Wert der Ehe. »Die alte Schlange zischt in diesem Jovinian; er ist der Epikur, und alle Lüstlinge grunzen mit ihm in seiner Schweineherde.«Adv. Jovin. I, 38; II, 36. Hieronymus geht jetzt weiter, nennt die Ehe tierisch und preist den, der um des Himmels willen Eunuch istAdv. Jovin. I, 12 u. 38. Diese Entwürdigung und Beschimpfung der Ehe als Konkubinat setzt sich natürlich in der späteren Literatur fort, so schon bei Alcimus Avitus (Ebert, Gesch. der Literatur des Mittelalters I², S. 400).. Ein anderer Freigeist, Vigilantius, der früher einmal Gastwirt gewesen, schrieb gegen den Märtyrerkultus, gegen das Fasten und das Lichterbrennen in den Kirchen. Vigilantius heißt etwa »der Wachsame« auf Deutsch; Hieronymus nennt den Mann nun mit derbem Witz höhnend Dormitantius, also den Schlafsüchtigen, und sagt: Du bist gegen das Lichterbrennen, weil du lieber im Dunkeln schläfst; du bist gegen das Fasten des Publikums, weil du gern als Gastwirt gute Geschäfte machst. Es ist der Ton des Klopffechters und Rabulisten, Juvenalische SatireHieronymus vergleicht sich gelegentlich selbst mit den Satirikern.. Wir dürfen es dem hitzigen Mann nicht verargen. Gegen Todfeinde der Kirche waren eben alle Waffen erlaubt. Er nennt sich selbst den Hund Christi, der für seinen Herrn bellt und kläfftContra Rufinum III, 42. Auch Orosius braucht übrigens in seiner Praefatio den Vergleich mit dem Hunde., ganz im Sinne der späteren Dominikaner, die sich, wie er, als die Hunde des Herrn, domini canes, selbst bezeichneten.

Er war kein Redner, kein Prediger, sondern nur Buchschreiber und Literat. Es gibt viele solche Gelehrtennaturen, 355 Klausnernaturen, denen das unmittelbare Gespräch nicht liegt. Keine einzige Äußerung scheint von Hieronymus erhalten, wo er einmal im frischen Wortwechsel von Mann zu Mann Rede steht und siegreich das Wort führt. Erst in der Einsamkeit fließt ihm alles Beste zu. Er war dereinst zum Priester geweiht worden und sollte ein Kirchenamt verwalten; er nahm die Weihe an, aber funktionierte nicht, was allem Herkommen widersprach. Es ist klar: er fühlte selbst, was ihm fehlteEr scheint auch das Wort erfunden zu haben, »aus der Not die Tugend zu machen«: facit de necessitate virtutem, contra Rufinum III, 2 (p. 532 ed. Vallarsi).. Trotzdem war er zum Orakel der Kirche, er war zum gefürchteten Herrscher auf dem Büchermarkt geworden. Aus der Fülle seiner Briefe greife ich noch den an die Salvina heraus. Salvina war kaiserliche Prinzessin; sie lebte großmächtig am Constantinopolitaner Hof. Ihr Gatte war Neffe Theodosius des Großen, sie selbst Tochter des afrikanischen Fürsten Gildo. Ihr Mann stirbt; Hieronymus hat sie nie gesehen, zum Hof gar keine Beziehungen; aber er erlaubt sich ihr unaufgefordert aus Bethlehem zu schreiben, ihre Schönheit, die engelhafte Schönheit ihrer Kinder, die er nie gesehen, zu preisen, ihr sein Lob zu erteilen, da sie jetzt sittsam in Trauer geht und nicht nur schwarze Kleider, sondern auch statt der goldenen Schuhe schwarze Stiefeletten trägt, und endlich sie zu ermahnen, hinfort die Keuschheit zu wahren, d. h. nicht noch einmal zu heiraten. Sie soll die Monogamie wahren; denn jede zweite Heirat gilt nach ihm schon als Bigamie. Wie die hohe Dame das aufnahm? Wir wissen es nicht. Jedenfalls sorgte Hieronymus dafür, daß auch dieser Brief veröffentlicht wurde. Nichts beleuchtet so sehr die überlegene Stellung und unantastbare Autorität dieses Mannes.

Aber was ist uns heute das asketische Menschenideal des Hieronymus? seine gleichsam entfleischte Ethik? Was ist uns heute das Geprassel all seiner Streitschriften? Was ist uns selbst die Batterie seiner schriftgelehrten Kommentare, die im Grunde doch nur dem nächsten Zeitbedürfnis voll entsprachen und heute als völlig veraltet gelten? Die Hauptsache ist noch nicht genannt: die Chronik des Hieronymus, die Bibel des 356 Hieronymus. Dies war es, womit er der Kirche und der Kirchengeschichte ein neues Fundament gegeben hat. Das eine war ein Werk genialer Eilfertigkeit, das andere ein Werk eisernsten Fleißes.

Die Chronik schrieb er, als er in Constantinopel war, vornehmlich nach einer griechischen Quelle, im Verlauf eines Winters nieder, und sie zeigt uns deutliche Spuren der Flüchtigkeit; aber sie wurde trotzdem das unentbehrliche Handbuch der Jahreszählung und tabellarischen Überschau alles Erlebens der Menschheit für den ganzen Okzident. Alle Ereignisse sind darin unter Jahre Abrahams gestellt, die bunte Geschichte der alten Heidenwelt wie der Juden in den Weltplan des werdenden Gottesreichs eingefangen. Es sind redende Zahlen, und sie lehren, daß die Geschichte nicht planlos verläuft, sondern eine Zwecksetzung hat, die sich im Sieg der Kirche erfüllt.

Unendlich bedeutsamer die lateinische Bibel. Es ist die Gestalt der Bibel, nach der die katholische Kirche das Gotteswort noch heute unter die Menschheit gibt, neben die hernach Luther seine deutsche Bibel stellte, und es war eine Arbeit, wohl noch mühsamer als die Luthers.

Moses und die Propheten, die Psalmen, die Evangelien bestanden schon längst in lateinischer Übersetzung, aber in verschiedener Abfassung, die oft bedenkliche Abweichungen und mitunter so starke Widersprüche aufwies, daß die Kirchenlehrer nicht wußten, was das richtige; die Autorität des inspirierten Gotteswortes selbst war in solchem Chaos bedroht. Es galt mit dieser üblen Tradition zu brechen, für das Neue Testament auf den griechischen Grundtext, der wieder in verschiedenen Fassungen vorlag, zurückzugehen und von Vers zu Vers die Wahl der best bezeugten Lesungen zu treffen; es galt für das hebräische Alte Testament nicht nur die in der Kirche herrschende griechische Übersetzung neu zu vergleichen, sondern hier weiter, was bisher keiner gewagt hatte, auf die unbequeme Ursprache des Hebräischen zurückzugreifen. Wenn Textkritik die erste Aufgabe des Philologen ist, so leistete Hieronymus sie hier bahnbrechend an dem wichtigsten aller 357 Texte. Schon in den Jahren seines römischen Aufenthaltes begann er damit. Er, der der ungeduldigste war im Streit, war der geduldigste bei der Arbeit. In echt wissenschaftlichem Triebe hatte er dazu das Hebräische gelernt, damals eine ganz unerhörte Leistung. Er bekennt selbst, wie sauer es ihm wurde. Dauernd zog er einen Rabbiner zur Hilfe heran. So entstand die von ihm revidierte, neu geschaffene lateinische Bibel, die man die Vulgata nenntDie Leistung des Hieronymus, wie sie in der Vulgata vorliegt, ist zweiteilig; für einige Bücher wie das Neue Testament und die Psalmen korrigierte er nur die schon vorhandene lateinische Übersetzung, die sog. Itala; andere sind von ihm selbst neu übersetzt. Ganze Teile des Werkes wurden dem Hieronymus während der Arbeit gestohlen (Epist. 134, 2). Die Haupthandschrift, in der es vorliegt, befindet sich in Florenz, stammt aus dem 8. Jahrhundert und heißt der Codex Amiatinus. und die sich zwar nicht sofort, aber doch allmählich als kanonisch durchsetzte. Um für die Zuverlässigkeit ihres Wortlauts zu bürgen, genügte sein Name. Es fehlte ihm bei diesem kühnen Unternehmen keineswegs an Anfeindungen. Ein Jude, hieß es, hat dir geholfen; wer weiß nicht, daß die Juden betrügen? Sogar der große Augustinus begriff anfangs nicht den Wert der Sache. Nur seine nächsten Freunde und gelehrten Freundinnen dankten ihm. Die Kirche selbst hat ihm erst spät, als er nicht mehr war, zu danken gewußt; sie tat es durch Heiligsprechung.

Mit Genugtuung aber stellen wir fest, daß er bei Lebzeiten auch schon bei den Germanen das schönste Verständnis fand. Zwei gotische Bischöfe hatten sich mit Fragen an ihn gewandt; sie hießen Sunia und Fretela. An sie und an ihre Gemeinden richtete Hieronymus darum ein grundgelehrtes SchreibenEpist. 106.. Diese Goten wollten einen zuverlässigen Text der Psalmen haben und schickten ihm darum ein Verzeichnis von Fragepunkten. Hieronymus beginnt mit dem Erstaunen, daß auch die Barbaren, die Goten, jetzt Bibelforscher geworden sind. »Während die Griechen auf diese Dinge nicht acht geben, forscht Germania jetzt nach dem echten hebräischen Wortlaut des Textes (es regte sich also schon damals die deutsche Ernsthaftigkeit in wissenschaftlichen Dingen). Die Germanenfäuste, die Schwielen haben vom Schwertgriff, die Germanenfinger, die sonst nur den Bogen spannen, werden jetzt weich, um die Schreibfeder zu halten, und ihr kampfgewohnter Sinn wird zur Friedensarbeit in Christo umgestimmt.« Die Goten wollten also eine Kontrolle über die lateinische Bibelübersetzung 358 gewinnen; Hieronymus soll sich ihrer Beurteilung aussetzen und ihnen an allen Textstellen, wo der griechische Text vom lateinischen abweicht, die hebräische Lesung mitteilen. Er unterrichtet sie nun gutwillig zunächst über die verschiedenen griechischen Textbearbeitungen des Alten Testaments und geht dann auf 40 engen Seiten wirklich sorgfältig eine Fülle von abweichenden Lesungen durch. Gelegentlich betrifft das solche Kleinigkeiten wie, ob ein »und« (et) im lateinischen Text einzufügen ist oder nichtEpist. 108, 83.. Man sieht: die alten Germanen waren als Philologen schon so knifflich wie heute. Hieronymus verliert jedoch die Geduld nicht.

Über seinem Lebensabend aber waltet eine gewisse Tragik, wie über so vielen der Personen, die ich in diesem Buch besprochen. Schwer traf ihn der Verlust seiner edlen Freundin Paula, die im Jahre 404 in Bethlehem starb57jährig.. Dann hörte er mit Grauen vom Sieg der Barbaren und von Alarich, der Rom plünderte. Er schilt Stilicho einen Verräter und sieht nunmehr den demnächstigen Untergang des Römerreichs voraus. Während der Plünderung Roms starb dort auch seine Gönnerin Marcella, wennschon Alarich sie verschont hatte. Schwärme von Flüchtlingen, Vornehmen und Armen, strömten aus Rom nach Palästina und suchten auch in Bethlehem Hilfe. Er sah dem zu; er hatte nicht die Mittel, um zu helfen. Er selbst aber wurde in neuen geistlichen Hader hineingerissen.

