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Cäsar Birotteaus Größe und Niedergang

Honoré de Balzac: Cäsar Birotteaus Größe und Niedergang - Kapitel 21
Quellenangabe
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typefiction
authorHonoré de Balzac
titleCäsar Birotteaus Größe und Niedergang
publisherDiogenes
isbn3257204604
translatorHugo Kaatz
correctorreuters@abc.de
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Als er den Torweg erreichte, bemerkte der Parfümhändler, dessen Augen in Tränen schwammen, kaum ein schönes, schweißtriefendes englisches Pferd, das mit einem der hübschesten Kabrioletts, die zu dieser Zeit über das Pariser Pflaster rollten, vor der Tür stillhielt. Er hätte sich am liebsten von diesem Wagen überfahren lassen; er wäre dann durch einen Unfall umgekommen, dem man die Unordnung in seinen Geschäften hätte zur Last legen können. Er erkannte du Tillet gar nicht, der schlank, in elegantem Morgenanzug, seinem Diener die Zügel zuwarf und eine Decke über den nassen Rücken seines Vollblutpferdes legte.

»Welcher Zufall führt Sie hierher?« sagte du Tillet zu seinem früheren Prinzipal.

Du Tillet wußte es natürlich ganz genau, denn die Kellers hatten Erkundigungen bei Claparon eingezogen, der, im Einverständnis mit du Tillet, den alten guten Ruf des Parfümhändlers untergraben hatte. Obgleich schnell verschluckt, sprachen die Tränen des armen Kaufmanns doch deutlich genug.

»Sind Sie etwa hierher gekommen, um Hilfe bei diesen Wucherern zu suchen,« sagte du Tillet, »bei diesen Würgeengeln des Handels, die solche niederträchtigen Börsenmanöver gemacht haben wie die Hausse in Indigo, nachdem sie ihn aufgekauft hatten, und die Baisse in Reis, um die, die mit der Ware zurückhielten, zu zwingen, billig an sie zu verkaufen, damit sie nachher den Marktpreis diktieren konnten, diesen blutgierigen Piraten, die sich weder um Treu und Glauben, noch um Recht, noch um menschliches Gefühl kümmern! Wissen Sie denn nicht, wessen diese Leute fähig sind? Sie gewähren Ihnen einen Kredit, wenn Sie sich auf ein gutes Geschäft eingelassen haben, und sobald Sie das Räderwerk der Sache in Betrieb gesetzt haben, dann kündigen sie ihn und zwingen Sie, ihnen das Unternehmen für einen elenden Preis abzutreten. Havre, Bordeaux und Marseille können Ihnen schöne Dinge über diese Leute erzählen. Die Politik dient ihnen nur als Deckmantel für ihre unsauberen Geschäfte, das können Sie mir glauben! Daher mache ich mir auch keine Skrupel darüber, wenn ich sie ausnutze! Gehen wir ein bißchen spazieren, mein lieber Birotteau! Joseph, führen Sie das Pferd auf und ab, es hat sich heiß gelaufen. Teufel nochmal, es repräsentiert ein Kapital von tausend Talern.« Damit wandte er sich dem Boulevard zu. – »Nun, mein verehrter Prinzipal – Sie sind doch mein Chef gewesen – brauchen Sie Geld? Diese elende Gesellschaft wird natürlich Garantien von Ihnen verlangt haben. Ich, der ich Sie kenne, ich biete Ihnen Geld gegen Ihr einfaches Akzept an. Ich habe mein Vermögen in ehrenhafter Weise mit unglaublicher Mühe erworben. Ich bin nach Deutschland gegangen, um es zu erringen. Heute kann ich es Ihnen sagen: ich habe die Emigrantenquittungen mit sechzig Prozent Rabatt aufgekauft; dabei war mir Ihre Bürgschaft sehr nützlich und ich, ich bin nicht undankbar! Wenn Sie zehntausend Franken brauchen, so können Sie sie haben.«

»Wirklich, du Tillet?« rief Cäsar aus, »ist das wirklich wahr? Treiben Sie keinen Spott mit mir? Ja, ich bin etwas in Verlegenheit, aber nur für den Augenblick.«

