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Carlotta. Zweiter Band

William John Locke: Carlotta. Zweiter Band - Kapitel 4
Quellenangabe
authorWilliam J. Locke
titleCarlotta. Zweiter Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1909
translatorPauline Klaiber
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180620
projectid12409bd8
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Vierzehntes Kapitel

26. Oktober.

Ich habe es ja geahnt, daß Unheil drohte. Ohne Grund reitet Messer Diavolo nicht mit lautem Geschrei an den Fenstern der Leute vorbei, die er quälen will. Und Photographieen einen lebendigen Spottgeist einflößen, das tut er auch nicht für nichts und wieder nichts.

Wir speisten im Trocadero. Carlotta hat ihre Freude an der Musik und an dem babylonischen Durcheinander, an den betäubenden Düften, an dem Lärm und Tumult und an dem strahlenden Lichterglanz ringsumher; sonst hätte ich ein ruhigeres Hotel gewählt, wo die Kellner lautlos hin- und hergehen und die Wände in ruhigem Schatten liegen, wo nichts als die gedämpfte Unterhaltung der anwesenden Freunde das Gemüt vom Genuß der Tafelfreuden abzieht. Aber in diesen mit überladenem Luxus ausgestatteten Palästen ist das betäubte Gehirn nicht mehr fähig, Eindrücke durch die Geschmacksnerven aufzunehmen, und man ißt gedankenlos wie ein Hund. Aber das kümmert Carlotta nicht. Mit neunzehn Jahren ging es mir vielleicht ebenso, und auch heute machte es mir nichts aus, denn mein Gemüt war von anderen Gedanken in Anspruch genommen; und hätte ich auch mit Lucullus selbst gespeist, die Gerichte wären mir fade vorgekommen.

Wenn der Psalmist ausruft: »Was ist der Mensch, daß du sein gedenkest!« Dachte er dabei auch an die Frau? Oder überließ er sie unbedingt Charles Darwin und seiner Theorie der geschlechtlichen Zuchtwahl? Oder hielt er sie in der guten alten orientalischen Weise für zu unwichtig in den Augen der Gottheit? War das letztere der Fall, so zeigte sich der Prophet als sehr kurzsichtig, und der Urquell der menschlichen Tränen blieb ihm verborgen.

So oft ich Judit ansah, tat mir das Herz weh. Seit langer Zeit hatte sie nicht so jung, so frisch und ätherisch schön ausgesehen. Sie trug ein kornblumenblaues Kleid, das ihren blauen Augen einen noch dunkleren Schimmer verlieh. In ihrem üppigen flachsblonden Haar saß ein blauer Falter – ihre ganze Erscheinung war gleichsam ein harmonischer blauer Akkord. Mit kunstfertiger Hand hatte sie ihren Wangen einen zarten rosa Hauch verliehen. Das Kleid selbst schien wie aus Mondschein gewoben – ich glaube, der Stoff wird Chiffon genannt – und es wogte ihr um Brust und Arme wie die Wellen eines Märchensees. Ja, wie eine unirdische Undine sah sie aus, ein Wesen aus Meeresschaum und Wasserlilien; ein Hauch aus einer andern Welt schien auf ihrem Gesicht zu liegen, und der verlieh ihr eine wunderbare Schönheit. Ich weiß gar wenig von den Frauen, eigentlich nichts als was diese letzten traurigen Monate mich gelehrt haben; aber das weiß ich: unter diesem zarten Liebreiz sind Stunden angstvoller Gedanken und verzweifelnder Hoffnungen versteckt. Selbst der raffinierteste weibliche Scharfsinn hätte keinen größeren Gegensatz zwischen dem Äußeren dieser Frau und dem ihrer Rivalin hervorbringen können, und mit unendlicher Feinheit hat Judit es verstanden, diesen Gegensatz durch das Ahnenlassen ihrer seltenen geistigen Eigenschaften in höchstem Maße hervorzuheben. Ich weiß, daß es so war, denn ich weiß, es bedeutete eine Herausforderung, einen hingeworfenen Fehdehandschuh, das Anrufen eines Gottesurteils – und das tat mir bitter weh. Es war mir zu Mut wie Dathan und Abiram, die die Hand an das Allerheiligste gelegt hatten (denn bei Gott! die Seele einer Frau ist etwas Heiliges) und ich wünschte in jenem Augenblick, daß die Erde sich auftue und mich verschlinge.

Wir hatten uns an einem Tisch in der Mitte des großen Saals niedergelassen, wie irgend eine beliebige Gesellschaft von vier Personen, und unterhielten uns zuerst über gleichgültige Dinge. Ein ruhiges Eckchen fern von der Musik ist nicht nach Carlottas Geschmack.