Bisher hatte er sich sorglos als Verehrer des gelehrten Kirchenvaters Origenes gezeigt; jetzt erklärte der Papst diesen Origenes für irrgläubig, und in Ägypten und Palästina begann nun der wilde Meinungsstreit für und gegen Origenes. Wir hören, wie es da in der Erlöserkirche zu Jerusalem selbst zu wüsten Redekämpfen kam, die von Beifallsgeschrei oder höhnischem Gelächter des Publikums unterbrochen wurdenHieron. contra Joannem Ierosolymit. ad Pammachium cp. 11.; wir hören von schlimmen Gewalttätigkeiten. Der Bischof Epiphanius von Cypern ist anwesend; im Kampf gegen die Origenesverehrer will er jemanden wider dessen eigenen Willen zum Priester weihen, damit nicht ein anderer von der 359 Gegenpartei die betreffende Priesterstelle erhalte; er läßt also den Mann, den er sich ausersehen, in der Kirche während des Gottesdienstes greifen, ihm den Mund zuhalten, damit er Christus nicht anrufen kann, und erteilt ihm so gewaltsam die WeihenZöckler, S. 245., ein Akt, der nicht rückgängig zu machen war. Hieronymus selbst schwor mit Leidenschaft sofort alle inneren Beziehungen zu Origenes ab. Dabei geriet er aber in den unerquicklichsten Zank mit seinem Jugendfreund Rufin, ein persönlicher giftiger Hader, der, öffentlich ausgefochten, der Größe seines Namens keineswegs entsprach. Als dieser sein Jugendfreund stirbt, hat er kein weiteres Wort für ihn übrig als: »Die Schlange zischt nicht mehr.« Das förderte sein Ansehen schwerlich.

Aber auch seine persönliche Sicherheit war bedroht. Er zählte schon 80 Jahre; da kamen arabische Beduinen über das Land, plünderte Bethlehem aus, und er rettete kaum sein Leben (im Jahre 411). Eine neue Sekte tat sich auf, die man die Pelagianer nennt. Pelagius war ihr Haupt. Es handelte sich um die Frage nach der Erbsünde und der Willensfreiheit des Menschen. Pelagius kam persönlich nach Jerusalem. Als Hieronymus in seiner beredten Weise als Verfechter der Lehre von der Erbsünde gegen ihn schrieb, fielen die pelagianisch gesinnten Mönche wütend über sein Kloster her und verbrannten es. Hieronymus mußte sich in einen festen Turm retten (im Jahre 416). Der zähe Alte überstand auch das. Er blieb in Kampfstellung.

Aber noch ein anderes blieb ihm nicht erspart; er wurde in seinem eigenen stolzen Selbstgefühl erschüttert. Denn Augustinus erhob sich in seiner Größe. Hieronymus mußte es erleben, daß Augustin, der Dogmatiker, unabhängig von ihm die Kirche des Okzidents mit neuem Geist erfüllte.

Es entstanden Meinungsdifferenzen zwischen beiden, die nicht zum Austrag kamen. Hieronymus knurrte ihn an; er wollte gereizt losfahren, aber er erlahmte, er senkte als Veteran die Waffen vor Augustin und endete mit dem Bekenntnis der 360 Unterwerfung: »Ich habe beschlossen dich zu lieben, und alles, was du sagst, mache ich mir zu eigen. Der Weltkreis feiert dich; die Gutgläubigen verehren in dir den Neubegründer des alten Glaubens. Christi Gnade schützt dich, verehrungswürdiger Herr und glückseliger PapaEpist. 134, 1 u. 141.

Hieronymus starb, vielleicht 90jährig, am 30. September 420.

Ein Größerer war gekommen, der nicht in der Klause lebte, sondern von Mensch zu Mensch mannhaft wirkend mitten im Leben stand und als Bischof, wie Ambrosius, ein Beamter und Diener des christlichen Staates war; ein Vorkämpfer der Kirche, der als Schriftsteller sich nicht begnügte, nur die übernommenen Lehrmeinungen anderer mit Heftigkeit zu verfechten, sondern selbständig in innerem Ringen dem Weltproblem nachging und die Wahrheit suchte.

Hieronymus war der mächtigste Verkünder des Werkdienstes in Buße und Fasten; Augustin ist der Verkünder des Glaubens. Daher wurde Luther, der Augustinermönch, Fortsetzer des Werkes des Augustin, während Luther in charakteristischer Schärfe Hieronymus geradezu einen Ketzer nennt mit der Begründung: »Er redet von Christo nichts denn daß er nur den Namen im Munde geführt hat.«Luther, Tischreden Nr. 2650. Das ist schroff gesagt; Schroffheit liegt in der Art der Theologen und Dogmatiker; der Gegensatz aber wird dadurch vorzüglich verdeutlicht.

3. Augustinus

Augustin stammt aus Numidien in Nordafrika, dem Land der Mischbevölkerung (heute Algier), aus der Landstadt Thagaste. Die Afrikaner galten als verschmitzt, und es heißt, selten sei unter ihnen ein guter Mensch zu findenExpositio totius mundi ed. Riese p. 123.. Hier tritt uns doch in ihm eine solche Ausnahme entgegen. Man möchte wissen, welche Rasse auf ihn Anspruch hat; war in ihm echt römisches Kolonistenblut? oder war sein Vater Numidier? Maure? oder stammte er gar aus der punischen Schicht? 361 Denn noch immer hörte man dort seit der Zeit Hannibals und des alten Carthago die punische Sprache im Volke. Es ist nicht zu ermitteln. Der göttliche Funke des Genies ist nicht an Rassen gebunden; er mag auch einmal in einen Sohn des maurischen Reitervolks gefahren seinAugustin verstand die punische Sprache (Sermon. 167, 4) und tadelt den, der sie verachtet (Epist. 17). Die phönizisch-semitische Herkunft ist gleichwohl am wenigsten glaublich; so nahe Tertullian dem Geist des Alten Testamentes stand, so fern steht ihm Augustin, dessen Abneigung gegen das Alte Testament ihn lange Zeit von der Kirche fernhielt.. Jedenfalls ist Augustin ein Mann, einzig in seiner Art: als philosophischer Denker selbstschöpferisch wie kein anderer Römer, dazu milden, menschenfreundlichen Sinnes, der den Gegner nicht niederschmettern, sondern überzeugen will; zugleich aber von innerer Leidenschaft getragen und aller großen Phantastik fähig; vor allem aber: er ist Ichmensch wie kein anderer. Was andere denken, bindet ihn nicht; er muß selbst finden, um zu glauben. Ein großes Ich ist eine Welt für sich; er stellt sich endlich selbst in den Mittelpunkt seiner Darstellungen: Seht her, wie ich bin, wie ich geworden bin! Das ist eigentlich seine Größe: das kühne, schrankenlose, freie Sichselbstausleben vor aller Welt. Seine Schriften sind nichts ohne seinen innersten Herzschlag. Er ist Prophet, aber nicht in jüdischem Sinne; er offenbart nicht und droht nicht; er sucht nur zu verstehen und das neu Verstandene verständlich zu machen. Sein Glaube ist bestimmt, der Glaube der Menschheit zu werden; aber er ist sein eigenster Erwerb, sein selbst errungenes Eigengut. Mit dem Wachsen seiner Lehre wuchs das Ansehen seiner Person ins Übergroße.

Wie anders jener Hieronymus, der, nachdem er sich einmal zum Klosterleben entschlossen und damit seine Jugendsünden gut zu machen begonnen hat, von sich selbst nicht mehr redet, von innerem Erleben keine Spur zeigt, statt dessen aber als Wächter und Erzieher über andere zu Gericht sitzt und unablässig die Geißel seiner Satire schwingt! Augustin hat für andere, für Sünder oder Irrende, oft ein freundliches Verstehen; er ist nur mit sich und seinem Gott beschäftigt. In seinen Schriften lebt er sich aus, im Glutstrom der Rede, und die Wirkung war darum unvergleichlich; sie war umfassend und dauernd. Nur der Sturm in Luthers Schriften hat ihn vielleicht 362 noch überboten; denn auch Luther war starker Ichmensch. Beide stehen ganz nur auf sich selber.

Augustinus berichtet uns über sich selbst, und wir lernen damit einmal, was schon an und für sich kennenswert, den Lebensgang einer bürgerlichen Person aus den Zeiten des Theodosius und Honorius kennen. Sein Vater ist altgläubig oder Heide, seine Mutter eifrige katholische Christin. Es sind mehrere Kinder da. Der Knabe Augustin ist der begabteste, und voll menschlichem Ehrgeiz setzen die Eltern, obschon durchaus nicht wohlhabend, alles daran, ihm die beste Erziehung zu geben. Er lernt spielend leicht, ist aber eben darum grundfaul auf der Knabenschule, und die Eltern lachen, wenn er von dem strengen Schulmann verprügelt wird. Griechisch lernt der Afrikaner vorläufig nicht, das Latein um so besser. Die Didogeschichte aus Vergil und ähnliche Texte lernt er auswendig, ja, muß Aufsätze schreiben und mündlich aufsagen, die die Gefühle der unglücklich verliebten Dido, die sich verlassen sieht, in fließender Prosa schildern: die Sprache der Liebe.

Das Heimatnest bietet aber nicht genug; er wird, als er 16 Jahre zählt, nach der Metropole Carthago geschickt, ins rauschende Leben der Großstadt. Da erhält er die höhere und höchste Bildung der Zeit, wird zum Redner ausgebildet, lernt den Cicero auswendig, wird zum Advokaten dressiert. Konkurrenzen werden für die jungen Männer eingerichtet; in solchem Anlaß tritt er im Theater auf und erzielt mit seinen Vorträgen Ehrenpreise. Er ist ein gewinnender Mensch, an Geist und Willenskraft und Konzentriertheit des Wesens augenscheinlich alle überragend, und findet gleich Bewunderer und Freunde. Aber das Leben reißt ihn mit sich. Eine frühe Heirat, wie sie sonst üblich, haben die Eltern einhellig hintertrieben, weil solche Heirat der geistigen Entwicklung und einer großen Karriere hinderlich schien. Der junge Augustin aber ist ein Vollmensch, stürzt sich früh in angenehme Liebesabenteuer, wie seine Natur sie braucht; auch das Theater besucht er 363 fleißig, und für das Spiel der großen Leidenschaften auf der Bühne ist seine Seele offen. Seine Mutter hat es zwar durchgesetzt, daß er Christ ist, aber er ist noch ungetauft, ein Katechumene. Er besucht den Kirchengottesdienst, aber benutzt auch ihn, um in der Kirche schöne Mädchen zu fangenConfess. III, 3.. Zu irgendeiner Religion muß er sich halten, wie jeder Mensch jener Zeiten; denn es gab keinen Heiden oder Christen, dem das Verhältnis zum Überirdischen nicht wichtig war; so auch ihm. Er aber hielt sich zu der bequemen Lehre der Manichäer. Es handelte sich dabei um die Auffassung der Sünde, um die Erklärung des Bösen in der Menschennatur.

