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Cäsar Birotteaus Größe und Niedergang

Honoré de Balzac: Cäsar Birotteaus Größe und Niedergang - Kapitel 12
Quellenangabe
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typefiction
authorHonoré de Balzac
titleCäsar Birotteaus Größe und Niedergang
publisherDiogenes
isbn3257204604
translatorHugo Kaatz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Das Speisezimmer und die Küche, die ihr Licht von einem kleinen Hof her erhielt und vom Speisezimmer durch einen Korridor getrennt war, auf dem eine in einer Ecke des hinteren Ladens angebrachte Treppe mündete, lagen im Zwischengeschoß, wo sich früher Cäsars und Konstanzes Wohnung befand; das Speisezimmer, wo sie ihre Flitterwochen verlebt hatten, machte daher den Eindruck eines kleinen Salons. Während des Essens hütete Raquet, der zuverlässige Hausdiener, den Laden, wenn aber der Nachtisch aufgetragen wurde, gingen die Kommis wieder hinab und ließen Cäsar, seine Frau und seine Tochter ihre Mahlzeit allein am Kaminfeuer beenden. Diese Sitte stammte von den Ragons her, bei denen die alten Herkommen und Gebräuche, die im Handelsstande immer noch in Übung waren, jene riesige Distanz zwischen ihnen und den Kommis festhielten, wie sie früher zwischen Meister und Lehrling bestand. Cäsarine oder Konstanze bereitete dann dem Parfümhändler seine Tasse Kaffee, die er in einem Lehnstuhl am Kamin trank. Während dieser Stunde erzählte Cäsar seiner Frau die kleinen Tagesereignisse, wen er in Paris gesehen hatte, was im Faubourg du Temple passiert war und was er für Unannehmlichkeiten in der Fabrik gehabt hatte.

»Liebe Frau,« sagte er, als die Kommis hinuntergegangen waren, »heute war einer der wichtigsten Tage unseres Lebens! Die Nüsse sind eingekauft, die hydraulische Presse kann morgen zu arbeiten anfangen, das Terraingeschäft ist abgeschlossen. Verwahre doch diesen Scheck auf die Bank«, sagte er und gab ihr Pilleraults Schein.

»Die Neuausstattung der Wohnung, die vergrößert wird, ist bestellt. Mein Gott, was für einen merkwürdigen Menschen habe ich im Holländischen Hof kennengelernt!« Und er erzählte von Herrn Molineux . . .

»Ich sehe nur,« sagte seine Frau, ihn mitten in einer Tirade unterbrechend, »daß du zweihunderttausend Franken Schulden gemacht hast.«

»Das ist richtig, mein Kind«, sagte der Parfümhändler mit gespielter Ängstlichkeit. »Mein Gott, wie werden wir die bezahlen können? Denn die Terrains um die Madeleine kann ich ja nicht in Rechnung stellen, wo eines Tages das schönste Viertel von Paris stehen wird.«

»Eines Tages, Cäsar.«

»Ach,« sagte er, in seinem scherzenden Tone fortfahrend, »meine drei Achtel davon werden ja erst in sechs Jahren eine Million wert sein. Wie soll ich also die zweihunderttausend Franken bezahlen?« fuhr Cäsar mit Zeichen des Schreckens fort. »Nun, wir werden sie hiermit bezahlen«, sagte er und zog eine Haselnuß aus der Tasche, die er bei Frau Madou eingesteckt und sorgfältig aufgehoben hatte.

