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Cäsar Birotteaus Größe und Niedergang

Honoré de Balzac: Cäsar Birotteaus Größe und Niedergang - Kapitel 15
Quellenangabe
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typefiction
authorHonoré de Balzac
titleCäsar Birotteaus Größe und Niedergang
publisherDiogenes
isbn3257204604
translatorHugo Kaatz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Es war in der Tat der edle Richter, der bei der Portierfrau nach seinem Neffen fragte. Als er seine Stimme erkannte, ging Anselm die Treppe hinab mit einer Kerze in der Hand, um ihm zu leuchten.

»Ich begrüße Sie, meine Herren«, sagte der Beamte. Der berühmte Gaudissart verneigte sich tief. Finot betrachtete den Richter mit seinen benebelten Augen und fand ihn ziemlich zopfig.

»Luxuriös sieht es hier nicht aus«, sagte der Richter ernst, während er das Zimmer besah; »aber wenn man etwas Großes werden will, mein Kind, muß man es verstehen, ganz klein anzufangen.«

»Was für ein tiefer Geist!« sagte Gaudissart zu Finot.

»Man könnte einen Artikel darüber schreiben«, sagte der Journalist.

»Ach, da sind Sie ja auch, Herr Gaudissart«, sagte der Richter, der den Reisenden erkannte. »Was tun Sie denn hier?«

»Verehrter Herr, ich beabsichtige, all meine schwachen Kräfte dem Glück Ihres teuren Neffen zu widmen. Wir haben eben den Prospekt für sein Öl geprüft, und in diesem Herrn hier sehen Sie den Verfasser des Prospekts, den wir für eins der schönsten Erzeugnisse der Perücken-Literatur halten.« Der Richter betrachtete Finot.

»Dieser Herr,« sagte Gaudissart, »ist Herr Andoche Finot, einer der ausgezeichnetsten jungen Literaten, der in den Regierungsblättern die politischen Artikel und die Theaterkritiken schreibt, sozusagen ein Minister auf dem Wege zum Schriftsteller.«

Finot zog Gaudissart am Rockschoße.

»Schön, Kinder«, sagte der Richter, der sich nach diesen Worten den Anblick des Tisches, auf dem die Reste eines unter solchen Umständen begreiflichen Festessens standen, erklären konnte. – »Jetzt, mein Lieber,« sagte er zu Popinot, »mußt du dich aber umkleiden, wir wollen heute abend noch zu Herrn Birotteau gehen, dem ich einen Besuch schuldig bin. Du sollst dort auch euren Sozietätsvertrag, den ich sorgfältig geprüft habe, unterzeichnen. Da ihr die Herstellung eures Öls in der Fabrik am Faubourg du Temple betreibt, so meine ich, daß er mit dir auch einen Mietvertrag abschließen muß; es kann mal ein anderer an seine Stelle treten, und wenn man seine Sachen in gehöriger Ordnung hat, vermeidet man Streitigkeiten. Die Mauer hier scheint feucht zu sein, Anselm; du solltest hinter deinem Bett Strohmatten anbringen.«

»Gestatten Sie mir, zu bemerken, Herr Untersuchungsrichter,« sagte Gaudissart mit dem Wortschwall eines vollendeten Hofmanns, »daß wir selbst die Tapete erst heute angeklebt haben, und sie . . . ist noch nicht . . . trocken.«

»Sehr schön, das nenne ich sparsam sein!« sagte der Richter.

»Hör mal,« sagte Gaudissart leise zu Finot, »mein Freund Popinot ist ein tugendhafter junger Mann, er geht zu seinem Onkel, wollen wir nicht den Abend bei unseren Kusinen verbringen . . .?«

Der Journalist zeigte auf das leere Futter seiner Westentasche. Popinot, der das bemerkte, steckte dem Autor seines Prospekts ein Zwanzigfrankenstück hinein. Der Richter hatte am Ende der Straße den Wagen warten lassen und nahm seinen Neffen mit zu Birotteau. Hier spielten Pillerault, Herr und Frau Ragon und Roguin ihren Boston, während Cäsarine an einem Fichu stickte, als der Richter Popinot und Anselm erschienen. Roguin, der seinen Platz gegenüber von Frau Ragon hatte, neben der Cäsarine saß, bemerkte, welche Freude das junge Mädchen bezeigte, als sie Anselm hereintreten sah, und wies seinen ersten Schreiber mit einem Wink auf sie hin, die rot wie ein Granatapfel geworden war.

