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Cäsar Birotteaus Größe und Niedergang

Honoré de Balzac: Cäsar Birotteaus Größe und Niedergang - Kapitel 26
Quellenangabe
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typefiction
authorHonoré de Balzac
titleCäsar Birotteaus Größe und Niedergang
publisherDiogenes
isbn3257204604
translatorHugo Kaatz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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»Zwanzig Jahre bin ich in einem Traume befangen gewesen, heute bin ich erwacht mit meinem Knüttel in der Hand«, sagte Cäsar, der wieder der alte Bauer aus der Touraine geworden war.

Als er diese Worte vernahm, umarmte Pillerault seinen Neffen. Jetzt bemerkte Cäsar seine Frau, Anselm und Cölestin. Die Papiere, die der erste Kommis in der Hand hielt, sagten alles. Cäsar betrachtete mit ruhigem Gesicht die Gruppe, aus der alle Blicke traurig, aber voller Liebe auf ihn gerichtet waren.

»Einen Augenblick!« sagte er, nahm sein Ordenskreuz ab und reichte es dem Abbé Loraux, »Sie werden es mir wiedergeben, wenn ich es wieder in Ehren tragen darf. Cölestin,« fügte er hinzu, »setzen Sie mein Entlassungsgesuch als Beigeordneter auf. Der Herr Abbé wird Ihnen den Brief diktieren, datieren Sie ihn vom vierzehnten und lassen Sie ihn von Raguet zu Herrn von Billardière bringen.«

Cölestin und der Abbé Loraux gingen hinunter. Eine Viertelstunde lang herrschte tiefes Schweigen in Cäsars Zimmer. Seine Standhaftigkeit überraschte die Familie. Als Cölestin und der Abbé zurückkamen, unterzeichnete Cäsar sein Entlassungsgesuch. Als aber der Onkel Pillerault ihm die Bilanz vorlegte, konnte der arme Mann ein furchtbares nervöses Zusammenzucken nicht unterdrücken.

»Mein Gott, erbarme dich meiner«, sagte er, als er unterschrieb und das Schriftstück Cölestin hinreichte.

»Herr Birotteau,« sagte jetzt Anselm Popinot, und über seine Stirn ergoß sich ein helles Leuchten, »gnädige Frau, erweisen Sie mir die Ehre, mir die Hand Fräulein Cäsarines zu bewilligen.«

Bei diesen Worten füllten sich die Augen aller Anwesenden mit Tränen, nur Cäsars nicht, der sich erhob, Anselms Hand ergriff und mit hohler Stimme zu ihm sagte: »Mein Kind, du wirst niemals die Tochter eines Bankrotteurs heiraten.«

Anselm sah Birotteau scharf an und erwiderte: »Herr Birotteau, wollen Sie mir in Gegenwart Ihrer ganzen Familie versprechen, sofern das Fräulein mich zum Manne haben will, in unsere Heirat einzuwilligen an dem Tage, wo die Bankrotterklärung zurückgenommen sein wird?«

»Ja«, sagte dieser endlich.

Anselm machte eine unmerkliche Bewegung, als wolle er Cäsarines Hand ergreifen; sie reichte sie ihm hin und er küßte sie.

»Auch Sie willigen ein?« fragte er Cäsarine.

»Ja«, sagte sie.

»So gehöre ich also endlich zur Familie und habe ein Recht darauf, mich mit ihren Angelegenheiten zu befassen«, sagte er mit eigenartigem Ausdruck.

Anselm stürzte fort, um seine Freude, die allzusehr mit dem Schmerze seines Prinzipals in Kontrast gestanden hätte, nicht zu zeigen. Anselm war gewiß nicht etwa froh über den Konkurs, aber die Liebe ist so rücksichtslos, so egoistisch! Auch Cäsarine empfand eine Herzenserregung, die mit ihrer bitteren Betrübnis nicht in Einklang stand.

»Da wir einmal so weit sind,« sagte Pillerault leise zu Konstanze, »so wollen wir auch gleich alles ins reine bringen.«

Frau Birotteau ließ einen Laut des Schmerzes, nicht der Zustimmung, hören.