Zur Zeit der Schreckensherrschaft begannen die großen Diners in der Conciergerie immer mit einer Unterhaltung über die neuesten Mittel gegen Migräne oder über den modernsten Schnitt eines »Paniers«. Nachdem sich Pasquale eine Weile mit Judit über das Reisen unterhalten hatte, wandte er sich plötzlich an mich und fragte: »In welchem Jahre kehrte ich doch von Abessynien zurück, Ordeyne?«

»Das habe ich vergessen. Ich weiß nur noch, daß Sie mir das häßliche Ding mitbrachten, das in meinem Vorplatz hängt, und das Sie einen › dulcimer‹ nannten.«

» Gage d'amour,« sagte Judit lächelnd.

Pasquale lachte und drehte seinen stolzen Schnurrbart.

»Ich erhielt es von einer süßen Maid und nannte es deshalb einen › dulcimer‹; aber sie sang nicht vom ›Berg Abora‹ dazu. Wenn ich mich nur an die Jahreszahl erinnern könnte!«

»War es nicht anno 1894?« sagte Judit ruhig.

Pasquale, der bis vor einer halben Stunde keine Ahnung von Judits Dasein gehabt hatte, konnte ein diskretes Erstaunen nicht unterdrücken.

»Ich glaube, Sie haben recht. Ja, es stimmt wirklich. Aber wie konnten Sie das wissen?«

»Durch Sir Markus' Güte,« erwiderte Judit freundlich, »sind Sie mir ein alter Bekannter. Jetzt gleich aus dem Stegreif könnte ich Ihnen mit Leichtigkeit eine nette kleine Liste von allen Ihren Abenteuern – nein, ich will nicht behaupten, von allen – aber mit den ganz genauen Daten aufsetzen. Für solche Sachen habe ich nämlich ein sehr gutes Gedächtnis.«

»Ja,« rief ich, um der Unterhaltung eine andre Wendung zu geben, »erzählen Sie Mrs. Mainwaring nichts, was der Vergessenheit anheimfallen soll. Tatsachen sind ihre Leidenschaft. Sie schreibt wundervolle Artikel, in denen es so von Zahlen wimmelt, daß sich einem alles im Kopf herumdreht; und diese Artikel läßt sie dann in den gelesensten Zeitschriften unter dem Namen des Statistikers Willoughby drucken. Erlauben Sie mir, Pasquale, Sie einem statistischen Gespenst vorzustellen.«

Aber Pasquales schlaues italienisches Gehirn schenkte mir nur eine halbe Aufmerksamkeit. Mir standen die Schlüsse, die er aus Judits Bemerkungen zog, klar vor der Seele, und ebenso klar erkannte ich auch, was Judit ihm hatte andeuten wollen. An diesem Abend scheine ich wirklich mit einem sechsten Sinn begabt gewesen zu sein.

»Ordeyne,« sagte Pasquale, »Sie sind ein Heimtücker, der Urgroßvater aller Heimtücker –«

»Hu!« rief Carlotta, die diesen Teil unserer Unterhaltung wieder verstand.

»Warum haben Sie mich denn Mrs. Mainwaring nicht im Jahr 1894 vorgestellt? Da habe ich mir nun seit zwanzig Jahren eingebildet, ich sei mit diesem Manne in innigster Freundschaft verbunden, und doch hat er während dieser ganzen Zeit Sie mir gegenüber auch nicht ein einziges Mal erwähnt.«

»Siir Markuus sagt, Pasquale sei ein Schlingel,« bemerkte Carlotta mit schlauer Miene, nachdem sie einen Schluck Orangenwasser genommen, welch scheußliches Getränk sie mit Vorliebe zu ihren Mahlzeiten trinkt.

Pasquale warf seinen schönen Kopf zurück und lachte, wie nur ein so privilegierter Libertin, wie er einer ist, lachen kann, und Judit lächelte dazu.

»Kindermund und so weiter,« sagte ich entschuldigend.

»In allem Ernst,« wandte sich Pasquale jetzt an Judit, »ich hatte keine Ahnung, daß Ordeyne mit irgend jemand so eng befreundet sei.«

Mit einer graziösen Bewegung ihrer Schultern wandte sich Judit zu mir.

