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Cäsar Birotteaus Größe und Niedergang

Honoré de Balzac: Cäsar Birotteaus Größe und Niedergang - Kapitel 20
Quellenangabe
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typefiction
authorHonoré de Balzac
titleCäsar Birotteaus Größe und Niedergang
publisherDiogenes
isbn3257204604
translatorHugo Kaatz
correctorreuters@abc.de
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Diese Artikel erquickten die Seele Gaudissarts, der sich mit den Zeitungen bewaffnete, um die Vorurteile zu zerstreuen, und der auf die Provinz das losließ, was die Spekulanten seitdem nach ihm eine »volle Ladung« nennen. Zu dieser Zeit beherrschten die Pariser Zeitungen die Departements, die »noch ohne Organe« waren, die Unglücklichen! Die Journale wurden daher hier ernsthaft durchstudiert, vom Kopf bis zum Namen des Druckers, bis zu der Stelle, wo sich der Spott der verfolgten politischen Ansichten verstecken konnte. Gestützt auf die Presse, hatte Gaudissart schon in den ersten Städten, wo er sein Mundwerk losließ, einen glänzenden Erfolg. Alle Ladenhändler wollten eingerahmte Ankündigungen mit dem Bilde von Hero und Leander haben. Finot hatte über das Macassaröl eine reizende Parodie verfaßt, die in den Funambules große Heiterkeit erregte, wenn Pierrot einen alten Haarbesen nimmt, der nur noch Löcher hat, Macassaröl darauf gießt und ihn dann dicht belaubt wie einen Wald vorzeigt. Diese Ironie erregte allgemeines Gelächter. Finot erzählte später mit Vergnügen, daß er damals ohne die tausend Taler vor Elend und Kummer gestorben wäre. Die tausend Taler bedeuteten für ihn ein Vermögen. Bei diesem Feldzug ahnte er als erster die Macht der Anzeige, von der er einen so großen und so geschickten Gebrauch machte. Drei Monate später war er Chefredakteur einer kleinen Zeitung, die er schließlich ankaufte und die der Grundstein seines Vermögens wurde. Ebenso wie die volle Ladung, die der berühmte Gaudissart, der Murat der Reisenden, auf die Departements und die Grenzgebiete abgeschossen hatte, dem Hause A. Popinot kaufmännisch zum Siege verhalf, so siegte es auch in der öffentlichen Meinung durch die starke Beteiligung der Zeitungen, die das allgemeine Bekanntwerden der Brasilianischen Mixtur und der Paste Regnauld veranlaßt hatte. Beim ersten Auftreten ließ diese im Sturm erfolgte Eroberung der öffentlichen Meinung dreifachen Erfolg und dreifaches Vermögen erzielen und machte den Weg frei für den Zustrom von tausendfachen nach Erfolg ringenden Ansprüchen, die seitdem in geschlossenen Bataillonen in die Arena des Zeitungswesens hinabgestiegen sind, wo sie mit der bezahlten Anzeige eine ungeheure Revolution hervorgerufen haben! In diesem Augenblick machte sich die Firma A. Popinot & Co. an allen Mauern und in allen Schaufenstern breit. Außerstande, die Wichtigkeit einer solchen Publizität richtig einzuschätzen, begnügte sich Birotteau damit, zu Cäsarine zu sagen: »Der kleine Popinot tritt in meine Fußtapfen!«, ohne den Unterschied der Zeiten zu begreifen und ohne die Bedeutung des neuen Verfahrens zu würdigen, dessen rapide Ausbreitung viel schneller als in früheren Zeiten die Handelswelt eroberte. Seit dem Balle hatte Birotteau noch keinen Fuß in seine Fabrik gesetzt: er hatte daher keine Ahnung, welchen Eifer und welche Tätigkeit Popinot hier entwickelte. Anselm hatte sämtliche Arbeiter Birotteaus mit Beschlag belegt und brachte selbst die Nacht hier zu; auf allen Kisten, allen Paketen, allen Rechnungen sah er Cäsarines Bild; »sie wird mein Weib werden!« sagte er zu sich, wenn er ohne Rock, mit aufgekrempelten Hemdsärmeln, entschlossen die Kisten selbst zunagelte, weil seine Kommis Besorgungen machen mußten.

