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Cäsar Birotteaus Größe und Niedergang

Honoré de Balzac: Cäsar Birotteaus Größe und Niedergang - Kapitel 14
Quellenangabe
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typefiction
authorHonoré de Balzac
titleCäsar Birotteaus Größe und Niedergang
publisherDiogenes
isbn3257204604
translatorHugo Kaatz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Frau Ragon, Cäsarine und Konstanze hatten die Kontrahenten, Pillerault, Ragon, Cäsar, Roguin und Claparon, allein gelassen, denen Alexander Crottat jetzt den Vertrag vorlas. Cäsar unterzeichnete zugunsten eines Klienten Roguins Schuldscheine über vierzigtausend Franken, wofür eine Hypothek auf die Terrains und seine Fabrik im Faubourg du Temple eingetragen werden sollte; er übergab ferner Roguin Pilleraults Scheck auf die Bank und ohne Quittung zwanzigtausend Franken Wechsel aus seinem Portefeuille und für hundertvierzigtausend Franken Wechsel an die Order von Claparon.

»Ich brauche Ihnen keine Quittung darüber zu geben,« sagte Claparon, »Sie verrechnen sich Ihrerseits mit Herrn Roguin, wie wir uns unserseits. Die Verkäufer erhalten ihr Geld von ihm, ich verpflichte mich nur dazu, den Rest Ihres Anteils mit diesen Wechseln über hundertvierzigtausend Franken zu decken.«

»Das ist in Ordnung«, sagte Pillerault.

»Dann, meine Herren, wollen wir die Damen holen, man wird nicht warm ohne sie«, sagte Claparon und blickte Roguin an, um zu sehen, ob sein Scherz nicht zu stark war.

»Da sind die Damen ja! Oh, das Fräulein ist gewiß Ihre Tochter«, sagte Claparon, sich gerade haltend, zu Birotteau. »Ei, Sie sind wirklich ein geschickter Mann. Keine von all den Rosen, die Sie destilliert haben, läßt sich mit dieser vergleichen. Und wahrscheinlich, weil Sie Rosen destilliert haben, ist es Ihnen . . .«

»Ich habe wahrhaftig Hunger«, unterbrach ihn Roguin.

»Also zu Tisch!« sagte Birotteau.

»Wir werden vor dem Notar dinieren«, sagte Claparon und warf sich in die Brust.

»Sie haben viele Geschäfte«, sagte Pillerault, der sich mit Absicht neben Claparon gesetzt hatte.

»Kolossal, en gros,« antwortete der Bankier; »aber sie sind schwierig und dornig; da sind die Kanäle, oh, diese Kanäle! Sie können sich nicht vorstellen, was uns die Kanäle zu schaffen machen! Und das ist begreiflich. Die Regierung will die Kanäle haben. Der Kanal ist ein Bedürfnis, das sich allgemein in den Departements fühlbar macht und das auf den ganzen Handel Einfluß hat. Die Flüsse, hat Pascal gesagt, sind wandernde Wege. Es sind Halteplätze nötig. Diese wieder hängen von der Erdbeschaffenheit ab, und da werden erschreckend große Erdarbeiten erforderlich werden; Erdarbeiten sind aber auch von Wichtigkeit für die Armen, so daß schließlich die Anleihe den Armen zugute kommt. Voltaire hat gesagt: Canaux, canards, canaille!Kanäle, Enten, Canaille. Aber die Regierung hat ihre Ingenieure, die ihr Aufklärung geben; es ist schwer, sie hineinzulegen, man muß sich mit ihr verständigen, denn die Kammer! . . . Ach, lieber Herr, die Kammer, die macht uns zu schaffen! Die will durchaus nicht begreifen, daß hinter der Finanzfrage die politische Frage steckt. Treu und Glauben ist auf beiden Seiten nicht vorhanden. Können Sie sich folgendes vorstellen? Diese Kellers! Also, Franz Keller ist ein guter Redner, er greift die Regierung an bezüglich der Ausgaben und der Kanäle. Als er nach Hause kommt, findet unser Mann uns vor mit unsern Vorschlägen; sie sind günstig, und er muß sich mit derselben Regierung, die er eben so frech angegriffen hat, verständigen. Die Interessen des Deputierten und des Bankiers stehen in Widerspruch miteinander, und wir stehen zwischen zwei Feuern! Sie begreifen jetzt, wie dornig solche Geschäfte werden können, es wollen so viele Parteien abgefunden werden: Die Angestellten, die Kammern, die Vorzimmer, die Minister . . .«

»Die Minister?« sagte Pillerault, der sich durchaus über seinen Geschäftsteilhaber klar werden wollte.

