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Cäsar Birotteaus Größe und Niedergang

Honoré de Balzac: Cäsar Birotteaus Größe und Niedergang - Kapitel 13
Quellenangabe
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typefiction
authorHonoré de Balzac
titleCäsar Birotteaus Größe und Niedergang
publisherDiogenes
isbn3257204604
translatorHugo Kaatz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Als die Nüsse angelangt waren, öffneten Raguet, die Arbeiter, Popinot und Cäsar ein genügendes Quantum, und bis vier Uhr hatten sie einige Pfunde Öl. Popinot begab sich zu Vauquelin, um ihm das Produkt zu zeigen, und dieser gab ihm ein Rezept, wie er diese Nußessenz mit billigeren Ölen zu mischen und das Ganze zu parfümieren hätte. Popinot bewarb sich dann sofort um ein Patent für die Erfindung und Veredelung. Der opferwillige Gaudissart streckte das für die Stempelkosten erforderliche Geld Popinot vor, der den Ehrgeiz besaß, die Hälfte der Kosten des Unternehmens tragen zu wollen.

Glück versetzt unbedeutende Menschen in eine Trunkenheit, der sie niemals Halt gebieten können. Das Ergebnis einer solchen Erregung war leicht vorherzusehen. Grindot erschien und legte den farbigen Entwurf für eine reizende Innenausstattung der neuen Wohnung vor. Birotteau, entzückt, stimmte allem zu. Sofort begannen die Hacken der Maurer loszuarbeiten, daß das Haus und Konstanze stöhnten. Der Stubenmaler, ein Herr Lourdois, ein sehr reicher Unternehmer, der alles besonders sorgfältig ausführen wollte, schlug Vergoldung für den Salon vor. Als sie dieses Wort hörte, erhob Konstanze Einspruch.

»Herr Lourdois,« sagte sie, »Sie besitzen dreißigtausend Franken Rente, Sie wohnen in Ihrem eigenen Hause, Sie können da machen, was Sie wollen, wir aber . . .«

»Aber gnädige Frau, auch der Handelsstand muß vornehm auftreten und sich von der Aristokratie nicht in den Schatten stellen lassen. Außerdem gehört Herr Birotteau ja auch zu den Kreisen der Regierung, er steht an hervorragender Stelle . . .«

»Jawohl, aber vorläufig hat er noch sein Geschäft«, sagte Konstanze vor allen Kommis und den fünf Personen, die anwesend waren; »und das dürfen weder ich, noch er, noch seine Freunde, noch seine Feinde übersehen.«

Birotteau erhob sich mehrmals auf die Fußspitzen und ließ sich auf die Hacken zurückfallen, während er die Hände auf dem Rücken gekreuzt hielt. »Meine Frau hat recht«, sagte er. »Wir werden auch im Glück bescheiden bleiben. Außerdem muß ein Mann, der noch im Geschäftsleben drin steht, mit seinen Ausgaben vorsichtig sein und überflüssigen Luxus vermeiden, dazu ist er gesetzlich verpflichtet, er darf keine ›übertriebenen Ausgaben‹ machen. Wenn die Vergrößerung meiner Räume und ihre Ausstattung schon gewisse Grenzen überschreiten, so wäre es unvernünftig, noch darüber hinauszugehen, und Sie selbst, Lourdois, würden das nicht billigen. Unser Stadtviertel hat die Augen auf mich gerichtet, Leute, die erfolgreich sind, haben immer Neider und Mißgünstige! Oh, Sie werden das auch bald spüren, junger Mann«, sagte er zu Grindot; »aber wenn sie uns auch verleumden, so wollen wir selbst ihnen doch keinen Anlaß zu übler Nachrede geben.«

»Weder Verleumdung noch üble Nachrede können an Sie heranreichen,« sagte Lourdois, »darüber sind Sie erhaben, und Sie besitzen eine solche Geschäftskenntnis, daß Sie alles, was Sie unternehmen, sich gründlich überlegen, Sie sind einer von den ganz Klugen.«

»Ich gebe zu, daß ich einige Geschäftserfahrung besitze; wissen Sie denn, weshalb ich diesen Ausbau vornehmen lasse? Und warum ich so großes Gewicht auf schnelle Ausführung lege? . . .«

»Nein.«

»Nun, meine Frau und ich haben einige Freunde eingeladen, einmal, um die Räumung des Landes zu feiern, dann aber auch, weil ich zum Ritter der Ehrenlegion ernannt worden bin.«