Nachdem er die ganze Nacht alles überlegt hatte, was er einem großen Manne der Hochfinanz sagen und nicht sagen solle, ging Cäsar am nächsten Tage nach der Rue du Houssaye und betrat, nicht ohne schauderhaftes Herzklopfen, das Haus des liberalen Bankiers, der zu der Partei gehörte, die mit vollem Recht beschuldigt wurde, die Bourbonen vertreiben zu wollen. Der Parfümhändler war, wie alle Pariser Kleinhändler, mit den Gewohnheiten und den Persönlichkeiten der großen Bankwelt nicht vertraut. Zwischen der Hochfinanz und dem Handel stehen in Paris Firmen zweiten Ranges, die der Bankwelt als Vermittler von Nutzen sind und die ihr noch eine Garantie mehr bieten. Konstanze und Birotteau, die sich niemals über ihre Mittel hinaus engagiert hatten, deren Kasse niemals leer gewesen war und die die Wechsel im Portefeuille behalten hatten, waren mit diesen Häusern zweiten Ranges nie in Verbindung getreten; um so weniger waren ihnen die Regionen der Hochfinanz bekannt. Es ist vielleicht falsch, sich keinen Kredit zu schaffen, auch wenn man ihn nicht nötig hat: die Ansichten über diesen Punkt sind geteilt. Wie dem auch sein mag, Birotteau bedauerte jetzt sehr, daß er seine Unterschrift niemals in Umlauf gesetzt hatte. Da er aber als Beigeordneter und als Politiker kein unbekannter Mann war, so glaubte er, sich nur nennen zu brauchen, um empfangen zu werden; er hatte keine Ahnung von dem wie im königlichen Vorzimmer erfolgenden Zustrom zu den Audienzen des Bankiers. Als er in den Salon vor dem Arbeitszimmer des in so vielen Beziehungen berühmten Mannes geführt worden war, sah sich Birotteau inmitten einer zahlreichen Gesellschaft von Deputierten, Schriftstellern, Journalisten, Börsenmaklern, großen Kaufleuten, Geschäftsleuten, Ingenieuren und vor allem von Vertrauten, die durch die Gruppen hindurchgingen und mit einem besonderen Zeichen an die Tür des Arbeitszimmers anklopften, wo sie dann außer der Reihe eingelassen wurden. »Was bedeute ich inmitten dieser großen Maschinerie?« sagte sich Birotteau, ganz verwirrt von dem Getriebe dieser geistigen Schmiedewerkstatt, aus der sich die Opposition mit ihrem täglichen Brot versorgte und wo die Theaterproben der großen Tragikomödie abgehalten wurden, die die Linke spielte. Zu seiner Rechten hörte er die Frage der Anleihe für die Fertigstellung der wichtigsten Kanäle, die die Wegebauverwaltung projektiert hatte, diskutieren, und es handelte sich hierbei um Millionen! Zu seiner Linken unterhielten sich Journalisten, die als Stellungsjäger der Eigenliebe des Bankiers schmeichelten, über die gestrige Sitzung und die improvisierte Rede ihres Beschützers. Während der zwei Stunden, die er schon wartete, bekam Birotteau den Bankier und Politiker dreimal zu Gesicht, als er namhafte Persönlichkeiten bis drei Schritte vor seine Tür begleitete. Mit dem letzten, dem General Foy, ging Franz Keller bis ins Vorzimmer.

»Ich bin verloren!« sagte Birotteau, dem sich das Herz zusammenkrampfte, zu sich.

Als der Bankier nach seinem Arbeitszimmer zurückging, stürzte sich die Meute von Höflingen, Freunden und Interessenten auf ihn, wie Hunde, die hinter einer hübschen Hündin her sind. Einige freche Köter drängten sich gegen seinen Willen in das Allerheiligste. Die Konferenzen dauerten fünf Minuten, zehn Minuten, eine Viertelstunde. Die einen gingen zerknirscht weg, die andern trugen ein zufriedenes Aussehen zur Schau oder nahmen eine wichtige Miene an. Die Zeit verfloß, und Birotteau sah angstvoll auf die Uhr. Kein Mensch beachtete diesen Schmerz, der auf dem vergoldeten Sessel am Kaminwinkel seufzte, an der Tür dieses Zimmers, in dem das Allheilmittel sich befand, der Kredit! Mit Kummer dachte Cäsar daran, wie auch er zu Hause einen Augenblick ein König gewesen war, so wie dieser Mann alle Morgen ein König war, und er ermaß die Tiefe des Abgrunds, in den er gestürzt war. Ein bitterer Gedanke! Wieviel Tränen waren in dieser Stunde hier verschluckt worden! . . . Wievielmal hatte Birotteau Gott angefleht, ihm diesen Mann günstig zu stimmen, bei dem er unter der starken Hülle populär sein wollender Liebenswürdigkeit eine Rücksichtslosigkeit, eine tyrannische Schärfe und eine brutale Herrschsucht verspürte, vor der sich sein weiches Gemüt entsetzte. Als schließlich nur noch zehn bis zwölf Personen anwesend waren, entschloß sich Birotteau, vorzutreten und sich dem großen Redner gegenüberzustellen, indem er sagte: »Ich bin Birotteau!« Der Grenadier, der als erster die Schanze an der Moskwa erkletterte, hat nicht mehr Mut entwickelt, als der Parfümhändler zu diesem Manöver aufbringen mußte.

