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Cäsar Birotteaus Größe und Niedergang

Honoré de Balzac: Cäsar Birotteaus Größe und Niedergang - Kapitel 23
Quellenangabe
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typefiction
authorHonoré de Balzac
titleCäsar Birotteaus Größe und Niedergang
publisherDiogenes
isbn3257204604
translatorHugo Kaatz
correctorreuters@abc.de
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Während der drei ersten Tage des neuen Jahres wurden zweihundert Gratulationskarten an Birotteau gesandt. Solch ein Zustrom falscher Freundschafts- und Gewogenheits-Bezeugungen ist fürchterlich für Leute, die vom Unglück verfolgt werden. Dreimal sprach Birotteau vergeblich in dem Palais des berühmten Bankiers, des Barons von Nucingen, vor. Der Beginn des neuen Jahres und die damit verbundenen Festlichkeiten machten die Abwesenheit des Finanzmanns begreiflich. Beim letzten Mal konnte der Parfümhändler bis zum Arbeitszimmer des Bankiers vordringen, wo der erste Buchhalter, ein Deutscher, ihm sagte, daß Herr von Nucingen erst um fünf Uhr morgens von einem Ball bei den Kellers nach Hause gekommen sei und nicht vor einhalb zehn Uhr sichtbar sein würde. Es gelang Birotteau, den ersten Buchhalter für seine Angelegenheit zu interessieren, und er unterhielt sich fast eine halbe Stunde mit ihm. Noch am selben Tage schrieb ihm dieser Minister des Hauses Nucingen, daß ihn der Baron am nächsten Tage, dem dreizehnten, um zwölf Uhr mittags empfangen wolle. Obwohl jede Stunde Cäsar einen Tropfen Wermut einflößte, verfloß der Tag doch mit rasender Geschwindigkeit. Der Parfümhändler kam im Fiaker vorgefahren, den er einige Schritte vor dem Eingang halten ließ, da der Vorhof mit Wagen überfüllt war. Das Herz des armen Menschen preßte sich zusammen, wenn er den Glanz dieses berühmten Hauses sehen mußte.

»Und dabei hat er zweimal Bankrott gemacht«, sagte er zu sich, während er die prachtvolle, mit Blumen geschmückte Treppe hinaufstieg und dann die kostbar ausgestatteten Räume durchschritt, durch die sich die Baronin Delphine von Nucingen berühmt gemacht hatte. Sie wollte durchaus mit den reichsten Häusern des Faubourg Saint-Germain, in denen sie keinen Zutritt hatte, konkurrieren. Der Baron frühstückte gerade mit seiner Frau. Trotzdem eine große Anzahl von Leuten in den Bureaus auf ihn wartete, hatte er erklärt, daß du Tillets Freunde jederzeit bei ihm Zutritt hätten. Birotteau war hoffnungsfreudig erregt, als er wahrnahm, welche Veränderung die Worte des Barons auf dem vorher so unverschämten Gesicht des Kammerdieners hervorgebracht hatten.

»Entschuldige, meine Liebe,« sagte der Baron zu seiner Frau, indem er sich erhob und Birotteau leicht zunickte, »der Herr hier is ein gutter Royalist un ein sehr intimer Freind von di Tillet. Un dazu is er Beiverordneter im zweiten Bezirk und gibt Bälle von asiatischer Prächtigkeit, du werst gewiß seine Bekanntschaft machen mit Vergniegen.«

»Oh, es wäre mir sehr schmeichelhaft, bei Frau Birotteau Unterricht zu nehmen, denn Ferdinand . . . (»Was,« dachte der Parfümhändler, »sie nennt ihn ganz einfach Ferdinand?«) hat uns von diesem Ball voller Bewunderung erzählt, die um so mehr ins Gewicht fällt, als er nicht leicht etwas anerkennt. Ferdinand ist ein strenger Kritiker, da muß schon alles vollkommen gewesen sein. Und werden Sie bald wieder einen geben?« fragte sie mit liebenswürdigstem Tone.

»Gnädige Frau, arme Leute wie wir können sich nur selten ein Vergnügen gönnen«, erwiderte der Parfümhändler, der sich nicht klar darüber war, ob das Spott oder ein banales Kompliment war. »Herr Grindot hat die Ausstattung von Ihre Zimmer gemacht«, sagte der Baron.

»Ah, Grindot, der nette kleine Architekt, der aus Rom zurückgekommen ist,« sagte Delphine von Nucingen, »ich bin begeistert von ihm, er macht mir entzückende Zeichnungen für mein Album.« Kein von einem venetianischen Henker mit der peinlichen Frage gefolterter Verschwörer hat sich je in den spanischen Stiefeln der Tortur schlimmer befunden als Birotteau in seinen Kleidern. Er machte zu all diesen Bemerkungen ein komisches Gesicht.

»Wir geben auch kleine Bälle,« sagte der Baron und warf einen forschenden Blick auf den Parfümhändler, »alle Leute geben welche, wie Sie sehn.«

»Würde Herr Birotteau nicht ohne Umstände mit uns frühstücken wollen?« sagte Delphine und wies auf den üppig besetzten Tisch.

