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Cäsar Birotteaus Größe und Niedergang

Honoré de Balzac: Cäsar Birotteaus Größe und Niedergang - Kapitel 8
Quellenangabe
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typefiction
authorHonoré de Balzac
titleCäsar Birotteaus Größe und Niedergang
publisherDiogenes
isbn3257204604
translatorHugo Kaatz
correctorreuters@abc.de
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Herr Grindot, der vor vier Jahren den Grand Prix der Architektur davongetragen hatte, war eben aus Rom, nach dreijährigem Aufenthalt auf Staatskosten, zurückgekehrt. In Italien hatte der junge Künstler nur an die Kunst gedacht, jetzt, in Paris, dachte er daran, wie er zu Vermögen kommen könne. Die Regierung allein ist in der Lage, einem Architekten, der durch einen Monumentalbau berühmt werden will, die erforderlichen Millionen zuzuweisen; wenn man aus Rom kommt, hält man sich natürlich für einen Fontaine oder Percier, und deshalb sucht jeder ehrgeizige Architekt Fühlung mit dem Ministerium zu bekommen; der als Liberaler nach Rom Geschickte war Royalist geworden und versuchte nun, die Protektion einflußreicher Leute zu erlangen. Wenn ein »Grand Prix« so handelt, dann nennen ihn seine Kameraden einen Intriganten. Der junge Architekt sah hier zwei Wege vor sich: er konnte den Parfümhändler ohne Übervorteilung bedienen, oder ihn ausbeuten. Aber Birotteau war Beigeordneter, Birotteau war der künftige Besitzer der Hälfte der Terrains an der Madeleinekirche, wo früher oder später ein schönes Stadtviertel gebaut werden würde, er mußte also schonend behandelt werden. Grindot opferte daher den momentanen Gewinn den Vorteilen der Zukunft. Er hörte geduldig den Plänen, dem Geschwätz und den Vorschlägen dieses Mitgliedes der Bourgeoisie zu, die die ständige Zielscheibe des Spottes und Witzes der Künstler, der ewige Gegenstand ihrer Verachtung war, und folgte der Gedankenentwicklung des Parfümhändlers mit beifälligem Kopfnicken. Dann als dieser alles breit auseinandergesetzt hatte, versuchte der junge Architekt, ihm seinen Plan kurz zusammenzufassen.

»Sie haben an der Straßenfront drei Fenster und das Fenster, das nur die Treppe und den Treppenabsatz erhellt. Zu diesen vier Fenstern wollen Sie die beiden des Nachbarhauses, die das gleiche Niveau haben, hinzunehmen und durch Verschieben der Treppe für die ganze Wohnung nach der Straße hin eine Zimmerflucht herstellen.«

»Sie haben mich vollkommen verstanden«, sagte der erstaunte Parfümhändler.

»Wenn man Ihren Plan ausführen will, muß man für die neue Treppe das Licht von oben her beschaffen und unter dem Sockel eine Portierloge aussparen.«

»Einen Sockel? . . .«

»Ja, das ist die Unterlage . . .«

»Ich verstehe, Herr Grindot.«

»Was Ihre Wohnung anlangt, so lassen Sie mir mit der Einteilung und Ausstattung freie Hand. Ich will, daß sie würdig . . .«

»Würdig! Sie haben das richtige Wort ausgesprochen, Herr Grindot.«

»Und wieviel Zeit gewähren Sie mir für diese Ausstattung?«

»Drei Wochen.«

»Und welchen Betrag wollen Sie den Arbeitern in den Rachen werfen?« fragte Grindot.

»Ja, wie teuer wird mir denn die ganze Ausführung zu stehen kommen?«

»Bei einem Neubau kann ein Architekt die Kosten bis auf einen Centime ausrechnen,« erwiderte der junge Mann; »aber da ich mich nicht darauf verstehe, einen Bourgeois hineinzulegen . . . (Verzeihung, Herr Birotteau, das Wort ist mir so entschlüpft . . .), so muß ich Ihnen sagen, daß es bei Reparatur- und Flickarbeiten unmöglich ist, die Kosten vorher zu fixieren. Ich könnte kaum in acht Tagen annähernd einen Anschlag machen. Schenken Sie mir Vertrauen: Sie sollen eine wunderhübsche Treppe mit Oberlicht bekommen, ein nettes Vestibül nach der Straße zu, und unter dem Sockel . . .«

