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Cäsar Birotteaus Größe und Niedergang

Honoré de Balzac: Cäsar Birotteaus Größe und Niedergang - Kapitel 4
Quellenangabe
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typefiction
authorHonoré de Balzac
titleCäsar Birotteaus Größe und Niedergang
publisherDiogenes
isbn3257204604
translatorHugo Kaatz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Konstanze verzichtete glattweg auf die Brillanten, von denen sie, wie alle Ladenmädchen, zuweilen geträumt hatte, sie wollte eine anständige Frau und eine gute Hausmutter sein und hatte vom Leben die gewissenhafte Auffassung der Mittelklassen. Und diese Anschauung paßte auch viel besser zu ihr, als die gefährlichen Einbildungen, die die Phantasie so vieler junger Pariserinnen verführen. Von beschränkter Intelligenz, war Konstanze der Typus der kleinen Bourgeoise, deren Tun sich nicht ohne etwas Launenhaftigkeit vollzieht, die erst verweigert, was sie selbst wünscht, und dann böse ist, wenn man sie beim Wort nimmt, deren geräuschvolle Tätigkeit sich auf die Küche und auf die Kasse erstreckt, auf die schwerwiegendsten Angelegenheiten und darauf, Ausbesserungen der Wäsche nicht sichtbar werden zu lassen, die liebt und dabei schilt, nur die einfachsten Gedanken, das geistige Kleingeld, begreift, die über alles urteilt, sich vor allem fürchtet, alles berechnet und immer an die Zukunft denkt. Ihr schönes kühles aber ehrliches Gesicht, ihr herzliches Wesen, ihre Frische ließen Birotteau keinen ihrer Mängel empfinden, die übrigens durch die den Frauen eigene feine Rechtschaffenheit, durch ungewöhnliche Ordnungsliebe, durch fanatischen Fleiß und eine geniale Begabung als Verkäuferin wettgemacht wurden. Konstanze war damals achtzehn Jahre alt und besaß elftausend Franken. Cäsar, dessen Ehrgeiz die Liebe aufs äußerste anstachelte, kaufte die Rosenkönigin und verlegte den Laden in die Nähe des Vendômeplatzes, in ein hübsches Haus. Erst einundzwanzig Jahre alt, mit einer angebeteten Frau verheiratet, Besitzer eines Geschäfts, dessen Preis er zu drei Vierteln bezahlt hatte, sah er und mußte er in eine rosige Zukunft sehen, besonders wenn er an den Weg dachte, den er seit dem Verlassen der Heimat zurückgelegt hatte. Roguin, Ragons Notar, der den Ehekontrakt aufgesetzt hatte, gab dem neuen Parfümerieinhaber einen klugen Rat, indem er ihn hinderte, den Rest des Kaufpreises mit der Mitgift seiner Frau zu bezahlen.

»Bewahren Sie das Geld lieber für gute Unternehmungen auf, mein Junge«, hatte er zu ihm gesagt. Birotteau sah mit Bewunderung zu dem Notar auf, fragte ihn ferner ständig um Rat und machte ihn zu seinem Freunde. Wie Ragon und Pillerault hatte er ein solches Vertrauen zu einem Notar, daß er ihm ohne jeden Verdacht in alles Einblick gewährte. Dank Roguins Rat hätte Cäsar, im Besitz der elftausend Franken Konstanzes für neue Geschäfte, seine Aussichten nicht gegen die des ersten Konsuls eingetauscht, wie glänzend auch Napoleons Zukunft zu sein schien. Zuerst hielt sich Birotteau nur eine Köchin, bezog den über seinem Laden gelegenen Zwischenstock, eine Art von Rumpelkammer, die von einem Tapezierer ziemlich hübsch instand gesetzt wurde und in dem für das junge Paar ein dauernder Honigmond begann. Im Kontor erschien Frau Konstanze wie ein Wunder. Ihre berühmt gewordene Schönheit war von außerordentlichem Einfluß auf den Verkauf, und unter den jungen Elegants der Empirezeit war fortwährend die Rede von der schönen Frau Birotteau. Wenn Cäsar auch royalistischer Gesinnungen beschuldigt wurde, so erkannte man doch seine Rechtschaffenheit an, und wenn etliche benachbarte Kaufleute ihn auch um sein Glück beneideten, so hielt man ihn doch dessen für würdig. Die Verwundung, die er auf den Stufen von Saint-Roch erhalten hatte, verlieh ihm den Nimbus eines in die politischen Geheimnisse eingeweihten und eines tapferen Mannes, obwohl er weder irgend welchen militärischen Mut im Herzen, noch irgendeine politische Idee im Gehirn besaß. Auf dieser Basis wählten ihn die rechtschaffenen Leute des Arrondissements zum Kapitän der Nationalgarde; er wurde aber von Napoleon kassiert, der nach Birotteaus Ansicht ihm ihr Renkontre im Vendémiaire noch nachtrug. Cäsar wurde so um billigen Preis vom Glanze des Verfolgten umgeben, was ihn in den Augen der Opposition interessant machte und ihn eine gewisse Bedeutung gewinnen ließ.

