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Cäsar Birotteaus Größe und Niedergang

Honoré de Balzac: Cäsar Birotteaus Größe und Niedergang - Kapitel 25
Quellenangabe
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typefiction
authorHonoré de Balzac
titleCäsar Birotteaus Größe und Niedergang
publisherDiogenes
isbn3257204604
translatorHugo Kaatz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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»Mein geliebter, teurer Prinzipal,« sagte er und trocknete sich die schweißtriefende Stirn, »hier nehmen Sie, was Sie gewünscht haben.« Dabei reichte er ihm die Wechsel hin. »Jawohl, ich habe meine Geschäftslage genau geprüft, haben Sie keine Angst, ich werde zahlen, nur retten Sie, retten Sie Ihre Ehre!«

»Ach, seiner war ich ganz sicher«, rief Cäsarine und drückte krampfhaft Popinots Hand.

Frau Konstanze umarmte Popinot, der Parfümhändler richtete sich in die Höhe, wie der Gerechte sich aus dem Grabe erhebt, wenn die Posaune des jüngsten Gerichts ertönt! Dann streckte er mit wahnsinniger Hast die Hand aus, um die gestempelten Papiere zu ergreifen.

»Einen Augenblick,« sagte da der furchtbare Onkel Pillerault und entriß Popinot die Wechsel, »einen Augenblick!«

Und die vier Familienglieder, Cäsar und seine Frau, Cäsarine und Popinot, bestürzt über das Vorgehen und den Ton des Onkels, sahen mit Schrecken, wie er die Wechsel zerriß und ins Feuer warf, ohne daß ihn einer daran hindern konnte.

»Onkel!«

»Onkel!«

»Onkel!«

»Herr!«

Die vier Stimmen und die vier Herzen wurden in einem einzigen erschreckenden Zusammenklang laut. Da faßte der Onkel Pillerault Popinot um den Hals, drückte ihn ans Herz und küßte ihn auf die Stirn.

»Du bist es wert, daß alle, die ein Herz haben, dich lieben. Hätte ich eine Tochter und besäße sie eine Million und du hättest nichts als das da (dabei zeigte er auf die schwarze Asche der Wechsel), so wäret ihr, wenn sie dich liebte, in vierzehn Tagen Mann und Frau. Dein Prinzipal«, sagte er und wies auf Cäsar, »ist nicht bei Sinnen. Lieber Neffe,« fuhr Pillerault in ernstem Tone fort und wandte sich an den Parfümhändler, »lieber Neffe, mache dir keine Illusionen mehr! Geschäfte macht man mit Talern, aber nicht mit schönen Gefühlen. Dies hier war erhaben, aber es nützt nichts. Ich bin zwei Stunden auf der Börse gewesen, du hast nicht mehr für einen Heller Kredit: alle redeten über deinen Untergang, über die verweigerten Prolongationen, über deine fehlgeschlagenen Bittgänge zu mehreren Bankiers, über deine übermäßigen Ausgaben, daß du sechs Stock hinaufgeklettert bist, um von einem Hausbesitzer, der schwatzhaft wie eine Elster ist, die Prolongation eines Wechsels über zwölfhundert Franken zu erbitten, über deinen Ball, den du gegeben hast, um deine Verlegenheiten zu bemänteln. Man ist sogar so weit gegangen, zu sagen, du habest gar nichts bei Roguin stehen gehabt. Nach deinen Feinden zu urteilen, ist Roguin nur ein Vorwand. Einer meiner Freunde, den ich beauftragt hatte, über alles Erkundigungen einzuziehen, hat meine Befürchtungen bestätigt. Jeder will bereits wissen, daß Popinot Wechsel ausstellen wird, du hättest ihn nur etabliert, um eine Wechselfabrik einzurichten. Kurz, alle Verleumdungen und bösen Nachreden, die sich an einen Mann hängen, der eine soziale Stufe höhersteigen wollte, werden jetzt in der Handelswelt herumgetragen. Du würdest acht Tage lang vergeblich Popinots Wechsel über die fünfzigtausend Franken in allen Kontoren anbieten; du würdest dich nur demütigenden Ablehnungen aussetzen, kein Mensch würde sie nehmen wollen; mit nichts kannst du beweisen, daß nicht noch mehr in beliebiger Höhe ausgestellt werden, und die Leute nehmen an, du wolltest das arme Kind opfern, um dich zu retten. So würdest du ganz umsonst den Kredit der Firma Popinot ruinieren. Weißt du, wieviel der waghalsigste Wucherer dir für die fünfzigtausend Franken bieten würde? Zwanzigtausend, zwanzigtausend, verstehst du? Es können im Leben eines Kaufmanns Zeiten kommen, wo er vor den andern drei Tage ohne zu essen durchhalten muß, als ob er einen verdorbenen Magen hätte, dann wird er am vierten Tage wieder zu der Speisekammer des Kredits zugelassen. Du kannst aber diese drei Tage nicht durchhalten, davon hängt alles ab. Mut, mein armer Neffe, du mußt Konkurs anmelden. Hier, Popinot und ich, wir beide werden uns, sobald deine Kommis schlafen gegangen sind, an die Arbeit machen, damit dir diese Aufregung erspart bleibt.«