»Gewiß, verehrter Herr, die Minister.«

»Die Zeitungen haben also doch recht«, sagte Pillerault.

»Da ist mein Onkel glücklich bei der Politik angelangt«, sagte Birotteau. »Herr Claparon läßt ihn sein Süppchen kochen.«

»Ach, diese Zeitungsschreiber, diese verdammten Possenreißer«, sagte Claparon. »Diese Zeitungen, lieber Herr, verderben uns alles; manchmal sind sie uns ja von Nutzen, aber sie bereiten mir böse Nächte, die ich lieber anderswie zubringen möchte; mit dem Lesen und Rechnen müssen habe ich mir schon meine Augen verdorben.«

»Kommen wir wieder auf die Minister zurück«, sagte Pillerault, der auf Enthüllungen begierig war.

»Die Minister stellen nur Forderungen im Interesse der Regierung. Aber was ich hier esse, das ist ja das reine Ambrosia«, sagte Claparon, sich unterbrechend. »Solche Soßen bekommt man nur in Bürgerhäusern, niemals bei den Schmierköchen . . .«

Bei diesem Worte hoben sich die Blumen auf Frau Ragons Haube wie Hörner empor. Claparon merkte, daß er einen unpassenden Ausdruck gebraucht hatte, und verbesserte sich.

»In der großen Bankwelt«, sagte er, »nennt man Schmierköche die Küchenchefs der vornehmen Restaurants, wie Very und die Frères Provençaux. Aber weder die elenden Schmierköche noch unsere erfahrensten Kochkünstler servieren uns kräftige Soßen: bei den einen ist es klares Wasser mit Zitronensaft, bei den andern eine chemische Zusammensetzung.«

Das Essen verlief unter beständigen Angriffen Pilleraults, der diesen Mann zu ergründen versuchte, aber immer ins Leere stieß und ihn für einen gefährlichen Menschen hielt.

»Alles geht gut«, sagte Roguin leise zu Karl Claparon.

»Ach, jedenfalls werde ich mich heute abend endlich ausziehen können«, erwiderte Claparon, der zu ersticken meinte.

»Herr Claparon,« sagte Birotteau, »wenn wir genötigt sind, das Speisezimmer zum Salon zu machen, so geschieht das, weil wir in drei Wochen einige Freunde bei uns sehen wollen, sowohl zur Feier der Räumung des Landes . . .«

»Sehr schön, Herr Birotteau, auch ich bin für die Regierung. Nach meiner Überzeugung stehe ich auf dem Standpunkt des Status quo des großen Mannes, der die Geschicke des Hauses Österreich lenkt, ein famoser Kerl! Erhalten, um zu erwerben, und vor allem erwerben, um zu erhalten . . . Das ist meine innerste Überzeugung, die die Ehre hat, auch diejenige des Fürsten Metternich zu sein.«

»Als auch um meine Ernennung zum Ritter der Ehrenlegion festlich zu begehen«, begann Cäsar wieder.

»Ja, richtig, ich weiß. Wer hat mir das doch erzählt? Die Kellers oder Nucingen?«

Roguin, der über diesen Aplomb staunte, machte eine bewundernde Gebärde.

»Ach nein, es war in der Kammer.«

»In der Kammer? War es Herr von Billardière?« fragte Cäsar.

»Gewiß.«

»Ein reizender Mensch«, sagte Cäsar zu seinem Onkel.

»Er redet nichts als Phrasen«, sagte Pillerault, »man ertrinkt bei ihm in Phrasen.«

»Vielleicht habe ich mich dieser Auszeichnung würdig erwiesen . . .« begann Birotteau wieder.

