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Charaden, Lieder am Schraubstock, Feilspäne

Max Eyth: Charaden, Lieder am Schraubstock, Feilspäne - Kapitel 1
Quellenangabe
typepoem
authorMax Eyth
booktitleFeierstunden
titleCharaden, Lieder am Schraubstock, Feilspäne
publisherCarl Winter's Universitätsbuchhandlung
printrunDritte vermehrte Auflage
year1904
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070205
projectid4f5c2727
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Charaden

Motto: »Aller Orthograpthie zum Schrecken«
Theodor Körner

I. Zweisilbig

1.

In des Ersten Binsendickicht flüchtet zitternd sich der Tiger,
Wenn das Erste speerbewaffnet ihn verfolgt am Strand des Niger;
Und ins Erste muß das Erste sich verzweifelnd niederkauern.
Wenn die gier'gen Sklavenjäger auf die schwarze Beute lauern.

2.

Eine Blume auf dem Felde siehst du mich zu Sommerszeiten
In der Freude meiner Farben, die mich bunt und lieblich kleiden;
Doch beraubt des Blütenschmuckes, nur noch meine Frucht am Stengel,
Hält mich über manchem Grabe friedlichernst der Todesengel.

1.2

Staunend sieht mich das Jahrhundert; 's ist, als ob die Weltgeschichte
Ihres Ostens bunte Märchen jetzt im Westen weiter dichte;
Quellen schlag' ich, grüne Gärten und des Harems süße Lüste
Mit dem Zauberstab des Glaubens aus dem Felsgestein der Wüste.

II. Dreisilbig

1.

Es ist ein sonnenholder Knabe,
    Warm ist sein Herz und frisch sein Blut;
Er streut der Freuden goldne Gabe
    Auf Arm und Reich im Übermut;
Er tröstet, was auf Erden leidet,
    Hat Balsam für so manchen Schmerz,
Und wenn er freundlich wieder scheidet,
    Schlägt heißer jedes Menschenherz.

2.3

Legst du ein D in unsre Mitte,
    Sind wir daheim im grünen Wald;
Du findest bald uns in der Hütte,
    Und auf des Reichen Tische bald;
Mit diesem D nur im Geleite
    Sind wir das Dritte ganz bestimmt;
Sind wir Rubinen im Geschmeide
    Des Ersten, wenn er Abschied nimmt.

1.2.3

Hab' unter Pauken und Trompeten
    Gewonnen manche große Schlacht;
Zum König macht' ich den Propheten
    Und hab' ihn auch zu Fall gebracht;
Es sang für mich ein Stern im Norden
    Und eine Afrikanern,
Und ich bin dabei reich geworden,
    Dieweil ich auch ein Jude bin.

III. Dreisilbig

1.

Ein still'res Haus, zur Ruhe nur bereitet,
    Wohl niemand noch auf weiter Erde fand;
Ein Schifflein bin ich, das dich sicher leitet
    Aus Sturm und Not nach dem ersehnten Strand:
Noch dreh' mich um, so ist's die sonnenklare.
    Die lust'ge Flut, die sich um Weiden wiegt;
Es grüßt mich froh der muntere Magyare,
    Wenn er auf flinkem Roß vorüberfliegt.

2.

Nur ein Begriff bin ich; doch das Gesindel,
    Das niemals denkt, begreift mich überall;
Ich hass' den Schein, ich trotze jedem Schwindel;
    Ich bin des Kaufmanns höchstes Ideal; –
Doch dreh' mich um: – das bleichende Gerippe
    Ist's, was mich dann mit wilder Freude faßt;
Mein bester Freund trägt eine Totenhippe,
    Mein Reich ist Luft, der Galgen mein Palast.

3.

Kühn steigt der Knabe über Heck' und Zäune
    Und streift, mich suchend, durch das Waldrevier'
Die Mädchen späh'n gar emsig in der Scheune;
    In jedem Winkel suchen sie nach mir.
Und finden endlich mich die kleinen Leute
    In dem Versteck, so lacht ihr ganz Gesicht;
Sie rufen meinen Namen laut vor Freude,
    Und meinen eigentlich dabei mich nicht.