»Aber Onkel«, sagte der Parfümhändler und rang die Hände.

»Cäsar, willst du eine schmähliche Bilanz vorlegen, die keine Aktiva aufweist? Dein Anteil bei Popinot rettet deine Ehre.«

Von dieser letzten verhängnisvollen Aufklärung überzeugt, erkannte Cäsar endlich seine wahre Lage in ihrem vollen Umfange, fiel wieder in seinen Sessel zurück und von da auf die Knie, seine Gedanken verwirrten sich, er wurde wie ein Kind; seine Frau, die dachte, er sterbe, kniete nieder, um ihn aufzuheben; aber sie betete mit ihm, als sie sah, wie er die Hände faltete, die Augen nach oben richtete und mit reuiger Hingebung in Gegenwart des Onkels, der Tochter und Popinots das erhabene Gebet der Katholiken sprach:

»Vater unser, der du bist im Himmel, geheiliget werde dein Name, zu uns komme dein Reich, dein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden, unser täglich Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Amen.«

Dem Stoiker Pillerault traten die Tränen in die Augen, Cäsarine, in Tränen aufgelöst, hatte ihren Kopf auf Popinots Schulter gelegt, der bleich und starr wie eine Bildsäule dastand.

»Gehen wir hinunter«, sagte der ehemalige Kaufmann zu dem jungen Mann und nahm ihn beim Arme.

Um halb zwölf Uhr überließen sie Cäsar der Sorge von Frau und Tochter. In diesem Augenblick erschien Cölestin, der während der stürmischen Tage, die sich im geheimen abspielten, das Geschäft leitete, in der Wohnung und trat in den Salon. Als sie seinen Schritt vernahm, eilte Cäsarine ihm entgegen, damit er die Niedergeschlagenheit des Prinzipals nicht sehen sollte.

»Unter der Abendpost«, sagte er, »befindet sich ein Brief aus Tours mit unrichtiger Adresse, der deshalb verspätet eingegangen ist. Ich nahm an, daß er von Herrn Birotteaus Bruder ist, und habe ihn daher nicht geöffnet.«

»Vater,« rief Cäsarine, »ein Brief vom Onkel aus Tours.«

»Ach, dann bin ich gerettet!« schrie Cäsar. »Mein Bruder! Mein Bruder!« sagte er und küßte den Brief.

Franz' Antwort an Cäsar Birotteau.

»Tours, den 17. l. M.

