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Cato oder Von dem Greisenalter

Marcus Tullius Cicero: Cato oder Von dem Greisenalter - Kapitel 4
Quellenangabe
typetractate
booktitleCato oder Von dem Greisenalter
authorRaphael Kühner
firstpub1864
year1864
publisherKrais & Hoffmann
addressStuttgart
titleCato oder Von dem Greisenalter
created20060126
sendergerd.bouillon
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I. 1.

O TitusDiese Verse sind aus dem zehnten Buche der Annalen des Ennius (s. zu IV. 10) entlehnt und an Titus Quinctius Flamininus gerichtet, hier aber auf Titus Pomponius Atticus angewendet. Als Flamininus in dem Kriege gegen den macedonischen König Philippus im J. 198 v. Chr. nach Epirus gekommen war, befand er sich in großer Verlegenheit, da nicht allein die Ortsbeschaffenheit unendliche Schwierigkeiten bot, sondern auch fast alle Felsen mit schwerem Geschütze von dem Feinde besetzt waren. So hatte er 40 Tage, ohne irgend Etwas unternehmen zu können, müssig vor den Augen der Feinde zugebracht, als ein Hirt, von Charopus, dem Fürsten der Epiroten, abgeschickt, ihm gegen eine Belohnung versprach einen Weg zu zeigen, auf dem er leicht die Feinde überraschen könne. S. Livius 32, 9–12., wenn ich dir Hülfe gewähr' und die Sorge dir lind're,
Die jetzt, haftend im Inneren, schmerzlich dich ängstigt und martert;
Wird mir wol eine Belohnung dafür seinStatt erat bei Halm lese ich mit Klotz und Anderen erit.?

Ich darf ja wol dich, mein AtticusTitus Pomponius Atticus, ein Römischer Ritter und innigster Freund Cicero's, der auch durch die Verheirathung seines Bruders Quintus mit der Schwester des Atticus mit diesem verwandt war. Er schrieb mehrere geschichtliche Werke, z. B. eine Geschichte von Cicero's Consulate in Griechischer Sprache. Seinen Beinamen erhielt er von seinem langjährigen Aufenthalte in Athen. S. über ihn Cornel. Nep. und vgl. Orelli Onom. p. 481–483., mit denselben Versen anreden, mit denen den Flamininus anredet

Jener MannDer in der ersten Anmerkung erwähnte Hirt. von geringem Vermögen, doch treuer Gesinnung;

wiewol ich gewiß weiß, daß nicht, wie Flamininus,

Du dich abhärmest, o Titus, Nächte und Tage mit Sorgen.

Ich kenne ja die Mäßigung deines Gemüthes und deinen Gleichmuth und weiß, daß du nicht allein den Beinamen von Athen heimgebracht hast, sondern auch seine Bildung und Einsicht. Und doch vermuthe ich, daß du, wie ich selbst, von den nämlichen EreignissenC. meint den verderblichen Zustand des Staates nach Cäsar's Ermordung. zuweilen sehr heftig beunruhigt wirst. Aber die Tröstung dafür ist zu wichtig und daher auf eine andere Zeit zu verschieben. Für jetzt halte ich es für angemessen Einiges über das Greisenalter niederzuschreiben und dir zu widmen. 2. Denn es ist mein Wunsch, daß die uns beiden gemeinsame Last des schon drückenden oder wenigstens herannahenden AltersCicero, geb. 106 v. Chr., war damals 62, Atticus, geb. 109, 65 Jahre alt. sowol dir als mir selbst erleichtert werde, wiewol ich gewiß weiß, daß du wenigstens sie, wie Alles, mit Mäßigung und Weisheit erträgst und ertragen wirst. Allein da ich über das Alter Etwas schreiben wollte, so tratest du mir als der Mann entgegen, welcher dieses Geschenkes würdig wäre, aus dem wir beiden gemeinschaftlich Nutzen ziehen konnten. Mir wenigstens war die Abfassung dieser Schrift so angenehm, daß sie mir nicht nur alle Beschwerlichkeiten des Alters abgestreift, sondern milde sogar und angenehm das Alter gemacht hat. Niemals wird man daher die Philosophie würdig genug preisen können, da Jeder, der ihr Folge leistet, die ganze Lebenszeit ohne Beschwerde hinbringen kann.

3. Doch über andere Gegenstände der Philosophie haben wir schon Vieles gesprochen und werden noch oft darüber sprechen; der Gegenstand der gegenwärtigen Schrift aber, die wir dir gewidmet haben, ist das Greisenalter. Die ganze folgende Unterredung nun haben wir nicht dem TithonusTithonus, Sohn des Troischen Königs Laomedon, Gemahl der Eos (Aurora), welche für ihn von Zeus Unsterblichkeit erwirkt, aber vergessen hatte, zugleich ewige Jugend für ihn zu erbitten. Er wurde daher zuletzt ganz kraftlos, und Eos verwandelte ihn in eine Heuschrecke. S. Nitsch-Klopfer Mythol. Wörterb. Th. II. S. 597. zugetheilt, wie Aristo aus KeosAristo von Keos, einer cykladischen Insel, war ein Peripatetischer Philosoph, um 225 v. Chr. S. Cicer. Fin. V. 5, 13. Diog. L. 5, 64. Orelli Onom. I. p. 68, der J. G. Habmann in Jahn's N. Jahrb.-Supplementband 1. Hft. Lpzg. 1835. S. 102 ff. anführt., – denn in einer bloßen Dichtung würde zu wenig Gewicht liegen – sondern dem Greise Marcus CatoUeber M. Porcius Cato und den jüngeren Scipio s. die Einleitung zu der Schrift von der Freundschaft., damit der Vortrag größeres Gewicht habe. Neben ihm führen wir Lälius und Scipio ein, wie sie ihre Bewunderung aussprechen, daß er das Alter so leicht ertrage, und lassen diesen ihnen hierauf antworten. Solltest du aber meinen, Cato rede hier gelehrter, als er es in seinen Schriften zu thun pflegt; so mußt du dieses der Griechischen Litteratur zuschreiben, mit der er sich bekanntlich in hohem Alter sehr eifrig beschäftigt hat. Doch wozu bedarf es noch weiterer Worte? Denn sogleich wird der Vortrag des Cato selbst unsere ganze Ansicht über das Greisenalter entwickeln.

