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Carlotta. Erster Band

William John Locke: Carlotta. Erster Band - Kapitel 7
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authorWilliam J. Locke
titleCarlotta. Erster Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1909
translatorPauline Klaiber
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180620
projectid78b563d8
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Sechstes Kapitel

1. Juni.

Heute abend speiste Sebastian Pasquale mit mir. Antoinette vergaß ihre Götzendienerei und widmete ihr ganzes Denken und Handeln den Geheimnissen ihrer wahren Religion. Der großartige Erfolg ihrer Anstrengungen machte einen solchen Eindruck auf Pasquale, daß er mit seiner gewohnten Mißachtung der herrschenden Sitten darauf bestand, ich müsse Antoinette hereinrufen, damit er ihr seine Anerkennung aussprechen könne. Als sie erschien, stand er auf und machte ihr eine Verbeugung, als wäre sie eine Marquise aus der Zeit vor der Revolution.

»Das war eine Mahlzeit,« sagte er, seine Fingerspitzen küssend, »die man nicht sitzend, sondern knieend hätte einnehmen sollen.«

»Das haben Sie Heine gestohlen,« sagte ich, als das entzückte Geschöpf wieder verschwunden war. »Aber vor Antoinette taten Sie, als sei es Ihre eigene Weisheit.«

»Mein lieber Ordeyne, haben Sie je gehört, daß ein Mann einer Frau etwas Selbsterfundenes sagte?«

»In solchen Dingen sind Sie besser bewandert als ich,« sagte ich, und Pasquale lachte.

Es war mir ein Vergnügen, ihn wiederzusehen – diesen Menschen voll übersprudelnder Lebenskraft, dem die Zeit nichts anhaben kann. Sowohl seine Glieder als sein Geist sind noch ebenso beweglich wie in seinen Knabenjahren. Ich verstehe gar nicht, wie er zu einer Würdigung der Vorzüge von Antoinettes Kochkünsten hatte gelangen können, denn während des ganzen Essens erzählte er mir sehr lebhaft von seinen höchst zweifelhaften Abenteuern in fremden Städten. Unter anderm scheint er auf dem Theater der bulgarischen Politik die Rolle eines jugendlichen Anführers gespielt zu haben. Auch von jener Wiener Tänzerin berichtete er. Meine eigene kleine Chronik, die ich ihm auf sein Drängen preisgeben mußte, war im Vergleich zu der seinigen wie die eines eingesperrten Kanarienvogels im Vergleich zu der eines Falken. Überdies kann ich mich nicht so aussprechen wie Pasquale, und über gewisse Dinge schweige ich lieber. Er begleitet seine Reden auch immer mit allerlei Gesten, und das ist meiner Natur ganz fremd. Judit würde sagen, er habe Temperament. Seine stolz aufgedrehten Schnurrbartenden reichen fast bis zu seinen blitzenden dunklen Augen. Noch ein andrer Unterschied zwischen uns besteht darin, daß ihm seine Kleider wie angegossen sitzen, während meine so faltig an mir herumhängen wie an einem Kleiderstock. Nie und nimmer könnte ich Abenteuer wie Pasquale erleben, wären auch die äußeren Umstände noch so wunderlich.

Und er hält sie noch für zahm! Himmel, wenn ich in Sofia auf einem Nest von geladenen Revolvern säße, so wäre es mir zu Mut, als ob alle Insassen eines Tollhauses auf mich losgelassen würden.

»Aber Menschenkind!« rief ich. »Was in aller Welt wollen Sie denn eigentlich?«

»Kämpfen will ich,« erwiderte er. »Die Erde ist zu alt und friedlich geworden. Das Leben ist blutleer. Wir brauchen Farbe, ordentliche rote Spritzer, ein gutes, gesundes Blutbad! Aderlässe!«

»Da brauchen Sie nur in ein Berliner Café zu gehen und den nächsten besten Leutnant, den Sie dort treffen, an der Nase ziehen!« rief ich. »Auf diese Weise werden Sie nach Herzenslust Blut zu sehen bekommen.«

»Alle Wetter!« rief er aufspringend. »Welch ein Lebenszweck für einen Mann – die Ausrottung des preußischen Leutnants!«

Ich lehnte mich in meinem Fauteuil zurück – es war nach dem Essen – und lächelte über sein Ungestüm. Ein gewöhnlicher Mensch springt während der Verdauung nicht so herum.