Manes war ein Religionsgründer aus dem Orient, der, anknüpfend an Glaubensvorstellungen der Perser, über die Lehre der Evangelien kühn hinausging und Christus überbot (insofern gewissermaßen ein Vorläufer des Mohammed). Nach ihm steht der Satan von vornherein gegen Gott; das Böse ist eine selbständige überirdische Macht im Leben wie das Gute, das ganze Weltall in Ewigkeit erfüllt vom Kampf des Lichtreichs mit dem Reich der Finsternis, der Einzelmensch ein Spielball dieser Mächte. Der Satan kämpft also gegen den König des Lichts; er war es, der Adam und Eva und damit das Menschengeschlecht schuf als eine Mischung von Licht und Finsternis; er tat es, um damit die Befreiung des Lichts von der Finsternis aufzuhalten. Um diesen Plan zu stören und ihn zu bekämpfen, kam Jesus in das Leben; Jesus kam aus der Sonne herab, um die Menschheit wenigstens über den Gegensatz der zwei Reiche aufzuklären. Jesus ist der Urmensch des reinen Lichts. Aber seine Unterweisung genügte nicht, und erst Manes offenbarte die wahre Erkenntnis. Wer dieser Lehre anhing, brauchte nun also, wenn er sündigte, die Reue nicht; er strebte zwar nach dem Licht und bemühte sich, gut zu sein; wenn er aber frevelte, so tat nicht er es, sondern die Macht des Satan in ihm. Er war sündlos, er war entlastetSündlos fühlt sich auch Augustin als Manichäer: Confess. V, 8.. Eben damals gewann diese Lehre innerhalb derer, die sich Christen nannten, weiten Boden, auch in Nordafrika. Allerlei sonderbare Forderungen knüpften 364 sich daran, so z. B. betreffs der Ernährung: der Manichäer darf keine Feigen essen; die Feige vergießt vor Schmerz ihren Saft, sie weint, wenn sie gepflückt wirdConfess. III, 10..

Der zärtlich geliebte Freund des jungen Augustin liegt im Sterben und nimmt die Taufe. Augustin steht an seinem Krankenlager und lacht darüber aufgeräumt. Den ernsten Blick, mit dem der Sterbende ihm antwortete, hat er später nie vergessen. Er selbst ist indessen Advokat, er ist zugleich Lehrer der Beredtsamkeit geworden und sammelt Schüler um sich. Aber der Lehrbetrieb gefällt ihm nicht; denn die Studenten benahmen sich frech, brachen ohne Erlaubnis in die Hörsäle ein, störten die Ordnung und trieben allerlei Unfug. Da beschloß er, nun schon etwa ein Dreißigjähriger, seine Lehrtätigkeit und Praxis nach Rom zu verlegen. Seine Mutter war ängstlich um ihn besorgt; sie lebte in Carthago bei ihm in mütterlicher Fürsorge. Er wollte aber nicht, daß sie ihn auch noch in Rom beaufsichtigte und täuschte sie durch heimliche Abreise. Er sagte ihr, als er ohne sie aufs Schiff gehen wollte: »Am Hafen liegt die Gedächtnisstätte des heiligen Cyprian; dahin gehe und verbringe dort die Nacht.« In derselben Nacht fuhr er ab.

Roms Klima ist ungesund und für Fremde gefährlich. Augustin erkrankt; dann eröffnet er dort als angesehener Lehrer oder Professor der Redekunst seine Tätigkeit an der kaiserlichen Universität, dem Athenäum, das einst Hadrian gegründet. Aber auch hier enttäuschte ihn das Verhalten der Studenten. die wohl hörten, aber nicht zahlten. Freunde und Verehrer fand er genug. Er hatte einen Sohn, die Frucht freier Liebe, den er väterlich bei sich behielt. Er dachte jetzt ernstlich an Verheiratung; aber der ungebundene und wechselnde Verkehr mit schönen Frauen sagte ihm mehr zu, und Vernunft und Trieb standen in ihm in erregendem Kampfe.

Da erging der Ruf an ihn aus Mailand. In Mailand brauchte man eben damals einen Lehrer seines Fachs. Kein geringerer als Ambrosius, der umsichtige Bischof und Staatsmann, war 365 es, der sich darum an den Stadtpräfekten Roms wandte, an den Führer des Heidentums in Rom, Symmachus. Durch des Symmachus Empfehlung kam Augustin nach Mailand und begann da zum dritten Mal zu dozieren. So lebte und wirkte er dort mehrere Jahre neben Ambrosius. Die Verkehrskreise waren auch in dieser Großstadt so getrennt, daß Augustin eine Beziehung zu dem großen Bischof nicht einging; er erfuhr sogar jahrelang nichts von der Existenz des Klosters, das Ambrosius in der Vorstadt gegründet hatte. Wenn er zur Kirche ging, um die Predigten des Ambrosius zu hören, so geschah es nur aus technischen Gründen, weil die vielgerühmte Beredtsamkeit des Kirchenmanns ihn lockte, aber er wurde damit doch der Gotteslehre, die Ambrosius vertrat, unversehens näher gerückt, und dies sollte schließlich entscheidend wirken.

Denn auch Augustin war mehr als ein bloßer Meister des Wortes und der Kunstrede. Er war ein Geist, der die Probleme suchte, und der philosophische Trieb war schon früh in ihm erwacht. Achtzehnjährig bekam er die philosophischen Schriften Ciceros in die Hände, und Cicero brachte die Entscheidung. Wahrheit! Der Ruf, der Schrei nach Wahrheit ertönt seitdem immer neu in seinem Herzen. Die Manichäerlehre kann nicht genügen. Aus Cicero lernte er die Kunst des Zweifels: am logischen Verfahren, am Maße des Verstandes prüfe man alle Lehren. So entstand einst die griechische Philosophie, die in Ciceros Lehrschriften zu Worte kam. Alle Phantastik fiel zu Boden. Exakte Naturerkenntnis, Kenntnis des Weltalls; dazu logisch bindende Schlußfolgerungen, wissenschaftliches Denken ist die Forderung.

Für Augustin ist zeitlebens Wahrheit das Kernwort geblieben. Das gilt übrigens auch von der Praxis des Lebens. Er ist der Erste, so viel ich weiß, der im Altertum eine kategorische Programmschrift gegen die Lüge schriebVgl. Jülicher, Hermes 54, S. 99, der überzeugend darlegt, daß auch die Wundergeschichten, die Augustinus gelegentlich bringt, nicht von ihm selbst erfunden sein können.. Auch der Streitpunkt, der ihn später mit Hieronymus, der in diesem Punkte laxer dachte, zu entzweien drohte, betraf die Zulässigkeit der Lüge.

366 Der Monotheismus war für ihn selbstverständlich, ebenso die Voraussetzung, daß Gott und das Gute zusammenfalle; alles andere aber war für den jungen Wahrheitssucher zunächst zweifelhaft geworden, und zwei Probleme wälzte hinfort sein Geist, der sofort selbständig zu arbeiten begann: gibt es eine Vorherbestimmung des Schicksals, und wie kann daneben die Freiheit des Willens bestehen? Sodann: ist Gott gut, wie kommt dann das Böse in die Welt?Confess. V, 10. Er trieb Astrologie, wie so viele der Klügsten, und verwarf sie, weil ihre Lehre die Freiheit des Wollens aufhebt. Ein berühmter manichäischer Prediger trat in Carthago auf; der Mann hieß Faustus. Augustin näherte sich ihm – er schildert ihn uns auf das liebenswürdigste –; seine Vorträge waren blendend, aber sein Wissen völlig dilettantisch. Augustinus durchschaute ihn rasch, widerlegte ihn in eingehenden Privatgesprächen, und der angesehene ältere Mann nahm das von dem Jüngling freundlich hin, ja, er ließ sich gern von ihm belehren.

Als Augustin nach Rom kam, war sein religiöser Drang zunächst richtungslos; den orthodoxen Kreisen blieb er ganz fern. Ein rechtgläubiger Christ zu werden, hinderte ihn vor allem das Alte Testament mit seiner Schöpfungssage und manch anderen Dingen, die seinem Verstand absurd schienen; unerträglich schien ihm schon gleich der Satz, daß Gott den Menschen nach seinem Bilde schuf. Also hat Gott Menschengestalt; er hat Hände und Augen und alles andere; damit sinken wir sofort ins Heidentum zurückConfess. VI, 3.. Vor allem setzte das Alte Testament, auf dem das Neue sich aufbaute, in dieser Welt das Böse als von Gott gegeben oder doch zugelassen voraus. Die Schlange im Paradies: er muß sie geschaffen haben. Einen solchen Gott kann er nicht brauchen. Es sind drei Möglichkeiten: entweder hat Gott das Böse selbst in die Welt gesetzt: dann ist er nicht mein Gott. Oder das Böse hat sich erst im Menschengeschlecht entwickelt: dann hat Gott die Anlage dazu in uns gelegt, und er ist nicht mein Gott. Oder das Böse stammt, wie man lehrte, von den gefallenen Engeln her; wie konnten 367 die Engel aber, die Sendboten Gottes, in das Böse fallen? Die Anlage dazu ging wieder nur auf den zurück, der sie geschaffen, und auch so kann ich an diesen Gott nicht glauben.

Zwanzig Jahre lang hat Augustin mit diesen Zweifeln gerungen; er wurde 40 Jahre und hatte keine abgeschlossene Weltanschauung gefunden. Die Erregung in ihm wuchs; er wollte endlich Anker werfen. Es war just die Zeit, da er auch die Sorge um seinen Sohn, um die Wahl einer rechtmäßigen Frau in sich hin und her warf. Seine Freunde wußten ihm nicht zu raten. Da kam ihm durch Ambrosius die HilfeDaß er dem Ambrosius seine Bekehrung verdanke, sagt er Epist. 141 (oder 112)., oder vielmehr er rang sich selbst hindurch. Aus des Ambrosius Predigten entnahm er, wie man die Ungereimtheiten der Erzählungen des Alten Testaments durch symbolisch-allegorische Auslegung hinwegdeuten könne; das war das wenigste. Ambrosius bestritt, wie wir sahen, auch die Meinung, daß Gott irgendwie Urheber des Bösen sei. Was ist das Böse? Es ist nur das Fehlen des Guten. Dieser Gedanke war für Augustin die Erlösung, sein Aufkeimen in ihm das größte Erlebnis. Auch auf manch andere Fromme hat derselbe Gedanke wohl oft genug und auch heute noch seelenhebend, beseligend gewirkt: Rettung des Optimismus. Es gibt gar kein Böses; das Böse ist nur die Negation des Guten. Der Himmel selber öffnet sich. Der Mensch sinkt seinem Gott an das Herz. Der Satan hat seine Macht verloren. Mit ausführlichster Begründung sucht Augustin die Richtigkeit dieses Satzes darzutunConfess. VII, 12 f.: alles Verfehlen ist eben immer nur ein Aussetzen des Richtigen; gottgewollt ist nur das letzere; wo es aussetzt, ist es nur ein momentanes Kraftversagen. »Die Ungerechten sind nur wie die Schatten; mit ihnen zusammen ist das All schön, obschon sie selbst häßlich sind.«Confess. V, 2. Sittlich und unsittlich fällt so unter den Gesichtspunkt der Ästhetik. Wem sollte es nicht wohltun, ihm in dieser frohen Anschauung zu folgen? Will man den Schöpfer anklagen, der gleichwohl jene »Schatten« zuließ, so ist die Antwort: unser Menschenwille ist frei; er ist keine Maschine des Guten. Und es ist wohlgemerkt nur einer. Falsch ist es, 368 zu sagen: »ich habe zwei Seelen in meiner Brust.« Zwei Seelen wären zwei Willen. Fort damitConfess. VIII, 10.. Dieser freie Wille kann aber nie das Böse wollen, er läßt nur im Guten nach, und dies Nachlassen ist die Sünde, für die wir die Versöhnung brauchen.