»Ich weiß, die Affäre Roguin«, erwiderte du Tillet. »Ach, ich sitze auch mit zehntausend Franken drin, die der alte Kerl vor der Flucht von mir entliehen hat, aber Frau Roguin wird sie mir aus ihren Eingängen zurückerstatten. Ich habe der armen Frau geraten, daß sie nicht so dumm sein soll, ihr Vermögen zu opfern, um die Schulden zu bezahlen, die für ein Frauenzimmer gemacht worden sind; das wäre ja noch schöner, wenn sie alles bezahlen wollte, aber wie soll sie gewisse Gläubiger vor anderen bevorzugen? Sie sind kein Roguin, Sie kenne ich, Sie würden sich eher eine Kugel vor den Kopf schießen, als daß Sie mich einen Sou einbüßen ließen. Aber da sind wir ja in der Rue de la Chaussée d'Antin, kommen Sie zu mir hinauf.«

Es machte dem Parvenü Vergnügen, seinen ehemaligen Prinzipal, anstatt in die Bureaus, durch seine Privaträume zu führen, und er machte das langsam, um ihm das reiche Speisezimmer zu zeigen, das mit in Deutschland gekauften Bildern geschmückt war, und zwei Salons von einer Pracht und einem Luxus, wie ihn Birotteau nur noch bei dem Herzog von Lenoncourt bewundert hatte. Die Augen des Bourgeois waren wie geblendet von den Vergoldungen, den Kunstwerken, den kostbaren Kleinigkeiten, den wunderbaren Vasen, von all den tausend Einzelheiten, die den Luxus von Konstanzens Zimmer verblassen ließen; und da er wußte, was ihn seine teure Einrichtung gekostet hatte, so sagte er bei sich: »Wo hat er nur so viele Millionen hergenommen?«

Er betrat dann das Schlafzimmer, neben dem Frau Birotteaus ihm vorkam wie die Wohnung eines Statisten im dritten Stock neben dem Hause einer ersten Sängerin der Oper. Die Decke war ganz mit violetter Seide bespannt, deren Falten mit weißer Seide abgesetzt waren. Ein Bettvorleger von Hermelin hob sich von einem veilchenfarbenen orientalischen Teppich ab. Die Möbel und das übrige Zubehör wiesen neue Formen von besonderer Eigenart auf. Der Parfümeur blieb vor einer reizenden Uhr mit einer Gruppe von Amor und Psyche stehen, die eben für einen bekannten Bankier angefertigt worden war; du Tillet hatte von ihm das einzige Exemplar, das noch neben dem seinigen existierte, bekommen. Endlich gelangten der ehemalige Prinzipal und der ehemalige Kommis in ein stutzerhaft elegantes, kokettes Arbeitszimmer, das mehr für die Liebe als für die Finanzen geschaffen schien. Sicher hatte Frau Roguin, um sich für die Sorgfalt, mit der er ihr Vermögen verwaltete, erkenntlich zu zeigen, das Falzbein aus getriebenem Golde, Briefbeschwerer aus Malachit mit Metallzieraten – alle die kostspieligen Kleinigkeiten eines unbegrenzten Luxus, geschenkt. Der Teppich, reichste belgische Arbeit, fesselte ebensosehr das Auge, wie er beim Betreten durch seine Weichheit und Dicke auffiel. Du Tillet bot dem armen Parfümhändler, der geblendet, überrascht, verwirrt war, einen Sitz am Kamin an.

»Wollen Sie mit mir frühstücken?«

Er klingelte; ein Kammerdiener erschien, der besser angezogen war als Birotteau.

»Sagen Sie Herrn Legras, daß er heraufkommen möchte, und bestellen Sie dann Joseph, daß er nach Hause kommen soll, Sie finden ihn vor der Tür von Kellers; dann gehen Sie hinein, und sagen Sie Herrn Adolph Keller, ich käme nicht zu ihm, sondern ich erwarte ihn hier bis zum Börsenbeginn. Außerdem lassen Sie anrichten und zwar gleich.«

Diese Worte verblüfften den Parfümhändler.

»Er bestellt diesen gefürchteten Adolph Keller zu sich, er pfeift ihm, wie einem Hunde! Er, du Tillet!«

Ein Groom, nicht dicker als eine Faust, erschien, zog einen Tisch auseinander, der so klein war, daß Birotteau ihn nicht bemerkt hatte, und stellte eine Gänseleberpastete und eine Flasche Bordeauxwein auf, nebst andern ausgesuchten Dingen, die bei Birotteau kaum alle paar Monate, bei besonderen Gelegenheiten, auf den Tisch kamen. Du Tillet kostete seinen Genuß aus. Sein Haß gegen den einzigen Menschen, der ein Recht hatte, ihn zu verachten, war so glühend geworden, daß Birotteau ihn den aufregenden Eindruck empfinden ließ, den der Anblick eines Lammes, das sich gegen einen Tiger verteidigt, gewährt. Dabei schoß ihm ein großmütiger Gedanke durch den Kopf: er fragte sich, ob seiner Rache nicht schon Genüge geschehen sei, und schwankte zwischen Maßnahmen der erwachenden Neigung zur Gnade und dem Gefühl des befriedigten Hasses hin und her.

