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Cäsar Birotteaus Größe und Niedergang

Honoré de Balzac: Cäsar Birotteaus Größe und Niedergang - Kapitel 11
Quellenangabe
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typefiction
authorHonoré de Balzac
titleCäsar Birotteaus Größe und Niedergang
publisherDiogenes
isbn3257204604
translatorHugo Kaatz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Cäsar und Popinot stiegen vor den Augen der Kommis in den Wagen, die über die festliche Kleidung und den Extrawagen erstaunt waren, da sie keine Ahnung von den großen Dingen hatten, die der Beherrscher der Rosenkönigin vorhatte.

»Nun werden wir die Wahrheit über die Haselnüsse erfahren«, sagte der Parfümhändler zu sich.

»Über die Haselnüsse?« sagte Popinot.

»Du kennst mein Geheimnis, Popinot,« sagte Birotteau, »ich habe das Wort ›Haselnuß‹ fallen lassen, darin ist alles enthalten. Das Nußöl ist das einzige, das eine Wirkung auf das Haar ausübt, daran hat noch kein Parfümeriehaus gedacht. Beim Anblick des Stiches von Hero und Leander habe ich mir gesagt: Wenn die Alten soviel Öl für ihr Haar verbrauchten, so mußten sie irgendeinen Grund dafür haben, denn die Alten bleiben die Alten, trotz aller modernen Prätentionen, darin stimme ich Boileaus Ansicht über die Alten bei. Hiervon bin ich ausgegangen und auf das Nußöl gekommen, dank dem kleinen Bianchon, dem Studenten der Medizin, deinem Verwandten; der hat mir erzählt, daß seine Schulkameraden Nußöl gebrauchten, um ihren Bart schneller wachsen zu lassen. Es fehlt uns nur noch die Bestätigung des berühmten Herrn Vauquelin. Wenn er uns die Sache klar gemacht hat, werden wir auch das Publikum nicht betrügen. Ich war eben in der Markthalle bei einer Nußhändlerin, um erst mal das Grundmaterial zu haben; und jetzt werde ich gleich vor einem der größten Gelehrten Frankreichs stehen und von ihm erfahren, wie wir die Quintessenz daraus ziehen. Die Sprichwörter sind nicht so töricht, die Gegensätze berühren sich wirklich. Siehst du, mein Junge, der Handel ist das Bindeglied zwischen den vegetabilischen Erzeugnissen und der Wissenschaft. Angelika Madou sammelt die Früchte, Herr Vauquelin zeigt, wie man den Extrakt daraus macht, und wir verkaufen dann eine Essenz. Die Nüsse kosten fünf Sous das Pfund, Herr Vauquelin wird ihren Wert verhundertfachen und wir leisten vielleicht der Menschheit einen Dienst, denn da die Eitelkeit den Menschen große Qual bereitet, ist ein gutes Kosmetikum eine Wohltat.«

Die andächtige Bewunderung, mit der Popinot dem Vater Cäsarines zuhörte, stachelte Birotteaus Beredsamkeit noch mehr an, der sich in den wildesten Phrasen, die ein Bourgeois erdenken kann, erging.

»Sei recht ehrerbietig, Anselm,« sagte er, als sie in die Straße einbogen, in der Vauquelin wohnte, »wir werden gleich in das Heiligtum der Wissenschaft eintreten. Stelle das Bild so, daß man es sieht, aber nicht zu auffällig, auf einen Stuhl im Eßzimmer. Wenn ich nur nicht bei dem, was ich zu sagen habe, den Faden verliere«, rief Birotteau naiv aus. »Dieser Mann, Popinot, wirkt auf mich wie ein Chemikale, der Ton seiner Stimme verursacht mir eine innere Hitze und bewirkt sogar eine leichte Kolik bei mir. Er ist mein Wohltäter, und in wenigen Augenblicken wird er auch der deinige sein, Anselm.«

Diese Worte ließen Popinot erschauern, der wie auf Eiern ging und mit unruhiger Miene die Mauern anstarrte. Herr Vauquelin war in seinem Arbeitszimmer, als man Birotteau anmeldete. Der Akademiker, der den Parfümhändler als Beigeordneten und sehr in Gunst stehenden Mann kannte, nahm den Besuch an.

