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Carlotta. Zweiter Band

William John Locke: Carlotta. Zweiter Band - Kapitel 8
Quellenangabe
authorWilliam J. Locke
titleCarlotta. Zweiter Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1909
translatorPauline Klaiber
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180620
projectid12409bd8
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Achtzehntes Kapitel

10. November.

Ich mußte zweimal klingeln, bis Judits Dienstmädchen die Korridortür öffnete.

»Mrs. Mainwaring ist jetzt eben beschäftigt, Sir Markus.«

»Fragen Sie, ob ich drinnen auf sie warten könne, da ich ihr etwas Wichtiges mitzuteilen hätte.«

Das Mädchen ging hinein und ließ mich im Vorplatz stehen – etwas, was mir in Judits Wohnung noch nie passiert ist – kehrte aber fast augenblicklich zurück und sagte, ihre Herrin lasse mich bitten, im Eßzimmer einen Augenblick zu warten. Ich trat ein. Auf dem Tisch lag ein Durcheinander von Papieren, die zu ihrer statistischen Arbeit gehörten, und eine Menge seidener und leinener Stoffreste. Eine Schreibmaschine stand auf dem einen Tischende, auf dem anderen eine Nähmaschine. Auf dem Schreibtisch drüben am Fenster, mitten zwischen einer Menge von Briefen und Rechnungsbüchern, prangte eine große Schale mit prachtvollen weißen und gelben Chrysanthemen. Ein aufgeschlagener Band Dante lag umgedreht auf der Tischecke. Es tat meinem Herzen wohl, diese für Judit so charakteristische, mir so vertraute und bekannte Unordnung zu sehen. »Sie wehrt sich tapfer gegen ihren Kummer,« sagte ich mir. »Keine ihrer gewöhnlichen täglichen Beschäftigungen ist unterblieben, trotz allem hat sie sich ihren gesunden Menschenverstand erhalten.« Wie sehr fühlte ich mich wegen meines eigenen Mangels an Selbstbeherrschung beschämt.

Ich wollte mich eben von dem Durcheinander auf dem Schreibtisch abwenden, als mein Auge auf einen Briefumschlag fiel, der eine französische Marke trug und von Pasquales unverkennbarer Handschrift überschrieben war. Da ein Brief darin zu sein schien, nahm ich ihn nicht in die Hand, um ihn genauer zu untersuchen. Ein Blick genügte, mich zu vergewissern, daß der Brief von Pasquale war. Warum steht er mit Judit in Briefwechsel? Verwirrt ging ich ein paarmal im Zimmer auf und ab. Enthielt der Brief eine Rechtfertigung, eine Beichte, eine Bitte? Beschwor er sie darin, sich als meine Freundin für ihn zu verwenden, damit ich ihm verzeihe? Es gibt nichts Aufregenderes, als wenn man im Briefwechsel einer Freundin zufällig auf ein Geheimnis stößt, das einen selbst betrifft. Man darf keinen Versuch machen, tiefer in die Sache einzudringen, ebenso wenig als man einem Freunde silberne Löffel stehlen darf. Die Feststellung, daß man die Sache bemerkt habe, ist schon allein eine Indiskretion, und gar Vermutungen darüber anzustellen, wäre eine unverzeihliche Unverschämtheit. Aber trotzdem ich sonst jegliche Art von Neugier verabscheue, hier beunruhigte mich Pasquales große, flotte, in die Augen fallende Handschrift doch.

Judit trat herein. Sie sah fast noch ebenso angegriffen und sorgenvoll aus wie bei meinem letzten Besuch, und in ihren Augen lag ein eigentümlicher Ausdruck.

»Es tut mir leid, daß ich Sie warten lassen mußte,« sagte sie, indem sie mir eine kalte Hand reichte.

Ich führte die Hand an meine Lippen.

»Um Sie zu sehen, Judit, hätte ich gern den ganzen Tag gewartet,« erwiderte ich.

»Ach wirklich?«

Sie lachte sonderbar.

