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Cäsar Birotteaus Größe und Niedergang

Honoré de Balzac: Cäsar Birotteaus Größe und Niedergang - Kapitel 16
Quellenangabe
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typefiction
authorHonoré de Balzac
titleCäsar Birotteaus Größe und Niedergang
publisherDiogenes
isbn3257204604
translatorHugo Kaatz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Sie traten nun alle in das geschmackvolle, parkettierte, geräumige, einfach ausgestattete Vorzimmer ein. Von hier gelangte man in einen dreifenstrigen, nach der Straße zu gelegenen Salon, in weiß und rot gehalten, mit fein gearbeitetem Gesims und zarter Malerei, in dem nichts unruhig wirkte. Auf dem weißen, mit Säulen versehenen Marmorkamin stand eine sorgsam ausgewählte Garnitur, an der keinerlei Geschmacklosigkeit beleidigte, und die zu den übrigen Details gut paßte. Überall herrschte die gefällige Harmonie, die allein von Künstlerhand geschaffen werden kann, die die Einheitlichkeit der Ausstattung bis in die geringsten Nebendinge durchführte, und wovon die Bourgeoisie keine Ahnung hat, die sie aber in Erstaunen setzt. Ein Kronleuchter mit vierundzwanzig Kerzen ließ die rote Seide der Vorhänge erstrahlen und das Parkett hatte ein so einladendes Aussehen, daß Cäsarine Lust bekam, zu tanzen. Ein grün und weiß gehaltenes Boudoir führte in Cäsars Arbeitszimmer. »Ich habe hier ein Bett untergebracht«, sagte Grindot und öffnete die Tür eines Alkovens, der geschickt hinter den beiden Flügeln der Bibliothek verborgen war. »Sie oder Ihre Frau Gemahlin können einmal krank sein, und dann hat jeder sein Schlafzimmer für sich.«

»Aber diese Bibliothek mit den gebundenen Büchern! Ach, Frauchen, Frauchen!«

»Nein, das ist Cäsarines Überraschung.«

Cäsar umarmte seine Tochter und sagte dabei zu dem Architekten: »Verzeihen Sie mir und halten Sie das meiner väterlichen Rührung zugute.«

»Aber ich bitte Sie, verehrter Herr!« sagte Grindot. »Sie sind doch hier zu Hause.«

In dem Arbeitszimmer waren braune Töne vorherrschend, die durch grüne Verzierungen gehoben wurden, wie denn in äußerst geschickter Weise eine harmonische Farbenverbindung zwischen den einzelnen Zimmern hergestellt war. Die Grundfarbe eines Raumes wurde im nächsten für die Verzierungen verwendet und umgekehrt. Der Stich »Hero und Leander« schmückte eine Wand in Cäsars Zimmer.

»Du sollst das alles bezahlen«, sagte Birotteau lustig.

»Diesen schönen Stich schenkt dir Herr Anselm«, sagte Cäsarine.

Auch Anselm hatte sich seine Überraschung nicht nehmen lassen.

»Das gute Kind; er hat es mit mir so gemacht, wie ich mit Herrn Vauquelin.«

Dahinter befand sich Frau Birotteaus Zimmer. Hier hatte der Architekt einen Reichtum entfaltet, wie er diesen guten Leuten, die er für sich gewinnen wollte, gefallen mußte; er hatte sein Wort gehalten, daß er diese »Restaurierung« studieren wolle. Das Zimmer war mit blauer Seide mit weißen Verzierungen ausgeschlagen, die Möbel mit weißem, blau abgesetzten Kaschmir bezogen. Auf dem weißen Marmorkamin zeigte die Uhr eine auf einem schönen Marmorblock sitzende Venus; ein hübscher Moquette-Teppich in türkischem Muster verband das Zimmer mit dem Cäsarines, das mit dunkelblauem Stoff ausgeschlagen und äußerst zierlich gehalten war; es enthielt ein Klavier, einen hübschen Spiegelschrank, ein kleines bescheidenes Bett mit einfachen Vorhängen und alle die kleinen Möbelstücke, die die jungen Mädchen lieben. Das Speisezimmer lag hinter den Zimmern Birotteaus und seiner Frau und war im Stil Louis XIV. eingerichtet, mit einer Boulle-Standuhr, Büfetts mit Kupfer- und Schildpatt-Einlagen und einer Wandbekleidung von Stoff mit vergoldeten Nägeln. Die Freude der drei Familienmitglieder war nicht zu beschreiben, besonders als Frau Birotteau in ihr Zimmer zurückkam und hier auf ihrem Bett das kirschrote Sammetkleid mit Spitzen, das Geschenk ihres Mannes, erblickte, das Virginie inzwischen, auf den Zehen schleichend, hereingebracht hatte.

