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Carlotta. Zweiter Band

William John Locke: Carlotta. Zweiter Band - Kapitel 6
Quellenangabe
authorWilliam J. Locke
titleCarlotta. Zweiter Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1909
translatorPauline Klaiber
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180620
projectid12409bd8
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Sechzehntes Kapitel

28. Oktober.

Heute morgen stand ich spät auf. Als ich zum Frühstück herunterkam, war Carlotta schon in ihre Klavierstunde gegangen.

Ich fuhr dann gleich zu meinem Rechtsanwalt in den Temple, um alles Nötige betreffs einer sofortigen Heirat anzuordnen.

Als ich um ein Uhr zurückkam, trat mir im Flur Stenson entgegen.

»Entschuldigen Sie, Sir Markus, aber Mademoiselle ist noch nicht zurückgekommen.«

Ich verbrachte eine Stunde mit angstvollem Warten. Noch nie war Carlotta so lange ausgeblieben. Um zwei Uhr endlich ging ich zu Herrn Stuer in die Avenue-Road – es ist ein Gang von fünf Minuten.

Sich noch die Lippen wischend, trat er in das Zimmer, wohin ich geführt worden war.

»Ich bedaure, Sie stören zu müssen, Herr Stuer,« sagte ich. »Aber ich möchte Sie bitten, mir Auskunft darüber zu geben, wann Miß Carlotta heute vormittag von Ihnen weggegangen ist.«

»Miß Carlotta ist heute gar nicht hier gewesen,« antwortete er.

»Aber es ist doch ihr Tag?«

»Jawohl, um zehn Uhr; aber sie ist nicht gekommen. Um elf Uhr hatte ich einen andern Schüler. Sie hat noch nie eine Stunde ausfallen lassen.«

Rasch eilte ich nach Hause zurück, voller Hoffnung, daß Carlottas lachendes Gesicht mich dort empfangen und ihr Anblick die fürchterliche Angst, die mir noch immer das Herz zusammenkrampfte, zerstreuen werde.

Keine Carlotta war da!

Den ganzen schrecklichen Tag hindurch – keine Carlotta!

Nie wieder wird eine Carlotta da sein!

Ich fuhr zur Polizeistation.

»Welche Vermutungen haben Sie?« fragte der Inspektor.

Ach, es war mir nur zu klar! Jeder andre, außer mir selbst, würde Carlotta hinter Schloß und Riegel gehalten und eine Wache vors Haus gestellt haben! Jeder andre hätte sie nicht aus den Augen gelassen, bis die Trauung vollzogen gewesen wäre und er Hamdi mitsamt seinen Häschern wieder sicher in Alexandretta gewußt hätte!

»Eine Entführung hat stattgefunden!« rief ich aufgeregt. »Der verschlagenste Schurke von ganz Asien hat sie zwischen Lingfield-Terrace und der Avenue-Road gefangen genommen, in einen geschlossenen Wagen geworfen, geknebelt und Gott weiß wohin entführt! Er ist der Polizeipräfekt von Aleppo, heißt Hamdi Effendi und wohnt hier im Hotel Metropole!«

Der Inspektor verhörte mich, aber Gott mag wissen, was ich antwortete. Ich sah die ganze Szene vor mir – den wartenden Wagen – die menschenleere Straße – mein Herzensliebling, schön wie eine duftige Blume im grauen Morgenschein, kommt fröhlich des Wegs daher – ein plötzlicher Überfall, ein Kampf, und der Wagenschlag wird eilig zugeworfen – das ganze ist das Werk weniger Sekunden. Mir schwindelte bei dieser Vorstellung.

»Sie sagen, er habe gedroht, Ihr Mündel zu entführen?« fragte der Inspektor.