»Ich bin hier in geschäftlichen Angelegenheiten, Frau Baronin, ich bin . . .«

»Ja,« sagte der Baron, »erlaubst du, daß wir von die Geschäfte reden?«

Delphine nickte zustimmend und sagte zu dem Baron: »Willst du Parfüms kaufen?« Der Baron zuckte mit den Achseln und wandte sich Cäsar zu, der wie auf Kohlen dastand.

»Di Tillet nimmt das greeßte Interesse an Sie«, sagte er.

»Endlich kommen wir zur Sache«, dachte der arme Kaufmann.

»Mit seinen Brief haben Sie in meinen Haus einen Kredit, der nur von die Grenzen von meinen Vermeegen beschränkt is.«

Der fröhlich machende Balsam, den das Wasser, das der Engel Hagar in der Wüste darreichte, enthielt, mußte ähnlich gewirkt haben wie der Tau, mit dem diese Worte in verstümmeltem Französisch die trockenen Adern des Parfümhändlers erquickten. Der schlaue Baron, der einen Grund haben wollte, sich auf richtig gesagte, aber falsch verstandene Worte berufen zu können, hatte die schauderhafte Aussprache der deutschen Juden, die sich schmeicheln, französisch zu sprechen, beibehalten.

»Sie sollen ein Kontokurrent haben. Wir wollen die Sache so machen«, sagte mit elsässischer Einfalt der gute, der verehrungswürdige, der große Finanzmann.

Birotteau zweifelte jetzt an nichts mehr; er war Kaufmann und wußte, daß diejenigen, die keine bindende Erklärung abgeben wollen, niemals sich auf die Einzelheiten der Ausführung einlassen. »Ich brauch Ihnen nich zu sagen, daß bei die Großen wie bei die Kleinen die Bank drei Unterschriften verlangt. Also, Sie wern ausstellen die Wechsel an die Order von unsern Freind di Tillet, und der werd sie schicken am selben Tage mit meine Unterschrift an die Bank und Sie wern haben um vier Uhr den Betrag von die Wechsel, was Sie unterschrieben haben frühmorgens, zum Zinsfuß von die Bank. Ich will nischt für Kommission, nischt für Skonto, gar nischt, denn ich wer haben das Vergniegen, daß ich Ihnen kann sein gefällig . . . Aber ich stell eine Bedingung«, sagte er und strich sich mit unnachahmlich schlauer Miene mit seinem linken Zeigefinger über die Nase.

»Sie ist im voraus zugestanden, Herr Baron«, sagte Birotteau, der an irgendeinen Beteiligungsanspruch an seinen Gewinnen dachte.

»Eine Bedingung, auf der ich den greeßten Wert lege, weil ich will, daß Frau von Nucingen, wie sie hat gesagt, nimmt Unterricht bei Frau Birotteau.«

»Aber Herr Baron, Sie machen sich über mich lustig, ich bitte Sie!«

»Herr Birotteau,« sagte der Baron mit ernstem Gesicht, »es is abgemacht, Sie laden uns ein zu Ihren nächsten Ball, meine Frau is eifersüchtig, sie will sehn Ihre Zimmer, von die man ihr gesagt hat, alles ist gewesen entzückt.«

»Herr Baron!«

»Oh, wenn Sie nich wollen, dann gibt's keinen Kredit! Sie stehn in große Gunst, Sie! Ich weiß, Sie haben gehabt den Seinepräfekt, der hat kommen müssen.«

»Herr Baron!«

»Sie haben gehabt von Pillardiere, den ordentlichen Kammerherrn, von Fontaine, was, wie Sie, gewesen is blessiert . . . bei Saint Roch.«

»Am 13. Vendémiaire, Herr Baron.«

»Sie haben gehabt Herrn von Lassebett, Herrn Fauquelin von de Akademie.«

»Herr Baron!«

»Teifel noch mal, sein Se doch nich so bescheiden, Herr Beigeordneter, ich hab gehört, der Keenig hat gesagt, daß Ihr Ball . . .«

»Der König?« fragte Birotteau, konnte aber nicht mehr darüber erfahren.

Jetzt trat ein junger Mann zwanglos ins Zimmer, dessen Schritt, den die schöne Delphine von Nucingen schon von weitem vernommen hatte, sie stark erröten ließ.

»Guten Tag, mein lieber de Marsay!« sagte der Baron von Nucingen, »setzen Sie sich auf meinem Platze; man hat mir gesagt, es is eine Riesenmasse Menschen in meine Bureaus. Ich weiß, warum! Die Wortschiner Minen geben ne Dividende, zweimal so groß wies Kapital! Ich hab de Abrechnung bekommen! Se haben hunderttausend Franken Rente mehr, Frau von Nucingen! Se kennen sich kaufen Gürtel und andre Sachen, was Se hübsch machen, so viel Se wollen.«

»Großer Gott! Und die Ragons haben ihre Aktien verkauft!« rief Birotteau aus.

»Was sind das für Herren?« fragte lächelnd der junge Elegant.