»Wenn ich jetzt mit einer banalen Redensart käme, wäre es eine Beleidigung,« antwortete ich. »Ich habe viel durchgemacht, seit ich Sie das letzte Mal gesehen habe.«

»Ich auch,« sagte Judit; »mehr als Sie sich denken können. Nun,« fuhr sie fort, als ich den Vorwurf mit einem langsamen Kopfnicken hinnahm, »was haben Sie mir denn so Wichtiges zu sagen?«

»Sehr viel,« erwiderte ich. »Doch haben Sie ja offenbar schon erfahren, was vorgefallen ist, denn ohne es zu wollen, sah ich dort drüben einen Brief von Pasquale.«

Sie warf einen schnellen Blick auf den Schreibtisch und sah dann wieder mich an.

»Ja,« erwiderte sie, »er ist in Paris.«

Ihre gelassene Art verblüffte mich.

»Hat er Ihnen nichts mitgeteilt?«

»Möchte Sir Markus den Brief vielleicht lesen?« fragte sie ironisch.

»Sie wissen recht wohl, daß ich das nicht will,« antwortete ich.

Wieder lachte Judit, und mit nervösen Fingern ballte sie ihr Taschentuch in einen kleinen Knäuel zusammen.

»Verzeihen Sie mir,« sagte sie. »Es macht mir Freude, wenn ich ab und zu einmal den grand seigneur in Ihnen sehe, denn das erinnert mich an glücklichere Tage. Aber was Pasquale betrifft – er teilt mir nur mit, daß er meinen Auftrag nicht ausführen könne. Als er mich neulich abends nach Hause begleitete, erzählte er mir von seiner bevorstehenden Reise nach Paris, und ich bat ihn dann, mir etwas Kosmetik zu besorgen – carmin Badouin, wenn Sie es genau wissen wollen. Ich muß mich jetzt schminken, wenn ich mich auf der Straße sehen lassen will, das gestehe ich ganz offen.«

»Dann wissen Sie also nichts von Carlotta?« rief ich.

»Von Carlotta?«

»Sie ist an dem Tag, nachdem ich Sie zuletzt gesehen habe, mit dem doppelzüngigen, verfluchten, teuflischen Schurken durchgegangen.«

Judit sah mich einen Augenblick an, dann schloß sie die Augen, wandte den Kopf ab und legte ihre Hand aus den Tisch. Mein Zorn gegen den Elenden loderte heiß auf. Wie hat er es wagen können, mit diesem Verrat auf dem Gewissen, Briefe über carmin Badouin an Judit zu schreiben? O, ich kann mir die schnoddrigen, liebenswürdigen Redensarten, in denen der Kerl seine kostbare Epistel verfaßt haben mochte, lebhaft vorstellen! Und ich kann mir auch vorstellen, wie Carlotta, sich über seine Schulter beugend, liest, was er schreibt, in die Hände klatscht und zwitschert: »O, das ist sehr komisch!«

Nachdem ich Judit – die regungslos am Tische saß, während ich in dem kleinen Zimmer auf und ab schritt – die Geschichte in kurzen Umrissen erzählt hatte, streckte sie mir mit noch immer abgewandtem Kopf die Hand hin und sagte mit leiser Stimme, wie sehr, sehr leid ihr das tue. Ihre Stimme klang so wahr und treu, daß mein Herz voll froher Anerkennung ihres redlichen Charakters rascher klopfte und ich die mir dargebotene Hand innig drückte.

»Gott segne Sie, Judit!« rief ich innig. »Ja, Gott segne Sie für Ihre wohltuende Teilnahme! Bemitleiden Sie mich, aber nur als einen, der die Schrecken des Deliriums überstanden hat. So wie ich jetzt vor Ihnen stehe, will ich nicht bemitleidet werden. Ich bin hierhergekommen, um Ihnen, liebe Judit, wenn möglich, ein gewisses Maß von Freude, vielleicht von Glück zu bringen.«

Sie riß sich von mir los, und der entsetzte Ausruf: »Markus!« unterbrach meine überschwengliche Rede. Sie wich zurück, so weit, bis eine große Ecke des Eßtisches zwischen uns war, und von da starrte sie mich an, als ob meine Worte die fürchterlichen Ausbrüche eines Wahnsinnigen gewesen wären.

»Markus! Was wollen Sie damit sagen?« rief sie mit unnatürlich schriller Stimme.