Betrachten wir nun, wie das Schicksal dieses Ehepaars weiter verlief, dessen Gefühl gegenseitiger Zuneigung nicht nachließ, und das höchstens durch kaufmännische Sorgen beunruhigt wurde.

Im Verlauf des ersten Jahres weihte Cäsar Birotteau seine Frau in den Verkauf und die Einzelheiten der Parfümerien ein, wofür sie ein ausgezeichnetes Verständnis bewies; sie schien geschaffen und in die Welt gesetzt zu sein, um Kunden zu bedienen. Aber am Ende dieses Jahres war der ehrgeizige Parfümhändler entsetzt über die Bilanz; nach Abzug aller Kosten würde er in zwanzig Jahren kaum das bescheidene Kapital von hunderttausend Franken, das er sich als Ziel gesetzt hatte, erspart haben können. Er beschloß daher, schneller zu Vermögen zu kommen, und wollte zunächst die Fabrikation mit dem Detailgeschäft verbinden. Gegen den Rat seiner Frau mietete er einen Schuppen und etwas Terrain im Faubourg du Temple und ließ darauf mit großen Buchstaben malen: Fabrik von Cäsar Birotteau. Er mietete sich in Grasse einen Arbeiter aus, mit dem er zu gleichen Anteilen die Fabrikation von Seifen, Essenzen und Kölnischem Wasser begann. Aber die Sozietät mit diesem Arbeiter dauerte nur sechs Monate und endete mit Verlust, den er allein zu tragen hatte. Ohne sich entmutigen zu lassen, wollte Birotteau um jeden Preis zu einem Erfolge kommen, einzig deshalb, weil er nicht von seiner Frau gescholten werden wollte, der er später gestand, daß ihm in dieser Zeit der Verzweiflung der Kopf wie ein Schlot rauchte, und daß er mehrmals, wenn ihn nicht seine religiöse Überzeugung gehindert hätte, in Versuchung war, sich in die Seine zu stürzen. Niedergeschlagen über mehrere ergebnislose Versuche, ging er eines Tages langsam die Boulevards entlang nach Hause zum Essen, denn der Pariser Flaneur ist ebenso häufig ein verzweifelter wie ein müßiger Mensch. Da wurden seine Blicke unter etlichen Büchern zu sechs Sous, die in einem Korbe auf der Erde lagen, von einem staubvergilbten Titel gefesselt: »Abdeker, oder die Kunst, die Schönheit zu erhalten.« Er nahm das angeblich arabische Buch auf, eine Art Roman von einem Arzt des vorigen Jahrhunderts, und stieß auf eine Seite, wo von Parfüms die Rede war. Er durchblätterte das Buch, an einen Boulevardbaum gelehnt, und las eine Stelle, wo der Autor das Wesen der Unter- und der Oberhaut erklärt und zeigt, welche Paste oder Seife eine häufig der Erwartung entgegengesetzte Wirkung hervorbringt, wenn die Paste und die Seife die Haut zusammenziehen, die entspannt gehalten sein will, oder die Haut entspannen, die nach Zusammenziehen verlangt. Birotteau kaufte das Buch, von dem er ein Vermögen erhoffte. Da er trotzdem seiner Erleuchtung nicht traute, begab er sich zu einem berühmten Chemiker, Vauquelin, von dem er ganz naiv das Rezept erbat, um ein Kosmetikum mit zwiefacher Wirkung, das den verschiedenen Spielarten der menschlichen Epidermis Rechnung trug, herzustellen. Die wahren Gelehrten, die Männer, die wirklich groß sind in dem Sinne, daß ihnen bei Lebzeiten der Ruhm, den ihre ungekannten außergewöhnlichen Arbeiten verdient hätten, niemals zuteil wird, sind fast alle dienstwillig und freundlich gegen die geistig Armen. Vauquelin gewährte also dem Parfümhändler seine Protektion, gestattete ihm, sich Erfinder einer Paste, die die Weiße der Hände erzielt, zu nennen, und gab ihm deren Zusammensetzung an. Birotteau nannte sie Doppelpaste der Sultaninnen. Um die Sache vollkommen zu machen, wendete er das Verfahren der Paste für die Hände auf ein Wasser für den Teint an, das er Eau Carminative nannte. Bei dem weiteren Vorgehen machte er sich das Prinzip des Petit-Matelot zu eigen und entwickelte, als erster unter den Parfümhändlern, jenen Luxus von Plakaten, Annoncen und andern Reklamen, die man vielleicht mit Unrecht Charlatanerie nennt.