»Durch Ihre Leistungen im Parfümeriehandel; die Bourbonen verstehen es, alle Verdienste zu belohnen. Ja, halten wir uns an diese großmütigen legitimen Herrscher, denen wir einen unerhörten Wohlstand verdanken . . . Denn, das können Sie mir glauben, die Restauration weiß, daß sie gegen das Kaiserreich zu kämpfen hat; aber sie wird rein friedliche Eroberungen machen, und Sie werden sehen, was für Eroberungen!«

»Sie werden uns doch gewiß die Ehre erzeigen, unserm Ball beizuwohnen?« sagte Frau Konstanze.

»Um einen Abend bei Ihnen zu verbringen, gnädige Frau, würde ich Millionen im Stiche lassen.«

»Er ist wirklich ein Schwätzer«, sagte Cäsar zu seinem Onkel.

Während der Sonnenglanz des Parfümgeschäfts vor seinem Niedergange seine letzten Strahlen warf, erhob sich kaum merkbar ein Stern am Horizonte der Handelswelt. Der kleine Popinot legte zur selben Stunde in der Rue des Cinq-Diamants den Grundstein zu seinem Vermögen. Die Rue des Cinq-Diamants, eine kleine, enge Straße, die beladene Wagen nur sehr schwer passieren können, mündet an einem Ende in die Rue des Lombards, an dem anderen in die Rue Aubry-le-Boucher, gegenüber der Rue Quincampoix, einer berühmten Straße des alten Paris, von denen die Geschichte Frankreichs so viele berühmt gemacht hat. Trotz dieses Mißstandes ist die Straße infolge der hier vereinigten Drogenhändler nicht ungünstig gelegen, und unter diesem Gesichtspunkte hatte Popinot nicht schlecht gewählt. Das Haus, von der Rue des Lombards aus das zweite, war so dunkel, daß man zu gewissen Zeiten mitten am Tage Licht anzünden mußte. Der neue Geschäftsherr hatte hier am Abend vorher die dunkelsten und widerwärtigsten Räume in Besitz genommen. Sein Vorgänger, der mit Melasse und rohem Zucker handelte, hatte die Merkmale seines Geschäfts an den Wänden, im Hofe und in den Vorratsräumen zurückgelassen. Man stelle sich einen großen, breit ausgedehnten Laden vor, mit dicken eisernen Türen, die dragonergrün gestrichen waren, mit langen, hervortretenden eisernen Bändern und Nägeln, deren Köpfe wie Champignons aussahen, mit Gittern aus Eisendraht, der unten, wie bei alten Bäckerläden, umgebogen war, einem Fußboden von großen, weißen, größtenteils zerbrochenen Steinen und kahlen, gelben Mauern, wie die einer Wachtstube. Daran schloß sich ein Hinterraum und eine Küche, die ihr Licht vom Hofe her empfingen, und schließlich ein zweiter Raum, der früher ein Pferdestall gewesen sein mußte. Eine in dem Hinterraum angebrachte innere Treppe führte zu zwei Zimmern hinauf, die nach der Straße gingen, und die Popinot zu seiner Kasse, seinem Arbeitszimmer und zur Unterbringung der Geschäftsbücher benutzen wollte. Oberhalb der Geschäftsräume befanden sich noch drei enge Zimmer, die an der gemeinsamen Mauer lagen und die Aussicht auf den Hof hatten; hier wollte er wohnen. Es waren drei verwahrloste Zimmer, die nur einen Blick auf den unregelmäßigen, dunklen, von Mauern umgebenen Hof gewährten und die auch beim trockensten Wetter aussahen, als ob sie eben frisch abgeputzt worden wären, einem Hof, zwischen dessen Pflaster eine schwarze, stinkende Masse von der Melasse und dem rohen Zucker zurückgeblieben war. Ein einziges von diesen Zimmern hatte einen Kamin, alle waren ohne Tapeten und hatten einen Fußboden von viereckigen Fliesen. Von frühmorgens an klebten Gaudissart und Popinot unter Beihilfe eines Tapezierergehilfen, den der Reisende aufgetrieben hatte, selbst eine Tapete zu fünfzehn Sous in diesem scheußlichen Zimmer an, das von dem Arbeiter mit Leimfarbe gestrichen wurde. Ein Schülerbett mit einer roten Holzbettstelle, ein schlechter Nachttisch, eine alte Kommode, ein Tisch, zwei Sessel und sechs Stühle, die der Richter Popinot seinem Neffen geschenkt hatte, bildeten das Mobiliar. Über dem Kamin hatte Gaudissart einen Wandspiegel mit elendem Glase, einen Gelegenheitskauf, angebracht. Gegen acht Uhr abends saßen die beiden Freunde vor dem Kamin, in dem etwas Reisig brannte, und schickten sich an, den Rest ihres Frühstücks zu verspeisen.