Er zeigte die Nuß zwischen zwei Fingern Cäsarine und Konstanze. Seine Frau sagte nichts, aber Cäsarine, die ihm den Kaffee brachte, fragte ihren Vater neugierig: »Worüber lachst du denn, Papa?«

Der Parfümhändler hatte, ebenso wie seine Kommis, während des Essens die Blicke, die Popinot Cäsarine zugeworfen hatte, wahrgenommen; er wollte nun über seinen Verdacht Gewißheit haben. »Nun, mein Töchterchen, diese Nuß wird eine große Umwälzung in unserm Haushalt hervorrufen.«

Cäsarine sah ihren Vater mit einem Gesicht an, auf dem geschrieben stand: »Was geht mich das an.«

»Popinot verläßt uns.«

Obgleich Cäsar ein schlechter Beobachter war und mit seinen letzten Worten zunächst seiner Tochter eine Falle stellen, dann aber auch auf die Gründung des Hauses »A. Popinot und Kompanie« kommen wollte, ließ ihn doch seine zärtliche väterliche Liebe die Verwirrung ihrer Herzensempfindungen wahrnehmen, die Rosen auf ihre Wangen und ihre Stirn malten und ihre Augen aufleuchten ließen, bevor sie sie niederschlug. Cäsar nahm daher an, daß zwischen Cäsarine und Popinot schon eine Aussprache stattgefunden hätte. Das war nicht der Fall: die beiden Kinder verstanden sich, wie alle zaghaften Liebenden, ohne ein Wort gewechselt zu haben.

