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Carlotta. Zweiter Band

William John Locke: Carlotta. Zweiter Band - Kapitel 14
Quellenangabe
authorWilliam J. Locke
titleCarlotta. Zweiter Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1909
translatorPauline Klaiber
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180620
projectid12409bd8
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Vierundzwanzigstes Kapitel

Wieder sitze ich auf dem flachen Dach des Hauses von Mogador an der marokkanischen Küste, wo ich vor einem Monat diese letzten Blätter zu schreiben begonnen hatte. Wie schnell ist die dazwischen liegende Zeit vergangen!

Damals sagte ich, an dem vorhergehenden Nachmittag habe sich etwas ereignet. Es war etwas, das ich hätte vorhersehen können, das ich aber, da ich doch so häufig das Fernglas vor meine kurzsichtigen Augen hielt, eigensinnigerweise tatsächlich nicht hatte voraussehen wollen.

Seit wir uns auf Reisen begeben hatten, war ich Zeuge davon, wie Carlottas Schönheit sich zur vollen Blüte entfaltete. Sie trank förmlich Gesundheit aus der Glut und Farbenpracht ihres heimatlichen Orients. Ich hatte gesehen, wie ihr Verstand sich entwickelte, ihre Interessen vielseitiger wurden, und ich wußte, ihre Seele weitete sich in dem großen Schweigen, wenn die Sterne über dem unendlichen Sandmeer strahlten, aber nach dem Grunde des immer sehnsüchtigeren Ausdrucks ihrer herrlichen Augen, die nicht mehr den alten flehenden Hundeblick hatten, nach der zunehmenden Traurigkeit, die nicht mehr dem verlorenen Kinde galt, allem dem mochte ich nicht nachforschen, obgleich ich es wohl bemerkte. Dagegen studierte ich eifrig arabisch und pflegte die Bekanntschaft eines gelehrten Mauren, dessen Unterhaltung mir ganz besonderes Vergnügen gewährte und noch gewährt. Ich habe im Sinn, seine Tischreden in einem Buch herauszugeben. Aber jetzt muß ich von Carlotta erzählen.

An jenem Morgen ging sie mit Freuden auf meinen Vorschlag ein, wieder einmal, was wir schon mehrfach getan hatten, zum Gabelfrühstück nach dem »Palmbaumhaus« zu reiten. Sicherlich nur mir zu Gefallen hatte sie ihre natürliche Trägheit herzhaft überwunden, und zwar so gründlich, daß ihr unser Nomadenleben auf Dampfern und mit Karawanen allmählich wirklich Vergnügen machte, ja, sie war geradezu rastlos geworden, voller Begier nach andern Umgebungen und neuen Eindrücken. Ich war es gewesen, der in Mogador endlich Halt gebot, indem ich dieses vollständig eingerichtete Haus mietete, das einem augenblicklich in Europa weilenden deutschen Kaufmann gehört; denn ich sehnte mich nach einer Ruhepause. Ich bin nicht so jung wie Carlotta, und die Tatsache, daß die Welt rund ist, ist mir schon so lange klar, daß ich inzwischen schläfrig geworden bin. Wenn Carlotta sich selbst überlassen worden wäre, so würde sie bis zum jüngsten Tag auf Kamelen durch Afrika geritten sein. Sie hatte sich außerordentlich verändert. Anstatt in mir nur den liebenswürdigen Lieferanten von Bonbons und andern Lebensbedürfnissen zu sehen, auf die sie, nur weil sie die Gnade hatte, Carlotta zu sein, Anspruch erheben konnte, behandelte sie mich jetzt mit einer freundlichen Zuneigung und Teilnahme, stellte ihre eigenen Wünsche in den Hintergrund und war nur ängstlich darauf bedacht, den meinen zuvorzukommen. Süßigkeiten liebte sie aber nach wie vor, und sie verzehrte das abscheuliche maurische Zeug mit einer Gier, die ebenso groß war wie mein Widerwille davor. Ja, sie war noch immer die alte Carlotta. Anderseits aber hatte sie seit kurzem die Gewohnheit, mich zu liebkosen, aufgegeben. Wenn sie ihre Hand auf meinen Arm legte, tat sie es so ängstlich, daß ich sie auslachte, und darüber wurde sie dann verwirrt. Früher hatte sie mich mit ihren Zärtlichkeiten oft ganz außer mir gebracht, aber jene Tage waren nun vorüber; ach ich war alt geworden, alt wie die Sphinx, über die wir einst in Ägypten kluge Betrachtungen angestellt hatten. Wir frühstückten also im »Palmbaumhaus« und ritten gegen Abend, als es kühler wurde, nach Mogador zurück. Wir waren allein; da wir den Weg über das kleine Stück Wüste kannten, brauchten wir keinen Führer mit der unvermeidlichen Schar augenleidender Betteljungen, die den Touristen auf seinen Wanderungen wie Fliegenschwärme belästigen. Zu unsrer Rechten begrenzte der nahe Horizont die Wüste; zur Linken versperrten Sandhügel und Felsblöcke die Aussicht; vor uns war die glänzende Linie, hinter der die See und die Stadt liegen. Einsamkeit und Schweigen umgab uns. In der klaren afrikanischen Luft heben sich die Dinge mit unglaublicher Deutlichkeit vom Horizont ab.