»Diese Wohnung wird Ihnen viel Ehre eintragen«, sagte Konstanze zu Grindot. »Wir werden morgen abend über hundert Personen bei uns sehen und Sie werden die Lobsprüche der ganzen Gesellschaft entgegennehmen können.«

»Ich werde Sie weiter empfehlen«, sagte Cäsar. »Sie werden die Crême der Kaufmannschaft hier sehen und an diesem einen Abend bekannter werden, als wenn Sie zehn Häuser gebaut hätten.«

Konstanze war tief bewegt und dachte nicht mehr an die Kosten, noch auch daran, ihren Mann zu kritisieren. Und zwar aus folgendem Grunde: Am Morgen, als Anselm Popinot, den Konstanze für sehr intelligent und befähigt hielt, das Bild von Hero und Leander brachte, hatte er den Erfolg des Huile Céphalique, an dem er mit beispiellosem Eifer arbeitete, für gesichert bezeichnet. Der Verliebte hatte erklärt, daß die Kosten der Ausgaben Birotteaus für die Befriedigung seiner ehrgeizigen Ansprüche, wie hoch sie sich auch beliefen, in sechs Monaten durch seinen Gewinnanteil an dem Öl wieder eingebracht sein würden. Nachdem sie neunzehn Jahre aus der Angst nicht herausgekommen war, war es für sie ein so süßes Gefühl, sich einmal an einem einzigen Tage ganz der Freude hingeben zu können, daß Konstanze ihrer Tochter das Versprechen gab, das Glück ihres Mannes durch keinen Einwand zu trüben und sich in alles zu fügen. Als Herr Grindot sie gegen elf Uhr verlassen hatte, warf sie sich ihrem Manne vor Freude weinend an den Hals und sagte: »Ach, Cäsar, du hast mich ganz närrisch vor Glückseligkeit gemacht.«

»Vorausgesetzt, daß es so bleibt, nicht wahr?« sagte Cäsar lachend.

»Es wird so bleiben, ich habe keine Angst mehr«, sagte Frau Birotteau.

»Gott sei Dank,« sagte der Parfümhändler, »endlich läßt du mir Gerechtigkeit widerfahren.«

Wer großdenkend genug ist, um sich seine eigenen Schwächen einzugestehen, wird zugeben, daß eine arme Waise, die vor achtzehn Jahren erste Verkäuferin im Petit-Matelot, Ile Saint-Louis, war, und ein armer Bauernjunge, der mit einem Stock in der Hand, zu Fuß, in eisenbeschlagenen Stiefeln aus der Touraine nach Paris gekommen war, sich geschmeichelt und glücklich fühlen mußten, ein solches Fest und aus so löblichen Gründen geben zu können.

»Ich würde, bei Gott, hundert Franken hergeben,« sagte Cäsar, »wenn wir jetzt Besuch bekämen.«

»Der Herr Abbé Loraux«, meldete Virginie.

Und der Abbé Loraux trat ein. Dieser Priester war damals Vikar an der Kirche Saint-Sulpice. Niemals hat die Macht des Geistes sich kräftiger erwiesen als bei diesem Priester, dessen Umgang einen tiefen Eindruck auf alle, die ihn kennenlernten, machte. Sein mürrisches Gesicht, so häßlich, daß man kaum zu ihm Vertrauen fassen konnte, hatte die Übung der katholischen Tugenden erhaben gemacht: der himmlische Glanz erschien schon hienieden darauf. Die Reinheit, die sein ganzes Wesen durchdrang, verschönerte seine unangenehmen Züge, und seine heiße Menschenliebe veredelte ihre unregelmäßigen Linien, ein Phänomen, das dem entgegengesetzt war, das bei Claparon alles vertiert und verdorben hatte. In seinen Runzeln spiegelten sich die drei menschlichen Tugenden Liebe, Glaube und Hoffnung wider. Seine Rede war sanft, langsam und eindringlich. Er trug die Tracht der Pariser Geistlichkeit und gestattete sich einen kastanienbraunen Überrock. Kein Ehrgeiz hatte sich in dieses reine Herz eingeschlichen, das die Engel dereinst in seiner ursprünglichen Unschuld zu Gott emportragen sollten. Es bedurfte erst eines sanften Zwanges von seiten der Tochter Ludwigs XVI., um den Abbé Loraux zu bewegen, eine Pfarre in Paris, und noch dazu eine der bescheidensten, anzunehmen. Jetzt betrachtete er mit unruhigen Blicken alle diese Pracht und lächelte kopfschüttelnd der Kaufmannsfamilie zu.