»Wir waren aber doch sehr gute Freunde, nicht wahr, Markus?«

»O ja–a,« fiel Carlotta ein. »Mrs. Mainwaring hat das Bild von Siir Markuus in ihrem Schlafzimmer, und in unserm Wohnzimmer steht ein Bild von Mrs. Mainwaring. Haben Sie es nicht gesehen? O doch! Sie haben es nur nicht erkannt, Pasquale. Mrs. Mainwaring ist heute abend so sehr hübsch, viel hübscher als auf der Photographie. Ja, Sie sind sehr hübsch! Anstatt Ihrem Bild möchte ich Sie gleich selbst auf den Kaminsims stellen.«

»Darf ich mich Carlottas Ausspruch anschließen, liebe Judit,« sagte ich in der Absicht, die Taktlosigkeit der Kleinen zu beschönigen, denn ich sah, daß in Pasquales Augen ein vielsagender Blitz aufleuchtete. Judits Wangen färbten sich plötzlich mit natürlichem Rot; sie hatte offenbar den Wunsch gehabt, ein altes Recht auf mein freundschaftliches Verhältnis zu ihr geltend zu machen; daß es aber mit solchen intimen Einzelheiten, wie zum Beispiel mit dem Aufstellen meines Bildes, begründet wurde, war nicht nach ihrem Geschmack.

»Ich bin Ihnen beiden unendlich verbunden!« erwiderte Judit in der feinen Liebenswürdigkeit, womit sie Komplimente entgegenzunehmen pflegt. »Aber,« fuhr sie, sich zu Pasquale wendend, fort, »wir sind von Abessynien sehr weit abgekommen.«

»Und dafür auf Sir Markus' Kaminsims! Wie wär's, wenn wir da blieben?«

»Da stehen Sie und ich und Mrs. Mainwaring,« sagte die alles buchstäblich nehmende Carlotta. »Mein Bild steht in der Mitte und ist das größte; es wurde sehr groß gemacht – so groß,« fügte sie hinzu, indem sie ihre Arme übertrieben weit ausstreckte. »Ich hatte dieses Kleid an.«

»Mr. Pasquale und ich müssen jetzt auch größere Rahmen bekommen, Markus, sonst werden wir eifersüchtig,« sagte Judit. »Wir beide müssen uns zusammentun.«

»Ja, wir wollen ein Schutzbündnis miteinander schließen!« rief Pasquale lachend.

»Meinetwegen auch ein Trutzbündnis, wenn Sie wollen,« erwiderte Judit.

Es mag von dem Lichtergefunkel hergekommen sein, aber ich möchte darauf schwören, ich habe die beiden rasche Blicke miteinander wechseln sehen.

Pasquale wandte sich alsdann sofort mit einem Scherz an Carlotta, und Judit fing mit mir eine Unterhaltung über unsern früheren Aufenthalt in Rom an. Aber als wir eben im besten Zug waren, lehnte sie sich plötzlich vor, und mit einer fast unmerklichen Bewegung des Kopfes deutete sie auf die beiden andern.

»Meinen Sie nicht, die beiden würden ein schönes Paar abgeben?« sagte sie leise. »Beide jung und zum Malen hübsch; es würde manche Schwierigkeit lösen.«

Ich sah mich um: Carlotta, den Ellbogen auf dem Tisch, das Kinn in der Hand, schaute Pasquale tief in die Augen, genau so, wie sie in meine geschaut hatte. Ihre Lippen waren in jener halb kindlichen, halb sinnlichen Weise verzogen, die unwiderstehlich zum Küssen reizt.

»Tun Sie es, und ich liebe Sie,« hörte ich sie sagen.

O, dieses Vogelgezwitscher, diese schmelzenden Augen, diese Lippen! Und o, die verrückte fürchterliche Leidenschaft, die mir Herz und Verstand verzehrt und mich so entnervt, daß ich mir wie ein von der Liebsten verschmähter Schneider aus dem vorigen Jahrhundert vorkomme. Ich weiß wirklich nicht, was schlimmer war – der Eifersuchtsanfall oder der darauf folgende Anfall von Selbstverachtung. In diesem Augenblick sprang plötzlich mit lautem, schrillem Ton eine Saite, und die Musik verstummte jäh. Dieser Augenblick schien auf uns alle, mit Ausnahme von Carlotta, die sich herrlich unterhielt, einen magnetischen Einfluß auszuüben; unsre drei Persönlichkeiten schienen auf einmal wie in Schwingung versetzt zu sein und heftig gegeneinander zu stoßen. Ich war mir bewußt, daß Judit mich durchschaute, daß Pasquale Judit durchschaute, und daß zwischen diesen beiden eine Art Seelendraht funktionierte. Der Kellner bot mir Rebhühner an; da wandte Pasquale sich rasch von Carlotta ab und seiner Nachbarin zur Linken zu.