»Schließlich bin ich doch sein Beigeordenter«, sagte er sich, als er sich erhob, um seinen Namen zu nennen.

Franz Keller machte ein freundliches Gesicht, offenbar wollte er liebenswürdig sein; er bemerkte das rote Bändchen des Parfümhändlers, trat zurück, öffnete die Tür zu seinem Arbeitszimmer, ließ ihn vorangehen und blieb noch einige Zeit im Gespräch mit zwei Personen stehen, die sich von der Treppe her mit der Gewalt eines Wirbelsturms auf ihn gestürzt hatten.

»Decazes will Sie sprechen«, sagte der eine von ihnen.

»Es handelt sich darum, Marsans Flagge herunterzuholen! Der König sieht jetzt klar, er tritt auf unsere Seite!« rief der andere.

»Wir werden zusammen in die Kammer gehen«, sagte der Bankier und trat ins Zimmer mit der Haltung eines Frosches, der sich zu einem Ochsen aufblähen will.

»Wie kann er dabei an seine Geschäfte denken?« fragte sich Birotteau völlig verblüfft.

Die Sonne der Überlegenheit strahlte auf seinem Gesicht und blendete den Parfümhändler, wie das Licht die Insekten blind macht, die nach dem milden Tageslicht oder dem Halbdunkel einer schönen Nacht verlangen. Auf einem riesigen Tische bemerkte er den Etat, die tausend Drucksachen der Kammer, geöffnete Bände des Moniteur mit angestrichenen Stellen, um einem Minister vergessene frühere Sätze ins Gesicht schleudern zu können und ihn zum Widerruf zu zwingen unter dem Beifall einer albernen Zuhörerschaft, die unfähig ist, zu begreifen, daß eingetretene Ereignisse alles umgestalten. Auf einem andern Tische lagen Mappen aufgehäuft, Denkschriften, Projekte und die tausenderlei Auskünfte, die dem Manne überreicht waren, aus dessen Kasse alle neu entstehenden Industriezweige zu schöpfen versuchten. Der fürstliche Luxus dieses Zimmers voller Gemälde, Statuen und Kunstwerke, der überladene Kaminsims, die angehäuften Bündel von einheimischen und auswärtigen Zinsbogen – alles machte Birotteau betroffen und klein, erhöhte seinen Schrecken und machte ihm das Blut erstarren. Auf Franz Kellers Schreibtisch lagen Haufen von Effekten, Wechseln und Papieren. Keller setzte sich und begann eiligst Briefe zu unterzeichnen, die keiner näheren Prüfung bedurften.

»Welchem Anlaß verdanke ich die Ehre Ihres Besuches, mein Herr?« sagte er.

Bei diesen Worten, zu ihm allein von diesem Munde ausgesprochen, der gewöhnt war, zu Europa zu reden, während die Hand hastig über das Papier eilte, hatte der arme Parfümhändler ein Gefühl, als wenn ihm ein heißes Eisen in den Leib gestoßen würde. Er machte ein freundliches Gesicht, wie es der Bankier seit zehn Jahren bei allen, die ihn in eine nur für sie wichtige Angelegenheit verwickeln wollten, zu sehen gewöhnt war, und das ihm schon von vornherein ein Übergewicht über sie gab. Franz Keller warf Cäsar einen Blick zu, der diesem durch und durch ging, einen Napoleonsblick. Das Nachmachen dieses Blicks war eine ziemlich lächerliche Gewohnheit einiger Parvenüs geworden, die noch nicht einmal ein schlechter Abklatsch dieses ihres Kaisers waren. Dieser Blick senkte sich auf Birotteau, den Mann der Rechten, den Trabanten der herrschenden Macht, das inkarnierte Element des monarchistischen Gedankens, wie der Stempel des Zollbeamten auf eine Ware.