»Liebe Kinder,« sagte er, »mein Amt ist nicht, Festen beizuwohnen, sondern die Betrübten zu trösten. Ich komme, um Herrn Cäsar zu danken und ihn zu beglückwünschen. Nur zu einem einzigen Feste will ich hier erscheinen, nämlich zur Hochzeit dieses schönen Kindes.«

Nach einer Viertelstunde verabschiedete sich der Abbé, ohne daß der Parfümhändler oder seine Frau gewagt hätten, ihm die Wohnung zu zeigen. Seine ernste Erscheinung hatte etwas kaltes Wasser auf die glühende Freude Cäsars gegossen. Alle begaben sich nun in der neuen Pracht zur Ruhe und nahmen die netten, zierlichen Gegenstände, die sie sich gewünscht hatten, in Besitz. Cäsarine half ihrer Mutter beim Auskleiden vor einem Toilettenspiegel aus weißem Marmor. Cäsar hatte sich einiges Überflüssige angeschafft, das er sogleich in Gebrauch nehmen wollte. Alle dachten beim Einschlafen an die freudigen Ereignisse des nächsten Tages. Nachdem sie die Messe besucht und das Vespergebet gesprochen hatten, kleideten sich Cäsarine und ihre Mutter gegen vier Uhr an; das Zwischengeschoß hatten sie vorher dem weltlichen Arm der Leute Chevets übergeben. Niemals hatte eine Toilette Konstanze besser gestanden als dieses spitzenbesetzte rote Sammetkleid mit kurzen, mit Schleifen verzierten Ärmeln; ihre schönen Arme von noch jugendlicher Frische, ihr schneeig leuchtender Busen, ihr Hals, ihre reizend geschwungenen Schultern – alles wurde von dem weichen Stoff und der prächtigen Farbe noch gehoben. Die natürliche Befriedigung, die jede Frau empfindet, wenn sie sich der vollen Macht ihrer Schönheit bewußt ist, gab ihrem griechischen Profil eine gewisse Süße, dessen schöner Schnitt in der ganzen Feinheit einer Kamee erschien. Cäsarine, in weißem Krepp, trug einen Rosenkranz im Haar und eine Rose an der Seite; eine Schärpe bedeckte züchtig Schultern und Brust; so machte sie Popinot ganz toll.

»Diese Leute stechen uns aus«, sagte Frau Roguin zu ihrem Mann, als sie durch die Wohnung gingen. Die Notarfrau war wütend, daß sie sich mit Konstanzes Schönheit nicht messen konnte; jede Frau weiß selbst ganz genau, ob ihr eine Rivalin überlegen ist oder nicht.

»Ach! das wird nicht lange dauern, und bald wirst du die arme Frau, wenn du sie auf der Straße zu Fuß und ruiniert treffen wirst, mit deinen Wagenrädern bespritzen!« sagte Roguin leise zu seiner Frau.

Vauquelin war von vollendeter Liebenswürdigkeit; er war zusammen mit Herrn von Lacépède, seinem Kollegen von der Akademie, gekommen, der ihn mit dem Wagen abgeholt hatte. Als sie die strahlend schöne Hausfrau erblickten, konnten die beiden Gelehrten ein Kompliment von wissenschaftlichem Anstrich nicht unterdrücken.

»Gnädige Frau, Sie besitzen ein Geheimnis, das die Wissenschaft noch nicht kennt, nämlich Jugend und Schönheit sich zu erhalten.«

»Sie sind hier gewissermaßen zu Hause, Herr Akademiker«, sagte Birotteau. »Ja, Herr Graf,« fuhr er, zu dem Großkanzler der Ehrenlegion gewendet, fort, »ich verdanke mein Vermögen Herrn Vauquelin. Ich habe die Ehre, Euer Herrlichkeit den Herrn Präsidenten des Handelsgerichts vorzustellen. Dies ist der Herr Graf von Lacépède, Pair von Frankreich, und einer der großen Männer Frankreichs; er hat vierzig Bände geschrieben«, sagte er zu Lebas, der den Gerichtspräsidenten begleitete.