»Wie, wie?« sagte Lourdois, »man hat Ihnen das Kreuz verliehen?«

»Jawohl; ich habe mich dieser Auszeichnung und allerhöchsten Gnade vielleicht würdig erwiesen als Mitglied des Handelsgerichts und als Kämpfer für die königliche Sache am 13. Vendémiaire, vor Saint-Roch, wo ich von Napoleon verwundet wurde. Kommen Sie doch mit Ihren Damen auch zu uns . . .«

»Ich bin entzückt über die Ehre, die Sie mir erweisen«, sagte Lourdois, der zu den Liberalen gehörte. »Aber Sie sind ein Spaßvogel, Papa Birotteau; Sie wollen sicher sein, daß ich Ihnen mein Wort halte, und deshalb laden Sie mich ein. Also, ich werde meine geschicktesten Arbeiter nehmen und wir werden ein Höllenfeuer anmachen, damit die Malerei trocken wird; wir besitzen übrigens ein Verfahren, um schnell zu trocknen, denn in einem Nebel von Gipsstaub kann man nicht tanzen. Und damit es nicht riecht, werden wir firnissen.«

Drei Tage später war die Geschäftswelt des Viertels in Aufregung über die Kunde von dem Ball, den Birotteau geben wollte. Übrigens konnte jeder die außen am Hause angebrachten Stützen sehen, die das eilige Verschieben der Treppe erforderlich machte, und die viereckigen hölzernen Rinnen, mit denen der Schutt auf die untenstehenden Karren abgeladen wurde. Die geschäftigen Handwerker, die bei Fackellicht arbeiteten, denn es waren Tag- und Nachtarbeiter beschäftigt, veranlaßten die Müßigen und Neugierigen, auf der Straße stehenzubleiben, und dieses Getriebe gab den Anlaß, daß über riesige Prachtentfaltung geklatscht wurde.

An dem für den Abschluß des Terraingeschäftes festgesetzten Sonntage erschienen Herr und Frau Ragon und der Onkel Pillerault um vier Uhr nachmittags. Mit Rücksicht auf den Umbau hatte Cäsar an diesem Tage, wie er sagte, nur Charles Claparon, Crottat und Roguin dazu bitten können. Der Notar brachte das Journal des Débats mit, in das Herr von Billardière folgenden Artikel hatte einrücken lassen:

»Wir hören, daß die Räumung des Landes von ganz Frankreich mit Begeisterung gefeiert werden wird, besonders aber haben es in Paris die Mitglieder der städtischen Verwaltung für an der Zeit gehalten, der Hauptstadt wieder ihren alten Glanz zu verleihen, der aus angemessenen Empfindungen während der fremden Okkupation unterdrückt worden war. Alle Bürgermeister und Beigeordneten beabsichtigen, Bälle zu geben, die Wintersaison verspricht also sehr glänzend zu werden. Unter den Festen, die geplant werden, ist viel die Rede von dem Balle des Herrn Birotteau, der zum Ritter der Ehrenlegion ernannt wurde und der wegen seiner Hingebung für die Sache des Königs allgemein bekannt ist. Herr Birotteau, der bei dem Straßengefecht vor Saint-Roch verwundet wurde und einer der angesehensten Handelsrichter ist, hat diese Auszeichnung zwiefach verdient.«

»Wie schön man heute schreibt«, rief Cäsar aus. »In der Zeitung ist von uns die Rede«, sagte er zu Pillerault.

»Na, und wenn?« antwortete ihm der Onkel, dem das Journal des Débats besonders unsympathisch war.

»Dieser Artikel wird uns vielleicht beim Verkauf der Sultaninnenpaste und des Eau Carminative nützlich sein«, sagte Konstanze, die die Glückseligkeit ihres Mannes nicht teilte, leise zu Frau Ragon. Frau Ragon, eine magere große Dame mit runzligem Gesicht, dünner Nase und schmalen Lippen, konnte an eine Marquise des alten Königshofes erinnern. Ihre Augen umgaben ziemlich große dunkle Ringe, wie so häufig bei alten Frauen, die Kummer gehabt haben. Ihre ernste, würdige, wenn auch liebenswürdige Haltung flößte Respekt ein. Sie besaß ein gewisses fremdartig anmutendes Wesen, das auffiel, ohne komisch zu wirken, und mit ihrer Kleidung und deren Schnitt zusammenhing; sie trug immer Handschuhe und hatte ständig einen Sonnenschirm mit Stock, wie die von Marie-Antoinette in Trianon benutzten, bei sich; ihr Kleid, gewöhnlich von ihrer Lieblingsfarbe, einem matten Braun, wie vertrocknete Blätter, fiel an den Hüften in unnachahmlichen Falten herab, deren Geheimnis die alten Stiftsdamen mit sich, ins Grab genommen haben. Sie hatte die schwarze, mit schwarzen Spitzen und großen viereckigen Maschen garnierte Mantille beibehalten; ihre Hauben von altmodischer Form hatten einen Aufputz, der an die zackigen Ausschnitte alter à jour gearbeiteter Rahmen erinnerte. Sie schnupfte Tabak, wobei sie die peinlichste Sauberkeit beobachtete und jene Handbewegungen sehen ließ, an die sich noch die jungen Leute erinnern werden, die das Glück gehabt haben, ihre Großmütter und Großtanten feierlich die goldene Tabaksdose neben sich auf einen Tisch stellen und die Tabaksspuren von ihren Fichus entfernen zu sehen.