»Ich will Ihre Zeit nicht mißbrauchen, verehrter Herr, und werde mich kurz fassen: Ich komme in einer rein geschäftlichen Angelegenheit, um Sie zu fragen, ob ich von Ihnen einen Kredit bekommen kann. Sie werden begreifen, daß ich, als früherer Handelsrichter und der Staatsbank nicht unbekannt, mich nur an diese, zu deren Leitern Sie selbst gehören, zu wenden brauchte, wenn mein Portefeuille nicht leer wäre. Ich habe die Ehre gehabt, zusammen mit dem Herrn Baron Thibon, dem Chef der Wechselabteilung, als Richter zu fungieren, und er würde mir mein Gesuch sicher nicht abschlagen. Aber ich habe noch nie Kredit in Anspruch genommen und noch nie meine Unterschrift gegeben; diese kennt niemand und Sie wissen, welchen Schwierigkeiten eine geschäftliche Transaktion dann begegnet . . .« Keller schüttelte den Kopf, was Birotteau für ein Zeichen der Ungeduld hielt. – »Nun zur Sache!« fuhr er fort. »Ich habe mich in ein Terraingeschäft eingelassen, das nichts mit meinem Berufsgeschäft zu tun hat . . .«

Franz Keller, der ununterbrochen schrieb und las und auf Cäsar nicht zu hören schien, wandte den Kopf um und machte eine zustimmende Bewegung, die jenen ermutigte. Birotteau glaubte, daß seine Sache auf gutem Wege sei, und atmete auf.

»Nur weiter, ich höre zu«, sagte Keller freundlich.

»Ich habe bei dem Ankauf der Terrains an der Madeleine die Hälfte davon erworben.«

»Jawohl, ich habe bei Nucingen von diesem riesigen Geschäft, auf das sich die Firma Claparon eingelassen hat, reden hören.«

»Nun,« fuhr der Parfümhändler fort, »ein Kredit von hunderttausend Franken, gedeckt durch meinen Anteil an den Terrains oder durch mein Geschäftsvermögen, würde genügen, um mich bis zu dem Augenblick über Wasser zu halten, wo mir der Gewinn aus einem demnächst herauskommenden neuen Artikel der Parfümerie zufließt. Wenn es erforderlich ist, würde ich zur Deckung auch Wechsel einer neuen Firma, des Hauses A. Popinot, eines jungen Hauses, das . . .«

Keller schien sich sehr wenig um das Haus Popinot zu kümmern und Birotteau merkte, daß er auf ein falsches Gleis geraten war; er schwieg und fuhr dann, erschreckt über das Schweigen, fort: »Was die Zinsen anlangt, so . . .«

»Gewiß, gewiß,« sagte der Bankier, »die Sache läßt sich vielleicht machen, zweifeln Sie nicht an meinem Wunsche, Ihnen gefällig zu sein. Aber so beschäftigt, wie Sie mich sehen – ich habe die Finanzangelegenheiten von ganz Europa auf dem Halse –, werden Sie sich nicht wundern, wenn ich eine Masse von Geschäften von meinen Bureaus prüfen lasse. Gehen Sie zu meinem Bruder Adolph hinunter und setzen Sie ihm die Beschaffenheit Ihrer Garantien auseinander; wenn er einverstanden ist, können Sie morgen oder übermorgen mit ihm um die Zeit, wo ich die entscheidende Prüfung der Geschäfte vornehme, um fünf Uhr morgens, wiederkommen. Wir sind stolz und glücklich, daß Sie uns mit Ihrem Vertrauen beehrt haben, Sie sind einer von den standhaften Royalisten, deren politischer Gegner man sein kann, deren Achtung aber schmeichelhaft ist . . .«

»Verehrter Herr,« sagte der Parfümhändler, entzückt von dieser Kammerrednerphrase, »ich glaube dieser Ehre, die Sie mir erweisen, ebenso würdig zu sein wie der allerhöchsten Gunst und Auszeichnung . . ., die ich als Richter beim Handelsgericht und als Kämpfer . . .«

»Jawohl,« fuhr der Bankier fort, »der Ruf, den Sie genießen, öffnet Ihnen alle Türen, Herr Birotteau. Sie brauchen uns bloß ein Geschäft, das wir machen können, vorzuschlagen, dann können Sie auf unsre Hilfe rechnen.«

Eine Dame, Frau Keller, eine der beiden Töchter des Grafen von Gondreville, öffnete jetzt eine Tür, die Birotteau nicht bemerkt hatte.