»Heute soll also durchaus ein Tag der Verträge sein«, sagte nach den Begrüßungen der Parfümhändler, dem der Richter den Grund seines Besuchs mitgeteilt hatte.

Cäsar, Anselm und der Richter gingen nun in den zweiten Stock hinauf, wo der Parfümhändler sich provisorisch ein Zimmer eingerichtet hatte, um den Miet- und den Sozietätsvertrag zu besprechen. Der Mietvertrag wurde auf achtzehn Jahre abgeschlossen, damit er gleich lange mit dem in der Rue des Cinq-Diamants lief, ein scheinbar unbedeutender Umstand, der aber später von Wichtigkeit für Birotteaus Interessen werden sollte. Als Cäsar und der Richter in das Zwischengeschoß zurückgekehrt waren, erkundigte sich der Beamte, der über das allgemeine Durcheinander und die am Sonntag arbeitenden Handwerker bei einem so frommen Manne, wie dem Parfümhändler, erstaunt war, nach dem Grunde hierfür, eine Frage, auf die Birotteau schon wartete.

»Obwohl Sie kein Gesellschaftsmensch sind, verehrter Herr, werden Sie es doch nicht übel angebracht finden, wenn wir die Befreiung des Vaterlandes feiern. Aber das ist noch nicht alles. Wenn ich einige Freunde zu mir bitte, so geschieht das, um meine Aufnahme in den Orden der Ehrenlegion festlich zu begehen.«

»Ah«, sagte der Richter, der den Orden nicht erhalten hatte.

»Vielleicht habe ich mich dieser Auszeichnung und allerhöchsten Gnade würdig erwiesen als Mitglied des Gerichtshofs . . . oh; des Handelsgerichts, und als Kämpfer für die Sache der Bourbonen, auf den Stufen . . .«

»Jawohl«, sagte der Richter.

»Vor Saint-Roch, am 13. Vendémiaire, wo ich von Napoleon verwundet wurde.«

»Ich werde gern erscheinen,« sagte der Richter, »und mit meiner Frau, falls sie nicht leidend sein sollte.«

»Xandrot,« sagte Roguin auf der Türschwelle zu seinem Schreiber, »schlage es dir aus dem Kopf, Cäsarine heiraten zu wollen; in sechs Wochen wirst du sehen, daß ich dir damit einen guten Rat gegeben habe.«

»Warum?« fragte Crottat.

»Birotteau, mein Lieber, wird für seinen Ball hunderttausend Franken ausgeben, sein Vermögen legt er, trotz meines Abratens, in diesem Terraingeschäft fest. In sechs Wochen werden die Leute nichts mehr zu essen haben. Heirate Fräulein Lourdois, die Tochter des Stubenmalers, sie bekommt dreihunderttausend Franken mit, ich habe dir das für alle Fälle in Reserve gehalten! Wenn du mir nur hunderttausend Franken für mein Notariat bezahlen willst, kannst du es morgen haben.«

Die Prachtentfaltung des Balles, den der Parfümhändler geben wollte und von der in den europäischen Zeitungen die Rede war, wurde, aus Anlaß des Lärms, den die Tag und Nacht fortgesetzten Umbauten verursachten, in der Handelswelt sehr anders besprochen. Hier erzählte man sich an einer Stelle, Cäsar habe drei Häuser gemietet, an einer anderen, er ließe seine Salons vergolden, an einer entfernteren, bei dem Essen würden Gerichte aufgetischt werden, die eigens für diesen Zweck erfunden seien; wieder wo anders wurde der Ehrgeiz des Parfümhändlers bitter getadelt, man spottete über seine politischen Prätentionen, man leugnete sogar, daß er verwundet worden war! Der Ball hatte mehr als eine Intrige im zweiten Bezirk zur Folge; die Freunde hielten sich still, aber die Wünsche bloßer Bekanntschaften wuchsen ins Ungemessene. Jedes Glück schafft eine Schar Schmeichler. Es gab eine Menge Menschen, die sich eine Einladung mehr als einen Gang kosten ließen. Die Birotteaus erschraken über die Menge von »Freunden«, die sie gar nicht kannten. Besonders setzte dieser Andrang Frau Birotteau in Schrecken, ihre Stimmung wurde beim Herannahen des Festes von Tag zu Tag trüber. Sie gestand Cäsar, daß sie nicht wisse, wie sie sich benehmen solle, sie war entsetzt über die Unzahl von Details, die für ein solches Fest vorzubereiten waren; wo sollte man das Silberzeug, das Glaszeug, die Erfrischungen, das Tafelgeschirr, die Bedienung hernehmen? Und wer sollte das alles überwachen? Sie bat Birotteau, er solle sich an die Eingangstür stellen und nur die wirklich Eingeladenen hereinlassen, denn sie hatte merkwürdige Dinge über Leute gehört, die zu solchen Bällen der Bourgeoisie gekommen waren und sich auf Freunde beriefen, die sie dann nicht nennen konnten.