»Ich will damit sagen – will sagen – daß ›die Liebe, erst drei Tage alt, nach drei Tag Leid lag tot!‹ Kaum aus der Wurzel hervorgesprossen, ist sie auch schon verdorrt, und ich habe sie mitten durchs Herz gespießt wie ein Vampyr in ungeweihter Erde begraben. Zu Ihnen, Judit, bin ich zurückgekehrt, um in aller Demut Ihre Verzeihung und Ihre Liebe zu erflehen, um Ihnen zu sagen, daß ich anders geworden bin, um Ihnen alles, was ich in dieser Welt mein eigen nenne, anzubieten, und Sie zu bitten, es anzunehmen, um Ihnen mein ganzes Leben in täglicher stündlicher Hingabe zu weihen. Mein Gott, mein Gott!« rief ich. »Glauben Sie mir denn nicht?«

Schwer lehnte sich Judit an den Tisch, mit starrem, entsetztem Blick. Ihre Lippen zuckten, ehe sie die Worte herausbrachte: »Ja, ich glaube Ihnen, denn Sie haben mich noch nie belogen.«

»Aber um des Himmels willen,« rief ich. »Warum sehen Sie mich denn so an?«

Sie zitterte und konnte offenbar irgend etwas nur mit äußerster Anstrengung unterdrücken; ob ein bitteres Lachen, ob einen empörten Ausruf, oder einen leidenschaftlichen Gefühlsausbruch, ich weiß es nicht.

»Sie fragen warum,« sagte sie unsicher. »Weil Sie der Engel mit dem flammenden Racheschwert zu sein scheinen.«

Bei diesen Worten kam die Reihe an mich, erstaunt auszusehen.

»Rache?« wiederholte ich. »Welches Unrecht haben Sie mir oder sonst einem lebenden Wesen je angetan? Kommen Sie, liebe Judit,« und um näher bei ihr zu sein, setzte ich mich auf die Ecke des Tisches dicht neben die Schreibmaschine und neigte mich zu ihr hin. »Wir wollen den Dingen gerade in die Augen sehen. Wenn je ein Mann eine Frau nötig gehabt hat, so ist das jetzt bei mir der Fall; ich kann nicht mehr allein leben, von jetzt an müssen wir ein Heim haben. Um das Urteil der Welt brauchen wir uns auch nicht einen Deut zu kümmern. Und wenn Sie irgend etwas gegen meinen Vorschlag einzuwenden haben sollten, dann wollen wir es ruhig miteinander besprechen.«

Judits schlanke Gestalt zitterte wie eine bis zum Springen angespannte Saite, und ihre Stimme bebte.

»Ja, wir wollen es ruhig besprechen, aber nicht hier. Wenn ich Sie hier mitten in meinem täglichen Leben, zwischen Schreib- und Nähmaschine, sehe, werde ich nervös. Kommen Sie mit ins Wohnzimmer; dort finden wir eine Atmosphäre der Ruhe« – ihre Stimme klang wie ein halbersticktes Schluchzen – »der Sabbatruhe.«

Schnell glitt ich vom Tisch herunter und legte meinen Arm um sie.

»Sagen Sie mir, Judit, was fehlt Ihnen?«

Sie stieß mich heftig weg und trat zurück.

»Nichts! Sie wissen doch, was eine Frau unter nichts versteht? Kommen Sie mit ins Wohnzimmer!«

Ich öffnete die Tür, ließ sie vorausgehen, und folgte ihr durch den Flur. Nachdem Judit ins Wohnzimmer eingetreten war, wurde ich einen Augenblick an der Tür zurückgehalten, weil die Klinke, die schon seit Monaten locker war, nicht recht schließen wollte. Als ich mich dann umdrehte und auch schon ein paar Schritte gemacht hatte, blieb ich plötzlich wie angewurzelt stehen.

Wir waren nicht allein. Dort vor dem Kamin, die Hände auf dem Rücken, und mit wohlwollend auf mich gerichtetem Blick, stand ein Mann in geistlicher Tracht. Er sah auffallend, fast gesucht geistlich aus: sein Rock war von ungewöhnlicher Länge; seine Stiefel hatten auffallend dicke Sohlen; eine große weiße Halsbinde, die die Ecken eines Umlegkragens ganz verdeckte, ließ darauf schließen, daß der Mann ein Sektenprediger war. Braune Backenbärtchen zierten das im übrigen glattrasierte, blühende Gesicht, und ein Kranz brauner Haare umgab eine leuchtende Glatze.