»Ich hoffe, wir sehen dich noch, mein Lieber, bevor du in die Kammer gehst«, sagte sie.

»Es ist schon zwei Uhr,« rief der Bankier, »die Schlacht hat bereits begonnen. Entschuldigen Sie mich, Herr Birotteau, es handelt sich um den Sturz eines Ministers . . . Gehen Sie zu meinem Bruder.«

Er begleitete den Parfümhändler bis zur Tür und sagte zu einem seiner Leute: »Bringen Sie den Herrn zu Herrn Adolph.«

Ein Mann in Livree führte Birotteau über ein Labyrinth von Treppen zu einem weniger kostbar als das des Firmenchefs eingerichteten, aber viel wichtigeren Arbeitszimmer: Birotteau, auf einem »wenn«, dem lenkbarsten Reittier der Hoffnung, sitzend, strich sich das Kinn und erblickte in den schmeichelhaften Worten des berühmten Mannes ein günstiges Vorzeichen. Er bedauerte, daß ein Feind der Bourbonen ein so liebenswürdiger und begabter Mann und ein so bedeutender Redner war.

Erfüllt von solchen Illusionen betrat er ein kahles, kaltes, mit zwei Zylinderbureaus und einigen schlechten Sesseln möbliertes und mit sehr schadhaften Vorhängen und einem dürftigen Teppich versehenes Arbeitszimmer. Dieses Zimmer verhielt sich zu jenem andern wie die Küche zum Speisezimmer, die Fabrik zu dem Verkaufsladen. Hier wurden die Bank- und Handelsgeschäfte bis ins Innerste geprüft, die Unternehmungen genau studiert und die Provisionen der Bank bei allen Erträgen von Industrieunternehmen, die als einbringlich angesehen wurden, festgelegt. Hier wurden die gewagten Coups erdacht, durch die man sich in wenigen Tagen ein schnell auszubeutendes Monopol verschaffen konnte; hier die Lücken der Gesetzgebung herausgefunden und ohne Scheu das ausbedungen, was die Börse einen »Löwenanteil« nennt, Kommissionsgebühren für die geringsten Dienste, wie die Unterstützung eines Unternehmens nur durch ihren Namen und die Gewährung eines Kredits. Hier wurden die gesetzlich nicht anfechtbaren Schwindeleien ausgeheckt, die darin bestanden, sich an zweifelhaften Unternehmungen in der Weise zu beteiligen, daß man erst den Erfolg abwartete, um sie dann zu vernichten und sich ihrer zu bemächtigen, indem man im kritischen Moment sein Kapital zurückforderte; ein schreckliches Manöver, durch das unzählige Aktionäre hineingelegt wurden.

Die beiden Brüder hatten die Rollen unter sich verteilt. Oben spielte sich Franz, der vornehme Mann und Politiker, als ein König auf, der Gunstbeweise und Versprechungen austeilte und sich bei allen angenehm machen. Bei ihm machte sich alles leicht; er behandelte die Geschäfte nicht kleinlich und berauschte die neuen Ankömmlinge und die noch unerfahrenen Spekulanten mit dem Wein seiner Gunst und seiner einnehmenden Rede, indem er ihnen ihre eigenen Ideen entwickelte. Unten entschuldigte Adolph seinen Bruder mit seiner politischen Überlastung und verstand es, geschickt auf den Busch zu klopfen; er war daher der unbeliebte Bruder, der schwierige Mann. Man mußte also von beiden Seiten die Zusage haben, wenn man mit dieser hinterlistigen Firma zu einem Geschäftsabschluß gelangen wollte. Häufig verwandelte sich das liebenswürdige Ja des Staatszimmers in ein trockenes Nein in Adolphs Arbeitszimmer. Dieses Hinziehen gestattete die genaue Überlegung und war oft der Anlaß, sich über weniger gewandte Konkurrenten lustig zu machen. Der Bruder des Bankiers sprach gerade mit dem bekannten Palma, dem vertrauten Ratgeber des Hauses Keller, der sich beim Erscheinen des Parfümhändlers zurückzog. Als Birotteau sein Anliegen auseinandergesetzt hatte, warf Adolph, der schlauere der beiden Brüder, ein wahrer Luchs, mit stechenden Augen, schmalen Lippen und grellem Teint, indem er den Kopf senkte, über seine Brille hinweg Birotteau einen Blick zu, den man den Bankierblick nennen muß, und der an den des Geiers und des Advokaten erinnert; er war neugierig und gleichgültig, klar und dunkel, leuchtend und finster zugleich.