Als zehn Tage vorher Braschon, Grindot, Lourdois und Chaffaroux, der Bauunternehmer, erklärt hatten, daß die Wohnung an dem vielgenannten Sonntage, dem 17. Dezember, fertig sein würde, fand abends, nach dem Essen, in dem bescheidenen kleinen Salon des Zwischengeschosses, eine komische Konferenz zwischen Cäsar, seiner Frau und seiner Tochter statt, um die Liste der Eingeladenen aufzustellen und die Einladungen zu schreiben, die ihnen am Morgen der Drucker auf schönem englischen rosa Karton zugeschickt hatte, und die in dem vorgeschriebenen kindischen Stil dieser ehrbaren Gesellschaft abgefaßt waren.

»Daß wir nur niemanden vergessen!« sagte Birotteau.

»Wenn wir auch jemanden vergessen«, sagte Konstanze, »er selbst wird sich schon nicht vergessen. Frau Derville, die uns bisher niemals besucht hat, ist gestern abend vier Mann hoch angetreten.«

»Sie ist sehr hübsch,« sagte Cäsarine, »sie hat mir gut gefallen.«

»Vor ihrer Heirat war sie aber noch weniger als ich,« sagte Konstanze, »sie war Wäschenäherin in der Rue Montmartre und hat Hemden für deinen Vater gemacht.«

»Also fangen wir mit der Liste an«, sagte Birotteau, »und zwar mit den vornehmen Leuten. Schreib, Cäsarine: der Herr Herzog und die Frau Herzogin von Lenoncourt . . .«

»Mein Gott, Cäsar,« sagte Konstanze, »schicke doch bloß keine Einladung Leuten, die du nur als Lieferant kennst. Willst du vielleicht auch noch die Prinzessin von Blamont-Chauvry, die mit deiner seligen Patin, der Marquise d'Uxelles, näher verwandt war als der Herzog von Lenoncourt, einladen? Willst du auch die beiden Herren Vandenesse, Herrn von Marsay, Herrn von Ronquerolles, Herrn von Aiglemont, oder deine ganze Kundschaft einladen? Du bist verrückt geworden, deine Größe ist dir zu Kopf gestiegen.«

»Schön, aber doch den Grafen von Fontaine mit Familie! Ach, der kam damals unter dem Namen ›Grand-Jacques‹ mit dem ›Gars‹, das war der Marquis von Montauran, und Herrn von Billardière, der ›Le Nantais‹ genannt wurde, in die Rosenkönigin, vor der großen Affäre des 13. Vendémiaire. Was war das für ein Händedrücken! Mut, mein teurer Birotteau! Gehen Sie, ebenso wie wir, in den Tod für die gute Sache! Wir sind doch alte Verschwörer-Kameraden.«

»Also schreib ihn auf«, sagte Konstanze. »Wenn Herr von Billardière und sein Sohn kommen, müssen sie ja jemanden finden, mit dem sie sich unterhalten können.«

»Schreib, Cäsarine,« sagte Birotteau, »Primo, den Herrn Seinepräfekten; mag er nun kommen wollen oder nicht, aber er steht an der Spitze der Stadtverwaltung: Ehre, wem Ehre gebührt. – Herrn von Billardière nebst Sohn, den Bürgermeister. Die Zahl der Personen setze ans Ende. – Meinen Kollegen Granat, den Beigeordneten und Frau. Sie ist sehr häßlich, aber das hilft nichts, man kann sie nicht weglassen! – Herrn Curel, den Juwelier, Obersten der Nationalgarde, mit Frau und beiden Töchtern. Das wären die Behörden. Nun zu den Hauptpersonen! Den Herrn Grafen und die Frau Gräfin von Fontaine und ihre Tochter, Fräulein Emilie von Fontaine.«