In meine eigenen Gedanken versunken, war ich Carlotta ein Stückchen vorausgeritten, und wie es dem Menschen so manchmal zu gehen pflegt, überkam mich die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren, dem Glück. Plötzlich vermißte ich Carlotta, und als ich mich umwandte, hatte ich ein so wunderschönes Bild vor mir, daß mein Herz fast ängstlich zu klopfen begann: Carlotta auf ihrem fremdartig aufgezäumten und gesattelten Maultier. Aber es war eine durch Farbenpracht verklärte Carlotta! Sie hielt einen aufgespannten Sonnenschirm über dem Kopf, den sie zu ihrem Entzücken und meinem Abscheu in Mogador gekauft hatte; es war ein ganz unglaubliches brandrot und safrangelbes Möbel, ein abscheuliches, nur für eine Posse passendes Ding – oder für diesen afrikanischen Nachmittag! In der Beleuchtung durch das grelle Sonnenlicht schien es, als fließe das leuchtende Rot und Gelb des aufgespannten Schirmes wie Wein über Carlottas goldbraunes Haar, ihren weißen Schutzhut, ihren rosigen Teint und das schimmernde Weiß ihrer seidenen Bluse herab; das ganze Bild hob sich scharf von dem tiefblauen Himmel ab. Es war eine strahlende Vision! Mit offenem Mund und von jenem Schmerz ergriffen, den der unerwartete Anblick vergänglicher Lieblichkeit manchmal in uns hervorruft, starrte ich die näherkommende Carlotta an, deren Gestalt, den Trabbewegungen ihres fremdartigen Zaumtieres folgend, auf- und niederwippte, während ihre Augen auf mich gerichtet waren. Sie parierte, und wir sahen einander einen Augenblick an, und da zum ersten Male erkannte ich in ihren wundervollen Augen eine ergreifende Traurigkeit, ein geistiges Flehen. Doch schon war der Augenblick vorüber, und stumm ritten wir nebeneinander weiter. Ich sah sie nicht an; eine unbestimmte Unruhe hatte mich erfaßt: Dinge, die ich für tot und begraben gehalten hatte, regten sich wieder in meinem Herzen. Jetzt tauchte die Stadt vor uns auf wie eine Wundererscheinung. Ihre märchenhaften Minarets und Türme ragten weißschimmernd durch die hellvioletten Farbentöne der Luft zum tiefblauen Himmel empor. Und die ruhige See lag wie ein Pflaster aus Lapislazuli der Stadt zu Füßen. Aber alles war schemenhaft, unkörperlich. Ganz draußen lag auf einer Palmengruppe ein opalartiger Widerschein. Ein leichtes Lüftchen hatte sich erhoben, das feinen Sand aufwirbelte, durch den das Märchenland am Horizont sich wie eine Luftspiegelung bewegte.

»Es ist eine Märchenstadt,« sagte ich voll Bewunderung.

Carlotta gab keine Antwort, und ich dachte, sie habe mich nicht gehört. Schweigend trabten wir weiter. Endlich ritt sie ganz nahe zu mir her.

»Werden wir jemals dahin kommen?« fragte sie und deutete mit der die Zügel führenden Hand vorwärts.