»Mir scheint, daß diese Leite« . . . sagte Herr von Nucingen, der schon die Tür erreicht hatte und sich umwandte, »de Marsay, das hier is Herr Birotteau, was Ihre Parfüms liefert und Bälle gibt von asiatische Pracht und den der Keenig hat dekoriert.«

De Marsay nahm sein Lorgnon und sagte: »Ah, richtig. Ich wußte, daß das Gesicht mir bekannt war. Sie wollen wohl Ihre Geschäfte mit einem guten Kosmetikum parfümieren, sie einölen . . .«

»Ach, richtig, die Ragons,« fuhr der Baron fort und machte ein ärgerliches Gesicht, »se hatten e Konto bei mir, ich hab se wollen ein Vermeegen verschaffen, und se konnten nich 'n Tag länger warten.«

»Herr Baron!« rief Birotteau.

Der arme Kerl fand, daß seine Angelegenheit noch sehr unklar war, und lief, ohne sich von der Baronin und de Marsay zu verabschieden, hinter dem Baron her.

Herr von Nucingen war schon auf der ersten Treppenstufe, der Parfümhändler erreichte ihn, als er in seine Bureaus trat. Als er die Tür öffnete, bemerkte Herr von Nucingen eine verzweifelte Bewegung der armen Kreatur, die sich in einen Abgrund versinken sah, und sagte: »Nu, wir sind also einig! Gehn Se zu di Tillet un machen Se de Sache mit ihn ab.«

Da Birotteau glaubte, daß de Marsay Einfluß auf den Baron hätte, rannte er die Treppe mit Windeseile wieder hinauf und schlich sich in das Speisezimmer, wo die Baronin und de Marsay noch sein mußten; als er sie verließ, wartete Delphine noch auf ihren Milchkaffee. Der Kaffee war, wie er sah, aufgetragen, aber die Baronin und der junge Elegant waren verschwunden. Zu dem erstaunten Gesicht des Parfümhändlers lächelte der Kammerdiener, und Birotteau ging langsam die Treppe wieder hinab. Er eilte zu du Tillet; der war, wie ihm gesagt wurde, bei Frau Roguin auf dem Lande. Der Parfümhändler nahm ein Kabriolett und zahlte einen Preis, für den er ebenso schnell wie mit der Post nach Nogent-sur-Marne gefahren werden sollte. In Nogent-sur-Marne teilte der Portier dem Parfümhändler mit, daß »die Herrschaften« nach Paris zurückgekehrt seien. Gebrochen kehrte Birotteau nach Hause zurück. Als er seine Irrfahrt seiner Frau und seiner Tochter erzählte, war er äußerst erstaunt, daß seine Konstanze, die sonst bei der geringsten geschäftlichen Schwierigkeit wie ein Unglücksvogel auf der Stange hockte, ihn aufs liebevollste tröstete und ihm versicherte, alles würde gut gehen.

Am andern Morgen befand sich Birotteau schon um sieben Uhr in du Tillets Straße auf dem Posten. Er bat den Portier du Tillets, ihn mit dessen Kammerdiener in Beziehung zu setzen, wobei er ihm zehn Franken zusteckte. Dadurch erreichte er es, den Kammerdiener sprechen zu können, den er ersuchte, ihn zu du Tillet hineinzubringen, sobald dieser sichtbar sein würde; dafür ließ er ihm zwei Goldstücke in die Hand gleiten. Diese kleinen Opfer und großen Demütigungen, die den Höflingen wie den Bittstellern geläufig sind, ließen ihn an sein Ziel gelangen. Um einhalb neun Uhr, als sein früherer Kommis seinen Schlafrock anzog, sich aus dem traumbefangenen Zustand langsam wach machte, gähnte, sich reckte und dabei seinen früheren Prinzipal um Entschuldigung bat, befand sich Birotteau endlich von Angesicht zu Angesicht dem rachedurstigen Tiger gegenüber, den er für seinen einzigen Freund hielt. »Lassen Sie sich nicht stören«, sagte Birotteau. »Was wünschen Sie denn, ›mein guter Cäsar‹?« Cäsar berichtete nun mit schauderhaftem Herzklopfen, was der Baron von Nucingen gesagt und verlangt hatte, während du Tillet unaufmerksam zuhörte, nach seinem Blasebalg suchte und den Kammerdiener ausschalt, daß er nicht ordentlich Feuer gemacht habe.

Der Kammerdiener hörte zu, ohne daß Cäsar es wahrnahm; als er ihn endlich bemerkte, hielt er verwirrt inne und fuhr erst fort, nachdem ihm du Tillet einen Spornstoß gegeben hatte: »Weiter, weiter, ich höre zu«, sagte der Bankier zerstreut. Der arme Mensch war in Schweiß gebadet, der aber zu Eis wurde, als du Tillet ihn scharf ansah und seine hellen goldgetigerten Pupillen auf ihn richtete, deren diabolischer Glanz ihm bis ins Herz drang.