»Ich kann diesen Mann geschäftlich vernichten,« dachte er, »ich habe das Recht über Leben und Tod in der Hand, bei ihm, bei seiner Frau, die mich zurückgestoßen hat, bei seiner Tochter, deren Hand mir damals ein Vermögen zu verheißen schien. Sein Geld habe ich nun, begnügen wir uns also, den armen Kerl an der Angel, die ich festhalte, zappeln zu lassen.«

Ehrenhafte Menschen haben häufig kein Taktgefühl, kein Maßhalten im Guten, weil sie alles ohne Umwege und ohne Hintergedanken tun. So stürzte sich Birotteau selbst rettungslos ins Unglück, indem er den Tiger reizte, ihm, ohne es zu ahnen, das Herz durchbohrte und ihn durch ein Wort, ein Lob, einen ihn ehren sollenden Ausdruck, durch die Einfalt des ehrenhaften Empfindens unversöhnlich machte. Als der Kassierer erschien, wies du Tillet auf Cäsar.

»Herr Legras, bringen Sie mir zehntausend Franken und einen Wechsel über diesen Betrag an meine Order ausgestellt, zahlbar in drei Monaten von diesem Herrn hier, Herrn Birotteau, wissen Sie!«

Du Tillet bot dem Parfümhändler die Pastete an und goß ihm ein Glas Bordeauxwein ein; dieser, der sich gerettet sah, brach in ein konvulsivisches Lachen aus; er spielte mit seiner Uhrkette und nahm keinen Bissen in den Mund, bis sein ehemaliger Kommis zu ihm sagte: »Wollen Sie denn nichts essen?« So enthüllte Birotteau die Tiefe des Abgrunds, in den ihn du Tillets Hand gestoßen hatte, aus dem er ihn herauszog, und in den er ihn wieder hinabstoßen konnte. Als der Kassierer zurückgekommen war und Cäsar nach der Unterzeichnung des Wechsels die zehn Kassenscheine der Bank in seiner Tasche fühlte, konnte er sich nicht mehr zurückhalten. Noch vor einem Augenblick war seine Lage so, daß sein Stadtviertel und die Bank seine Zahlungsunfähigkeit erfahren mußten, und er seiner Frau zu gestehen genötigt war, daß er ruiniert sei; und jetzt war alles in Ordnung! Das Glücksgefühl der Erlösung war eben so stark wie die Qual der Niederlage. Dem armen Menschen wurden, ohne daß er es hindern konnte, die Augen feucht.

»Was ist Ihnen denn, mein lieber Prinzipal«, sagte du Tillet. »Würden Sie denn nicht morgen dasselbe für mich tun, was ich heute für Sie tue? Ist das nicht klar wie der Tag?«

»Du Tillet,« sagte der gute Mann mit emphatischem, ernstem Tone, indem er sich erhob und seinem ehemaligen Kommis die Hand drückte, »du hast dir meine volle Achtung zurückerobert.«

»Wie! Hatte ich sie denn verloren?« sagte du Tillet, der sich dadurch so schwer mitten in seinem Glanze beleidigt fühlte, daß er errötete.

»Verloren . . . das nicht gerade,« sagte der Parfümhändler, entsetzt über seine Dummheit, »aber man hatte mir mancherlei über Ihr Verhältnis mit Frau Roguin zugetragen. Himmel! Einem andern die Frau wegzunehmen . . .«

»Du willst dich herausreden«, dachte du Tillet und beschloß bei sich, diesen Tugendmenschen zu vernichten, ihn unter die Füße zu treten und vor der Pariser Handelswelt diesen anständigen, ehrenhaften Mann, der ihn mit der Hand in seiner Tasche ertappt hatte, verächtlich zu machen. Aller Haß, der politische wie der private, der von Weib gegen Weib und von Mann gegen Mann, hat keinen andern Grund als ein ähnliches Ertapptsein. Man haßt nicht um geschädigter Interessen, um einer Wunde, selbst nicht um einer Ohrfeige willen; alles das ist wieder gutzumachen. Wohl aber, wenn man auf frischer Tat bei einer gemeinen Handlung ertappt wird! Das Duell, das sich dann zwischen dem Schuldigen und dem Zeugen der Tat entspinnt, kann nur durch den Tod des einen oder des andern beendigt werden.