»Ja, und einer meiner Freunde drohte ihm dann, ihn umzubringen. Gott gebe, daß er seine Drohung jetzt wahr macht!«

»Seien Sie vorsichtig, Sir Markus,« sagte der Inspektor lächelnd; »denn wenn jetzt ein Mord verübt wird, sind Sie schon zum voraus der Mitschuld verdächtig.«

Ich gab ihm zu verstehen, wie wenig mich das kümmern würde. Für mich kam jetzt nur eines in Betracht, Carlotta wiederzuerlangen, sie, das Licht und der Inhalt meines Lebens! Der Inspektor fragte nach dem Namen meines Freundes. »Sebastian Pasquale.« – »Und seine Wohnung?« – »Ist ganz in der Nähe, in St. John's-Wood-Road.«

»Das Beste, was Sie tun können, Sir Markus,« sagte der Inspektor, »ist, Herrn Pasquale aufzusuchen und mit ihm nach dem Polizeiamt zu kommen. Zwei Köpfe sind vielleicht besser als einer. Wir werden uns indessen mit dem Hauptamt in Verbindung setzen und die nötigen Erkundigungen in der Umgegend einziehen.«

Ich fuhr nach St. John's-Wood-Road, und erfuhr dort zu meinem Schrecken, Pasquale sei in der vorigen Woche ausgezogen. Alle seine Briefschaften würden in seinem Klub in Piccadilly abgegeben. So fuhr ich denn in den Klub. Ach, wie ist es nur möglich, daß sich die Menschheit seit Jahrtausenden als Hauptbeförderungsmittel mit dem Pferd hat begnügen können! Welche verzweifelten Qualen habe ich hinter dieser vergrößerten Schnecke erduldet! Ich stürzte in den Klub! Herr Pasquale sei heute gar nicht dagewesen, hieß es. Nein, er wohne nicht im Hause, und es sei gegen die Statuten, die Privatadresse eines Mitglieds mitzuteilen.

»Aber es handelt sich um Leben und Tod!« rief ich.

»Wenn ich offen reden soll,« erwiderte der Portier, »so ist Herrn Pasquales einzige ständige Adresse die seines Bankiers. Wir wissen gar nicht, wo er jetzt ist.«

In großer Eile schrieb ich ein paar Worte nieder: »Hamdi hat Carlotta entführt. Ich bin halb verrückt. Wenn Sie mich lieben, helfen Sie mir! O Gott, Freund, warum sind Sie nicht zur Stelle?«

Ich gab dem Portier das Billett, und in langsamem Trab ging es dem Polizeiamt am Scotland-Yard zu. Der Kutscher war empört über die Verwünschungen, die ich ihm wegen seines langsam dahinschleichenden Pferdes an den Kopf warf. Es war ein dreiviertel Vollblut, einer der schnellsten Traber in London.

»Es rennt ja förmlich und läßt alles hinter sich!« rief der Kutscher.

»Ja, weil alles stillsteht, oder sich rückwärts bewegt, oder auf dem Kopf steht,« antwortete ich.

Ich zweifle nicht daran, daß er mich für toll hielt – toll wie ein Dingohund! Ach! Bei der Erinnerung an jene Worte, an den Sommer und den Sonnenschein ging mir ein Stich durchs Herz. Dann murmelte ich vor mich hin: »Errette meine Seele aus der Hölle und meinen Liebling aus der Gewalt dieses Hundes!« Welches Hundes? Nicht aus der des Dingohundes! Heute bin ich wahrhaftig nicht imstande, einen einzigen klaren Gedanken zu fassen!