»Mein lieber Prinzipal, die Bank hat sich geweigert, die Wechsel zu nehmen, die von Ihnen ausgestellt und von der Firma Claparon an Gigonnet mit dem Vermerk ›ohne Garantie‹ weitergegeben worden sind; ist das meine Schuld? Wie konnten Sie, ein ehemaliger Handelsrichter, eine solche Dummheit machen? Ich bin in erster Reihe Bankier. Ich kann Ihnen wohl Geld borgen, aber ich kann doch meine Unterschrift nicht einem Refus der Bank aussetzen. Meine ganze Existenz beruht auf Kredit. Das ist bei uns allen so. Wollen Sie Geld haben?«

»Können Sie mir soviel geben, wie ich brauche?«

»Das kommt auf die Höhe der Summe an. Wieviel brauchen Sie?«

»Dreißigtausend Franken.«

»Da fällt mir ja der Schornstein auf den Kopf«, sagte du Tillet und brach in ein Gelächter aus.

Als er dieses Gelächter wahrnahm, glaubte der Parfümhändler, getäuscht von dem Luxus du Tillets, es als das Lachen eines Mannes ansehen zu können, für den ein solcher Betrag eine Kleinigkeit war, und atmete auf. Du Tillet klingelte.

»Schicken Sie meinen Kassierer herauf.«

»Er ist noch nicht da, Herr du Tillet«, antwortete der Kammerdiener.

»Diese Kerls machen sich über mich lustig! Es ist halb neun, man könnte bis dahin bereits Geschäfte für eine Million gemacht haben.«

Fünf Minuten darauf erschien Herr Legras.

»Wieviel haben wir in der Kasse?«

»Nur zwanzigtausend Franken. Sie haben Auftrag gegeben, für dreißigtausend Franken Rente gegen Kasse zu kaufen, die am fünfzehnten zu bezahlen sind.«

»Richtig, ich bin noch im Schlafe.«

Der Kassierer warf einen scheelen Blick auf Birotteau und entfernte sich.

»Wenn die Wahrheit von der Erde verbannt werden sollte, so würde sie das letzte Wort, das sie noch zu sagen hätte, einem Kassierer anvertrauen. Haben Sie nicht an der Firma des kleinen Popinot, der sich jüngst etabliert hat, einen Anteil?« sagte er nach einer schrecklich langen Pause, während deren dem Parfümhändler der Schweiß von der Stirne rann.

»Ja,« erwiderte Birotteau harmlos, »glauben Sie, daß Sie Wechsel von ihm über eine erhebliche Summe eskomptieren könnten?«

»Bringen Sie mir Akzepte von ihm über fünfzigtausend Franken, ich werde sie zu einem erträglichen Zinssatz bei einem gewissen Gobseck unterbringen, der nicht schwer zu behandeln ist, wenn er viel Geld, und er hat viel Geld, anzulegen hat.«

Birotteau, der nicht merkte, wie die Bankiers ihn, gleich einem Ball, mit Raketts, einer dem andern zuwarfen, kehrte mit blutendem Herzen nach Hause zurück; aber Konstanze hatte bereits gemerkt, daß jeder Kredit ausgeschlossen war. Wenn drei Bankiers abgelehnt hatten, dann mußten schon alle über einen so bekannten Mann, wie der Beigeordnete war, sich untereinander verständigt haben; dementsprechend konnte man auch von der Bank von Frankreich nichts mehr erhoffen.

»Versuche zu prolongieren«, sagte Konstanze, »und geh zu Claparon, der ja dein Teilhaber ist, und zu all denen, die am fünfzehnten fällige Wechsel von dir in Händen haben, und schlage ihnen eine Prolongation vor. Es wird dann immer noch Zeit sein, mit Popinots Wechseln zu den Wucherern zu gehen.«

»Morgen ist der dreizehnte!« sagte Birotteau ganz gebrochen.

Er hatte, wie der Stil seines Prospekts gezeigt hat, ein sanguinisches Temperament, das bei Aufregungen und Nachgrübeln riesig viel Körperkraft verbraucht und durchaus des Schlafes bedarf, um diese Verluste wieder einzubringen. Cäsarine führte ihren Vater in den Salon und spielte ihm, um ihn aufzumuntern, »Rousseaus Traum«, ein sehr hübsches Stück von Herold, vor, während Konstanze mit einer Handarbeit daneben saß. Der arme Mann streckte sich auf einer Ottomane aus, und jedesmal, wenn er seinen Blick auf seine Frau richtete, antwortete ihm ein liebevolles Lächeln; so schlief er ein.

»Der arme Mann,« sagte Konstanze, »welche Qualen stehen ihm noch bevor! Wenn er sie nur aushalten kann.«

»Was ist dir denn, Mama?« sagte Cäsarine, als sie ihre Mutter in Tränen sah.

»Mein liebes Kind, ich sehe den Bankrott kommen. Wenn der Vater seine Bilanz vorlegen muß, dürfen wir niemandes Mitleid mehr anrufen. Mach dich gefaßt darauf, mein Kind, ein einfaches Ladenmädchen zu werden. Wenn ich sehen werde, daß du dein Geschick mutig auf dich nimmst, dann werde auch ich die Kraft haben, ein neues Leben anzufangen. Ich kenne den Vater, er wird seinen Gläubigern auch nicht einen Heller entziehen, ich selbst werde auf meine Anrechte verzichten, es wird alles, was wir besitzen, verkauft werden. Du, mein Kind, kannst morgen deine Schmucksachen und deine Kleider zu Onkel Pillerault bringen, du bist zu nichts verpflichtet.«

Cäsarine wurde von grenzenlosem Schrecken ergriffen, als sie diese mit frommer Selbstverständlichkeit gesprochenen Worte vernahm. Sie dachte daran, Anselm aufzusuchen, aber ihr Zartgefühl sträubte sich dagegen.