»Nach Mogador? Ja, ich hoffe doch,« antwortete ich lachend und dachte, sie sei müde.

»Nein, nicht nach Mogador. In die Märchenstadt, wohin jedermann kommen möchte.«

»Du bist weit herumgekommen, liebes Kind,« sagte ich, »und sehnst dich nun nach Märchenstädten und nach dem Unerreichbaren. Ich kannte einmal ein kleines Mädchen, das hätte gefragt: Was ist eine Märchenstadt?«

»Danach fragt es jetzt nicht mehr, weil es das schon weiß,« erwiderte Carlotta. »Nein, wir werden nie dahin kommen. Es sieht jetzt aus, als ob wir gerade darauf zuritten, aber wenn wir näherkommen, ist es nur Mogador.«

»Bist du nicht glücklich, Carlotta?« fragte ich.

»Bist du's, Siir Markuus?«

»Ich? O, ich bin ein Philosoph, und ein glücklicher Philosoph wäre ein lusus naturae, eine Mißgeburt, ein Gegenstand für ein Barnum- und Bailey-Museum! Wenn die beiden ihn erwischten, würden sie ihn zwischen den behaarten Menschen und das lebendige Skelett stellen.«

»Ich glaube, ich bin auf dem Wege, auch ein Philosoph zu werden, und das ist mir verhaßt,« sagte Carlotta. »Manchmal ist mir's, als haßte ich alles und jedermann – nur dich ausgenommen, Siir Markuus Liebling. Es ist böse von mir. Ich muß schon böse geboren sein. Aber früher war ich so glücklich; da hatte ich nie Sehnsucht nach Märchenstädten. Da war ich gerade wie eine Katze. Wie Polyphem. Erinnerst du dich noch an Polyphem?«

»O ja,« antwortete ich. Und durch diese Unterhaltung mit Carlotta aus dem Gleichgewicht gebracht, fügte ich hinzu: »Ich habe ihn umgebracht!«

Erschreckt sah sie mich an.

»Du hast ihn umgebracht? Warum?«

»Er lachte mich aus, weil ich unglücklich war.«

»Durch mich?«

»Ja, durch dich. Aber das hat jetzt nichts damit zu tun, und wir wollen nicht weiter über Polyphems Tod reden. Wir waren an den Philosophen, und du sagtest, daß du als Philosoph alles und jedermann haßtest, mich ausgenommen. Warum schließest du mich aus, Carlotta?«

Wir ritten so nahe nebeneinander, daß mein Bein ihren Sattelgurt berührte. Ich sah sie fest an, doch sie wandte den Kopf weg und hielt den Possensonnenschirm zwischen uns. Ich vernahm einen leichten unterdrückten Seufzer.

»Komm, wir wollen absteigen und uns dort drüben ein wenig niederlassen – ich möchte weinen.«

»Das ist das Ende aller weiblichen Philosophie,« sagte ich etwas roh. »Nein, es wird spät. Die Stadt vor uns ist nur Mogador; dorthin führt unser Weg.«

Da nahm sie schnell ihren Schirm weg.

»Was hast du, Siir Markuus? So hast du noch nie mit mir gesprochen.«

»Den Kuckuck habe ich,« sagte ich ärgerlich – der Himmel mag wissen, worüber ich so ärgerlich war. »Zuerst verwandelst du dich mit diesem unmöglichen Sonnenschirm, dem blendenden blauen Himmel und dem Sonnenschein in ein Bild aus der Royal Academy, das meiner sentimentalen Seele Schmerz verursacht, und dann –«

»Es ist ein sehr hübscher Sonnenschirm,« meinte Carlotta, ihn ernsthaft betrachtend.

»Gib ihn mir,« sagte ich.

Mit ihrer gewohnten Folgsamkeit reichte sie ihn mir, worauf ich ihn in die Wüste schleuderte. Da er offen war, machte er ein paar lächerliche Sprünge und blieb dann ruhig liegen. Carlotta zog die Zügel ihres Maultiers an.

»O–o!« sagte sie in ihrer alten Art.

Schnell stieg ich ab, half ihr herunter und schob meinen Arm durch die Zügel der beiden Tiere.

