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Cäsar Birotteaus Größe und Niedergang

Honoré de Balzac: Cäsar Birotteaus Größe und Niedergang - Kapitel 30
Quellenangabe
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typefiction
authorHonoré de Balzac
titleCäsar Birotteaus Größe und Niedergang
publisherDiogenes
isbn3257204604
translatorHugo Kaatz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Popinot schickte zur Bank, um den Scheck einzukassieren, und ging hinauf, um mit Frau Birotteau zu reden; aber er fand sie nicht an der Kasse, sie war sicher in ihrem Zimmer. Anselm und Konstanze lebten zusammen wie eine Schwiegermutter mit ihrem Schwiegersohn, wenn Schwiegermutter und Schwiegersohn zueinander passen; er begab sich daher in Frau Konstanzes Zimmer mit dem natürlichen Ungestüm eines Liebenden, der der Erfüllung seiner Wünsche nahe ist. Aber der junge Kaufmann war aufs äußerste erstaunt, als er seine zukünftige Schwiegermutter, zu der er mit einem Sprunge hereingekommen war, beim Lesen eines Briefes du Tillets antraf, denn Anselm hatte die Handschrift des ehemaligen ersten Kommis Birotteaus erkannt. Eine angezündete Kerze, die schwarzen herumfliegenden Aschenreste verbrannter Briefe auf dem Fußboden ließen Popinot erzittern, der mit seinen scharfen Augen, ohne es zu wollen, am Anfang des Briefes, den seine Schwiegermutter in der Hand hielt, die Worte gelesen hatte:

»Ich bete Sie an! Sie wissen es, Engel meines Lebens, und warum . . .«

»Was für Einfluß auf du Tillet besitzen Sie denn, daß Sie ihn zum Abschluß eines solchen Geschäftes bewegen konnten?« sagte er mit einem gezwungenen Lachen, wie es ein unterdrückter böser Verdacht verursacht.

»Sprechen wir nicht davon«, sagte sie in furchtbarer Aufregung.

»Ja,« erwiderte Popinot keck, »sprechen wir lieber von dem Ende Ihrer Leiden.« Anselm wiegte sich auf den Füßen, ging zum Fenster und trommelte mit den Fingern auf die Scheiben, während er auf den Hof hinabsah. »Nun,« sagte er zu sich, »wenn sie auch du Tillet geliebt haben sollte, warum sollte ich nicht wie ein Ehrenmann handeln?«

»Was ist Ihnen denn, mein Kind?« fragte die arme Frau.

»Der Reingewinn an dem Huile Céphalique beträgt zweihundertzweiundvierzigtausend Franken, die Hälfte also hunderteinundzwanzig«, sagte Popinot kurz. »Ziehe ich von dieser Summe die achtundvierzigtausend Franken ab, die ich Herrn Birotteau gegeben habe, dann bleiben noch dreiundsechzigtausend, so daß zusammen mit den sechzigtausend Franken für die Abtretung des Mietrechts hundertdreiunddreißigtausend Franken uns zur Verfügung stehen.«

Frau Konstanze hörte ihm mit so angstvoller Freude und so heftigem Zittern zu, daß Popinot ihr Herz schlagen zu hören meinte.

»Da ich nun stets Herrn Birotteau als meinen Sozius angesehen habe,« fuhr er fort, »dürfen wir also über diese Summe zur Befriedigung der Gläubiger verfügen. Und wenn wir dazu noch die achtundzwanzigtausend Franken nehmen, die Sie erspart haben und die Onkel Pillerault angelegt hat, so haben wir zusammen hunderteinundsechzigtausend Franken. Der Onkel wird uns nicht ablehnen, Quittung über seine fünfundzwanzigtausend Franken auszustellen. Und keine Macht der Erde kann mich hindern, meinem Schwiegervater, als Vorschuß auf den Gewinn des nächsten Jahres, den für die volle Bezahlung der Gläubiger erforderlichen Betrag zu leihen . . . Und . . . so . . . wird er . . . rehabilitiert sein.«

»Rehabilitiert!« rief Frau Konstanze aus und kniete auf ihrem Stuhle nieder. Sie ließ den Brief fallen, faltete die Hände und betete. »Lieber Anselm,« sagte sie, nachdem sie sich bekreuzigt hatte, »mein teures Kind!« Sie nahm ihn beim Kopfe, küßte ihn auf die Stirn, drückte ihn an ihr Herz und benahm sich wie närrisch. »Cäsarine gehört dir mit Recht, mein Kind wird sehr glücklich werden! Nun wird sie auch das Geschäft verlassen können, wo sie sich tot arbeitet.«

»Aus Liebe«, sagte Popinot.