»Lieber Neffe,« sagte Pillerault und wandte sich an Cäsar, »was gedenkst du nun zu tun?«

»Mein Geschäft weiterbetreiben.«

»Ich bin anderer Meinung«, sagte Pillerault. »Liquidiere, verteile die Aktiva an deine Gläubiger und etabliere dich nicht wieder in Paris. Ich habe mich oft in eine Lage wie die deinige versetzt . . . (Oh, im Geschäftsleben soll man auf alles gefaßt sein! Der Kaufmann, der nicht damit rechnet, daß er auch einmal bankrott werden kann, ist wie ein General, der als sicher annimmt, daß er niemals geschlagen werden kann, er ist nur ein halber Kaufmann.) Ich würde niemals das Geschäft weiterführen. Wie? Immer vor den Leuten erröten müssen, die man geschädigt hat, ihre mißtrauischen Blicke, ihre stillen Vorwürfe ertragen! Ich kann auch die Guillotine begreifen! . . . Ein Augenblick, und alles ist vorüber. Aber zu empfinden, wie Einem der Kopf neu wächst und jeden Tag wieder abgeschlagen wird, das ist eine Marter, der ich mich entziehen würde. Gewiß setzen viele Leute ihr Geschäft wieder fort, als ob gar nichts passiert wäre! Um so besser für sie! Dann sind sie widerstandsfähiger als Joseph Pillerault. Kaufst du gegen bar, so sagen sie, du hast etwas hinterzogen; hast du nichts, dann kannst du niemals wieder in die Höhe kommen. Mach ein Ende! Gib ihnen deine Aktiva hin, laß sie dein Geschäft verkaufen und fang etwas anderes an.«

»Aber was?« sagte Cäsar.

»Suche dir doch eine Stellung«, sagte Pillerault. »Du verfügst doch über Protektion! Da sind der Herzog und die Herzogin von Lenoncourt, Frau von Mortsauf, Herr von Vandenesse, schreib ihnen, suche sie auf, sie werden dich schon bei Hofe mit einem Gehalt von etwa tausend Talern unterbringen; deine Frau wird ebensoviel verdienen, deine Tochter vielleicht auch. Deine Lage ist also nicht verzweifelt. Zu dritt könnt ihr etwa zehntausend Franken jährlich zusammenbringen. Dann kannst du in zehn Jahren hunderttausend Franken abzahlen, denn von dem, was ihr verdient, wirst du doch nichts für dich behalten wollen; die beiden Frauen bekommen von mir fünfzehnhundert Franken für ihre persönlichen Ausgaben, und was dich selbst anlangt, so wird sich schon Rat finden.«

Konstanze, aber nicht Cäsar, ließ sich diesen klugen Vorschlag durch den Kopf gehen. Pillerault begab sich zur Börse, die damals in einer provisorischen runden, aus Holz errichteten Halle abgehalten wurde, deren Eingang sich an der Rue Faydeau befand. Der Konkurs des bekannten und beneideten Parfümhändlers, der sich schon herumgesprochen hatte, verursachte allgemeine Aufregung bei den Großhändlern, die damals zur konstitutionellen Partei gehörten. Diese liberalen Kaufleute betrachteten Birotteaus Fest als einen kecken Angriff auf ihre Anschauungen. Die Oppositionellen beanspruchten für sich das Monopol der Popularität. Den König zu lieben, das sollte den Royalisten gestattet sein, aber das Vaterland zu lieben, das war das Privileg der Linken; das Volk gehörte ihr zu eigen. Die Regierung hatte nicht das Recht, durch ihre Organe ein Fest feiern zu lassen aus einem Anlaß, den die Liberalen ausschließlich für sich ausbeuten wollten. Der Sturz eines Schützlings des Hofes, eines Regierungsanhängers, eines unverbesserlichen Royalisten, der am 18. Vendémiaire die Freiheit beschimpft hatte, indem er gegen die glorreiche französische Revolution kämpfte, dieser Sturz wurde mit Freudentänzen und Beifallsbezeugungen von der Börse begrüßt. Pillerault wollte sich eingehend über die herrschenden Ansichten unterrichten. In der lärmendsten Gruppe sah er du Tillet, Gobenheim-Keller, Nucingen, den alten Guillaume und seinen Schwiegersohn Joseph Lebas, Claparon, Gigonnet, Mongenod, Camusot, Gobseck, Adolph Keller, Palma, Chiffreville, Matifat, Grindot und Lourdois.

