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Cäsar Birotteaus Größe und Niedergang

Honoré de Balzac: Cäsar Birotteaus Größe und Niedergang - Kapitel 24
Quellenangabe
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typefiction
authorHonoré de Balzac
titleCäsar Birotteaus Größe und Niedergang
publisherDiogenes
isbn3257204604
translatorHugo Kaatz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Nachdem anderthalb Stunden mit diesem sinnlosen Gewäsch hingebracht waren, wollte Birotteau aufbrechen, während der ehemalige Geschäftsreisende sich anschickte, ihm das Abenteuer eines Volksvertreters in Marseille zu erzählen, der in eine Schauspielerin verliebt war, die die Rolle der »Schönen Arsenie« gab und von dem royalistisch gesinnten Parterre ausgepfiffen wurde.

»Er steht auf,« sagte Claparon, »und stellt sich in seiner Loge vorn hin: Man verhafte den, der gepfiffen hat! . . . Ist es eine Frau gewesen, so nehme ich sie auf mich, ist es ein Mann gewesen, so wird sich das weitere finden; ist es weder das eine noch das andere gewesen, so soll es das Donnerwetter holen! . . . Wissen Sie, wie die Sache ausgegangen ist?«

»Adieu, Herr Claparon«, sagte Birotteau.

»Sie müssen noch mal zu mir kommen,« sagte Claparon darauf, »das erste Wechselchen von Cayron ist mit Protest zurückgekommen, und da ich ihn indossiert habe, mußte ich ihn einlösen. Ich werde deshalb zu Ihnen schicken, erst kommen die Geschäfte.«

Diese kühle und heuchlerische Liebenswürdigkeit griff Birotteau ebenso ans Herz wie die Härte Kellers und der deutsche Spott Nucingens. Die Vertraulichkeit dieses Menschen und seine vom Champagner herausgelockten grotesken Konfidenzen hatten den ehrenhaften Parfümhändler so niedergedrückt, daß er aus dem Zimmer eines verdächtigen Wucherers herauszukommen glaubte. Er ging die Treppe hinunter und befand sich auf der Straße, ohne zu wissen, wohin er sich wenden sollte. Er ging die Boulevards entlang, erreichte die Rue Saint-Denis, erinnerte sich Molineux' und begab sich in den Holländischen Hof. Hier stieg er die schmutzige Wendeltreppe hinauf, die er noch kürzlich so siegesgewiß und stolz hinaufgegangen war. Er dachte an den hartnäckigen Geiz Molineux' und empfand es peinlich, ihn um etwas bitten zu müssen. Wie bei seinem ersten Besuche fand er den Hausbesitzer am Kaminwinkel sitzend vor, aber diesmal nach dem Frühstück; Birotteau brachte sein Anliegen vor.

»Einen Wechsel über zwölfhundert Franken soll ich prolongieren?« sagte Molineux und machte ein spöttisches, ungläubiges Gesicht. »Das ist doch nicht Ihr Ernst, Herr Birotteau. Wenn Sie diesen Wechsel über zwölfhundert Franken am fünfzehnten nicht einlösen können, dann werden Sie mir wohl auch meine Miete nicht zahlen? Ah, das würde mir leid tun, denn in Geldsachen verstehe ich keinen Spaß, mein Einkommen besteht ja aus dem Mietzins. Wie sollte ich sonst meinen Verpflichtungen nachkommen? Sie, als Kaufmann, können solch einem vernünftigen Grundsatz doch nur zustimmen. Geld nimmt keine Rücksicht auf Personen; Geld hat keine Ohren, Geld hat kein Herz. Der Winter ist hart und das Holz ist schon wieder teurer geworden. Wenn Sie am fünfzehnten nicht zahlen, bekommen Sie am sechzehnten um zwölf Uhr eine kleine Vorladung. Oh, Ihr Gerichtsvollzieher, der gute Mitral, ist auch der meinige, er wird Ihnen die Vorladung im Kuvert zustellen mit aller Rücksicht, die er Ihrer hohen Stellung schuldig ist.«

»Herr Molineux, ich habe noch niemals eine Vorladung in eigener Angelegenheit erhalten«, sagte Birotteau.