»Mein geliebter Bruder, Dein Brief hat mich in lebhafte Betrübnis versetzt; ich habe daher, als ich ihn gelesen hatte, eine Messe für Dich gelesen und Gott bei dem Blute, das sein Sohn, unser himmlischer Erlöser, für uns vergossen hat, angefleht, einen Blick der Barmherzigkeit auf Deine Not zu werfen. Als ich das Gebet pro meo fratre Caesare sprach, hatte ich die Augen voll Tränen in Gedanken an Dich, von dem ich unglücklicherweise gerade in den Tagen getrennt bin, wo Du der Unterstützung brüderlicher Freundschaft bedarfst. Aber ich denke, daß der verehrungswürdige Herr Pillerault mich Dir sicherlich ersetzen wird. Mein lieber Cäsar, vergiß in Deinem Kummer nicht, daß das Leben diesseits ein flüchtiges Dasein voller Prüfungen ist; daß wir eines Tages dafür belohnt sein werden, daß wir für den heiligen Namen Gottes und für die heilige Kirche gelitten haben, weil wir nach ihren Vorschriften tugendhaft gelebt haben; sonst hätten die Dinge hienieden überhaupt keinen Sinn. Ich wiederhole Dir diese Grundsätze, weil ich weiß, wie fromm und gut Du bist, denn es kann solchen, die wie Du in die Stürme des Welttreibens und auf das gefahrvolle Meer der menschlichen Interessenkämpfe hinausgeworfen sind, beikommen, inmitten ihrer Nöte und vom Schmerz hingerissen, Verwünschungen auszustoßen. Du darfst weder den Menschen fluchen, die Dich beleidigen, noch Gott lästern, der nach seiner Weisheit Dir Bitternisse auferlegt hat. Sieh nicht auf das Irdische, sondern erhebe Deine Augen zum Himmel; von daher kommt der Trost der Schwachen, dort ist der Reichtum der Armen, dort die Verdammnis der Reichen . . .«

»Aber, Birotteau,« sagte seine Frau, »übergeh das doch und sieh nach, ob er uns etwas schickt.«

»Wir werden den Brief noch oft lesen«, erwiderte der Kaufmann, indem er seine Tränen trocknete, und faltete das Schreiben auseinander, aus dem eine Anweisung auf die Staatskasse herausfiel. »Ich wußte, daß ich auf dich rechnen konnte, mein guter Bruder«, sagte Birotteau und hob die Anweisung auf.

». . . Ich bin zu Frau von Listomère gegangen«, las er, von Schluchzen unterbrochen, weiter, »und habe sie, ohne ihr den Grund für mein Ansuchen mitzuteilen, gebeten, mir alles, worüber sie für mich verfügen könne, zu leihen, um damit den Betrag meiner Ersparnisse erhöhen zu können. Ihre Großmut hat mir gestattet, eine Summe von tausend Franken zusammenzubringen, die ich Dir in einer Anweisung des Generalsteuereinnehmers von Tours auf die Staatskasse übersende.«

»Eine schöne Hilfe!« sagte Konstanze und sah Cäsarine an.