»Ja«, erwiderte die Mutter lächelnd.

»Ich will Ihnen ein kleines Geheimnis anvertrauen«, sagte Popinot, der immer noch auf den fatalen Brief hinschielte. »Ich habe Cölestin eine Beihilfe gewährt, um ihm den Ankauf Ihres Geschäftes zu erleichtern, aber ich habe eine Bedingung daran geknüpft. Ihre Wohnung ist noch in dem Zustande, in dem Sie sie verlassen haben. Ich hatte da einen Plan, aber ich ahnte nicht, daß uns der Zufall dabei so zu Hilfe kommen würde. Cölestin hat sich verpflichtet, Ihnen Ihre alte Wohnung, in die er keinen Fuß gesetzt hat und deren gesamtes Mobiliar Ihnen gehört, unterzuvermieten. Mir habe ich den zweiten Stock reserviert, um dort mit Cäsarine zu wohnen, die Sie niemals verlassen soll. Nach unserer Hochzeit werde ich hier von acht Uhr morgens bis sechs Uhr abends arbeiten. Um Ihnen wieder ein Vermögen zu schaffen, werde ich Herrn Cäsars Anteil für hunderttausend Franken erwerben, und Sie werden so mit seinem Gehalt ein Einkommen von zehntausend Franken haben. Können Sie nun nicht zufrieden sein?«

»Sagen Sie mir nichts mehr, Anselm, oder ich werde wahnsinnig.«

Der engelreine Ausdruck Frau Konstanzes, ihr klares Auge, die Unschuld, die auf ihrer schönen Stirn thronte, widerlegten so deutlich die tausend Gedanken, die sich im Gehirn des Liebenden kreuzten, daß er seinem schrecklichen Verdacht ein Ende zu machen beschloß. Ein Fehltritt war mit der Lebensführung und den Grundsätzen von Pilleraults Nichte unvereinbar.

»Teure, angebetete Mutter,« sagte Anselm, »gegen meinen Willen wird meine Seele von einem schrecklichen Verdacht gepeinigt. Wenn Sie mich glücklich machen wollen, so werden Sie ihn sofort zerstreuen.« Dabei hatte Popinot die Hand ausgestreckt und sich des Briefes bemächtigt.

»Ohne es zu wollen,« fuhr er fort, erschreckt von dem Entsetzen, das sich auf Konstanzes Gesicht malte, »habe ich die ersten Worte von du Tillets Brief gelesen. Diese Worte passen so seltsam zu dem Eindruck, unter dem dieser Mann meine tolle Forderung sofort bewilligt hat, daß jeder zu der Auslegung kommen würde, die mir ein böser Geist gegen meinen Willen einflüsterte. Ihr Blick und zwei Worte haben genügt . . .«

»Nicht weiter«, sagte Frau Konstanze, nahm den Brief und verbrannte ihn vor Anselms Augen. »Liebes Kind, ich bin für ein geringes Versehen grausam bestraft worden. Aber Sie sollen alles wissen, Anselm. Ich will nicht, daß der Verdacht, den die Mutter erregt hat, der Tochter schaden könne, und ich kann darüber reden, ohne erröten zu müssen; ich würde auch meinem Manne sagen, was ich Ihnen gestehen will. Du Tillet hat mich verführen wollen, ich habe es sofort meinem Manne mitgeteilt und du Tillet wurde entlassen. Am Tage, an dem ihn mein Mann verabschieden wollte, hat er uns dreitausend Franken gestohlen!«

»Das kann ich mir denken«, sagte Popinot mit einer Betonung, in der sein ganzer Haß zum Ausdruck kam.