Die Sultaninnenpaste und das Eau Carminative wandten sich an die gesamte galante und kommerzielle Welt mit bunten Plakaten, an deren Kopf die Worte standen: »Approbiert von der Akademie der Wissenschaften!« Diese zum erstenmal gebrauchte Formel hatte eine magische Wirkung. Nicht nur Frankreich, der ganze Kontinent wurde mit gelben, roten, blauen Plakaten von dem Beherrscher der Rosenkönigin bepflastert, der alles, was hier in Frage kam, bereit hielt, lieferte und fabrizierte. Zu einer Zeit, da man von nichts als vom Orient redete, ein Schönheitsmittel Sultaninnenpaste nennen und die magische Wirkung dieser Worte in einem Lande ahnen, wo jeder Mann ebensosehr ein Sultan, wie jede Frau eine Sultanin zu sein wünscht, das war eine Eingebung, die einem gewöhnlichen wie einem geistvollen Manne zuteil werden kann; aber da das Publikum immer nach dem Erfolge urteilt, galt Birotteau um so mehr für einen, kaufmännisch gesprochen, hervorragenden Menschen, als er selbst einen Prospekt verfaßte, dessen alberner Stil ein wesentliches Moment seines Erfolges wurde; in Frankreich lacht man nur über Dinge und Menschen, mit denen man sich beschäftigt, und niemand beschäftigt sich mit etwas, das keinen Erfolg hat. Obwohl Birotteaus Albernheit nicht gemacht war, sprach man ihm doch die Fähigkeit zu, sich gegebenenfalls dumm stellen zu können. Nicht ohne Mühe ist es gelungen, ein Exemplar dieses Prospekts im Hause Popinot & Co., Drogisten, Rue des Lombards, aufzufinden. Dieses amüsante Stück gehört im weiteren Sinne zu denen, die die Historiker »Quellendokumente« nennen. Es lautet so:

Doppelpaste der Sultaninnen
und Eau Carminative.
Von Cäsar Birotteau.
Wunderbare Erfindung.
Approbiert von der
Akademie der Wissenschaften.

Seit langer Zeit wird eine Paste für die Hand- und eine Essenz für die Gesichtspflege, die eine bessere Wirkung als das Kölnische Wasser erzielen, allgemein von den Damen und Herren Europas gewünscht. Der als Parfümlieferant in Paris und im Auslande vorteilhaft bekannte Herr Birotteau hat nun viele schlaflose Nächte dem Studium der Unter- und Oberhaut beider Geschlechter gewidmet, die nicht ohne Grund das größte Gewicht auf die Zartheit, die Geschmeidigkeit, den Glanz und die Weichheit der Haut legen, und hat eine Paste und eine Essenz erfunden, die mit Recht von der eleganten männlichen und weiblichen Welt von Paris gleich nach ihrem Erscheinen als wunderbar bezeichnet wurden. In der Tat besitzen diese Paste und diese Essenz erstaunliche Wirkungen auf die Haut und zwar ohne die Gefahr frühzeitiger Runzeln, was bei den bis auf diesen Tag unbedachterweise angewandten, von profitgierigen Ignoranten erfundenen Drogen unvermeidlich war. Diese Erfindung stützt sich auf die Unterscheidung der Temperamente, denen entsprechend für die zwei Hauptgruppen die Paste und die Essenz in zwei Farben hergestellt sind, und zwar sind die rosafarbenen für die Ober- und Unterhaut der Personen von lymphatischer Konstitution, die weißen für solche von sanguinischem Temperament bestimmt.