»Wie vorsichtig man sein muß!« sagte Gobenheim zu du Tillet, »es hat nur an einem Haar gehangen und meine Schwäger hätten Birotteau einen Kredit gewährt!«

»Ich sitze mit zehntausend Franken drin, die er von mir vor vierzehn Tagen entliehen hat, und die ich ihm auf seine bloße Unterschrift gegeben habe«, sagte du Tillet. »Aber er hat mir früher mal einen Dienst erwiesen, ich werde um den Verlust nicht trauern.«

»Er hat es gemacht wie alle andern, Ihr Herr Neffe,« sagte Lourdois zu Pillerault, »er hat Feste gegeben! Daß ein Schwindler Sand in die Augen zu streuen versucht, um das Vertrauen zu erhöhen, das verstehe ich; aber wie kann ein Mann, der zu der Auslese der rechtschaffenen Leute gezählt wurde, zu diesem Köder des alten Charlatanismus greifen, auf den wir immer noch anbeißen!«

»Wie die Blutegel«, sagte Gobseck.

»Man darf nur Leuten trauen, die in solchen Löchern wohnen wie Claparon«, sagte Gigonnet.

»Na,« sagte der dicke Baron von Nucingen zu du Tillet, »Se haben mir wollen spielen 'n Schabernack, daß Se mir haben geschickt den Pirotteau. Ich weiß nich,« fuhr er fort, indem er sich an Gobenheim, den Fabrikanten, wandte, »warum er sich nich hat holen lassen von mir funfzigtausend Franken, ich hätt se ihm gegeben.«

»Ach nein, Herr Baron«, sagte Joseph Lebas. »Sie wußten recht gut, daß die Bank seine Wechsel nicht nehmen wollte, Sie haben sie ja vom Aufsichtsrate zurückweisen lassen. Die Angelegenheit dieses armen Mannes, für den ich immer noch die größte Achtung hege, hängt mit ganz besonderen Umständen zusammen . . .«

Pillerault drückte Joseph Lebas die Hand.

»Es ist in der Tat unmöglich,« sagte Mongenod, »sich zu erklären, wie das gekommen ist, wenn man nicht annimmt, daß hinter Gigonnet Bankleute stecken, die das Terraingeschäft an der Madeleine ruinieren wollen.«

»Es ist ihm gegangen, wie es immer Leuten gehen wird, die aus ihrem eigentlichen Wirkungskreise heraustreten«, unterbrach Claparon Mongenod. »Hätte er sein Huile Céphalique selbst herausgebracht, anstatt sich darauf zu legen, uns die Pariser Terrains zu verteuern, dann hätte er zwar seine hunderttausend Franken bei Roguin eingebüßt, aber er wäre nicht in Konkurs geraten. Er wird jetzt unter Popinots Namen weiter arbeiten.«

»Dann paßt auf Popinot auf«, sagte Gigonnet.

Roguin hieß bei dieser Gesellschaft von Kaufleuten der »unglückliche Roguin«, der Parfümhändler der »arme Birotteau«. Der eine galt als entschuldigt durch eine große Leidenschaft, der andere als der Schuldigere wegen seiner Prätentionen. Von der Börse ging Gigonnet durch die Rue Perrin-Gasselin, bevor er in die Rue Grenélat zurückkehrte, und begab sich zu Frau Madou, der Fruchthändlerin.

»Na, mein dickes Mütterchen,« sagte er mit seiner schrecklichen Leutseligkeit, »wie geht unser kleines Geschäft?«

»Es geht so sachte«, erwiderte Frau Madou respektvoll und bot dem Wucherer ihren einzigen Sessel mit untertäniger Freundlichkeit an, wie sie sie nicht einmal ihrem »teuren Verblichenen« erwiesen hätte.

