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Carlotta. Zweiter Band

William John Locke: Carlotta. Zweiter Band - Kapitel 2
Quellenangabe
authorWilliam J. Locke
titleCarlotta. Zweiter Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1909
translatorPauline Klaiber
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180620
projectid12409bd8
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Zwölftes Kapitel

30. September.

Bei Antoinette stimmt irgend etwas nicht. Das Essen, das sie uns diesen Abend vorsetzte, war beinahe ungenießbar. Bei Stenson stimmt auch irgend etwas nicht, denn er spielt jetzt seine geistlichen Trauermelodieen auf der Concertina, während ich zu Hause bin; aber das dulde ich nicht. Bei der Katze stimmt auch irgend etwas nicht. Wie eine verdammte Seele läuft sie im Hause herum und beschnuppert alles. Heute abend sprang sie tatsächlich auf den Eßtisch, sah mich mit ihrem einen Auge, in dem der Jammer von zweien konzentriert war, an und miaute mir herzbrechend ins Gesicht. Im Hause stimmt irgend etwas nicht – meine Federn wollen nicht schreiben, meine Bücher sehen aus wie Totenbeine in einem Beinhaus, und das Manuskript meiner »Geschichte der Moral der Renaissance« liegt wie ein staubiges Denkmal der Unzulänglichkeit aller menschlichen Bestrebungen auf meinem Schreibtisch. Und bei mir selbst stimmt auch irgend etwas nicht.

Judit ist eben von ihrem Aufenthalt bei den Willoughbys zurückgekommen, und auch bei ihr stimmt irgend etwas nicht. Ich habe sie heute abend besucht, und da war sie in recht wechselnder Laune und sehr zum Widerspruch aufgelegt. Sie behauptete, ich sei langweilig, aber ich entgegnete, wenn die ganze herbstliche Natur draußen von Regen überschwemmt sei, könne der Mensch unmöglich guter Laune sein.

»In diesem Zimmer hier mit dem hellen Feuer und den zugezogenen Gardinen gibt es keinen greulichen Regen und keinen Herbst – ausgenommen in unsern Herzen!« sagte Judit.

»Warum in unsern Herzen?« fragte ich.

»Was Sie für ein Wortklauber sind!« rief Judit empfindlich. »Wäre ich doch katholisch!«

»Warum?«

»Weil ich dann in ein Kloster gehen könnte.«

»Gehen Sie lieber zu Delphine Carrère.«

»Jetzt bin ich seit einem Tag zurück, und Sie wollen mich schon wieder loswerden,« rief sie mit rascher Frauenlogik.

»Meine liebe Judit, ich möchte Sie ja nur glücklich und zufrieden sehen.«

»Hm!« sagte sie.

Ihr Pantoffel, der wie gewöhnlich auf ihrer Fußspitze wippte, fiel zu Boden. Ich muß gestehen, dieses Mal kam mir das Ereignis nur halb zum Bewußtsein, weil meine Gedanken mit ganz andern Dingen beschäftigt waren.

»Sie heben mir nicht einmal mehr meinen Schuh auf,« sagte sie.

»Ich bitte tausendmal um Verzeihung!« rief ich aufspringend; aber schon war sie meiner Absicht zuvorgekommen. Schweigend starrten wir noch eine Weile ins Kaminfeuer; dann erklärte Judit, sie sei müde, und ich ging sehr frühzeitig meiner Wege.

An der Haustür bemerkte ich, daß ich meinen Regenschirm oben gelassen hatte; ich stieg also die Treppe noch einmal hinauf und klingelte. Nach einer Weile sah ich durch die Glasscheibe, daß Judit sich der Tür näherte, aber ehe die Tür geöffnet wurde, drehte sie das Licht im Flur aus.

»Markus!« rief sie ziemlich erregt, als sie mich sah, und trotz des an der Tür herrschenden Dunkels glaubte ich in ihren Augen Tränenspuren wahrzunehmen. »Sie kommen wieder?«

»Ja, um meinen Regenschirm zu holen.«

Sie sah mich einen Augenblick an, lachte dann, faßte mit den Händen nach ihrem Hals, wandte sich rasch um, nahm meinen Schirm, drückte ihn mir in die Hand, schob mich zur Tür hinaus und schloß mir diese vor der Nase zu. Aufs äußerste erstaunt ging ich die Treppe wieder hinunter. Was Judit nur haben mag? Heute abend sagte sie, alle Männer seien grausam. Nun, ich bin ein Mann, also bin ich grausam. Dies ist eine vollkommen logische Schlußfolgerung. Aber inwiefern bin ich denn grausam?