»Eine unverschämte Person, die mich immer aus dem Laden herausholen läßt und mit mir an ihrer Wagentür redet, ganz gleich, was für Wetter ist«, sagte Frau Birotteau. »Wenn sie kommt, dann tut sie es bloß, um sich über uns zu mokieren.«

»Dann wird sie wahrscheinlich kommen«, sagte Cäsar, der durchaus Leute aus der vornehmen Gesellschaft haben wollte. – »Den Herrn Grafen und die Frau Gräfin von Grandville, meinen Hausherrn, der feinste Kopf am königlichen Hof, sagt Derville. Ach richtig, Herr von Billardière hat ja veranlaßt, daß ich morgen als Ritter in die Ehrenlegion von dem Grafen von Lacépède persönlich aufgenommen werde. Es gehört sich, daß ich dem Großkanzler eine Einladung zum Ball und zum Diner schicke. – Herrn Vauquelin. – Schreib: zum Ball und zum Diner, Cäsarine. Und nicht zu vergessen: alle Chiffrevilles und Protez. – Herrn und Frau Popinot, Richter am Seinetribunal. – Herrn und Frau Thirion, Türhüter des königlichen Kabinetts, die Freunde von Ragons, und ihre Tochter, die, wie man sagt, den Sohn des Herrn Camusot aus erster Ehe heiraten wird.«

»Cäsar, vergiß den kleinen Horace Bianchon nicht, den Neffen des Herrn Popinot und Anselms Vetter«, sagte Konstanze.

»Natürlich! Cäsarine hat ja auch schon eine Vier hinter die Popinots gesetzt. – Herrn und Frau Rabourdin, einen der Bureauchefs des Herrn von Billardière. – Herrn Cochin, von derselben Behörde, mit Frau und Sohn, die Kommanditäre der Matifats, und, da wir bei ihnen sind, gleich Herrn, Frau und Fräulein Matifat.«

»Die Matifats haben sich«, sagte Cäsarine, »für Herrn und Frau Colleville und Herrn und Frau Thuillier, ihre Freunde, verwendet.«

»Wir wollen sehen«, sagte Cäsar. »Dann unser Handelsagent, Herr Jules Desmarets und Frau.«

»Die wird die Schönste auf dem Balle sein!« sagte Cäsarine, »die gefällt mir sehr, mehr als alle anderen.«

»Derville und Frau.«

»Schreib doch Herrn und Frau Coquelin auf, die Nachfolger des Onkels Pillerault«, sagte Konstanze. »Sie rechnen so bestimmt darauf, daß sich die arme kleine Frau bei meiner Schneiderin schon ein prachtvolles Ballkleid hat machen lassen: einen Rock von weißem Satin und darüber ein Tüllkleid mit einem Besatz von gestickten Blumen. Es hat nicht viel gefehlt, so hätte sie sich eine golddurchwirkte Robe bestellt, als ob sie bei Hofe erscheinen sollte. Lassen wir die fort, so machen wir uns zwei erbitterte Feinde.«

»Schreib sie auf, Cäsarine; wir müssen dem Handelsstande Ehre erweisen, wir gehören ja selbst dazu. – Dann Herrn und Frau Roguin.«

»Mama, Frau Roguin wird ihr Diadem anlegen, und alle ihre Brillanten und ihr Spitzenkleid.«

»Herrn und Frau Lebas«, sagte Cäsar. »Dann den Herrn Präsidenten des Handelsgerichts mit Frau und zwei Töchtern. Ich habe ihn bei den Spitzen übersehen. – Herrn und Frau Lourdois mit Tochter. – Herrn Bankier Claparon, die Herren Grindot, Molineux, Pillerault mit seinem Hauseigentümer, Herrn und Frau Camusot, die reichen Seidenhändler, mit allen Kindern, dem vom Polytechnikum und dem Anwalt . . . Er soll anläßlich seiner Heirat mit Fräulein Thirion zum Richter ernannt werden.«

»Aber in der Provinz«, sagte Cäsarine.