»Sie wären als ein Uskoke glücklich gewesen,« sagte ich. (Ich bin eben mit dem Lesen dieser sittsamen Geschichte fertig geworden.)

»Wer ist denn das?« fragte er, und ich klärte ihn auf.

»Das Interessante an den Uskoken ist,« fügte ich hinzu, »daß sie eine Seeräuberbande des sechzehnten Jahrhunderts bildeten, der Geistliche, Mönche, Krämer, Frauen und Kinder, kurzum die ganze Einwohnerschaft von Segna als Mitglieder angehörten, die sogar am Gewinn teilnahmen. Die Leute von Segna waren aber auch fromm, und das Auslaufen der Piratenflotte zur Oster- und Weihnachtzeit wurde durch kirchliche Zeremonien gefeiert. Dann durchschifften sie die Meere, nahmen Kauffahrteischiffe weg, ermordeten die Besatzungen – ihre einzigen Waffen waren Beile, Dolche und Arkebusen – landeten an schutzlosen Ufern, plünderten Dörfer und entführten hübsche Mädchen, mit denen sie ihren heimatlichen Bestand an Weibern ergänzten. Wahrlich, sie müssen ein lebhaftes Völkchen gewesen sein!«

»Was für ein alter ›Brigant‹ Sie doch sind!« rief Pasquale aus, der während meiner Erzählung den Teppich neben seinem Stuhl aufmerksam betrachtet hatte.

Ich lachte. »Ist Ihnen niemals ein gewisser Dualismus unsrer Natur aufgefallen? Wir haben eine ursprüngliche oder alltägliche Natur – ein Ding der Gewohnheit, der Überlieferung, der Verhältnisse – und wir haben noch eine zweite Natur, die nach den verschiedensten Erregungen verlangt, sich aber mit den erreichbaren Genüssen ganz zufrieden gibt. Es gibt zartbesaitete Schriftsteller, die eine Art sekundärer Berserkerwut ihrer Natur damit zufriedenstellen, daß sie Bücher schreiben, deren Inhalt von Blut trieft. Ich kenne einen pater familias mit einer goldenen Brille auf der Nase, der der ruhigste, gutmütigste Mensch von der Welt ist, es aber für grausam hält, lebende Austern zu essen; dieser selbe Mann aber hat eine sonderbare Leidenschaft für Verbrechergeschichten und frönt dieser Leidenschaft, indem er sein Studierzimmer in ein musée macabre mit Reliquien von Mördern verwandelt. Mit dem Daumengelenk eines berühmten Verbrechers kann er raffiniert krankhafte Erregungen hervorrufen, während die Blutflecken auf dem Messer eines Meuchelmörders ihm die köstliche Wollust des Blutdursts gewähren. Auf dieselbe Weise verschaffen sich geborene alte Jungfern durchs Lesen überspannter Liebesgeschichten sozusagen einen Ersatz für den Genuß zarter Leidenschaften.«

»Gerade wie der philosophische alte Holzklotz Sir Markus Ordeyne aus dem da ...!« sagte Pasquale. Dabei griff er auf den Boden und hielt den verführerischsten roten Atlaspantoffel, den ich je gesehen habe, an der Spitze eines ungeheuerlichen Absatzes in die Höhe.

Voll tiefen Abscheus betrachtete ich das Ding. Ich hätte gern hundert Pfund gegeben, wenn es plötzlich verschwunden wäre. Sein rotatlaßnes Dasein war an und für sich schon tadelnswert, als Beweis aber für die Nähe einer Weiblichkeit geradezu kompromittierend. Wie kam es daher? Ich vermutete, daß Carlotta ins Wohnzimmer eingedrungen war und wie das Aschenbrödel den Pantoffel auf der Flucht verloren hatte, als sie mich vor dem Essen ins Haus kommen hörte.