»Jede Sache hat einmal ihren Anfang«, sagte Molineux.

Bestürzt über diese Roheit des kleinen Alten war der Parfümhändler völlig niedergeschlagen und in seinen Ohren erklang die Totenglocke des Bankrotts. Und jeder Schlag erinnerte ihn an die Aussprüche, die sein erbarmungsloses Rechtsgefühl ihn über die Bankrotter hatte tun lassen. Mit feurigen Zügen preßten sich diese Grundsätze in die weiche Masse seines Gehirns ein.

»Nebenbei bemerkt,« sagte Molineux, »Sie haben vergessen, auf die Wechsel zu setzen: ›Valuta in Miete erhalten‹, wodurch mein Vorrecht gesichert wäre.«

»Meine Stellung verbietet mir, irgend etwas zu tun, was meine Gläubiger schädigen könnte«, sagte der Parfümhändler, den der Blick in den Abgrund, der sich vor ihm auftat, ganz stumpf gemacht hatte.

»Schön, Herr Birotteau, sehr schön; ich dachte, ich wüßte in Mietsachen mit allem, was die Herren Mieter betrifft, Bescheid. Aber jetzt habe ich von Ihnen gelernt, daß man niemals Wechsel in Zahlung nehmen soll. Aber ich werde klagen, denn Ihre Antwort beweist zur Genüge, daß Ihre Unterschrift für Sie keine Bedeutung mehr hat. Dieser Fall ist von Interesse für alle Hausbesitzer in Paris.«

Als er wegging, war Birotteau des Lebens überdrüssig. Es liegt in der Natur solcher zarten, weichen Seelen, daß sie sich von der ersten Abweisung abschrecken lassen, ebenso wie der erste Erfolg ihnen Mut macht. Cäsar setzte seine Hoffnung nur noch auf den kleinen Popinot, an den er natürlich denken mußte, als er sich an dem [Marché des Innocents] befand.

»Der arme Junge! Wer hätte mir das gesagt, als ich ihm vor sechs Wochen in den Tuilerien den neuen Weg eröffnete!«

Es war ungefähr vier Uhr, die Zeit, wo die Richter den Justizpalast verlassen. Zufällig war der Untersuchungsrichter zu seinem Neffen gegangen. Dieser Richter, einer der scharfsinnigsten Psychologen, besaß eine Art zweiten Gesichts, das ihm gestattete, die verborgensten Absichten wahrzunehmen, den Grund der verschiedensten menschlichen Handlungen, den Keim eines Verbrechens, die Wurzel eines Delikts zu erkennen; er betrachtete Birotteau, ohne daß dieser es merkte. Der Parfümhändler, dem es unangenehm war, den Onkel bei dem Neffen vorzufinden, erschien ihm ängstlich, besorgt, nachdenklich. Der kleine Popinot, immer stark beschäftigt, die Feder hinter dem Ohr, war, wie stets, ganz Hingebung gegen den Vater seiner Cäsarine. Hinter den alltäglichen Redensarten, die Cäsar seinem Sozius gegenüber machte, schien sich dem Richter ein wichtiges Anliegen zu verstecken. Anstatt wegzugehen, blieb der schlaue Beamte bei seinem Neffen, trotz dessen Wunsch, ihn loszuwerden, zurück, denn er hatte sich gedacht, daß der Parfümhändler versuchen würde, sich seiner zu entledigen, indem er selber aufbrach. Als Birotteau fort war, ging auch der Richter, aber er sah, wie Birotteau in dem Teil der Rue des Cinq-Diamants, der zu der Rue Aubry-le-Boucher führt, auf und ab ging. Dieser unerhebliche Umstand erregte bei dem alten Popinot Verdacht über Cäsars Absichten; er verließ daher die Rue des Lombards, und als er sah, wie der Parfümhändler wieder zu Anselm hineinging, kehrte auch er schnell dorthin zurück.