Scipio.

II. 4. Oftmals pflege ich mit unserem Gajus Lälius hier deine ausgezeichnete und vollkommene Weisheit, Marcus Cato, sowol in allen anderen Dingen zu bewundern, als auch ganz besonders darin, daß du, wie ich bemerkt habe, das Alter niemals beschwerlich findest, das doch recht vielen Greisen so verhaßt ist, daß sie sagen, sie trügen eine Bürde, die schwerer sei als der AetnaEine sprüchwörtliche Redensart, die sich schon bei Euripides Herc. Fur. 637 f. findet:

‘Α νεότας μοι φίλον άχθος δὲ τὸ γη̃ρας αιεὶ
Βαρύτερον Αίτνας σκοπέλων επὶ κρατὶ κει̃ται.
.

Cato.

Eine nicht eben schwierige Sache scheint ihr, Scipio und Lälius, zu bewundern. Wer freilich kein Hülfsmittel zu einem guten und glückseligen Leben in sich selbst hat, für den ist jedes Lebensalter beschwerlich; wer hingegen alle Güter in sich selbst sucht, dem kann Nichts als ein Uebel erscheinen, was ein nothwendiges Naturgesetz mit sich bringt. Hierher gehört insbesondere das Greisenalter, das zwar Alle zu erreichen wünschen, sobald sie es aber erreicht haben, anschuldigenVgl. den Komiker Krates bei Stob. Floril. 115, 9:

’Ωνείδισάς μοι γη̃ρας ως κακὸν μέγα
Οι πάντες επιθυμου̃μεν, ὰν δ' έλθη ποτέ,
’Ανιώμεθ'. Ούτως εσμὲν αχάριστοι φύσει.
. So groß ist die Unbeständigkeit und Verkehrtheit der Thoren.

Das Alter, sagen sie, beschleiche sie schneller, als sie es gedacht hätten.

Für's Erste, wer hat sie genöthigt etwas Falsches zu denken? Denn wie beschleicht das Greisenalter das Jünglingsalter schneller, als das Jünglingsalter das Knabenalter?

Sodann, wie würde ihnen das Greisenalter minder beschwerlich sein, wenn sie im achthundertsten Jahre ständen als im achtzigsten? Denn das vergangene, auch noch so lange Lebensalter könnte, wenn es verflossen ist, durch keinen Trost das Greisenalter eines Thoren beruhigen.

5. Also wenn ihr meine Weisheit zu bewundern pflegt, – o daß sie doch euerer Meinung und meines BeinamensVgl. Cicer. Lael. 2, 6: Cato quasi cognomen jam habebat in senectute Sapientia. Vgl. Cicer. Legg. II. 2, 5. Vgl. die Einleitung S. 5. würdig wäre! – so zeigen wir uns darin weise, daß wir der Natur, der besten Führerin, wie einer Gottheit folgen und gehorchen. Denn es ist nicht wahrscheinlich, daß sie alle andern Rollen des Lebensalters schon vertheilt, den letzten Aufzug aber wie ein ungeschickter Dichter vernachläßigt haben sollte. Es mußte ja nothwendiger Weise Etwas den äußersten Endpunkt bilden und, wie bei dem Obste der Bäume und bei den Früchten der Erde, nach der zeitigen Reife gleichsam welk werden und abfallen. Und dieses muß der Weise mit Ergebung ertragen. Denn wider die Natur kämpfen, ist das was Anderes als nach Art der Giganten mit den Göttern Krieg führen?

Lälius.

6. Nun gut, mein Cato; gleichwol würdest du uns, damit ich auch für Scipio die Versicherung gebe, einen sehr großen Gefallen erweisen, wenn du uns, weil wir ja Greise zu werden hoffen, wenigstens es wünschen. schon lange zuvor über die Mittel belehren wolltest, durch die wir das drückend werdende Alter am Leichtesten ertragen können.

Cato.

Ja, das will ich thun, mein Lälius, zumal, wenn euch beiden, wie du sagst, hiermit ein Gefallen geschieht.

Lälius.

Wir wünschen allerdings, mein Cato, wenn es dir nicht lästig ist, von dir, der du gleichsam einen langen Weg zurückgelegt hast, den auch wir betreten müssen, die Beschaffenheit des Zieles zu erfahren, zu dem du gelangt bistNach Plat. Rpb. I. p. 328, E: δοκει̃ γάρ μοι χρη̃νει παρ' αυτω̃ν (τω̃ν πρεσβυτέρων) πυνθάνεσθαι, ώσπερ τινὰ οδὸν προεληλυθότων, ὴν καὶ ημα̃ς ίσως δεήσει πορεύεσθαι, ποία τίς εστι, τραχει̃α καὶ χαλεπὴ ὴ ραδία καὶ εύπορος· καὶ δὴ καὶ σου̃ ηδίως ὰν πυθοίμην, ό τι σοι φαίνεται του̃το, επειδὴ ενταυ̃θα ήδη ει̃ τη̃ς ηλικίας, ὸ δὴ επὶ γήραος ουδω̃ φασιν ει̃ναι οι ποιηταί, πότερον χαλεπὸν του̃ βίου, ή πω̃ς σὺ αυτὸ εξαγγέλλεις..

Cato.