Einige Psychologen sind der Ansicht, daß die Liebe die ungewollteste, uneigennützigste, unberechnendste aller Leidenschaften, abgesehen von der Mutterliebe, ist. Diese Ansicht ist ein grober Irrtum. Wenn auch der Mehrzahl der Menschen der Beweggrund für ihre Liebe nicht klar wird, so beruht doch jede körperliche und seelische Sympathie auf Überlegungen, die der Verstand, das Gefühl oder das brutale Verlangen anstellen. Die Liebe ist eine in ihrem Grundwesen egoistische Leidenschaft. Wer Egoismus sagt, meint damit: gründliche Berechnung. Daher müßte es jedem, der nur auf das Ergebnis sieht, auf den ersten Blick unwahrscheinlich oder merkwürdig vorkommen, daß ein schönes Mädchen, wie Cäsarine, sich in einen armen, hinkenden, rothaarigen Jungen verliebt haben könnte. Trotzdem steht ein solches Phänomen durchaus in Übereinstimmung mit der Arithmetik der Empfindungen der Bourgeoiskreise. Wenn man sich das erklären will, so braucht man nur an jene immer vorkommenden und immer erstaunlichen Liebschaften zwischen großen, schönen Frauen und kleinen Männern, zwischen kleinen, häßlichen Weibern und schönen, jungen Männern zu denken. Alle Männer, die unter irgendeinem körperlichen Gebrechen leiden, an Klumpfüßen, Hinken, an Buckligkeit, ungewöhnlicher Häßlichkeit, an einem Brandmal oder Muttermal im Gesicht, an Roguins Übel oder andern derartigen Abnormitäten, an denen die Erzeuger unschuldig sind, haben nur die Wahl, zwei Wege einzuschlagen: sich entweder gefürchtet zu machen oder eine ganz besondere Herzensgüte zu beweisen; sich innerhalb der üblichen mittleren Grenzen zu bewegen, wie es die meisten Männer zu tun pflegen, ist ihnen nicht gestattet. Im ersten Falle gehört dazu Talent, Genie oder Kraft; ein Mann kann Schrecken nur einflößen durch die Macht des Bösen, Respekt nur durch Genie, Furcht nur durch viel Geist. Im andern Falle bewirkt er, daß man ihn liebt, er paßt sich der weiblichen Tyrannei wunderbar an und versteht besser zu lieben als die Leute von untadeliger Körperbeschaffenheit. Von tugendhaften Leuten erzogen, von den Ragons, Musterbildern der ehrenhaftesten Bourgeoisie, und von seinem Oheim, dem Richter Popinot, war Anselm durch sein reines Herz und sein religiöses Empfinden dahin geführt worden, daß die Vollkommenheit seines Charakters für sein leichtes körperliches Gebrechen reichlich entschädigte. Erfreut über ein solches Streben hatten Konstanze und Cäsar Popinot oft vor Cäsarine gerühmt. So kleinlich sie sonst waren, hatten die beiden Eheleute doch eine edle Seele und Verständnis für die Gefühle des Herzens. Dieses Lob erweckte ein Echo bei einem jungen Mädchen, das, bei aller Unschuld, in Popinots Augen das glühende Empfinden las, das immer schmeichelhaft wirkt, welches Alter, welche Stellung und welches Äußere der Liebende auch haben mag. Der kleine Popinot mußte viel mehr als ein schöner Mann Beweggründe haben, eine Frau zu lieben. War die Frau schön, so würde er sie bis zu seinem letzten Lebenstage anbeten, er würde sich aufreiben, um seine Frau glücklich zu machen, er würde sie Herrin im Hause sein lassen und sich ihr gern unterordnen. So empfand Cäsarine unbewußt, wenn auch vielleicht nicht so deutlich; wie im Fluge zog an ihr das Bild erfüllter Liebe vorüber und der Vergleich mußte ihr recht geben: sie hatte das Glück ihrer Mutter vor Augen, sie wünschte sich kein anderes Leben, ihr Instinkt ließ sie in Anselm einen zweiten, durch Erziehung vervollkommneten Cäsar sehen, wie sie selbst vollkommener durch ihre Bildung war. Sie erträumte sich Popinot als Bürgermeister eines Bezirks und gefiel sich darin, sich auszumalen, wie sie, gleich ihrer Mutter in Saint-Roch, eines Tages bei der Wohltätigkeitsorganisation ihres Kirchspiels tätig sein würde. Sie bemerkte schließlich gar nicht mehr, daß zwischen dem linken und dem rechten Beine Popinots ein Unterschied bestand, und sie wäre imstande gewesen, zu fragen: »Hinkt er denn?« Sie liebte sein klares Auge und liebte es, den Eindruck wahrzunehmen, den ihr Blick auf diese Augen machte, die sogleich in keuschem Feuer aufleuchteten, um dann melancholisch niedergeschlagen zu werden. Roguins erster Schreiber, Alexander Crottat, der jene frühzeitige Erfahrung besaß, die der ständige geschäftliche Verkehr verleiht, hatte ein halb zynisches, halb gutmütiges Wesen, das Cäsarine widerwärtig war, die schon die Gemeinplätze seiner Unterhaltung nicht ausstehen konnte. Popinots Schweigsamkeit ließ auf ein zartes Empfinden schließen, sie liebte sein halb melancholisches Lächeln, das ihm kleine Unerheblichkeiten abnötigten; Torheiten, die ihn lachen machten, lösten das gleiche Gefühl bei ihr aus, und so lächelten sie und betrübten sich zusammen. Dieser Eindruck, den er machte, hinderte Anselm aber nicht, sich in die Arbeit zu stürzen, und sein unermüdlicher Eifer gefiel Cäsarine, denn sie fühlte, daß, wenn auch die andern Kommis sagten: »Cäsarine wird den ersten Schreiber des Herrn Roguin heiraten«, der arme, hinkende, rothaarige Anselm doch nicht die Hoffnung aufgab, dereinst ihre Hand zu erhalten. Solch eine starke Hoffnung ist der Beweis einer starken Liebe.

»Wo geht er denn hin«, fragte Cäsarine ihren Vater und versuchte, unbefangen auszusehen.

»Er etabliert sich in der Rue des Cinq-Diamants! Und das, auf mein Wort, auf gut Glück!« sagte Birotteau, dessen Ausdruck weder von seiner Frau, noch von seiner Tochter verstanden wurde.

Wenn Birotteau auf irgendeine innere Schwierigkeit stieß, machte er es wie die Insekten vor einem Hindernis, er wich nach links oder nach rechts aus; daher wechselte er den Gesprächsgegenstand und behielt sich vor, über Cäsarine mit seiner Frau zu reden.

»Deine Befürchtungen und Gedanken über Roguin habe ich deinem Onkel erzählt, er hat darüber gelacht«, sagte er zu Konstanze.