»Herrn Cardot, Camusots Schwiegervater, und alle Kinder Cardots. Richtig! Auch die Guillaumes, Rue du Colombier, die Schwiegereltern von Lebas, zwei alte Leut, Wanddekoration; dann Alexander Crottat – Cölestin . . .«

»Papa, vergiß Herrn Andoche Finot und Herrn Gaudissart nicht, die beiden jungen Leute, die Herrn Anselm von großem Nutzen sind.«

»Gaudissart? Der hat ja in Untersuchungshaft gesessen. Aber das schadet nichts, er geht nächster Tage weg und reist für unser Öl, schreib ihn auf! Aber was soll uns der Andoche Finot?«

»Herr Anselm sagt, er wird ein großer Mann werden, er ist so geistvoll wie Voltaire.«

»Ein Schriftsteller? Das sind lauter Atheisten.«

»Wir wollen ihn doch aufschreiben, Papa; wir haben so schon nicht Überfluß an Tänzern. Außerdem ist doch der schöne Prospekt für euer Öl von ihm.«

»Er glaubt an mein Öl?« sagte Cäsar. »Schreib ihn auf, liebes Kind.«

»Ich habe auch meine Günstlinge«, sagte Cäsarine.

»Dann schreib Herrn Mitral auf, meinen Gerichtsvollzieher, und Herrn Haudry, unsern Arzt; nur der Form halber, kommen wird er nicht.«

»Er wird schon kommen, um seine Partie zu spielen«, sagte Cäsarine.

»Höre, Cäsar, ich hoffe, du lädtst den Herrn Abbé Loraux zum Diner ein!«

»Ich habe schon an ihn geschrieben«, sagte Cäsar.

»Ach, wir dürfen auch nicht Lebas' Schwägerin, Frau Augustine von Sommervieux, vergessen«, sagte Cäsarine. »Die arme kleine Frau leidet so, daß der Kummer sie noch umbringen wird, hat uns Lebas erzählt.«

»Das kommt dabei heraus, wenn man einen Künstler heiratet«, rief Cäsar aus. »Sieh mal, deine Mutter schläft ein«, sagte er leise zu seiner Tochter. »Gute Nacht, Frau Birotteau.«

»Wie steht es denn mit dem Kleide für die Mama?« sagte Cäsar zu Cäsarine.

»Es wird alles rechtzeitig fertig sein. Mama denkt, sie hat nur das Crêpe-de-Chine-Kleid, das gleiche wie meines; die Schneiderin hat versichert, daß das neue nicht anprobiert zu werden braucht.«

»Also wieviel Personen haben wir?« fragte Cäsar laut, da er seine Frau die Augen wieder öffnen sah.

»Mit den Kommis hundertneun«, sagte Cäsarine.

»Wie sollen wir denn diese ganze Gesellschaft unterbringen?« sagte Frau Birotteau. »Ach,« setzte sie aus tiefstem Herzen aufseufzend hinzu, »nach diesem Sonntag wird's doch auch mal Montag werden.«

Bei Leuten, die von einer sozialen Stufe in die nächst höhere aufrücken, vollzieht sich nichts in einfacher Weise. Weder Frau Birotteau, noch Cäsar, noch sonst jemand durfte unter irgendeinem Vorwande das erste Stockwerk betreten. Cäsar hatte seinem Hausdiener Raguet einen neuen Anzug für den Balltag versprochen, wenn er scharf Wache hielte und seinen Auftrag strikt ausführte. Birotteau wollte, wie der Kaiser Napoleon in Compiègne, als das Schloß anläßlich seiner Vermählung mit Marie Louise von Österreich restauriert wurde, nichts einzeln Fertiggestelltes sehen, er wollte von dem Ganzen »überrascht« werden. So trafen die beiden alten Gegner unbewußt noch einmal zusammen, aber nicht auf einem Schlachtfelde, sondern auf dem Felde bourgeoiser Eitelkeit. Herr Grindot sollte also Cäsar dann bei der Hand nehmen und ihm die Wohnung zeigen, wie ein Führer die Neugierigen in einer Galerie herumführt. Jedes Mitglied der Familie hatte sich übrigens seine »Überraschung« ausgedacht. Cäsarine, das gute Kind, hatte ihren ganzen kleinen Sparschatz, hundert Louisdors, ausgegeben, um ihrem Vater Bücher zu schenken. Herr Grindot hatte ihr eines Morgens anvertraut, daß er im Zimmer ihres Vaters eine zweiteilige Bibliothek, die ein kleines Kabinett bildete, angebracht habe, eine Architekten-Überraschung. Cäsarine hatte daraufhin alle ihre Mädchen-Ersparnisse zu einem Buchhändler getragen und schenkte ihrem Vater: Bossuet, Racine, Voltaire, Jean-Jacques Rousseau, Montesquieu, Molière, Buffon, Fénelon, Delille, Bernardin de Saint-Pierre, La Fontaine, Corneille, Pascal, La Harpe, kurz, die übliche Bibliothek, die man überall findet, und die ihr Vater doch niemals lesen würde. Sie mußte aber eine schauderhafte Buchbinderrechnung ergeben. Der berühmte unpünktliche Buchbinder Thouvenin hatte versprochen, die Bände am 15. mittags abzuliefern. Cäsarine hatte ihre Not dem Onkel Pillerault geklagt, und dieser hatte die Sache auf sich genommen. Cäsars Überraschung für seine Frau war ein Kleid aus kirschrotem Sammet mit Spitzen garniert, wovon er eben mit seiner Tochter, die eingeweiht war, gesprochen hatte. Frau Birotteaus Überraschung für den neuen Ordensritter bestand in einem Paar goldener Schuhschnallen und einer Busennadel mit einem Brillanten. Dann stand noch der ganzen Familie die Überraschung mit der neuen Wohnung bevor, worauf nach vierzehn Tagen die große Überraschung der zu bezahlenden Rechnungen folgen sollte.