Seitdem folgt sich Stoß auf Stoß. Augustin rückt seinem Gott näher. Er weiß jetzt, er ist Sünder; denn sein eigener Wille ist Urheber seiner Verfehlungen. Das Sündenbewußtsein bricht über ihn jetzt doppelt mächtig herein. Er sucht bei Ambrosius persönliche Belehrung; aber der Bischof versagt. Ambrosius war sonst genug überbürdet und für solche Besprechungen nicht zu haben. Wenn Augustin ihn aufsuchte (und der Zutritt war niemandem verwehrt), so fand er ihn in der Halle sitzend, meditierend oder in stilles Lesen versunken, und wagte nicht, den Ehrwürdigen zu stören. Ambrosius las nicht laut, um seine schwächliche Stimme zu schonen, aber auch, um vorzubeugen, daß keiner der Neugierigen frage: was bedeutet die Schriftstelle, die du da liesest?Confess. VI, 3. Es war immerhin interessant genug, als stummer Zuschauer ihn zu beobachten.

Aber Augustin las jetzt selbst ungestüm forschend in den Büchern der Offenbarung, vor allem die Paulusbriefe. Dann erhält er Besuch von Freunden aus Trier, die ihm vom heiligen Antonius, dem ägyptischen Eremiten, erzählen. Auch nach Trier war das Legendenbuch von diesem Heiligen gedrungen, und zwei angesehene Männer, die es dort gelesen, hatten danach sofort beschlossen, dem kaiserlichen Hofdienst, ja, der Welt zu entsagen: Weltentsagung der Weg zu Gott. Augustin las das Legendenbuch gleichfalls; auch auf ihn wirkte es tief, und nun beginnen seine heißen Seelenkämpfe. In niedergeschriebenen Selbstgesprächen stellt er sie uns darConfess. VIII, 7, 18..

Sich losreißen von dieser Welt? War es möglich? Vom Weltwirken, von Ehre und Ruhm und gar vom Frauenverkehr, der ihm Bedürfnis? Je größer seine äußeren Erfolge, je inniger er in das Gesellschaftsgetriebe mit all seinen Reizen verstrickt war, je völliger er Mensch war, der das Leben in seinen Höhen 369 und Tiefen ausgekostet und lebenswert gefunden, je schwerer war die Lösung, je chaotischer die Wirrnis, in die er stürzte. Stürme im Herzen! Er braucht mit Gott, den er zeitlebens gesucht und endlich gefunden, seinen Frieden. Der einzige Weg schien ihm jetzt gewiesen. »Die Ungebildeten sind mit ihrem Gott versöhnt und ich nicht? Sie reißen den Himmel an sich, und ich zaudere?«Confess. VIII, 8. Keuschheit ist die Losung. Die Gewöhnung spricht: bleib! Die Entsagung spricht: komm!Confess. VIII, 11.

Mit seinem Freund Alypius sitzt er im Garten: vor ihm steht ein Tisch; darauf liegen Paulus' Briefe. Das Gefühl des Elends übermannt ihn; er muß weinen; »Tränenregen« stürzen ihm aus den Augen. Der Freund sieht ihm staunend nach, wie er aus Scham hinwegrennt, unter einem Feigenbaum zerknirscht sich zu Boden wirft und zu Gott ruft: »Wie lange wirst du zürnen? Meine alten Missetaten halten mich fest. Wann komme ich los von ihnen? Morgen? morgen? Warum nicht heut? Warum nicht jetzt?« Da hört er, wie im Nachbarhaus ein paar Kinder zueinander sprechen: »Nimm und lies, nimm und lies« (tolle lege, tolle lege). Was soll das bedeuten? Ist es Gottes Stimme? Er eilt zum Tisch, greift auf gut Glück eine Stelle heraus aus des Paulus Römerbrief; er nimmt und liest; es sind die Worte: »Nicht in Schlafkammern und Unzucht, nicht in Zank und Neid; sondern ziehet an den Herrn Jesum Christum.« Da war es entschieden. Die Kinderstimme hatte ihn geführt; der Augenblick gab die Wendung. Sein Herz wurde plötzlich hell, alle Zweifel für immer entflohen. Die Kirche Roms hatte ihren größten Vorkämpfer gewonnen, den regsamsten Geist der Zeit, der alsbald im Bangen um die eigene Seele alle Fragen der Heilslehre neu zu prüfen unternahm, sie in sich erlebte, durchdachte und dem römischen Kirchenglauben das persönlich augustinische Gepräge gab, das sie auch heute nicht verleugnet. Es war im Herbst des Jahres 386.

Um nicht Aufsehen zu erregen, setzte er für wenige Wochen seine weltliche Lehrtätigkeit noch fort, bis die Unterrichtsferien 370 kamen. Dann reifte allmählich in ihm der Plan, nach Afrika zurückzukehren. Erst als er dort Bischof geworden, überdachte er in Dankbarkeit, was er erlebt, und schrieb das köstliche Werk seiner »Bekenntnisse« (im Jahre 400), die nichts sind als ein einziges großes Gebet, ein Aufdecken der eigenen Irrungen, mit dem Trieb, sich selbst zu verstehen, die innersten Regungen seines Herzens enthüllend vor Gott, der die Wahrheit ist.

Mit Inbrunst stürzt er sich in seinen Gott, den er (bezeichnend genug) seine Liebe nennt: amor meus. Alle andere Liebe hat er zerrissen. »Ich rufe dich herein zu mir. Welches ist die Stätte in mir, wohin mein Gott zu mir kommen soll? So gibt es also in mir etwas, was dich fassen könnte, der du Himmel und Erde gemacht hast? Ich selbst wäre nicht, wärst du nicht in mir.«Confess. I, 2. Eine schön lesbare Übersetzung der Konfessionen Augustins hat G. von Hertling gegeben; ich benutze sie beim Zitieren öfter, wenn schon in freier Weise. Das ist ganz pantheistisch gedacht. Es ist der Gott, dessen Jahre ein einziges Heut' sindConfess. I, 6.. Tausend Fragen stellt er und hofft auf Antwort von oben, indem er das Ohr seines Herzens zu Gottes Mund hinbewegtConfess. IV, 5.. Die Hügel und Berge seiner Gedanken aber hat Gott endlich niedergelegtConfess. IX, 4., und er schreit auf vor Freude, wenn er die Süßigkeit der Verheißung empfindetConfess. IX, 4..

Was nützt mir meine Begabung, da ich dich verkannte? Ich sah nur die beleuchteten Dinge und hatte den Rücken gegen das Licht selbst gekehrtConfess. IV, 16.. Wer nichts vom Sternbild des Wagens weiß, aber richtig glaubt, ist besser daran, als wer den Himmel ausmißt und die Sterne zählt und die Elemente abwiegt, aber dein nicht achtet, der du alles nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet hastConfess. V, 4.. So tönt es durch alle 13 Bücher des Werkes. Jesus wird selten genannt; nur einmal lesen wir: »Jesus mein Gott«Confess. VII, 18. und ein andermal: »Er aber stieg zu uns herab, und Donnerstimme war sein Ruf; aus dem Leib einer Jungfrau ging er hervor wie ein Bräutigam aus seiner Kammer, frohlockend wie ein Riese, zu laufen den Weg.«Confess. IV, 12..

Auch wundergläubig wie alle anderen zeigt sich Augustin; die Heilung eines Blinden erlebt er in der Mailänder Kirche mitConfess. IX, 7.; vieles derart später in AfrikaEr gibt davon eine Zusammenstellung, Civ. dei 22, 8.; aber auch an ihm 371 selbst vollzog sich ein Wunder. Es wirkt auf uns fast erheiternd, mit welch naivem Ernst er das erzählt. Er leidet an qualvollen Zahnschmerzen, kniet nieder; alle um ihn knien mit; sie flehen um Heilung, und siehe da: augenblicklich verging durch Gottes Erbarmen der Schmerz. Es war ein Gesundbeten.

Seine Freude an der Welt aber bleibt bestehen; sie ist philosophisch begründet, und auch wenn ihm der liebste Freund wegstirbt, wahrt er sie. Man soll sich nicht der Trauer hingeben; denn was ist das Sterben? Zum Werden gehört das Vergehen: ohne das kein Universum. Das Universum gleicht der Rede, die wir hören. Damit die Rede zustande kommt, muß jedes einzelne Wort, das in ihr klingt, auch wieder verklingen. Oder willst du, daß jedes Wort beharrt? Es muß sterben, damit du die Wortfülle als Ganzes genießest. So genieße auch das Weltall und traure nicht, wenn das Einzelne untergehtConfess. IV. 11.. Der ästhetische Gesichtspunkt auch hier! Wer einen Menschen nur persönlich liebt, schüttet seine Liebe in den Sand; man soll das Einzelne nur in Gott liebenConfess. IV, 8..

Das ganze Werk ein Gebet. Warum veröffentlichte er es dann? Warum blieb er nicht so betend mit seinem Gott allein? Welch Mangel an Schamgefühl, könnte man sagen, sich selbst betend vor die Öffentlichkeit hinzustellen! Er selbst erhebt diese Frage; sein Zweck aber ist, durch sein Beispiel zu erziehen und anderen Wahrheitssuchern den Weg zu weisenConfess. II, 3.. Autobiographien gab es im Altertum auch sonst genug; aber sie hatten zumeist den Zweck der Selbstbeschönigung und Rechtfertigung vor den Augen der Mit- und Nachwelt. Augustins Werk ist völlig neu in der kritischen Selbstanalyse; es waltet darin das Interesse an den eigenen Schwächen. Alle seine Erfolge sind Gottes Geschenke, seine Irrungen sind sein eigen.

In seiner Frische, Natürlichkeit und Geradheit ist das Werk ewig jung. Dabei kennt es den hämischen Ton nicht, den sein großer Nachahmer Rousseau in seinen Confessions gegen andere Personen anschlägt. Mit weltmännischem Blick sieht 372 auch Augustin wie Rousseau das Leben, grübelt als feiner Psychologe über alles, was sich im Menschen regt, so auch über das Theater und über das ästhetische Wohlgefühl des Mitleids, das wir für den tragischen Ausgang der Bühnenhelden empfindenConfess. III, 2; über die Theorie des Schönen auch I, 5 u. IV, 15.; über Personen seiner Bekanntschaft dagegen, die er mißbilligt, spricht er durchweg gutherzig und schonend. Er hat nicht Lust, die Geißel zu schwingen.

Ungerecht ist Augustin nur gegen sich selber, ungerecht allerdings auch gegen die ganze antike Kultur, von der er doch nur ein Erzeugnis war. Er ist eben jetzt der Priester der Weltflucht geworden, für den alles Zeitliche dahinten liegt. Lesen und schreiben können genügt; er verwirft die ganze höhere BildungConfess. I, 13., als ob er ohne sie auch nur jene Briefe des Paulus hätte verstehen können.