Pasquale hielt den Pantoffel in die Höhe und sah mich spöttisch an. Ich mache gar keinen Anspruch auf Sittenstrenge, aber ein ungerecht des Diebstahls angeklagter Einbrecher ist viel empörter und entrüsteter über diese Beschuldigung, als es jeder andre tugendhafte Mensch wäre. Jetzt bedauerte ich, Pasquale nicht in den Klub zum Essen eingeladen zu haben, denn gerade Pasquale wollte ich nichts von Carlotta sagen. Tatsächlich sehe ich auch gar keinen Grund ein, warum ich sie all meinen Bekannten vorstellen sollte. Sie ist meinem Haushalt ja nur durch einen Zufall einverleibt worden.

Ich stand auf und klingelte.

»Der Pantoffel,« sagte ich, »gehört nicht mir und sollte wirklich nicht hier sein.«

Pasquale legte ihn in meine ausgestreckte Hand.

»Er muß an einen außerordentlich hübschen Fuß passen,« sagte er.

»Ich versichere Ihnen, mein lieber Pasquale,« erwiderte ich trocken, »ich habe den Fuß, dem er passen mag, noch nie gesehen.«

Das hatte ich auch wirklich nicht. Eine Reihe rosiger Zehen ist kein Fuß.

»Stenson,« sagte ich, als mein Diener erschien, »bringen Sie dies hier Fräulein Carlotta und sagen Sie ihr mit einer Empfehlung, sie hätte ihn nicht im Wohnzimmer liegen lassen sollen.«

Stenson, der gedacht hatte, ich klingelte um Whisky, war mit der Flasche und Gläsern hereingekommen. Als er das Präsentierbrett auf den kleinen Tisch niedersetzte, bemerkte ich, daß Pasquale mit offenbarer Neugier meines Dieners starres Gesicht betrachtete. Aber den Pantoffel erwähnte er nicht mehr. Von dem Whisky mit Sodawasser, den ich ihm einschenkte, nahm er einen großen Schluck, zwirbelte dann seinen stolzen Schnurrbart und brach plötzlich in ein schallendes Gelächter aus.

»Ich habe Ihnen noch nie etwas von der Gräfin Wentzel erzählt, und ich weiß auch nicht, warum sie mir jetzt gerade einfällt. Seit die Welt steht, ist so etwas nicht vorgekommen. Denken Sie sich, eine wirkliche, lebendige, aristokratische Gräfin mit vierundsechzig –«

Und er erzählte eine äußerst skandalöse, erstaunliche, unglaubliche, aber höchst unterhaltende Geschichte, die mir indes bekannt vorkam.

Endlich sagte ich: »Das ist Zug für Zug eine Szene aus › L'histoire comique de Francion‹.«

»Davon habe ich noch nie etwas gehört,« sagte Pasquale aufbrausend.

»Es war der erste französische Sittenroman, der ums Jahr 1620 erschien und von einem gewissen Sorel geschrieben wurde. Aber es fällt mir nicht im Traum ein, Sie des Plagiats zu beschuldigen, mein lieber Junge, das wäre abgeschmackt; mir fiel nur die lächerliche Übereinstimmung auf. Sie und die Gräfin und alle die andern führten nur eine dreihundert Jahre alte Posse wieder auf.«

»Unsinn!« sagte Pasquale.

»Ich werde sie Ihnen zeigen!«

Nachdem ich ein paar Augenblicke auf meinen Bücherständern gesucht hatte, fiel mir ein, daß das Buch im Eßzimmer sei. So ließ ich denn Pasquale allein und ging hinunter. Das Buch stand für gewöhnlich auf einem der obersten Bretter fast an der Decke. Mein Eßzimmer wird von einer verschleierten elektrischen Lampe, die über dem Tisch hängt, erhellt, die Wände liegen also in tiefem Schatten, und ich habe mich schon oft darüber geärgert, wenn ich rasch ein Buch holen wollte. Ich muß an der Decke noch einige Lampen anbringen lassen. Auf einem Stuhl stehen und Wachszündhölzer verbrennen zu müssen, um ein bestimmtes Buch zu finden, ist ebenso unwürdig als unbequem. Der Schein von vier nach und nach verbrannten Wachszündhölzern fiel nicht auf » L'histoire comique de Francion«.