III. 7. Ich will es thun, so gut ich es vermag, mein Lälius. Oft hörte ich die Klagen meiner Altersgenossen mit an – Gleich und Gleich gesellt sich ja gern, nach einem alten SprüchwortePlat. l. d. p. 329, A: πολλάκις γὰρ συνερχόμεθα τινες εις ταυτὸ παραπλησίαν έχοντες, διασώζοντες τὴν παλαιὰν παροιμίαν. Das Sprichwort wird oft erwähnt, z. B. Plat. Symp. p. 195, B: ο γὰρ παλαιὸς λόγος ευ̃ έχει, ως όμοιον αεὶ πελάζει. Vgl. Homer. Od. ρ, p. 218. –, was Gajus SalinatorGajus Livius Salinator, im J. 188 v. Chr. Consul, 170 gestorben als Oberpriester. S. Liv. 38, 35. 43, 11., was Spurius AlbinusSpurius Postumius Albinus im J. 186 v. Chr. Consul, 180 gestorben als Augur. S. Liv. 39, 6. 40, 42., consularische Männer von ungefähr gleichem Alter mit mir, zu bejammern pflegten: bald, daß sie der Vergnügungen entbehrten, ohne die sie das Leben für Nichts achteten; bald, daß sie von denen verschmäht würden, bei denen sie früher in Achtung gestanden hätten. Sie schienen mir aber nicht das anzuklagen, was wirklich anzuklagen ist. Denn läge die Schuld davon am Greisenalter, so würde ein Gleiches auch bei mir der Fall sein und bei allen Bejahrten; und doch habe ich schon viele Greise kennen gelernt, die nicht klagten, die es nicht bedauerten von den Fesseln der Sinnenlust befreit zu sein, noch auch von den Ihrigen verachtet wurden. Nein! die Schuld von allen derartigen Klagen liegt im Charakter und nicht im Alter. Denn Greise, welche besonnen und weder grämlich noch unfreundlich sind, verleben ein erträgliches Alter; Schroffheit aber und Unfreundlichkeit sind für jedes Alter von unangenehmen FolgenSo erklärt Lehmeyer die Worte: importunitas autem et inhumanitas omni aetati molesta est richtig und vergleicht Catull. 51. 13. Schroffheit und Unfreundlichkeit erzeugt Menschen jeglichen Alters Verdruß und Unannehmlichkeiten. Vgl. die folgende Stelle Plato's. Die Lesart omni aetate ist mit Recht von den neueren Herausgebern verworfen worden. Der hier ausgesprochene Gedanke übrigens ist aus Plat. l. d. p. 329, D. entlehnt: αλλὰ καὶ τούτων πέρι καιτω̃ν γε πρὸς τοὺς οικείους μία τις αιτία εστιν, ου τὸ γη̃ρας, ω Σώκρατες, αλλ' ο τρόπος τω̃ν ανθρώπων· ὰν μὲν γὰρ κοσμιοι καὶ εύκολοι ω̃σι, καὶ τὸ γη̃ρας μετρίως εστὶν επίπονος· ει δὲ μή, καὶ γη̃ρας, ω̃ Σώκρατες, καὶ νεότης χαλεπὴ τω̃ τοιούτω ξυμβαίνει..

Lälius.

8. Es ist, wie du sagst, mein Cato; aber vielleicht könnte man sagen, dir scheine wegen deines Einflusses im Staate, wegen deines Wohlstandes und Ansehens das Alter erträglicher; dieses könne aber nicht Vielen zu Theil werden.

Cato.

Allerdings ist dieß Etwas, mein Lälius; aber keineswegs beruht darauf Alles. So z. B. erzählt man, Themistokles habe einem SeriphierSeriphus, eine kleine und felsige Insel (jetzt Sersanto), eine der Cykladen im Aegäischen Meere. Vgl. Cicer. N. D. I. 31, 88. Die angeführte Anekdote hat Cicero gleichfalls aus Plat. Rpb. p. 329, E entlehnt:τὸ του̃ Θεμιστοκλέους ευ̃ έχει, ὸς τω̃ Σεριφίω λοιδορουμένω καὶ λέγοντι, ότι ου δὶ αυτόν, αλλὰ διὰ τὴν πόλιν ευδοκιμοι̃, απεκρίνατο, ότι ούτ' ὰν αυτὸς Σερίφιος ὼν ονομαστὸς εγένετο, ούτ' εκει̃νος ’Αθηναι̃ος. bei einem Wortwechsel, als dieser sagte, nicht durch seinen, sondern durch des Vaterlandes Ruhm habe er seinen Glanz erhalten, entgegnet: »Wahrlich, weder ich würde, wenn ich ein Seriphier wäre, noch du, wenn du ein Athener wärest, je berühmt geworden sein.« Dieses kann auf dieselbe Weise vom Greisenalter gesagt werden. Denn bei dem höchsten Mangel kann das Greisenalter nicht leicht sein, nicht einmal für einen Weisen; dem Unweisen aber muß es selbst bei dem höchsten Ueberflusse eine Last seinAuch diese Stelle ist aus Plat. p. 330, A entlehnt: ούτ' ὰν ο επιεικὴς πάνυ τι ραδίως γη̃ρας μετὰ πενίας ενέγκοι, ούθ' ο μὴ επιεικὴς πλουτήσας εύκολος ποτ' ὰν εαυτω̃ γένοιτο.. 9. Die tauglichsten Waffen des Greisenalters, Scipio und Lälius, sind durchaus die Wissenschaften und die Tugenden, welche, in jedem Alter gepflegt, wenn man lange und vielmultum (viel) bezieht Lehmeyer richtig auf den Reichthum des Erlebten. gelebt hat, herrliche Früchte tragen, nicht allein, weil sie uns nie verlassen, selbst nicht in der letzten Zeit unseres Lebens, – und das ist doch von der größten Wichtigkeit – sondern auch, weil das Bewußtsein eines gut vollbrachten Lebens und die Vergegenwärtigung vieler guten Thaten höchst erfreulich ist.