Ich starrte diesen mir vollständig unerwarteten Herrn ein paar Sekunden lang erstaunt an, dann aber, nachdem ich meine Selbstbeherrschung wieder erlangt hatte, drehte ich mich fragend nach Judit um.

»Sir Markus,« sagte sie, »darf ich Ihnen meinen Mann, Mr. Rupert Mainwaring vorstellen?«

Ihren Mann! Dieser von Wohlwollen triefende Sektenprediger ihr Mann! Aber der berückende Liebhaber, der ihr die Augen geblendet hatte, der liederliche Schurke, durch den ihr Leben Schiffbruch gelitten hatte, wo war der? Obgleich aufs höchste verblüfft, brachte ich doch eine höfliche Verbeugung zu stande; aber meine Bestürzung blieb unbemerkt, da Judit plötzlich mit einem sonderbaren Laut, der sich in schrilles, krampfhaftes Lachen auflöste, durchs Zimmer rannte, die Tür aufriß und wieder hinter sich zuschlug. Ich hörte noch, daß sie auf dem Flur krampfhafte Schreie ausstieß, dann wurde wieder eine Tür zugeschlagen, und die darauf folgende Stille sagte mir, daß sie sich in ihrem Schlafzimmer eingeschlossen habe. Ohne mich um die Anwesenheit des neuen Ehegatten zu kümmern, klingelte ich, und das Mädchen, das bei Judits Geschrei aus der Küche herbeigekommen war, trat sogleich ein.

»Sehen Sie nach Ihrer Herrin, sie ist krank,« sagte ich.

Das Mädchen eilte wieder hinaus, und der Pfarrer und ich schauten einander an.

»Ich bedaure sehr, daß ich zu einer so schlecht gewählten Zeit kam,« sagte ich, »und hoffe, Sie ein anderes Mal näher kennen zu lernen.«

»O bitte, gehen Sie nicht!« rief er. »Meine Frau ist nur etwas angegriffen und wird sich bald wieder erholen. Bitte, entschuldigen Sie sie. Und außerdem möchte ich auch etwas mit Ihnen besprechen.«

Damit bot er mir einen Stuhl an – meinen eigenen Stuhl, den bequemen, breiten Empirestuhl, den ich vor Jahren Judit zum Geburtstag geschenkt hatte, den Stuhl, in dem ich beständig gesessen hatte. Er benahm sich wie der Herr des Hauses, wie ein sehr höflicher Gentleman. Die Situation war wirklich höchst seltsam. Irgend ein witziger Dämon muß sie sich ausgedacht haben, um die fröhliche Stimmung der erhabenen Götter beim Nachtisch noch zu steigern. Ich ließ mich auf den Stuhl nieder und rieb mir die Augen. War dieser braunbärtige, glatzköpfige geistliche Herr denn ein wirklicher Mensch? O ja, das Augenreiben zerstörte keine Sinnestäuschung. In Fleisch und Blut stand er vor mir und betrachtete mich noch immer wohlwollend – es war entsetzlich.

Daß der schurkische Ehemann, den ich in irgend einem europäischen Sündenpfuhl untergegangen wähnte, Judit böswillig verlassen hatte, diese Tatsache hatte die Grundlage, die Berechtigung zu dem Verhältnis zwischen Judit und mir gebildet, ja, sie hatte es geradezu sanktioniert. Und jetzt begann dieser ehrwürdige achtbare Mann da vor mir, seine Frau zu entschuldigen und mir meinen eigenen Stuhl anzubieten! Die Bemerkung Judits, im Wohnzimmer werde ich Sabbatruhe finden, fiel mir wieder ein, und ich mußte die Seitenlehnen meines Stuhls umklammern und mich aufs äußerste zusammennehmen, um nicht ebenso nervös wie Judit zu werden.

Wenn Judits Gatte als der schlechte Kerl, der er einst war, zurückgekommen wäre, so hätte ich das schon als einen schweren Schlag empfunden. Das Scheitern aller meiner Pläne für Judits Glück hätte mich zwar tief erschüttert, aber es wäre doch wenigstens etwas Natürliches gewesen. Ihn aber in der Gestalt eines Sektenpredigers auftreten zu sehen; als Vertreter der Menschenklasse, zu der Judit am allerwenigsten paßt, das, ich wiederhole es, kam mir mehr als ungeheuerlich vor.