Der Herr Ragon war ein kleiner Mann von höchstens fünf Fuß Größe, mit einem Nußknackergesicht, von dem nur die Augen, zwei spitze Backenknochen, Nase und Kinn zu sehen waren; zahnlos, die Hälfte der Worte verschluckend, führte er eine feuchte, liebenswürdige, gezierte Unterhaltung und lächelte stets mit dem Lächeln, mit dem er früher die schönen Damen, die zu ihm kamen, an der Tür seines Ladens empfing. Auf seinem Schädel zeichnete sich, scharf abgezirkelt, ein schneeiger Halbmond von Puder ab, an den sich zwei Flügellocken anschlossen, zwischen denen ein kleiner, von einem Bande zusammengehaltener Zopf herabhing. Er trug einen kornblumenblauen Rock, weiße Weste, seidene Beinkleider und Strümpfe, Schuhe mit goldenen Schnallen und schwarzseidene Handschuhe. Besonders charakteristisch war an ihm, daß er auf der Straße den Hut in der Hand hielt. Er sah aus wie ein Bote der Pairskammer, wie ein Türsteher des königlichen Kabinetts, wie einer von den Leuten, die ihre Position so nahe bei irgendeiner leitenden Stelle haben, daß ein Abglanz davon auch auf sie fällt, die aber an sich wenig zu bedeuten haben.

»Nun, Birotteau,« sagte er hoheitsvoll, »tut es dir leid, daß du damals uns gefolgt bist? Haben wir jemals an der Erkenntlichkeit unsres geliebten Herrscherhauses gezweifelt?«

»Sie müssen doch sehr glücklich sein, mein liebes Kind«, sagte Frau Ragon zu Frau Birotteau.

»Aber gewiß«, antwortete die schöne Parfümhändlerin, die ständig unter dem Zauber des Stockschirms, der Hauben mit Schmetterlingsflügeln, der engen Ärmel und des großen Fichus à la Julia stand, die Frau Ragon trug.

»Cäsarine ist reizend; kommen Sie her, mein liebes Kind«, sagte Frau Ragon mit ihrer Kopfstimme und ihrem Beschützertone.

»Schließen wir das Geschäft vor dem Essen ab?« sagte der Onkel Pillerault.

»Wir warten auf Herrn Claparon,« sagte Roguin, »er zog sich schon an, als ich ihn verließ.«

»Sie haben ihm doch gesagt,« sagte Cäsar, »daß wir in diesem schlechten Zwischengeschoß essen müssen?«

»Vor sechzehn Jahren fand er es wundervoll«, murmelte Konstanze leise.

»Mitten zwischen Schutt und Arbeitern.«

»Ach, Sie werden sehen, daß er ein guter Kerl und leicht zufriedenzustellen ist«, sagte Roguin.

»Ich habe angeordnet, daß Raguet im Laden aufpaßt, man kann nicht mehr durch die Tür gehen, es ist schon alles eingerissen, wie Sie gesehen haben«, sagte Cäsar zu dem Notar.

»Warum haben Sie Ihren Neffen nicht mitgebracht?« fragte Pillerault Frau Ragon.

»Werden wir ihn nicht sehen?« sagte Cäsarine.

»Nein, mein Herz«, antwortete Frau Ragon. »Anselm, das gute Kind, wird sich noch zu Tode arbeiten. Und diese Straße ohne Luft und Licht, diese übelriechende Rue des Cinq-Diamants macht mir Angst; der Rinnstein sieht immer blau, grün oder schwarz aus. Ich fürchte, daß er sich dort zugrunde richtet. Aber wenn sich die jungen Leute etwas in den Kopf gesetzt haben!« sagte sie zu Cäsarine und deutete dabei an, daß das Wort »Kopf« das Wort »Herz« bedeuten solle.

»Hat er seinen Mietvertrag abgeschlossen?« fragte Cäsar.