Ich ging zu Fuß nach Hause. So ein Gang, selbst beim abscheulichsten Regenwetter, ist ganz dazu angetan, einen niedergedrückten Menschen etwas zu trösten. Keine unnatürliche Lustigkeit verhöhnt einen. Der Geist ist in Harmonie mit dem aufgeweichten Weltall. Es ist ganz gut, wenn in der ganzen Welt alles zu ein und derselben Zeit nicht stimmt.

Ich habe meine durchnäßten Kleider mit Schlafrock und Pantoffeln vertauscht. Auf meinem Schreibtisch liegt ein mit steifer, kindlicher Handschrift überschriebener Brief. Er ist von Carlotta, die seit vierzehn Tagen bei den Mc Murrays in Cornwall ist. So lang sind mir noch selten vierzehn Tage geworden. Wie ein dummer Schuljunge habe ich die Tage bis zu ihrer Rückkehr, die übermorgen stattfindet, gezählt. Der Brief fängt an: »Siir Markuus lieb!« Diese Orthographie ist ein alter Scherz von uns beiden, die Wortstellung aber ist ihre eigene sinnreiche Erfindung. »Mrs. Mc Murray sagt, ich solle dich fragen, ob du mich noch eine Woche entbehren könntest. Sie will mir feine Manieren beibringen, und sie sagt, ich habe dem Oberpriester hier – ja so, hier muß man Pfarrer sagen, jetzt weiß ich's wieder – großes Entsetzen eingejagt, weil ich ohne Hut mit einem netten kleinen jungen Vikar spazieren gegangen bin, und als es angefangen hat, zu regnen, seinen Hut aufgesetzt habe. Natürlich ist uns dann der Pfarrer begegnet. Aber ich habe mit dem kleinen Vikar nicht kokettiert. O nein! Ich sagte ihm, er dürfe mir nicht den Hof machen, wie der junge Mann vom Spezereihändler, und ich sagte ihm auch, du würdest ihn prügeln, wenn er Gedichte an mich machte. Du siehst, ich bin sehr brav gewesen. Und liebster Siir Markuus, ich möchte gar zu gerne heimkommen, aber Mrs. Mc Murray sagt, ich müsse hier bleiben, und sie bekommt bald ein Baby, und ich bin sehr vergnügt und artig, und Mr. Mc Murray erzählt so komische Geschichten, daß ich lachen muß. Aber meinen liebsten Siir Markuus liebe ich doch am allermeisten. Gib Antoinette und Polyphem (die einäugige Katze) zwei gute Küsse von mir. Und hier ist einer für Siir Markuus von seiner Carlotta.«

Wie kann ich es abschlagen? Aber ich wollte, sie wäre wieder hier!

 

1. Oktober.

In der letzten Nacht konnte ich nicht schlafen, und am heutigen Tage habe ich nichts gearbeitet. Die Renaissance ist in die Eiszeit zurückgewichen, und an dieser habe ich, was ihre Menschen betrifft, auch nicht das geringste Interesse. So habe ich denn im Klub Zuflucht gesucht. Wie ist es nur möglich, daß ein alter nüchterner Gelehrtenklub ein so unruhiger Platz ist? Ponting, ein eigensinniger alter Herr vom Corpus-College, setzte sich zu mir an den Frühstückstisch und hielt Reden über Nationalökonomie und über das Golfspiel. Ich aber legte bei allen diesen erhabenen Thematen eine höfliche Unwissenheit an den Tag. Er versicherte mir, daß ich körperlich und geistig viel kräftiger wäre, wenn ich jene studierte und dieses spielte; dabei klopfte er sich auf seine schmale Brust und gab sich ein sehr überlegenes Ansehen. Ich fürchte, Ponting macht es wie die meisten Leute hier, er studiert das Golfspiel und spielt mit der Nationalökonomie. In ruhigeren Augenblicken kann ich Ponting gut ertragen. Aber heute ließ mich seine Prahlerei, er habe auf dem Spielplatz von Westward eine Golfpartie gewonnen – in sieben – siebzehn – siebzig – wer zum Kuckuck kann das behalten – ganz kalt, und seine unreifen Ansichten über Nationalökonomie machten mir geradezu Magenweh.