»Indem ich mir einiges Überflüssige in meiner Lebenshaltung versage, werde ich imstande sein, Frau von Listomère in drei Jahren die vierhundert Franken, die sie mir geliehen hat, zurückzuzahlen, Du brauchst Dich also deswegen nicht zu beunruhigen, lieber Cäsar. Ich schicke Dir alles, was ich auf der Welt besitze, und wünsche, daß diese Summe Dir zu einer glücklichen Lösung in Deiner geschäftlichen Verlegenheit verhelfen möge, die sicherlich nur vorübergehend ist. Da ich Dein Zartgefühl kenne, will ich Deinen Einwürfen zuvorkommen. Du darfst weder daran denken, mir Zinsen zu zahlen, noch mir den Betrag zurückzugeben, wenn Du wieder in guten Verhältnissen sein wirst, was ja nicht lange auf sich warten lassen wird, wenn Gott mein Gebet erhört, das ich täglich an ihn richte. Nach meinem letzten Besuch vor zwei Jahren habe ich Dich für einen reichen Mann gehalten und glaubte, über meine Ersparnisse zugunsten der Armen verfügen zu können; jetzt jedoch gehört alles, was ich habe, Dir. Wenn Du Dein Schiff an dieser Klippe vorbeigesteuert haben wirst, dann bewahre den Betrag für meine Nichte Cäsarine auf, damit sie, wenn sie verheiratet sein wird, sich irgendeine Kleinigkeit dafür anschafft, die sie an ihren alten Onkel erinnert, dessen Hände sich immer zum Himmel erheben werden, um Gottes Segen auf sie und alle, die ihr teuer sind, herabzuflehen. Bedenke schließlich, mein lieber Cäsar, daß ich ein armer Priester bin, der mit Gottes Hilfe dahinlebt, wie die Lerchen auf dem Felde, der seinen Weg wandelt in der Stille, den Vorschriften unseres himmlischen Heilands zu gehorchen sucht und der daher wenig zum Leben braucht. Mache Dir daher in der schwierigen Lage, in der Du Dich befindest, nur ja keine Gewissensbisse und denke an mich als an einen, der Dich von Herzen liebt. Unser vortrefflicher Abbé Chapeloud, dem ich nichts von Deiner Lage gesagt habe, weiß, daß ich an Dich schreibe, und hat mich beauftragt, die freundlichsten Grüße an alle Mitglieder Deiner Familie zu übermitteln und Dir weiteren Wohlstand zu wünschen. Leb wohl, lieber, teurer Bruder, ich bete zu Gott, daß er Dir in Deiner Lage die Gnade erweisen möge, Dich bei guter Gesundheit zu erhalten, Dich, Deine Frau und Deine Tochter; ich wünsche Euch allen Geduld und Mut bei allen Widerwärtigkeiten.

Franz Birotteau,        

Priester, Vikar an der Kathedral- und Parochialkirche von Saint-Gatien in Tours.«

»Tausend Franken!« sagte Frau Birotteau mißmutig.

»Bewahre sie auf,« erwiderte Cäsar ernst, »er besitzt nicht mehr. Im übrigen gehören sie unserer Tochter und sollen uns zum Lebensunterhalt dienen, ohne daß wir etwas von unseren Gläubigern zu erbitten brauchen.«

»Dann werden sie denken, daß du ihnen erhebliche Beträge vorenthalten hast.«

»Ich werde ihnen den Brief zeigen.«

»Sie werden ihn für bestellte Arbeit erklären.«

»Mein Gott, mein Gott!« rief Birotteau erschrocken aus. »So habe ich auch über arme Menschen gedacht, die sicherlich in derselben Lage waren, in der ich mich befinde.«

Sehr in Sorge über Cäsars Zustand saßen Mutter und Tochter, mit Handarbeiten beschäftigt, in tiefem Schweigen bei ihm. Gegen zwei Uhr morgens öffnete Popinot leise die Tür des Salons und winkte Frau Birotteau, daß sie hinunter kommen solle. Als er seine Nichte hereintreten sah, nahm der Onkel seine Brille ab.