Es ärgert mich grenzenlos, wenn ich ein Buch nicht gleich finden kann. Ich wußte, Francion war auf einem der obersten Bretter, und lieber hätte ich die ganze Nacht mit Suchen verbracht, als unverrichteter Dinge wieder hinaufzugehen. Nun, jedermann hat solch eine harmlose Torheit an sich, und dies ist nun einmal die meinige. Ich muß wohl zwanzig Minuten auf der Bücherjagd gewesen sein. Ganze Stöße von Büchern zog ich heraus und leuchtete mit brennenden Zündhölzern dahinter, bis meine Hände ganz staubig waren. Endlich fand ich das Buch hinter einem Stapel zerrissener französischer Romane; im Triumph brachte ich es in den Lichtkreis am Tisch und schlug die fragliche Szene auf. Mit dem Daumen zwischen den Blättern kehrte ich ins Wohnzimmer zurück.

»Es tut mir leid, daß –« begann ich, brach aber schnell ab. Ich wollte meinen Augen nicht trauen. Da, in die Sofaecke geschmiegt und sich mit Pasquale unterhaltend, als hätte sie ihn schon jahrelang gekannt, saß Carlotta.

Sie muß meine gerechte Mißbilligung auf meinem Gesicht gelesen haben, denn sie rannte zu mir her.

»Sie sehen, ich habe Fräulein Carlottas Bekanntschaft gemacht,« sagte Pasquale.

»Es scheint so,« erwiderte ich.

»Stenson sagte mir, du habest gewünscht, ich solle in meinen roten Pantoffeln ins Wohnzimmer kommen,« erklärte Carlotta.

»Da muß Stenson meinen Auftrag falsch ausgerichtet haben.«

»Willst du mich denn nicht haben, und soll ich wieder gehen?«

O diese Augen! Ich werde ihrer nachgerade überdrüssig! Ich zögerte und – war verloren.

»Bitte, laß mich dableiben und mit Pasquale sprechen!«

»Herrn Pasquale,« verbesserte ich.

Sie wiederholte meine Worte mit glockenhellem Lachen, und meine Zustimmung voraussetzend, schmiegte sie sich wieder in die Sofaecke.

Seufzend nahm ich meinen alten Platz wieder ein; es wäre roh gewesen, wenn ich sie hinausgewiesen hätte.

»Hier ist es viel netter als in Alexandretta, nicht wahr?« sagte Pasquale ganz vertraulich. »Und Sir Markus ist doch auch viel besser als Hamdi Effendi?«

»O ja, Siir Markuus läßt mich tun, was ich will.«

»Fällt mir gar nicht ein. Das wäre noch schöner!« rief ich aus. »Das abgeschlossene Leben im Orient läßt dir die verhältnismäßige Freiheit, deren du dich in England erfreust, das heißt die Befreiung aus der früheren Einschränkung, übermäßig groß erscheinen.«

Wie mir scheint, mache ich immer Eindruck auf Carlotta, wenn ich recht lange volltönige Worte gebrauche.

»Wenn Sie über die Gartenmauer weg eine Liebschaft anfangen konnten, müssen Sie aber auch in Alexandretta ziemlich viel sich selbst überlassen gewesen sein.«

Offenbar hatte mich Carlotta der Mühe enthoben, ihr Hiersein zu erklären.

»Ich traf einmal unsern Freund Hamdi,« fuhr Pasquale fort. »Er war der höflichste alte Spitzbube, der jemals mit einer großen Nase und einem pockennarbigen Gesicht herumgelaufen ist.«

»Ja, ja!« rief Carlotta entzückt. »So sieht Hamdi aus!«

»Ob es wohl irgend einen anrüchigen Ausländer gibt, mit dem Sie nicht bekannt waren?« fragte ich etwas sarkastisch.