»Anselm, Ihre Zukunft, Ihr Glück verlangten dieses Geständnis; aber es muß in Ihrem Herzen begraben sein, wie es in meinem und Cäsars begraben war. Sie werden sich noch an das ›Zanken‹ meines Mannes wegen des Kassenirrtums erinnern. Um einen Prozeß zu vermeiden und diesen Mann nicht unglücklich zu machen, hat Birotteau zweifellos die dreitausend Franken wieder in die Kasse getan, das Geld für diesen Kaschmirschal, den ich deshalb erst drei Jahre später bekommen habe. Daher mein Ausruf. Ach, liebes Kind, ich will Ihnen auch noch mein kindisches Benehmen erklären; du Tillet hatte mir drei Liebesbriefe geschrieben, die ihn so treffend kennzeichneten,« seufzte sie und schlug die Augen nieder, »daß ich sie . . . als eine Seltenheit aufbewahrt habe. Ich habe sie nur einmal gelesen. Aber immerhin war es unklug, sie aufzuheben. Als ich nun du Tillet jetzt wiedersah, mußte ich an sie denken; ich ging hinauf, um sie zu verbrennen, und betrachtete den letzten, als Sie hereintraten . . . das ist alles, mein Lieber.«

Anselm kniete vor ihr nieder und küßte ihre Hand mit einem solchen Ausdruck von Verehrung, daß beiden die Tränen in die Augen traten. Sie hob ihn auf, breitete ihre Arme aus und drückte ihn an ihr Herz.

Dieser Tag sollte ein Freudentag für Cäsar werden. Der Geheimsekretär des Königs, Herr von Vandenesse, suchte ihn im Bureau auf, um mit ihm zu reden. Sie gingen zusammen in den kleinen Hof der Schuldentilgungskasse.

»Herr Birotteau,« sagte der Vicomte von Vandenesse, »Ihre Bemühungen, Ihre Gläubiger zu bezahlen, sind durch einen Zufall zur Kenntnis des Königs gelangt. Seine Majestät, erfreut über eine so seltene Handlungsweise, hat auch erfahren, daß Sie sich nicht für würdig halten, Ihr Kreuz der Ehrenlegion zu tragen, und hat mich beauftragt, Ihnen zu befehlen, den Orden wieder anzulegen. Außerdem wünscht Seine Majestät Ihnen die Erfüllung Ihrer Verpflichtungen zu erleichtern und übermittelt Ihnen diesen Betrag aus ihrer Privatschatulle, wobei sie bedauert, nicht mehr für Sie tun zu können. Dies soll aber tiefes Geheimnis bleiben; Seine Majestät findet es eines Königs nicht würdig, seine Wohltaten öffentlich bekannt zu machen«, sagte der Geheimsekretär und überreichte dem Angestellten sechstausend Franken, der während dieser Ansprache von unaussprechlichen Empfindungen bewegt wurde.

Birotteau vermochte nur unzusammenhängende Worte zu stammeln. Vandenesse verabschiedete sich, indem er ihm lächelnd mit der Hand zuwinkte. Die Grundsätze, nach denen der arme Cäsar handelte, sind eine so seltene Sache in Paris, daß seine Lebensführung unmerklich bewundernde Aufmerksamkeit erregte. Joseph Lebas, der Richter Popinot, Camusot, der Abbé Loraux, Ragon, der Chef des bedeutenden Hauses, in dem Cäsarine tätig war, Lourdois, Herr von Billardière, alle hatten davon erzählt. Die öffentliche Meinung, die schon zu seinen Gunsten umgeschlagen war, erhob ihn jetzt in den Himmel.

»Das ist ein Ehrenmann!« Dieses Wort hatte Cäsar schon mehrmals vernommen, wenn er durch die Straßen ging, und es hatte dieselbe Empfindung bei ihm verursacht, die ein Autor hat, wenn er sagen hört: »Das ist er!« Dieser gute Ruf war ein tödlicher Schlag für du Tillet. Als Cäsar die vom König gesandten Kassenscheine empfing, war sein erster Gedanke, seinen ehemaligen Kommis damit zu bezahlen. Er begab sich nach der Rue de la Chaussée d'Antin und begegnete dem Bankier, der gerade heimkehrte, auf der Treppe.

»Na, ›mein armer‹ Birotteau?« sagte dieser in gönnerhaftem Tone.