»Es gibt noch eine Hoffnung, mein Kind,« sagte er, »es ist noch nicht alles verloren; aber dein Mann würde die schwankenden Chancen der erforderlichen Unterhandlungen nicht aushalten; deshalb werden Anselm und ich den Versuch unternehmen. Verlaß morgen den Laden nicht und notiere alle präsentierten Wechsel, wir haben bis vier Uhr Zeit. Mein Plan ist folgender: Weder von Herrn Ragon noch von mir habt ihr etwas zu befürchten. Nehmen wir jetzt an, daß eure bei Roguin deponiert gewesenen hunderttausend Franken den Terrainverkäufern würden ausgezahlt worden sein, so hättet ihr sie ebensowenig gehabt, wie ihr sie jetzt habt. Ihr habt jedenfalls Wechsel über hundertvierzigtausend Franken ausgestellt und Claparon gegeben, die ihr in jedem Falle einzulösen habt. Es ist also nicht der Bankrott Roguins, der euch zugrunde richtet. Um euren Verpflichtungen nachzukommen, habt ihr vierzigtausend Franken, mit denen ihr früher oder später eure Fabrik beleihen lassen könnt, und sechzigtausend Franken Wechsel von Popinot. Man könnte also den Kampf versuchen, denn später könnt ihr ein Darlehen auf die Terrains an der Madeleine aufnehmen. Wenn daher euer Hauptgläubiger bereit wäre, euch zu helfen, so will ich mein Vermögen hergeben, meine Renten verkaufen und ohne Einkommen sein. Popinot wird zwischen Leben und Sterben schweben und euch kann die geringste geschäftliche Schwierigkeit umwerfen. Aber das Öl wird unzweifelhaft großen Gewinn abwerfen. Popinot und ich sind übereingekommen, daß wir euch bei diesem Kampf unterstützen wollen. Ach, ich will gern trocknes Brot essen, wenn ich einen Rettungsschimmer am Horizont erblicken könnte. Aber alles hängt von Gigonnet und Claparon und Genossen ab. Popinot und ich werden zwischen sieben und acht Uhr zu Gigonnet gehen und in Erfahrung bringen, was wir zu erwarten haben.«

Konstanze fiel erschüttert dem Onkel um den Hals und konnte nichts hervorbringen als Tränen und Schluchzen. Weder Popinot noch Pillerault konnten ahnen, daß Bidault, genannt Gigonnet, und Claparon nur du Tillet in doppelter Gestalt waren, und daß du Tillet durchaus unter »Vermischtem« die furchtbare Notiz lesen wollte:

»Durch Urteil des Handelsgerichts wurde Herr Cäsar Birotteau, Parfümhändler, wohnhaft in Paris, Rue Saint-Honoré Nr. 397, für bankrott erklärt und die Eröffnung des Konkurses auf den 16. Januar 1819 festgesetzt. Kommissarischer Richter: Herr Gobenheim-Keller, Agent: Herr Molineux.«

Anselm und Pillerault arbeiteten an den Geschäftsbüchern Cäsars bis zum Morgen. Um acht Uhr begaben sich die beiden heldenmütigen Freunde, der eine ein alter Soldat, der andere ein junger Unterleutnant, die die fürchterliche Angst derjenigen, welche die Treppe zu Bidault, genannt Gigonnet, hinaufsteigen mußten, nur in Vertretung kennenlernen sollten, ohne ein Wort miteinander zu wechseln, nach der Rue Grenétat. Beiden war schmerzlich zumute. Wiederholt strich sich Pillerault über die Stirn.

Die Rue Grenétat ist eine Straße, deren sämtliche Häuser, die eine Menge von Geschäften enthalten, einen abschreckenden Anblick gewähren. Die Gebäude sind schauderhaft. Überall zeigt sich die häßliche Unsauberkeit der Fabriken. Der alte Gigonnet bewohnte die dritte Etage eines Hauses mit lauter Schiebefenstern und kleinen schmutzigen Scheiben. Die Treppe begann direkt an der Straße, die Portierloge befand sich in einem Verschlage im Zwischengeschoß, der nur von der Treppe her Licht erhielt. Abgesehen von Gigonnet betrieben sämtliche Mieter ein Gewerbe. Beständig gingen Arbeiter aus und ein. Die Stufen waren mit einer Schicht harten oder weichen Schmutzes, je nach dem Wetter, bedeckt, ein Unflat, der sich dort ständig erhielt. Auf jedem Absatz der stinkenden Treppe waren die Namen der Gewerbetreibenden mit vergoldeten Buchstaben auf rotlackiertem Blech nebst Proben ihrer Meisterwerke angebracht. Den größten Teil des Tages gewährten die offen stehenden Türen einen Einblick in die eigenartige Mischung von Werkstatt und Haushalt, aus der ein unglaubliches Gelärme, Geschrei, Gesinge und Gepfeife hervordrang, das an die Stunde der Nachmittagsfütterung der Tiere im Zoologischen Garten erinnerte. Im ersten Stock wurden in einem ekelhaften Loch die schönsten Hosenträger von Paris hergestellt; im zweiten, inmitten von widerwärtigem Schmutz, die elegantesten Kartons, die zu Neujahr die Schaufenster der Boulevards und des Palais Royal zieren. Gigonnet starb, im Besitze eines Vermögens von einer Million achthunderttausend Franken, in der dritten Etage dieses Hauses, ohne daß ihn irgend etwas hätte bewegen können, sie zu verlassen, trotz des Anerbietens der Frau Saillard, seiner Nichte, ihm eine Wohnung in einem Hause des Palais Royal zur Verfügung zu stellen.