Cäsar hatte abends reiflich überlegt, welche Einladungen er persönlich überbringen und welche er mit Raguet zuschicken sollte. Nun nahm er einen Wagen und setzte seine Frau mit hinein, die sich mit einem Federhut und dem neuen Kaschmirschal, den sie sich seit fünfzehn Jahren gewünscht hatte, verunstaltet hatte. Das festlich gekleidete Ehepaar erledigte zweiundzwanzig Besuche an einem Vormittag.

Cäsar hatte seiner Frau die Schwierigkeiten erspart, die in einem bürgerlichen Haushalt die Herstellung der Speisen, die für das glänzende Fest erforderlich waren, bereitet hätte. Er hatte einen geschickten Vertrag mit dem berühmten Chevet abgeschlossen, der prachtvolles Silberzeug stellte, das ihm an Leihgeld so viel wie ein Rittergut einbrachte; er lieferte auch das Diner, die Weine und die Dienerschaft, die von einem vornehm aussehenden Haushofmeister dirigiert wurde und sämtlich für ihr Tun und Treiben verantwortlich war. Chevet verlangte, daß ihm die Küche und das Speisezimmer des Zwischenstocks als Hauptquartier zur Verfügung gestellt wurden; er bedurfte dieser Räume, wenn er um sechs Uhr ein Diner für zwanzig Personen und um ein Uhr morgens ein prächtiges kaltes Büfett servieren sollte. In dem Café de Foy hatte Birotteau das Fruchteis bestellt, das in hübschen Tassen mit vergoldeten Löffeln auf silbernen Platten gereicht werden sollte. Tanrade, eine andere Berühmtheit, lieferte die Erfrischungen.

»Sei nur ruhig,« sagte Cäsar zu seiner Frau, als er sie am Abend vorher etwas aufgeregt fand, »Chevet, Tanrade und das Café de Foy werden im Zwischengeschoß sein, Virginie bewacht den zweiten Stock, der Laden wird sorgfältig verschlossen werden. Wir brauchen uns nur im ersten Stock auszubreiten.«

Am 16. um zwei Uhr erschien Herr von Billardière, um Cäsar in die Kanzlei zu begleiten, wo er mit einem Dutzend anderer Ritter von dem Herrn Grafen von Lacépède empfangen werden sollte. Der Bürgermeister traf den Parfümhändler mit Tränen in den Augen an, Konstanze hatte ihn eben mit den goldenen Schnallen und dem Brillanten überrascht.

»Es ist köstlich, wenn einem so viel Liebe entgegengebracht wird«, sagte er, als er vor den versammelten Kommis, Cäsarine und Konstanze in den Wagen stieg. Alle bewunderten Cäsar in seiner schwarzseidenen Hose, seidenen Strümpfen und dem neuen kornblumenblauen Frack, auf dem bald das Band, das nach Molineux' Ausspruch in Blut getaucht war, prangen sollte. Als Cäsar zum Essen zurückkehrte, war er bleich vor Freude, besah sein Kreuz in allen Spiegeln, denn in der ersten Trunkenheit begnügte er sich nicht mit dem Bande und zeigte seinen Stolz ohne jede falsche Bescheidenheit.