»Meinen Sie nicht, wir sollten auf Fausts Gesundheit trinken?«

Überrascht fuhr ich zusammen. Hatte ich denn nicht selbst den Vergleich gezogen?

»Auf Faust?« fragte Judit verständnislos.

»Ja, auf unsern Freund Faust, der mir gegenübersitzt,« sagte Pasquale, indem er seinen Champagnerkelch erhob. »Hat er sich denn nicht aus einem mageren ältlichen Bücherwurm in einen jungen lustigen Elegant verwandelt? Früher konnte man ihn kaum zu einem höchst soliden Diner aus seiner Zelle herauslocken, und jetzt – hat er Ihnen schon von seinen Ausschweifungen im letzten Monat erzählt, Mrs. Mainwaring?«

Judit lächelte. »Waren Sie der Mephistopheles dabei?«

»Was ist Mephistopheles?« fragte Carlotta.

»Der Teufel ist es,« erwiderte Pasquale, »der Sir Markus wieder jung machte.«

»O, das bin ich,« rief Carlotta, in die Hände klatschend. »Er liest nicht mehr in seinen großen Büchern. O, ich habe mich so gefürchtet, als ich zuerst kam.« (Ich muß gestehen, sie hat ihre Angst recht gut zu verbergen gewußt.) »Er war so weise und las und schrieb immerfort; ich hielt ihn für fünfzig Jahre alt. Aber jetzt ist er gar nicht mehr weise, und vor zwei oder drei Tagen hat er gesagt, ich hätte ihn wieder zu einem fünfundzwanzigjährigen Manne gemacht.«

»Wenn Sie in dem Tempo weitermachen, wie Sie angefangen haben,« bemerkte Judit in ihrem liebenswürdigsten Ton, »dann wird er im nächsten Jahr bis zu den Tragkleidern und der Milchflasche heruntergekommen sein.«

Carlotta hielt diese Bemerkung für einen guten Witz und brach in ein fröhliches Lachen aus. Aus Höflichkeit lachte auch ich über Judits bittern Sarkasmus und versuchte, das Gespräch in andre Bahnen zu lenken; aber Pasquale ließ sich nicht um seinen Toast bringen.

»Dieses Glas unserm lieben Freund Faust! Möge er mit jedem Tag jünger und immer jünger werden!«

Wir stießen miteinander an; Judit aber seufzte, als sie ihr Glas hinstellte.

»Das ist auch wieder einer der vielen Vorteile, die ein Mann vor der Frau voraushat. Wenn er seine Seele dem Teufel verkauft, kann er bares Geld dafür verlangen. Eine Frau dagegen wird mit Wechseln abgespeist, die bei Verfall nicht eingelöst werden.«

Ich widersprach dieser Behauptung. Die Ironie dieses so peinlichen Festmahls lag in der gezwungenen Fröhlichkeit, die wir, um den Schein zu wahren, aufrecht erhalten zu müssen meinten. Die gesellschaftlichen Formen sind etwas Erbärmliches!

»Haben Sie jemals gehört, daß irgend eine Frau bei einem solchen Handel ihre Jugend wieder erlangt hätte?« fragte Judit mit einer gewissen Heftigkeit.

»Wie die Frauen es stets versuchen, den Droschkenkutschern etwas abzuzwacken, so versuchen sie es auch, den Teufel nicht voll zu bezahlen; aber der ist ihnen überlegen.«

»Ach, ich fürchte, die guten alten Zeiten, wo ein schlauer Handel noch etwas eintrug, sind vorüber,« sagte Pasquale. »Der Seelenmarkt ist überfüllt, und für die armen Seelen wird nicht mehr bezahlt als für alte Knochen.«

»Er redet so dummes Zeug; ich verstehe ihn gar nicht,« klagte Carlotta und legte ihre Hand auf meinen Arm.

»Man nennt das unechten Cynismus,« sagte ich, »und wir sollten uns eigentlich alle miteinander schämen.«

»Wovon sprechen Sie am liebsten?« fragte Judit sanft.

»Von mir selbst – das tut doch jedermann,« antwortete Carlotta.

Diese Bemerkung brachte uns zum Lachen, und eine Zeitlang unterließen wir alle Sticheleien. Aber später, beim Kaffee, als die Musik einen amerikanischen Marsch herunterlärmte, und Carlotta und Pasquale sich über irgend etwas neckten, rückte Judit näher zu mir her.

»Sie haben meine Frage, die sich auf die beiden dort bezog, noch nicht beantwortet, Markus!«

Meine Finger zitterten, als ich mir eine frische Zigarette anzündete.