»Armer?« rief der Schuldner stolz aus. »Ich halte mich für reich. Ich werde heute abend mein Haupt mit dem stolzen Bewußtsein auf die Kissen legen, daß ich meine Schuld bei Ihnen bezahlt habe.«

Diese von Ehrenhaftigkeit diktierten Worte waren ein schmerzhafter Stich für du Tillet. Trotz des allgemeinen Ansehens, das er genoß, konnte er selbst sich nicht achten; und eine unüberhörbare innere Stimme rief ihm zu: »Dieser Mann handelt erhaben!«

»Sie wollen mich bezahlen? Was für gute Geschäfte haben Sie denn gemacht?«

Überzeugt, daß du Tillet es nicht weiter erzählen würde, sagte der ehemalige Parfümhändler: »Ich werde niemals wieder Geschäfte machen, Herr du Tillet. Keine menschliche Macht konnte vorhersehen, was mir passiert ist. Wer kann wissen, ob ich nicht das Opfer eines andern Roguin werden könnte? Aber mein Verhalten ist dem Könige bekannt geworden, sein gütiges Herz hat sich herabgelassen, Mitleid mit meinen Anstrengungen zu haben, und er hat mich dazu weiter ermutigt, indem er mir soeben eine ziemlich bedeutende Summe zugestellt hat, die . . .«

»Wünschen Sie eine Quittung?« fragte du Tillet, ihn unterbrechend; »wieviel wollen Sie zahlen . . .«

»Alles ohne Abzug, auch die Zinsen, und deshalb will ich Sie bitten, mich zwei Schritte von hier zu Herrn Crottat zu begleiten.«

»Eine notarielle Quittung?«

»Herr du Tillet,« sagte Cäsar, »es ist mir doch nicht verboten, an meine Rehabilitierung zu denken, und dazu sind authentische Unterlagen erforderlich! . . .«

»Also kommen Sie schnell,« sagte du Tillet und ging mit Birotteau hinaus, »es sind ja nur ein paar Schritte. Aber wo nehmen Sie soviel Geld her?«

»Ich nehme es nicht,« sagte Cäsar, »ich erarbeite es mir im Schweiße meines Angesichts.«

»Sie schulden aber der Firma Claparon eine riesige Summe.«

»Ach ja, das ist mein größter Schuldbetrag. Ich fürchte, ich werde vor Kummer darüber zugrunde gehen.«

»Sie werden das niemals bezahlen können« sagte du Tillet hart.

»Er hat recht«, dachte Birotteau.

Als der arme Mann heimkehrte, ging er aus Versehen durch die Rue Saint-Honoré, denn er machte sonst immer einen Umweg, um nicht seinen Laden und die Fenster seiner früheren Wohnung sehen zu müssen. Zum erstenmal seit seinem Sturze erblickte er jetzt dieses Haus wieder, in dem achtzehn glückliche Jahre durch die Nöte dreier Monate weggewischt worden waren.

»Dort meine Tage beschließen zu können, hatte ich so sicher geglaubt«, sagte er sich. Und er beschleunigte seine Schritte, denn er hatte das neue Schild gelesen:

Cölestin Crevel,
Cäsar Birotteaus Nachfolger.

»Ich sehe nicht mehr richtig, war das nicht Cäsarine?« rief er aus, da er einen blonden Kopf am Fenster bemerkt hatte.

Er hatte in der Tat seine Tochter, seine Frau und Popinot erblickt. Die Liebenden wußten, daß Birotteau niemals an seinem alten Hause vorbeiging. Ahnungslos, daß das doch geschehen könne, waren sie hergekommen, um einige Vorbereitungen für das Fest, das Cäsar zugedacht war, zu treffen. Dieser merkwürdige Anblick setzte Birotteau dermaßen in Erstaunen, daß er wie angewurzelt stehen blieb.

»Da sieht sich Herr Birotteau sein früheres Haus an«, sagte Herr Molineux zu dem Kaufmann, der sein Geschäft gegenüber der Rosenkönigin hatte.

»Der arme Mann«, sagte der frühere Nachbar des Parfümhändlers; »damals hat er einen der großartigsten Bälle gegeben . . . Zweihundert Wagen waren da.«

»Ich war auch da, und drei Monate später hat er Konkurs gemacht,« sagte Molineux, »ich war einer der Syndici.«

Birotteau eilte mit zitternden Beinen weiter zu seinem Onkel Pillerault.