1.2.3

Ich floh schon längst aus eurem schönen Tale;
    Seit es entwaldet, meid' ich dieses Land;
Ich wohne jetzt im Hottentottenkrale,
    Im Wigwam, an des Eismeers ödem Strand;
Schön bin ich nicht, noch lieblich von Gebärde,
    Doch stark bin ich und blutig meine Spur;
Mein war die Welt und über meine Erde
    Hetzt ohn' Erbarmen heut' mich die Kultur,

IV. Fünfsilbig

1.2

Es ist so keusch, so himmlisch rein;
    Nichts Ird'sches geht darüber;
Noch ehrlich: – ohne Heil'genschein
War mir's von jeher lieber.

3.

So kurz es ist, es liegt darin
    Auf deutsch ein Meer von Klagen;
Noch schreib' es nur lateinisch hin,
Dann hat es nichts zu sagen.

4.5

Kannst du in beiden auch, ich wett',
    Nur reinen Unsinn finden,
Ist's eine doch von vornen nett,
    Was andre nett von hinten.

1.2.3.4.5

Wir sind, obwohl gar steif und starr,
    Ein Völklein muntrer Zwerge;
Wir graben nicht, wie mancher Narr,
    Nach Gold im tiefen Berge;
Sechs Batzen nur und ein Befehl, –
    So sind wir Leben, Feuer, –
Sind bald gar niedlich und fidel,
    Bald schwarze Ungeheuer;
Es lachen Alt und Jung zugleich
    Und jubeln ohne Zweifel,
Holt uns nach manchem bösen Streich
    Noch unser eigner Teufel.

V. Viersilbig

1.

Betrachte du mich immerhin
    Einmal getrost von hinten;
So wirst du, wenn ich's auch nicht bin,
    Des Ganzen Wesen finden;
Gib mir ein L; trotz deinem Müh'n
    Bin ich auch so dasselbe;
Nur Ort und Farbe wechsl' ich; grün
    War ich zuvor, jetzt gelbe.

2.3

Ich bin kein Drache, bin kein Greif,
    Ich bin kein greulich Wunder;
Doch hab' ich einen Roßhaarschweif,
    Sogar auch zwei mitunter,
Hab' ein Gebiß von Blei und Stahl
    Und trotze deinem Witze;
Denn drehst du mich auch hundertmal.
    Biet' ich dir stets die Spitze.

4.

Es stand einst mit vergnügtem Sinn
    Auf kühner Bergesklippe;
Jetzt ziehe mühsam ich dahin
    Als trauriges Gerippe;
Aus meiner Heimat längst verbannt.
Schlepp' ich mich mit dem Fluche,
Ruhlos zu geh'n von Land zu Land
    Mit meinem Leichentuche,

1.2.3.4

Die Leute kommen froh herbei.
    Zu seh'n mein stolzes Wehe,
Zu hören meinen wilden Schrei,
    Wenn ich zugrunde gehe;
Ich tob' und heule; doch mein Leid
    Scheint ihre Lust zu würzen;
Ich stürz' ins Grab; – o Ewigkeit,
    Wie lange muß ich stürzen!

VI. Dreisilbig

1.

Das Schiff der Wüste und das Schiff der Flut
    Sah ich in meinen Armen schon verenden;
    So harmlos ich auch bin in deinen Händen,
So furchtbar bin ich in des Sturmes Wut;
Und sollte dir ein holdes Weibchen taugen,
    Mit ihr zu steuern durch das Meer der Ehe,
    So fürchte mich und halt' mich fern, denn wehe.
Sie streut mich gar zu gern in deine Augen.

2. 3.

Wir leben harmlos in der Wasser Flut;
    Wir stechen grausam durch das Fell der Stiere,
    Doch ohne Schmerzen für die armen Tiere;
Und sterben langsam in des Feuers Glut;
Weil man uns liebt, stellt man uns nach im Dunkeln;
    Schwer quält die Arbeit uns die langen Tage,
    In Schweiß und Pech; doch lautlos ohne Klage
Ergeh'n wir abends uns beim Sternenfunkeln.

1.2.3

Ich rühme stolz mich der Vergangenheit;
    Ging ich doch stets im römischen Senate
    Frei ein und aus; ich trug allein im Rate
Des Konsuls Toga und des Priesters Kleid.
Wohl kenn' ich auch des schnöden Schicksals Wende,
    Und ging zerfetzt auf öden, stein'gen Pfaden;
    Doch die mich jeden Tag mit Füßen traten,
Die stellten mich auf Marmorpostamente.

Im Buch auf dem Kopf stehend:
I. Mormon. II. Meyerbeer, III. Barbarei. IV. Marionetten. V. Niagara. VI. Sandalen.


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