»Er ist nicht der Mann, dem man das Schicksal eines Mädchens anvertrauen könnte.«

»Und ist sie das Mädchen, auf das ein Mann das Glück seines Lebens bauen könnte?«

»Das weiß nur Gott,« sagte ich grimmig.

Nein, es war keine vergnügte Gesellschaft! Wie sehnte ich mich danach, der Abend möchte zu Ende und Carlotta wieder glücklich bei mir daheim sein! Eine sonderbare Angst vor dem Empiretheater hatte sich meiner bemächtigt. Als wir ankamen, war das erste Ballett schon fast zu Ende. Sobald wir Platz genommen hatten, stützte Carlotta beide Ellbogen auf die Logenbrüstung und wendete ihre ganze Aufmerksamkeit der Bühne zu. Pasquale unterhielt sich mit Judit, und da ich ein paar Augenblicke allein sein wollte, verließ ich die Loge und ging nachdenklich im Wandelgang des ersten Rangs auf und ab. Die Zuschauer beugten sich entweder vor und folgten der Aufführung, oder sie saßen mit vollen Gläsern an den kleinen Marmortischen im Hintergrund. Das bunte, vergoldete, mit Tabaksrauch und Menschen angefüllte Theater kam mir plötzlich ganz unwirklich und die Bühne nur wie ein Luftgebilde vor. Ich fragte mich, warum ich, ein Geschöpf der wirklichen Welt, mich hier befände, und ich fühlte einen wahnsinnigen Drang, allem hier zu entfliehen, hinaus auf die Straßen zu laufen und fortzuwandern, immer weiter und weiter, weg von dieser Welt. In diese närrischen Gedanken versunken ging ich im Wandelgang hin und her, als ich plötzlich mit einem andern Spaziergänger zusammenstieß, und dieser Zusammenprall brachte mich wieder zu mir selbst. Der andere war ein ältlicher, dicker Orientale mit einem roten Fez auf dem Kopf. Er hatte eine lange Nase, kleine listige Augen und das ganze Gesicht voller Pockennarben. Ich erging mich in Entschuldigungen, die er wohlwollend aufnahm. Jetzt kam es mir auch endlich zum Bewußtsein, wie unhöflich und äußerst sonderbar mein Benehmen gegen meine Gäste war; ich ging daher rasch in die Loge zurück und schob meinen Stuhl an Judits Seite.

»Sie haben uns einen entzückenden Abend bereitet,« sagte sie lächelnd.

»Wer ist entzückend? Pasquale?« fragte ich, gedankenlos scherzend.

»Sie sind grausam,« flüsterte Judit, und ich sah, daß ihre Augenlider nervös zuckten.

Ich fühlte, wie mir das Blut in die Wangen stieg, weil ich mir die Bedeutung meiner Worte nicht besser überlegt hatte. »Verzeihen Sie mir!« war alles, was ich herausbrachte, worüber Judit lachte, aber ohne Heiterkeit. Ich versank in Schweigen. Auf der Bühne folgte eine Nummer der andern. So oft der Vorhang herabgelassen wurde, lehnte sich Carlotta mit einem beseligten Seufzer zurück und nickte mir strahlend zu.

»Erinnerst du dich,« sagte sie zu mir, als der Vorhang wieder einmal fiel, »wie du zum ersten Mal mit mir hierher gingst und ich sagte, ich möchte immer hier bleiben? War ich aber damals dumm!«

Sie wandte sich wieder der Bühne zu; doch plötzlich sprang sie auf und taumelte in den Hintergrund der Loge zurück, indem sie zugleich mit dem Ausdruck höchsten Entsetzens hinausdeutete.

»Hamdi – er ist dort unten – er hat mich gesehen!«

Ich eilte zu ihr hin und legte meinen Arm um sie.

»Was fällt dir ein, liebes Kind!« sagte ich.

Aber Pasquale, der sich im Theater umgesehen hatte, rief: »Alle Wetter, sie hat recht! Ich würde den alten Halunken noch nach tausend Jahren im Tartarus wiedererkennen. Dort ist er.«

Ich trat vor und schaute hinab. Die erste Person, auf die mein Auge im Parkett fiel, war mein dicker, gemütlicher Orientale, der unsre Loge mit unbeweglichem Gesicht betrachtete.

»Das ist Hamdi Effendi, zweifellos,« sagte Pasquale.

Als ich wieder zu Carlotta trat, ergriff sie meinen Arm leidenschaftlich.