»So viel ich weiß, Sir Markus,« begann der Herr, indem er bedächtig die Schöße seines unendlich langen Rockes auseinanderschlug und sich neben mich setzte, »sind Sie ein sehr intimer Freund meiner Frau.«

Ich murmelte, ich sei allerdings seit einigen Jahren mit Mrs. Mainwaring bekannt.

»Da kennen Sie ohne Zweifel auch ihre unglückliche Lebensgeschichte.«

»Sie hat ab und zu davon gesprochen.«

»Dann werden Sie ebenso erstaunt sein wie Judit, mich hier zu sehen. Und nun möchte ich Ihnen, als Vertreter von Judits Freunden und von der ganzen Gesellschaft mit allem, was drum und dran hängt, die Versicherung wiederholen, die ich schon Judit gegeben habe, die Versicherung, daß ich diesen Schritt nicht getan habe, ohne zuvor ernstlich gebetet und den allmächtigen Gott um Rat und Beistand angefleht zu haben.«

Ich bin nichts weniger als fanatischer Pietist, aber wenn jemand leichtfertig von »Gottes Rat erflehen« spricht, so empfinde ich das als eine Geschmacklosigkeit, und so ließen mich die in frömmelndem Ton ausgesprochenen Worte vollständig kalt.

»Ohne Zweifel haben Sie einen triftigen Grund, wieder in Judits Leben zu treten,« sagte ich steif.

»Jawohl, den triftigsten, den es gibt,« erwiderte er, indem er einen seiner braunen Backenbärte streichelte. »Ich bin ein Christ.«

Der Mann gefiel mir immer weniger.

»Darf ich fragen, ob das auch der Grund war, warum Sie ihr in allen diesen Jahren ferngeblieben sind?«

»Ich verdiene Ihren Hohn,« sagte er. »Zu jener Zeit war ich in der Sünde befangen, und ich verdiene deshalb jede Demütigung, die mir auferlegt wird. Inzwischen aber habe ich Gnade bei Gott gefunden. Ich fand sie nachmittags um drei Uhr am achten Januar achtzehnhundertund –«

»Das Jahr tut nichts zur Sache,« unterbrach ich ihn.

Die Kehle schnürte sich mir zusammen, der Mann war ein Heuchler, wie er im Buch steht. Mit ruchlosen Absichten auf Judits kleines Kapital war er hierhergekommen; ich sah es an seinen zum Himmel erhobenen Augen!

»Es wäre mir recht,« fuhr ich schnell fort, »wenn Sie zu dem Punkt kommen wollten, den Sie mit mir zu besprechen wünschen, und der, wie ich annehme, Mrs. Mainwaring betrifft. Jetzt, wo sie sich mit den Verhältnissen ausgesöhnt hat und es ihr gelungen ist, ihr Leben bis zu einem gewissen Grad befriedigend und behaglich zu gestalten, jetzt tauchen Sie plötzlich auf und treten als Störenfried dazwischen. Sie haben offenbar die Absicht, mir Ihre Gründe für diesen Schritt auseinanderzusetzen – aber was Gottes Gnade damit zu tun hat, kann ich wirklich nicht einsehen.«

Er sprang auf und breitete beide Hände so abgeschmackt salbungsvoll aus, wie nur je ein begeisterter englischer Prophet.

»Alles hat diese Gnade damit zu tun! Sie ist der Anfang und das Ende, das Mark und der Kern, die Wurzel und die Krone der ganzen Angelegenheit. Die Gnade Gottes ist es, die mir mitten in dem lasterhaften Treiben, dem ich mich ergeben hatte, ein Halt! zurief. Sie hat mich vom Weg der Sünde hinweg auf heilige Pfade geführt. Ja, die Gnade Gottes ist es, die mich aus dem, was ich war, zu dem gemacht hat, was ich heute bin; sie, die Gnade Gottes, hat mich hierhergeführt, damit ich auf meinen Knieen die Frau um Vergebung anflehe, der ich so schweres Unrecht angetan habe. Jawohl, die Gnade Gottes und seines Sohnes, unseres Herrn Jesu Christi, ist es, die mir an jenem Januarnachmittag in einem hellen Licht erschienen ist, gerade wie einst dem Saulus von Tarsus! Die Gnade Gottes hat alles damit zu tun!«

»Mr. Mainwaring,« unterbrach ich ihn, »solche Reden sind entweder Blasphemieen, oder –«

Doch er ließ mich nicht ausreden, sondern wiederholte das Wort mit schriller Stimme.