Mutter Madou, die einen widerspenstigen oder zu unverschämten Fuhrmann zu Boden geworfen hätte, die sich nicht gefürchtet hätte, am 10. Oktober den Sturm auf die Tuilerien mitzumachen, die schließlich auch imstande gewesen wäre, im Namen der Markthallenweiber vor dem Könige das Wort zu führen, Angelika Madou empfing Gigonnet mit dem tiefsten Respekt. In seiner Gegenwart war sie kraftlos, sie zitterte unter seinem stechenden Blick. Die Leute aus dem Volke werden noch lange vor dem Henker zittern, und Gigonnet war der Henker des Handelsstandes. In den Verkaufshallen wird keine Macht höher geachtet als die des Mannes, der den Geldkurs macht. Alle andern menschlichen Einrichtungen bedeuten neben ihm nichts. Selbst die Justiz verwandelt sich hier in den Polizeikommissar, eine Person, mit der man sich anfreundet. Aber der Wucher, der hinter seinen grünen Mappen sitzt, der mit angstvollem Herzen angefleht wird, läßt den Scherz ersterben, preßt die Kehle zu, läßt den stolzen Blick sich senken und macht das Volk ehrerbietig.

»Wünschen Sie etwas von mir?« sagte sie.

»Ach nichts, eine Kleinigkeit; halten Sie sich bereit, Birotteaus Wechsel einzulösen, der gute Mann hat Bankrott gemacht, alles wird einklagbar, ich werde Ihnen morgen die Abrechnung zuschicken.«

Frau Madous Augen zogen sich erst zusammen wie die einer Katze, dann brach eine Flamme aus ihnen hervor.

»Ach, dieser Lump! Ach, dieser Verbrecher! Und da is er selber zu mir gekommen und hat zu mir gesagt, daß er Beigeordneter is, und hat mir was vorgeschwindelt. So geht's Einem beim Geschäft! Auf die Bürgermeister kann man sich nicht mehr verlassen und die Regierung betrügt uns auch. Aber warte, ich wer' mir mein Geld schon verschaffen . . .«

»Na ja, mein gutes Kind, beim Geschäft sieht jeder, wo er bleibt!« sagte Gigonnet und hob seinen Fuß mit einer leichten Bewegung wie eine Katze, die eine schmutzige Stelle passieren will, und der er auch seinen Spitznamen verdankte. »Es gibt kluge Leute, die es verstehen, sich bei so etwas herauszuziehen.«

»Schön, schön! Ich werde mich mit meinen Nüssen auch schon herausziehen. Hanne-Marie! Meine Überschuhe und meinen Hasenfellumhang, aber schnell, oder dir sollen meine fünf Finger auf der Backe brennen.«

»Das wird die ganze Straße in Aufruhr bringen«, sagte Gigonnet zu sich und rieb sich die Hände. »Du Tillet wird zufrieden sein, wenn es Skandal in dem Viertel gibt. Ich weiß nicht, was ihm dieser arme Teufel von Parfümhändler getan hat, mir tut er nicht mehr leid als ein Hund, der sich das Bein gebrochen hat. Das ist kein Mann, der ist nicht imstande, sich durchzusetzen.«

Wie ein Auflauf im Faubourg Saint-Antoine vollzog sich das Erscheinen der Frau Madou um sieben Uhr abends vor der Tür des armen Birotteau, die sie mit wütender Gewalt aufriß, denn der Weg hatte sie noch mehr in Aufregung versetzt.

»Ich muß mein Geld haben, ihr verfluchte Bande, ich will mein Geld haben! Ihr werd' mir mein Geld geben, oder ich nehm' mir die Riechkissen, die seidenen Kinkerlitzchen, die Fächer, und überhaupt Waren für meine zweitausend Franken! Hat man schon mal gesehen, daß die Beigeordneten die Bürgerschaft bestehlen? Wenn ihr mich nicht bezahlt, bring' ich ihn auf die Galeeren, ich geh' zum Staatsanwalt, ich mach die Justiz mobil! Ich geh' hier nich weg ohne Geld!«

Und sie schickte sich an, die Scheiben eines Schrankes zu öffnen, der kostbare Gegenstände enthielt.