IV. 10. Ich habe in meiner Jugend den Quintus MaximusDer berühmte Quintus Fabius Maximus, der, im zweiten Punischen Kriege im J. 217 v. Chr. zum Dictator gewählt, nach den unglücklichen Schlachten der Römer am Ticinus, an der Trebia und am Trasimenischen See den Römischen Staat dadurch, daß er einer Schlacht mit Hannibal auswich, rettete und daher den Beinamen Zauderer (Cunctator) erhielt. Im J. 233 war er zum ersten, 208 zum fünften Male Consul, nahm er Tarentum wieder ein; im J. 202 starb er. Vgl. Orelli Onom. p. 246 sq., – ich meine den, welcher Tarentum wiedereinnahm, – in seinem Greisenalter so geliebt wie einen Altersgenossen. Denn es fand sich bei diesem Manne ein mit Freundlichkeit gewürzter Ernst, und das Alter hatte seine Gemüthsstimmung nicht verändert. Freilich lernte ich ihn hochschätzen, als er noch nicht sehr bejahrt, aber doch schon im Alter vorgerückt war. Denn ein Jahr nach meiner Geburt war er zum ersten Male zum Consul erwählt worden, und in seinem vierten Consulate zog ich als sehr junger Krieger mit ihm nach CapuaD. h. nach Campanien, dessen Hauptstadt Capua war. Ueber das Zeitverhältniß s. die Einleitung S. 6. und fünf Jahre später vor Tarentum. Sodann wurde ich vier Jahre nachher Quästor, und dieses Amt bekleidete ich unter dem Consulate des Tuditanus und CethegusPublius Sempronins Tuditanus und Marcus Cornelius Cethegus waren im J. 204 v. Chr. Consuln., als jener in hohem Alter den CincischenMarcus Cincius Alimentus schlug als Volkstribun im J. 204 v. Chr. das Gesetz vor, in dem den Sachwaltern verboten wurde für ihre Rechtsvertheidigung Geld oder ein Geschenk von ihren Clienten anzunehmen. S. Orelli Index Legum in Onom. p. 151. Gesetzvorschlag über die Geschenke und Gaben empfahl. Er führte Kriege wie ein Jüngling, da er doch schon sehr bejahrt war, und bezähmte den jugendlich übermüthigen Hannibal durch seine Ausdauer. Ueber ihn spricht sich unser Freund EnniusEnnius aus Rudiä in Calabrien, geb. 230 v. Chr., gest. 169, Vater der Römischen Dichtkunst, hat viele Griechische Tragödien, namentlich des Euripides, und Komödien frei in's Lateinische übersetzt, sowie auch ein historisches Epos, Annalen genannt, welches in achtzehn Büchern die Geschichte Roms bis zu dem ersten Punischen Kriege umfaßte, in Hexametern geschrieben. Sowol dieses als jene sind bis auf einige Bruchstücke verloren gegangen. Die Bruchstücke der Annalen sind von Spangenberg (Lips. 1825) gesammelt. Die hier erwähnte Stelle ist aus den Annalen. Den ersten Vers führt Livius 30, 27 an: nihil certius est quam unum hominem nobis cunctando rem restituisse, sicut Ennius ait. vortrefflich also aus:

Ein Mann hat uns den Staat durch Zaudern wieder gerettet.
Mehr als eitle Gerüchte galt ihm des Staates Errettung.
Darum strahlet des Mannes Ruhm je länger je schöner.

11. Tarentum aber, mit welcher Umsicht, mit welcher Klugheit nahm er es wieder ein! Als SalinatorMarcus Livius Salinator, im J. 206 v. Chr. zum zweiten Male Consul mit Gajus Claudius Nero, besiegte mit diesem den Hasdrubal am Flusse Metaurus in Umbrien. Die hier erwähnte Sache wird von Cicero auch de Orat. II. 67, 273 dem Salinator zuertheilt; bei Polybius aber 8, 19 wird statt Salinator Gajus, bei Livius 27, 34 Marcus Livius Macatus und 27, 25, sowie bei Plutarch. Fab. c. 23 bloß Marcus Livius genannt. Gernhard sucht zu beweisen, daß Cicero den Marcus Livius Salinator mit dem Marcus Livius Macatus verwechselt habe., der nach Verlust der Stadt sich in die Burg geflüchtet hatte, sich rühmte und sagte: »Durch meine Bemühung, Quintus Fabius, hast du Tarentum wieder eingenommen,« entgegnete er in meiner Gegenwart lachend: »Gewiß; denn hättest du es nicht verloren, so hätte ich es niemals wieder eingenommen.«

Und wahrlich, in der TogaD. h. im Frieden. die toga war das Friedenskleid, sowie sagum das Kriegskleid der Römer. war er eben so ausgezeichnet wie in den Waffen. Als er nämlich zum zweiten MaleFabius war zum zweiten Male Consul im J. 227 v. Chr. mit Spurius Carvilius. Consul war, leistete er, während sich sein Amtsgenosse Spurius Carvilius ruhig verhielt, so lange es möglich war, dem Volkstribunen Gajus FlamininusGajus Flamininus Nepos machte im J. 227 v. Chr. als Volkstribun den oben angegebenen Gesetzvorschlag. Im J. 217 wurde er, zum zweiten Male Consul, am Trasimenischen See in Etrurien von Hannibal gänzlich geschlagen und mit dem größten Theile seines Heeres getödtet. Vgl. Cicer. de Orat. II. 12, 54. Widerstand, welcher das Picenische und Gallische Gebiet gegen das Gutachten des Senates nach der Kopfzahl vertheilen wollte, und obwol er Augurund als solcher das Ansehen der Auspicien auf jede Weise hatte wahren sollen. war, hatte er den Muth zu erklären, unter den besten Auspicien werde das ausgeführt, was man für das Wohl des Staates ausführeVgl. Homer. Iliad. μ, 243: εις οιωνὸς άριστος αμύνεσθαι περὶ πάτρης. was hingegen wider den Staat vorgeschlagen werde, schlage man wider die Auspicien vor.

12. Viele herrliche Züge habe ich an diesem Manne kennen gelernt; aber Nichts verdient größere Bewunderung als die Fassung, mit der er den Tod seines SohnesDer auch Quintus Fabius Maximus hieß. Er war im J. 212 v. Chr. Consul., eines angesehenen Mannes und Consulars, ertrug. Seine Lobrede auf ihn befindet sich in unseren Händen. Wenn wir sie lesen, wie gering erscheint uns da nicht jeder Philosoph!

Aber nicht nur im Lichte des öffentlichen Lebens und vor den Augen seiner Mitbürger war er groß; nein, daheim und in seiner Familie war er noch vorzüglicher. Welche Unterhaltung! welche Lehren! wie groß seine Kunde des Alterthums, seine Kenntniß im Augurrechte. Auch besaß er für einen Römer viel wissenschaftliche Bildung. Alle Kriege hatte er im Gedächtnisse, nicht bloß einheimische, sondern auch auswärtige. Seine Unterhaltung benutzte ich damals so eifrig, als wenn ich schon ahnete, was auch wirklich eintraf, daß nach seinem Tode sich Niemand finden würde, von dem ich lernen könnte.