»Du sollst doch niemals weiter sagen, was wir unter uns besprechen«, rief Konstanze aus. »Der arme Roguin ist vielleicht der ehrenhafteste Mann der Welt, er ist achtundfünfzig Jahre alt und denkt sicher nicht mehr an . . .«

Sie brach schnell ab, als sie bemerkte, daß Cäsarine aufpaßte, und gab Cäsar einen Wink.

»Dann habe ich also recht getan, abzuschließen«, sagte Birotteau.

»Du bist doch der Herr«, antwortete sie.

Cäsar nahm die Hände seiner Frau und küßte sie auf die Stirn. Ihre Antwort war die, mit der sie immer ihr stillschweigendes Einverständnis zu den Projekten ihres Mannes gab.

»Vorwärts,« rief der Parfümhändler, als er in den Laden herunterkam zu seinen Kommis, »um zehn Uhr wird der Laden geschlossen. Hand angelegt, meine Herren! Es handelt sich darum, während der Nacht sämtliche Möbel aus dem ersten Stock in den zweiten zu schaffen! Wir werden, wie man zu sagen pflegt, die kleinen Töpfe in die großen stellen müssen, damit mein Architekt morgen freie Hand hat.«

»Ist Popinot, ohne mich zu fragen, fortgegangen?« sagte Cäsar, als er ihn nicht sah. »Ach so, er schläft ja nicht mehr hier, ich hatte es vergessen.« Er wird weggegangen sein, dachte er, um die Ausführungen Vauquelins niederzuschreiben oder um den Laden zu mieten.

»Wir kennen den Grund für diesen Umzug«, sagte Cölestin, indem er im Namen der beiden andern Kommis und Roguets, die hinter ihm standen, das Wort ergriff. »Ist es uns gestattet, Sie zu einer Auszeichnung zu beglückwünschen, die auf das ganze Geschäft zurückfällt? . . . Popinot hat uns erzählt, daß Sie, Herr Birotteau . . .«

»Ja, Kinder, was wollt ihr, man hat mir den Orden verliehen. Deshalb haben wir, ebensosehr um die Befreiung des Landes, als um meine Ernennung zum Ritter der Ehrenlegion zu feiern, einige Freunde eingeladen. Ich habe mich vielleicht dieser Auszeichnung und allerhöchsten Gnade würdig erwiesen als Mitglied des Handelsgerichts und als Kämpfer für die königliche Sache, die ich verteidigt habe . . . als ich so alt war wie ihr, auf den Stufen von Saint-Roch am 13. Vendémiaire; und wahrhaftig, Napoleon, der Kaiser genannt, hat mich verwundet! Ich bin am Bein verwundet worden, und Frau Ragon hat mich verbunden. Zeigt Mut, so werdet ihr dafür belohnt werden! Und so, Kinder, hat auch das Unglück sein Gutes!«

»Aber man schlägt sich doch nicht mehr auf der Straße«, sagte Cölestin.

»Das wollen wir hoffen«, sagte Cäsar und begann seinen Kommis eine Moralpredigt zu halten, die damit schloß, daß er sie einlud.

Die Aussicht auf einen Ball feuerte die drei Kommis, Raguet und Virginie derart an, daß sie die Geschicklichkeit von Akrobaten entwickelten. Alle stiegen beladen die Treppen hinauf und herunter, ohne etwas zu beschädigen oder hinzuwerfen. Um zwei Uhr morgens war die Umräumung beendet. Popinots Zimmer erhielt Cölestin und der zweite Kommis. Im dritten Stock wurden Möbel provisorisch untergestellt.

Elektrisiert von der nervösen Erregung, die das Zwerchfell ehrgeiziger oder verliebter Leute erhitzt, die große Pläne vorhaben, hatte sich der sonst so sanfte und ruhige Popinot im Laden nach dem Essen wie ein Rassepferd vor dem Rennen benommen.

»Was hast du denn?« sagte Cölestin zu ihm.