»Gestern schon, und vor dem Notar«, versetzte Ragon. »Er hat ihn auf achtzehn Jahre durchgesetzt, soll aber ein halbes Jahr vorauszahlen.«

»Nun, Herr Ragon, sind Sie mit mir zufrieden?« bemerkte der Parfümhändler. »Ich habe ihm, kurz gesagt, das Geheimnis meiner Erfindung mitgeteilt . . .«

»Wir kennen dich ja in- und auswendig, Cäsar«, sagte der kleine Ragon und ergriff Cäsars Hände, die er mit innigem Freundschaftsdruck preßte.

Roguin war in ziemlicher Unruhe darüber, wie Claparon auftreten würde, dessen Ton und Manieren die ehrsamen Bourgeois leicht erschrecken konnte; er hielt es deshalb für nötig, die Geister vorzubereiten.

»Sie werden«, sagte er zu Ragon, Pillerault und den Damen, »ein Original zu sehen bekommen, das seine Tüchtigkeit hinter erschreckend schlechten Manieren verbirgt; er hat sich nämlich aus einer sehr untergeordneten Stellung durch seine Findigkeit in die Höhe gearbeitet. Da er in Bankierkreisen verkehrt, wird er sicherlich bald bessere Manieren sich aneignen. Sie können ihn auf dem Boulevard oder im Café in unordentlicher Kleidung herumlungern oder Billard spielen sehen; er macht dann den Eindruck eines richtigen Bummlers . . . Aber das ist er durchaus nicht; er macht dann Studien, er denkt darüber nach, wie man die Industrie durch neue Pläne umgestalten könne.«

»Ich kenne das,« sagte Birotteau; »mir sind meine besten Ideen beim Spazierengehen gekommen, nicht wahr, mein Kind?«

»Claparon«, fuhr Roguin fort, »bringt dann nachts die auf das Nachdenken verwendete Zeit wieder ein. Alle diese sehr begabten Leute führen ein absonderliches, nicht zu erklärendes Leben. Aber bei all seiner Zerfahrenheit erreicht er doch, das kann ich bezeugen, sein Ziel; er hat es durchgesetzt, daß alle unsere Terrainbesitzer nachgegeben haben; sie wollten erst nicht, sie waren mißtrauisch geworden; da hat er sie auf eine falsche Fährte gebracht, hat sie kirre gemacht, indem er sie täglich aufsuchte, und nun sind wir Herren des Terrains.«

Ein eigenartiges Räuspern, wie es die Verehrer von Kognak und starken Likören an sich haben, kündigte die Ankunft dieser merkwürdigsten Person unsrer Erzählung, die sichtlich die Entscheidung über Cäsars künftiges Geschick in der Hand hatte, an. Der Parfümhändler eilte zu der kleinen dunklen Treppe, um Raguet zu sagen, daß er den Laden schließen könne, und sich bei Claparon zu entschuldigen, daß er ihn im Speisezimmer empfangen müsse.

»Aber ich bitte, das ist doch hier sehr nett, um Gemüse zu . . . um Geschäfte, wollte ich sagen, abzumachen.«

Trotz der geschickten Vorbereitung Roguins empfingen die Ragons, diese Bourgeois mit guten Manieren, der scharf beobachtende Pillerault, Cäsarine und ihre Mutter zuerst einen ziemlich peinlichen Eindruck von diesem angeblichen Bankier der vornehmen Kreise.