Als Knabe hat er mit anderen Buben zusammen den großen Birnbaum im Nachbargarten geplündert; sie haben die Birnen gar nicht einmal selbst gegessen, sondern nur den Säuen vorgeworfen. Sechs Seiten füllt er voll Reue über diese Missetat und zergrübelt sich, was in der Knabenseele das Motiv sein kann, so etwas zu vollführen? Es ist, wie er meint, der instinktive Trieb, allmächtig zu sein wie ein GottConfess. I, 4 u. 6..

Zum Hymnus aber wird seine Erzählung, wenn er von seiner Mutter spricht: seiner Mutter Monika. In der ganzen antiken Literatur gibt es sonst außer Augustins Confessionen kein Schriftstück, wo einmal der Sohn seine Mutter verklärt. Aber die Theologie gibt hier dazu den Anlaß. Sie war eben eifrige Christin, und nur als solche feiert er sie. Er gesteht, daß sie als junges Weib zu viel Wein trank, den heißen Südwein ohne WasserSie heißt darum merobiba.; aber das überwand sie und hatte alle Tugenden der Christin in Almosengeben und Friedfertigkeit. Bemüht um das Heil ihres Sohnes, kam sie schließlich doch übers Meer zu ihm nach Mailand. In ihrem heiligen Eifer trägt sie dort zu den Gottesdiensten in die Kirche Speisen und Wein im Korbe herbei zur Stärkung der Bekannten, weil das in Afrika so Sitte war; aber der Bischof Ambrosius untersagt 373 es ihr, weil es zu sehr an heidnischen Brauch erinnere. Die Schmausereien gehören nicht in die Kirche.

Augustin ist in Ostia mit ihr. Er will nach Afrika abreisen. Da erkrankt die Mutter und stirbt. Es ist eine berühmte Schilderung, wie er mit ihr wenige Tage vor ihrer Erkrankung am offenen Fenster steht und sie in ahnungsvollen Reden sich ergehen über das ewige Leben des Frommen im Jenseits. Die Freude wird überirdisch sein. »Wir schauten empor, sahen die Sterne am Himmel und wanderten durch die Sterne im Geist und über sie hinaus zu den Gefilden der Wahrheit, wo es kein Werden gibt, sondern nur noch Sein. Im reißenden Gedankenflug waren unsere Seelen ausgespannt, um die ewige Wahrheit zu berühren. Wenn es ein großes vollkommenes Schweigen gäbe, so daß in uns auch alle Erinnerung schwiege an die Unruhen der Welt, und der Himmel selbst schwiege wie unsere Seelen und jeder Traum und jeder Gedanke in uns wäre verstummt, das Ohr nur hingerichtet auf den Schöpfer, wenn dann der Schöpfer selber spräche, nur er allein, nicht körperlich, weder mit Engelsstimmen noch mit Donnerton und doch so, daß wir es hörten, wenn dann die ewige Wahrheit uns entrückte und an sich zöge und in innerliche Freude versenkte – so hätten wir das ewige Leben in einem einzigen Augenblick höchster Erkenntnis. So wird es sein den Auferstandenen.«

Ungeahnte Dichterkraft spricht aus solchen Worten; aber wir glauben zugleich die Entrückung oder Ekstase der Neuplatoniker wiederzuerkennen.

Als Monika gestorben, bricht Augustins Sohn, der Knabe Adeodatus, in lautes Wehgeschrei aus. Augustin aber kann keine Tränen finden, und er gibt genau Rechenschaft, wie und warum er nicht weint und doch erschüttert ist. Jede innere Regung scheint ihm wichtig. Er nimmt ein Dampfbad; das sollte sein Gemüt beruhigen; aber die Wirkung bleibt aus. Erst nach dem Nachtschlaf ist sein Schmerz gemildert. Er wußte ein Kirchenlied des Ambrosius über die Wohltätigkeit des Schlafes, 374 den uns Gott gegeben, auswendig. Das spricht er dankbar vor sich hin. Dann erst kann er weinen und bettet seine Seele in seinen Tränen.

Er ging nach Afrika (im Jahre 388) und begann in seinem Heimatort Thagaste weltabgewandt friedselig als Einsiedler zu leben. Jede Berührung mit Frauen mied er, so scheint es, fortan grundsätzlichEs ist auffallend, daß Augustin, ganz anders als Hieronymus, seine Schriften nie an Frauen richtet; nur in den Briefen Nr. 92 u. 99 tröstet er eine verwitwete Frau, Italika. Er preist jetzt wie Hieronymus den Eunuchenstand als bevorzugt: Confess. II, 2.. Gleichwohl trieb er damals noch freigeistig allgemeine Wissenschaften und schrieb z. B. zu Unterrichtszwecken sein Werk über Versmessung, Takt und Pausen in der MusikAugenscheinlich um sich Geld zu verdienen; denn solche Lernbücher bezahlten sich gut.. Der Gedanke, Bischof zu werden, stieß ihn ab: allein schon die weltlichen Geschäfte, die auf den Bischöfen lasteten, z. B. als Leiter der Gerichtsbarkeit. Abschreckender aber noch waren die damaligen kirchlich-sozialen Zustände in Afrika. Wer da Bischof war, mußte kämpfen bis aufs Messer. Begreiflich aber, daß man Augustin gleichwohl in dies hohe Amt berief; es war in der Stadt Hippo Regius, und er war tapfer und weigerte sich nicht. Seitdem zieht sich das Gesicht des Weltmannes in streng priesterliche Falten; und so, als Bischof von Hippo, steht Augustin im Buch der Weltgeschichte. Er wurde es im Jahre 395.

Schon seit 80 JahrenSeit dem Jahre 311. hatte sich dort im Land das Wiedertäuferwesen der sogenannten Donatisten aufgetanSie nannten sich so nach ihrem Stifter, dem Bischof Donatus, von Karthago; daneben nach dem Donatus von Bagai.. Afrikanisches Heißblut! Afrika war es, das dereinst in den Zeiten der Christenverfolgungen die meisten Märtyrer gestellt hatte. Die Donatisten pflegten nun in Inbrunst den Märtyrerkult, fanatisierten die Frömmigkeit, forderten Heiligung, Askese von jedem der Ihren, und Bischof und Priester durfte bei ihnen nur ein sogenannter Heiliger sein. Daher bedurfte jeder Christ, der zu ihrer Gemeinschaft übertrat, der erneuten Taufe. An 500 Bischöfe gab es in Afrika; fast jedes kleine Nest hatte einen solchen, und reichlich die Hälfte von ihnen waren Donatisten. Ein Mann wie Augustin, der auf die Einheit der Kirche hielt, mußte ihr Gegner sein. Das Schlimmste aber war, daß die Wut der armen Proletarier und der Nationalhaß sich hineinmischte. Als ob der Geist des Hannibal wieder aufflammte, haßte der 375 Donatist die Römer, und die Hörigen und Colonen auf dem Lande, die Geschundenen und Enterbten, taten mit; sie schwangen die Fahne des donatistischen Glaubens; sozialer Aufstand! Die Losung war: die Sünde herrscht bei den Reichen und bei den Römern! So zogen sie mit Spießen und Brandfackeln um und plünderten und mordeten auf den Besitzungen der großen Herren im Landecircumcelliones nannte man sie. Was heißt das? Das Wort cellio selbst begegnet uns nur einmal auf einer Inschrift CIL. II 5358, wo man den verna cellio als einen Knecht in der Weinkellerei versteht. Das paßt hier nicht. cellio ist wie mulio, libellio, tabellio gebildet; es ist also der, der mit den Zellen zu tun hat. Das kann wohl nur den Zellenbewohner bedeuten; circumhabitatores ist zu vergleichen; also »die ringsum in Armenwohnungen hausen«. Es ist an die cella pauperis gedacht., vernichteten alle Schuldurkunden. Es war ganz so wie der Bagaudenaufstand in Gallien, von dem wir früher hörten. Aber er schien hier verewigt und nicht abzureißenVgl. Optatus Milev. De schismate Donat.. Die donatistischen Bischöfe suchten die Aufrührer möglichst von sich abzuschütteln; vergebens. Kaiserliche Befehle griffen ein; aber der Terror hörte nicht auf.

ThamugadiΤαμούγαδις; vgl. Prokop, Bell. Vand. II, 13., die neuerdings aus dem Sand Algiers wieder ausgegrabene großartige Stadt, war ein Hauptsitz der Donatisten; aber auch in Hippo waren sie mächtig. Auch um den Bischofstuhl des Augustin tobte der Sturm. So wurde er plötzlich Kirchenpolitiker und Mann der Aktion. Wie anders als Hieronymus! Zu öffentlichen Disputationen, Mann gegen Mann, hat er fortan, wie Luther, sich gestellt und für seine Überzeugung auch mündlich scharf gefochten. Mehr als einmal kam er in Lebensgefahr. Und seine Philosophie, seine Schriftstellerei nahm nun auch Kampfstellung; sie ergoß sich in unzähligen Büchern und Sendschreiben, die heute noch 11 schwere Foliobände füllen. Hippo wurde ein neues literarisches Zentrum, noch großartiger als Bethlehem.

Augustin schrieb nicht; nein, der Stenograph stand bereit, und er sprach nur, und was er sprach, war Diktat. Daher ist alles, was wir von ihm lesen, so fließend, so strömend. Es ist Rede, die, durch keine lästige Mechanik des Schreibens behindert, in freiester, oft fast betäubender afrikanischer Wortfülle sich ergießt. An Schliff, an Übersichtlichkeit, an Präzision des Ausdrucks, an glücklichem leichtem Wurf der Sätze ist ihm Hieronymus weit überlegen. Es drängt den Sprecher, deutlich zu sein, und er wiederholt sich in unzähligen Wendungen 376 immer wieder, rekapituliert, blickt vor und zurück; es gilt den Hörer mit bindenden Argumentenreihen einzuschnüren, bis er nicht loskommt und sich ergibt. Man fühlt sich überwältigt, man fühlt sich erwürgt. Der Eiferer erschöpft seinen Gegenstand, er erschöpft auch die Widerstandskraft des Gegners bis zum Letzten.

Des Ambrosius Rede gleitet klar in ebenem Gefälle dahin wie ein Fluß im Wiesengrund; die Rede des Hieronymus ist wie ein starker Strom, von dem man sich freudig tragen läßt; die des Augustinus weitet sich zum See, und man verliert das Ufer. Ein langer Vordersatz wird aufgebaut wie eine sich aufbäumende Meereswoge; man glaubt zu versinken, bis endlich der Nachsatz wie im Stoß sie auffängt. Dazu ein ständiges Rauschen gleichklingender Silben und die Doppelung der Wörter, die so intensiv wirkt: »Herr, Herr!« »Welch wunderbare Tiefe, welch wunderbare Tiefe!« »lehre mich und heile mich«; ein »mich« hätte hier genügt. So geht es immerwährend. Das wirkt hymnenhaft; es imitiert den Bibelton, und mitten heraus aus sophistischen Begründungen geht es so plötzlich in den Psalmenschwung. Dazu die Umkehrung der Gedanken: »Dich loben deine Werke, damit wir dich lieben, und wir lieben dich, damit deine Werke dich loben,« oder: »Weil die Dinge sind, schauen wir Menschen sie, und weil Gott sie schaut, sind die Dinge.«Vgl. Confess. XIII, 14, 17; X, 43, 70; XIII, 32, 48 u. 38, 53. Wird die Debatte zu erregt, so ruft er zu Gott: »Regne mir Sanftmut ins Herz.«Confess. XII, 25, 34. Denn sein Ton wird jetzt oft heftig, überlegen. Die Milde eines Seneca im Lehrton kennt er nicht, und das war natürlich. Es ging um den Sieg der Kirche. Der ganze Zeitgeist kreiste um die eine Frage: was soll ich glauben? und warum?