»Hoffentlich nicht!« rief er lachend. »Sehen Sie, vor etwa achtzehn Monaten bin ich in Aleppo in eine verdammt böse Patsche geraten und mußte mich aus dem Staub machen. Alexandretta ist der Hafen von Aleppo, und Hamdi ist dort eine Art Oberpolizeidiener.«

»Er ist sehr reich.«

»Das sollte ich meinen. Meine Unterredung mit ihm kostete mich tausend Pfund – der glatzköpfige Schurke!«

»Er ist ein entsetzlich schlechter Mensch!« sagte Carlotta ernsthaft.

»Ich fürchte, Herr Pasquale ist der entsetzlich schlechte Mensch,« sagte ich belustigt. »Was hatten Sie in Aleppo angestellt?«

» Maxime debetur,« antwortete er.

»Die Engländer sind sehr schlimm, wenn sie nach Syrien kommen,« bemerkte Carlotta.

»Woher weißt du das?« fragte ich.

»O, ich weiß es,« erwiderte sie, das Kinn vorschiebend.

»Lieber Freund,« begann Pasquale, indem er sich eine Zigarette anzündete, »ich habe viel im Orient gereist und dabei eine beträchtliche Menge Abenteuer bestanden, und so viel ist sicher, was die orientalische Dame von wichtigen Dingen nicht weiß, ist auch des Wissens nicht wert. Ihr ganzes Leben, von der Wiege bis zum Grabe, besteht aus nichts anderm, als alle ihre Fähigkeiten, die sterblichen wie die unsterblichen, auf zwei wesentliche Fragen zu konzentrieren: Hunger und Liebe.«

»Was ist Liebe?« fragte Carlotta.

»Es ist der Grundfehler der Schöpfung,« erklärte ich.

»Das verstehe ich nicht,« klagte Carlotta.

»Niemand gibt sich die Mühe, Sir Markus zu verstehen,« sagte Pasquale munter. »Wir lassen ihn eben faseln, bis er selbst merkt, daß niemand zuhört.«

»Siir Markuus ist sehr klug,« verteidigte Carlotta ihren Herrn und Gebieter ernsthaft. »Den ganzen Tag liest er in großen Büchern und schreibt auf Papier.«

Ich habe seither darüber nachgedacht, ob das nicht ein so ironisches Urteil war, wie nur je eines gefällt worden ist. Bin ich klug? Wird man durch das Lesen in großen Büchern und das Schreiben auf Papier weise? Salomo sagt, die Weisheit wohne beim Witz und wisse guten Rat zu geben, des Klugen Weisheit sei, daß er auf seinen Weg merke, durch Weisheit und Klugheit werde man behütet vor dem fremden Weibe, vor einer andern, die glatte Worte gibt. Nun, ich bin vor dem fremden jungen Weib, das anfängt, mir glatte Worte zu geben, nicht behütet worden, mein Weg ist mir auch ganz und gar unklar, denn ich weiß nicht, was ich mit ihr machen soll. Damit, daß ich sie zu mir nahm, und überdies erlaube, daß sie sich abends in die Sofaecke schmiegt und meinen Gästen ihre roten Pantoffeln vorweist, habe ich der Klugheit den Laufpaß gegeben. Der einzige gute Einfall, den ich hatte, war der Gedanke, Carlotta das Maschinenschreiben lernen zu lassen, und der selbst ist unbrauchbar. Wenn die Philosophie des ausgezeichneten Verfassers der Sprüche richtig ist, kann ich mich wirklich keiner großen Weisheit rühmen, und keines der großen Bücher sagt mir, was ein Weiser getan hätte, wenn ihm Carlotta in den Anlagen des Embankments begegnet wäre.