Die Gäste kamen pünktlich. Das Diner war, wie alle Diners der Kaufleute, sehr lustig und gemütlich, gewürzt mit plumpen Scherzen, über die immer gelacht wird. Die vorzüglichen Speisen und die guten Weine wurden sehr gewürdigt. Als die Gesellschaft aufbrach, um in den Salons den Kaffee zu nehmen, war es halb zehn geworden. Einige Wagen hatten schon ungeduldige Tänzerinnen gebracht. Eine Stunde später war der Tanzsaal voll und der Ball in vollem Gange. Herr von Lacépède und Herr Vauquelin entfernten sich, zum größten Bedauern Birotteaus, der sie bis zur Treppe begleitete und sie vergeblich bat, noch zu bleiben. Es gelang ihm wenigstens, den Richter Popinot und Herrn von Billardière noch dazuhalten. Mit Ausnahme der drei Damen, die die Aristokratie, die Finanz und die Regierung repräsentierten: Fräulein von Fontaine, Frau Jules und Frau Rabourdin, und deren strahlende Schönheit, Toilette und Manieren sich in dieser Gesellschaft heraushoben, erschienen die übrigen Damen in ihren Ballkleidern plump und derb und zeigten jene gewisse Vierschrötigkeit, die der bürgerlichen Masse den Stempel des Gewöhnlichen aufdrückt, den die Leichtigkeit und Grazie jener drei Damen mit grausamer Deutlichkeit hervortreten ließ.

Die Bourgeoisie der Rue Saint-Denis machte sich mit majestätischem Gebaren breit und zeigte in vollem Umfang die ihr eigenen lächerlichen Narrheiten. Es war diese selbe Bourgeoisie, die ihre Kinder als Ulanen oder Nationalgardisten kostümiert herumlaufen läßt, die die »Siege und Eroberungen« und den »Soldaten als Ackerbauer« kauft, das »Begräbnis des Armen« bewundert, ihre Freude daran hat, wenn die Wache aufzieht, den Sonntag in ihrem Landhause verbringt, sich Mühe gibt, vornehm zu erscheinen, und von kommunalen Ehrenämtern träumt; diese Bourgeoisie, die auf alles neidisch und trotzdem gut, dienstbereit, hingebungsvoll, feinfühlig und mitleidig ist; die sich an einer Subskription für die Kinder des Generals Foy beteiligt, oder für die Griechen, von deren Seeräubereien sie nichts weiß, und für das Kinderheim, das gar nicht mehr existiert; die von ihren Tugenden genasführt und um ihrer Mängel willen von einer Gesellschaftsklasse verspottet wird, die selbst weniger wert ist als sie, die gerade deshalb das Herz auf dem rechten Fleck hat, weil ihr das Konventionelle unbekannt ist; diese tugendhafte Bourgeoisie, die ihre keuschen Töchter zur Arbeit erzieht, deren gute Eigenschaften aber bei der Berührung mit den oberen Klassen dahinschwinden, sobald sie dort eindringen – Mädchen ohne Geist, unter denen der biedere Chrysale sich eine Frau gesucht hätte; mit einem Wort: die Bourgeoisie, deren bewundernswerteste Repräsentanten die Matifats waren, die Drogisten aus der Rue des Lombards, deren Firma seit sechzig Jahren die Lieferungen für die Rosenkönigin hatte.

Frau Matifat, die einen würdevollen Eindruck machen wollte, tanzte mit einem Turban auf dem Haar, in einem schweren ponceaufarbenen, golddurchwirkten Kleide, einer Toilette, die zu ihrem stolzen Gesichtsausdruck, ihrer römischen Nase und ihrem leuchtenden karmoisinroten Teint paßte. Herr Matifat, der bei den Revuen der Nationalgarde so großartig auftrat, wo man auf fünfzig Schritt seinen rundlichen Bauch wahrnahm, auf dem seine Uhrkette und ein Haufen Berlocken glänzten, wurde von dieser Katharina II. des Kontors beherrscht. Klein und dick, aufgeputzt wie zum Maskenball, mit einem Hemdkragen, der bis über den Hinterkopf reichte, fiel er durch seine Baßstimme und den Reichtum seines Wortschatzes auf. Niemals sagte er Corneille, sondern stets: der erhabene Corneille! Racine war der sanfte Racine. Voltaire! Oh! Voltaire war auf jedem Gebiet der zweite, mehr geistreich als genial, aber doch ein Mann von Genie! Rousseau ein verdunkelter Geist, ein Mann voll Ehrgeiz, der sich schließlich erhängt hat. Er erzählte unbeholfen die bekannten Anekdoten von Piron, der bei der Bourgeoisie als ein Wunder gilt. Matifat besaß eine Leidenschaft für Schauspieler und eine leichte Neigung zum Obszönen. Es hieß sogar, daß er sich, nach dem Vorbilde des biedern Cadot und des reichen Camusot, eine Mätresse hielte. Wenn Frau Matifat ihn mit der Erzählung einer Anekdote beginnen hörte, so beeilte sie sich, ihn zu unterbrechen, und schrie ihm zu: »Überlege dir erst, was du sagen willst, Dicker!« Sie nannte ihn ungeniert ihren Dicken. Diese umfangreiche Drogenkönigin ließ selbst Fräulein von Fontaine ihre aristokratische Zurückhaltung aufgeben. Denn das stolze Mädchen konnte ein Lachen nicht unterdrücken, als sie jene zu Matifat sagen hörte: »Stürze dich nicht so auf das Eis, Dicker, das schickt sich nicht!«