Der Papst war für ihn nicht unfehlbar, wennschon er des Papstes Zustimmung brauchte; ein episcopus episcorum, ein Roma locuta est existiert für ihn noch nichtH. Reuter, Augustinische Studien, S. 282–328.. Er selbst aber war fortan unfehlbar, und so überzeugend wirkten seine Schriften, daß es schon als Blasphemie galt, wenn jemand damals sagte: »Was ist mir Augustinus?«Reuter, Augustinische Studien, S. 159.. Versuchen wir 377 es, einige seiner Grundgedanken zu entwickeln; denn sie machten Epoche, mehr als Goten- und Vandalensiege. Steht doch das ganze Wesen des gläubigen Mittelalters auf dem Gefüge seiner Dogmatik, und sie wirkt noch bis heute.

Die schwerste Aufgabe war ihm gestellt. Er ist Philosoph und doch gläubig. Die heidnische Philosophie schweifte fessellos durch Himmel und Erde; Augustin ist gefesselt. Er nennt die dumm, die sich bei Autoritäten beruhigenReuter, Augustinische Studien, S. 352.; gleichwohl sind ihm die Dogmen gegeben. Ja, Augustin selbst setzte für das Abendland den Kanon der heiligen Schriften fest, deren Wort uns bindet. Jene Dogmen sind also Autorität, und die Philosophie hat jetzt keinen Zweck mehr, als die überlieferten Formeln spekulativ zu verarbeiten und die Richtigkeit des Gegebenen verständlich zu machenDas credimus ut cognoscamus, non cognoscimus ut credamus wird daher geradezu zum Motto bei Augustin, z. B. in Joh. evang. 40, 9 (Migne, Patrol. 35, S. 1690).. Mit überaus bewunderungswürdiger Biegsamkeit des Verstandes und erfinderischer Phantasie wird das geleistet. Die griechischen Kirchenväter, einen Gregor oder Athanasius, ruft Augustin dabei nicht erst zur Hilfe. Er geht völlig selbständig vor. Für das schwebende Gewölbe der katholischen Kirche baut er nachträglich die schlanken Pfeilerstützen, die es noch heute tragen.

Anfangs tat er es im Kampfe gegen die Manichäer, zu denen er einst selbst gezählt hatte und die sich mit der Schuldlosigkeit der Menschennatur vertrösteten. Später kamen die Pelagianer und suchten wenigstens die Möglichkeit zu retten, daß der Mensch ab und an auch aus eigener Kraft die Seligkeit sich schaffen könne. Wo blieb da aber Christus und Gottes Gnadenwerk?

Was ist Gott? Aus der heidnischen Philosophie, in der Augustin wurzelte, übernahm er zunächst seinen Gott. Es ist der Gott Varros, der Gott des Plato und des PorphyriusAugustin sagt dies ausdrücklich Civ. dei 19, 22., wie auch Kaiser Julian ihn verehrt hatte: das reine, körperlose Ursein und allerheiligste Grundgute, von dem der Mensch kaum weitere Eigenschaften auszusagen weiß. Und das Böse? Das Böse ist sein Gegensatz; es ist also nichts weiter als der Mangel an Gott, Defekt, Verlust des Seins, Verlorengehen an das 378 Nichts. Aber Plato genügt nicht. Das Alte Testament kommt zur Hilfe, und Gott ist zugleich auch Wille. Während bei Plato das Weltall von Gott nur aus der vorhandenen Materie mit Fleiß gezimmert wird, schafft Augustins Gott aus dem Nichts die Materie und die Welt allein kraft seines Willens und mühelos durch das gebietende Wort.

Dies Wort aber ist ChristusIn der Auslegung des in principio = in verbo der Schöpfungsgeschichte folgt Augustin Confess. 12, 25, 34 genau dem Ambrosius; vgl. oben S. 333.. Christus, die zweite Darstellung desselbigen Gottes, ist wiederum ganz wie der platonische Nûs (vgl. oben S. 217) oder der Logos gedacht, die Urintelligenz, durch die diese Welt zustande kam. Christus enthält in sich die Ideen der zu schaffenden Dinge. Nicht als verklärte ethische Größe, nur als kosmische Macht steht Christus vor uns. Er ward auch nicht etwa Fleisch, als er zur Erde kam, sondern nahm das Fleisch nur an (wir müssen uns an solche haarspaltende Unterschiede, von denen oft das Seelenheil abhängt, gewöhnen). So wurde er der »Gottmensch«Vgl. Scheel, Die Anschauung Augustins über Christi Person und Werk, S. 147; 194 f.; 205.. Auch der Ausdruck deus-homo ist Augustins Schöpfung. Christus am Kreuz ist der gekreuzigte Gott.

Nun aber die Menschenseele. Auch sie ist körperlos, und sie ist unsterblich. Warum unsterblich? Weil sie fähig ist, Unsterbliches zu denken, so sagte der Platoniker Plotin, und Augustin folgt ihm. Einen Tod der Seele gibt es nicht, es sei denn ihre Gottverlassenheit ihr Tod.

Sie braucht also die Gnade. Denn keiner von uns ist sündlos. Keiner? Wozu dann aber der freie Willeliberum arbitrium., den wir haben, wenn wir nicht auch aus freiem Entschluß gut sein können? Das macht der Fluch der Erbsünde, den die Bibel lehrt. Um sie zu verstehen, muß Adam daher: die erste Quelle des Unheils. Adam, der Urmensch oder Protoplast, er hatte wirklich noch den freien Willen; seit er aber freiwillig in Sünde fiel, sind wir erblich mit ihr belastet, gehen wir im schweren JochCiv. dei 21, 15., ist das Menschentum an seiner Wurzel erkranktvelut radix corrupta, Civ. dei 13, 14., ist die sichere Wahl des Guten in uns allen zerstört. Wer heute gut ist, ist es nur durch besondere Nachhilfe Gottes. Was aber 379 war die Ursünde, die Sünde Adams? Sie war Übermut und Überhebung, superbia.

Wie kann uns aber das Sündigen als Schuld angerechnet werden, wenn es uns angeboren ist wie ein Leibesübel? Weil alle unsere Seelen schon präexistent in Adam vorhanden waren und alle also schon damals in Adam mit sündigten. Diese Konstruktion ist wieder den Neuplatonikern abgelauscht: ein Gedanke, der uns gefrieren macht.

Auch von den Engeln und Teufeln hören wir oft. Die Engel sind ewig selig, die Teufel gefallene Engel. Warum duldete Gott ihren Fall? Damit sie als Versucher dem Menschen nahe treten können. Sie dienen zur Erziehung des MenschenCiv. dei XI, 17..

Kein Mensch also, der nicht Gnade und Erlösung brauchte. Wird sie nun auch allen, die strebend sich bemühen, zuteil werden? Der Gläubige hofft zwar auch nach Augustin auf SeligkeitCiv. dei XI, 12., prinzipiell aber ist er dazu nicht berechtigt. Hier setzt die grausame Verkündigung der Prädestination ein. Wer Erlösung finden soll, wer nicht, ruht in Gottes verborgenem Ratschluß. Gott aber ist nicht nur die Liebe, sondern auch die Gerechtigkeit; so steht es ihm also nach Laune zu, bald in Liebe zu begnadigen, bald aus Gerechtigkeit zu verdammen, und wer wagt es, auf seine Liebe zu pochen? Keine ethischen Motive werden aufgedeckt; dieser Gott Augustins ist ein Herr der Willkür, der uns in Angst läßt bis zu unserer Sterbestunde; sein Gott ist ein Erzeugnis der Zeit, ersonnen nach dem Vorbild der allmächtigen römischen Cäsaren, die gleichfalls ihre Diener bald beglücken, bald vernichten, je nachdem sie gut oder schlecht geschlafen haben.

Begreiflich, daß auch Gutgläubige gegen diese harte Lehre sich sträubten. Und wohin war gar das alte Römertum gekommen, das einst unbefangen vom Totenrichter im Jenseits sein Recht auf Seligkeit auf Grund seiner Tugend forderteZur Kulturgeschichte Roms, 3. Aufl., S. 98. Römische Charakterköpfe, S. 269.? Der Orient hatte gesiegt; der Holzwurm des Allsündergefühls hatte das alte naive Selbstvertrauen zerfressen. Aber auch die Neuplatoniker haben, wie ich meine, ohne Zweifel hierauf mit 380 eingewirkt. Kaiser Julian klagte die christliche Erlösungslehre daraufhin an, daß sie durch ihre Zusicherung der Vergebung zum Sündigen ermutige (oben S. 256). Diesem Tadel die Berechtigung zu entziehen, ist das innerste Motiv der Prädestinationslehre. Ich erinnere dabei noch an die heilige Afra, die früher als Buhldirne gelebt hatte und sich dem weltlichen Richter gegenüber zuversichtlich auf die Sünderin Magdalena und auf Christi Milde in solchen Fällen beriefVgl. J. Jung, Die romanischen Landschaften, S. 421..

Nun aber Augustins Kampf gegen die Donatistenlehre. Da ging es um handgreiflichere Dinge: die Einhelligkeit im Glauben, aber auch die bürgerliche Ordnung war durch sie auf das schwerste bedroht. Da kämpfte er also für die umfassende Allmacht der Kirche. Christus selbst ist – nach Paulus – die Kirche, die Gläubigen sind Christi GliederVgl. Jülicher, Einleitung in das Neue Testament, 6. Aufl., S. 119., und wer Sekten bildet, zerreißt also den Herrn. Daß die Priester heilig sind, ist nicht menschenmöglich; es genügt, daß es die Kirche ist. Dieselbe Kirche soll übrigens hinfort als liturgische Anstalt und heiliger Organismus das bürgerliche Leben ganz umspannen; sie tut es durch Erteilung der Gnadenmittel; zu Taufe und Messe tritt das Sakrament der Ehe hinzu; auch das ist augustinisch. Nur die eingesegnete Ehe gilt; die Zivilehe ist nicht Sache des Christen.

Aber damit war der Terror der Donatistenbanden nicht zu brechen, die da riefen: »Tod allen Römern und allen Reichen! Wir sind die Armen und allein Gott wohlgefällig!« Die Kaiser Roms mußten helfen. Schon öfter waren die Kaiser in der Tat gegen die Donatisten vorgegangen, mit Drohungen, mit Waffen; aber die Bewegung schlug immer wieder in wilden Flammen auf. Augustin war es jetzt, der große Dogmatiker, der ausdrücklich die Staatshilfe zugunsten der Kirche forderte. Es wurde zur Prinzipienfrage, und er begründete die Forderung kategorisch und unzweideutig: Gott hat die Staatsgewalt geschaffen; die erste Pflicht des Staates ist daher auch, Gott zu dienen, d. h. der Kirche seinen bewaffneten Arm zu leihen. Nur solcher Krieg ist ein gerechter Krieg (bellum iustumDaher Augustin Epist. 185: esto bellando pacificus usf.).