»Ach, Frau Roguin«, sagte du Tillet spöttisch; »aber ist das nicht im Gegenteil ein Ruhmestitel für einen jungen Mann? Aber ich verstehe Sie, mein lieber Prinzipal, man wird Ihnen erzählt haben, daß sie mir Geld geliehen hat. Nun, das Gegenteil ist wahr, ich habe ihr ihr Vermögen gerettet, das durch die Geschäfte ihres Mannes stark gefährdet war. Mein Vermögen stammt, wie ich Ihnen schon vorhin gesagt habe, aus reiner Quelle. Daß ich nichts besaß, das wissen Sie. Junge Menschen befinden sich manchmal in einer fürchterlichen Notlage. Man kann in der Tiefe des Elends so weiter leben. Hat man aber, wie die Republik, erzwungene Anleihen gemacht, nun, dann zahlt man sie auch zurück, und dann handelt man ehrlicher, als Frankreich gehandelt hat.«

»So ist es,« sagte Birotteau. »Mein liebes Kind . . . Gott . . . Hat das nicht Voltaire gesagt?:

Er machte aus der Reue die Tugend der Sterblichen.«

»Insofern,« fuhr du Tillet fort, den dieses Zitat aufs neue tief verletzt hatte, »insofern man nicht das Vermögen seines Nächsten in feiger und niedriger Weise schädigt, wie wenn Sie, zum Beispiel, vor Ablauf von drei Monaten Bankrott machten und mich um meine zehntausend Franken bringen würden . . .«

»Ich Bankrott machen!« sagte Birotteau, der drei Glas Wein getrunken hatte und sich in einem Freudenrausch befand. »Meine Ansichten über den Bankrott sind doch bekannt! Für den Kaufmann bedeutet der Bankrott den Tod; ich würde ihn nicht überleben!«

»Auf Ihre Gesundheit«, sagte du Tillet.

»Auf dein weiteres Gedeihen«, erwiderte der Parfümhändler. »Warum kaufen Sie eigentlich nicht bei mir?«

»Ich muß Ihnen wahrhaftig gestehen,« sagte du Tillet, »daß ich mich vor Frau Konstanze scheue; sie hat immer einen so tiefen Eindruck auf mich gemacht! Und wenn Sie nicht mein Prinzipal gewesen wären, so würde ich wahrhaftig . . .«

»Ach, du bist nicht der erste, der sie schön findet; viele haben sie begehrt, aber sie liebt mich allein! Aber, du Tillet,« fuhr er fort, »lieber Freund, tun Sie, was Sie tun, nicht halb.«

»Wie denn?«

Birotteau setzte du Tillet nun die Terrainangelegenheit auseinander, der große Augen machte, den Parfümhändler wegen seines Scharfsinns und seines weiten Blicks beglückwünschte und das Geschäft für vortrefflich erklärte.

»Nun, ich bin glücklich über die Zustimmung, Sie gelten für einen bedeutenden Kopf in der Bankwelt, du Tillet! Sie könnten mir einen Kredit bei der Bank von Frankreich verschaffen, damit ich in Ruhe den Gewinn aus dem Huile Céphalique abwarten kann.«

»Ich kann Sie dem Hause Nucingen empfehlen«, erwiderte du Tillet, der sich vorgenommen hatte, sein Opfer alle Figuren des Kontertanzes eines in Konkurs Geratenden durchtanzen zu lassen.

Ferdinand setzte sich an seinen Schreibtisch und verfaßte folgenden Brief:

»Herrn Baron von Nucingen. Paris.