»O, führe mich fort, Siir Markuus, führe mich fort!« jammerte sie kläglich. Mein armes Kind war totenblaß und zitterte vor Angst. Wieder legte ich meinen Arm um sie.

»Es kann dir nichts geschehen, Liebste,« sagte ich beruhigend.

»O, Siir Markuus lieber, bring mich nach Hause,« rief Carlotta.

»Gut!« sagte ich und half ihr den Mantel anziehen. Dann entschuldigte ich mich bei den beiden andern und bat sie, doch ruhig dazubleiben.

»Nein, wir gehen alle zusammen,« sagte Judit gefaßt.

»Und bilden eine Leibwache!« rief Pasquale lachend.

Carlotta hing sich fest an meinen Arm, als wir die Loge verließen; und nun eilten wir durch den Wandelgang und die Treppe hinunter.

Aber im Vestibül schnitt uns Hamdi Effendi, der unsre Absicht wohl erraten hatte, den Rückzug ab. Carlotta drückte sich noch dichter an mich heran.

»Entschuldigen Sie, Monsieur, aber ich möchte Sie bitten, mir einige Minuten zu gewähren, damit ich betreffs dieser jungen Dame ein paar Worte mit Ihnen sprechen kann,« sagte er in äußerst höflichem Ton und im denkbar schlechtesten Französisch.

»Diese Notwendigkeit sehe ich nicht ein,« sagte ich.

»Verzeihung, aber diese junge Dame ist türkische Untertanin und meine Tochter. Mein Name ist Hamdi Effendi, Polizeipräfekt in Aleppo, und ich wohne im Hotel Metropol.«

»Ich freue mich unendlich, Ihre Bekanntschaft zu machen,« sagte ich. »Mademoiselle hat mir oft von Ihnen erzählt – aber soviel ich weiß, waren sowohl ihr Vater als auch ihre Mutter Engländer, somit ist sie weder Ihre Tochter, noch türkische Untertanin.«

»Das werden wir schon sehen,« entgegnete der höfliche Orientale. Er richtete nun einige hastige türkische Worte an Carlotta, die bebend in derselben Sprache antwortete.

»Unglücklicherweise willigt Mademoiselle nicht ein, mich zu begleiten,« übersetzte er lächelnd. »Deshalb werde ich mich leider gezwungen sehen, sie ohne ihre Einwilligung mitzunehmen.«

»Wenn Sie das tun, Hamdi Effendi,« sagte Pasquale in leichtem Gesprächston, aber mit einem so häßlichen Zug um den Mund, wie ich noch keinen gesehen hatte, »dann bringe ich Sie ohne weiteres um.«

Mit einer höflichen Verbeugung wandte sich Hamdi an Pas quäle.

»Ach, Sie sind's, Monsieur Pasquale. Es war mir doch, als müßte ich Sie kennen.«

»Dazu haben Sie auch allen Grund,« sagte Pasquale.

»Ich habe Sie vom Gefängnis errettet.«

»Und ließen sich bestechen.«

»Ums Himmels willen!« rief Judit. »Sprechen Sie nicht so laut, sonst gibt es eine Szene!«

Ein paar Leute standen neugierig umher, und ein riesengroßer Aufsichtsbeamter in Uniform beobachtete uns mit mißtrauischem Blick. Ich hielt Carlotta mit fester Hand und schob sie in den Schutz einer Palme, neben der wir zufällig standen.

»Madame hat recht,« meinte Hamdi. »Wir können diese Bagatelle ebensogut wie Gentlemen besprechen.«

»Nun, dann schwöre ich als ein echter und gerechter Gentleman, daß ich Sie umbringe, sobald Sie diese junge Dame nur berühren!« sagte Pasquale.

»Es kommt mir eher vor, als ob der Herr da und nicht Sie mein Haus seines Schatzes beraubt habe,« sagte der fette Türke mit einer graziösen Handbewegung gegen mich. »Es sei denn,« fügte er hinzu, und ich werde den abstoßenden schielenden Blick in dem dicknäsigen pockennarbigen Gesicht nie wieder vergessen, »es sei denn, daß Monsieur Ihnen die Verantwortlichkeit abgenommen hätte.«

Einen Augenblick war ich sprachlos. Doch Pasquale stellte sich rasch vor mich hin.

»Kaltes Blut, Ordeyne.«

»Mein Herr,« sagte ich, »ich fand diese junge Dame ganz hilflos auf der Straße in London. Sie ist meine Frau und folglich britische Untertanin; Sie können sich also jetzt mitsamt Ihren infamen Insinuationen zum Teufel scheren, und zwar je schneller, desto lieber.«

»Oder wir werden Ihnen miteinander den Garaus machen,« fügte Pasquale hinzu.