In Gedanken versunken ging ich Piccadilly hinunter und stand da plötzlich meiner trübseligen Cousine Rosalie in ihrem trübseligen Kleid gegenüber. Sie nickte mir nur hastig zu und wäre an mir vorübergegangen, wenn ich sie nicht aufgehalten hätte. Ihr bleiches Gesicht richtete sich kläglich nach oben, und die sonst ausdruckslosen Augen schauten angstvoll umher. Ich war in grausamer Stimmung.

»Warum weichst du mir aus, als hätte ich die Pest?« fragte ich sie.

Sie murmelte, sie habe mir nicht ausweichen wollen, sie sei nur in großer Eile.

»Das glaube ich nicht,« erwiderte ich. »Natürlich haben böse Zungen dir gesagt, ich sei ein schlechter, gottloser Mensch und täte unerhörte Dinge, und wie ein gutes kleines Mädchen scheust du dich jetzt, mit mir zu sprechen. Wenn du diese bösen Zungen wieder siehst, so sage ihnen, ich ließe sie grüßen und sie seien boshafte Gänse.«

Damit zog ich meinen Hut und befreite Rosalie von meiner schrecklichen Gegenwart. Erbittert ging ich weiter, während ein abscheuliches Gefühl der Wut in mir aufstieg; meine Gedanken eilten zu meiner Tante Jessica, die ich für das Betragen ihrer Nichte verantwortlich machte, und eine wahre Kampfbegier trieb mich, sie zu besuchen. Nach einer Fahrt von zwanzig Minuten befand ich mich in ihrem Empfangszimmer. Ich traf sie allein; die Mädchen waren auf dem Lande. Sie empfing mich mit eisiger Kälte, und als ich der Hoffnung Ausdruck gab, daß die Fahrt auf der Jacht angenehm verlaufen sei, antwortete sie kurz: »Ja, außerordentlich angenehm!«

»Geht es Dora gut?« fragte ich, indem ich mir alle Mühe gab, ein Lächeln zu unterdrücken, das als eine Anspielung auf das gebrochene Herz hätte aufgefaßt werden können.

»Danke, es geht ihr ganz gut.«

Da eine solche abgehackte Unterhaltung durchaus nicht nach meinem Geschmack ist, schwieg ich jetzt höflich und forderte dadurch meine Tante zum Sprechen auf.

»Ich bin erstaunt, Markus,« sagte sie schließlich, »daß du Dora erwähnst.«

»Wirklich? Darf ich fragen warum?«

»Kann ich offen reden?«

»Bitte sehr.«

»Ich habe gehört, daß du mit deinem Mündel in Etretat gewesen seiest.«

»Nun?« fragte ich.

» Verbum sat,« lautete die Antwort meiner Tante.

»Und du hast also Mrs. Ralph und Rosalie von meinem Sommerausflug erzählt und ihnen zu verstehen gegeben, daß ich ein wahrer Ausbund von Lasterhaftigkeit sei? Meinen tiefstgefühlten Dank dafür! Ich bin soeben Rosalie auf der Straße begegnet; sie schreckte vor mir zurück, als sei ich die verkörperte Todsünde.«

»Daß du das in ihren unschuldigen Augen auch bist, daran zweifle ich gar nicht,« antwortete meine Tante. Das milde Lächeln, mit dem sie sonst meine Exzentrizitäten zu beurteilen pflegte, war verschwunden; kalt und teilnahmlos schaute sie mich an.

»Ich freue mich zu erfahren, was für liebevolle Verwandte ich habe,« sagte ich.

»Ich bin ja eine Weltdame,« erwiderte meine Tante heftig, »aber wenn solche Dinge ganz öffentlich vor den Augen der guten Gesellschaft vor sich gehen, dann erscheinen sie mir unmoralisch.«

»Aha,« sagte ich, indem ich aufstand. »Hier heißt es: Tu, was du willst, aber laß dich nicht erwischen.«

Mit einer Neigung des Kopfes stimmte meine Tante diesem Ausspruch bei.

»In Wirklichkeit aber,« rief ich erregt, »habe ich sowohl öffentlich als im geheimen nur Gutes getan, und deshalb bin ich jetzt sittlich entrüstet, daß man es mir als Schlechtigkeit auslegt.«

Ich sah meine Tante bei diesen Worten fest an, konnte aber in ihren Augen nichts als vollkommenen Unglauben lesen; ja, ich bin überzeugt, diese Frau wäre schwer enttäuscht gewesen, wenn ich ihr meine gänzliche Unschuld auf der Stelle hätte beweisen können.

»Adieu,« sagte ich.