»Mein lieber Popinot,« hatte Cäsar zu seinem Sozius gesagt, »ich komme, dich um einen Dienst zu bitten.«

»Was darf ich für Sie tun?« sagte Popinot mit hingebendem Eifer.

»Ach, du gibst mir das Leben wieder«, rief der arme Mann aus, beglückt durch diese Herzenswärme, die ihm mitten in der eisigen Atmosphäre, in der er sich seit drei Wochen bewegte, entgegenstrahlte.

»Du sollst mir fünfzigtausend Franken auf meinen Gewinnanteil vorschießen, über die Zahlung werden wir uns verständigen.«

Popinot sah Cäsar starr an, dieser schlug die Augen nieder. In diesem Augenblick erschien der Richter wieder.

»Mein Kind . . . Ah, Verzeihung, Herr Birotteau! Mein Kind, ich habe vergessen, dir etwas zu sagen . . .« Und mit dem befehlenden Wink des Beamten zog der Richter seinen Neffen mit auf die Straße hinaus und nötigte ihn, der nur im Rock und ohne Hut war, ihn anzuhören, während sie nach der Rue des Lombards hin gingen. »Mein lieber Neffe, dein früherer Prinzipal kann mit seinen Geschäftsangelegenheiten sich vielleicht bald in einer derartig schlimmen Lage befinden, daß er genötigt sein würde, Konkurs anzumelden. Bevor sie sich aber dazu entschließen, machen es selbst Leute, die vierzig Jahre ehrenhaften Lebens hinter sich haben, die Muster von Ehrlichkeit sind, um der Erhaltung ihrer Ehre willen wie die wildesten Spieler; sie sind zu allem fähig; sie verkaufen ihre Frau, sie verhandeln ihre Töchter, sie betrügen ihre Freunde, sie versetzen fremdes Eigentum; sie gehen spielen, sie werden zu Komödianten und Lügnern; sie verstehen, einem etwas vorzuweinen. Ich habe da die unglaublichsten Sachen erlebt. Du bist selbst Zeuge gewesen, wie harmlos sich Roguin zu geben verstand, dem man das Abendmahl ohne Beichte gereicht hätte. Ich will solche scharfen Schlüsse nicht bezüglich Birotteaus ziehen, ich halte ihn für einen Ehrenmann; sollte er aber etwas von dir verlangen, was den Vorschriften des Handelsgesetzbuchs widerspricht, etwa Gefälligkeitsakzepte auszustellen oder dich auf eine Wechselschieberei einzulassen, die meines Erachtens der Anfang einer Betrügerei ist, denn das ist Falschmünzerei in Papiergeld, so versprich mir, nichts zu unterschreiben, ohne mich vorher um Rat gefragt zu haben. Überlege dir, daß, auch wenn du seine Tochter liebst, es nicht nötig ist, gerade im Interesse deiner Liebe, deine Zukunft zu vernichten. Wenn Herr Birotteau fallen muß, warum sollt ihr beide fallen? Würde das nicht bedeuten, daß einer dem andern alle Aussichten vernichtet, die dein Geschäft hat, das einmal deine letzte Zuflucht sein wird?«

»Ich danke dir, lieber Onkel; ich werde mir das gesagt sein lassen«, sagte Popinot, dem der herzzerreißende Aufschrei seines Prinzipals jetzt erklärlich erschien.

Der Händler mit seinen und andern Ölen kehrte mit umwölkter Stirn in seinen dunklen Laden zurück. Birotteau bemerkte die Veränderung.