»Weg mit dem kalten Hammelfleisch! Das paßt nicht zu einem Einweihungsessen«, rief Gaudissart.

»Aber,« sagte Popinot und zeigte auf das einzige Zwanzigfrankenstück, das er aufgehoben hatte, um den Prospekt zu bezahlen, »ich . . .«

»Ich habe . . .« sagte Gaudissart und steckte sich ein Vierzigfrankenstück ins Auge.

Ein Schlag mit dem Türklopfer ließ sich jetzt im Hofe hören, der am Sonntag, wo die Handwerker fortgegangen sind und ihre Werkstätten verlassen haben, einsam dalag und jeden Ton widerhallen ließ.

»Da kommt mein Getreuer aus der Rue de la Poterie. Also nicht bloß ›ich habe‹, sondern ›ich habe gehabt‹«, fügte der berühmte Gaudissart hinzu. In der Tat brachte ein Aufwärter in Begleitung von zwei Küchenjungen in drei Körben ein Diner nebst sechs mit Kennerschaft ausgewählten Flaschen.

»Aber, wie können wir denn so viel essen?« sagte Popinot.

»Und der Schriftsteller?« rief Gaudissart. »Finot versteht sich auf Festlichkeiten und auf die Eitelkeiten dieser Welt, er wird schon erscheinen, du harmloser Junge, und zwar bewaffnet mit einem fabelhaften Prospekt. Ein hübscher Ausdruck, was? Prospekte haben immer Durst. Man muß den Samen begießen, wenn man Blumen haben will. Fort mit euch, Sklaven,« sagte er zu den Küchenjungen und warf sich in die Brust, »hier habt ihr Geld.«

Er gab ihnen zehn Sous mit einer Gebärde, die Napoleons, seines Idols, würdig war.

»Danke schön, Herr Gaudissart«, antworteten die Küchenjungen, die sich mehr über den Spaß als über das Geld freuten.

»Und du, mein Sohn,« sagte er zu dem Aufwärter, der zurückgeblieben war, um zu bedienen, »höre, es gibt hier eine Portierfrau, die in den Tiefen einer Höhle haust, wo sie manchmal kocht, so wie einstmals Nausikaa wusch, rein zu ihrem Vergnügen. Begib dich zu ihr, wende dich an ihre Gutherzigkeit, junger Mensch, und interessiere sie für das Heißmachen dieser Gerichte. Sage ihr, daß sie dafür gesegnet und besonders geachtet, sehr geachtet werden wird von Felix Gaudissart, dem Sohn von Jean-François Gaudissart, dem Enkel der Gaudissarts, sehr alter, elender Proletarier, seiner Ahnherren. Vorwärts und sorge dafür, daß alles ordentlich ist, oder ich haue dir eins in deine Visage!«

Jetzt ließ sich ein zweiter Schlag mit dem Türklopfer hören.

»Das ist der geistvolle Andoche«, sagte Gaudissart.