»Ach, was für ein Tag, mein Lieber! Ich etabliere mich«, sagte er leise zu ihm, »und Herr Cäsar ist dekoriert worden.«

»Du bist ein glücklicher Mensch, der Chef springt dir bei«, rief Cölestin aus.

Popinot antwortete nicht, er verschwand, wie weggeblasen von einem heftigen Winde, dem Winde, der das Glück in seinen Fittichen trägt.

»Ach, glücklich!?« sagte ein Kommis, der Handschuhe nach Dutzenden ordnete, zu seinem Nachbar, der Etiketten aufklebte; »der Chef hat gemerkt, daß Popinot Fräulein Cäsarine verliebte Blicke zuwirft, und da er ein Schlaukopf ist, der Chef, so hat er Anselm abgeschoben; ablehnen hätte er einen Antrag in Anbetracht der Verwandtschaft nicht gut können. Cölestin hält diese Schlauheit für Edelmut.«

Anselm Popinot rannte die Rue Saint-Honoré hinab nach der Rue des Deux-Ecus, um eines jungen Menschen habhaft zu werden, den er nach seinem kaufmännischen Ahnungsvermögen für das Hauptwerkzeug seines Erfolges ansah. Der Richter Popinot hat dem gewandtesten Pariser Reisenden, dem seine sieghafte Überredungskunst und seine Beweglichkeit später das Beiwort »der berühmte« eingetragen haben, einmal einen Dienst erwiesen. Hauptsächlich für das Hutgeschäft und für die »Pariser Artikel« tätig, nannte sich dieser König der Reisenden kurz und bündig Gaudissart. Schon mit zweiundzwanzig Jahren machte er sich durch sein kaufmännisches Anziehungsvermögen bemerkbar. Beweglich, mit lustigen Augen, ausdrucksvollem Gesicht, unfehlbarem Gedächtnis und dem sicheren Blick für den Geschmack eines jeden, hatte er ein Recht auf das, was er später wirklich wurde, der König der Reisenden, der typische »Franzose«. Vor einigen Tagen hatte Popinot Gaudissart getroffen, der ihm erzählt hatte, daß er auf dem Sprunge stehe, abzureisen; die Hoffnung, ihn doch noch in Paris anzutreffen, hatte den Verliebten veranlaßt, in die Rue des Deux-Ecus zu stürzen, wo er erfuhr, daß der Reisende schon seinen Platz auf der Post bestellt hatte. Um von seinem geliebten Paris Abschied zu nehmen, war er ausgegangen und wollte sich ein neues Stück im Vaudevilletheater ansehen; Popinot beschloß, auf ihn zu warten. Wenn man den Vertrieb des Nußöls diesem Manne übertragen konnte, der es wunderbar verstand, kaufmännische Erfindungen in Umlauf zu bringen, und der schon von den reichsten Handelshäusern umworben wurde, hieß das nicht, einen Wechsel auf das Glück ziehen? Popinot hatte Gaudissart in der Hand. Dieser Reisende, der so vortrefflich die Kunst verstand, die am meisten Widerspenstigen, die kleinen Provinzkaufleute, um den Finger zu wickeln, hatte sich in die erste Verschwörung, die nach den Hundert Tagen gegen die Bourbonen angezettelt worden war, verwickeln lassen. Gaudissart, dem das Leben in frischer Luft unentbehrlich war, sah sich schon unter dem Druck einer Anklage wegen Hochverrats im Gefängnis. Der Richter Popinot aber, mit der Untersuchung beauftragt, hatte Gaudissart außer Verfolgung gesetzt, nachdem sich ergeben hatte, daß ihn in dieser Angelegenheit nur seine törichte Unvorsichtigkeit kompromittiert hatte. Ein Richter, der der Regierung oder einem übertriebenen Royalismus hätte gefällig sein wollen, würde den unglücklichen Reisenden auf das Schafott gebracht haben. Gaudissart, der überzeugt war, daß er sein Leben diesem Untersuchungsrichter zu verdanken hatte, war unglücklich darüber, daß er seinem Retter nur eine unfruchtbare Dankbarkeit bezeigen konnte. Da er einem Richter nicht dafür danken konnte, daß er Gerechtigkeit hatte walten lassen, so hatte er den Ragons erklärt, daß er sich als Lehnsmann der Familie Popinot betrachte.