V. 13. Wozu also so viele Worte hier über den Maximus? In der That nur deßhalb, weil ihr einseht, daß es eine Sünde wäre, wenn man behaupten wollte, ein solches Greisenalter sei elend gewesen. Freilich können nicht Alle Männer sein, wie ScipioCato meint den älteren Scipio Africanus, der im J. 205 v. Chr. zum ersten Male Consul war und durch den 202 über Hannibal bei Zama in Afrika errungenen Sieg den zweiten Punischen Krieg beendigte. oder Maximus: Männer, welche sich Eroberungen von Städten, Land- und Seeschlachten, Kriege, welche sie führten, Triumphzüge vergegenwärtigen können. Aber auch ein in Ruhe, in Sittenreinheit und mit Anstand geführtes Leben hat ein friedsames und sanftes Alter. Ein solches genoß, wie uns berichtet wird, PlatoPlato war in Athen geboren im J. 430 v. Chr. und gestorben zu Athen im J. 347. Er war der Sohn des Aristo, Schüler des Sokrates, Stifter der älteren Akademie., der im neunundachtzigsten Jahre beim Schreiben starb; ein solches IsokratesIsokrates aus Athen war geb. 436 v. Chr. und gestorben 338, also im 99sten Jahre. Er war ein Schüler der berühmten Sophisten Prodikus, Protagoras, Gorgias und anderer und der berühmteste Lehrer der Beredsamkeit. Er schrieb zwar Reden, hielt sie aber nicht. Es sind 21 Reden von ihm erhalten. Die hier erwähnte Rede ist eine Lobrede auf Athen, die an dem Athenischen Volksfeste Panathenäen, welches der Athene geweiht war, vorgelesen wurde., der nach seiner eigenen ErklärungPanath. c. 1: τοι̃ς έτεσι ενενήκοντα καὶ τέτταρσιν, ω̃ν εγὼ τυγχάνω γεγονώς. das Buch, das die Aufschrift Panathenaikus führt, im vierundneunzigsten Jahre schrieb und dann noch fünf Jahre lebte. Auch sein Lehrer, der Leontiner GorgiasGorgias aus Leontini, einer Stadt auf der östlichen Seite Siciliens (jetzt Lentini), ein Schüler des Empedokles aus Agrigent in Sicilien, eines berühmten Philosophen der Jonischen Schule (um 450 v. Chr.), kam später nach Athen und war einer der berühmtesten Sophisten zur Zeit des Sokrates., lebte volle hundertundsieben Jahre und ließ nie in seinem Eifer und in seiner Arbeit nach. Als man ihn einmal fragte, warum er so lange am Leben bleiben wolle, erwiderte er: »Ich habe keinen Grund das Alter anzuschuldigen.« 14. Eine vortreffliche und eines gebildeten Mannes würdige Antwort. Denn ihre Fehler und ihre Schuld schieben die Thoren auf das Greisenalter. So machte es der Mann nicht, dessen ich kurz zuvor Erwähnung that, Ennius:

Wie ein muthiges Roß, das, in dem Olympischen Wettkampf
Einst oft siegreich, jetzt ausruht vom Alter geschwächet.

Mit dem Alter eines muthigen und siegreichen Rosses vergleicht er das seinige. Ihr könnt euch auf ihn noch gut besinnen. Denn seit seinem Tode bis zur Wahl der gegenwärtigen Consuln, Titus Flamininus und Manius AciliusTitus Flamininus und Manius Acilius Balbus waren im J. 150 v. Chr. Consuln., sind es einundzwanzig Jahre; jener aber starb unter dem Consulate des Cäpio und PhilippusGnäus Servilius Cäpio und Quintus Marcius Philippus waren im J. 169 v. Chr. Consuln., – Letzterer bekleidete dieses Amt zum zweiten Male, – als ich in einem Alter von fünfundsechzig Jahren den VoconischenDer Voconische Gesetzvorschlag, im J. 169 v. Chr. von dem Volkstribunen Quintus Voconius Sara gemacht, bestimmte, daß, wer zu 100,000 Sestertien abgeschätzt sei, keine Frau zur Erbin einsetzen oder ihr kein größeres Legat vermachen dürfe, als die Hälfte der Erbschaft. Höchst gründlich und ausführlich wird dieses Gesetz von Hermann Sauppe in Orelli's Index Legum p. 294–395 besprochen. Durch dieses Gesetz sollte verhütet werden, daß nicht durch Testamente ein zu großes Vermögen in die Hände der Frauen und somit in andere Familien überginge und dadurch das Ansehn alter Familien geschwächt würde. Gesetzvorschlag mit lauter Stimme und starker Brust empfohlen hatte. In einem Alter von siebzig Jahren – denn so lange lebte Ennius – ertrug er zwei Bürden, welche für die drückendsten gelten, Armut und Alter, so leicht, daß er fast Wohlgefallen daran zu finden schien.

15. Wenn ich die Sache nun in meinem Geiste überlege, so finde ich vier Gründe, weßhalb das Greisenalter unglücklich erscheint:

erstlich, weil es von Verrichtung der Geschäfte abruft;

zweitens, weil es den Körper schwächer macht;

drittens, weil es fast aller Vergnügungen beraubt;

viertens, weil es nicht mehr weit vom Tode entfernt ist.

Wie richtig und wie gerecht ein jeder dieser Gründe sei, wollen wir nun, wenn es beliebt, sehen.

VI. Von Verrichtung der Geschäfte zieht das Greisenalter ab. Von welchen? Etwa von denen, welche in der Jugend und mit Leibeskräften verrichtet werden? Gibt es nun keine Geschäfte für den Greis, welche selbst bei schwachem Körper doch mit dem Geiste besorgt werden können? Nichts that also Quintus MaximusS. zu Kap. 5 § 13.? nichts Lucius PaullusLucius Aemilius Paullus, leiblicher Vater des jüngeren Scipio Africanus, Schwiegervater von Cato's älterem Sohne, hatte den letzten König von Macedonien, Perseus, in der Schlacht bei Pydna in Macedonien 168 v. Chr. besiegt, woher er den Beinamen Macedonicus erhielt., dein Vater, der Schwiegervater meines trefflichen Sohnes? Die anderen Greise, ein FabriciusGajus Fabricius Luscinus, der berühmte Heerführer der Römer in dem Kriege gegen Pyrrhus, König von Epirus (279 v. Chr.), nicht bloß durch Tapferkeit, sondern auch durch Genügsamkeit, Unbestechlichkeit und Edelmuth ausgezeichnet. Vgl. unten Kap. 13, §. 43., ein CuriusManius Curius Dentatus, dreimal Consul (290, 275, 254 v. Chr.), besiegte in seinem ersten Consulate die Samniten und Sabiner, in seinem zweiten den Pyrrhus bei Beneventum. Vgl. über seine Genügsamkeit unten Kap. 16, §§. 55 und 56., ein CoruncaniusTiberius Coruncanius, in dem Kriege gegen die Etrusker im J. 282 v. Chr. als Heerführer ausgezeichnet, auch ein großer Rechtsgelehrter, 280 Consul, der erste Plebejer, der Hoher Priester (Pontifex Maximus) war 252. In der Schrift de Orat. III. 15, 56 stellt ihn Cicero wegen seiner Weisheit mit Lykurgus, Pittakus, Solon, Fabricius, Cato, dem älteren Scipio zusammen. Vgl. N. D. II. 66, 165. III. 2, 5., thaten sie Nichts, wenn sie den Staat durch ihren Rath und ihren Einfluß vertheidigten?