Ein ziemlich pausbäckiger, dicker, junger Mann von mittlerer Größe erschien plötzlich, der von Kopf bis Fuß wie der Sohn eines Hutmachers aussah, mit einem Gesicht, dessen feine Züge durch ein steifes Wesen wie erstarrt schienen. Sein Antlitz, das trübe aussah, wie bei einem vom Elend bedrückten Menschen, erheiterte sich, als er den gedeckten Tisch und die Flaschen mit verheißungsvollen Köpfen erblickte. Bei Gaudissarts Ausruf funkelten seine blaßblauen Augen, sein dicker Kopf mit dem Kalmückengesicht bewegte sich nach rechts und nach links, er begrüßte Popinot in eigenartiger Weise, weder untertänig, noch achtungsvoll, sondern wie ein Mann, der sich hier nicht am Platze fühlt, aber es nicht zugestehen will. Er begann damals einzusehen, daß er gar keine literarische Begabung besaß; er wollte aber die Literatur ausschlachten, sich auf die Schultern geistvoller Leute stellen und mit ihr lieber Geschäfte als schlecht bezahlte Werke machen. Augenblicklich fing er an, nachdem er die Erniedrigung und Demütigung vergeblicher Schritte und Bemühungen ausgekostet hatte, wie die Männer der Hochfinanz eine Wendung zu vollziehen und eine gewollte Unverschämtheit zur Schau zu tragen. Er brauchte aber hierfür eine erste Grundlage, und Gaudissart hat ihn dazu auf das Inszenesetzen von Popinots Öl hingewiesen.

»Sie sollen für seine Rechnung mit den Zeitungen verhandeln, aber betrügen Sie ihn nicht, sonst gibt es zwischen uns beiden ein Duell auf Leben und Tod; er soll für sein Geld auch etwas haben!« Popinot blickte den »Autor« mit unruhiger Miene an. Die richtigen Kaufleute betrachten einen Autor mit einem Gefühl, das aus Schreck, Mitleid und Neugierde zusammengesetzt ist. Obwohl Popinot eine gute Erziehung zuteil geworden war, hatten die Gewohnheiten seiner Verwandten, ihre Anschauungen, die verdummenden Arbeiten im Laden und an der Kasse seine Intelligenz, die sich den Bräuchen und der Handlungsweise seines Berufs anpassen mußte, beeinträchtigt, ein Phänomen, das man gut beobachten kann, wenn man auf die Wandlungen achtet, die sich in zehn Jahren bei hundert Kameraden vollzogen haben, die als annähernd die gleichen die Schule oder die Pension verlassen haben. Andoche nahm dieses Erstaunen für tiefe Bewunderung.

»Vorwärts, wir wollen den Prospekt vor dem Essen in den Grund bohren, dann können wir ohne Hintergedanken trinken«, sagte Gaudissart. »Nach dem Diner liest es sich schlecht. Auch die Zunge will in Ruhe verdauen.«

»Herr Finot,« sagte Popinot, »ein Prospekt bedeutet häufig ein Vermögen.«

»Und für kleine Leute wie mich ist das Vermögen häufig nur ein Prospekt«, bemerkte Andoche.

»Sehr hübsch gesagt«, meinte Gaudissart. »Dieser Spaßvogel von Andoche hat Geist wie die vierzig Unsterblichen.«

»Wie hundert«, sagte Popinot, der über diesen Gedanken staunte.

Der ungeduldige Gaudissart ergriff das Manuskript und las mit lauter Stimme und emphatischer Betonung:

»Huile Céphalique!«

»Ich hätte es lieber ›Huile Césarienne‹ genannt«, sagte Popinot.

»Lieber Freund,« sagte Gaudissart, »du kennst die Leute in der Provinz nicht; es gibt eine chirurgische Operation, die diese Bezeichnung hat, und sie sind so dumm, daß sie glauben würden, dein Öl wäre gut für eine leichtere Entbindung; sie von da auf die Haare zu bringen, dazu müßte man sich die Lunge aus dem Halse reden.«

»Ich will meine Benennung nicht verteidigen,« sagte der Autor, »aber ich gebe Ihnen zu bedenken, daß »Huile Céphalique« Öl für den Kopf bedeutet und damit Ihre Ideen zusammenfaßt.«

»Also weiter!« sagte Popinot ungeduldig.