Lieber Herr Baron! Der Überbringer dieses Schreibens ist Herr Cäsar Birotteau, städtischer Beigeordneter des zweiten Bezirks und einer der namhaftesten Industriellen der Pariser Parfümerie; er wünscht mit Ihnen in Verbindung zu treten. Sie können seinen Wünschen vertrauensvoll Gehör schenken; den Gefallen, den Sie ihm erweisen, erweisen Sie gleichzeitig

Ihrem Freunde

F. du Tıllet.«

Du Tillet setzte keinen I-Punkt auf seinen Namen. Dieses absichtliche Weglassen war ein mit seinen Geschäftsfreunden verabredetes Zeichen. Die angelegentlichsten Empfindungen, die wärmsten und dringendsten Bitten bedeuteten dann gar nichts. Ein solcher Brief mit flehentlichen Ausrufungszeichen, in dem du Tillet förmlich niederkniete, war ihm durch wichtige Umstände abgerungen worden; er konnte ihn nicht ablehnen, aber er galt dann als nicht geschrieben. Wenn er das i ohne Punkt sah, dann speiste sein Geschäftsfreund den Bittsteller mit leeren Versprechungen ab. Viele Männer der großen Welt, und darunter die angesehensten, sind auf diese Weise wie die Kinder von Geschäftsleuten wie von Advokaten an der Nase herumgeführt worden, die beide eine doppelte Unterschrift hatten, eine tote und eine lebende. Die Scharfsinnigsten sind darauf hereingefallen. Um diesen Schwindel zu erkennen, muß man die verschiedene Wirkung eines warmen und eines kühlen solchen Briefes beobachtet haben.

»Sie sind mein Retter, du Tillet!« sagte Cäsar, als er den Brief gelesen hatte.

»Sie brauchen wahrhaftig nur Geld zu verlangen,« sagte du Tillet, »dann wird Ihnen Nucingen auf diesen Brief hin so viel geben, wie Sie haben wollen. Unglücklicherweise sind meine Mittel für einige Tage festgelegt, sonst würde ich Sie nicht zu den Fürsten der Hochfinanz schicken, denn die Kellers sind Zwerge neben dem Baron von Nucingen. Nucingen ist ein zweiter Law. Mit meinem Briefe wird Ihnen bis zum 15. Januar geholfen sein, und dann werden wir weiter sehen. Nucingen und ich sind die besten Freunde von der Welt, nicht um eine Million möchte er mir eine Gefälligkeit abschlagen.«

»Das ist so gut wie eine Bürgschaft«, sagte sich Birotteau, als er voller Dankbarkeit für du Tillet fortging. »Eine Wohltat findet eben immer ihren Lohn!« Und so philosophierte er weiter ins Blaue hinein. Nur ein Gedanke trübte seine Freude. Er hatte wohl einige Tage verhindern können, daß seine Frau die Nase in die Bücher steckte, er hatte die Kasse Cölestin aufgeladen und ihm dabei geholfen, er hatte es durchsetzen können, daß seine Frau und seine Tochter sich des Genusses der schönen Wohnung, die er ihnen eingerichtet und ausgestattet hatte, in Ruhe erfreuten; aber nachdem diese erste kleine Freude erschöpft war, wäre Frau Birotteau eher gestorben, als daß sie darauf verzichtet hätte, sich persönlich um die Einzelheiten ihres Geschäfts zu kümmern und, wie sie sich ausdrückte, das Heft in der Hand zu behalten. Birotteau war mit seinem Latein zu Ende; er hatte alle Kunstgriffe aufgebraucht, mit denen er seiner Frau den Einblick in die Symptome seiner Bedrängnis vorenthalten hatte. Konstanze hatte über das Ausschicken der Rechnungen sehr geschimpft, sie hatte mit dem Kommis gescholten und Cölestin vorgeworfen, er wolle die Firma ruinieren, da sie annahm, das sei allein seine Idee gewesen. Auf Birotteaus Verlangen hatte sich Cölestin ausschelten lassen. In seinen Augen kommandierte Konstanze den Parfümhändler; denn man kann wohl das Publikum, aber nicht die Hausgenossen darüber täuschen, wer in Wirklichkeit in einer Ehe den Ton angibt. Birotteau mußte jetzt seiner Frau seine Lage bekennen, denn er mußte seine Anleihe bei du Tillet rechtfertigen. Als er nach Hause kam, sah er nicht ohne zu zittern Konstanze im Kontor sitzen, die Fälligkeitstermine nachsehen und die Kasse abrechnen.

»Womit willst du denn morgen zahlen?« sagte sie leise zu ihm, nachdem er sich neben sie gesetzt hatte.

»Mit dem Gelde hier,« antwortete er, zog die Kassenscheine aus der Tasche und winkte Cölestin, daß er sie an sich nehmen solle.