»Liebe Frau,« sagte er, »der Herr Großkanzler ist ein entzückender Mensch; auf ein Wort von Billardière hat er meine Einladung angenommen. Er kommt mit Herrn Vauquelin. Herr von Lacépède ist ein bedeutender Mann, ja, ebenso bedeutend wie Herr Vauquelin; er hat vierzig Bände geschrieben! Und dazu ist dieser Schriftsteller Pair von Frankreich. Wir dürfen nicht vergessen, daß man ihn mit ›Eure Herrlichkeit‹ oder mit ›Herr Graf‹ anredet.«

»Aber so iß doch endlich«, sagte seine Frau. »Dein Vater benimmt sich schlimmer als ein Kind«, sagte Konstanze zu Cäsarine.

»Wie hübsch sich das an deinem Knopfloch ausnimmt«, sagte Cäsarine. »Man wird vor dir präsentieren, wir müssen zusammen ausgehen.«

»Jede Schildwache muß vor mir präsentieren.«

In diesem Augenblick kam Grindot mit Braschon herunter. Nach dem Essen sollte dem Ehepaar und Cäsarine der Genuß des ersten Blicks auf die neuen Räume zuteil werden; der erste Gehilfe Braschons schlug noch die letzten Haken ein und drei Männer zündeten die Lichter an.

»Wir brauchen hundertzwanzig Lichte«, sagte Braschon.

»Das kostet bei Trudon zweihundert Franken«, sagte Konstanze, deren Klage auf einen Blick des Ritters Birotteau verstummte.

»Ihr Fest wird großartig werden, Herr Ritter«, sagte Braschon.

Birotteau sagte bei sich: »Schon sind die Schmeichler da. Der Abbé Loraux hat mich mit Recht davor gewarnt, in ihre Schlingen zu fallen, und mir geraten, bescheiden zu bleiben. Ich werde nicht vergessen, wo ich herstamme.«

Cäsar verstand nicht, was der reiche Tapezierer aus der Rue Saint-Antoine mit seinen Worten bezweckte. Braschon machte zehn vergebliche Versuche, mit Frau, Tochter, Schwiegermutter und Tante eingeladen zu werden. So wurde er Birotteaus Feind. Auf der Schwelle redete er ihn immer noch mit »Herr Ritter« an.

Jetzt begann die Generalprobe. Cäsar, seine Frau und Cäsarine verließen den Laden und betraten das Haus durch die Haustür. Diese war großartig erneuert worden, mit zwei in gleiche quadratische Felder geteilten Türflügeln, in deren Mitte eine architektonische Verzierung aus gestrichenem Gußeisen angebracht war. Solche Türen, die in Paris inzwischen so allgemein verbreitet sind, waren damals eine seltene Neuheit. Am Ende des Vestibüls befand sich die Treppe, die aus zwei geraden Stiegen bestand, zwischen denen sich der Sockel befand, der Birotteau so beunruhigt hatte, und der eine Art Loge bildete, in der eine alte Portierfrau untergebracht werden konnte. Das Vestibül mit einem Fußboden von weißen und schwarzen Marmorplatten und mit marmorartig gemalten Wänden wurde von einer antiken vierflammigen Lampe erleuchtet. Der Architekt hatte hier Gediegenheit mit Einfachheit vereinigt. Ein schmaler roter Teppichläufer ließ das Weiß der Treppenstufen aus mit Bimsstein geglättetem Sandstein noch mehr hervortreten. Auf dem ersten Treppenabsatz befand sich der Eingang zum Zwischengeschoß. Die Eingangstür zur Wohnung war ähnlich wie die Haustür, aber in Holzschnitzerei gestaltet.

»Wie reizend!« sagte Cäsarine. »Und dabei gibt es nichts, was sich aufdrängte.«

»Gewiß, mein Fräulein; die reizvolle Wirkung beruht auf dem richtigen Verhältnis zwischen Säulenbasis, Deckplatte, Gesims und Ornament; außerdem habe ich nichts mit Gold überziehen lassen, die Farben sind gedämpft, nirgends sehen Sie schreiende Töne.«

»Das ist ja eine ganze Wissenschaft«, sagte Cäsarine.

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