Wieder wechselte Hamdi ein paar türkische Worte mit Carlotta, und dann lächelte er mit derselben glatten Höflichkeit wie vorher, » Au revoir, Mesdames et Messieurs!« Und mit einer artigen Verbeugung steuerte er auf die Tür zu, die zum Parkett führte. Sobald die Spannung vorüber war, riß sich Carlotta von mir los und packle Pasquale am Arm.

»O töten Sie ihn, töten Sie ihn, töten Sie ihn!« flüsterte sie in leidenschaftlichem Ton.

Pasquale machte sich sanft von ihr los und zog ein Zigarettenetui heraus.

»Kaum nötig, er wird ohnehin bald genug sterben.« Und sich an mich wendend fügte er hinzu: »Kein gesundes Organ in seinem ganzen Körper. Außerdem, wenn gemordet werden muß, so ist das Sir Markus' Angelegenheit.«

»Von einem Mord ist überhaupt nicht die Rede,« sagte ich unangenehm berührt. »Und sprechen Sie doch nicht in dieser empörenden Weise vom Tode des elenden Menschen.«

Als Carlotta, deren Arm ich wieder genommen hatte, sah, daß ich zornig war, schaute sie mich erschrocken an und wurde ebenso plötzlich fügsam, als sie vorhin leidenschaftlich geworden war. Jetzt wandte ich mich an Judit.

»Können Sie mir verzeihen –« begann ich. Aber beim Anblick ihres Gesichts überlief mich ein kalter Schauder. Es war totenblaß, hart und entstellt; die Lippen waren fest zusammengekniffen, das zarte künstliche Rot auf ihren Wangen stach grell hervor, und ihr Gewand – dem Wellenschaum auf einem sommerlich glänzenden Meer gleich – sprach dem Winter auf ihrem Gesicht Hohn.

»Ich habe nichts zu verzeihen,« erwiderte sie lächelnd, aber mit eisigem Ton. »Wir sind hierher gekommen, um die Freuden eines Variétés zu genießen, und ich habe meine Rechnung gefunden. Gute Nacht. Vielleicht ist Mr. Pasquale so freundlich, mir für einen Wagen zu sorgen.«

»Wenn Sie gestatten, werde ich Sie nach Hause begleiten,« sagte Pasquale.

Beim Abschied reichten wir uns die Hände, als ob nichts geschehen wäre, so gleichgültig, als wären wir fernstehende Bekannte. Auf dem Heimweg wurde nicht viel gesprochen. Carlotta schmiegte sich innig an mich an und hielt sich an meinem Arm fest. Sie weinte. Warum, weiß ich nicht, aber es schien ihr Trost zu gewähren. Ich küßte ihre Lippen und ihr Haar.

Zu Hause angekommen, schob ich das Sofa ans Kamin – es war eine rauhe Nacht, und Carlotta ist so empfindlich gegen Kälte wie eine tropische Pflanze – und setzte mich neben sie.

»Hast du gehört, was ich zu Hamdi Effendi gesagt habe – daß du meine Frau seiest?«

»Aber das war doch nur eine Lüge,« antwortete sie in ihrer unverblümten Art.

Meine Liebkosungen und mein Zureden, sowie das Gefühl des Geborgenseins, nebst einer Tasse französischer Schokolade, die die über unsre frühe Rückkehr und über ihres Lieblings Jammer höchst erstaunte Antoinette als sicherstes Trostmittel in aller Eile besorgt hatte, hatten Carlotta nach kurzer Zeit ihre gewohnte Heiterkeit zurückgegeben. Auch Polyphem schnurrte beruhigend in ihrem Schoß.

»Heute abend war es eine Lüge,« sagte ich. »Aber in ein paar Tagen wird es, wie ich hoffe, Wahrheit sein.«

»Willst du mich heiraten?« fragte sie, sich Plötzlich aufrichtend und mich verwundert ansehend.

»Wenn du mich haben willst, Carlotta.«

»Ich tue, was Siir Markuus sagt. Willst du mich morgen heiraten?«

»Das wird kaum möglich sein,« antwortete ich. »Aber ich werde sicherlich keine Zeit verlieren. Wenn du erst meine Frau bist, haben weder Hamdi Effendi noch der türkische Sultan den geringsten Anspruch auf dich. Niemand kann einem Engländer seine Frau entreißen.«

»Hamdi ist ein Teufel,« sagte Carlotta.

»Wir brauchen uns nicht um ihn zu kümmern,« erwiderte ich.