16. Bei Appius ClaudiusAppius Claudius Cäcus (der Blinde) legte während seiner Censur (311 v. Chr.) eine gepflasterte Landstraße (via Appia) von Rom nach Capua und Wasserleitungen an. Im J. 307 erhielt er zum ersten und im J. 296 zum zweiten Male die Consulwürde; während der letzteren trug er einen glänzenden Sieg über die Samniten davon. Im J. 279 schickte Pyrrhus den Cineas nach Rom, um Friedensunterhandlungen anzuknüpfen; der Senat zeigte sich dazu geneigt; da ließ sich Appius in einer Sänfte nach der Curie tragen, wo er in einer nachdrücklichen Rede die Abschließung des Friedens widerrieth. Cicero führt im Brut. 16, 61 f. diese Rede als zu seiner Zeit noch vorhanden an. Plutarch (Vit. Pyrrhi c. 19) theilt die Rede mit. kam zu dem Greisenalter auch noch die Blindheit; und dennoch war er es, der, als die Meinung des Senates sich zum Abschlusse des Friedens und Bündnisses mit Pyrrhus hinneigte, kein Bedenken trug die Worte zu sagen, welche Ennius in folgende Verse gebracht hat:

Wohin hat sich eure Gesinnung so sinnlos gewendet,
Die vordem beständig sich aufrecht zu halten vermochte?

Und so das Folgende in den nachdrücklichsten Worten. Das Gedicht ist euch ja bekannt; doch auch die Rede des Appius selbst ist noch vorhanden. Und dieß that er siebzehn Jahre nach seinem zweiten Consulate, nachdem zwischen beiden Consulaten zehn Jahre verflossen waren, und er vor seinem ersten Consulate Censor gewesen war. Hieraus erhellt, daß er im Kriege des Pyrrhus recht bejahrt war; gleichwol haben uns dieses unsere Väter von ihm berichtet.

17. Man sagt also damit Nichts, wenn man behauptet, das Greisenalter befasse sich nicht mit Verrichtung von Geschäften, und die Sache verhält sich ähnlich, wie wenn man behaupten wollte, der Steuermann thue bei der Schiffahrt Nichts, weil, während Andere auf die Mastbäume stiegen, Andere in den Gängen umherliefen, Andere das Grundwasser ausschöpften, jener, das Steuer haltend, ruhig auf dem Schiffshintertheile sitze. Freilich thut er nicht das, was die jungen Leute thun; aber wahrlich ungleich Wichtigeres und Besseres thut er. 18. Es ist nicht Leibesstärke oder körperliche Behendigkeit und Schnelligkeit, womit man große Dinge ausführt, sondern Ueberlegung, Ansehen und Urtheil: Eigenschaften, die dem Greisenalter nicht entzogen, sondern sogar noch vermehrt zu werden pflegen. Ihr müßtet denn etwa glauben, daß ich, der ich mich als gemeiner Krieger, als Tribun, als Unterfeldherr, als Consul in verschiedenen Arten des Krieges bewegt habe, jetzt, wo ich keine Kriege führe, euch unthätig zu sein scheine. Aber ich schreibe dem Senate vor, welche zu führen sind, und wie; Karthago, das schon lange Böses im Schilde führt, kündige ich lange zuvor den Krieg an, und ich werde nicht eher aufhören um seinetwillen besorgt zu sein, als bis ich seine Zerstörung erfahren habeFlorus II. 15, 4: Cato inexpiabili odio delendam esse Carthaginem et, quum de alio consuleretur, pronuntiabat. Plutarch. Cat. c. 27: ’Εκει̃νο δ' ήδη καὶ βιαιότερον, τὸ περὶ παντὸς ου̃ δήποτε πράγματος γνώμην αποφαινόμενον προσεπιφωνει̃ν ούτως· Δοκει̃ δέ μοι καὶ Καρχηδόνα μὴ ει̃ναι.. 19. Möchten doch die unsterblichen Götter dir, Scipio, diesen Siegespreis vorbehalten, damit du das vollendest, was dein GroßvaterNämlich dein Adoptivgroßvater. Der altere Publius Cornelius Scipio Africanus, der durch den 202 v. Chr. bei Zama in Afrika über Hannibal errungenen Sieg den zweiten Punischen Krieg beendigt hatte, war der Adoptivgroßvater des jüngeren Africanus, der im Jahre 146 Karthago zerstörte. Der Sohn des älteren Africanus adoptirte nämlich den zweiten Sohn des Aemilius Paullus Macedonicus, der von der Zerstörung Karthago's den Beinamen Africanus minor erhielt. Cato starb drei Jahre vor der Zerstörung Karthago's. noch zu thun übrig gelassen hat. Seit seinem Tode sind fünfunddreißig Jahre verflossen; aber das Andenken an diesen Mann wird sich auf alle kommenden Jahre fortpflanzen. Ein Jahr vor meinem Censoramte starb er, neun Jahre nach meinem Consulate, unter dem er zum zweiten Male zum Consul erwählt wurde. Würde er nun wol, wenn er bis zum hundertsten Jahre gelebt hätte, mit seinem Alter unzufrieden gewesen sein? Freilich mit Laufen, mit Springen, mit Speerwerfen in die Ferne oder dem Schwerte im Nahkampfe würde er sich nicht befaßt haben, wohl aber mit Rathgeben, Ueberlegen und Urtheilen.