»Sie haben mich also doch nicht vergessen, obwohl Sie ein großer Mann geworden sind?« sagte der Gelehrte, »aber vom Chemiker zum Parfümfabrikanten ist ja nur ein Schritt.«

»Ach, verehrter Herr, zwischen einem Genie wie Sie und einem simplen Mann wie ich liegt ein unendlicher Zwischenraum. Was Sie mein Großsein nennen, das habe ich ja Ihnen zu verdanken, und das werde ich weder in dieser noch in jener Welt vergessen.«

»Oh, in jener sind wir ja, wie es heißt, alle gleich, die Könige und die Schuhflicker.«

»Das heißt, wenn die Könige und die Schuhflicker fromme Menschen gewesen sind«, sagte Birotteau.

»Ist das Ihr Sohn?« sagte Vauquelin und betrachtete den kleinen Popinot, der verblüfft war, daß er in dem Arbeitszimmer, wo er Ungeheuerlichkeiten, riesige Maschinen, flüchtige Metalle, belebte Stoffe, zu finden geglaubt hatte, gar nichts Ungewöhnliches sah.

»Nein, Herr Vauquelin, aber ein junger Mensch, den ich lieb habe und der sich an Ihre Güte, die Ihrem Genie gleichkommt, wendet; und ist die nicht unbegrenzt?« sagte er mit schlauer Miene. »Wir kommen, um ein zweites Mal Ihren Rat zu erbitten, nach einem Zwischenraum von sechzehn Jahren, und zwar in bezug auf einen wichtigen Gegenstand, über den ich so unwissend bin wie ein Parfümhändler.«

»Und welcher ist das?«

»Ich weiß, daß die Haaruntersuchungen Ihre Nächte in Anspruch nehmen und daß Sie mit der Analyse der Haare beschäftigt sind; aber während Sie sich damit um Ihres Ruhmes willen befassen, befasse ich mich damit des Geschäfts wegen.«

»Also, mein verehrter Herr Birotteau, was wünschen Sie von mir? Eine Analyse des Haars?« Er griff nach einem kleinen Stück Papier. »Ich werde in der Akademie der Wissenschaften über diesen Gegenstand einen Vortrag halten. Das Haar besteht aus einer ziemlich großen Quantität Schleim, einem kleinen Quantum weißen Öls, einer großen Menge schwarzgrünen Öls, Eisen, einigen Spuren Mangansäure, phosphorsaurem Kalk, einem ganz kleinen Quantum kohlensauren Kalkes, Kieselerde und viel Schwefel. Die verschiedenen Verhältnisse, in denen diese Stoffe zueinander stehen, bedingen die Farbe der Haare. So enthalten die roten viel mehr schwarzgrünes Öl als die andern.«

Cäsar und Popinot machten so große Augen, daß sie zum Lachen reizten.

»Neun Bestandteile«, rief Birotteau aus. »Wie? In einem Haare stecken Metalle und Öle? Wenn Sie, ein Mann, den ich so hoch verehre, mir das nicht sagten, würde ich es nicht glauben. Das ist ja außergewöhnlich! Gott ist groß, Herr Vauquelin.«

»Das Haar ist das Produkt eines balgartigen Organs,« fuhr der große Chemiker fort, »eine Art an beiden Enden offener Tasche; an dem einen Ende hängt sie mit den Nerven und den Gefäßen zusammen, aus dem andern sprießt das Haar hervor. Nach der Ansicht einiger meiner gelehrten Kollegen, unter ihnen Herr von Blainville, ist das Haar ein von dieser Tasche oder Gruft abgestoßener toter Teil, den eine breiige Materie ausfüllt.«

»So, wie wenn Schweiß in einem Stock wäre«, rief Popinot aus. Der Parfümhändler gab ihm einen leichten Tritt auf die Hacke.

Vauquelin mußte über Popinots Vergleich lächeln. »Er ist nicht unbegabt, nicht wahr?« sagte Cäsar und blickte Popinot an. »Aber verehrter Herr, wenn das Haar ein totgebornes Ding ist, dann kann man es doch nicht wieder lebendig machen und dann sind wir verloren! Mein Prospekt ist dann Unsinn; Sie ahnen nicht, wie merkwürdig das Publikum ist, man kann nicht kommen und ihm sagen . . .« »Daß es Mist auf dem Kopfe hat«, sagte Popinot, der Vauquelin noch einmal zum Lachen bringen wollte.