Pillerault, der von dem, was sich in der Rue des Cinq-Diamants ereignet hatte, benachrichtigt war, fürchtete, daß sein Neffe schwerlich die Aufregung, die ihm eine solche Freude wie die seiner Rehabilitierung verursachen würde, aushalten könnte, denn er war täglich Zeuge des Seelenjammers dieses armen Menschen, der immer noch an seinen unbeugsamen Anschauungen über die Kridare festhielt, und an dessen Kräften jeder Tag zehrte. Für Cäsar war seine kaufmännische Ehre wie eine Leiche, für die es den Tag ihrer Auferstehung geben konnte. Diese Hoffnung ließ seinen Kummer nie einschlafen. Pillerault beschloß, seinen Neffen auf die guten Nachrichten langsam vorzubereiten. Als Birotteau bei ihm eintrat, überlegte er gerade, wie er das bewerkstelligen könnte. Es erschien ihm daher die Freude, mit der der Angestellte von dem Interesse, das ihm der König bezeugt hatte, erzählte, ein gutes Vorzeichen, und das Erstaunen über den Anblick Cäsarines in der Rosenkönigin ein vortrefflicher Anlaß zu sein, die Sache zur Sprache zu bringen.

»Weißt du, weshalb du sie dort gesehen hast, Cäsar? Weil Popinot mit der Hochzeit nicht länger warten will. Du hast nicht das Recht, um deiner übertriebenen Ansichten über kaufmännische Redlichkeit willen die Jugend deiner Tochter hinschwinden zu lassen bei trockenem Brot mit dem Duft eines guten Diners in der Nase. Popinot will dir das Geld zur völligen Bezahlung deiner Gläubiger geben.«

»Er will sich also seine Frau kaufen«, sagte Birotteau.

»Ist das etwa nicht ehrenhaft gehandelt, wenn er seinen Schwiegervater rehabilitiert sehen will?«

»Außerdem würde das Anlaß zu Differenzen geben. Übrigens . . .«

»Übrigens«, sagte der Onkel und stellte sich zornig, »hast du wohl das Recht, dich aufzuopfern, aber nicht deine Tochter.«

Es entspann sich eine lebhafte Diskussion, die Pillerault absichtlich noch heftiger gestaltete.

»So,« rief Pillerault, »und wenn Popinot dir nichts leiht, sondern dich als seinen Sozius ansieht, wenn er das Geld für deine Gläubiger als einen Vorschuß auf deinen Gewinnanteil betrachtet, um dich nicht zu schädigen . . .«

»So würde es aussehen, als ob ich im Einverständnis mit ihm meine Gläubiger betrogen hätte.«

Pillerault tat jetzt so, als ob er sich durch dieses Bedenken für geschlagen hielt. Er kannte das menschliche Herz genügend, um zu wissen, daß der ehrenhafte Mann bei Nacht in bezug auf diesen Punkt mit sich selbst kämpfen, und daß dieser innere Streit ihn an den Gedanken der Rehabilitierung gewöhnen würde.

»Aber wieso«, sagte er, als sie bei Tisch waren, »sind meine Frau und meine Tochter in meiner alten Wohnung gewesen?«

»Anselm will sie für sich und Cäsarine mieten. Deine Frau stimmt ihm zu. Sie haben, ohne es dir zu sagen, ihr Aufgebot bestellt, um deine Einwilligung zu erzwingen. Popinot behauptet, es wäre seiner weniger würdig, wenn er Cäsarine erst nach deiner Rehabilitierung heiratete. Die sechstausend Franken vom Könige nimmst du an, aber von deiner Familie willst du nichts annehmen! Wenn ich dir nun eine Quittung geben wollte, daß ich alles erhalten habe, würdest du das auch ablehnen?«

»Nein,« sagte Cäsar, »aber das würde mich nicht abhalten, weiter zu sparen, um Sie, trotz der Quittung, zu bezahlen.«

»Alles das sind Spitzfindigkeiten,« sagte Pillerault, »im Punkte der Ehrenhaftigkeit denke ich doch wohl selber strenge genug. Was hast du eben für eine Dummheit gesagt? Du würdest deine Gläubiger betrügen, wenn du sie vollständig bezahltest?«

Cäsar sah Pillerault prüfend an, und Pillerault war gerührt, da er zum erstenmal seit drei Jahren ein volles Lächeln das bekümmerte Antlitz seines armen Neffen beleben sah.

»Es ist wahr,« sagte er, »sie würden bezahlt sein. Aber das heißt doch, meine Tochter verkaufen!«

»Und ich will auch erkauft sein«, rief Cäsarine, die mit Popinot hereingetreten war.