Am nächsten Morgen fand sich Birotteau um neun Uhr in der Rue de Provence ein, von einer ganz anderen Angst gepeinigt als der, die er schon durchgemacht hatte. Kredit beanspruchen ist im Geschäftsleben eine ganz einfache Sache. Es geschieht jeden Tag, daß man, wenn man etwas unternimmt, genötigt ist, Kapital aufzutreiben; aber Prolongation zu verlangen, das verhält sich, in der kaufmännischen Jurisprudenz, dazu, wie das Polizeigericht zum Schwurgericht, es ist der erste Schritt, der zum Bankrott führt, wie das Vergehen zum Verbrechen. Das Geheimnis der Schwierigkeit und Unfähigkeit, zu zahlen, ist aus den eigenen Händen in fremde geraten. Ein Kaufmann liefert sich dem andern Kaufmann an Händen und Füßen gebunden aus, und Gutherzigkeit gehört nicht zu den Tugenden der Börse.

Der Parfümhändler, der einst mit Augen, die von Selbstvertrauen strahlten, durch die Straßen von Paris geschritten war, zögerte jetzt, von Zweifeln geplagt, zu dem Bankier Claparon hineinzugehen; er begann allmählich zu begreifen, daß bei den Bankiers das Herz nur ein Muskel ist. Claparon erschien ihm so brutal in seiner plumpen Lustigkeit, er erinnerte sich so lebhaft an sein übles Benehmen, daß er davor zitterte, ihn anzusprechen.

»Da er mehr zum niedrigen Volk gehört, wird er vielleicht mehr Gefühl haben!« dies war das erste böse Wort, das ihm seine verzweifelte Lage abpreßte.

Cäsar nahm das letzte Restchen Mut, das er noch in sich fühlte, zusammen und stieg die Treppe zu einem kleinen elenden Zwischengeschoß hinauf, an dessen Fenstern er im Vorbeigehen grüne, von der Sonne verblichene Vorhänge bemerkt hatte. An der Tür las er das Wort »Bureaus« in schwarzer Schrift auf einem ovalen Schild aus Kupfer; als auf sein Klopfen niemand antwortete, trat er hinein. Die mehr als einfach ausgestatteten Zimmer sahen nach Dürftigkeit, Geiz oder Vernachlässigung aus. Kein Angestellter war hinter den messingnen Gitterverschlägen zu sehen, die in Armeshöhe auf ungestrichenem Holz angebracht waren und einen Raum mit schwarz gewordenen Tischen und Pulten abschlossen. In diesen leeren Bureaus befanden sich eine Menge von Tintenfässern, in denen die Tinte eingetrocknet war, und von Federn, die wie von Bengeln in Form von Sonnenstrahlen zerschlissen aussahen. Außerdem lagen Mappen, Papiere und Drucksachen, zweifellos alle unberührt, herum. Der Fußboden glich dem des Sprechzimmers einer Pension, so abgenutzt, schmutzig und feucht war er. Das zweite Zimmer, dessen Tür die Aufschrift »Kasse« trug, stimmte mit dem düsteren Aussehen des ersten Bureaus überein. In einer Ecke befand sich ein großer Verschlag von Eichenholz, der mit kupferfarbenen Strichen gegittert war, mit einem beweglichen Schieber versehen und einen riesigen eisernen Kasten enthaltend, der offenbar den Ratten als Tummelplatz diente. Dieser Verschlag, dessen Tür offen stand, enthielt noch einen Sekretär von phantastischer Form und einen elenden durchlöcherten, grünen Schreibsessel mit zerrissenem Bezug, aus dem das Polsterhaar wie die Perücke des Chefs in zerzausten Korkzieherlocken heraussah. Dieses Zimmer, früher anscheinend der Salon der Wohnung, bevor es zum Bureau umgewandelt worden war, besaß als Hauptschmuck einen runden, mit einer grünen Tischdecke versehenen Tisch, um den alte Stühle in Maroquinleder mit verblaßten Nägeln standen. Der ziemlich elegante Kamin wies nichts von den schwarzen Flecken, die das Feuer macht, auf, seine Platte war unbenutzt, sein Spiegel war übel von Fliegen beschmutzt und paßte zu der Uhr aus Mahagoniholz, die auf dem Ausverkauf irgendeines alten Notars erstanden war und ebenso trübe stimmte, wie die beiden Leuchter ohne Kerzen und der klebrige Staub. Die mausgraue Tapete mit einer rosa Borte ließ durch ihr verräuchertes Aussehen darauf schließen, daß hier die Luft durch Raucher verdorben wurde. Alles sah genau so aus wie die gewöhnlichen Räume, die von den Zeitungen »Redaktionszimmer« genannt werden. Birotteau, der nicht unhöflich sein wollte, klopfte dreimal leicht an die dem Eingang gegenüberliegende Tür.