Endlich hielt ich vor dem Polizeiamt! Ich ging durch mehrere Gänge und befand mich schließlich in einem ganz gewöhnlichen Zimmer, wo vor einem Schreibtisch ein Beamter saß, der mich eine halbe Stunde lang höflich auf die Folter spannte. Ich sollte Carlotta beschreiben – nicht in der bilderreichen Sprache, die allein eine Ahnung ihres Liebreizes hätte hervorrufen können, sondern in den geschäftsmäßigen Ausdrücken eines Polizeiberichts. Was sie angehabt habe? Einen Hut, Jacke, Rock, Schuhe? Natürlich trug sie Handschuhe, vielleicht auch einen Muff. Durch solch selbstverständliche Kleinigkeiten ungeduldig gemacht, beschrieb ich sie genau. Aber die Pracht ihres goldbraunen Haares, ihre großen dunkelbraunen Augen, die beweglichen ausdrucksvollen Lippen, die ganze berückende Mischung von Botticelli und dem Venusberg, der süße Wohllaut ihrer Stimme – alles das langweilte die hohe Polizei. Man fragte nach der Farbe ihrer Hutfedern, nach dem Stoff ihres Kleides, nach ihrer Größe in prosaischen Zentimetern, nach der Nummer ihrer Handschuhe und ihrer Stiefel.

»Aber, woher soll ich denn das wissen?« rief ich verzweiflungsvoll.

»Vielleicht könnte einer Ihrer Dienstboten die nötige Auskunft geben,« antwortete der höfliche Beamte. Wenn es sich um den Verlust eines Regenschirmes gehandelt hätte, hätte er den Fall nicht mit gefühlloserer Gemütsruhe behandeln können!

Ein Wunder geschah! Als ich eben an Stenson schrieb, er solle diese Einzelheiten von Antoinette erfragen und dann sogleich herkommen, trat ein Polizist ein und meldete, mein Diener sei draußen. Mein Herz begann vor Freude lauter zu schlagen. Sicher hatte Stenson meine Spur bis hierher verfolgt, um mir zu sagen, daß Carlotta gerettet sei. Aber der erste Blick, den ich auf sein Gesicht warf, machte dieser überschwenglichen Hoffnung ein Ende. Er war mir hierher gefolgt, das war allerdings richtig, aber nur um zu fragen, ob seine Aussagen nicht etwa von Nutzen sein könnten.

»Ich habe mir eine große Freiheit genommen, Sir Markus,« sagte er, sich entschuldigend. »Und wenn ich zu weit gegangen sein sollte, werde ich natürlich das Zimmer sofort wieder verlassen. Aber bei derartigen Unglücksfällen sind gar viele Kleinigkeiten, die, wie ich aus Erfahrung weiß, nur die Dienerschaft kennt, von größter Wichtigkeit.«

Es kann nicht anders sein, es muß ein Buch geben, das mindestens zehntausend Seiten umfaßt, und »Der vollkommene Kammerdiener« betitelt ist. In diesem Buch sind dann alle möglichen und alle unmöglichen Fälle des häuslichen Lebens behandelt, und Stenson, dieser Prachtkerl, hat alles auswendig gelernt. Er tat seinen ciceronischen Ausspruch mit dem Ernst einer Pappfigur auf dem Puppentheater eines Kindes.

»Können Sie mir den Anzug der jungen Dame beschreiben?« fragte der Beamte.

»Ja, ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, ganz genaue Kenntnis von jeder Einzelheit des Anzugs zu erhalten, in dem Mademoiselle Carlotta diesen Morgen das Haus verlassen hat.«

Ich war von keiner Bedeutung mehr – Stenson war der Mann nach dem Herzen des Inspektors. Ein paar lebhafte Fragen führten zu dem gewünschten Resultat: Eine dunkelrote Toque mit einer grauen Stutzfeder, eine weinrote Zuavenjacke und ein mit schwarzen Litzen garnierter Rock, eine dunkelblaue Bluse, eine einfache goldne Brosche – (das Schmuckstück, das ich ihr schenkte, als sie zum ersten Mal ihre Arme um meinen Hals schlang) – vorn am Halskragen, eine Silberfuchsboa, sowie ditto Muff, Glanzlederstiefel und braune Glacéhandschuhe.

»Besondere Kennzeichen oder Merkmale?«

»Eine kleine Narbe auf der linken Schläfe,« sagte Stenson.