»Mut«, sagte Pillerault, als er an dem Rehfuß zog, der an einer Schnur an der grauen sauberen Tür Gigonnets hing.

Gigonnet öffnete selbst. Die beiden Beschützer des auf dem Schlachtfeld der Bankrotteure kämpfenden Parfümhändlers schritten zuerst durch ein nüchternes, kaltes Zimmer ohne Vorhänge an den Fenstern. Dann nahmen alle drei im zweiten Zimmer Platz, der Wucherer vor einem Kamin voll Asche, in der sich Holz gegen das Feuer wehrte. Popinot wurde eiskalt beim Anblick der grünen Mappen des Wucherers und der mönchischen Kahlheit dieses Zimmers mit seiner Kellerluft. Er betrachtete mit starrem Ausdruck die bläuliche Tapete mit dreifarbigem Blumenmuster, mit der die Wände seit zwanzig Jahren beklebt waren, und wandte seine traurigen Augen dann dem Kamin zu, auf dem eine Uhr in Lyraform und längliche Vasen aus blauem Sèvresporzellan mit reichen vergoldeten Kupferverzierungen standen. Dieses Strandgut, das Gigonnet bei dem Schiffbruch von Versailles, als der Pöbel alles zerstörte, aufgelesen hatte, stammte aus dem Boudoir der Königin; aber neben diese kostbaren Vasen waren zwei Leuchter elendester Sorte aus Schmiedeeisen gestellt, die durch ihren schreienden Kontrast daran erinnerten, welchem Umstände man sie zu verdanken hatte.

»Ich weiß, daß Sie nicht Ihretwegen kommen können,« sagte Gigonnet, »Sie kommen für den großen Birotteau. Nun, was gibt es, meine lieben Herren?«

»Ich sehe, daß man Ihnen nichts zu erklären braucht, wir werden also kurz sein,« sagte Pillerault, »Sie haben Wechsel an die Order von Claparon in Händen?«

»Ja.«

»Wollen Sie fünfzigtausend Franken davon gegen Wechsel des Herrn Popinot hier eintauschen, wohl verstanden mit einem Abzug?«

Gigonnet nahm seine scheußliche grüne Mütze ab, die man für angewachsen hätte halten können, zeigte auf seinen kahlen Schädel von der Farbe frischer Butter, verzog sein Gesicht zu einer Grimasse wie Voltaire und sagte: »Wenn Sie mich mit Haaröl bezahlen wollen, was soll ich damit anfangen?«

»Wenn Sie scherzen wollen, dann können wir uns zurückziehen«, sagte Pillerault.

»Sie reden wie ein Weiser, der Sie ja auch sind«, sagte Gigonnet mit schmeichelhaftem Lächeln.

»Nun, und wenn ich die Wechsel des Herrn Popinot girieren würde?« sagte Pillerault, indem er einen letzten Angriff versuchte.

»Sie sind so gut wie ungemünztes Gold, Herr Pillerault, aber ich brauche kein Gold, ich will bloß mein Geld haben.«

Pillerault und Popinot grüßten und entfernten sich. Am Fuße der Treppe wankten Popinot noch die Beine.

»Ist das ein Mensch?« sagte er zu Pillerault.