Die beiden Liebenden hatten die letzten Worte des Gesprächs mit angehört, als sie leise, gefolgt von Frau Birotteau, durch das Vorzimmer der kleinen Wohnung des Onkels gekommen waren. Alle drei waren bei den noch zu bezahlenden Gläubigern herumgefahren, um sie auf den Abend zu Alexander Crottat zu bestellen, wo die Quittungen vorbereitet waren. Die kraftvolle Logik des verliebten Popinot siegte über Cäsars Skrupel, der sich immer noch als Schuldner bezeichnete und behauptete, mit solchen neuen Geschichten würde das Gesetz umgangen. Und er ließ seine Gewissensbedenken erst fahren, als Popinot ausrief: »Sie wollen also Ihre Tochter töten?«

»Ich, meine Tochter töten?!« sagte Cäsar perplex.

»Ich bin doch berechtigt,« sagte Popinot, »eine Schenkung unter Lebenden an Sie in der Höhe des Betrages zu machen, den Sie nach meiner ehrlichen Überzeugung bei mir gut haben. Würden Sie mir das ablehnen?«

»Nein«, sagte Cäsar.

»Also dann gehen wir heute abend zu Alexander Crottat, und damit das auch gleich erledigt wird, werden wir gleichzeitig unsern Ehekontrakt dort aufsetzen lassen.«

Der Antrag auf Rehabilitation und alle dazu erforderlichen Unterlagen wurden von Derville dem Generalstaatsanwalt beim Obergericht unterbreitet. Während des Monats, den die erforderlichen Formalitäten und das Aufgebot Cäsarines und Anselms in Anspruch nahmen, befand sich Birotteau in fieberhafter Erregung. Er lebte in ewiger Unruhe, er fürchtete, den Tag nicht mehr erleben zu können, an dem das Urteil gesprochen werden würde. Er beklagte sich über Herzklopfen, ohne daß ein Grund dafür vorläge, und über dumpfe Schmerzen in diesem Organ, das von den schmerzlichen Aufregungen und jetzt von dieser überschwenglichen Freude abgenutzt und überanstrengt war. Rehabilitationsurteile sind bei dem Obergericht von Paris eine so seltene Sache, daß alle zehn Jahre kaum eins gefällt wird. Für diejenigen, die die Gesellschaftsordnung ernst nehmen, hat das Gerichtsverfahren eine gewisse Größe und Bedeutung. Die Institutionen hängen völlig von dem Gefühl ab, das die Menschen in bezug auf sie beseelt, und von der Bedeutung, die sie ihnen beilegen. Wenn das Volk daher, wenn schon keine Religion, aber auch keinen Glauben mehr hat, wenn bei der Erziehung von Anfang an jedes erhaltende Band gelöst wird, indem man das Kind daran gewöhnt, alles rücksichtslos zu zerfasern, dann befindet sich eine Nation im Zustande der Auflösung, denn sie hängt nur noch durch die gemeine Fessel der materiellen Interessen zusammen und durch die Vorschriften des Götzendienstes, den der wohlverstandene Egoismus geschaffen hat. Erfüllt von religiösen Anschauungen, nahm Birotteau die Justiz als das, was sie in den Augen aller Menschen sein sollte, als die Verkörperung der Gesellschaft selbst, als den erhabenen Ausdruck des anerkannten Gesetzes, unabhängig von der Form, in der sie auftritt; je älter, gebrechlicher und weißhaariger der Beamte ist, desto feierlicher ist die Ausübung seines erhabenen Amtes, das ein so tiefgehendes Studium der Menschen und der Dinge verlangt, das das Herz schweigen heißt und es verhärtet gegen jede Berücksichtigung irgendwelcher privater Interessen. Sie werden selten, die Menschen, die nicht ohne Erregung die Treppe zum Obergerichtshof im alten Justizpalast hinaufsteigen, aber der ehemalige Kaufmann war einer von diesen Menschen. Wenige haben die majestätische Feierlichkeit dieser Treppe beachtet, die so wirkungsvoll angelegt ist; sie liegt oben in dem äußeren Peristyl, der den Hof ziert, und ihre Tür befindet sich mitten in einer Galerie, die von der riesigen Vorhalle bis zur Sainte-Chapelle führt, den beiden Monumentalbauten, die alles neben sich unbedeutend erscheinen lassen. Die Kirche des heiligen Ludwig ist eine der imposantesten Baulichkeiten von Paris, und ihr Zugang am Ende dieser Galerie hat gewissermaßen etwas Düsteres und Romantisches. Die große Vorhalle dagegen liegt in vollem Lichte da, und es ist schwer, hier nicht an Frankreichs Geschichte zu denken, die mit dieser Halle so eng verbunden ist. Die Treppe an sich macht einen grandiosen Eindruck, weil sie von den beiden Bauten, so gewaltig sie sind, doch nicht erdrückt wird. Auch wird die Seele wohl bewegt angesichts des Platzes, auf den man durch das Gitter des Palastes blickt, und wo einst die Urteile vollzogen wurden. Die Treppe mündet auf einen riesigen Raum, die Vorhalle des Saales, in dem die Sitzungen des obersten Gerichtshofs abgehalten werden. Man kann sich also denken, wie erregt der Kridar, auf den diese Umgebung schon an sich einen gewaltigen Eindruck machte, war, als er, umgeben von seinen Freunden, sich zu der Sitzung hinauf begab; es waren Lebas, zur Zeit der Präsident des Handelsgerichts, Camusot, sein Konkursverwalter, Ragon, sein früherer Prinzipal, und der Abbé Loraux, sein Beichtvater. Eine Bemerkung des frommen Priesters über diese weltliche Pracht machte sie in den Augen Cäsars noch eindrucksvoller. Pillerault hatte sich, als praktischer Philosoph, vorgenommen, die Freude seines Neffen jetzt noch höher zu steigern, damit nachher die Überraschungen des geplanten Festes nicht zu gefährlich auf ihn einwirkten. Deshalb erschienen, als der ehemalige Kaufmann sich eben angekleidet hatte, seine wahren Freunde bei ihm und bestanden auf der Ehre, ihn bis zu den Schranken des Gerichtshofs zu begleiten. Dieses Ehrengeleit bereitete dem braven Manne eine solche Befriedigung, daß er in die erforderliche begeisterte Stimmung versetzt wurde, um dem imposanten Schauspiel der Gerichtssitzung gewachsen zu sein. Birotteau fand auch noch andere Freunde zugegen, als er den feierlichen Sitzungssaal betrat, in dem ein Dutzend Räte am Gerichtstisch saßen.