Inzwischen war Popinot natürlich wieder nach seinem Geschäftslokal in der Rue des Cinq-Diamants geeilt, um die Adresse des Hauseigentümers zu erfahren, damit er den Mietvertrag abschließen könne. Als er in dem Labyrinth der großen Markthalle herumirrte und über die Mittel, schnell zu Erfolg zu kommen, nachdachte, bot sich Popinot in der Rue Aubry-le-Boucher eine glückverheißende Gelegenheit, mit der er Cäsar am nächsten Morgen zu erfreuen gedachte. Während er vor der Tür des Hôtel du Commerce Wache stand, hörte er um Mitternacht von fern aus der Rue de Grenelle her Gaudissart die Schlußstrophe eines Gassenhauers singen, die er mit dem Aufstoßen des Stockes auf das Pflaster begleitete.

»Nur zwei Worte, lieber Herr«, sagte Anselm, der hervortrat und sich plötzlich zeigte.

»Zehn, wenn Sie wünschen«, erwiderte der Reisende und erhob seinen mit Blei ausgegossenen Stock zum Angriff.

»Ich bin ja Popinot«, sagte der arme Anselm.

»Genug«, sagte Gaudissart, der ihn jetzt erkannte. »Was brauchen Sie? Geld? Augenblicklich nicht vorhanden, ist aber zu beschaffen. Meinen Arm für ein Duell? Ganz zu Ihrer Verfügung, vom Scheitel bis zu den Fußspitzen.«

Und er sang:

»So ist, so ist
Der echte
Französische Soldat.«

»Kommen Sie, ich habe mit Ihnen zehn Minuten zu reden, aber nicht auf Ihrem Zimmer, da könnte man uns hören, sondern auf dem Quai de l'Horloge, da ist um diese Zeit kein Mensch«, sagte Popinot; »es handelt sich um eine äußerst wichtige Angelegenheit.«

»Es brennt also, vorwärts!«

Nach zehn Minuten kannte Gaudissart Popinots Geheimnis und hatte die Bedeutung der Sache begriffen.

»Heran, ihr Parfümhändler, Friseure und Verkäufer«, rief Gaudissart, indem er Lafon in der Rolle des Cid nachahmte. »Ich werde sämtliche Händler Frankreichs und Navarras anpacken. Oh, ich habe eine Idee! Ich wollte abreisen, jetzt bleibe ich hier und lasse mir von dem Pariser Parfümhandel Kommissionen geben.«