»Mein liebes Kind,« sagte ich, »was soll das heißen? Monatelang haben wir das ruhigste und ungetrübteste Dasein geführt; nun fängst du plötzlich an, von Märchenstädten zu sprechen und von der Unmöglichkeit, je hineinzukommen, ich aber werde ärgerlich und werfe Sonnenschirme in Afrika herum. Was soll denn das heißen?«

Das Merkwürdigste daran war aber, daß ich Carlotta wie eine erwachsene Frau, nach Art eines französischen Romanhelden behandelte. Vielleicht war ich doch jünger, als ich gedacht hatte.

Ihre Augen waren fest auf den Boden gerichtet.

»Warum bist du mir böse?« fragte sie leise.

»Ich habe nicht die leiseste Ahnung,« antwortete ich.

Langsam schlug sie die Augenlider auf – o, sehr, sehr langsam – und schaute mich zagend an, während der Schatten eines Lächelns um ihre Lippen huschte. Ich glaube wahrhaftig, der Schelm frohlockte in seinem weiblichen Herzen. Ich drehte mich um, führte die zwei Tiere mit mir fort, hob den Sonnenschirm auf, machte ihn zu und gab ihn ihr wieder in die Hand.

»Ich glaubte, du wolltest weinen?« bemerkte ich dabei.

»Ich kann nicht,« erwiderte Carlotta klagend.

»Und du willst mir nicht sagen, warum du mich von deinem allgemeinen Haß ausnimmst?«

Carlotta scharrte mit ihrer Fußspitze im Sand. Dieser Anblick rief mir die Reihe rosiger Zehen ins Gedächtnis zurück, die sie mir am zweiten Tag nach ihrer Ankunft in London, ohne sich zu schämen, unter die Augen gehalten hatte. Eine alte Hoffnung, eine alte Furcht, ein alter Kampf lebten von neuem auf. Ihre Schönheit war viel hinreißender als die der Carlotta mit den rosigen Zehen, und geistig war sie wiedergeboren. Ich hörte sie flüstern: »Ich kann nicht.«

Nun hatte ich mir mit den heiligsten Eiden geschworen, daß ich bis an mein Ende Carlottas Großvater sein würde. Und bis heute hatte diese Rolle auch meinen Gefühlen entsprochen. Aber jetzt, ganz plötzlich, sind der graue Bart und die Pantoffel beseitigt, ich bin wieder jung, und in meinem Herzen, das Carlottas Schönheit heftig entgegenschlägt, lodert es heiß auf. Aber ich biß die Zähne fest zusammen.

»Nein,« sagte ich mir. »Vor dieser grotesken Tragödie soll der Vorhang nicht noch einmal aufgehen.«

Ich warf Carlottas Maultier, das uns beide im Verein mit seinem Genossen dumm-gutmütig angestarrt hatte, die Zügel über den Hals.

»Es wäre besser, wenn wir weiterritten, Carlotta,« sagte ich. »Komm, steig auf.«

Ganz sanftmütig setzte sie ihren kleinen Fuß auf meine Hand, und ich hob sie in den Sattel.

Bis Mogador wechselten wir kein Wort mehr, aber jedes fühlte, daß sich etwas ereignet hatte.

Das Essen nahmen wir wie gewöhnlich zusammen ein; dabei sprach Carlotta etwas fieberhaft von unsern Reisen und verriet durch unzählige Fragen einen beispiellosen Durst nach Belehrung. Aber noch nie habe ich ihr mit weniger Eifer historische Auskunft erteilt.

Nach dem Essen gingen wir auf das flache Dach hinauf. An einem kleinen Tischchen, das neben dem Liegestuhl, meinem gewohnten Platz, stand, schenkte Carlotta den Kaffee ein. Es war eine sternenhelle, träumerische Nacht. Aus irgend einem Café drangen die eintönigen Weisen der maurischen Musik zu uns herauf, doch waren die Töne der harten Saiteninstrumente und der scharfen Männerstimmen durch die Entfernung gemildert. Als ich meinen Kaffee ausgetrunken hatte, nahm mir Carlotta, wie eine aufmerksame Enkeltochter, die Tasse ab und stellte sie weg. Dann blieb sie vor mir stehen.