»Aber wo hast du es denn her?«

»Ich werde dir das heute abend erzählen. Cölestin, notieren Sie für Ende März einen Wechsel über zehntausend Franken an die Order von du Tillet.«

»Du Tillet?« wiederholte Konstanze tief erschrocken.

»Ich muß Popinot aufsuchen«, sagte Cäsar. »Es ist schlecht von mir, daß ich immer noch nicht bei ihm gewesen bin. Verkauft sich sein Öl?«

»Von den dreihundert Flaschen, die er uns geliefert hat, ist keine mehr übrig.«

»Birotteau, geh nicht fort, ich habe mit dir zu reden«, sagte Konstanze und zog ihn beim Arme mit einer Hast, die unter andern Umständen komisch gewesen wäre, in sein Zimmer. »Du Tillet,« sagte sie, als sie mit ihm allein war und sich überzeugt hatte, daß nur noch Cäsarine zugegen war, »du Tillet, der uns tausend Taler gestohlen hat! Du machst Geschäfte mit du Tillet, diesem Scheusal . . . der mich hat verführen wollen«, fügte sie leise hinzu.

»Jugendtorheiten«, sagte Birotteau, der plötzlich ein Freigeist geworden war.

»Höre, Birotteau, du bist ganz verändert, du gehst nicht mehr in die Fabrik. Dahinter steckt etwas, das merke ich! Und du wirst mir sagen, was; ich will alles wissen.«

»Also höre: wir waren beinahe ruiniert, wir waren es sogar noch heute früh, aber jetzt ist alles wieder in Ordnung.«

Und er erzählte ihr die furchtbare Geschichte seiner letzten vierzehn Tage.

»Daher deine Krankheit«, rief Konstanze aus.

»Ja, Mama«, sagte Cäsarine. »Ach, was für einen Mut hat der Papa entwickelt! Alles, was ich mir wünsche, ist, daß ich einmal so geliebt werde, wie er dich liebt. Er hat nur an deinen Kummer gedacht.«

»So ist mein Traum doch in Erfüllung gegangen,« sagte die arme Frau und ließ sich auf ihren Sessel am Kamin fallen, bleich vor Schrecken. »Ich habe das alles kommen sehen. Ich habe es dir vorhergesagt in jener verhängnisvollen Nacht, in unserm alten Zimmer, das du hast abreißen lassen; ich habe dir gesagt, daß uns nichts mehr bleiben wird als unsre Augen zum Weinen. Meine arme Cäsarine! Ich . . .«

»Ja, so bist du nun!« rief Birotteau aus. »Du nimmst mir auch noch den Mut, den ich so nötig brauche.«

»Verzeih mir, Lieber,« sagte Konstanze und drückte Cäsar die Hand so zärtlich, daß es dem armen Mann zu Herzen ging. »Ich habe unrecht, das Unglück ist da, ich werde stumm sein und ergeben und werde alle Kräfte aufbieten. Nein, du sollst keine Klage mehr von mir hören.« Weinend warf sie sich Cäsar an die Brust und sagte: »Mut, Liebster, Mut. Wenn es nötig ist, werde ich Mut für zweie haben.«

»Mein Öl, liebes Kind, mein Öl wird uns retten.«

»Möge uns Gott beschützen«, sagte Konstanze.

»Und wird Anselm dem Vater nicht helfen?« sagte Cäsarine.

»Ich gehe zu ihm«, rief Cäsar, überwältigt von dem herzzerreißenden Ton seiner Frau, den er selbst nach neunzehn Jahren so noch nicht vernommen hatte. »Du brauchst gar keine Angst zu haben, Konstanze. Hier, lies du Tillets Brief an Herrn von Nucingen, wir bekommen den Kredit sicher. Und meinen Prozeß werde ich bald gewonnen haben. Und,« fügte er mit einer Notlüge hinzu, »außerdem haben wir doch noch Onkel Pillerault, es kommt nur darauf an, daß wir den Mut nicht verlieren.«

»Oh, wenn es sich nur darum handelt«, sagte Konstanze lächelnd.

Von einer großen Last befreit, entfernte sich Birotteau, wie ein in Freiheit gesetzter Gefangener, obwohl er innerlich jene unerklärbare Erschöpfung verspürte, die auf übermäßige innere Kämpfe zu folgen pflegt, bei denen man mehr Nerven- und Willenskraft verbraucht hat, als man täglich zusetzen darf, und wo man sozusagen das Lebenskapital angegriffen hat. Birotteau war in dieser kurzen Zeit alt geworden.

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