Diese Paste nennt sich Sultaninnenpaste, weil ihre Erfindung schon für das Serail von einem arabischen Arzte gemacht wurde. Sie ist von der Akademie approbiert worden, nachdem unser berühmter Chemiker Vauquelin seinen Bericht erstattet hatte, ebenso wie die Essenz, die nach den gleichen Prinzipien hergestellt ist, die bei der Zusammensetzung der Paste maßgebend waren.

Diese kostbare Paste, die den süßesten Duft ausströmt, macht die widerspenstigsten Sommersprossen verblassen, läßt die härteste Haut weich werden und das Schwitzen der Hände, über das die Damen nicht weniger als die Herren klagen, verschwinden.

Das Eau Carminative beseitigt den leichten Ausschlag, der zu gewissen Zeiten unversehens die Damen befällt und ihre Ballprojekte stört; es erfrischt und belebt die Haut, indem es je nach dem Temperament die Poren öffnet; es ist bereits als Mittel gegen das Altern so bekannt geworden, daß viele Damen aus Dankbarkeit es »das Schönheitswasser« genannt haben.

Das Kölnische Wasser ist, kurz gesagt, ein gewöhnliches Parfüm ohne jede spezifische Wirkung, während die Doppelpaste der Sultaninnen und das Eau Carminative zwei Kompositionen sind, die eine eingreifende aber ungefährliche Wirkung auf die innerlichen Vorgänge ausüben, indem sie sie unterstützen; ihr ganz besonders balsamischer Duft und ihr anregender Hauch erfrischen in wunderbarer Weise Herz und Kopf, schmeicheln den Gedanken und regen sie an; sie sind ebenso erstaunlich durch ihre Bedeutung wie durch ihre Einfachheit; sie bringen, mit einem Wort, den Frauen einen neuen Reiz und den Männern ein Mittel der Verführung.

Der tägliche Gebrauch der Essenz verhindert das Brennen der Haut nach dem Rasieren; er verhindert das Aufspringen der Lippen und erhält sie rot; er vernichtet, natürlich bei längerer Anwendung, die Sommersprossen und gibt schließlich der Haut ihre Farbe wieder. Diese Eigenschaften bewirken beim Manne ein vollkommenes seelisches Gleichgewicht und befreien diejenigen, die an Migräne leiden, von dieser fürchterlichen Krankheit. Schließlich kann das Eau Carminative von den Damen bei der Toilette in jeder Weise gebraucht werden; es bewahrt vor allen Hautleiden, ohne daß es die Transpiration des Gewebes hindert, und erhält es dauernd in sammetartiger Weichheit.

Man wende sich, mit Freimarke, an Herrn Cäsar Birotteau, Nachfolger von Ragon, ehemaligem Hoflieferanten der Königin Marie-Antoinette, in der Rosenkönigin, Rue Saint-Honoré, Paris, nahe dem Vendômeplatz.

Der Preis des Stückes Paste beträgt drei Franken, der der Flasche sechs Franken.

Herr Birotteau benachrichtigt, um Nachahmungen zu verhüten, das verehrliche Publikum, daß die Paste eine Papierhülle mit seiner Unterschrift hat, und daß die Flaschen eine in das Glas eingepreßte Marke tragen.

Den Erfolg hatte Cäsar, ohne daß er es ahnte, Konstanze zu verdanken, die ihm riet, das Eau Carminative und die Sultaninnenpaste in Kisten an alle Parfümhändler Frankreichs und des Auslandes zu versenden und ihnen einen Rabatt von dreißig Prozent zu bewilligen, wenn sie die beiden Artikel grosweise nehmen wollten. Paste und Essenz waren in der Tat mehr wert als die andern derartigen Schönheitsmittel und verlockten die Unwissenden durch die Unterscheidung zwischen den Temperamenten; die fünfhundert französischen Parfümhändler, angelockt durch den Rabatt, kauften ein jeder bei Birotteau jährlich mehr als dreihundert Gros der Paste und der Essenz, was ihm an den Artikeln selbst nur einen bescheidenen Gewinn ließ, der aber durch die Quantität doch sehr groß war. Cäsar war daher imstande, die Schuppen und Terrains im Faubourg du Temple zu erwerben, dort große Fabrikräume zu erbauen und den Laden der Rosenkönigin prächtig auszustatten; das Ehepaar genoß nun das bescheidene Glück eines größeren Wohlstandes und Konstanze zitterte nicht mehr so sehr.