Fänden sich diese Eigenschaften nicht bei alten Leutensenibus, Greisen; daher die Rathsversammlung Senat genannt wurde., so hätten unsere Vorfahren ihre höchste Rathsversammlung nicht den Rath der Alten genannt. 20. So werden auch bei den Lacedämoniern die Männer, welche das höchste Staatsamt bekleiden, wie sie es wirklich sind, Greiseγέροντες d. i. Greise; die Rathsversammlung hieß γερουσία. genannt. Und wenn ihr die Geschichte des Auslandes lesen oder hören wollt, so werdet ihr finden, daß die größten Staaten von jungen Männern erschüttert, von alten hingegen aufrecht erhalten und wiederhergestellt worden sind.

Ei sagt, wie kam's, daß euer großer Staat so schnell verloren ging?

So fragt man in dem Scherzspiele des Dichters Näviusin Naevii poetae ludo; Andere schreiben Ludo und erklären es für den Titel eines Lustspieles. S. Georges Lat. Lex. h. v. Nävius aus Campanien (gest. 206 v. Chr.) war ein berühmter Römischer Tragiker und Komiker. Auch verfaßte er ein historisches Gedicht in sieben Büchern, den ersten Punischen Krieg (vgl. 14, 50), in dem er selbst Kriegsdienste gethan hatte., und man antwortet unter Anderem besonders Folgendes:

Es tauchten neue Redner auf, gar junge Leut' voll Unverstand.

Natürlich, denn Unbesonnenheit ist dem blühenden Alter, Einsicht dem Greisenalter eigenthümlich.

VII. 21. »Aber das Gedächtniß nimmt ab.« Ich glaub' es, wenn man es nicht übt, oder auch, wenn man von Natur langsamen Geistes ist. ThemisioklesUeber des Themistokles ausgezeichnetes Gedächtniß vgl. Cicer. de Fin. II. 32, 104. de Orat. II. 74, 299. 86, 351. hatte sich die Namen aller seiner Mitbürger gemerkt. Meint ihr nun wol, er habe, nachdem er im Alter vorgerückt war, den Mann, der Aristides war, als Lysippus gegrüßt? Ich wenigstens kenne nicht nur die jetzt Lebenden, sondern auch ihre Väter und Großväter. Und wenn ich die Grabschriften leseEs herrschte bei den Alten der Aberglaube, das Lesen der Inschriften auf den Grabmälern schade dem Gedächtnisse. Cato aber beschäftigte sich mit den Grabinschriften, um sie für seine Urgeschichte (Origenes, s. d. Einleitung) zu benutzen., bin ich nicht besorgt, wie man sagt, mein Gedächtniß zu verlieren; denn eben durch das Lesen derselben erinnere ich mich wieder an die Verstorbenen. Auch habe ich nie gehört, daß irgend ein Greis den Ort vergessen habe, wo er einen Schatz vergraben hatte. An Alles, was ihnen am Herzen liegt, erinnern sie sich, an festgesetzte Bürgschaftsleistungen, an ihre Schuldner und an ihre Gläubiger. 22. Wie? Alle Rechtsgelehrte, Oberpriester, Auguren, Philosophen, wie Vieles bewahren sie im Gedächtnisse?

Die Geisteskräfte bleiben den Greisen, wenn nur Eifer und Thätigkeit verbleibt, und dieß ist nicht allein bei angesehenen und hochgestellten Männern der Fall, sondern auch im amtlosen und ruhigen Leben. SophoklesVon den vielen Trauerspielen des Sophokles aus Athen (geb. 497 v. Chr., gest. 405) sind nur noch sieben übrig, und unter diesen ist das hier erwähnte Oedipus auf Kolonos (einem hochgelegenen Gaue Athens) eines der vorzüglichsten. dichtete bis zum höchsten Alter Trauerspiele. Da er wegen dieser Beschäftigung sein Hauswesen zu verabsäumen schien, so ward er von seinen Söhnen vor Gericht geladen, damit, wie nach unserer Sitte den übel wirtschaftenden Vätern die Verwaltung ihres Vermögens untersagt zu werden pflegt, die Richter auch ihn als einen Blödsinnigen von der Verwaltung seines Hauswesens entfernten. Da soll der Greis das Stück, das er eben in den Händen hielt und erst kürzlich geschrieben hatte, den Oedipus auf Kolonos, den Richtern vorgelesen und sie gefragt haben, ob ihnen diese Dichtung das Werk eines Blödsinnigen scheine? Nach Vorlesung desselben ward er durch den Ausspruch der Richter frei gesprochen. [23.] Hat nun wol diesen Mann, hat den HomerusDie Worte: num Homerum hat Halm weggelassen: sie fehlen in mehreren Handschriften, in anderen sind sie versetzt. Gernhard, Klotz, Madvig u. A. halten sie für ächt. Wegen der darauf folgenden Worte: num Hesiodum konnten sie leicht von einem Abschreiber übersehen werden., hat den HesiodusHesiodus aus Kyme in Aeolis lebte zu Askra in Böotien um 800 v. Chr. Seine Hauptgedichte sind eine Theogonie und ein auf den Ackerbau bezügliches Lehrgedicht (έργα καὶ ημέραι.), den SimonidesSimonides aus Kea (Keos), einer Insel des Aegäischen Meeres, geb. 556 v. Chr., gest. 467, ein berühmter lyrischer Dichter. Von seinen Gedichten sind nur noch wenige Bruchstücke übrig., den StesichorusStesichorus aus Himera in Sicilien um 600 v. Chr., gleichfalls ein lyrischer Dichter; auch von ihm sind uns nur wenige Bruchstücke erhalten worden., hat die zuvorKap. 5 §. 13. erwähnten Männer. den Isokrates und Gorgias, hat die Häupter der Philosophen, den PythagorasPythagoras aus Samos, Schüler des Pherkydes, Stifter der Italischen oder der nach ihm benannten Pythagoreischen Schule, geb. 582 v. Chr., gest. zu Kroton in sehr hohem Alter. Seine philosophischen Lehren schrieb er nicht nieder, sondern theilte sie nur mündlich seinen Schülern mit., den DemokritusDemokritus aus Abdera in Thracien, geb. 460 v. Chr., gest. 357, erweiterte und bildete die von Leucippus gegründete Atomenlehre aus. Von seinen zahlreichen Schriften sind uns nur einzelne Sätze aufbewahrt worden., hat den PlatoS. zu Kap. 5 §. 13., hat den XenokratesXenokrates aus Chalcedon in Bithynien, Schüler Plato's, nach Speusippus Vorsteher der Akademie von 339 v. Chr. an fünfundzwanzig Jahre hindurch., hat die später Lebenden, ZenoZeno aus Citium auf der Insel Cypern, Stifter der Stoischen Schule (um 300 v. Chr.), gestorben zu Athen, über 90 Jahre alt., KleanthesKleanthes aus Assus in Lycien, Schüler des Krates und Nachfolger Zeno's, einer der berühmtesten Stoiker. Nach Diog. L. VII. 176 soll er 80 Jahre alt geworden sein. oder den Philosophen, den ihr auch in Rom gesehen habt, den Stoiker DiogenesDiogenes, der Babylonier, eigentlich aus Seleucia in Syrien (καλούμενος δὲ Βαβυλώνιος διὰ τὴν γειτονίαν, Diog. L. VII. 81) ein Schüler des berühmten Stoikers Chrysippus. Lehrer der Stoischen Philosophie zu Athen. Im J. 156 v. Chr. wurde er als Gesandter mit dem Akademiker Karneades und dem Peripatetiker Kritolaus nach Rom geschickt, wo er philosophische Vorträge hielt. Cicer. Tusc. IV. 3, 5., das Greisenalter genöthigt in ihren geistigen Beschäftigungen zu verstummen? War nicht bei allen diesen Männern ihre wissenschaftliche Thätigkeit von gleicher Dauer mit ihrem Leben?