»Luftige Katakomben«, antwortete ihm der Chemiker, der auf den Scherz einging.

»Und die Nüsse, die ich schon gekauft habe!« klagte Birotteau, der an seinen geschäftlichen Verlust dachte. »Aber weshalb verkauft man denn . . .«

»Beruhigen Sie sich,« sagte Vauquelin lächelnd, »ich sehe, es handelt sich hier um irgendein geheimes Rezept, das Ausfallen und Weißwerden der Haare zu verhindern. Ich will Ihnen sagen, was ich darüber nach allen meinen Untersuchungen denke.«

Popinot spitzte die Ohren wie ein aufgescheuchter Hase.

»Die Entfärbung dieser toten oder lebenden Substanz wird, nach meiner Meinung, durch die Unterbrechung der Absonderung der farbegebenden Materien hervorgerufen; damit erklärt sich auch, weshalb in kalten Klimaten das Haar der Tiere mit dichtem Pelz im Winter abblaßt und weiß wird.«

»Hör zu, Popinot!«

»Es ist klar,« fuhr Vauquelin fort, »daß die Störungen beim Haarwuchs von plötzlichen Veränderungen der umgebenden Temperatur herrühren« . . .

»Der umgebenden! Behalte das, Popinot«, rief Cäsar.

»Ja,« sagte Vauquelin, »von der abwechselnden Kälte und Wärme oder von inneren Vorgängen, die die gleiche Wirkung haben. So verzehren, vernichten oder verteilen in andrer Weise die Migräne und Kopfleiden jene erzeugenden Flüssigkeiten. Die inneren Vorgänge gehen die Ärzte an. Aber für die äußeren kommen Ihre Kosmetika in Betracht.«

»Ach, verehrter Herr,« sagte Birotteau, »Sie schenken mir das Leben wieder. Ich wollte das Nußöl verkaufen, weil ich daran dachte, daß die Alten Öl für ihr Haar verwendeten, und die Alten bleiben die Alten, darin stimme ich Boileau bei. Warum salbten sich die Athleten . . .«

»Das Olivenöl ist ebenso gut wie das Nußöl«, sagte Vauquelin, der nicht auf Birotteau achtete. »Jedes Öl ist geeignet, um die Haarzwiebel vor Einwirkungen zu behüten, die den Substanzen, die sie in Tätigkeit – wenn es sich um einen chemischen Begriff handelte, würden wir sagen ›gelöst‹ – erhält, schädlich sind. Vielleicht haben Sie übrigens recht: das Nußöl, wie mir Dupuytren gesagt hat, enthält ein Stimulans. Ich werde festzustellen versuchen, welche Unterschiede zwischen dem Bucheckern-, dem Rüb-, dem Oliven-, dem Nußöl und so weiter bestehen.«

»Also habe ich mich doch nicht geirrt,« sagte Birotteau triumphierend, »da ich mich mit einem großen Mann begegne. Das Macassar ist geliefert! Das Macassar, Herr Vauquelin, ist ein Kosmetikum, das als den Haarwuchs beförderndes Mittel ausgegeben, das heißt verkauft wird, und zwar teuer.«

»Mein lieber Herr Birotteau,« sagte Vauquelin, »es sind nicht zwei Unzen wirklichen Macassaröls nach Europa gelangt. Das Macassaröl hat nicht den geringsten Einfluß auf das Haar, aber die Malaien bezahlen sein Gewicht in Gold, weil es das Haar erhält, und wissen nicht, daß Lebertran ganz genau so gut ist. Keine chemische oder göttliche Macht . . .«

»Oh, göttliche . . . sagen Sie das nicht, Herr Vauquelin.«

»Aber, verehrter Herr, das oberste Gesetz, dem Gott folgen muß, ist, mit sich selbst in Übereinstimmung zu sein; ohne Einheit gibt es keine Macht . . .«

»Ja, wenn Sie das so meinen . . .«

»Keine Macht also kann bewirken, daß Kahlköpfen die Haare wieder wachsen, ebenso wie man niemals ohne Gefahr rotes oder weißes Haar färben kann; wenn Sie aber den Gebrauch des Öls empfehlen, so erregen Sie keinen Irrtum und sagen nicht die Unwahrheit, und ich glaube, daß diejenigen, die es anwenden, sich das Haar erhalten können.«

»Meinen Sie, daß die Königliche Akademie der Wissenschaften vielleicht bereit wäre, eine Anerkennung . . .«

»Oh, es handelt sich hier doch nicht im geringsten um eine neue Entdeckung«, sagte Vauquelin. »Übrigens haben Scharlatane den Namen der Akademie so oft mißbraucht, daß Ihnen das doch nicht viel nützen würde. Mein Gewissen würde sich auch dagegen sträuben, das Nußöl als ein Wunder anzuerkennen.«

»Und auf welche Art kann man es am besten ausziehen? Durch Kochen oder Pressen?« sagte Birotteau.