»Die Madou packt zu«, sagte Cölestin leise zu seinem Nachbar.

Aber die Händlerin hatte das Wort gehört, denn im Paroxysmus der Leidenschaft werden die Organe schwächer oder schärfer, je nach der Konstitution des Betreffenden – und die derbste Ohrfeige, die je in einem Parfümerieladen ausgeteilt wurde, brannte auf Cölestins Backe.

»Das wird dich lehren, wie man mit Frauen umzugehen hat, mein Engel,« sagte sie, »und daß man nich noch mit dem Namen von denen, die man bestiehlt, Spott treibt.«

»Frau Madou«, sagte Frau Birotteau und kam aus dem hinteren Teil des Ladens nach vorn, wo sich zufällig auch ihr Mann, den der Onkel Pillerault abholen wollte, befand, und der, um dem Gesetz zu genügen, seine Selbstentäußerung soweit trieb, daß er sich verhaften lassen wollte; »um Himmels willen, Frau Madou, rufen Sie doch keinen Auflauf der Passanten hervor.«

»Mögen sie doch reinkommen!« sagte das Weib, »ich wer' ihnen die Sache schon erzählen, eine Geschichte zum Lachen! Oh ja! Meine Ware und meine im Schweiß meines Angesichts zusammengekratzten Taler sind dazu da, damit ihr Bälle gebt. Und Sie, Sie gehn hier rum, angezogen wie die Königin von Frankreich, und die Wolle dazu, die nehmen Sie von armen Lämmern, wie ich eins bin! Jesus! Gestohlenes Gut, das würde mir ja die Schultern verbrennen! Ich hab nur ein Hasenfell auf meinem Leichnam, aber das gehört mir! Gebt mir mein Geld, ihr Briganten, oder . . .«

Und sie stürzte sich auf ein schönes Kästchen mit eingelegter Arbeit, das kostbare Toilettengegenstände enthielt.

»Lassen Sie das liegen, Frau Madou«, sagte Cäsar, der herangetreten war. »Alles hier gehört nicht mir, sondern meinen Gläubigern. Mir gehört nur noch meine Person; wollen Sie die haben und mich ins Gefängnis bringen, so gebe ich Ihnen mein Ehrenwort« (dabei traten ihm die Tränen in die Augen), »daß ich Ihren Gerichtsvollzieher hier erwarten werde, ebenso den Beamten des Handelsgerichts und seine Leute . . .«

Der Ton und die Geste standen in solchem Einklang mit diesen Worten, daß Frau Madous Zorn verrauchte.

»Mein Vermögen ist mir von einem Notar unterschlagen worden, ich bin unschuldig an dem Unglück, das ich verursache«, fuhr Cäsar fort; »aber mit der Zeit werden Sie Ihr Geld zurückbekommen, und sollte ich mich tot arbeiten und Tagelöhner oder Lastträger in der Markthalle werden.«

»Na, na, Sie sind ein braver Mann«, sagte die Madou. »Nehmen Sie mir nich übel, Madam, was ich gesagt hab; aber ich muß ja ins Wasser gehn, Gigonnet läßt mich nich locker, und ich kann für Ihre verdammten Wechsel nur andre geben, die erst in zehn Monaten fällig sind.«

»Kommen Sie morgen früh zu mir,« sagte Pillerault, der sich jetzt zeigte, »ich werde Ihre Sache von einem meiner Freunde mit fünf Prozent ordnen lassen.«

»Ei, das is ja der brave Vater Pillerault! Ach ja, das is ja Ihr Onkel«, sagte sie zu Konstanze.

»Ach, ihr seid wirklich anständige Leute, da wer ich nischt verlieren, nich wahr? Also auf morgen, mein Alter!« sagte sie zu dem früheren Eisenhändler.