»Immer dieser Sockel . . .«

»Beunruhigen Sie sich nicht, es wird sich ein Platz für die Portierloge finden. Die Herrichtung Ihrer Wohnräume wird mit liebevoller Sorgfalt überlegt und ausgeführt werden. Ja, Herr Birotteau, mir geht es um die Kunst und nicht ums Geld! Ist es nicht am wichtigsten für mich, daß man von mir redet, wenn ich etwas erreichen will? Und das beste Mittel dazu ist, daß man nicht mit den Lieferanten unter einer Decke steckt und mit wenig Aufwand Schönes erzielt.«

»Bei solchen Grundsätzen, junger Mann,« sagte Birotteau mit Protektormiene, »werden Sie in die Höhe kommen.«

»Schließen Sie also«, fuhr Grindot fort, »mit den Maurern, Malern, Zimmerleuten und Tischlern direkt ab. Ich übernehme es, ihre Rechnungen zu prüfen. Gewähren Sie mir nur ein Honorar von zweitausend Franken, das wird wohlangelegtes Geld sein. Übergeben Sie mir die Räume morgen mittag und bezeichnen Sie mir Ihre Arbeiter.«

»Und wie hoch kann die Ausgabe sich annähernd belaufen?« sagte Birotteau.

»Auf zehn- bis zwölftausend Franken,« erwiderte Grindot. »Nicht gerechnet das Mobiliar, das Sie doch zweifellos erneuern werden. Geben Sie mir die Adresse Ihres Tapezierers, ich muß mich mit ihm wegen der zu wählenden Farben verständigen, damit das Ganze sich einheitlich und geschmackvoll präsentiert.«

»Herr Braschon, Rue Saint-Antoine, empfängt meine Aufträge«, sagte der Parfümhändler mit der Würde eines Herzogs.

Der Architekt schrieb sich die Adresse in eins jener kleinen Notizbüchelchen, die immer das Geschenk einer hübschen Frau sind.

»Also ich verlasse mich auf Sie, Herr Grindot«, sagte Birotteau. »Warten Sie nur noch so lange, bis ich die Mietszession wegen der beiden Nachbarzimmer erledigt und die Erlaubnis zum Durchbrechen der Mauer erhalten habe.«

»Schreiben Sie mir darüber heute abend ein paar Zeilen«, sagte der Architekt. »Heute nacht werde ich die Pläne entwerfen, wir arbeiten doch noch lieber für die Bourgeois als pour le roi de Prusse, das heißt für uns. Ich werde jedenfalls schon die Maße nehmen und die Höhe, die Dimensionen der Bilder und die Entfernungen zwischen den Fenstern feststellen . . .«

»Aber wir müssen an dem festgesetzten Tage fertig sein,« begann Birotteau wieder, »sonst kann nichts daraus werden.«

»Es wird eben sein müssen«, sagte der Architekt. »Es wird nachts gearbeitet werden, wir werden den Anstrich künstlich trocknen; lassen Sie sich nur nicht von den Unternehmern übervorteilen, machen Sie die Preise vorher ab, und überzeugen Sie sich, daß sie innegehalten werden.«

»Paris ist doch der einzige Ort in der Welt, wo man solch eine Sache wie mit dem Zauberstabe ins Leben rufen kann,« sagte Birotteau mit einer asiatischen Geste wie in ›Tausend und einer Nacht‹. »Sie werden mir die Ehre erweisen, zu meinem Ball zu kommen, Herr Grindot. Nicht alle genialen Menschen teilen die Mißachtung, mit der man den Handelsstand überhäuft; Sie werden da sicher einen Gelehrten erster Klasse, Herrn Vauquelin von der Akademie, finden; ferner Herrn von Billardière, den Herrn Grafen von Fontaine, Herrn Lebas, den Richter und Präsidenten des Handelsgerichts; von höheren Beamten den Herrn Grafen von Grandville vom obersten Gerichtshof, Herrn Popinot vom Gericht erster Instanz, Herrn Camusot vom Handelsgericht und Herrn Cardot, seinen Schwiegervater . . . und endlich, vielleicht, den Herrn Herzog von Lenoncourt, den ersten Kammerherrn des Königs. Ich habe meine Freunde eingeladen, einmal . . . um die Räumung des Landes zu feiern . . . dann wegen . . . meiner Ernennung zum Ritter der Ehrenlegion . . .« – Grindot machte eine eigenartige Gebärde. – »Vielleicht . . . habe ich mich dieser . . . Auszeichnung und der . . . allerhöchsten Gnade würdig gezeigt . . . als Mitglied des Handelsgerichts und als Kämpfer für die Bourbonen auf den Stufen von Saint-Roch, wo ich am 13. Vendémiaire von Napoleon verwundet wurde. Diese Verdienste . . .«