»Durch Pressen zwischen zwei heißen Platten erhalten Sie mehr Öl, aber beim Pressen zwischen zwei kalten Platten wird es von besserer Qualität sein. Und man muß es auf die Haut selbst bringen,« sagte Vauquelin in seiner Güte, »und nicht die Haare damit einreiben, sonst wirkt es nicht.«

»Behalte das genau, Popinot«, sagte Birotteau mit einem Entzücken, das sein Gesicht erglühen ließ. »Sie sehen hier, verehrter Herr, einen jungen Menschen, der diesen Tag zu den schönsten seines Lebens zählen wird. Er kannte Sie, er verehrte Sie, ohne Sie je gesehen zu haben. Ach, es ist bei uns so oft die Rede von Ihnen, Ihr Name, der so tief in unsre Herzen eingegraben ist, kommt uns so häufig auf die Lippen. Meine Frau, meine Tochter und ich, wir beten täglich für Sie, wie man es seinem Wohltäter schuldig ist.«

»Das ist zu viel für so wenig«, sagte Vauquelin, dem die wortreiche Erkenntlichkeit des Parfümhändlers peinlich war.

»Nicht doch!« sagte Birotteau, »Sie können uns doch nicht verbieten, Sie zu lieben, wenn Sie auch nichts von uns annehmen wollen. Sie sind wie die Sonne, Sie strömen Ihr Licht aus, und die, die davon erleuchtet werden, können Ihnen nichts dafür bieten.«

Der Gelehrte lächelte und erhob sich, der Parfümhändler und Popinot standen gleichfalls auf.

»Sieh dir dieses Arbeitszimmer genau an, Anselm. Sie gestatten, Herr Vauquelin? Ihre Zeit ist so kostbar, er wird nicht mehr hierher kommen.«

»Und wie sind Sie mit den Geschäften zufrieden?« sagte Vauquelin zu Birotteau, »schließlich sind wir ja beide Geschäftsleute . . .«

»Ziemlich gut, Herr Vauquelin«, sagte Birotteau, während er sich nach dem Eßzimmer hin bewegte, wohin ihm Vauquelin folgte. »Aber um dieses Öl, das Comagen-Essenz heißen soll, zu lancieren, sind große Mittel erforderlich . . .«

»Essenz und Comagen sind zwei Worte, die nicht passen. Nennen Sie Ihr Kosmetikum doch Birotteau-Öl. Und wenn Sie sich nicht mit Ihrem Namen herausstellen wollen, so wählen Sie irgendeinen andern. Aber das ist ja die Dresdener heilige Jungfrau. Ei, Herr Birotteau, wollen Sie, daß wir uns in Feindschaft trennen?«

»Herr Vauquelin,« sagte der Parfümhändler und ergriff die Hand des Chemikers, »dieses seltene Stück hat einen Wert nur durch die Beharrlichkeit, mit der ich danach gesucht habe. Ich mußte ganz Deutschland danach durchforschen, um einen Avant la Lettre auf Chinapapier aufzutreiben; da ich wußte, daß Sie es sich wünschten, Ihre Tätigkeit ihnen aber nicht gestattete, es zu beschaffen, so bin ich als Ihr Geschäftsreisender aufgetreten. Also nehmen Sie es an, nicht als einen schlechten Stich, sondern als Gegenstand meiner Mühen, meiner sorgsamen Nachforschungen und Maßregeln, die Ihnen meine unbegrenzte Ergebenheit bezeugen sollen. Ich hätte gewollt, daß Sie sich irgend etwas gewünscht hätten, das ich aus einem Abgrund hätte heraufholen müssen, um damit zu Ihnen zu kommen und zu sagen: Hier ist es! Lehnen Sie es nicht ab. Es spricht so vieles dafür, daß man uns vergißt; erlauben Sie, daß wir alle, meine Frau, meine Tochter und mein künftiger Schwiegersohn uns hiermit Ihnen vor Augen stellen. Dann werden Sie, wenn Sie die heilige Jungfrau betrachten, sagen: es gibt noch gute Menschen, die an mich denken.«

»Ich nehme es an«, sagte Vauquelin.