»Blasphemieen! Aber, mein Herr, wofür halten Sie mich denn? Halten Sie denn das alles für einen gottlosen Scherz? Sehen Sie denn nicht, daß es mir heiliger Ernst ist? Kommen Sie mit mir und sehen Sie, wo ich lebe« – er packte mich beim Arm, als ob er mich auf der Stelle mit sich fortziehen wolle – »dort unter den Armen in Hoxton. Sie werden kaum wissen, wo Hoxton ist – ich wußte es auch nicht, als ich noch ein so behagliches Leben wie Sie führte – jene Wüste voll düsterer Verzweiflung, wo kaum die natürliche Sonne dieser Welt, noch viel weniger aber das göttliche Licht hinscheint. Kommen Sie mit mir und urteilen Sie selbst, ob ich die Wahrheit spreche oder lüge!«

Jetzt drängte sich mir die Überzeugung auf, daß dieser Mann wirklich aus seinem innersten Herzen heraus so gesprochen hatte, daß er fast erschreckend aufrichtig gewesen war.

»Ich muß Sie wegen meines anscheinenden Zweifels an Ihrer Aufrichtigkeit um Verzeihung bitten,« sagte ich. »Sie müssen es meiner vollständigen Unkenntnis der Ausdrücke sektiererischer Frömmigkeit zu gute halten.«

Er sah mich einen Augenblick sonderbar an, sagte dann aber mit einem freundlichen Lächeln und in dem ruhigen Ton des Weltmanns: »Vor vielen Jahren hatte ich das Vergnügen, Ihren Großvater, den seligen Herrn Baron, zu kennen. Erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß Sie mich sehr an ihn erinnern.«

Noch nie ist eine Bitte um Entschuldigung taktvoller und liebenswürdiger aufgenommen worden. Einen kurzen Augenblick war der noch nicht wiedergeborene galante Rupert Mainwaring wieder zum Vorschein gekommen, und ich sah, was ihn einst so anziehend gemacht haben mußte.

»Bitte, setzen Sie sich,« sagte er in ernsterem Ton, »und erlauben Sie mir, Ihnen einiges zu erklären.«

Und nun erzählte er mir seine Geschichte. Es sei gut, wenn sie ein Fremder – ich ein Fremder in diesem mir so vertrauten Zimmer! – kennen lerne, meinte er, und er stelle es mir ganz frei, sie öffentlich bekannt zu machen – ein öffentliches Bekanntwerden sei gerade das, was er ernstlich anstrebe. So weit ich mich noch erinnern kann – in meinem Kopfe drehte sich, während ich zuhörte, alles wie ein Mühlrad im Kreise herum – gebe ich im folgenden seine Erzählung kurz wieder: Mr. Mainwaring war ein sündhafter Mensch gewesen – nicht nur in dem unbestimmten kirchlichen Sinn, sondern im tatsächlichen wirklichen Ernst. Mit Ausnahme der wenigen Verbrechen, die ins Zuchthaus oder an den Galgen führen, hatte er jede nur erdenkliche Schlechtigkeit begangen: er trank, war ein Libertin, ein Falschspieler und auf den Rennplätzen berüchtigt. Zu Genossen wählte er sich die Dirnen und Schurken der vornehmen Welt. Judit hatte er von ihrem ersten Manne weggelockt, der sich so darüber grämte, daß er bald darauf an gebrochenem Herzen starb. Dann hatte er Judit geheiratet, sie aber um einer Kellnerin willen verlassen, die er dann auch wieder sitzen ließ. Er hatte sich, wie er selbst sagte, »im Schlamm der Sünde gewälzt«, und war, wie ich immer gehört hatte, einer der größten Schurken, die auf freiem Fuß umherlaufen. Eines Tages war er einem hübschen jungen Mädchen nachgegangen, und diese hatte ihn in eine Erweckungsversammlung geführt. Er beschrieb nun diese Versammlung so lebhaft, daß ich, wenn mein konsterniertes Gemüt überhaupt noch neuer Regungen fähig gewesen wäre, durch den neugeborenen Geistlichen jetzt gleich aus zweiter Hand hätte bekehrt werden können. Er wiederholte einzelne Stellen aus der Predigt, sprang auf, gestikulierte mit den Armen und donnerte mir die Gemeinplätze des Heilsarmeechristentums so entgegen, als habe er eine ganz erstaunliche theologische Entdeckung gemacht. Der Auftritt war frappierend; es war lächerlich, aber es war auch unbeschreiblich peinlich. Schließlich wischte er sich den Schweiß von Stirne und Glatze. Dann fuhr er fort: »Ehe die Versammlung zu Ende war, lag ich neben dem Mädchen, das ich hatte verführen wollen, betend auf den Knieen. Ich verließ das Haus als ein bekehrter Mensch, erfüllt von Gottes Gnade und fest entschlossen, fortan mein Leben dem Dienste Jesu Christi zu weihen und verlorene Seelen für ihn zu retten. Wie ein Kleid fielen meine alten sündhaften Gewohnheiten von mir ab. Ich bereitete mich auf den geistlichen Stand vor und bin jetzt Prediger an einer kleinen Missionskirche in Hoxton. Ja, Gottes Wege sind unerforschlich, Sir Markus.«