Gott steh' mir bei! Der Mann hat fünf Monate lang Tag für Tag im Bannkreis von Carlottas magischer Schönheit gelebt, und das einzige, was ihm als charakteristisch auffiel, ist die kleine Narbe – (sie war als Kind auf einer Marmortreppe ausgeglitten und gestürzt) – der einzige Schönheitsfehler, wenn etwas so wenig Sichtbares überhaupt ein Fehler genannt werden kann.

»Mademoiselle hat auch ein winziges Muttermal hinter ihrem rechten Ohre,« fuhr Stenson fort.

Immer höher stieg Stenson in den Augen des Inspektors, der ihm seine aufrichtige Ehrerbietung zu teil werden ließ; jedes Wort, das das inspirierte Geschöpf sprach, schrieb die Feder des Inspektors eifrig nieder. Und als der Quell der Inspiration versiegt war, wandte sich Stenson in seiner stets gleichbleibenden, vollkommen respektvollen Art an mich.

»Soll ich jetzt nach Hause gehen, Sir Markus, oder haben Sie mir noch etwas zu befehlen?«

Ich schickte ihn fort, und er verschwand. Der Inspektor lächelte befriedigt. »Jetzt können wir die Sache in die Hand nehmen,« sagte er. »Es ist nur schade, daß Herr« – er sah in seinen Aufzeichnungen nach – »Herr Pasquale im Augenblick nicht erreichbar ist. Er hätte uns von großem Nutzen sein können.«

Er stand auf. »Nun werden wir hoffentlich die Spur der jungen Dame bald haben. Eine so genaue Personalbeschreibung wie diese ist unschätzbar.«

Er reichte mir das von ihm ausgefüllte gedruckte Formular. Trotz meines Jammers hätte ich über die Albernheit dieses Mannes, der sich einbildete, diese phantasiearme, schablonenhafte, auf fünfhunderttausend junge Mädchen in London passende Beschreibung könnte auch nur im geringsten ein Bild von Carlotta geben, beinahe laut hinausgelacht.

»Das ist alles schön und gut,« sagte ich, »aber das erste, was geschehen muß, ist, des türkischen Teufels habhaft zu werden.«

»Sie können sich darauf verlassen, daß sogleich die eingehendsten Nachforschungen angestellt werden.«

»Und was kann ich einstweilen tun?«

»Das Beste, was Sie tun können, Sir Markus, ist, jetzt nach Hause zu gehen und alles uns zu überlassen. Sobald wir die leiseste Spur haben, werden wir Ihnen Mitteilung davon machen.«

Höflich bekomplimentierte er mich damit zur Türe hinaus, und nach wenigen Minuten wandelte ich in dem dämmrigen Herbstnachmittag auf dem Themse-Embankment hin und her, wie eine verlorene Seele an den Ufern des Phlegethon. Es war mir, als hätte ich die Sonne noch nie gesehen und sollte sie auch nie mehr zu sehen bekommen; ohne Zweck trieb ich der Ewigkeit entgegen.

Ich kam an einem Gitter vorbei. Durch den Nebel hindurch konnte ich eine riesige Gestalt wahrnehmen, die mir bekannt vorkam. Es war die Statue von Sir Bartle Frère; ich befand mich also in den Anlagen unter der Terrasse des Nationalliberalen Klubs. Hier an dieser Stelle war ich damals mit Carlotta zusammengetroffen. Aus den tropfenden Bäumen schien mir das Echo der Worte entgegenzutönen, die hier gesprochen worden waren, damals, als die Blätter in hellem Grün leuchteten. »Wollen Sie mir, bitte, sagen, was ich tun soll?« Ich strengte meine Augen an, um die Bank zu sehen, auf der ich damals gesessen hatte, und meine Augen hatten mich zum besten und verwandelten einen Flecken auf dem Ende der Bank in die geisterhafte Gestalt Carlottas. Der Kummer überwältigte mich, und in diesen Kummer mischte sich tiefe Reue, daß ich das liebe Wesen an jenem schönen denkwürdigen Maientag so hart angelassen hatte.