In diesem Augenblick kam Konstanze im Morgenrock aus Cäsarinens Schlafzimmer, wo sie sich angekleidet hatte; ihr erster Blick auf Cäsar brachte den Redefluß ihres Mannes sofort zum Stillstand, der nun nach einer einfacheren Wendung suchte, um seinem Nächsten seine Bedeutung in bescheidener Weise klarzumachen.

»Da bist du ja, mein Herz, das hier ist Herr von Grindot, ein ausgezeichneter junger Mann und ein hervorragender Künstler. Der Herr ist der Architekt, den uns Herr von Billardière für die Ausführung unsrer ›kleinen‹ Umänderungen hier empfohlen hat.«

Der Parfümhändler versteckte sich bei diesen Worten hinter seiner Frau und machte dem Architekten ein Zeichen, indem er bei dem Worte »klein« den Finger auf den Mund legte, was der Künstler verstand.

»Konstanze, der Herr will jetzt die Maße der Räume nehmen, laß ihn das machen, meine Liebe«, sagte Birotteau und drückte sich auf die Straße.

»Wird das denn sehr teuer werden?« sagte Konstanze zu dem Architekten.

»Nein, gnädige Frau, sechstausend Franken, so ungefähr . . .«

»So ungefähr!« rief Frau Birotteau aus. »Ich bitte Sie, lieber Herr, fangen Sie nicht an, bevor nicht ein Anschlag und eine unterzeichnete feste Abmachung vorliegen. Ich kenne die Art der Unternehmer; sechstausend, das will heißen: zwanzigtausend. Wir sind nicht in der Lage, unsinnige Ausgaben machen zu können. Ich bitte Sie, lassen Sie meinem Manne, der ja natürlich darüber zu bestimmen hat, Zeit zum Überlegen.«

»Gnädige Frau, der Herr Beigeordnete hat mir aufgegeben, die Räume binnen drei Wochen fertigzustellen; wenn wir jetzt zögern, so werden Sie Ausgaben haben, ohne ein Resultat zu erzielen.«

»Zwischen Ausgaben und Ausgaben ist ein Unterschied«, sagte die schöne Frau.

»Glauben Sie denn, gnädige Frau, daß es für einen Architekten, der Monumentalbauten errichten möchte, sehr verlockend ist, eine Privatwohnung auszustatten? Ich befasse mich mit solcher Kleinigkeit nur, um Herrn von Billardière gefällig zu sein. Aber wenn Sie fürchten, daß ich . . .«

Er machte Miene, sich zu entfernen.

»Also bitte, Herr Grindot«, sagte Konstanze, ging in ihr Zimmer zurück und warf sich Cäsarine an die Brust. »Ach, mein Kind, dein Vater ruiniert uns! Er hat sich einen Architekten genommen, einen Menschen mit einem Schnurrbart und einer Fliege, der davon redet, daß er Monumente errichten will! Er wird uns das Haus zu den Fenstern hinauswerfen und uns einen Louvre herbauen. Wenn es sich um eine Torheit handelt, dann ist Cäsar immer dabei; heute nacht erst hat er mir von dem Projekt erzählt, und heute früh fängt er schon mit der Ausführung an.«

»Ach, Mama, laß den Papa doch machen, der liebe Gott hat ihm doch immer geholfen«, sagte Cäsarine, küßte ihre Mutter und setzte sich an das Klavier, um dem Architekten zu zeigen, daß auch der Tochter eines Parfümhändlers die schönen Künste nicht fremd sind.