Im Jahre 1810 sah Frau Birotteau eine Steigerung der Mieten sich anbahnen und riet ihrem Mann, Hauptmieter des Hauses, in dem sie den Laden und das Zwischengeschoß inne hatten, zu werden und ihre Wohnung in das erste Stockwerk zu verlegen. Ein glücklicher Umstand veranlaßte Konstanze, sich die großen Ausgaben, die Birotteau für sie bei der Einrichtung der Wohnung machte, gefallen zu lassen. Der Parfümhändler war eben zum Handelsrichter ernannt worden. Er verdankte diese Ehrenstellung seiner Rechtschaffenheit, seinem anerkannten Takt und dem Ansehen, das er genoß, und gehörte nun zu den Notabeln unter den Pariser Kaufleuten. Um seine Kenntnisse zu vermehren, stand er früh um fünf Uhr auf und las juristische Repertorien und Bücher über Handelsstreitigkeiten. Sein Rechtsgefühl, seine Lauterkeit, seine wohlwollende Gesinnung, diese wesentlichen Vorbedingungen für eine gerechte Entscheidung der schwierigen Fälle, die dem Spruch der Handelsgerichte unterliegen, machten ihn zu einem der geachtetsten Richter. Selbst seine Mängel nützten seiner Reputation. Da er empfand, daß er ein unbedeutender Kopf war, ordnete Cäsar willig seine Einsicht der seiner Kollegen unter, die sich geschmeichelt fühlten, wenn er ihnen so aufmerksam zuhörte; die einen bemühten sich um die stillschweigende Zustimmung eines Mannes, den sie, weil er zuzuhören verstand, für einen tiefen Geist hielten; die andern rühmten ihn, weil sie sich über seine Bescheidenheit und seine Liebenswürdigkeit freuten. Die Parteien lobten sein Wohlwollen und seine versöhnende Art, und oft wurde er bei Streitigkeiten zum Schiedsrichter gewählt, wobei ihn sein gesunder Menschenverstand wie einen Kadi urteilen ließ. Während der Dauer seiner Amtstätigkeit verstand er, sich eine Ausdrucksweise anzueignen, die voller Gemeinplätze, durchsetzt mit Grundsätzen und Urteilen, die in wohlabgerundeten Phrasen vorgebracht wurden, war, und die von oberflächlichen Leuten für Beredsamkeit angesehen wurde. Er gefiel so der naturgemäß mittelmäßigen Mehrzahl, die für immer zu alltäglicher Tätigkeit und Anschauung verdammt ist. Aber Cäsar verlor bei dem Gericht so viel Zeit, daß seine Frau ihn schließlich nötigte, auf diese kostspielige Ehre zu verzichten.