»Erweisen Sie mir die Ehre, mit mir in mein Zimmer hinaufzukommen, wir können dort besser reden als hier. Wenn die Kommis auch sehr beschäftigt sind, so könnten sie uns doch hören.«

Birotteau folgte Popinot, von einer Angst gefoltert, wie sie der Verurteilte in der Erwartung der Kassation des Urteils oder der Zurückweisung seiner Berufung empfindet.

»Mein teurer Wohltäter,« sagte Popinot, »Sie dürfen nicht an meiner Ergebenheit für Sie zweifeln, die ist blind. Gestatten Sie mir nur die Frage, ob diese Summe Sie auch wirklich retten, oder ob sie nur die Katastrophe aufschieben kann; wenn das zweite der Fall ist, weshalb wollen Sie mich mit hineinziehen? Ich soll Dreimonats-Wechsel ausstellen. Ja, aber sie in drei Monaten einzulösen, bin ich sicherlich nicht imstande.«

Birotteau wurde blaß, erhob sich feierlich und blickte Popinot ins Gesicht.

Popinot rief entsetzt aus: »Wenn Sie es wollen, will ich es tun.«

»Undankbarer!« sagte der Parfümhändler, indem er dieses Wort mit dem Rest seiner Kraft Anselm ins Gesicht schleuderte, als ob er ihn mit dem Stempel der Schande zeichnen wollte.

Er ging zur Tür und entfernte sich. Popinot, als er von der Aufregung, in die ihn dieses fürchterliche Wort versetzt hatte, wieder zu sich gekommen war, stürzte die Treppe hinab, rannte auf die Straße, aber der Parfümhändler war nirgends mehr zu sehen. Cäsarines Geliebter hörte immer noch den furchtbaren Urteilsspruch und sah beständig das entstellte Gesicht des armen Cäsar vor sich, und so ging er herum wie Hamlet, mit einem entsetzlichen Gespenst an seiner Seite.

Birotteau taumelte durch die Straßen dieses Viertels wie ein Betrunkener. Schließlich befand er sich am Kai, ging an diesem entlang und kam so nach Sèvres, wo er die Nacht in einer Herberge verbrachte, unempfindlich gegen den Schmerz geworden; seine Frau wagte, trotz ihrer Angst, nicht, ihn suchen zu lassen. Bei solchem Anlaß kann ein unvorsichtiger Alarm verhängnisvoll werden. Die kluge Konstanze opferte ihre Unruhe dem Rufe der Firma; sie wartete die ganze Nacht auf ihn unter Weinen und Beten. War Cäsar tot? Oder war er, auf der Spur einer letzten Aussicht, von Paris weggefahren? Am andern Morgen tat sie, als seien ihr die Gründe für seine Abwesenheit bekannt; sie ließ aber ihren Onkel holen und bat ihn, nach der Morgue zu gehen, als sie sah, daß Birotteau um fünf Uhr noch nicht zurückgekehrt war. Während der ganzen Zeit saß die tapfere Frau in ihrem Kontor, ihre Tochter mit einer Stickerei neben sich. Beide sprachen mit gefaßtem Gesicht, weder traurig noch fröhlich, mit der Kundschaft. Als Pillerault zurückkehrte, brachte er Cäsar mit sich. Er hatte ihn, als er von der Börse zurückkam, im Palais Royal getroffen, wie er noch zögerte, in den Spielsaal zu gehen. Dieser Tag war der vierzehnte. Bei Tisch konnte Cäsar nichts essen. Sein gewaltsam zusammengepreßter Magen verweigerte die Aufnahme von Speise. Der Abend war wiederum furchtbar. Der Kaufmann machte zum hundertsten Male den fürchterlichen Zustand zwischen Hoffnung und Verzweiflung durch, der die Seele die ganze Skala freudiger Empfindungen hinaufführt, um sie dann bis zu dem Gefühl des grimmigsten Schmerzes hinabzudrücken, und der damit solche schwache Naturen zerstört. Da erschien Derville, Birotteaus Anwalt, und stürzte in den prächtigen Salon, in dem Konstanze ihren armen Mann mit aller Gewalt festhielt, der sich im fünften Stock schlafen legen wollte; »damit ich nicht die Zeugnisse meiner Torheit zu sehen brauche«, sagte er.