»Und warum das?«

»Um Ihre Konkurrenz tot zu machen, Sie Unschuld! Wenn ich ihre Kommissionen habe, so kann ich ihre elenden Kosmetika in Öl ersäufen, indem ich nur von Ihrem Öl rede und mich nur mit ihm befasse. Das wird eine feine Tour! Oh, wir sind die Diplomaten des Handels. Famos! Und was Ihren Prospekt betrifft, so lassen Sie das meine Sorge sein. Ich habe einen Jugendfreund, Andoche Finot, der Sohn des Hutmachers in der Rue du Coq; der Alte hat mich als Reisenden in die Hutbranche eingeführt. Andoche ist voller Geist, anscheinend hat er den Geist aller Köpfe, die sein Vater behütet hat, an sich gezogen; er ist Schriftsteller und schreibt die kleinen Theaterstücke für den Theater-Kurier. Sein Vater, der alte Schuft, hat lauter Gründe, den Geist nicht zu lieben, und hält auch nichts davon; unmöglich, ihm klarzumachen, daß man auch mit Geist Geld verdienen kann, er kennt nur den Weingeist. Der alte Finot hält nun den jungen an der Hungerstrippe. Andoche, ein fähiger Kopf und mein Freund – mit Dummköpfen verkehre ich nur kaufmännisch – macht die Verschen für den Fidèle Berger, der ihn wenigstens dafür bezahlt, während die Zeitungen ihm für seine Sträflingsarbeit einen Hundelohn hinwerfen. Was ist das für eine ruppige Gesellschaft! Das ist genau wie bei den Pariser Artikeln. Finot hat ein wundervolles Lustspiel in einem Akt für Fräulein Mars gemacht, die erste aller Berühmtheiten, ach, wie ich die liebe! Na, und damit es aufgeführt wird, hat er es zum Gaité-Theater bringen müssen. Auf Prospekte versteht sich Andoche, er geht auf kaufmännische Ideen ein, er ist auch nicht stolz, er wird uns den Prospekt gratis zurechtzimmern. Wir werden ihn zu einer Terrine Punsch und Kuchen einladen; denn das bitte ich mir aus, Popinot, keine Redensarten! Ich reise für euch ohne Kommissionsgebühren und ohne Reisekosten; das wird eure Konkurrenz bezahlen, die werde ich schon hineinlegen. Verstehen wir uns richtig: daß ihr Erfolg habt, das ist für mich Ehrensache. Als Belohnung verlange ich, bei Ihrer Hochzeit Brautführer zu sein. Ich gehe nach Italien, nach Deutschland, nach England! Ich nehme Anzeigen in allen Sprachen mit, lasse sie überall anschlagen, in den Dörfern, an den Kirchentüren, an allen geeigneten Stellen, die ich in den Provinzstädten kenne! Auf allen Köpfen soll das Öl leuchten und glänzen! Oh, Ihre Hochzeit soll keine stille Feier, sondern eine Staatshochzeit werden! Sie sollen Ihre Cäsarine bekommen, oder ich will nicht ›Der Berühmte‹ heißen, wie mich der alte Finot getauft hat, weil ich seine grauen Hüte in Mode gebracht habe. Wenn ich Ihr Öl verkaufe, bleibe ich übrigens bei meiner Branche, dem Menschenkopfe; Öl und Hut, beide gelten ja als Erhaltungsmittel der Haare.«

Als Popinot sich zu seiner Tante begab, wo er schlafen wollte, war er infolge der Aussicht auf Erfolg so fieberhaft erregt, daß die Straßen ihm wie Ölbäche erschienen. Er schlief nur wenig, träumte, daß ihm die Haare wahnsinnig wüchsen, und sah zwei Engel vor sich, die eine Rolle entfalteten, wie in einem Melodrama, auf der geschrieben stand: »Huile Césarienne.« Als er beim Erwachen sich an diesen Traum erinnerte, nahm er sich vor, das Nußöl so zu nennen, da er dieses Traumgebilde für eine göttliche Eingebung ansah. Cäsar und Popinot waren schon lange bevor die Nüsse eintrafen in ihrer Fabrik am Faubourg du Temple; während sie auf die Leute der Frau Madou warteten, erzählte Popinot triumphierend von seinem Bündnisvertrage mit Gaudissart.

»Wenn wir den berühmten Gaudissart auf unsrer Seite haben, dann sind wir Millionäre«, rief der Parfümhändler aus und reichte seinem Kassierer die Hand mit einer Gebärde, wie Ludwig XIV. wohl den Marschall von Villars bei seiner Rückkehr von Denain bewillkommnet haben mochte.

»Wir haben auch noch etwas anderes«, sagte der glückliche Kommis und zog eine Flasche von flacher, eckiger Kürbisform aus der Tasche; »ich habe zehntausend solche Flakons entdeckt, alle fertig und lieferbar, zu vier Sous das Stück bei sechs Monaten Ziel.«

»Anselm,« sagte Birotteau, während er die merkwürdige Form des Flakons betrachtete, »gestern« (hierbei nahm er einen würdevollen Ton an) »in den Tuilerien, ja, erst gestern sagtest du: ich werde Erfolg haben. Heute sage ich zu dir: du wirst Erfolg haben. Vier Sous! Sechs Monate Ziel! Eine so originelle Form! Macassar ist in seinen Grundfesten erschüttert, was wird das Macassaröl für einen Stoß bekommen! Wie klug war ich, daß ich alle Nüsse in Paris aufgekauft habe! Wo hast du denn diese Flakons aufgetrieben?«

»Ich trieb mich herum, während ich die Zeit, wo ich Gaudissart sprechen konnte, abwartete . . .«

»Genau wie ich damals«, rief Birotteau aus.