Um 1813 begann für das Ehepaar, dank ihrer beständigen Einigkeit und dem weiteren guten Fortschreiten auf ihrem Lebenswege, eine Ära des Wohlstandes, den nichts mehr erschüttern zu können schien. Herr und Frau Ragon, ihre Vorgänger, ihr Onkel Pillerault, der Notar Roguin, die Matifats, Drogisten in der Rue des Lombards und Lieferanten der Rosenkönigin, Joseph Lebas, Tuchhändler und Nachfolger von Guillaume in der »Ballspielenden Katze«, eine Leuchte der Rue Saint-Denis, der Richter Popinot, Frau Ragons Bruder, Chiffreville, vom Hause Protez & Chiffreville, Herr und Frau Cochin, Angestellter beim Schatzamt und Kommanditäre des Hauses Matifat, der Abbé Loraux, der Beichtvater dieser Gesellschaft, und einige andere Personen bildeten ihren Freundeskreis. Trotz seiner royalistischen Gesinnung urteilte die öffentliche Meinung günstig über Birotteau, der auch für sehr reich galt, obwohl er nur hunderttausend Franken außer seinem Geschäft besaß. Seine regulären Geschäfte, seine Pünktlichkeit, sein Prinzip, nie etwas schuldig zu bleiben und niemals Wechsel zu eskomptieren, dagegen aber Sicherheiten von solchen anzunehmen, denen er damit hilfreich sein konnte, seine Gefälligkeit – all das verschaffte ihm einen außerordentlichen Kredit. Er hatte übrigens in der Tat viel Geld verdient; aber seine Bauten und die Fabrik hatten viel davon verschlungen. Auch kostete ihm sein Haushalt annähernd zwanzigtausend Franken jährlich. Schließlich erforderte die Erziehung Cäsarines, der einzigen, von Konstanze und ihm in gleicher Weise angebeteten Tochter, starke Ausgaben. Weder er noch seine Frau sahen auf das Geld, wenn es sich darum handelte, ihrer Tochter, von der sie sich nicht hatten trennen wollen, ein Vergnügen zu bereiten. Man stelle sich die Freude dieses armen, heraufgekommenen Bauernsohns vor, wenn er seine süße Cäsarine eine Sonate von Steibelt auf dem Klavier spielen, oder eine Romanze singen hörte; wenn er sah, wie sie korrekt Französisch schrieb und wenn er sie bewunderte, wie sie Racine, den Älteren und den Jüngeren, las und ihm deren Schönheiten erklärte, und wie sie eine Landschaft zeichnete oder ein Blatt in Sepia malte! Was für ein Glücksgefühl, wenn er sich in einer so schönen, so reinen Blüte wieder aufleben sah, die sich noch nicht von der mütterlichen Hut getrennt hatte, kurz, in einem Engel, dessen aufkeimende Reize und Entwicklung mit leidenschaftlichem Anteil beobachtet wurden, einer einzigen Tochter, die nie daran dachte, ihren Vater gering zu achten oder sich über seinen Mangel an Bildung lustig zu machen, so sehr war sie eine echte Jungfrau. Als er nach Paris kam, konnte Cäsar lesen, schreiben und rechnen, aber damit war seine Bildung zu Ende, sein arbeitsames Leben hatte ihm nicht gestattet, Gedanken und Kenntnisse, die in keiner Beziehung zum Parfümeriegeschäft standen, sich anzueignen. In ständigem Verkehr mit Leuten, denen Wissenschaften und Literatur gleichgültig waren, und deren Bildung sich nur auf Spezialgebiete erstreckte, und da er keine Zeit hatte, sich mit höheren Studien zu befassen, wurde er ein Mann der Praxis. Er nahm notwendigerweise die Sprache, die Irrtümer, die Ansichten der Pariser Bourgeoisie an, die Molière, Voltaire und Rousseau auf ihren Namen hin bewundert, die ihre Werke kauft, sie aber nicht liest; die behauptet, man müsse ormoire sagen, weil die Frauen in diesem Möbel ihr »Gold« und ihre Kleider aufbewahrten, die früher fast immer aus »Mohair« gemacht waren, und daß armoire ein korrumpiertes Wort sei. Potier, Talma, die Mars seien zehnfache Millionäre und lebten nicht so wie andere menschliche Wesen; der große Schauspieler äße rohes Fleisch, die Mars genösse zuweilen aufgelöste Perlen, um es einer berühmten ägyptischen Schauspielerin gleichzutun. Der Kaiser habe in seinen Westen lederne Taschen, um seinen Tabak gleich handvoll zu sich nehmen zu können, er reite im Galopp die Treppe der Orangerie in Versailles hinauf. Die Schriftsteller und Künstler stürben im Hospital infolge ihrer Absonderlichkeiten; sie seien übrigens alle Atheisten und man müsse sich sehr hüten, sie bei sich zu empfangen. Joseph Lebas erzählte mit Entsetzen die Geschichte der Ehe seiner Schwägerin Augustine mit dem Maler Sommervieux. Die Astronomen lebten von Spinnen. Diese