»Willst du mir nicht ein bißchen Platz auf deinem Stuhl machen, Siir Markuus Liebling?«

Rasch nahm ich meine Füße vom Fußende weg, und sie setzte sich nieder. Übrigens muß ich bemerken, daß ich nicht etwa wie ein orientalischer Pascha den einzigen Stuhl auf dem Dach innehatte.

»Erzähle mir von den Sternen,« sagte Carlotta.

Ich wußte, was sie hören wollte. Sie liebte die alten griechischen Sagen leidenschaftlich, und obgleich meine nüchterne Prosa der unsterblichen Poesie dieser Sagen durchaus nicht gerecht wurde, machten sie doch einen tiefen Eindruck auf Carlottas jugendliche Phantasie. Ich suchte am Himmel nach einem Thema und fand es in den Plejaden. Und nun erzählte ich ihr, die Plejaden seien die sieben Töchter des Atlas und der Pleione, die selbst die Tochter des Meeres gewesen sei. Alle sieben, mit Ausnahme einer einzigen, seien reine Jungfrauen und die Gespielinnen der Artemis gewesen. Dann habe Orion, der Jäger – der später von Artemis erschlagen worden sei und dessen Gürtel mit den drei Sternen auch droben am Himmel glänze – die sieben Töchter mit bösen Absichten verfolgt; aber diese hätten die Götter um Hilfe angefleht und seien von ihnen in ewige Sterne verwandelt worden. Aber die eine von ihnen, die keine Jungfrau mehr war, weil sie einen Sterblichen geliebt hatte, habe sich aus Scham darüber immer weiter von ihren Schwestern zurückgezogen, so daß sie dem menschlichen Auge unsichtbar geworden sei.

»Sie schämte sich,« sagte Carlotta leise, »weil sie nachher einen andern liebte, einen der Götter; der gönnte ihr aber keinen Blick, weil sie sich einem Sterblichen hingegeben hatte. Bei einer Frau brennt dann hier innen ein Feuer« – sie preßte die Hände aufs Herz – »und sie möchte so gern, so schrecklich gern verbrennen, ganz und gar sich in nichts auflösen.«

Während der letzten Worte wollte Carlotta schnell aufstehen, aber ich legte ihr meine beiden Hände auf die Schultern.

»Carlotta, Kind,« sagte ich, »was willst du denn damit sagen?«

Sie ergriff meine Handgelenke und bemühte sich, aufzustehen, indem sie verzweiflungsvoll und schweratmend sagte: »Du bist einer der Götter, und ich – ach, ich wollte, ich wäre in einen unsichtbaren Stern verwandelt.«

»Ich nicht,« sagte ich heiser.

Mit Gewalt zog ich sie an mich und drückte meine Lippen auf die ihrigen. Sie gab nach, und mit diesem Kuß schenkte sie mir ihre ganze Seele.

»Wie wohl tut es mir, daß ich mich wieder an dich anschneckeln kann,« sagte nach einiger Zeit meine stets offenherzige Carlotta. »Ich habe es schon so lange nicht mehr getan – o, so lange nicht,« fügte sie mit einem befriedigten Seufzer hinzu. »Siir Markuus –«

»Du mußt jetzt Markus zu mir sagen,« bemerkte ich etwas abgeschmackt.

Sie schüttelte ihr auf meiner Schulter ruhendes Köpfchen. »Nein, Markus oder Sir Markus bist du für jedermann, für mich bleibst du immer Siir Markuus. Siir Markuus Liebling,« flüsterte sie nach einer Pause, »früher kannte ich den Unterschied zwischen einem Gott und einem Sterblichen nicht. Erst an jenem Morgen, als ich aufwachte –«

»Da hieltest du mich für einen Heiligen in einem Schlafrock,« sagte ich.

»Das ist einerlei,« erwiderte sie, und ihr Gleichnis wieder aufnehmend, erzählte sie mir in ihrer natürlichen Art die Vorgänge in ihrem Herzen seit jenem Morgen; doch was sie sagte, ist mir heilig. Und ein Mann fühlt nur zu gut, welch ein elender Hund von einem Gott er ist, wenn eine Frau ihm erzählt, wie sie dazu kam, ihn auf ihren Hochaltar zu stellen.

Später schlugen wir in unsrer Unterhaltung leichtere Saiten an und sprachen von der Gegenwart, dem Zauber der jetzigen Stunde, der balsamischen Luft, den afrikanischen Sternen.