»Schicken Sie mir gefälligst den Vertrag über das Terraingeschäft an der Madeleine,« sagte er, »damit ich mir über die Unterlagen für den Kredit ein Bild machen kann; das muß zuerst geprüft werden, bevor wir ihn eröffnen und über die Zinsen verhandeln können. Liegt die Sache günstig, so würden wir uns, um Ihnen entgegenzukommen, mit einem Anteil an dem Gewinn begnügen an Stelle eines Skontos.«

»Nun, ich sehe schon, worum es sich handelt«, sagte Birotteau zu sich, als er nach Hause ging. »Ich muß, wie der gejagte Biber, ein Stück meines Fells opfern. Aber besser, man läßt sich scheren, als daß man untergeht.«

An diesem Tage kehrte er mit lächelndem Gesicht heim und sein Frohsinn war echt.

»Ich bin gerettet,« sagte er zu Cäsarine, »ich bekomme von den Kellers einen Kredit.«

Erst am 29. Dezember konnte sich Birotteau wieder im Arbeitszimmer Adolph Kellers einfinden. Als der Parfümhändler das erstemal wiederkam, war Adolph wegen der Besichtigung eines Landgutes, sechs Meilen von Paris entfernt, abwesend, das der große Redner ankaufen wollte. Beim zweitenmal waren beide Keller den ganzen Vormittag beschäftigt; es handelte sich um die Submission einer Anleihe, die der Kammer vorgelegt war, und sie ließen Birotteau bitten, am nächsten Freitag wiederzukommen. Dieses Hinausschieben brachte den Parfümhändler beinahe um. Aber schließlich kam auch dieser Freitag. Birotteau befand sich in dem Arbeitszimmer, an dem einen Kaminwinkel am Fenster sitzend, während Adolph Keller am andern Platz genommen hatte.

»Das ist in Ordnung, Herr Birotteau«, sagte der Bankier und wies auf den Vertrag, »aber wieviel haben Sie auf den Kaufpreis der Terrains angezahlt?«

»Hundertvierzigtausend Franken.«

»In bar?«

»In Wechseln.«

»Sind sie eingelöst?«

»Sie sind erst in einiger Zeit fällig.«

»Aber wenn Sie, in Anbetracht ihres augenblicklichen Wertes, die Terrains zu hoch bezahlt haben, welche Garantie haben wir dann? Nur die des Vertrauens, das Sie einflößen, und des Ansehens, das Sie genießen. Aber auf Sentiments kann man keine Geschäfte basieren. Hätten Sie zweihunderttausend Franken wirklich bezahlt, so würden wir, selbst angenommen, daß Sie, um die Terrains in die Hand zu bekommen, hunderttausend Franken zu teuer gekauft hätten, immer noch hunderttausend Franken Garantie für die zu kreditierenden hunderttausend haben. Wir könnten dann schließlich, indem wir an Ihrer Stelle zahlen, Eigentümer Ihres Anteils werden, vorausgesetzt, daß wir das Geschäft selbst als ein gutes ansehen. Wenn man fünf Jahre warten soll, um sein Anlagekapital zu verdoppeln, dann ist es besser, es im Bankgeschäft arbeiten zu lassen. Es können so viele Zwischenfälle eintreten! Sie wollen Wechsel in Umlauf setzen, um damit fällige zu bezahlen, das ist ein gefährliches Manöver! Einen Schritt rückwärts machen, um dann besser vorwärts zu kommen. Das ist kein Geschäft für Sie.«

Dieses Wort traf Birotteau, als ob der Henker ihn mit dem Brandmal auf der Schulter gezeichnet hätte, und er verlor den Kopf.

»Nun, wir wollen sehen,« sagte Adolph, »mein Bruder hat ein lebhaftes Interesse für Sie, er hat mir von Ihnen gesprochen. Wir wollen die Sache prüfen.« Dabei warf er dem Parfümhändler einen Blick zu wie eine Kurtisane, die ihre Miete bezahlen soll.