»Ihr Prozeß ist gewonnen«, rief Derville.

Bei diesen Worten belebte sich Cäsars starres Gesicht, aber seine Freude erschreckte den Onkel Pillerault und Derville. Die Frauen entfernten sich betrübt, um sich in Cäsarines Zimmer auszuweinen.

»Dann kann ich also Geld aufnehmen«, rief der Parfümhändler.

»Das wäre unvorsichtig,« sagte Derville; »die Gegner appellieren, der Gerichtshof kann den Spruch umstoßen; aber in einem Monat werden wir das Urteil haben.«

»In einem Monat!«

Cäsar verfiel in einen Erschöpfungszustand, aus dem ihn niemand aufzurütteln versuchte. Diese Art erneuter Starrsucht, bei der der Körper lebte und litt, während die Geistestätigkeit aussetzte, diese vom Geschick vergönnte Gnadenfrist, wurde von Konstanze, Cäsarine, Pillerault und Derville als eine himmlische Wohltat angesehen, und ihre Ansicht war richtig. Birotteau konnte so die Erregung der Nacht, die ihn sonst aufgerieben hätte, aushalten. Er lag auf einem Lehnsessel in dem einen Kaminwinkel; in dem andern saß seine Frau, die ihn aufmerksam beobachtete, mit einem zärtlichen Lächeln auf den Lippen, jenem Lächeln, welches beweist, daß die Frauen der Natur der Engel näher verwandt sind als die Männer, und in das sie eine Mischung von unendlicher Zärtlichkeit und tiefstem Mitgefühl zu legen wissen, ein Geheimnis, das nur die Engel besitzen, die einem zuweilen in den Träumen erscheinen, mit denen die Vorsehung in langen Zwischenräumen die Menschheit beglückt. Cäsarine saß auf einem kleinen Taburett zu Füßen ihrer Mutter, berührte von Zeit zu Zeit mit ihrem Haar die Hände ihres Vaters und versuchte, in diese Zärtlichkeit alle Empfindungen hineinzulegen, die bei solchen Zuständen Worte aufdringlich erscheinen lassen.

Aufrecht in seinem Sessel, wie der Kanzler de L'Hospital in dem seinigen in der Vorhalle der Deputiertenkammer, trug das Gesicht Pilleraults, dieses auf alles gefaßten Philosophen, den erkennerischen Ausdruck des Antlitzes der ägyptischen Sphinx, während er sich leise mit Derville unterhielt. Konstanze hatte sich entschlossen, den Advokaten um seinen Rat zu bitten, dessen Diskretion über jeden Verdacht erhaben war. Da sie die Geschäftslage auswendig wußte, hatte sie Derville leise die Situation klargelegt. Nach einer Konferenz von etwa einer Stunde, die unter den Augen des stummen Pillerault abgehalten wurde, schüttelte der Anwalt den Kopf und sah Pillerault an.

»Gnädige Frau,« sagte er mit der schrecklichen Kaltblütigkeit des Geschäftsmannes, »es muß Konkurs angemeldet werden. Angenommen selbst, daß Sie mit irgendeinem Kunstgriff morgen zahlen können, es sind doch mindestens dreihunderttausend Franken zu bezahlen, bevor man die Terrains beleihen kann. Gegenüber den Passiven von fünfhundertfünfzigtausend Franken haben Sie Aktiva, die sehr schön, sehr gewinnbringend, aber nicht realisierbar sind, und in absehbarer Zeit muß der Zusammenbruch doch erfolgen. Nach meiner Ansicht ist es besser, aus dem Fenster zu springen, als sich die Treppe hinabfallen zu lassen.«

»Das ist auch meine Meinung, mein Kind«, sagte Pillerault.