Bei einem Alter von etwa achtundzwanzig Jahren besaß dieser ehemalige Reisende nicht ein Haar mehr auf dem Kopfe und trug eine Perücke mit Korkzieherlocken. Diese Haartracht paßt zu jungfräulicher Frische, zu einem durchsichtigen hellen Teint, dem entzückendsten weiblichen Reize; sie paßte daher sehr übel zu einem finnigen, braunroten, wie das eines Postillions erhitzten Gesicht, dessen frühzeitige Runzeln durch die Verzerrungen ihrer tiefen überschmierten Falten auf ein liederliches Leben schließen ließen, dessen Folgen noch in dem schlechten Zustande der Zähne und den über die rauhe Haut verstreuten schwarzen Flecken sich geltend machten. Claparon sah aus wie ein Provinzkomödiant, der alle Rollen spielen kann, sich zur Schau stellt, auf dessen Backen die Schminke nicht mehr halten will, kraftlos infolge von Überanstrengung, mit schwammigen Lippen, im Reden, selbst in der Trunkenheit, unermüdlich, mit schamlosem Blick, kompromittierend in seinem ganzen Wesen. Dieses von der lustigen Flamme des Punsches leuchtende Gesicht strafte die Rede von der Wichtigkeit seiner Geschäfte Lügen. Deshalb mußte Claparon sich langen mimischen Übungen unterziehen, um sich eine Haltung beizubringen, die in Einklang mit seiner angeblichen Bedeutung stand. Du Tillet war bei Claparons Toilette zugegen gewesen, wie ein Theaterdirektor, der wegen des Debüts seines Hauptschauspielers in Sorge ist. Denn er fürchtete sehr, daß die rohen Manieren dieses liederlichen Lebemannes das künstliche Äußere eines Bankiers durchbrechen könnten. »Sprich so wenig wie möglich«, hatte er zu ihm gesagt. »Ein Bankier schwatzt niemals; er handelt, er überlegt, denkt nach, hört zu und wägt ab. Willst du also als Bankier erscheinen, so sage nichts, oder rede über unwichtige Dinge. Bändige deinen fidelen Blick und sieh ernst aus, selbst wenn du dadurch geistlos wirkst. In der Politik stell dich auf Seiten der Regierung und ergeh dich in Gemeinplätzen, wie: ›Das Budget ist drückend. Ein Ausgleich zwischen den Parteien ist nicht möglich. Die Liberalen sind gefährlich. Die Bourbonen müssen jeden Konflikt vermeiden. Der Liberalismus ist der Deckmantel für die vereinigten Sonderinteressen. Die Bourbonen verheißen uns eine Ära des Wohlstandes, also muß man sie unterstützen, auch wenn man sie nicht liebt. Frankreich hat genug politische Experimente gemacht usw.‹ Lümmle dich nicht an allen Tischen herum, denke daran, daß du die Würde eines Millionärs bewahren mußt. Schnaufe beim Schnupfen nicht wie ein alter Invalide; spiele mit deiner Tabaksdose, betrachte oft deine Füße oder die Zimmerdecke, bevor du antwortest, gib dir überhaupt ein tiefsinniges Ansehen. Gewöhne dir vor allem deine unglückselige Manier ab, alles anzufassen. In Gesellschaft muß ein Bankier zu müde erscheinen, um etwas anzufassen. Also : du arbeitest nachts, die Zahlen machen dich dumm, man muß so viele Einzelheiten zusammenbringen, wenn man eine Sache lancieren will! Es bedarf so vieler Vorbereitungen! Vor allem: schimpfe auf die Geschäfte. Sie sind drückend, lästig, schwierig, dornig. Mehr sage nicht darüber und laß dich nicht auf Einzelheiten ein. Singe bei Tisch nicht deine Possenlieder von Béranger und trinke nicht zuviel. Wenn du dich betrinkst, setzest du deine Zukunft aufs Spiel. Roguin wird auf dich aufpassen; du bist bei moralischen Leuten, tugendhaften Bourgeois, erschrecke sie nicht mit deinen Kneipenwitzen.«

Diese Moralpredigt hatte auf Karl Claparons Geist dieselbe Wirkung ausgeübt wie sein neuer Anzug auf seinen Körper. Dieser lustige Springinsfeld und Allerweltsfreund, gewöhnt an offene, bequeme Kleider, in denen sich sein Körper nicht beengter fühlte als sein Geist durch seine Redeweise, war eingezwängt in einen neuen Anzug, auf den ihn der Schneider hatte warten lassen, und den er in kerzengerader Haltung anprobiert hatte, in Angst, wie er sich bewegen und ausdrücken sollte, seine Hand, die er nach einem Flakon oder einem Kasten unvorsichtig ausgestreckt hatte, wieder zurückziehend, ebenso wie er sich mitten in einem Satze unterbrach – dieses komische Zerrbild war der geeignete Gegenstand für Pilleraults Beobachtung. Sein rotes Gesicht, seine Perücke mit den lustigen Korkzieherlocken stand in demselben Gegensatz zu seiner Haltung wie seine Gedanken zu seinen Reden. Aber die guten Bourgeois nahmen diese fortwährenden Widersprüche für Verlegenheit.

»Er hat so viele Geschäfte«, sagte Roguin.

»Die Geschäfte scheinen ihm wenig Manieren beigebracht zu haben«, sagte Frau Ragon zu Cäsarine. Roguin hörte diese Worte und legte den Finger auf die Lippen.

»Er ist reich, gewandt und außergewöhnlich zuverlässig«, sagte er und beugte sich dabei zu Frau Ragon herab.

»Bei solchen Eigenschaften kann man ihm schon manches zugute halten«, sagte Pillerault zu Ragon.

»Wir wollen den Vertrag vor dem Essen durchsehen,« sagte Roguin, »wir sind jetzt unter uns.«

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