Es ist schwieriger, den Unterschied, der die vornehme Gesellschaft von der Bourgeoisie trennt, klar zu machen, als es der Bourgeoisie wird, ihn zu verwischen. Die Frauen, denen ihre Toiletten unbequem waren, fühlten sich im Sonntagsstaat und trugen eine naive Freude zur Schau, die bewies, daß in ihrem beschäftigten Leben ein Ball eine Seltenheit war; während die drei Damen, von denen jede eine besondere Sphäre der guten Gesellschaft repräsentierte, sich genau so benahmen, wie sie es am nächsten Tag wieder tun würden; sie sahen nicht aus, als ob sie sich besonders für den Abend gekleidet hätten, sie spiegelten sich nicht in der ungewohnten Pracht ihres Schmucks, sie waren nicht beunruhigt darüber, was sie für einen Eindruck machten – wenn sie vor ihrem Spiegel die letzte Hand an ihre Balltoilette gelegt hatten, so war eben alles erledigt; ihr Gesichtsausdruck zeigte nichts Außergewöhnliches, sie tanzten graziös und mit jenem Sichgehenlassen, das unbekannte Genies einigen antiken Statuen zu verleihen wußten. Im Gegensatz hierzu behielten die andern, die den Stempel der Arbeit an sich trugen, ihr vulgäres Benehmen bei und zeigten zu sehr, wie gut sie sich amüsierten; sie bezeugten ungeniert ihre Neugierde, und ihre Unterhaltung vollzog sich nicht mit jenem leichten Flüstern, das den Ballgesprächen einen unnachahmlichen Reiz gibt; es fehlte ihnen vor allem jene selbstgewisse Haltung, hinter der die Ironie versteckt ist, und jenes sichere Auftreten, an dem die Leute zu erkennen sind, die die volle Herrschaft über sich selber haben. So hoben sich Frau Rabourdin, Frau Jules und Fräulein von Fontaine, die sich ein außergewöhnliches Vergnügen von diesem Parfümhändlerball versprochen hatten, durch ihre lässige Grazie, durch den auserlesenen Geschmack ihrer Toiletten und durch ihr Gebaren von der gesamten Bourgeoisie ebenso ab, wie drei erste Kräfte der Oper von der schweren Reiterei der Statisten. Sie wurden mit großen neidischen Augen angestaunt. Frau Roguin, Konstanze und Cäsarine bildeten sozusagen das Band, das die Kaufmannswelt mit diesen drei Typen der weiblichen Aristokratie verknüpfte. Wie bei allen Bällen kam auch hier, wo die Ströme von Licht, die fröhliche Stimmung, die Musik und die Tanzlust eine gewisse Trunkenheit erzeugten, der Moment, der diese Nuancen in dem allgemeinen Crescendo verschwinden ließ. Als der Ball allzu lärmend wurde, wollte sich Fräulein von Fontaine zurückziehen; während sie sich aber nach dem Arm des verehrungswürdigen Vendéers umsah, stürzte Birotteau mit Frau und Tochter herzu, um zu verhindern, daß die gesamte Aristokratie die Gesellschaft verließ.

»Ich bin erstaunt,« sagte die unverschämte junge Dame zu dem Parfümhändler, »was für ein diskretes Parfüm von gutem Geschmack in Ihrer Wohnung vorherrscht; ich mache Ihnen darüber mein Kompliment.«

Birotteau war so berauscht von den allseitigen Beglückwünschungen, daß er sie gar nicht verstand; aber seine Frau errötete und wußte nicht, was sie erwidern sollte.

»Das ist ein vaterländisches Fest, das Ihnen Ehre macht«, sagte Camusot zu ihm.

»Ich habe selten einen so schönen Ball besucht«, sagte Herr von la Billardière, den eine offizielle Lüge nicht genierte.