Ich ging um die Ecke bei White-Hall-Place und schaute in die einsamen Anlagen hinein; die Bänke standen leer, die Bäume waren kahl und »die Vöglein schwiegen«. Seufzend wandte ich mich ab und ging auf die andre Seite der Straße.

Jetzt hatte ich das Hotel Metropole erreicht. Die großen Tore standen einladend offen, und von der Straße aus konnte man das hell erleuchtete prächtige Vestibül sehen. Hier also wohnte der Erzteufel, der mir mein Leben geraubt hatte. Wutbebend blieb ich einen Augenblick unter dem Tor stehen; ja, ich muß einige Sekunden lang die Besinnung verloren gehabt haben, denn ich kann mich nicht erinnern, daß ich eingetreten oder die Stufen hinaufgegangen wäre – wurde mir aber plötzlich bewußt, daß ich am Bureau nach Hamdi Effendi fragte. Nein, er sei nicht abgereist, lautete die Antwort, er sei im Gegenteil höchst wahrscheinlich im Hotel. Der Page, der mit meiner Karte abgeschickt wurde, um ihn zu suchen, rief eine Nummer. Wie unangenehm sind mir doch diese großen Karawansereien, in denen man wie in einem Gefängnis nur eine Nummer ist. Wollte der Himmel, hier wäre wirklich ein Gefängnis, und dies wäre Hamdi Effendis Nummer darin gewesen.

Plötzlich richtete sich ein hagerer junger Mann aus seinem Stuhl auf, und mir die Hand reichend, begrüßte er mich mit großer Herzlichkeit. Verständnislos starrte ich ihn an. Er sagte, wir hätten uns in Etretat kennen gelernt. Jetzt endlich tauchte aus den Tiefen eines früheren Daseins seine Gestalt auf, und ich erinnerte mich seiner dunkel als eines jungen amerikanischen Blumenarrangeurs, der mir stets lange Reden über die ewigen Gesetze des Vorwärtskommens gehalten hatte. Ich reichte ihm die Hand und sprach die Hoffnung aus, daß es ihm gut gehe.

»O ja, es geht flott, flotter als je. Ich fühle mich nie wohler, als wenn ich bis über die Ohren im Geschäft stecke. Ihr hier in diesem lieben alten schläfrigen Land habt niemals Eile. Hier genehmigen sich die Leute noch ein Gabelfrühstück; das ganze Frühstück, zu dem man in New York Zeit hat, besteht aus einem Plasmonzeltchen, das man im Straßenbahnwagen rasch verschluckt.«

Er fuhr fort, mir mit gellender Stimme hochtrabende Gemeinplätze in die Ohren zu schreien, auf die ich nur ab und zu ein paar gleichgültige Worte erwiderte. Jedem andern menschlichen Wesen wäre der verzweiflungsvolle Zustand, in dem ich mich befand, sicher aufgefallen; nur allein dieser junge, fahrige, an nichts weiter als an den Dollar denkende Dekorateur aus New York merkte nichts.

»Raten Sie mal, wie oft ich, seit wir in Etretat zusammen gewesen sind, über den großen Bach gefahren bin? Viermal!«

O du geduldiges Meer!

»Und wie steht es bei Ihnen? Geht es immer noch piano, piano mit den Büchern und auch sonst?«

»Ja, mit den Büchern und auch sonst,« erwiderte ich.

Jetzt kehrte der Diener zurück und meldete Hamdis sofortiges Erscheinen.

»Und wie geht es der reizenden jungen Dame, Ihrem Mündel, Fräulein Carlotta?« fuhr mein Quälgeist fort.