Eisigkalt reichte sie mir die Hand und klingelte dann dem Mädchen. Einen Augenblick nachher – ich glaube wirklich, sie folgte einer freundlichen Regung – hielt sie mich an der Türe zurück und sagte in weichem Ton: »Du bist so wunderlich und unberechenbar, Markus. Nicht wahr, du tust keinen übereilten Schritt?«

»Was meinst du damit?« fragte ich wutbebend.

»Daß du nicht etwa die Sache durch eine Heirat mit diesem jungen Frauenzimmer wieder gutzumachen suchst?«

»Also nicht etwa eine anständige Frau aus ihr zu machen?« fragte ich zornig.

»Ganz richtig,« antwortete meine Tante.

Da fuhr plötzlich der Satan in mich und rührte alles, was an Unruhe, Zorn und Sehnsucht in mir angehäuft war, wie in einem Kessel, der, wie ich annehme, mein Herz war, wild durcheinander; und die Folge davon war eine Explosion. Mit erhobenen Händen trat ich einen Schritt vor, daß meine Tante erschrocken zurückwich.

»Bei allen Heiligen!« rief ich. »Meine Seele gäbe ich darum, wenn ich sie heiraten könnte!«

Und wie ein Blinder stolperte ich zum Haus hinaus.

Von dem Augenblick an, wo mich diese strahlende Offenbarung blendete, bis zum gegenwärtigen Augenblick, ist mein Herz nur noch von einem unaussprechlich großen Wunsch erfüllt.

Wenn ich sage, ich liebe Carlotta, so ist das gerade, als spräche ich vom Niagara als von einer einfachen Quelle. Herz, Sinn und Verstand, mein ganzes Wesen sehnt sich nach ihr. Der Duft ihres Haares umweht mich, die süßen Töne ihrer Stimme erfüllen mein Ohr, ich schließe die Augen und fühle ihre Rosenlippen auf meinen Wangen, ihre bezaubernden Bewegungen tanzen mir vor den Augen.

Ich kann nicht mehr ohne sie leben. Bis zum heutigen Tag war das Haus schon einsam genug – nur der Schatten eines Heims. Aber ohne sie wäre von jetzt an mein Leben ganz öde und leer. Jetzt weiß ich es, in diesen letzten vierzehn Tagen hat sich mein Herz nur immerfort nach ihr gesehnt, ich wußte es nur nicht. Ich möchte auf meinen Balkon treten und meine Hände nach dem Süden ausstrecken, wo sie jetzt weilt, meine Stimme erheben und sie leidenschaftlich zurückrufen. Es gibt keine noch so unerhörte Torheit, die ich heute nacht nicht begehen könnte; der tollste Dingohund, wenn er fähig wäre, den Zustand, in dem ich mich befinde, zu begreifen, könnte neue Arten der Tollheit von mir lernen.

Es ist jetzt zwei Uhr, und ich muß schlafen gehen. Ich nehme meinen Epiktet mit, von dem man erwarten könnte, daß er kaltes Wasser auf das glühendste Liebesfeuer gieße. Kaum habe ich das Buch aufgeschlagen, da finde ich auch schon den trostreichen Denkspruch: »Ein reizendes Mädchen und ein Anfänger in der Philosophie streiten gegeneinander mit ungleichen Waffen!« Er verlacht mich, der kaltblütige Pädagoge! Sein Buch fliegt mitten durchs Zimmer! Aber recht hat er; ich bin erst ein Abcschütze in der Philosophie. Keine Rüstung, mit der mein Verstand mich auszustatten fähig wäre, könnte mich vor Carlotta schützen; ich habe keine Kraft zuzuschlagen; ich bin hilflos.