381 Wir sahen, wie schon Ambrosius in Mailand den Kaiser Theodosius demütigte; jetzt aber wurde es zuerst im Namen Gottes gefordert, daß der Staat und die Kaisermacht überhaupt ein Helfer, ein Diener der Kirche zu sein hat. Glaubenszwang mit Waffengewalt: cogite intrare! Diese Theorie wurde aus der Notlage geboren, und Augustin ahnte nicht, welches Unheil sie stiften sollte. Haben doch auf Grund seiner Lehre die Päpste in späteren Jahrhunderten das deutsche Kaisertum geknechtetBernheim, Mittelalterliche Zeitanschauungen I (1918), S. 28; vgl. auch Mirbt, Die Stellung Augustins in der Publizistik, 1911., die Könige Spaniens die Scheiterhaufen der Inquisition entzündet, sind Albigenser und Hugenotten von den Königen Frankreichs zermalmt und ausgerottet worden.

Der Bischof von Hippo war Kirchenpolitiker großen Stils geworden. Seine fein empfindende Seele hatte sich im Kampf gehärtet; wie konnte es anders sein? Es war, als wäre er wie Moses vom Sinai gekommen, und er fühlte sich jetzt im Vollbesitz der Wahrheit. Man möchte mit Lessing fragen, wer der Glücklichere ist, der die Wahrheit sucht oder der sie gefunden hat? Jedenfalls ist der Suchende der, dem unser Herz sich zuwendet. Und die Wahrheit selbst? Welch überraschende Kontraste fanden doch Raum in dieses Mannes Seele! Hellster Optimist war er in der Bewunderung der Natur und grauer Pessimist im Hinblick auf unser menschliches Vermögen. Die Freiheit des Willens möchte er retten; um ihretwillen schiebt er die astrologische Schicksalskunde beiseite und legt uns doch in die Fessel der Erbsünde. Das freie Selbstfinden der Wahrheit ist ihm alles, und doch verzehrt er sich im Kampf für die Autorität und fordert gar den Zwang, droht gar mit Polizei und Staatsgewalt, um den Irrgläubigen zur Vernunft zu bringen und dem Heil zuzuführen.

Sein System überwand scheinbar alle Schwierigkeiten. Aber er war größer als sein System, sein Herz freier als sein rechnender Verstand. Wenn er mit seinem Gott allein ist, schwinden alle Formeln, zerschmilzt alles Frostgefühl, und er stürzt seinem Gott an das Herz in kindlicher Hingebung und heißem Drange. Das ist die Mystik des Frommseins, die alle Größten 382 bezwungen hat: sich bergen in Gott. Die Sprache findet dafür keinen Ausdruck; der eine nennt es Ekstase, der andere Versenkung, Andacht, Eingottung, Entrückung. Es ist erlabend, bei Augustin den Ton dieser Innigkeit zu vernehmen, der immer wieder überwältigend hervorbricht. Auch damit hat er wieder und wieder auf die Nachwelt eingewirkt; auch die Mystiker in späteren Zeiten vernahmen jene berauscht vibrierenden Klänge in ihm, die dem geheimnisvoll unmittelbaren Verkehr mit Gott entquollen. So genügte ihm auch der schemenhaft überweltliche Christus nicht, den er sich metaphysisch konstruiert; Augustinus ist einer der wenigen antiken Christen, der auch ein Herz für den Menschen Jesus, der auch einmal die Stimmung fand, sich in Jesu demütiges Erdenwallen zu versenkenVgl. O. Scheel, Die Anschauung Augustins über Christi Person und Werk, S. 386.. Diese Stimmungen zu vertiefen, blieb wiederum dem späteren Christentum vorbehalten.

Schließlich nahte sich Augustin auch dem großen Geheimnis der Dreieinigkeit. Da galt es wieder zu philosophieren. Erst in seinem hohen Alter hat er die Schrift über die Unität und Trinität Gottes veröffentlicht. Er fragte auch jetzt nicht viel danach, was Athanasius lehrte; er fragte nur sich. Wie sollte er seinen Gläubigen und den Gläubigen aller Zeiten dies höchste Mysterium verdeutlichen? Nur das Gleichnis kann helfen. Auch in unserem Menschengeist herrscht ja die Dreiheit, und er ist doch in sich eins. Durch Erinnerung, Denkkraft und Willen, diese drei, kommt das menschliche Selbstbewußtsein zustande. So auch das überweltliche Ich Gottes: der Heilige Geist der Wille, Christus das Denken, Gottvater der Denkgegenstand, der aus der Erinnerung aufsteigt. Eine Dreiheit herrscht aber ferner auch in der Liebe, und der Dreieinige ist ja die Liebe: Gottvater ist es, der liebt, Christus der Geliebte, der Heilige Geist das Lieben selbst, das beide verbindet. Das »Dreimal eins ist eins« war damit gerettet. Millionen Rechtgläubiger zu allen Zeiten versenkten sich seitdem liebevoll im Halbbegreifen in das Wunder. Es ist die Quadratur des 383 Zirkels. Andere schüttelten freilich den Kopf über eine Volksreligion, die den Andächtigen solche Probleme stellt.

Die Ereignisse aber gingen weiter. Stilicho, der den katholischen Glauben gestützt hatte, war in Ravenna getötet. Alarich, der Gote, begann seine Siege. Das Germanentum stand plötzlich in Italien herrschend, und diese Germanen waren Arianer. Gegen den Arianismus hat Augustin die Trinitätslehre, von der ich sprach, aufgestellt.

Die Römerwelt aber war ins Herz getroffen; denn Alarich hatte schon Rom genommen; er drohte sogar nach Afrika überzusetzen. Auch Frankreich war von Rom losgelöst. Das Weltreich zerbrach. Augustin gab acht. Er fühlte, daß die große Schicksalswende gekommen war, und begann nunmehr in seiner Art die Weltgeschichte zu betrachten. Er tat es sub specie aeterni, im Auge der Ewigkeit. Tun wir es mit ihm; denn auch wir stehen mit Augustin am Ende der Geschichte des Altertums. Es ist eine wunderbare Fügung, daß damals ein Mann wie er erstand, der als Zeitgenosse das Schicksal voll begriff und aus allem Geschehen und dem Gesamtverlauf der Dinge großzügig die Rechnung zog; und man sieht es mit Staunen: alles Nationale ist ihm gleichgültig. Er macht resolut einen Strich durch das Römerreich. Was da bleibt, ist allein die Majestät des siegreichen Christusglaubens; es ist die große Internationale des Gottesreichs, die ihn beschäftigt. Constantin hatte das Christentum zur Staatsreligion erhoben und auf seine Einheit gedrungen, um dadurch die Einheit des Reichs zu stärken. Davon weiß ein Augustin nichts mehr. Die Kirche allein ist Zweck; sie greift weit hinaus mit ihren Fängen zu den Persern, Skythen und Äthiopiern. Selbst die Hunnen lernten damals den PsalterSo sagt uns Hieronymus Epist. 107, 2. Übrigens gesteht auch Orosius VII, 41, 8 zu, daß man es ruhig in den Kauf nehmen müsse, daß die Germanen das römische Reich verwüsten, wenn das Christentum sich nur auf die Germanen ausdehne..

Er schrieb seinen »Gottesstaat«, die Civitas dei, einen Rückblick und Ausblick, in dem er weit ausholend alles Wissenswerte im großen Aufbau zusammenstellte. Man muß das Werk mit Platos Staat vergleichenAugustin selbst zieht nur Ciceros Werk vom besten Staat heran.. Plato hatte den menschlichen Idealstaat gegeben, Augustin gibt den der in Gott 384 Geheiligten. Plato griff gleichfalls zur Theologie oder Gotteslehre, aber er wollte das Göttliche, das Gute und Gerechte, in einem menschlichen Bürgerstaat auf Erden verwirklicht sehen, und sein Ziel war sozial; es lag im Diesseits. Für Augustin ist das völlig eitel; seine Theologie führt zur Staatsentfremdung; denn der Zweck des Menschenlebens liegt gar nicht auf Erden; unsere Heimat ist im Himmel, und die Frommen sind nur noch Fremdlinge im Staat (peregrini, peregrinatio)Civ. dei 19, 17; 18, 2.. Aus ihnen setzt sich der sogenannte Gottesstaat zusammen, der einst sich vollenden wird, aber schon lange auf Erden in die irdischen Staatengebilde sich eingenistet hat etwa wie die Goldadern im Erz oder die Perlen in der Muschel.

Hat also die Weltgeschichte ein Ziel? Keiner der großen Historiker der Antike, Thukydides, Polybius, Livius, hatten bisher solche Frage gestellt; die Völker leben sich aus im Krieg und Frieden; die Gründe für die jedesmaligen Verwicklungen zu durchschauen ist das Höchste, was die Forschung leistet. Zur Erklärung der römischen Weltmonopolstellung sprach man höchstens vom günstigen Zufall oder von der hervorragenden Tüchtigkeit des Siegers. Augustin ist der erste, der in der Gesamtweltgeschichte einen Plan erkennt; es ist der Plan Gottes. Ihn zu erkennen war für den Gläubigen allerdings nicht schwer. Augustin schlug die Weltchronik des Hieronymus auf; da fand er unter Zahlen die Entwicklung in klarster Übersicht: Abraham und die ganze jüdische Geschichte, den Sturz der Persermacht, des Griechentums, die Siege Roms und die Entstehung des Weltreichs der Cäsaren, das jede Missionstätigkeit so sehr erleichterte, dann aber die Geburt Christi, die Stiftung der Gemeinden, die Christenverfolgungen, die Märtyrer, schließlich Constantin den Großen und den Christusglauben als Staatsreligion; dann noch die Fülle der Synoden, den Kampf gegen die Sekten, für die Einheit der Kirche. Auf den Sieg Christi lief alles hinaus. Alles mußte so geschehen, wie es geschah, damit er zustande kam. Das Ganze wurde so begreiflich, das grenzenlos Zufällige dem Zufall entzogen.

385 Augustin spricht von »den Römern« stets nur in der dritten Person; d. h. er schließt sich selbst deutlich von ihnen aus. Wodurch siegte dies Rom? Nicht nur durch seine Tüchtigkeit, sondern auch aus Ruhmverlangen, immerhin edle Motive, aber doch irdisch. Gott hat Roms Sieg zugelassen, aber es »hat seinen Lohn dahin«Civ. dei 5, 12.. Hat Rom die Welt beglückt? Der Verfasser weist nach, wie unendlich viel Unheil im Lauf der Jahrhunderte über das Reich kam, indem er dabei die vielgepriesenen glücklichen Zeiten unter Augustus, unter Hadrian und den Antoninen sorglich verschweigt. Kein Wunder, will er sagen, daß es dem Reich heute, seit dem Sieg Christi, nicht besser als damals geht. Auf alle Fälle ist Rom das große Babel des Okzidents. Zwei große Weltreiche gab es, das des Ninus und das des Trajan; Babel und Rom die HauptstädteCiv. dei 18, 2..