»Das ist die allgemeine Annahme,« lautete meine einfältige Antwort.

»Sie wundern sich ohne Zweifel,« fuhr er fort, »warum ich nach meiner Bekehrung so viel Zeit verstreichen ließ, bis ich mich mit meiner Frau in Verbindung setzte? Ich hatte mir aber selbst eine Prüfungszeit auferlegt und wollte meiner Sache in Beziehung auf den Willen Gottes ganz sicher sein. Eine solche Prüfung meiner Willenskraft war von höchster Wichtigkeit, davon hing es ab, ob ich die Kraft haben würde, mit meinem ganzen künftigen Leben, so weit es sich um die Dinge dieser Welt handelte, zu brechen und das zu sühnen, was ich an Judit verbrochen hatte. Und jetzt bin ich hier, um meiner Frau ein christliches Heim anzubieten.«

Mit offenem Munde starrte ich den Mann an.

»Und Sie glauben nun, daß Judit mit Ihnen nach Hoxton gehen und dort als Ihre Frau mit Ihnen leben werde?« fragte ich ohne Umschweife.

»Warum nicht? Sie ist doch meine Frau.«

Ich stand auf und wandelte erregt im Zimmer umher. An diese Möglichkeit hatte ich in meiner Bestürzung noch gar nicht gedacht.

»Warum nicht, Sir Markus?« wiederholte er.

»Weil Judit durchaus nicht die Frau dazu ist,« sagte ich voller Verzweiflung. »Ihr gefällt Hoxton nicht, und sie wäre in einer Missionskirche ebensowenig an ihrem Platze als ich bei einem Reiterangriff.«

»Gott wird sie tauglich dazu machen,« sagte er ernst. »Bei ihm ist kein Ding unmöglich.«

»Aber sie hegt ernste philosophische Zweifel an seinem persönlichen Dasein,« rief ich.

Er lächelte prophetisch und schob ihre Zweifel mit einer Handbewegung beiseite.

»In dieser Hinsicht bin ich nicht bange,« bemerkte er.

»Aber es ist ja ganz widersinnig,« wandte ich noch einmal ein und brachte neue Gründe vor. »Judit sehnt sich nach den Vergnügungen und Freuden der Welt, die ihr das Leben infolge Ihrer Aufführung schuldig geblieben ist. Sie liebt elegante Toiletten, Zigaretten, Wein und hunderterlei andere Dinge, die im Hause eines Sektenpredigers in Acht und Bann getan werden.«

»Meine Frau wird die Wonnen und Freuden der Gottseligkeit kennen lernen,« erwiderte der fanatische Mann. »Die Mittel zu einer hübschen, aber einfachen Toilette werden ihr gewiß nicht vorenthalten werden, und niemand weiß besser als ich, wie leicht es einem wird, dem Wein- und Tabakgenuß zu entsagen.«

»Sie scheinen in der Tugend ebenso rücksichtslos zu sein, wie Sie es im Laster waren.«

»Ich muß Christo Seelen zuführen,« antwortete er.