Großer Gott! – bin ich denn wirklich verrückt? Ist nicht im Gegenteil diese Stunde die vernünftigste meines Lebens? Wie ein Automat habe ich gelebt vierzig Jahre lang; jetzt plötzlich erwache ich und fühle, daß ich ein Mann bin. Es ist mir gleichgültig, ob ich schlafe oder nicht. Ich fühle mich jung; wunderbar, herrlich jung! Und ich bin erst zwanzig Jahre alt! Da ich noch nicht gelebt habe, bin ich auch noch nicht alt geworden. Das Leben hat sich gleichsam in Musik verwandelt, in eine wilde, tolle »Aufforderung zum Tanz« von einem Erzengel Namens Weber. Ich breche in lautes Lachen aus. Polyphem, der mich von Carlottas Sofaecke aus mit seinem einen Auge ironisch beobachtet, springt auf den Boden und tanzt in wilden Sätzen wie ein Kobold durchs Zimmer. He, alter Junge – läßt die Musik auch in deinen Adern das Blut schneller kreisen? Komm, wir wollen diese Nacht feiern! Zum Teufel mit dem Schlaf! Wir wollen in den Keller gehen, eine Flasche Pommery holen und auf das Leben, auf die Jugend und auf die Liebe mit allen ihren Freuden und Wonnen trinken. Polyphem miaut vergnüglich und tanzt um mich herum. In dem Dunkel des Kellers glänzt sein Auge wie ein Stern, und aus seinem Schnurren klingt unaussprechliches Entzücken. Meine Hand streichelt ihm den Rücken, und da sprühen feurige Funken heraus. Wir gehen die stillen Treppen wieder hinauf, ich aber trage eine Flasche Sekt und einen Milchtopf – denn auch du sollst schwelgen, Polyphem! Und da ich vergessen habe, ein Näpfchen mitzubringen, sollst du ein Trinkgefäß bekommen, wie noch nie eine Katze je eines gehabt hat. Aus einer alten kostbaren Schale, die das Wappen der Este von Ferrara trägt, darfst du trinken, aus einer Schale, über die sich Lukrezia Borgia freute, als die Welt noch jung war. Schade, daß Katzen keinen Sekt trinken! Heute nacht hättest du dich wie ein Bacchus betrinken müssen! Wir trinken – und in der Stille der Nacht bilden die Laute, die Polyphem beim Lecken der Milch hervorbringt, den Baß zu den zarten Elfentönen des Pommery im Sodawasserglas. Ha, ihr Zwillingsbrüder, die ihr uns diesen paradiesischen Trank liefert, ich frage wie Omar, ob ihr etwas kaufen könntet, was nur halb so köstlich wäre, wie das Naß, das ihr verkauft? Autos für Madame Pommery und Kuchen für die kleinen Grenos? Ich will in euch keine gewöhnlichen Sterblichen sehen mit Zylinderhüten, Regenschirmen und andern Abzeichen der Solidität. Viel eher seid ihr segenspendende Halbgötter, Castor und Pollux des Weins, Traumwesen, die aus den himmlischen Gefilden des Unendlichen das flüssige Gold der Lebensfreude gießen.

Wenn ich nur ein paar Worte auf dieses Telegrammformular kritzelte, so wäre Carlotta morgen abend hier! Aber nein! Was ist eine Woche! Mit Blei an den Sohlen wird sie zu einer Ewigkeit – eilt sie aber auf schillernden Taubenflügeln dahin, dann währt sie nur einen Augenblick. Und überdies muß ich mich erst selbst an meine Jugend gewöhnen. Ich muß ihre Torheiten ergründen, muß die Sprache ihrer Weisheit lernen. Wir müssen uns miteinander beraten, Polyphem, wie wir diese mit veralteten modrigen Gedanken erfüllten Zimmer in ein strahlend schönes, von unendlicher Liebe erfülltes bräutliches Gemach verwandeln können! Ein Hoch auf die Zauberin!

Ihr Atem ist es, der, von den himmlischen Zwillingen destilliert, meinen Lippen aus dem Glase entgegenschäumt. Meine Seele würde ich willig daran geben, wenn ich sie heiraten könnte – sagte ich so? Das hieße so viel, als sie um einen einzigen roten Heller kaufen. O, die Seele des Weltalls würde ich verpfänden, um einen einzigen Kuß von ihr!

Ich fasse Polyphem bei den Vorderpfoten und lasse seine Hinterfüße baumeln; aber ganz unbekümmert um mein Tun leckt er sich ruhig weiter sein Maul und wirft mir nur ab und zu einen höhnischen Blick zu. Auch beim Trinken bleibt er ganz nüchtern – wie schade! Aber auf irgend eine Weise muß er doch zur Begeisterung animiert werden können! »Was kümmere ich mich um Mensch oder Teufel, Polyphem!« rufe ich laut.

Que je suis grand ici! mon amour de feu
Va de pair cette nuit avec celui de Dieu!

»Meinetwegen magst du sagen der Vers sei nicht richtig, die erste Strophe habe eine Silbe zu wenig, und Triboulet habe colère statt amour geschrieben. Du bist eben von jeher ein langweiliger, pedantischer Naseweis gewesen, Polyphem! Ich aber sage amour – Liebe – hörst du's? Wenn du willst, kann ich dir den Vers auch übersetzen:

›Hier bin ich groß! Und diese Nacht
Erreicht mein Liebesfeuer Göttermacht!‹

»Jawohl, ich bin ein Dichter, wenn du mich auch mit deinen Hinterpfoten noch so sehr kratzest, Polyphem.