Birotteau verwandelte sich jetzt in einen Molineux, den Molineux, über den er so erhaben gespottet hatte. Zum besten gehalten von dem Bankier, dem es Spaß machte, den armen Menschen alle seine Kümmernisse herbeten zu lassen, und der sich darauf verstand, einen Kaufmann auszufragen, wie der Richter Popinot einen Verbrecher, erzählte Cäsar von all seinen Unternehmungen; er führte ihm die Doppelpaste der Sultaninnen vor, das Eau Carminative, die Affäre Roguin und seinen Prozeß wegen des hypothekarischen Darlehns, das ihm nicht ausgezahlt worden war. Während er Kellers lächelndes, nachdenkliches Gesicht und sein zustimmendes Nicken beobachtete, sagte sich Birotteau: »Er hört mir zu! Ich interessiere ihn! Ich werde meinen Kredit bekommen!« Und Adolph Keller lachte über Birotteau, wie Birotteau über Molineux gelacht hatte. Hingerissen von dem Redebedürfnis, das die Leute, die das Unglück verwirrt gemacht hat, empfinden, kam bei Cäsar der echte Birotteau zum Vorschein; er zeigte, was er konnte, indem er als Garantie das Huile Céphalique und die Firma Popinot, seinen letzten Einsatz, anbot. Sich in falschen Hoffnungen wiegend, ließ sich der arme Kerl nach allen Richtungen hin von Adolph Keller ausfragen, der in dem Parfümhändler einen royalistischen Flachkopf erkannte, der dicht vor dem Bankrott stand. Entzückt darüber, einen Beigeordneten ihres Bezirks, einen frisch dekorierten Anhänger der herrschenden Macht vor dem Zusammenbruch stehen zu sehen, sagte Adolph zu Birotteau mit klaren Worten, daß er ihm weder einen Kredit eröffnen, noch irgendein Wort zu seinen Gunsten bei seinem Bruder Franz, dem großen Redner, einlegen könne. Wenn Franz eine törichte Großmut entwickeln wolle, indem er Leute von entgegengesetzten Anschauungen und politische Feinde unterstützte, so würde er, Adolph, sich mit aller Macht dagegen auflehnen, daß er sich so zum Narren mache, und ihn daran hindern, dem alten Gegner Napoleons, dem Verwundeten in dem Straßenkampf vor Saint-Roch, hilfreiche Hand zu leisten. Außer sich hierüber wollte Birotteau etwas über die Habgier der Hochfinanz, ihre Gefühllosigkeit und ihre geheuchelte Menschenfreundlichkeit sagen; aber er empfand einen so heftigen Schmerz, daß er kaum einige Worte über die Institution der Bank von Frankreich stammeln konnte, die ja den Kellers zur Verfügung stand.

»Niemals«, sagte Adolph Keller, »wird die Bank einen Kredit gewähren, den schon ein einfacher Bankier abgelehnt hat.«

»Ich war immer der Ansicht,« sagte Birotteau, »daß die Bank ihrer Bestimmung nicht entspricht, wenn sie glücklich darüber ist, beim Jahresabschluß feststellen zu können, daß sie am Pariser Handel nicht mehr als ein- bis zweihunderttausend Franken verloren hat; während sie doch seine Beschützerin sein soll.«

Adolph lachte und erhob sich mit gelangweilter Miene.

»Wenn die Bank sich damit befassen wollte, allen Leuten, die hier an diesem schwindelhaftesten und schlüpfrigsten Platze der finanziellen Welt in Verlegenheit geraten sind, Kredit zu gewähren, dann würde sie nach einem Jahre Konkurs anmelden müssen. Sie hat schon Mühe genug, sich gegen den Wechselverkehr und die unsicheren Unterlagen zu wehren; was sollte aus ihr werden, wenn sie sich auch noch auf die Prüfung der Geschäfte aller Leute einlassen wollte, die von ihr Hilfe verlangen?«

»Wo soll ich nur die zehntausend Franken hernehmen, die mir für morgen, Sonnabend, den dreißigsten, fehlen?« sagte sich Birotteau, als er über den Hof ging.

Es ist Usance, daß am dreißigsten gezahlt werden muß, wenn der einunddreißigste auf einen Feiertag fällt.

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