»Man behauptet es«, erwiderte der Alte. »Behalte diese kurze Besprechung für immer im Gedächtnis, Anselm! Du hast hier das Bankwesen ohne die Tünche seiner liebenswürdigen äußeren Formen zu Gesicht bekommen. Unerwartete Ereignisse sind die Schraube an der Kelter, wir sind die Trauben und die Bankiers sind die Bottiche. Das Terraingeschäft ist sicher gut; Gigonnet oder einer seiner Hintermänner wollen Cäsar erwürgen und sich seiner Haut bemächtigen: damit ist alles gesagt, eine Hilfe ist unmöglich. So ist die Bankwelt, wende dich niemals an sie!«

Nach dem schrecklichen Vormittag, an dem Frau Birotteau zum erstenmal die Adressen der Leute, die ihr Geld holen wollten, notieren und den Bankboten ohne Zahlung zurückschicken mußte, sah die tapfere Frau, die glücklich war, ihrem Manne diesen Jammer ersparen zu können, um elf Uhr Pillerault und Popinot zurückkommen, auf die sie mit immer wachsender Angst gewartet hatte; sie las die Entscheidung auf ihren Gesichtern. Die Anmeldung des Konkurses war unvermeidlich geworden.

»Der Kummer wird ihn töten«, sagte die arme Frau.

»Ich möchte es ihm wünschen,« sagte Pillerault ernst, »aber er ist so fromm, daß unter diesen Umständen nur sein Beichtvater, der Abbé Loraux, ihm helfen kann.«

Pillerault, Popinot und Konstanze warteten, bis ein Kommis den Abbé Loraux geholt hatte, bevor sie die Bilanz, die Cölestin fertiggestellt hatte, Cäsar zur Unterschrift vorlegen wollten. Die Kommis waren in Verzweiflung, denn sie verehrten ihren Prinzipal. Um vier Uhr erschien der gute Priester, Konstanze setzte ihn in Kenntnis von dem Unglück, das über sie hereingebrochen war, und der Abbé ging hinauf, wie ein Soldat, der auf die Bresche steigt.

»Ich weiß, weshalb Sie kommen«, rief ihm Birotteau entgegen.

»Mein Sohn,« sagte der Priester, »Ihre Ergebenheit in den Willen Gottes ist mir seit langem bekannt; jetzt handelt es sich darum, sie auch zu betätigen; halten Sie Ihren Blick immer auf das Kreuz gerichtet, hören Sie nicht auf, es anzuschauen, und denken Sie dabei an die Demütigungen, mit denen der Erlöser der Menschheit geprüft worden ist. Denken Sie an die Angstgefühle seiner Passion, dann werden Sie die Kränkungen, die Gott über Sie verhängt hat, besser ertragen können . . .«

»Mein Bruder, der Abbé, hat mich schon darauf vorbereitet«, sagte Cäsar und zeigte den Brief, den er von neuem gelesen hatte, seinem Beichtvater.

»Sie haben einen guten Bruder,« sagte Loraux, »eine tugendhafte, liebevolle Frau, eine zärtliche Tochter, zwei echte Freunde, Ihren Onkel und den guten Anselm, zwei nachsichtige Gläubiger, die Ragons; alle diese guten Herzen werden beständig Balsam auf Ihre Wunden gießen und Ihnen Ihr Kreuz tragen helfen. Versprechen Sie mir, die Standhaftigkeit eines Märtyrers zu zeigen und den Schlag zu ertragen, ohne schwach zu werden.« Der Abbé hustete, um Pillerault anzuzeigen, daß er im Salon sei.

»Meine Ergebung ist unbegrenzt«, sagte Cäsar ruhig. »Die Unehre ist da, ich darf an nichts anderes denken, als meine Ehre wieder herzustellen.«

Der Ton des armen Parfümhändlers und sein Aussehen überraschten Cäsarine und den Priester. Gleichwohl war nichts natürlicher. Alle Menschen ertragen eher ein feststehendes, unabänderliches Unglück als die schreckliche Ungewißheit eines Schicksals, das sie von einem Augenblick zum andern zwischen höchster Freude und tiefstem Jammer hin und her schwanken läßt.

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