Frau Konstanze und Pillerault begleiteten Derville hinaus.

»Du armer Vater«, sagte Cäsarine, die sich leise erhoben hatte, um einen Kuß auf Cäsars Stirn zu drücken. »Anselm hat also nicht helfen können?« fragte sie, als der Onkel und die Mutter zurückkamen.

»Der Undankbare!« rief Cäsar, der von diesem Namen an der einzigen Stelle seines Gedächtnisses, die noch Empfindung hatte, getroffen wurde, wie eine Klaviertaste erklingt, wenn der Hammer ihre Saiten angeschlagen hat.

Von dem Augenblick an, da dieses Wort ihm wie ein Fluch entgegengeschleudert worden war, hatte der kleine Popinot nicht einen Moment Schlaf oder Ruhe gehabt. Der unglückliche Junge verwünschte seinen Onkel und begab sich zu ihm. Um dessen alte Juristenerfahrung zu widerlegen, wandte er die Beredsamkeit des Liebenden auf und hoffte, damit einen Mann umstimmen zu können, an dem Menschenworte abglitten wie Wasser an einem Wachstuch, einen Richter!

»Vom Standpunkte des Kaufmanns aus«, sagte er, »ist es allgemein gestattet, daß der tätige Gesellschafter dem stillen Gesellschafter einen gewissen Betrag auf den Gewinn im voraus auszahlt, und unsere Gesellschaft wird Gewinn bringen. Nach genauer Prüfung meiner Geschäftslage fühle ich mich stark genug, die vierzigtausend Franken in drei Monaten zahlen zu können. Cäsars Ehrenhaftigkeit läßt keinen Zweifel darüber zu, daß er die vierzigtausend Franken zum Einlösen seiner Wechsel verwenden wird. Wenn er also auch Konkurs anmelden müßte, so könnten uns die Gläubiger keinerlei Vorwürfe machen! Und im übrigen, lieber Onkel, will ich lieber vierzigtausend Franken verlieren als Cäsarine. In diesem Augenblick hat sie sicher schon meine Weigerung erfahren und wird mich verachten. Ich habe gesagt, ich wolle für meinen Wohltäter mein Blut hingeben! Ich stehe jetzt so wie ein junger Matrose, der beim Schiffbruch seinem Kapitän die Hand hinreicht, wie ein Soldat, der mit seinem General fallen will.«

»Du bist ein braves Herz, aber ein schlechter Kaufmann, meine Achtung bleibt dir«, sagte der Richter und drückte seinem Neffen die Hand. »Ich habe viel über die Sache nachgedacht,« fuhr er fort, »ich weiß, daß du bis über die Ohren in Cäsarine verliebt bist, ich glaube, es ist doch möglich, daß du den Forderungen des Herzens wie des Handelsrechts genügen kannst.«

»Ach, lieber Onkel, wenn Sie einen solchen Ausweg gefunden haben, so retten Sie mir meine Ehre.«

»Schieße Birotteau fünfzigtausend Franken vor, indem du dir gleichzeitig ein Rückkaufsrecht auf seinen Anteil an eurem Ölgeschäft vertragsmäßig sicherst, das ein Eigentumsrecht darstellt, ich werde dir den Vertrag aufsetzen.«

Anselm umarmte seinen Onkel, eilte nach Hause, stellte Wechsel über fünfzigtausend Franken aus und rannte von der Rue des Cinq-Diamants nach der Place Vendôme, wo er in dem Augenblick eintraf, als Cäsarine, ihre Mutter und der Onkel Pillerault den Parfümhändler anblickten, überrascht von dem Grabeston, mit dem er das Wort »Undankbarer!« als Antwort auf die Frage seiner Tochter ausgesprochen hatte. Die Tür öffnete sich und Popinot erschien.

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