»Jawohl,« antwortete ich eilig, »eine reizende junge Dame. Sie brachten ihr manchmal Bonbons. Ist es Ihnen auch schon aufgefallen, daß die Vorliebe für Süßigkeiten einen Einfluß auf den Charakter ausübt? Auch die Zähne leiden darunter. Deshalb haben alle Amerikanerinnen schlechte Vorderzähne.«

Ich muß mit der Schlauheit des Fuchses begabt sein, der, wie man sagt, seine Verfolger von der Fährte ablenkt, indem er einen Haken schlägt. Die Gelehrten nennen diesen Kunstgriff, aufs Rhetorische angewendet, eine ignoratio elenchi. Der Patriotismus meines jungen Freundes wurde dadurch zu einer feurigen Verteidigung der Schönheit seiner Landsmänninnen aufgestachelt. Ich sah mich indessen in dem prächtig ausgestatteten Vestibül um und überlegte, aus welcher von den vielen Türen ringsum der Gegenstand meines Hasses wohl heraustreten würde, hörte also nur mit halbem Ohr dem Redefluß des jungen Amerikaners zu.

»Ich glaube, Sie erwarten jemand?« bemerkte er mit durchdringendem Scharfblick.

»Nur einen langweiligen Bekannten,« sagte ich. »Es tut mir leid, daß sein Kommen unsre interessante Unterhaltung beenden wird.«

Jetzt öffnete sich die Tür des Lifts, und wie der Teufel aus der Versenkung erschien Hamdi.

Er sah meine Karte an, sah mich an und verbeugte sich höflich.

»Ich wußte nicht, mit wem ich die Ehre haben würde,« sagte er in einem schauderhaften Französisch. »Womit kann ich Sir Markus Ordeyne dienen?«

»Was haben Sie mit Carlotta gemacht?« fragte ich, indem ich ihn fest und durchdringend ansah.

Sein ordinäres, pockennarbiges Gesicht nahm einen harmlos fragenden Ausdruck an.

»Carlotta?«

»Jawohl, Carlotta,« sagte ich. »Wohin haben Sie sie gebracht?«

»Sprechen Sie deutlicher, Monsieur,« erwiderte Hamdi. »Verstehe ich recht, so ist Lady Ordeyne verschwunden?«

»Sagen Sie mir, was Sie mit ihr angefangen haben?«

Seine schlauen Züge wurden jetzt satanisch, und seine große fleischige Nase bewegte sich wie der Gesichtsvorsprung von einem der Teufel des Orcagna.

»Was ich mit ihr angefangen habe, Monsieur?« sagte er mit einem scheußlichen Grinsen. (O, die Worte fehlen mir, um die ganze Häßlichkeit dieses Gesichts zu beschreiben!) »Gesetzt den Fall, ich hätte Mylady wirklich entführt, so wären Sie doch gewiß der letzte, dem ich ihren Aufenthaltsort verraten würde. Sie sind sehr naiv, Monsieur. Ich habe mir immer sagen lassen, daß England das Land der arkadischen Unschuld sei – so grundverschieden von meinem eigenen verruchten, gottlosen Vaterland – und jetzt –« er zuckte nachsichtig die Schultern – » j'en suis convaincu

»Höhnen Sie nur, Hamdi Effendi!« rief ich kochend vor Zorn. »Aber die englische Polizei werden Sie gewiß nicht arkadisch finden!«

»Ach, Sie waren also auf der Polizei?« sagte der aalglatte Schurke. »Sie waren in Scotland – Scotland-Place – Scotland – n'importe. Von dort wird die Sache untersucht? Besten Dank für die freundliche Warnung.«

»Warnung!« schrie ich wutschnaubend.