Als der Architekt das Schlafzimmer betrat, war er überrascht von der Schönheit Cäsarines und stand beinahe verblüfft still. Cäsarine war aus ihrem Zimmerchen im Morgenrock gekommen, so frisch und rosig, wie ein junges Mädchen mit achtzehn Jahren frisch und rosig ist, blond und schlank, mit blauen Augen zeigte sie dem Auge des Künstlers jene in Paris so seltene Elastizität, die das zarteste Fleisch schwellen läßt und jene von den Malern bewunderte Farbennuance, wenn das blaue Adernetz durch die Weiße des Teints hindurch scheint. Obgleich sie in der blutleer machenden Atmosphäre eines Pariser Ladens lebte, in den so wenig frische Luft kommt und die Sonne so selten hineinscheint, hatten ihre Lebensgewohnheiten ihr dasselbe Aussehen gegeben, wie einer Trasteverinerin in Rom das Leben im Freien. Überreiches Haar, dessen Ansatz dem ihres Vaters glich und das so aufgenommen war, daß der schön geschwungene Hals frei blieb, fiel in sorgsam gepflegten Locken herab, wie bei allen Ladenverkäuferinnen, die sich durch den Wunsch, bemerkt zu werden, in bezug auf ihre Toilette eine ganz englische Sorgsamkeit angewöhnt haben. Die Schönheit des jungen Mädchens war weder die Schönheit einer Lady, noch die einer französischen Herzogin, sondern die rundliche, rotbäckige Schönheit der Rubensschen Flamländerinnen. Cäsarine hatte die Stumpfnase ihres Vaters, aber vergeistigt durch die Feinheit der Form, ähnlich jenen charakteristischen französischen Nasen, deren Wiedergabe Largillière so gut gelungen ist. Ihre Haut, voll und stark wie ein Stoff, bezeugte ihre jungfräuliche Lebenskraft. Sie hatte die schöne Stirn ihrer Mutter, aber verklärt durch den Frohsinn eines sorglosen Mädchens. Ihre blauen, feucht schimmernden Augen hatten den Ausdruck der liebenswürdigen Anmut einer glücklichen Blondine. Wenn auch das Gefühl des Glücks ihrem Antlitz den poetischen Anhauch versagte, den die Maler durchaus ihren Schöpfungen verleihen wollen, indem sie sie ein wenig zu nachdenklich darstellen, so gab ihr doch der leichte Ausdruck von Melancholie, wie ihn junge Mädchen, die noch niemals sich aus der Hut der mütterlichen Fittiche hervorgewagt haben, zeigen, einen idealen Reiz. Trotz der Feinheit ihrer Formen war sie kräftig gebaut; ihre Füße verrieten die bäuerliche Herkunft ihres Vaters, und sie bewies den Mangel an Rasse auch wohl durch ihre roten Hände, wie sie ein einfaches bürgerliches Leben zur Folge hat. Früher oder später mußte sie dick werden. Da sie unter der Kundschaft verschiedene elegante Damen gut beobachtet hatte, gelang es ihr schließlich, ein feineres Gefühl für gute Kleidung, gewisse Ausdrücke auf ihrem Gesicht, eine besondere Art, zu sprechen und sich zu bewegen, sich anzueignen, so daß sie wie eine feine Dame erschien und allen jungen Leuten wie den Kommis, denen sie besonders distinguiert vorkam, den Kopf verdrehte. Popinot hatte sich gelobt, nie eine andere als Cäsarine zu heiraten. Diese zarte Blondine, die schon ein Blick zu verwirren schien, und die bei einem Wort des Vorwurfs in Tränen ausbrechen konnte, konnte ihn allein seine männliche Überlegenheit empfinden lassen. Dieses reizende Mädchen konnte eine solche Liebe einflößen, daß keine Zeit blieb, zu prüfen, ob sie auch Geist genug besäße, um einer solchen Liebe Dauer zu verleihen; aber wozu soll das, was man in Paris »Geist« nennt, einer Gesellschaftsklasse dienen, deren Glück im wesentlichen auf gesundem Menschenverstand und tugendhaftem Lebenswandel beruht? In geistiger Beziehung war Cäsarine das durch die hinzugekommene Erziehung etwas verbesserte Ebenbild ihrer Mutter: sie liebte die Musik, zeichnete die Madonna della Sedia in schwarzer Kreide, las die Bücher der Damen Cottin und Riccoboni, und Bernardin de Saint-Pierre, Fénelon, Racine. Sie hielt sich bei ihrer Mutter im Kontor nur kurz bevor man zu Tisch ging auf, oder um sie ausnahmsweise zu vertreten. Vater und Mutter gefielen sich, wie alle diese Parvenus, die sich beeifern, die Undankbarkeit ihrer Kinder großzuziehen, darin, Cäsarine zu vergöttern, die glücklicherweise soviel von bürgerlicher Tugend besaß, daß sie diese Schwäche nicht mißbrauchte.