Birotteau hielt alle diese Komplimente für ernst gemeint.

»Was für ein reizendes Bild! Und dieses gute Orchester! Werden Sie uns oft solche Bälle geben?« sagte Frau Lebas zu ihm.

»Was für eine entzückende Wohnung! Haben Sie das nach Ihrem Geschmack so angeordnet?« fragte ihn Frau Desmarets.

Birotteau erlaubte sich eine Lüge und ließ sie in dem Glauben, daß er es so angegeben habe. Cäsarine, die zu allen Kontertänzen engagiert war, konnte erkennen, wieviel Zartgefühl Anselm besaß. »Wenn ich nur auf mein Verlangen hören wollte,« sagte er leise zu ihr, als sie von Tisch aufstanden, »so würde ich Sie bitten, mir die Gunst eines Kontertanzes zu gewähren; aber dieses Glück würde unserer beiderseitigen Eigenliebe zu teuer zu stehen kommen.«

Cäsarine jedoch, die fand, daß die Männer mit gesunden Beinen sich ohne Anmut bewegten, wollte den Ball mit Popinot eröffnen. Popinot, von seiner Tante ermutigt, die ihm gesagt hatte, er solle nur mutig reden, wagte es, während des Tanzes mit dem reizenden Mädchen von seiner Liebe zu sprechen, aber mit versteckten Wendungen, wie sie schüchterne Liebende zu gebrauchen pflegen.

»Meine Zukunft hängt von Ihnen ab, Fräulein Cäsarine.«

»Wie das?«

»Es gibt für mich nur eine Hoffnung, die mich befähigt, mein Ziel zu erreichen.«

»So hoffen Sie.«

»Wissen Sie auch, was Sie mir mit diesem einen Wort gesagt haben?« erwiderte Popinot.

»Hoffen Sie auf Ihr Glück«, sagte Cäsarine mit schelmischem Lächeln.

»Gaudissart! Gaudissart!« sagte Anselm nach dem Kontertanze zu seinem Freunde und preßte seinen Arm mit herkulischer Kraft, »du mußt Erfolg haben, oder ich schieße mich tot. Erfolg haben, das bedeutet für mich, Cäsarine heiraten können, sie hat es mir gesagt; sieh bloß, wie schön sie ist.«

»Ja, sie ist hübsch zurechtgestutzt«, sagte Gaudissart, »und reich. Wir wollen sie in Öl backen.«

Das gute Einverständnis, das zwischen Fräulein Lourdois und Alexander Crottat, dem designierten Nachfolger Roguins, herrschte, wurde von Frau Birotteau bemerkt; die nur sehr ungern darauf verzichtete, ihre Tochter einmal als Frau eines Pariser Notars zu sehen. Der Onkel Pillerault hatte sich, nachdem er mit dem kleinen Molineux einen Gruß gewechselt hatte, in einem Lehnstuhl neben der Bibliothek niedergelassen; hier sah er den Spielern zu, hörte ihre Gespräche mit an und ging von Zeit zu Zeit an die Tür, um die wogenden Blumenkörbe zu betrachten, die von den Köpfen der Tänzerinnen beim Moulinet gebildet wurden. Seine Haltung war die eines echten Philosophen. Die Männer waren abscheulich, mit Ausnahme du Tillets, der schon die Manieren der guten Gesellschaft hatte, des jungen la Billardière, eines kleinen, noch grünen Elegant, des Herrn Jules Desmarets und der offiziellen Persönlichkeiten. Aber unter all den mehr oder weniger komischen Figuren, die dieser Gesellschaft ihren Charakter gaben, befand sich eine, die zwar ein so verschwommenes Äußeres hatte wie ein republikanisches Hundertsousstück, die aber durch ihre Kleidung interessant war. Man kann sich denken, daß dies der kleine Tyrann des Holländischen Hofs war, geschmückt mit feiner Wäsche, die im Schranke gelb geworden war, der ein ererbtes Spitzenjabot, das von einer Nadel mit bläulicher Kamee gehalten wurde, zur Schau stellte, und eine kurze schwarzseidene Hose trug, die seine dürren Spindelbeine verriet, auf die er die Kühnheit hatte, sich niederzulassen. Cäsar zeigte ihm triumphierend die vier Zimmer, die der Architekt im ersten Stock seines Hauses hergerichtet hatte.

»He, he! Das ist Ihre Sache, Herr Birotteau«, sagte Molineux zu ihm.