»Als ich die Rue Aubry-le-Boucher hinabgehe, sehe ich bei einem Glasgroßhändler, der mit Flaschen, mit Gläsern und Glasstürzen handelt, und der ein Riesenlager hat, dieses Flakon . . . Ach, es stach mir in die Augen wie ein Blitz und eine Stimme rief mir zu: Das ist, was du suchst!«

»Der geborene Kaufmann! Er soll meine Tochter haben«, murmelte Cäsar.

»Ich gehe hinein und sehe Tausende von diesen Flakons in Kisten . . .«

»Du erkundigst dich danach!«

»Sie werden mich doch nicht für so naiv halten!« sagte Anselm schmerzlich berührt.

»Der geborene Kaufmann«, wiederholte Birotteau.

»Ich frage nach Glasstürzen für wächserne Christuskinder. Während ich um diese handle, mache ich die Fasson der Flakons schlecht. Schließlich bringe ich den Kaufmann zu einer Generalbeichte, und wie ein Wort das andere gibt, erzählt er mir, daß Faille & Bouchot, die kürzlich in Konkurs geraten sind, ein Kosmetikum in den Handel bringen und dazu Flakons von eigenartiger Form verwenden wollten; er traute ihnen nicht und verlangte Vorausbezahlung der Hälfte des Preises; Faille & Bouchot, in der Hoffnung, daß sie Erfolg damit haben würden, gaben das Geld, aber während der Herstellung bricht der Konkurs aus; die Syndici, aufgefordert, zu zahlen, verhandeln mit ihm und überlassen ihm die Flakons und die Anzahlung, als Entschädigung für die Fabrikate, die als lächerlich und unverkäuflich angesehen werden. Da die Flakons acht Sous kosten, so würde er sie gern für vier Sous hergeben, denn Gott weiß, wie lange er eine solche unverkäufliche Fasson auf Lager behalten müsse. – ›Wollen Sie sich verpflichten, zehntausend Stück zu vier Sous zu liefern? Ich kann Sie von Ihren Flakons erlösen, ich bin Kommis bei Herrn Birotteau.‹ Ich ködere ihn damit, berede ihn, gewinne ihn, mache ihn begierig, und er stimmt zu.«

»Vier Sous«, sagte Birotteau. »Weißt du, daß wir den Preis für das Öl auf drei Franken festsetzen können und immer noch, bei zwanzig Sous Rabatt an die Detaillisten, dreißig Sous daran verdienen?«

»An dem ›Huile Césarienne‹!« rief Popinot aus.

»›Huile Césarienne‹? . . . Ei, mein Herr Verliebter, Sie wollen dem Vater und der Tochter schmeicheln. Na schön, es lebe das ›Huile Césarienne‹! Die Cäsaren haben die Welt erobert, sie müssen prachtvolles Haar gehabt haben.«

»Cäsar war ein Kahlkopf«, sagte Popinot.

»Weil er unser Öl nicht gebraucht hat, das werden wir sagen! Das ›Huile Cesarienne‹ kostet drei Franken, das Macassaröl das doppelte. Gaudissart haben wir, das wird uns hunderttausend Franken jährlich einbringen, denn ich rechne auf den Kopf aller Leute, die etwas auf sich halten, zwölf Flakons jährlich, das macht achtzehn Franken! Das sind, wenn ich achtzehntausend Köpfe annehme, hundertachtzigtausend Franken. Dann sind wir Millionäre.«

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