»Liebling,« sagte ich, »ich glaube, wir sind schließlich doch in Nephelokokkygia angekommen.«

»Was ist Nephelokokkygia?«

Ich ließ mich erweichen und sagte: »Das ist eine gemeine Aristophanische Satire auf unsre Märchenstadt.«

*

So ist aus Bösem Gutes geworden, aus Schmerz ist Glück erwachsen, aus Furchtbarem ewige Liebe. Manche werden sagen, daß ich mich Carlotta gegenüber in jeder Beziehung wie ein Tor benommen habe, und daß meine Heirat aller Torheit noch die Krone aufgesetzt habe. Gut – aber ich gebe auch gar nicht vor, klug zu sein. Klugheit hätte mich mit fünftausend Pfund Sterling im Jahr, einer glänzenden Stellung, meiner Base Dora und einem der ewigen Vernichtung vorangehenden frühzeitigen Alter verheiratet. Nein, ich bleibe dabei, meine Rettung lag in der Torheit. Man kann mir auch vorwerfen, ich hätte mein Leben vergeudet und hätte mit all meiner Gelehrsamkeit nichts erreicht. Einst dachte ich das auch. In meinem Tagebuch rühmte ich mich dessen sogar, als ich mich höchst wohlgefällig einen »Verschwender in der Werkstatt der Erde« nannte. O, dieses Tagebuch! Hört es alle, feierlich nehme ich hiermit jede unreife Behauptung, jede törichte Ansicht über das Leben, die ich in diesen verrückten Aufzeichnungen vorgebracht habe, zurück und schwöre sie ab! Ich halte mich für keinen Verschwender – ich erinnere mich an eine Stelle von Epiktet, die von der Vorsehung handelt: »Denn was kann ich, ein lahmer, alter Mann, andres tun, als zur Ehre Gottes Psalmen singen? Wenn ich eine Nachtigall wäre, würde ich wie eine Nachtigall leben; wäre ich ein Schwan, würde ich mich gebärden wie die Schwäne. Da ich aber ein vernünftiges Wesen bin, muß ich Gott loben; das ist mein Amt, das ich erfülle, und das ich nicht aufgeben will, solange ich fähig bin, es zu verwalten, und ich ermahne euch, in diesen Lobgesang einzustimmen!«

Nein, ich bin weder eine Nachtigall noch ein Schwan und kann nicht wie diese zur Schönheit der Erde beitragen. Dem alten, lahmen Mann sind die Grenzen eng gezogen, aber innerhalb dieser kann er, indem er sein Amt treu verwaltet und Gott preist, seinen Lebenszweck erfüllen.

Carlotta, die eben auf der Plattform erscheint, um mich zum Gabelfrühstück zu holen, sieht mir beim Schreiben dieser Worte über die Schulter.

»Aber du bist doch kein lahmer, alter Mann!« ruft sie entrüstet. »Du bist der jüngste und kräftigste und klügste Mann auf der ganzen Welt!«

»Was soll ich mit diesen wunderbaren Gaben anfangen?« frage ich lachend.

»Berühmt werden,« antwortet sie vollständig überzeugt.

»Gut, dann müssen wir aber in irgend einen neuen Weltteil ziehen, wo ein Anfänger leichter zu Berühmtheit gelangen kann als in London. Und wir wollen Antoinette und Stenson kommen lassen, damit sie uns dabei helfen.«

»Das wird sehr nett werden,« bemerkt sie.

Also berühmt soll ich werden! Ce que femme veut, Dieu le veut! Und Carlotta hat jetzt auch eine Seele und beabsichtigt, guten Gebrauch davon zu machen. Ob ich dann König von Neubabylon, Ministerpräsident von Neuseeland oder der Gesetzgeber irgend eines polynesischen Stammes werden soll, liegt als großes Geheimnis bis jetzt noch im Schoß der Götter verborgen, dem es Carlotta, wenn sie die Zeit für gekommen hält, zweifellos entreißen wird.

»Du schreibst aber fürchterlich viel Unsinn,« sagt Carlotta.

»Und ein wenig Wahrheit. Das Leben ist eine Mischung von beidem,« lautet meine Antwort.

 

Ende.

 

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