»Möbliert wird meine erste Etage aber jetzt tausend Taler wert sein.«

Birotteau antwortete mit einem Scherz, aber er empfand den Ton, mit dem der kleine Alte diese Worte ausgesprochen hatte, wie einen Nadelstich.

»Ich werde bald wieder im Besitze meiner ersten Etage sein, dieser Mensch ruiniert sich ja!« das war der Sinn des Wortes »wert sein«, das Molineux wie einen Tatzenhieb angebracht hatte.

Das blasse Gesicht und die bösen Augen des Hausbesitzers fielen du Tillet auf, dessen Aufmerksamkeit schon vorher durch seine Uhrkette mit einem Pfund verschiedenartiger klimpernder Berlocken und durch den grünen, weißlich schimmernden Frack mit wunderlich geschnittenem Kragen, was dem Alten das Aussehen einer Klapperschlange gab, erregt worden war. Der Bankier begann daher mit dem Wucherer ein Gespräch, um zu erfahren, was ihn so vergnügt stimmte.

»Mein Herr,« sagte Molineux, indem er einen Fuß in das Boudoir setzte, »hier stehe ich auf dem Besitztum des Herrn Grafen von Grandville; aber hier«, fuhr er fort und zeigte auf den andern, »bin ich auf dem meinigen; ich bin nämlich der Eigentümer dieses Hauses.«

Molineux zeigte sich so entgegenkommend, wenn man ihm zuhörte, daß er, entzückt von dem aufmerksamen Wesen du Tillets, sich selbst schilderte, von seinen Gewohnheiten erzählte, von der Unverschämtheit des Herrn Gendrin und von seinen Abmachungen mit dem Parfümhändler, ohne die der Ball nicht zustande gekommen wäre.

»Ach, Herr Cäsar hat Ihnen schon die Miete bezahlt,« sagte du Tillet, »das ist sonst nicht seine Gewohnheit.«

»Oh, ich habe das verlangt, ich stehe so gut mit meinen Mietern!«

»Wenn der alte Birotteau Konkurs anmelden muß,« sagte sich du Tillet, »wird dieser kleine schnurrige Kerl sicher ein ausgezeichneter Syndikus sein. Seine Spitzfindigkeiten sind kostbar; er muß sich, wenn er allein zu Hause ist, wie Domitian damit unterhalten, Fliegen zu töten.«

Du Tillet begab sich zu den Spieltischen, wo Claparon auf sein Geheiß sich schon befand; er hatte sich gedacht, daß unter dem Schutze der Erregungen des Hazardspiels sein angeblicher Bankier jeder näheren Prüfung überhoben sein würde. Ihre Haltung gegeneinander war so völlig die von Fremden, daß der argwöhnischste Beobachter nichts von Einverständnis zwischen ihnen hätte wahrnehmen können. Gaudissart, der wußte, was Claparon für ein Glück gemacht hatte, wagte ihn nicht anzusprechen, nachdem ihm von dem reich gewordenen Reisenden der förmliche, kalte Blick des Parvenus zugeworfen worden war, der von einem alten Kameraden nicht begrüßt sein will. Um fünf Uhr morgens endete der Ball, ähnlich wie ein glänzendes Feuerwerk erlischt. Um diese Stunde waren von den hundert und einigen Wagen, die die Rue Saint-Honoré gefüllt hatten, noch etwa vierzig übriggeblieben. Man tanzte zuletzt noch die Boulangère, die inzwischen von dem Kotillon und dem englischen Galopp abgelöst worden ist. Du Tillet, Roguin, der junge Cardot, der Graf von Grandville und Jules Desmarets spielten Bouillotte. Du Tillet gewann dreitausend Franken. Der heraufdämmernde Tag ließ das Kerzenlicht verblassen und die Spieler sahen dem letzten Kontertanz zu. In Bürgerhäusern kommt es auf dem Höhepunkte des Vergnügens immer zu Übertreibungen. Die Respektspersonen haben sich entfernt; der vom Tanz erzeugte Taumel, die Hitze, die sich allen mitteilt, der in den unschuldigsten Getränken enthaltene Alkohol haben die alten Damen ihre Hühneraugen vergessen lassen, so daß sie sich willig an der Quadrille beteiligen und die Tollheiten dieses Moments mitmachen; die Herren sind erhitzt, das schön frisiert gewesene Haar hängt ihnen über das Gesicht und gibt ihnen ein groteskes, zum Lachen reizendes Aussehen; die jungen Damen werden leichtfertig und haben schon etliche Blumen aus ihrer Frisur verloren. Der bourgeoise Gott Momus zeigte sich mit seinen Possen! Lachsalven ertönen, jeder will bei dem Gedanken, daß morgen die Arbeit wieder in ihr Recht treten muß, heute noch ausgelassen sein. Matifat tanzte mit einem Damenhut auf dem Kopfe; Cölestin machte Kunststücke vor. Wenn eine Figur des endlosen Kontertanzes es erforderte, klatschten die Damen wie wild in die Hände.