»Ach so, es soll keine Warnung sein?« sagte er, seine lymphatische Hand aufhebend. »Dann, Monsieur, haben Sie wahrscheinlich eine Unvorsichtigkeit begangen, die Ihnen Ihre Freunde von Scotland-Place kaum verzeihen werden. Einen guten Polizeibeamten gäben Sie nicht, Monsieur – ich bin nämlich selbst Polizeibeamter und muß es darum wissen.«

Ich trat einen Schritt auf ihn zu, doch wich er vor mir zurück, indem er rasch einen Blick auf die einladend offenstehende Türe des Aufzugs warf.

»Hamdi Effendi!« rief ich. »Beim lebendigen Gott, wenn Sie mir meine Frau nicht zurückgeben –«

Das Wort erstarb mir auf der Zunge. Schnell wie der Blitz war Hamdi in den Aufzug getreten, hatte dem Diener einen Wink gegeben, die Tür war zugefallen – und da stand ich und konnte nur noch gegen Hamdis nach oben verschwindende Stiefel die Fäuste ballen.

In Italien habe ich einmal eine Katze mit einer halb betäubten Fledermaus spielen sehen, die von der Katze erhascht worden war, weil sie matt am Boden hingeflattert war. Die Katze kauerte nieder, tätschelte ihre Beute, ließ sie ein wenig los, tätschelte sie wieder und setzte sich auf, um sich zum Sprung bereit zu machen. Da flog die Fledermaus plötzlich pfeilschnell in die Luft.

Wie jene Katze der Fledermaus nachgeschaut hatte, mit ganz demselben Ausdruck verblüfften Erstaunens sah ich jetzt dem Aufzug nach. Es war unbeschreiblich lächerlich und verlieh meiner Tragödie einen possenhaften Zug. Plötzlich ertönte ein schallendes Gelächter, und als ich mich umsah, erblickte ich den in einen tiefen Lehnstuhl gesunkenen Amerikaner. Als eine Zielscheibe des Spottes entfloh ich aus dem Vestibül des Hotels.

Nun bin ich wieder zu Hause. Ich sitze an meinem Schreibtisch, gehe ruhelos im Zimmer hin und her, trete hinaus auf den Balkon in die scharfe Luft und schaue auf die dunkle, einsame Straße hinunter. Ob denn nicht endlich eine Nachricht kommt! Verflucht sei meine Torheit, die mich das Hotel Metropole betreten ließ! Der verwünschte Türke hatte mich in seiner Hand, er verhöhnte mich nach Herzenslust und – Carlotta ist in seiner Gewalt! Wenn ich an ihre Angst denke, dann zittere ich an Leib und Seele. In ein Zimmer eingeschlossen, ist sie irgendwo in dieser Riesenstadt. Mein Gott! Wo kann sie sein?

Die Polizei muß sie finden. London ist nicht das mittelalterliche Italien, wo Frauen, den Gesetzen und der Regierung zum Trotz, auf offener Straße geknebelt und in unzugängliche Felsennester gebracht werden konnten. Immer und immer wieder sage ich mir vor, daß Carlotta zurückkommen müsse, daß das besonnene Arbeiten der englischen Polizei sie wieder in meine Arme führen werde, daß meine Todesangst höchstens zwei bis drei Tage dauern könne, daß die heute morgen angekommene und jetzt vor mir liegende Heiratserlaubnis nicht, wie es jetzt den Anschein hat, nur ein ironisches Dokument sein wird, und daß wir in höchstens acht Tagen lächelnd auf diesen unheilvollen Tag zurück- und mit freudigen Herzen vorwärts in die Zukunft schauen werden.

Aber jetzt, am späten Abend, fühle ich mich sehr einsam. »Einsamkeit,« sagt Epiktet, »ist ein gewisser Zustand eines hilflosen Menschen.« Ja, ich bin hilflos; meine ganze Hilfe liegt in der Weisheit dieser Bücher; aber die ganze Weisheit von allen diesen unzähligen Büchern, die alle Wände meines Zimmers von oben bis unten bedecken, kann mir nicht den allerkleinsten praktischen Beistand gewähren. Ach, wenn doch nur Pasquale, der Mann der Tat, des schnellen Verständnisses, hier wäre! So bleibt mir nichts übrig, als meine Hoffnung auf die erprobte Arbeit der phantasiearmen Maschine zu setzen, die Carlottas Spur mit Hilfe der Narbe auf ihrer Schläfe und dem kleinen Muttermal hinter ihrem Ohre finden will.