Popinot und Birotteau trockneten sich die Augen, so gerührt waren sie durch den Ton der Güte, den der Akademiker seiner Antwort verlieh.

»Wollen Sie Ihrer Güte noch die Krone aufsetzen?« sagte der Parfümhändler.

»Und womit?« fragte Vauquelin.

»Ich habe einige Freunde zu mir geladen . . .« (er erhob sich von den Hacken, nahm aber trotzdem eine bescheidene Miene an), »ebensosehr um die Befreiung des Landes, als um meine Ernennung zum Ritter der Ehrenlegion zu feiern . . .«

»Ah«, sagte Vauquelin erstaunt.

»Vielleicht habe ich mich dieser allerhöchsten Auszeichnung würdig erwiesen als Richter am Handelsgericht und als Kämpfer für die Bourbonen auf den Stufen von Saint-Roch am 13. Vendémiaire, wo ich von Napoleon verwundet wurde. Meine Frau gibt Sonntag in drei Wochen einen Ball, kommen Sie doch auch hin. Erweisen Sie uns die Ehre, an diesem Tage mit uns zu dinieren. Für mich würde das sein, als wenn ich das Kreuz zweimal erhielte. Ich würde Ihnen vorher noch eine schriftliche Einladung zusenden.«

»Schön, ich werde kommen«, sagte Vauquelin.

»Mein Herz will mir vor Freude springen«, rief der Parfümhändler aus, als sie auf der Straße waren. »Er wird zu mir kommen. Ich fürchte, ich habe vergessen, was er über das Haar sagte, erinnerst du dich noch daran, Popinot?«

»Ja, Herr Birotteau, und in zwanzig Jahren werde ich mich noch daran erinnern.«

»Was für ein großer Mann! Was für ein Blick und was für ein durchdringendes Verständnis!« sagte Birotteau. »Eins, zwei, drei hat er unsre Gedanken erraten und uns die Wege gezeigt, um das Macassaröl zu vernichten. Ah, es gibt nichts, was die Haare wieder wachsen macht, also lügst du, Macassar! Popinot, wir haben ein Vermögen in der Hand. Morgen früh um sieben Uhr sind wir in der Fabrik, da kommen die Nüsse und dann machen wir Öl; er hat gut reden, daß jedes Öl gleich gut ist, wenn das Publikum das wüßte, dann wären wir verloren. Und wenn in unserm Öl nicht etwas Nußextrakt und Parfüm drin wäre, wie könnten wir vier Unzen davon für drei bis vier Franken verkaufen?«

»Sie bekommen den Orden, Herr Birotteau?« sagte Popinot. »Welche Ehre für . . .«

»Für den Handelsstand, nicht wahr, mein Kind?«

Die triumphierende Miene Cäsar Birotteaus, der seines Erfolges sicher war, wurde von den Kommis bemerkt, die sich untereinander Zeichen machten, denn die Fahrt im Wagen, die festliche Kleidung des Kassierers und des Chefs hatten sie bereits die wildesten Romane kombinieren lassen. Und Cäsars und Anselms zufriedenes Aussehen, was durch diplomatische, zwischen ihnen gewechselte Blicke bekräftigt wurde, der hoffnungsvolle Blick, den Popinot zweimal auf Cäsarine warf, ließen irgendein schwerwiegendes Ereignis erwarten und bestärkten die Kommis in ihren Vermutungen. In diesem beschäftigten und gleichsam klösterlichen Leben nahm man an den kleinsten Vorfällen dasselbe Interesse, wie es der Gefangene seinem Gefängnis zuwendet. Die Haltung der Frau Konstanze, die den olympischen Blicken ihres Mannes mit zweifelnder Miene begegnete, ließ eine neue Überraschung erwarten, denn in normalen Zeiten hätte Frau Konstanze zufrieden sein müssen, weil alle Erfolge im Detailhandel sie froh stimmten. Und außergewöhnlicherweise hatte dieser Tag eine Einnahme von sechstausend Franken gebracht; es waren mehrere ältere Rechnungen bezahlt worden.

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