Cäsar wollte durchaus in den Räumen seiner zertrümmerten Existenz ausharren und erklärte, er wolle sich hier mit allen seinen Gläubigern auseinandersetzen. Trotz der Bitten seiner Nichte stimmte der Onkel Pillerault bei und ließ ihn hinaufgehen. Dann eilte der schlaue Alte zu Herrn Haudry, stellte ihm Birotteaus Lage vor und erhielt von ihm das Rezept für einen Schlaftrunk; diesen ließ er herstellen und kehrte dann zurück, um den Abend bei seinem Neffen zu verbringen. Im Einverständnis mit Cäsarine nötigte er Cäsar, mit ihnen zu trinken. Das Narkotikum schläferte diesen so ein, daß er vierzehn Stunden später im Zimmer des Onkels Pillerault in der Rue des Bourdonnais erwachte, von dem Alten eingeschlossen, der selber auf einem im Salon aufgestellten eisernen Bett geschlafen hatte. Als Konstanze den Wagen, in dem Pillerault Cäsar wegbrachte, fortfahren hörte, ließ sie ihre Tapferkeit im Stiche. Gar oft werden unsre Kräfte von der Notwendigkeit aufgestachelt, ein schwächeres Wesen als wir aufrecht erhalten zu müssen. Jetzt weinte die arme Frau, die sich allein mit ihrer Tochter zurückgeblieben sah, als ob Cäsar gestorben wäre.

»Mama,« sagte Cäsarine, die sich auf die Knie der Mutter setzte und sie, wie es die Frauen nur unter sich zu machen verstehen, wie ein Schmeichelkätzchen liebkoste, »du hast mir doch gesagt, daß, wenn ich einen tapferen Entschluß fassen wollte, auch du die Kraft finden würdest, dem Unglück zu widerstehen. Also weine nicht mehr, liebste Mutter. Ich bin bereit, eine Anstellung in einem Geschäft anzunehmen, und ich werde nicht mehr daran denken, was wir gewesen sind. Ich will das werden, was du in deiner Jugend warst, eine erste Verkäuferin, und du sollst von mir kein Wort der Klage oder des Bedauerns zu hören bekommen. Und dann habe ich ja noch eine Hoffnung. Hast du nicht gehört, was Herr Popinot gesagt hat?«

»Der liebe Junge; er wird nicht mein Schwiegersohn sein . . .«

»Aber, Mama! . . .«

»Sondern in Wahrheit mein Sohn.«

»Das Unglück«, sagte Cäsarine und umarmte die Mutter, »hat wenigstens das Gute, daß es uns unsere wahren Freunde kennen lehrt.«

Es gelang Cäsarine schließlich, den Kummer der armen Frau zu besänftigen, indem sie sie, wie eine Mutter ihr Kind, beruhigte. Am nächsten Morgen begab sich Konstanze zu dem Herzog von Lenoncourt, einem der ersten Kammerherren des Königs, und hinterließ einen Brief für ihn, in dem sie bat, ihr eine Audienz zu einer bestimmten Stunde an diesem Tage zu gewähren. Inzwischen ging sie zu Herrn von La Billardière, erklärte ihm, in welche Lage die Flucht des Notars Cäsar versetzt hatte, und bat ihn, sie bei dem Herzog zu unterstützen und ihr Fürsprecher zu sein, da sie fürchtete, sich nicht angemessen ausdrücken zu können. Sie wollte eine Anstellung für Birotteau erbitten. Birotteau würde sicher der ehrlichste aller Kassierer sein, wenn es bezüglich der Ehrlichkeit überhaupt Unterschiede gäbe.