Frau Birotteau verfolgte den Architekten mit unruhigen und bekümmerten Blicken, indem sie mit Schrecken ihre Tochter auf die merkwürdigen Bewegungen des Zollstocks, dieses Spazierstocks der Architekten und Unternehmer, mit denen Grindot seine Maße nahm, hinwies. Dieser Zauberstab schien ihr ein verhängnisvolles Aussehen von übler Vorbedeutung zu besitzen, sie hätte die Mauern weniger hoch, die Zimmer weniger groß gewünscht, aber sie wagte nicht, den jungen Mann zu befragen, was bei dieser Zauberei herauskommen würde.

»Seien Sie ganz beruhigt, gnädige Frau, ich nehme nichts mit«, sagte der Künstler lächelnd.

Cäsarine mußte mitlachen.

»Lieber Herr,« sagte Konstanze, ohne den Scherz des Architekten zu verstehen, mit flehender Stimme, »seien Sie recht sparsam, wir werden Sie später schon dafür entschädigen . . .«

Bevor er zu Molineux, dem Eigentümer des Nachbarhauses sich begab, wollte Cäsar noch den Privatvertrag über die Mietsabtretung, den Alexander Crottat ihm hatte aufsetzen sollen, abholen. Beim Fortgehen bemerkte Birotteau am Fenster von Roguins Arbeitszimmer du Tillet. Obgleich das Verhältnis seines früheren Kommis mit der Frau des Notars die Anwesenheit du Tillets zu der Stunde, in der die Terrainverträge unterzeichnet werden sollten, nicht auffallend erscheinen ließ, fühlte sich Birotteau, trotz seines unbegrenzten Vertrauens, beunruhigt. Du Tillets lebhaftes Benehmen ließ auf eine Diskussion schließen. »Sollte er auch seine Finger in der Sache haben?« fragte er sich, indem die kaufmännische Vorsicht sich bei ihm geltend machte. Ein Verdacht durchzuckte ihn wie ein Blitz. Als er sich umwandte, erblickte er Frau Roguin, und nun erschien ihm die Anwesenheit des Bankiers nicht mehr so verdächtig. – Trotzdem fragte er sich: »Sollte Konstanze doch recht haben? Aber was bin ich töricht, auf Weibergedanken einzugehen! Ich werde übrigens noch heute früh mit dem Onkel reden. Von dem Holländischen Hof, wo dieser Herr Molineux wohnt, nach der Rue des Bourdonnais ist es ja nur ein Katzensprung.«

Ein mißtrauischer Beobachter, ein Kaufmann, der in seiner Laufbahn schon auf etliche Betrüger gestoßen ist, wäre gerettet gewesen; aber Birotteaus Vergangenheit, seine Unfähigkeit zu Induktionsschlüssen, durch die ein überlegener Mann zu den Gründen gelangt, alles dies schlug zu seinem Verderben aus. Er traf den Schirmhändler bereits in Besuchstoilette und wollte mit ihm zu dem Hauseigentümer gehen, als Virginia, seine Köchin, ihn am Arme festhielt.

»Herr Birotteau, die gnädige Frau will nicht, daß Sie weggehen . . .«

»Was denn,« rief Birotteau aus, »wieder diese Weiberideen!«

». . . ohne daß Sie Ihren Kaffee getrunken haben, der auf Sie wartet.«

»Ach so, ja richtig. Lieber Nachbar,« sagte Birotteau zu Cayron, »ich habe so viel im Kopf, daß ich gar nicht an meinen Magen denke. Tun Sie mir den Gefallen und gehen Sie voraus, wir treffen uns vor der Tür des Herrn Molineux, oder vielleicht gehen Sie hinauf und setzen ihm die Sache auseinander, dann würden wir noch weniger Zeit verlieren.«

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