»Herein!« rief Claparon, dessen Stimme von weit her erklang, weil der Bankier sich in dem Zimmer, in das der Parfümhändler eingetreten war und in dem ein helles Feuer brannte, nicht befand. Dieses Zimmer diente ihm in der Tat als Privatzimmer. Zwischen dem pomphaften Empfang Kellers und der merkwürdigen Nachlässigkeit dieses angeblichen großen Mannes der Industrie war ein Unterschied wie zwischen Versailles und dem Wigwam eines Huronenhäuptlings. Der Parfümhändler hatte die Bankwelt in ihrer Herrlichkeit gesehen, jetzt sollte er sie in ihrer Erbärmlichkeit kennenlernen. In einer hinter dem Zimmer befindlichen Nische, dessen gesamtes einstmals ziemlich elegantes Mobiliar abgenutzt, schmutzig, fettig, ruiniert, in Unordnung und zerbrochen war infolge der Gewohnheiten eines liederlichen Lebens, lag Claparon, der sich beim Anblick Birotteaus in seinen schmierigen Schlafrock hüllte, seine Pfeife weglegte und die Vorhänge des Bettes mit einer Geschwindigkeit zuzog, die bei dem unschuldigen Parfümhändler über seine Sittlichkeit Zweifel erwecken mußte.

»Setzen Sie sich doch, Herr Birotteau«, sagte dieses Spottbild eines Bankiers.

Claparon, ohne Perücke, mit einem schiefsitzenden Tuch um den Kopf, erschien Birotteau um so abschreckender, als der Schlafrock, wenn er sich öffnete, eine Art von weißer gestrickter Unterjacke sehen ließ, die durch übermäßig langes Tragen braun geworden war.

»Wollen Sie mit mir frühstücken?« sagte Claparon, der sich an den Ball des Parfümhändlers erinnerte und sich gleichzeitig revanchieren und mit dieser Einladung Birotteau ausweichen wollte.

In der Tat befand sich auf einem runden Tische, der in Eile von seinen Papieren befreit worden war, eine hübsche Zusammenstellung von Pastete, Austern, Weißwein und den üblichen in Champagner gekochten Nieren, deren Sauce geronnen war. Das Steinkohlenfeuer beleuchtete eine Omelette mit Trüffeln.

Zwei Gedecke, mit ihren von dem Souper des vergangenen Abends fleckigen Servietten, hätten schließlich auch der reinsten Unschuld die Augen geöffnet.

»Es sollte jemand zu mir kommen, aber dieser Jemand hat sich gedrückt«, sagte der schlaue Reisende so laut, daß es eine in seinem Bett versteckte Person hören mußte.

»Herr Claparon,« sagte Birotteau, »ich bin ausschließlich in Geschäftsangelegenheiten hier und werde Sie nicht lange aufhalten.«

»Ich bin überlastet,« erwiderte Claparon und zeigte auf sein Zylinderbureau und die mit Papieren überhäuften Tische, »man läßt mir nicht einen freien Augenblick, um zu mir zu kommen. Ich nehme eigentlich nur am Sonnabend Besuch an, aber für Sie, verehrter Herr, bin ich immer zu sprechen! Mir bleibt gar keine Zeit mehr für die Liebe und den Bummel, ich verliere die feine Nase für die Geschäfte; die verlangt eine wohlverteilte Muße. Ich komme nicht mehr dazu, untätig auf den Boulevards zu flanieren. Ach, die Geschäfte langweilen mich, ich will nichts mehr von Geschäften hören; Geld habe ich genug, aber Vergnügen kann man nie genug haben. Wahrhaftig, ich reise fort, ich muß Italien sehen! Ach, das geliebte Italien, auch in seinem Niedergang noch schön, dieses anbetungswürdige Land, wo ich sicherlich eine mollige und doch majestätische Italienerin finden werde! Ich habe die Italienerinnen immer geliebt! Haben Sie nie eine Italienerin gehabt? Nein? Nun, dann begleiten Sie mich nach Italien. Wir werden Venedig sehen, den einstigen Sitz der Dogen, das recht übler Weise in die schlauen Hände Österreichs geraten ist, das von Kunst keine Ahnung hat! Also lassen wir die Geschäfte beiseite, die Kanäle, die Anleihen und die Regierungen. Ich bin ein guter Kerl, wenn ich die Taschen voll Geld habe. Also reisen wir, Donner noch mal!«

»Ein einziges Wort, Herr Claparon, und ich gehe«, sagte Birotteau. »Sie haben meine Wechsel an Herrn Bidault weitergegeben.«

»Sie wollen sagen Gigonnet, den guten kleinen Gigonnet, einen kulanten Mann, so kulant wie . . . wie eine Schleife.«

»Jawohl,« fuhr Cäsar fort, »ich wollte . . . und hierbei rechne ich auf Ihre Ehrenhaftigkeit und Ihr Zartgefühl . . .«

Claparon verneigte sich.