Der Wortlaut des Prospektes, so wie er noch heute in Tausenden von Exemplaren im Handel verbreitet wird, ist folgender (Zweites Belags-Dokument):

»Goldene Medaille auf der Ausstellung von 1819.«
»Huile Céphalique«
»Patentamtlich geschützt.«

»Kein Kosmetikum kann bewirken, daß die Haare wachsen, ebenso wie kein chemisches Mittel sie färben kann, ohne Gefahr für den Sitz des Verstandes. Die Wissenschaft hat erst kürzlich festgestellt, daß das Haar eine abgestorbene Substanz ist, und daß kein Mittel ihr Ausfallen oder ihr Ergrauen verhindern kann. Um dem Dünnwerden des Haares und der Kahlköpfigkeit vorzubeugen, genügt es, die Haarzwiebel, aus der es herauswächst, gegen jeden äußeren atmosphärischen Einfluß zu schützen und dem Kopfe seine natürliche Wärme zu erhalten. Das Huile Céphalique wird nach den von der Akademie der Wissenschaften festgestellten Grundsätzen hergestellt und erzielt dasselbe maßgebende Resultat, das die Alten, die Römer, die Griechen und die nordischen Nationen, denen ihr Haarschmuck so kostbar war, erreicht haben. Gelehrte Untersuchungen haben ergeben, daß die Edeln, die sich einstmals durch ihr langes Haar auszeichneten, kein anderes Mittel angewandt haben; nur war ihr Rezept, das von A. Popinot, dem Erfinder des Huile Céphalique, so geschickt wieder entdeckt wurde, verloren gegangen.

Zu erhalten, anstatt einen vergeblichen oder schädlichen Reiz auf die Haut, die die Haarzwiebeln umschließt, auszuüben, das ist der Zweck des Huile Céphalique. Und in der Tat schützt dieses Öl, das das Abblättern der Schuppen verhütet und einen lieblichen Duft verbreitet, durch seine Ingredienzien, unter denen die Nußessenz die Hauptrolle spielt, auch gegen Erkältungen, gegen den Schnupfen und gegen alle Arten von Kopfbeschwerden, indem es das Innere in seiner natürlichen Wärme erhält. Dadurch werden die Haarzwiebeln, welche die den Haarwuchs erzeugende Flüssigkeit enthalten, weder von der Kälte noch von der Hitze angegriffen. Das Haar, dieser prächtige Schmuck, auf den Männer wie Frauen so viel Wert legen, bewahrt sich daher bis ins vorgerückte Alter bei denen, die das Huile Céphalique gebrauchen, den Glanz, die Feinheit und den Schimmer, die die Köpfe der Kinder so reizvoll machen.

Die Gebrauchsanweisung ist jedem Flakon beigefügt und dient ihm als Umhüllung.«

Gebrauchsanweisung für das Huile Céphalique.

»Es ist völlig unnötig, die Haare selbst einzureiben; das ist nicht nur ein törichtes Vorurteil, sondern auch eine störende Gewohnheit, da das Kosmetikum überall seine Spur zurückläßt. Es genügt, alle Morgen ein feines Schwämmchen in das Öl zu tauchen, das Haar mit dem Kamme zu teilen und es an seiner Wurzel, Strich für Strich, einzureiben, so daß die Haut einen dünnen Überzug erhält, nachdem man vorher den Kopf mit Kamm und Bürste gesäubert hat.

Das Öl wird in Flakons verkauft, die die Unterschrift des Erfinders tragen, um jede Nachahmung zu verhindern, und zwar zum Preise von drei Franken, bei A. Popinot, Paris, Rue des Cinq-Diamants, im Quartier des Lombards.

Bestellungen werden franko erbeten.

Anmerkung. Das Haus A. Popinot hält auch die Drogerieöle, wie Pomeranzenöl, Süßmandelöl, Kakaoöl, Kaffeeöl, Rizinusöl und andere auf Lager.«

»Mein lieber Freund,« sagte der berühmte Gaudissart zu Finot, »das ist vollendet abgefaßt. Donnerwetter, wie wir da mit der Wissenschaft losziehen! Wir fackeln nicht lange, wir gehen geradenwegs auf die Sache los. Ich mache dir aufrichtig mein Kompliment, das ist nutzbringende Literatur.«

»Was für ein schöner Prospekt«, sagte Popinot begeistert.