Übrigens war meiner Ansicht nach meine eigene Weisheit durchaus kein passendes Unterhaltungsthema, und so lenkte ich die Unterhaltung in die alte Bahn zurück, indem ich Carlotta fragte, warum sie Hamdi Effendi einen entsetzlich schlechten Menschen heiße, worauf sie die überraschende Antwort gab:

»Meine Mutter hat es mir gesagt. Sie hat immer geweint. Sie hat sehr bedauert, daß sie Hamdi geheiratet hat.«

»Arme Frau,« sagte ich. »Hat er sie schlecht behandelt?«

»O ja–a. Sie hatte auch die Pocken, und dann war sie nicht mehr hübsch, und dann nahm Hamdi andre Frauen, und die mochte sie nicht leiden. Sie waren so dick und grausam. Sie hat immer zu mir gesagt, ich solle mich lieber umbringen, als einen Türken heiraten. Hamdi wollte mich vor zwei oder drei Jahren mit Mohammed Ali verheiraten, aber der starb. Als ich sagte, ich sei so froh – (das scheint die gewöhnliche Redensart zu sein, mit der sie Unglücksbotschaften über ihre Bekannten entgegennimmt) –, sperrte mich Hamdi in ein dunkles Zimmer ein. Dann sagte er, ich müsse Mustapha heiraten. Darum bin ich mit Harry durchgegangen. Siehst du? Oh, Hamdi ist entsetzlich schlecht!«

Durch diese Reden und andre Streiflichter, die Carlottas Erzählungen auf ihre Erziehung warf, kann ich mir ein Bild davon machen, wie ihre Mutter, das arme, hübsche, schwache Ding, dessen Gatte tot war und die ein Kind unter dem Herzen trug, dem verliebten Türken nur wenig Widerstand geleistet, sondern vielmehr unter dem ihr gebotenen Dach Zuflucht gesucht hatte. Auch in den vierzehn Jahren ihrer Gefangenschaft kann ich sie mir vorstellen – ihre Enttäuschungen, ihr Herzeleid, ihre Verzweiflung. Kein Wunder, daß dieses Geschöpf, dem jegliche Charakterstärke abging, für ihre Tochter nichts weiter tun konnte, als sie ein bißchen Englisch, sowie die Anfangsgründe des Lesens und Schreibens zu lehren. Zweifellos hatte sie oft und viel über das europäische Leben und von der Freiheit und den Vergnügungen geplaudert, deren sich die Frauen dort erfreuten, aber seit ihrem Tod sind jetzt vier Jahre verflossen, und ihre Erzählungen leben nur noch als dunkle Erinnerungen in Carlottas Gedächtnis.

Daß sich Carlotta unter den ertötenden Einflüssen des Haremlebens die ererbte Lebhaftigkeit bewahrt hat, ist merkwürdig. Sie hat wirklich ein niedliches Kindermäulchen. Wie ein Hund fleht sie mit den Augen, ihr nettes Wesen ist wie das eines kleinen Mädchens, und sie hat nicht den stumpfen, seelenlosen, sinnlichen Blick der echten Türkinnen, den ich so oft in Kairo durch ihre durchsichtigen Schleier hindurch wahrgenommen habe. Diese Türkinnen haben keine anderen Reize als das Fleisch, und auch diesen nur für die Männer, die mit Frauen (die häßlichen natürlich ausgeschlossen) auch nur als soundsoviel Kubikinhalt belebten Urstoffes, belebter Materie rechnen, den Allah ihnen zur Befriedigung ihrer Lüste und zum Kinderzeugen zur Verfügung gestellt hat. Wie ein Engländer sich in eine Türkin verlieben kann, ist mir unfaßlich. Aber daß man sich in Carlotta verlieben könnte, verstehe ich recht gut. Sie hat ja wohl die vererbten Eigenschaften der Engländerin, aber sie sind in das erotische Fahrwasser gedrängt worden und haben sich zu einer Art teuflischer Hexerei entwickelt; ob sich aber Carlotta deren bewußt ist, dessen bin ich nicht ganz sicher. Trotzdem glaube ich nicht, daß sie eine Seele haben kann, im Gegenteil, ich bin jetzt zu dem Schluß gekommen, daß sie keine hat, und ich lasse mich nicht gern in meinen Überzeugungen beirren.