»Ich wollte um Prolongation bitten.«

»Unmöglich,« antwortete der Bankier kurz, »ich bin nicht allein bei diesem Geschäft beteiligt. Wir bilden einen Rat, eine richtige Kammer, in der man sich aber verständigt, wie Speckstücke im Ofen. Oh, verdammt, wie wird da beraten! Die Terrains an der Madeleine bedeuten ja nichts, wir arbeiten noch anderswo. Ach, mein Bester, wenn wir uns nicht auch bei den Champs-Elysées, um die Börse, die bald fertig sein wird, im Viertel Saint-Lazare und in Tivoli beteiligt hätten, dann ständen wir nicht, wie der dicke Nucingen sagt, ›mitten in die Geschäfte drin‹. Was ist denn die Madeleine-Angelegenheit? Eine kleine Drecksache.

Pfui! Wir knickern nicht, mein Lieber«, sagte er, schlug Birotteau auf den Bauch und faßte ihn um die Taille. »Vorwärts, wir wollen frühstücken und plaudern«, fuhr Claparon fort, um seine Ablehnung zu mildern.

»Gern«, sagte Birotteau und dachte bei sich: »Um so schlimmer für den Gast«, während er sich vornahm, Claparon betrunken zu machen, um herauszubekommen, wer in Wahrheit seine Teilhaber bei einer Angelegenheit, die ihm allmählich immer dunkler erschien, waren.

»Schön! Victoire!« rief der Bankier.

Auf diesen Ruf erschien eine wahre Sibylle, herausgeputzt wie ein Fischweib.

»Sagen Sie den Kommis, daß ich für niemanden zu sprechen bin, auch nicht für Nucingen, die Kellers, Gigonnet oder andere!«

»Es ist nur Herr Lemper da.«

»Mag er die ganze liebe Gesellschaft empfangen. Der Pöbel soll nicht weiter als ins erste Zimmer kommen. Er soll sagen, daß ich nachzudenken habe über einen großen Schluck aus der Pulle . . . aus der Champagnerpulle.«

Einen früheren Geschäftsreisenden betrunken zu machen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Cäsar hatte die lebhaften Ausdrücke schlechten Tons für Anzeichen von Trunkenheit gehalten, als er versuchte, seinen Teilhaber auszuhorchen.

»Dieser niederträchtige Roguin steht mit Ihnen immer noch in Verbindung,« sagte Birotteau, »möchten Sie ihm nicht schreiben, daß er einem alten Freunde, den er betrogen hat, helfen solle, einem Manne, mit dem er allsonntäglich zusammen am Tisch gesessen hat und mit dem er seit zwanzig Jahren bekannt war?«

»Roguin? . . . ein Dummkopf! Sein Anteil gehört uns. Seien Sie nicht so traurig, mein Bester, alles wird noch gut werden. Bezahlen Sie am fünfzehnten, und bei nächster Gelegenheit wollen wir weiter sehen. Wenn ich sage, wir wollen sehen . . . (ein Glas Wein!) so meine ich, die Geldsachen gehen mich absolut nichts an. Wenn Sie nicht zahlen – ich werde Ihnen kein schiefes Gesicht deshalb ziehen, für mich kommt nur eine Kommissionsgebühr beim An- und Verkauf in dieser Sache in Frage, abgesehen von dem, was ich bei den Grundbesitzern herausschlage . . . Verstehen Sie? Ihre Teilhaber sind sichere Leute, ich brauche also keine Angst zu haben, verehrter Herr. Heutzutage müssen die Geschäfte auf mehrere verteilt werden! Jedes Geschäft erfordert das Zusammenwirken von so viel Kapazitäten! Beteiligen Sie sich doch an unsern Geschäften. Was soll der Kleinkram mit Pomaden und Kämmen, da kommt nichts dabei heraus! Das Publikum müssen Sie scheren, in die Spekulation müssen Sie mit hineingehen.«

»Die Spekulation?« sagte der Parfümhändler, »was ist das für ein Geschäft?«

»Das ist das abstrakte Geschäft,« erwiderte Claparon, »ein Geschäft, das nach der Äußerung des großen Nucingen, dieses Napoleons der Finanz, noch etwa zwölf Jahre ein Geheimnis bleiben wird, und bei dem einer die Geschäfte in ihrer Totalität umfaßt und die Gewinne vorwegnimmt, bevor sie noch existieren, eine gigantische Konzeption, eine Methode, die Erwartungen vorher zu regulieren, kurz, eine neue Geheimlehre! Wir sind bisher erst zehn bis zwölf kluge Köpfe, die in die geheimen Lehren dieser wunderbaren Kombination eingeweiht sind.«

Cäsar sperrte Augen und Ohren auf bei dem Versuch, diese komplizierte Ausdrucksweise zu verstehen.