»Ein Prospekt, dessen erstes Wort schon das Macassaröl tot macht«, sagte Gaudissart, indem er sich mit feierlicher Miene erhob, um die folgenden Worte zu verkünden, während er Bewegungen wie auf der Rednertribüne dazu machte: »Man – kann – die Haare – nicht wachsen machen! Man – färbt sie – nicht – ohne Gefahr! Ah, darin steckt der Erfolg. Die moderne Wissenschaft befindet sich im Einverständnis mit den Gewohnheiten der Alten. Man kann sich mit jungen und alten Leuten verständigen. Hat man mit einem alten Manne zu tun, so sagt man zu ihm: ›Ach, mein Herr, die Alten, die Griechen, die Römer hatten recht, und sie waren nicht so dumm, wie man uns glauben machen will.‹ Handelt es sich um einen jungen Menschen: ›Mein lieber junger Mann, das ist wieder eine Erfindung, die man der fortschreitenden Erleuchtung zu verdanken hat, wir gehen vorwärts. Was hat man nicht alles von der Dampfkraft, von dem Telegraphen und andern Dingen zu erwarten! Dieses Öl ist das Resultat eines Vortrags des Herrn Vauquelin.‹ Ob wir nicht noch einen Satz aus der Abhandlung des Herrn Vauquelin von der Akademie der Wissenschaften abdrucken, der unsre Behauptungen bekräftigt, was? Famos. Aber nun zu Tisch, Finot. Machen wir uns über das Gemüse her, und trinken wir den Champagner auf das Glück unsres jungen Freundes!«

»Ich habe mir gedacht,« sagte der Autor bescheiden, »daß die Zeit der in oberflächlichem, läppischem Ton gehaltenen Prospekte vorüber ist; wir sind in die Epoche der Wissenschaft eingetreten, deshalb mußte er ein gelehrtes Ansehen und einen autoritären Ton erhalten, wenn er dem Publikum imponieren soll.«

»Wir werden Feuer hinter das Öl machen; es juckt mich schon in den Füßen und in der Zunge. Ich bin der Kommissionär sämtlicher Geschäftsleute, die mit dem Haar zu tun haben; keiner gibt mehr als dreißig Prozent Rabatt; wir müssen vierzig geben, dann garantiere ich für hunderttausend Flaschen in sechs Monaten. Ich gehe zu sämtlichen Apothekern, Drogisten und Friseuren! Und wenn wir ihnen vierzig Prozent gewähren, dann werden sie alle ihre Kundschaft damit überschütten.«

Die drei jungen Leute aßen und tranken mit einem Bärenappetit und berauschten sich an dem zu erwartenden Erfolge des Huile Céphalique.

»Das Öl steigt einem zu Kopfe«, sagte Finot lachend.

Gaudissart erschöpfte sich in Kalauern über die Worte Öl, Haar usw. Da erscholl mitten während des homerischen Gelächters der drei Freunde beim Dessert der Ton des Türklopfers und wurde, trotz der Toaste und des gegenseitigen Gesundheitstrinkens, gehört.

»Das ist mein Onkel! Er ist imstande, mich zu besuchen«, rief Popinot.

»Ein Onkel?« sagte Finot. »Und wir haben nicht einmal ein Glas für ihn!«

»Der Onkel meines Freundes Popinot ist Untersuchungsrichter,« sagte Gaudissart zu Finot, »mit dem wird nicht gespaßt, der hat mir das Leben gerettet. Oh, wenn man sich so wie ich in der Klemme befunden hat, angesichts des Schafotts und schon das ›Quick und adieu ihr Haare‹ zu hören glaubte,« sagte er und machte die Bewegung des verhängnisvollen Beiles nach, »dann erinnert man sich an den edlen Beamten, dem man es zu danken hat, daß einem die Röhre, durch die der Champagner hinabfließt, erhalten geblieben ist! Dann erinnert man sich an ihn, und wenn man sternhagelvoll betrunken wäre. Sie können nicht wissen, Finot, ob Sie Herrn Popinot nicht auch noch mal brauchen werden. Donnerwetter, den müssen wir mit der größten Ehrerbietung begrüßen.«

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