24. Nun denn, um diese herrlichen Wissenschaften zu übergehen, ich kann aus dem Sabinischen GebieteCato hatte im Sadinischen Gebiete sein Landgut. S. Kap. 14 §. 46. Corn. Nep. Cat. 1, 1. Römische Landleute, die meine Nachbarn und Freunde sind, nennen, in deren Abwesenheit fast nie auf dem Felde wichtige Arbeiten vorgenommen werden, nicht beim Aussäen, nicht beim Ernten, nicht beim Aufspeichern der Früchte. Indeß darf man sich bei anderen Geschäften weniger verwundern; denn Niemand ist so alt, daß er nicht noch ein Jahr zu leben gedächte; aber eben diese Menschen mühen sich mit solchen Dingen ab, von welchen sie wissen, daß sie ihnen gar keinen Vortheil gewähren.

Er pflanzet Bäume für ein künftiges Geschlecht,

wie unser StatiusCäcilius Statius aus Mailand, Lateinischer Lustspieldichter, Freund des Ennius, gest. 170 v. Chr. Er hat viele Griechische Lustspiele frei in's Lateinische übersetzt. Wir haben nur noch einzelne Bruchstücke von denselben übrig. S. Fragm. Comic. v. Bothe. Eines seiner Stücke führte die Aufschrift Synepheben (συνέφηβοι) d. i. Jugendfreunde, welches er nach dem gleichnamigen Stücke des Griechischen Lustspieldichters Menander bearbeitet hatte. in den Synepheben sagt. 25. Und wahrlich, der Landmann, mag er noch so alt sein, kann auf die Frage, für wen er pflanze, ohne Bedenken antworten: »Für die unsterblichen Götter, welche gewollt haben, daß ich diese Güter nicht nur von meinen Vorfahren empfange, sondern auch meinen Nachkommen überliefere.«

VIII. Und diese Aeußerung des Cäcilius über den Greis, welcher auch für das künftige Geschlecht sorgt, ist besser als folgende desselben Dichters:

Fürwahr, o Alter, brächt'st du sonst kein Ungemach
Mit dir, wenn du dich nahst; das Eine ist genug:
Wer lange lebt, steht Vieles, was er nicht begehrt.

Und vielleicht auch Vieles, was er begehrt. Und in das, was das Greisenalter nicht will, geräth oft auch das Jünglingsalter. Noch fehlerhafter ist folgende Aeußerung desselben Cäcilius:

Dann acht' ich das im Alter für das Traurigste,
Zu fühlen, daß man Anderen beschwerlich ist.

26. Nein, angenehm vielmehr als beschwerlich! Denn sowie verständige Greise an Jünglingen von guten Anlagen Wohlgefallen finden, und ihr Alter erleichtert wird, wenn sie sich von der Jugend geehrt und geachtet sehen: so freuen sich auch Jünglinge an den Lehren der Greise, durch welche sie zu tugendhaften Bestrebungen angeleitet werden, und ich fühle, daß ich euch nicht minder angenehm bin, als ihr mir.

Doch ihr seht, wie das Greisenalter nicht nur nicht schlaff und unthätig ist, sondern vielmehr arbeitsam und immer Etwas betreibt und unternimmt, natürlich Etwas von der Art, wie eines Jeden Beschäftigung in seinem früheren Leben war. Ja, es gibt Greise, welche auch noch Etwas hinzu lernen. So sehen wir, daß sich SolonSolon, der berühmte Gesetzgeber der Athener (um 590 v. Chr.), war zugleich elegischer Dichter. Der hier erwähnte Ausspruch desselben findet sich bei Plutarch. Solon. c. 31: γηράσκω δ' αιεὶ πολλὰ διδασκόμενος. in seinen Versen rühmt, indem er sagt, er werde unter täglichem Hinzulernen alt. Ein Gleiches habe ich gethan; denn ich habe mich noch als Greis mit der Griechischen Literatur bekannt gemacht, und ich ergriff sie so gierig, als ob ich einen langwierigen Durst zu stillen wünschte, und so sind mir gerade die Dinge bekannt geworden, die ihr mich jetzt als Beispiele anführen seht. Da ich hörte, Sokrates habe es mit dem SaitenspieleCicer. ad Famil. IX. 22, 3: Socratem fidibus docuit nobilissimus fidicen.  ls Connus vocitatus est. Vgl. Platon. Menex. p. 235, E. so gemacht, so wünschte ich allerdings dieses auch; denn die Alten lernten das Saitenspiel, indeß habe ich mich wenigstens mit den Wissenschaften fleißig beschäftigt.

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