Aber etwas ist mir heute abend zum ersten Male aufgefallen, nämlich wie nüchtern die solide Einrichtung meines Zimmers ist!

Dieser Einrichtung habe ich früher nie einen Gedanken geschenkt. Erst jetzt, wo Carlotta in der Sofaecke thronte, natürlich nach Türkenart mit untergeschlagenen Beinen, und das Licht ein magisches Spiel mit dem Rot, Gold und Braun ihres Haares trieb, während sie vergnügt über Hamdis Schlechtigkeit plauderte, machte ich die verblüffende Beobachtung, welchen dekorativen Wert die Frau doch an und für sich hat.

Ich sehe, ich muß von der Gewohnheit abkommen, auf der Tangente meiner Betrachtungen von dem Zirkel der Unterhaltung abzuschweifen. Jetzt riefen mich Pasquales Worte zurück.

»Also Sie heiraten einen Engländer? Schon alles fix und fertig beschlossen? Was?«

»Natürlich!« rief Carlotta lachend.

»Haben Sie schon festgesetzt, wie er aussehen muß?«

Es entging mir nicht, wie der gewissenlose Don Juan sich instinktmäßig nach Pfauenart brüstete.

»Ich werde Siir Markuus heiraten!« erklärte Carlotta ruhig.

Weder als einen Scherz, noch als einen Wunsch, nein, als ganz gewöhnliche Feststellung einer Tatsache gab Carlotta diese Erklärung ab. Einen Augenblick herrschte verdutztes Schweigen. Pasquale, der eben ein brennendes Streichholz an seine Zigarette hielt, starrte mich an und ließ sich ruhig die Finger verbrennen; ich aber starrte sprachlos Carlotta an.

Eine solche Frechheit!

»Es tut mir leid, dir widersprechen zu müssen,« sagte ich endlich etwas herb, »aber das tust du nicht.«

»Ich werde dich nicht heiraten?«

»Oh!« sagte Carlotta mit enttäuschtem Ton.

Pasquale erhob sich, schlug die Hacken zusammen, legte die Hand aufs Herz und machte einen tiefen Bückling vor ihr.

»Wollen Sie statt diesem Mann von Stein nicht mich nehmen?«

»Mir ist's recht,« antwortete Carlotta.

Ich packte Pasquale am Arm. »Ums Himmels willen, machen Sie keine Späße mit ihr! Sie hat etwa so viel Verständnis für Humor wie ein antidiluvianischer Höhlenbewohner. Jetzt meint sie, Sie hätten ihr einen ernsthaften Heiratsantrag gemacht.«

Pasquale verbeugte sich wieder.

»Hören Sie, was der Mann von Stein sagt? Er verbietet unsern Bund. Wenn ich Sie ohne seine Einwilligung heiratete, würde er mir bei lebendigem Leib die Haut abziehen, mich in kochendes Öl tauchen und mir seine ›Moral der Renaissance‹ vorlesen. Es kann deshalb wohl nichts aus der Heirat werden.«

»Soll ich ihn auch nicht heiraten?« fragte Carlotta und sah mich an.

»Nein!« rief ich. »Du sollst niemand heiraten. Du scheinst heiratswütig zu sein. So durch Zufall heiraten die Engländer nicht. Sie bedenken die Sache erst einige Jahre, und dann kommen sie auf anständige, gottesfürchtige, ehrliche Weise zusammen.«

»Sie heiraten langsam und bereuen schnell,« warf Pasquale dazwischen.

»Ganz recht,« sagte ich.

»Was wir eine Brautbettreue heißen,« meinte Pasquale.

»Ich sagte Ihnen doch, daß das arme Kind keinen Sinn für Humor hat,« entgegnete ich.

»Dann würde ich mich lieber umbringen als heiraten.«

»Du kannst niemand heiraten, Carlotta; solange du keinen Scherz verstehst,« sagte ich.

»Was ist ein Scherz?« erkundigte sich Carlotta.