»Hast du je eine so häßliche Tonne gesehen?«

Woher sie diese gelegentlichen Kraftausdrücke hat, weiß ich nicht; aber in ihrer fremdartigen, abgehackten Sprechweise lauten sie zu komisch. Ich mußte lachen, und Carlotta, Polyphem auf den Boden werfend und sich an mich anschmiegend, lachte mit. Die Katze sah uns voller Verachtung einen Augenblick an; dann streckte sie sich, als habe sie Carlotta aus freiem Antrieb verlassen, und entfernte sich würdevoll.

»Hamdi ist ein Schwein und ein Elefant und ein großer fetter Truthahn,« sagte Carlotta.

»Wenn alle Welt schön wäre,« rief ich aus, »würden wir die Schönheit gar nicht mehr schätzen! Dann würde ich gar nicht bemerken, wie schön meine Carlotta ist.«

In ihrer impulsiven Art legte sie ihre Hände auf mein Knie, beugte sich vor und sah mich strahlend an.

»O, ist das dein Ernst?«

»Du bist das lieblichste und anziehendste Wesen auf der weiten Welt, Carlotta.«

»Jetzt bin ich sicher, sicher, sicher!« rief sie glückselig. »Das hast du noch nie gesagt, Siir Markuus lieber, und ich muß dich dafür küssen.«

Doch mit meiner Hand auf ihrer zarten Schulter hielt ich sie zurück.

»Nur wenn du versprichst, mich zu heiraten.«

»Natürlich,« antwortete Carlotta.

Sie sagte das so gedankenlos und leichten Herzens, als hätte ich sie zu einem Spaziergang aufgefordert. Und jene sonderbare Ahnung durchzuckte mich aufs neue. Ach, in diesen letzten Zeiten wahnsinniger Leidenschaft hatte ich mir die Szene gar oft ausgemalt, wo ich ihre bebende Schönheit in meinen Armen halten, wie der von ihrer Persönlichkeit ausströmende Duft meine Sinne berauschen und wie ich ihr in glühenden Worten das Lied meiner Leidenschaft vorsingen würde. Aber die Götter haben es anders beschlossen. Der Verlobungskuß einer Quäkerin hätte nicht keuscher sein können. Die Glut in meinen Adern erlosch, und das Lied erstarb mir auf den Lippen.

Wer und was ist sie – sie, die ich liebe? An manchen Tagen haben mich ihre Augen angeblitzt, als wolle sie mich reizen und locken wie eine böse Hexe, und ihre Glieder haben mich mit dem Zauber des Venusberges umgarnt, so daß ich alle meine Kraft zusammennehmen mußte, um ihr zu widerstehen. Aber heute, wo ich den größten Schritt wage und sie bitte, mein eigen zu werden bis ans Ende unsrer Tage, da willigt sie sofort ein wie ein unwissendes Kind und richtet damit die Schranke ihrer Unschuld zwischen uns auf. Ach, wann werde ich bis zur Seele in ihr dringen?

Aber jacta est alea. Die Ereignisse des heutigen Abends haben unser Schicksal beschleunigt. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat Hamdi nicht die Macht, Carlotta meinem Schutz zu entreißen, und diese Heirat wäre als Mittel für Carlottas Sicherheit also unnötig. Ich habe zwar keine Ahnung von den internationalen Gesetzen für derartige Fälle, aber jedenfalls ist Carlotta durch die Heirat durchaus sicher. Keine Macht der Erde kann sie mir dann entreißen. Großer Gott! Schon bei dem Gedanken, sie könnte für immer aus meinem Leben scheiden, bricht mir der kalte Schweiß aus. Ohne sie – Kind, Zauberin, Irrwisch – mag sie sein, was sie will, wie könnte ich ohne sie weiterleben!

Der Wunsch meines Herzens wird in Erfüllung gehen. O ich sollte zittern vor Freude und jugendlichem Feuer! Ich sollte singen und lachen. Tausend glückliche Torheiten sollte ich begehen im Überglück der Liebe! In jenes glückliche Land müßte ich mich versetzt fühlen, das die Liebenden in den Märchen zum Schluß stets erreichen.

Statt dessen sitze ich hier vor dem verlöschenden Feuer, ebenso wie ich gestern auch hier saß, und das Gefühl kommenden Unheils bedrückt mich. Carlottas Unschuld allein ist es nicht, die die Schranke zwischen uns aufrichtet; was die Schranke unübersteigbar macht, ist Judits bleiches Antlitz!

Judits bleiches Antlitz wird mich heute nacht im Traum noch verfolgen!

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