»Solche Hauptschläge«, sagte Claparon nach einer Pause, »erfordern Männer, wissen Sie. Da ist so ein Mensch mit Ideen, der aber keinen Sou besitzt, wie alle Menschen mit Ideen. Diese Leute denken und geben alles achtlos von sich. Stellen Sie sich ein Schwein vor, das im Gehölz nach Trüffeln sucht! Hinter ihm her geht ein Schlaukopf, ein Mensch mit Geld, der abwartet, bis er das Grunzen vernimmt, das den Fund anzeigt. Ist der Mensch mit Ideen auf irgendeine gute Sache gestoßen, dann klopft ihm der Mensch mit Geld auf die Schulter und sagt: Was hast du denn da? Du rennst da mitten ins Feuer hinein, mein Bester, dazu bist du nicht widerstandsfähig genug; hier sind tausend Franken, laß mich damit die Sache in Szene setzen. Schön! Darauf ruft der Bankier die Industrieleute zusammen. Ans Werk, Freunde! Prospekte! Es muß auf Leben und Tod den Leuten etwas vorgemacht werden! Man nimmt die Jagdhörner und bläst aus Leibeskräften: Hunderttausend Franken für fünf Sous! Oder, fünf Sous für hunderttausend Franken, Goldminen, Kohlenminen. Beim Handel ist schließlich alles Schwindel. Man kauft sich Männer der Wissenschaft oder der Kunst, marschiert in Parade auf, das Publikum ist zufrieden und die Einnahmen haben wir. Das Schwein wird mit Kartoffeln wieder in seinen Stall gesperrt und die andern wälzen sich auf den Kassenscheinen. So geht es zu, Verehrtester. Beteiligen Sie sich an den Geschäften. Was wollen Sie sein? Schwein, Puter, Hanswurst oder Millionär? Überlegen Sie sichs, ich habe Ihnen die Theorie der modernen Anleihen formuliert. Besuchen Sie mich nur, Sie werden stets einen guten, immer vergnügten Kerl finden. Die französische Jovialität, gleichzeitig würdig und lustig, ist den Geschäften nicht hinderlich, im Gegenteil! Männer, die mit einander kneipen, verständigen sich leicht! Bitte, noch ein Glas Champagner? Oh, das ist ein gut gepflegter! Diesen Wein hat mir jemand direkt aus Epernay geschickt, für den ich viel zu guten Preisen verkauft habe. (Ich war früher im Weingeschäft.) Er zeigt sich nun erkenntlich und denkt an mich, wo es mir gut geht. Das geschieht selten.«

Birotteau, überrascht von dem Leichtsinn und der Sorglosigkeit dieses Menschen, den alle Welt für erstaunlich tief und fähig hielt, wagte nicht weiter zu fragen. Aber in der verwirrenden Erregung, in die ihn der Champagner versetzt hatte, erinnerte er sich doch eines Namens, den du Tillet genannt hatte, und fragte, wer der Bankier Gobseck wäre und wo er wohne.

»Sind Sie schon so weit, lieber Herr?« sagte Claparon. »Gobseck ist ebensogut Bankier, wie der Henker von Paris Arzt ist. Sein erstes Wort ist: fünfzig Prozent; er gehört zur Schule Harpagons, er bietet Ihnen Kanarienvögel, ausgestopfte Schlangen, Pelze im Sommer und Nanking im Winter an. Und was für Sicherheiten wollen Sie ihm bieten? Wenn er Ihre ungedeckten Wechsel nehmen soll, dann müssen Sie ihm Ihre Frau, Ihre Tochter, Ihren Regenschirm und alles ähnliche bis zu Ihrer Hutschachtel, Ihren Überschuhen, Schaufeln, Pinzetten und dem Holz in Ihrem Keller ausliefern! . . . Gobseck, Gobseck! Unglücksmensch! Wer hat Sie denn an diese Finanzguillotine gewiesen?«

»Herr du Tillet.«

»Ah, dieser Kerl, daran erkenne ich ihn! Wir sind mal befreundet gewesen. Aber wir haben uns so überworfen, daß wir uns nicht mehr grüßen, und Sie können mir glauben, daß mein Abscheu gegen ihn begründet ist; er hat mich auf dem Grunde seiner dreckigen Seele lesen lassen, er hat mich auf dem schönen Ball, den Sie gegeben haben, unverschämt behandelt; ich kann ihn nicht ausstehen mit seinem geschniegelten Äußeren; und alles, weil er eine Notarsfrau hat! Marquisen könnte ich haben, ich, wenn ich wollte; meine Achtung kann er sich nie wieder erwerben! Oh, meine Achtung ist eine Prinzessin, die niemals wieder zu ihm ins Bett steigen wird. Aber Sie sind ein Spaßvogel, Dickerchen, daß Sie uns einen solchen Ball geben und zwei Monate später Prolongationen verlangen! Sie können's noch weit bringen. Wollen wir nicht gemeinsames Geschäft machen? Sie haben einen guten Ruf, davon kann ich profitieren. Oh, du Tillet, der paßt zu Gobseck. Er wird hier mal ein böses Ende nehmen. Wenn er, wie man sagt, das ›Lamm‹ des alten Gobseck ist, wird es nicht lange mit ihm dauern. Gobseck lauert in seinem Netze wie eine alte Spinne, die in der Welt weit herumgekommen ist. Früher oder später heißt es: aus! Der Wucherer schluckt seinen Mann hinunter, wie ich dieses Glas Wein. Um so besser! Du Tillet hat mir einen Streich gespielt . . . oh, einen Streich, für den er gehenkt zu werden verdiente.«

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