Und einstweilen fühle ich mich sehr einsam. Der einzige Mensch, an den ich mich wenden möchte, Mrs. Mc Murray, ist noch immer in Bude. Soviel ich weiß, erwartet sie in der allernächsten Zeit ein Kleines und will über ihr Wochenbett in Cornwall bleiben. Ihren Mann aber möchte ich nicht aufsuchen, selbst wenn er nicht so tief in seiner nächtlichen Arbeit auf seinem Zeitungsbureau steckte. Er ist mir zu gewaltig. Judit – zu ihr kann ich nicht mehr gehen. Und obgleich sich Antoinette, das arme Ding, heute fast die Augen ausgeweint, und Stenson durch sein ganzes Betragen respektvolle Teilnahme bewiesen hat, kann ich mir doch nicht bei meiner Dienerschaft Rats erholen. Aber ich habe die einäugige Katze in die Arme genommen und mein Gesicht in ihren Pelz gedrückt, auf dieselbe Stelle, worauf Carlotta damals ihr Gesichtchen gepreßt hat. »So möchte ich geküßt werden!« O mein Liebling, mein Liebling, wärest du jetzt hier, ich würde dich so küssen!

Ich stieg die Treppe hinauf und ging in ihrem Zimmer umher, das Antoinette heute abend wie gewöhnlich für sie zurechtgemacht hat. Die Bettdecke ist zurückgeschlagen, ihr Nachthemd, ein Ding so fein wie ein Spinnweb und mit kirschroten Schleifen geschmückt, liegt ausgebreitet auf dem Bett. Am Fußende stehen die bekannten roten Pantoffeln mit den hohen Absätzen, und über einem Stuhl hängt das Morgenkleid. Sogar die messingene Heißwasserkanne steht im Waschbecken – und das Wasser ist noch heiß. Daß die törichte Frau im Stockwerk über mir zudem hell wach ist und auf ihren Liebling wartet, dessen bin ich ganz sicher. Ich küßte das Kissen, auf dem Carlottas Kopf die letzte Nacht geruht hatte, und aus dem mir noch ihr Duft entgegenströmte. Dann ging ich mit einem unterdrückten Schluchzen wieder hinunter in mein eigenes Zimmer Es ist zu beachten, daß ich erst nachträglich in Verona die früher gemachten Notizen meines Tagebuchs weiter ausführe. M. O.. Wieder sitze ich hier an meinem Schreibtisch, und damit mich die Ungewißheit nicht wahnsinnig mache, trage ich die Ereignisse kurz in mein Tagebuch ein. In glatten, dürren Worten ausgedrückt, scheinen sie fast unglaublich.

Plötzlich ertönte ein scharfes, nervenerschütterndes gellendes Läuten an der Hausglocke.

Ich fliege die Treppe hinunter – Nachricht von Carlotta! Carlotta selbst wird mir zurückgebracht! Das Herz klopfte mir zum Zerspringen vor lauter Freude. Ich war fest überzeugt, sobald ich die Tür aufmachte, würde sich Carlotta lachend, weinend, schluchzend in meine Arme stürzen.

Ich öffnete die Tür. Ach, nur ein Polizeibeamter in Zivil steht draußen.

»Sir Markus Ordeyne?«

»Ja.«

»Wir haben richtig die Spur der jungen Dame gefunden. Sie hat London mit dem Kontinentalexpreßzug um zwei Uhr zwanzig Minuten von der Viktoriastation aus verlassen und zwar in Begleitung von Mr. Sebastian Pasquale.«

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