Nach dem Aufruf der Sache begründete Birotteaus Anwalt mit wenigen Worten seinen Antrag. Jetzt erhob sich der Generalstaatsanwalt, dem der erste Präsident das Wort erteilt hatte, um seine Ausführungen zu machen. Im Namen der Staatsanwaltschaft stellte er, als Vertreter der Staatsautorität, selbst den Antrag, Birotteau seine kaufmännische Ehre, die er nur verpfändet hatte, wieder zuzusprechen; das war die einzig zulässige Formel, denn als Verurteilter hätte er nur begnadigt werden können. Wer ein Herz hat, kann sich vorstellen, von welchen Gefühlen Birotteau bewegt wurde, als er Herrn von Grandville seine Rede halten hörte, die kurz folgendes besagte:

»Meine Herren Richter,« sagte der berühmte Beamte, »am 16. Januar 1820 wurde Birotteau durch Spruch des Seine-Handelsgerichts für in Konkurs geraten erklärt. Sein Fallissement ist weder durch waghalsige Geschäfte, noch durch falsche Spekulationen, noch durch irgendeinen andern Grund, der seine Ehre beflecken könnte, verursacht worden. Wir empfinden das Bedürfnis, öffentlich zu verkünden: sein Unglück ist veranlaßt worden durch eine jener Übeltaten, die zum schmerzlichsten Bedauern der Justiz und der Stadt Paris immer wieder vorkommen. Es ist unserm Jahrhundert, in dem noch lange die üble Hefe der sittlichen und geistigen Anschauungen der Revolutionszeit nachgären wird, vorbehalten geblieben, mit anzusehen, wie das Pariser Notariat sich von den glorreichen Traditionen früherer Jahrhunderte loslöst und in wenigen Jahren ebenso viele Konkurse aufweist, wie sich sonst in zweihundert Jahren unter der alten Monarchie ereignet haben. Die Gier nach schnell erworbenem Reichtum hat auch die öffentlichen Funktionäre ergriffen, diese Hüter des allgemeinen Wohlstandes, diese mittelbaren Beamten!«

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