»Das kann ich aber nicht für den richtigen Weg dazu halten,« erwiderte ich.

»Sir Markus,« sagte er mit einem festen, durchdringenden Blick, »bitte, vergessen Sie nicht, daß ich Sie in Beziehung auf die Führung meines Amtes nicht um Rat gebeten habe.«

»Wie Sie sich Ihrer Gemeinde gegenüber benehmen, ist mir vollkommen gleichgültig!« rief ich. »Aber ich kann nicht ruhig zulassen, daß Judit zeitlebens in eine ärmliche Kirche eingesperrt werden soll. Ihr Vorschlag erinnert mich an die Sienesen, von denen die Sage erzählt, daß sie ihren siegreichen General, dem sie mehr Dank schuldig waren, als sie ihm je darbringen konnten, hängten, nur um ihn zur Belohnung nach seinem Tod als Heiligen verehren zu können. Aber gegen eine solche Art Heiligsprechung von Judit lege ich Protest ein, und auch Judit selbst wird dagegen sein; Sie scheinen Judit gar nicht mit in Betracht zu ziehen. Sie ist Herrin ihrer Handlungen, und sie hat ihren eigenen Willen. Nein, nein, sie wird ihre angenehme Wohnung in Tottenham-Court-Road nicht aufgeben, um in Hoxton zu leben, und sie wird unter solchen Bedingungen nicht zu Ihnen zurückkehren.«

Er lächelte nachsichtig und hielt mir die Hand hin, um anzudeuten, daß unsre Unterhaltung zu Ende sei.

»Doch, sie wird, Sir Markus.«

Hat es jemals einen solchen Torquemada gegeben! Ich achte die Religion, ich achte dieses Mannes tiefe Überzeugung und glaube, daß er wirklich bekehrt ist; ja, ich kann sogar seinen langen Rock und die langen braunen Seitenbärte, die bei einem so glänzenden Weltmann wie Rupert Mainwaring eine wohlerwogene tägliche Kreuzigung des Fleisches sein müssen, achten, aber ich verabscheue die Daumenschrauben und die Folter zur Ehre Gottes, die er ganz vergnügt bei Judit anzuwenden gedenkt.

»Warum können Sie denn die arme Frau nicht in Ruhe lassen?« fragte ich, ohne seine Hand zu beachten.

»Ich tue meine Pflicht gegen Gott und gegen sie,« sagte er.

»Und der Erfolg ist eine Nervenkrise.«

»Die wird vorübergehen.«

»Adieu,« sagte ich. »Wir könnten noch tausend Jahre miteinander sprechen und würden einander doch nicht verstehen.«

»Entschuldigen Sie,« erwiderte er mit der größten Freundlichkeit. »Ich verstehe Sie vollkommen.«

Er begleitete mich ins Eßzimmer, wo ich Hut und Schirm gelassen hatte, und öffnete dann höflich die Flurtür. Als sich diese hinter mir schloß, hatte ich die größte Lust, sie wieder aufzustoßen und vor seinen Augen Judit mit Gewalt fortzuführen. Aber ich muß wohl feige sein, denn im nächsten Augenblick befand ich mich auf der Straße, wo ich meinen Regenschirm wie ein feuriges Schwert schwang und alle möglichen ritterlichen Taten zu vollbringen schwur, die, wie ich in meinem Herzen wohl wußte, doch nie vollbracht werden würden.

In Tottenham-Court-Road winkte ich einem Omnibus, auf dessen Dach ich stieg, obgleich ein feiner Regen niederrieselte. Ich habe keine Ahnung, warum ich es tat, denn ich kann dieses ausgesucht unbequeme Verkehrsmittel nicht ausstehen und wußte auch gar nicht, wohin ich wollte. Aber der Omnibus war doch ein Beförderungsmittel, das mich von Tottenham-Court-Road wegbrachte, hinweg von dem hochwürdigen Rupert Mainwaring und hinweg von mir selbst. Oben auf dem Omnibus war ich der einzige Fahrgast. Der Regen rieselte herab, leise, anhaltend, durchdringend – ich mußte laut lachen.

O, ich erkannte die Ironie des Schicksals, die von Anbeginn der Zeiten dazu bestimmt ist, den Pechvogel an jeder Straßenecke in seinem Laufe zu hemmen!

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