»Hier! Leere deinen Milchtopf, und ich will meine Flasche austrinken. Der Wein duftet nach Hyazinthen; er ist eine Offenbarung. Ihr Haar duftet nach Veilchen, aber das zarte Odeur der Hyazinthen war es, das ihren nackten Armen entströmte, als sie diese um meinen Hals schlang; › et sa peau, on dirait du satin.‹ Carlotta ist in dem Wein, Carlotta mit ihrem ganzen Zauber, ihrem Lachen und ihrer Jugend, und ich trinke auf Carlotta!

» Quo me rapis Bacche plenum tui?«

»Ja, in einem solchen Traumland bin ich noch nie gewesen! Du gähnst, Polyphem? Du hast Langeweile, mein einäugiger Freund?« Ich gieße ihm den Rest aus meinem Glase in den Hals. Hustend und prustend springt er davon, ich aber lege mich in meinem Stuhl zurück und breche in ein unauslöschliches Gelächter aus.

 

2. Oktober.

Um sechs Uhr wachte ich auf und schlich mich fröstelnd in mein Bett; den ganzen Tag hatte ich rasende Kopfschmerzen. Ich erkenne, daß Pommery und Greno durchaus keine Halbgötter sind, sondern nur Lieferanten von einer Art Alkohol, und daß es äußerst unklug ist, wenn man morgens um zwei Uhr, nur mit einem einäugigen Kater als Zechkumpan, eine Flasche davon trinkt.

Aber ich bereue nichts. Wenn ich heute nacht Torheiten begangen habe – um so besser. Ich sträube mich nicht länger gegen das Unvermeidliche, da das Unvermeidliche die Krone und Freude aller irdischen Dinge ist. Denn, um die nüchterne Wahrheit zu gestehen – ich liebe Carlotta unaussprechlich.

 

6. Oktober.

Morgen kehrt sie zurück. Antoinette und ich haben einen feierlichen Willkomm geplant. Die gute Seele hat das Haus mit Blumen gefüllt; sie hat eigenmächtig in Stensons Pflichten eingegriffen, hat Möbel, Bücherrücken und Silber blank gerieben, hat frische Gardinen aufgehängt und überall dermaßen geputzt und gescheuert, daß ich es kaum mehr wage, einen Schritt zu machen oder mich irgendwo niederzulassen, vor lauter Angst, ich könnte den fleckenlosen Glanz meiner Umgebung trüben.

»Aber eines haben Sie vergessen, Antoinette,« bemerkte ich spöttisch. »Sie haben keine Rosenblätter auf die Haustürschwelle gestreut.«

»Für unsern süßen Engel möchte ich die Schwelle am liebsten mit meinem eigenen Körper bedecken, damit ihr Fuß darüber wegschritte, wenn sie eintritt,« sagte Antoinette.

»Rosenblätter wären das freilich kaum!« murmelte ich.

Antoinette lachte. »Und Monsieur! O, der macht es ebenso. Was haben Sie nicht alles gekauft! Neue Gardinen in Mademoiselles Zimmer, einen neuen Toilettetisch, silberne Bürsten und Kämme, und ich weiß nicht, was alles noch – gerade wie für die Toilette einer Fürstin! Und die rosaseidene Eiderdaunendecke? Regardez-moi ça! Monsieur wird nicht mehr sagen, ich allein verzöge den süßen Engel.«

»Monsieur,« erwiderte ich in Ermanglung einer besseren Antwort, »wird das sagen, was Monsieur beliebt.«

»Dazu hat Monsieur das Recht,« sagte Antoinette ehrerbietig, aber mit einem nicht mißzuverstehenden Augenzwinkern.

Hat die schlaue Alte am Ende Verdacht geschöpft? Vielleicht sind meine Vorbereitungen für Carlottas Rückkehr doch etwas zu auffallend gewesen, denn das Wohnzimmer unten ist in der Tat ins Boudoir einer Dame umgewandelt. Ich habe furchtbar viel zu tun gehabt während dieser letzten glücklichen Woche. Aber mag die Alte sich wundern, was kümmert's mich? Es wird nicht mehr lange dauern, da werde ich zu ihr sagen: »Antoinette, jetzt gibt es bald eine Hochzeit!«

Dann muß ich mich aber in acht nehmen, sonst drückt sie mich in der Freude ihres Herzens an ihren umfangreichen Busen.

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