Höhepunkte ihrer Kenntnisse in der französischen Sprache, der dramatischen Kunst, der Politik, der Literatur, der Wissenschaften lassen den Umfang dieser bourgeoisen Intelligenzen erkennen. Wenn ein Dichter durch die Rue des Lombards geht, so kann er, wenn er Wohlgerüche wahrnimmt, von Asien träumen. Er bewundert Tänzerinnen in einer Wirtschaft und meint den Duft des Vetivergrases einzuatmen. Geblendet von dem Glanz der Cochenille, glaubt er darin Dichtungen der Brahmanen, indische Religionen und Kasten wiederzufinden. Wenn er rohes Elfenbein sieht, so steigt er in Gedanken auf den Rücken eines Elephanten, in ein Zelt von Musselin und pflegt darin der Liebe wie der König von Lahore. Aber der kleine Kaufmann hat keine Ahnung, woher die Produkte, mit denen er handelt, kommen, noch wo sie wachsen. Der Parfümhändler Birotteau verstand nicht ein Jota von Naturgeschichte und Chemie. Wenn er Vauquelin für einen großen Mann hielt, so betrachtete er ihn als eine Ausnahme; er selbst stand auf der Höhe jenes ehemaligen Krämers, der eine Diskussion über den Bezug des Tees damit schloß, daß er mit schlauer Miene sagte: »Der Tee kommt entweder mit der Karawane oder aus Le Havre.« Nach Birotteaus Meinung gab es Aloe und Opium nur in der Rue des Lombards. Das angebliche Konstantinopeler Rosenwasser würde wie das Kölnische Wasser in Paris fabriziert. Die Ursprungsnamen seien Aufschneidereien den Franzosen zu Gefallen, die die Erzeugnisse ihres Landes nicht haben wollten. Ein französischer Kaufmann müsse seine Erfindungen als englische bezeichnen, wenn er sie in Aufnahme bringen wolle, wie ein englischer Drogist die seinigen für französische ausgeben müsse. Trotzdem war Cäsar durchaus nicht dumm oder töricht; seine Rechtschaffenheit und Herzensgüte warfen ihren Schimmer über ihn, der alles, was er tat, respektabel erscheinen ließ; wer immer als redlicher Mann handelt, dem wird jede Unwissenheit verziehen. Sein beständiger Erfolg erfüllte ihn mit Zuversicht. In Paris gilt eine solche Selbstsicherheit schon als eine Macht, weil man sie als ein Zeichen von Macht ansieht. Nachdem sie Cäsar in den ersten drei Jahren ihrer Ehe genau kennengelernt hatte, war seine Frau das Opfer beständiger Ängste; sie repräsentierte in diesem Bunde den scharfsinnigen und vorsichtigen Teil, den Zweifel, die Opposition, die Furcht; während Cäsar die Kühnheit, den Ehrgeiz, die Tat und das höchste Glück, das Herausfordern des Schicksals, verkörperte. Trotz dieses äußeren Anscheins aber zitterte der Kaufmann innerlich, während seine Frau in Wahrheit Geduld und Mut besaß. So gelang es diesem kleinmütigen, mittelmäßigen, ungebildeten Manne ohne eigene Gedanken, ohne Kenntnisse, ohne ausgeprägten Charakter, auf dem schlüpfrigsten Platze der Welt, wo er am wenigsten Aussicht auf Erfolg hatte, durch sein kluges Benehmen, durch sein Rechtsgefühl, seine wahrhaft christliche Seelengüte und durch die Liebe zu der einzigen Frau, die er jemals besessen hatte, für einen bemerkenswerten, mutigen und klug überlegenden Mann zu gelten. Die Menschen urteilen nur nach dem Erfolge. Außer Pillerault und dem Richter Popinot waren die Mitglieder seines Kreises, die ihn nur oberflächlich sahen, nicht fähig, ihn richtig zu beurteilen. Übrigens redeten die zwanzig bis dreißig Freunde, die unter sich verkehrten, dieselben Albernheiten, sie wiederholten dieselben Gemeinplätze und hielten sich alle für überlegene Leute in ihrem Fache. Die Frauen bestrebten sich, mit guten Diners und Toiletten hervorzustechen; eine jede von ihnen hielt sich für verpflichtet, verächtlich von ihrem Mann zu reden. Nur Frau Birotteau hatte soviel Takt, den ihrigen vor den andern mit Achtung und Respekt zu behandeln; sie sah in ihm den Mann, der trotz seiner versteckten Unfähigkeit ihr Vermögen verdient hatte und dessen Ansehen sie teilte. Aber sie fragte sich manchmal, wie die Gesellschaft beschaffen sein müsse, wenn alle angeblich hervorragenden Persönlichkeiten ihrem Manne glichen. Ihr Benehmen trug nicht wenig dazu bei, die respektvolle Achtung aufrecht zu halten, die man dem Kaufmann in einem Lande entgegenbrachte, wo die Frauen meist geneigt sind, ihre Männer zu verachten und sich über sie zu beklagen.

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