»Wie sie sich amüsieren!« sagte Birotteau glückselig.

»Wenn sie bloß nichts zerbrechenl« sagte Konstanze zu ihrem Onkel.

»Ihr Ball war der prachtvollste, den ich je gesehen habe, und ich habe viele gesehen«, sagte du Tillet zu seinem ehemaligen Prinzipal, als er sich verabschiedete.

In Beethovens Symphonien gibt es ein Thema, gewaltig wie ein grandioses Gedicht, das das Finale der C-Moll-Symphonie beherrscht. Wenn nach der langsamen Einleitung, die Habeneck so schön wiedergibt, auf ein Zeichen des Kapellmeisters gleichsam der Vorhang fällt und sein Taktstock das blendende Thema, in dem sich alle musikalische Macht konzentriert, beginnen läßt, dann wird der Dichter, dem das Herz dabei pocht, verstehen, daß dieses Ballfest auf Birotteaus Leben dieselbe Wirkung ausübte wie auf seine Seele jenes reiche Motiv, dem die C-Moll-Symphonie vielleicht ihren Vorrang vor ihren herrlichen Schwestern verdankt. Eine strahlende Fee erscheint und erhebt ihren Zauberstab. Man vernimmt das Rauschen purpurner Seidenvorhänge, die von Engeln emporgehoben werden. Goldene Pforten, mit Skulpturen wie die des Baptisteriums in Florenz, drehen sich um ihre diamantenen Angeln. Das Auge versenkt sich in köstliche Ausblicke, es umfaßt eine Reihe wundervoller Paläste, aus denen Wesen höherer Art hervorschlüpfen. Auf dem Altar steigt die Flamme des Glücks, der Weihrauch des Erfolges empor und ein köstlicher Duft verbreitet sich! Himmlisch lächelnde Wesen in weißen, blau umsäumten Gewändern ziehen flüchtig an dir vorüber und zeigen dir ihr Antlitz von überirdischer Schönheit und ihren Körper von unendlicher Zartheit. Amoretten fliegen umher und lassen die Flammen ihrer Fackeln leuchten. Man fühlt sich geliebt, man ist glücklich über ein Glück, das man begehrt, ohne es zu verstehen, indem man in den Fluten dieser Harmonien untertaucht, die herabströmen und jedem die Ambrosia, die er sich ausgewählt hat, bringen. Die geheimsten Hoffnungen, die tief im Herzen verborgen waren, sind für einen Augenblick Wirklichkeiten geworden. Aber nachdem er uns durch alle Himmel geführt hat, taucht uns der Zauberer, mit dem Übergang der tiefen, unheimlichen Bässe, wieder in den Pfuhl der kalten Wirklichkeit, um uns wieder herauszuziehen, wenn er uns genug nach seinen himmlischen Melodien hat dürsten lassen und unsre Seele ausruft: Noch einmal! Die Entwicklung dieses herrlichen Finales bis zu seinem glänzenden Höhepunkt entspricht den erregten Gefühlen, die dieses Fest bei Konstanze und Cäsar hervorgerufen hatte.

Müde aber glückselig schliefen die drei Birotteaus am Morgen nach dem Lärm des Festes ein, das für Bauten, Reparaturen, Möbel, Essen und Trinken, Toiletten und die Cäsarine wieder zurückbezahlte Bibliothek, ohne daß Cäsar sich dessen versah, an sechzigtausend Franken verschlungen hatte. Soviel kostete das verhängnisvolle rote Band, das der König einem Parfümhändler ins Knopfloch gesteckt hatte. Wenn Cäsar Birotteau ein Unglück traf, dann genügte diese törichte Ausgabe, um ihn polizeigerichtlich haftbar zu machen. Ein Kaufmann verfällt in einfachen Bankrott, sobald er übermäßige Ausgaben gemacht hat. Es ist vielleicht schrecklicher, wegen unerheblicher Bagatellen oder Ungeschicklichkeiten vor die sechste Kammer zu kommen als wegen eines Riesenbetruges vor das Schwurgericht. In den Augen gewisser Leute ist es besser, wenn man ein Verbrecher, als wenn man ein Dummkopf ist.

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