»Der König hat soeben den Grafen von Fontaine zum Generaldirektor im Hausministerium ernannt, wir dürfen keine Zeit verlieren.«

Um zwei Uhr stiegen La Billardière und Frau Konstanze die große Treppe des Palais Lenoncourt in der Rue Saint-Dominique hinauf und wurden zu dem bevorzugtesten Edelmann des Königs geführt, sofern der König Ludwig XVIII. überhaupt jemanden bevorzugte. Die freundliche Aufnahme durch diesen Grandseigneur, der zu der kleinen Anzahl wahrer Edelleute gehörte, die das vorige Jahrhundert dem unsrigen hinterlassen hat, erfüllte Frau Birotteau mit Hoffnung. Die Frau des Parfümhändlers zeigte sich groß und natürlich in ihrem Kummer. Der Schmerz adelt auch die einfachsten Menschen, denn er trägt seine Größe in sich, und um von seinem Glanz überstrahlt zu werden, braucht man bloß wahr zu sein. Und Konstanze war eine durch und durch wahrhaftige Persönlichkeit. Es handelte sich jetzt darum, schnell mit dem Könige zu reden.

Mitten in dieser Besprechung wurde Herr von Vandenesse gemeldet und der Herzog rief aus: »Da kommt Ihr Retter!«

Frau Birotteau war diesem jungen Manne nicht unbekannt, da er schon ein- oder zweimal bei ihr gewesen war, um einige Kleinigkeiten zu kaufen, die oft bei großen Dingen eine so wichtige Rolle spielen. Der Herzog setzte ihm nun auseinander, was La Billardière vorhatte. Vandenesse ging sofort mit La Billardière zu den Grafen von Fontaine und bat Frau Birotteau, auf ihn zu warten. Der Graf von Fontaine war, ebenso wie La Billardière, einer jener tapferen Edelleute der Provinz, jener fast unbekannten Helden, die den Aufstand der Vendée gemacht hatten. Birotteau war ihm nicht fremd, er hatte ihn einstmals in der Rosenkönigin gesehen. Die Männer, die für die Sache des Königs ihr Blut vergossen hatten, genossen zu dieser Zeit Privilegien, die der König geheim hielt, um die Liberalen nicht vor den Kopf zu stoßen.

Herr von Fontaine, einer der Günstlinge Ludwigs XVIII., galt als sein intimer Vertrauter. Der Graf versprach nicht nur die Anstellung ganz fest, sondern er suchte auch noch den Herzog von Lenoncourt auf und bat ihn, ihm noch am Abend einen Augenblick Gehör beim Könige zu verschaffen und für La Billardière eine Audienz bei Monsieur zu erbitten, der diesen alten Diplomaten aus der Vendée besonders gern hatte.

Noch an demselben Abend begab sich der Graf von Fontaine zu Frau Birotteau und teilte ihr mit, daß ihr Mann nach dem Vergleich mit den Gläubigern offiziell zu einem Beamten bei der Schuldentilgungskasse mit zweitausendfünfhundert Franken Gehalt ernannt werden würde, da alle Dienststellen beim Haushalt des Königs damals mit adligen Anwärtern besetzt waren, mit denen man entsprechende Abreden getroffen hatte.

Dieser Erfolg ergab sich aus nur einem Teil von Frau Birotteaus Bemühungen. Die arme Frau ging auch in die Rue Saint-Denis, in die »ballspielende Katze«, zu Joseph Lebas. Auf diesem Wege kam ihr in einer prächtigen Equipage Frau Roguin entgegen, die offenbar Einkäufe machte. Ihre Augen begegneten denen der schönen Notarsfrau. Das Schamgefühl, das die reiche Frau angesichts der ruinierten nicht verbergen konnte, machte Konstanze Mut.

»Niemals würde ich für anderer Geld in einer Equipage fahren«, sagte sie zu sich.

Freundlich von Joseph Lebas aufgenommen, bat sie ihn, ihrer Tochter eine Stellung in einem angesehenen Geschäftshause zu verschaffen. Lebas versprach nichts direkt; aber acht Tage später hatte Cäsarine Tisch, Wohnung und tausend Taler Gehalt bei dem reichsten Modewarenhause von Paris, das damals eine Filiale im Quartier des Italiens errichtete. Die Kasse und die Aufsicht über das Lager wurden der Tochter des Parfümhändlers anvertraut, die, über der ersten Verkäuferin stehend, die Chefs des Hauses zu vertreten hatte.

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