Das Wort »Gottesreich« stammt aus den PsalmenVgl. z. B. Psalm 87, 3 (Septuaginta S 86, 3; ἡ πόλις τοῦ ϑεοῦ). Da war darunter das Judentum verstanden. Augustin weitet den Begriff aus. Dies Gottesreich, das in die Erdenstaaten eingenistet ist, beginnt nun aber keineswegs mit Christus. Christi Bedeutung tritt hier auffällig zurück. Denn nicht etwa die Kirche ist das GottesreichAugustin ist in diesem Punkt freilich nicht konsequent; z. B. 13, 16 ist die ecclesia selbst die civitas dei., sondern alle wahren Gotteskinder zu allen Zeiten waren seine Bürger. Das ist die communio sanctorum im Gegensatz zur communio improborumCivitas dei mit Gottesstaat zu übersetzen ist also unzutreffend; es ist, wie gesagt, nur die Gemeinschaft aller Frommen in Gott gemeint; vgl. E. Bernheim, Mittelalterliche Zeitanschauungen I (1918), S. 18. Die Schrift Bernheims wird dem großen Augustinwerk mehr gerecht als O. Seeck u. a. Neuere, die darüber abgeurteilt haben.. Sie beginnt mit Adams Sohn Seth, dann mit Noah und seinem Sohn Sem und geht von da durch 6000 Jahre bis zur Gegenwart; sie geht zunächst zu Abraham und den Erzvätern, zu David, zu den jüdischen Propheten weiter. Aus Abrahams Samen aber, so lehrt Augustin, gingen nicht nur die Juden, sondern auch die Völker der Unbeschnittenen hervorCiv. dei 16, 5., und so können auch bei den Nichtjuden die Gotteskinder schon früh sich finden. Gleichwohl wagt er nicht diese Folgerung auf Plato oder Sokrates anzuwenden. Erst seit Christi Menschwerdung aber organisiert sich das Gottesreich auf Erden. Sein Hilfsmittel ist die Kirche, die bei allen Völkern, auch den Barbaren, für die Heiligung des Lebens wirkt.

Durch alle Generationen geht die irdische Staatenbildung, 386 geht aber auch die Kette der Frommen und Erlösten. Große Sorge bereiten dem Augustin indes die Cyklopen, die nur ein Auge auf der Stirn haben; ebenso auch ein libysches Volk, das so große Fußsohlen hat, daß die Menschen da unter ihren Fußsohlen wie unter einem Sonnenschirm schlafen. Ja, in Carthago sah er die Abbildungen von monströsen Menschen in Mosaik, die, ohne Halsbildung, die Augen auf ihren Schultern trugen. Gehören auch die alle mit zur Heilsentwicklung? und können die alle aus Noahs Arche stammen? Ebenso erregt ihn die Frage nach den Antipoden. Wenn auf der anderen Hälfte des Erdglobus auch noch Völker leben, wie steht es mit ihnen? Er ist geneigt anzunehmen, daß sie nicht existieren und daß es dort nichts als Ozean und endlose Wasserflächen gibtCiv. dei 16, 8 f..

Aber alles Heiligenleben auf Erden ist unvollkommen, und der Fluch der Sünde wirkt weiter. Erst im Jenseits, erst nach dem jüngsten Tag wird sich der Gottesstaat vollenden; für diese Hoffnung leben wir, und so endet Augustins Werk damit, daß er den Vorhang vor dem Jenseits wegzieht und Hölle und Himmel erschließt. Die Analogie des Plato ist auch hier auffällig; denn auch Plato führt uns in seinem Werk vom Idealstaat aus der Wirklichkeit träumend hinaus in die Gefilde der Seligen und in den Tartarus; die da nicht gerecht sind, werden im Jenseits von den Totenrichtern zur Qual verdammt, die Gerechten finden die Wonnen Elysiums; Gott hält auch nach Platos Lehre Strafe und Lohn bereit.

Augustin verzichtet auf jeden dramatischen Effekt; wer eine glutvoll packende Schilderung des jüngsten Tages, gleichsam den Text zum Riesengemälde Michelangelos lesen will, der lese sie bei TertullianTertullian de spectaculus, Ende.. Augustin begnügt sich, um den Hergang zu versinnlichen, die Verkündigungen Jesu, der Propheten, der Apokalypse über das Weltende zu sammeln und auszulegen. Während nach Plato im Tod sich die Seele vom Körper völlig befreitCiv. dei 13, 18., beweisen jene Stimmen, daß die Seele einst mit ihrem Gebeine wieder wird vereinigt werden. Es 387 gibt also eine doppelte Art von Tod: der erste treibt die Seele aus ihrem Körper; der zweite, den wir im Fegefeuer der Gehenna erleben, hält die Seele im Körper fest, und sie hat dort mit ihm zu leidenAnders als Augustin weiß Hieronymus noch nichts vom Fegefeuer: Zöckler S. 442.. Die eingehendste Erörterung findet in diesem Anlaß, wie das Fleisch in der Hölle brennen kann, ohne doch zu vergehen. Bei Gott ist eben nichts unmöglich; übrigens verweist Augustin u. a. auf den Feuersalamander, der im Feuer geradezu lebt; ja, er hat in Carthago einen geschlachteten Pfau gesehen, dessen Fleisch, wir würden heute sagen, als Konservenfleisch behandelt wurde; noch nach 30 Tagen zeigte es keine Spur von Verwesung und war in einem Jahr nur etwas eingetrocknet, aber noch eßbarCiv. dei 21, 2 u. 4.. Und so zählt der Verfasser noch eine Menge Naturwunder auf, wie den Magneten: »Als ich seine Wirkung zuerst kennen lernte, erschrak ich heftig.« Wie sollen also nicht auch im Jenseits physikalische Wunder geschehen?

Ewige Seligkeit und ewige Qual! Bei den Patonikern ist die Hölle nur Purgatorium, d. h. ihre Strafen dienen nur zur Läuterung, und die Gestraften werden nach gewisser Zeit wieder freigegeben. Anders bei AugustinCiv. dei 21, 13.. In den Seligen endlich aber ist, wie er lehrt, des Menschen höchstes Gut, der freie Wille, wieder erstanden, und er wird sich bewähren, er wird nie mehr das Böse wählen, da alsdann der Versucher fehltCiv. dei 22, 30.. Das ist die civitas beata: wir werden königlich herrschen mit Gottregnare cum deo: Civ. dei 15, 1., Muße haben und schauen, schauen und lieben, lieben und loben. Wir werden am Ende sein und doch ohne Ende, in dem Reich, das kein Ende hat. Amen, AmenCiv. dei 22, 30..

Lassen wir die Seligen selig sein. Wie sollte es indes im Elend dieser Erdenwelt weitergehen? im ruhelosen Kampf der Völker? den großen Realitäten des Lebens? Der Mann der Kirche hat kaum einen Blick dafür. Was war ihm die Reichspolitik? Der Eifer für das Seelenheil hat in ihm allen Römergeist, allen Patriotismus vernichtet. Christen sind auch die bösen Feinde, die Germanen; der Gottesstaat reichte schon 388 hinaus über das, was sich römisch nannte. Und doch! Augustin hat sich beiläufig auch zur Realpolitik und über den Fortschritt der irdischen Staatengemeinschaft geäußert, und diese Äußerung ist für uns hier wichtiger als alles Voraufgehende. Er erklärt kurzwegCiv. dei 4, 15; vgl. 4, 3.: die Größe des Römerreichs war ein Übel. Es wäre gut, wenn es lauter kleine Königreiche nebeneinander gäbe, die dabei gut nachbarlich sich vertrügen und der Eintracht sich freuten (also Völkerbund!), so daß in der Welt viele Volksstaaten beständen, in derselben Weise, wie es in den Städten viele bürgerliche Hausstände nebeneinander gibt. Die Worte sind so bedeutsam, daß ich sie auch lateinisch wiedergebe: si omnia regna parva essent, concordi vicinitate laetantia, et ita essent in mundo regna plurima gentium, ut sunt in urbe domus plurimae civium.

Augustin verstand die Zeichen der Zeit. Er war ein Seher. Ob er den jüngsten Tag mit Recht verkündet, fragen wir nicht. Sein Wort von den vielen Volksstaaten war das Programm der nächsten Zukunft und aller Folgezeit bis heute, und die Germanen waren schon im Begriff, es zu verwirklichen.

Augustin selbst sollte es noch erfahren, er sollte es in nächster Nähe mit Schrecken erleben. In Spanien herrschte schon Geiserich, der Vandale; in Südfrankreich die Westgoten unter König Wallia und Theodorich; dieser Theodorich war Alarichs Enkel. Im Jahre 423 starb Kaiser Honorius in Ravenna. Seine Schwester Placidia, die kaiserliche Frau, verwaltete jetzt das zertrümmerte Reich mit ihrem vierjährigen Sohn Valentinian III. Afrika war immer noch römisch. Als kaiserlicher Statthalter waltete in Afrika ein Mann mit Namen Bonifatius. Aber dieser Bonifatius wurde bei Placidia verdächtigt und sollte abberufen werden. Da rief er, um sich zu halten, die Vandalen aus Spanien zu seiner Hilfe nach Afrika herbei, und Geiserich rückte dort ein, im Jahre 429. Geiserich wird bald danach genötigt, wieder abzuziehen, aber er weigert sich. Er ist Arianer; die Donatisten verbünden sich mit ihm, und Augustin erlebte noch, wie das 389 Chaos über ihm zusammenschlug, wie der wilde Feind, der sich betrogen glaubte, furchtbar brandschatzend das ganze afrikanische Land verheerte. Im Jahre 430 wurde Hippo, die Stadt, selbst belagert. Bonifatius verteidigte die Stadt gegen Geiserich. Viele Priester flohen; Augustin, obschon altersschwach, wollte seine Gemeinde in der Not nicht verlassen. Während der Belagerung schied er aus dem Leben unter Waffenlärm und Kriegsgeschrei. Nach seinem Tode wurde Hippo wirklich in Asche gelegt, das junge Vandalenreich von Geiserich errichtet. Rom hatte nun auch seine Kornkammer Afrika verloren.

Die Welt, von solchen Ereignissen erschüttert, hatte keine Zeit, auf den Tod ihres größten Zeitgenossen achtzugeben. Aber seine Schriften lebten, und sein Wort unterwarf sich die Geister. Schon Papst Gregor I. wurde der Verkünder seiner Ideen, die Civitas dei hernach das Lieblingsbuch Karls des Großen. Der Siegeszug der Kirche war Augustins Siegeszug, der durch die Jahrhunderte ging.

Es wäre gut, wenn es statt eines Weltreichs nur noch kleinere Königreiche gäbe: dieser Wunsch Augustins hat sich in der Geschichte Europas dauernd verwirklichtInsbesondere die Kirchenpolitik der Päpste im Mittelalter hat ihn begünstigt; Bernheim. S. 125.. Die Erde hat sich seitdem vergrößert bis zu den Antipoden. Die Geschichte hat dahin geführt, daß sogar neue Weltreiche erstanden; aber sie konkurrieren miteinander, in Waffen starrend, wie wir es heute sehen, und an ein Universalreich auf Erden ist nach menschlicher Voraussicht nicht zu denken. Der zweite Wunsch Augustins aber bleibt noch unerfüllt: daß die Staaten sich auch nachbarlich ihrer Eintracht freuen. Im Programm des Völkerbundes ist der Wunsch heut wieder aufgelebt; aber die ihn hegen, vergessen, wie es Augustin vergaß, daß Tatendrang, Männermut, Neid und Rassenehrgeiz, daß vor allem soziale Not und Übervölkerung immer wieder zu tötlichen Konflikten auf dieser armen Erde führen. 390

 


 

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