»Herr Pasquale machte dir einen Heiratsantrag; er meinte es aber nicht im Ernst. Das war ein Scherz. Es war ungeheuer komisch, und du hättest lachen sollen!«

»Wenn mir also irgend jemand einen Heiratsantrag macht, muß ich lachen?«

»So laut du kannst,« antwortete ich.

»Ihr seid recht sonderbar hier in England,« seufzte Carlotta.

Da ich sie nicht unglücklich machen wollte, lächelte ich und sprach dann ihrem Verständnis angemessen mit ihr.

»Nun, nun, wenn du erst alle die englischen Sitten und Gewohnheiten gut gelernt hast, werde ich dir schon einen netten Mann verschaffen. Jetzt aber gehst du am besten zu Bett.«

Ganz getröstet zog sie sich zurück. Als sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, schüttelte Pasquale den Kopf und sah mich an.

»Verschwendet! Strafbar verschwendet!«

»Was?«

»Das!« antwortete er und zeigte auf die Tür, hinter der Carlotta eben verschwand. »Dieses Bündel sinnverwirrender Reize!«

»Das,« sagte ich, »ist eine mir auferlegte schreckliche Strafe, die ich nur mit Aufbietung meiner ganzen hochentwickelten Menschenfreundlichkeit ertragen kann.«

»Sie sollte Margarita heißen.«

»Warum?«

» Ante porcos,« war seine Antwort.

Pasquale hat ohne Zweifel einen feinen Witz, und ich bewundere diesen wie die meisten seiner glänzenden Eigenschaften auch gebührend, aber die Pointe dieser letzten Stichelei ist mir unverständlich. Heute nachmittag im Klub nahm ich einen unterhaltenden französischen Roman » Enfilons des Perles« in die Hand. Auf dem illustrierten Umschlag saß eine Reihe unbekleideter Mädchen in Austernschalen, und der Inhalt des Buches erklärte des Helden Ehrgeiz, aus diesen Perlen einen Rosenkranz zu machen. Also ich sei ein dummer Esel! Warum? Weil ich Carlotta nicht meinem Rosenkranz einreihe. In meinem ganzen Leben habe ich nichts so Ungeheuerliches gehört. Und zudem habe ich ja gar keinen Rosenkranz!

Hätte ich den französischen Roman lieber nicht gelesen. Wäre ich doch nicht hinuntergegangen, um seinen Vorgänger aus dem siebzehnten Jahrhundert zu suchen. Hätte ich doch Pasquale in den Klub eingeladen!

Und an all dem ist Antoinette schuld. Warum kocht sie nicht mittelmäßig, warum nicht weniger anregend? Alles kommt davon, daß ich eine Person im Haus habe, deren Seele im Kochtopf aufgeht.

 

1. Juli.

Fünf Wochen hat Carlotta jetzt unter meinem Dache zugebracht, und von einem Tag zum andern habe ich die unangenehme Aufgabe, Judit über sie aufzuklären, hinausgeschoben, und morgen kehrt Judit zurück. Ich weiß, es ist sonderbar, wenn ein philosophischer Junggeselle ein junges alleinstehendes Mädchen von angenehmem Äußeren seinem Haushalt einverleibt. Ob es sonderbar ist, daraus mache ich mir keinen Pfifferling. Io son'io. Aber die Frage, die mich gelegentlich bewegt, ist die: In welche Kategorie muß man mein Verhältnis zu Carlotta einreihen? Ich betrachte sie nicht als eine Tochter, noch weniger als eine Schwester, nicht einmal als die Schwester einer verstorbenen Gattin. Um mein Sekretär zu sein, ist sie zu unwissend; sie ist in ihrem Wissen vollständig negativ, geradezu ohne alle Begriffe. Mit dem, was sie weiß, könnte man keinen Hund hinter dem Ofen hervorlocken. Aber irgendwie muß ich sie doch einreihen. Ich muß sie doch für irgend etwas ausgeben können. Jetzt nimmt sie in meinem Haus den Platz einer hübschen (und kostspieligen) Angorakatze ein; und gerade wie eine Katze fühlt sie sich auch ganz mollig bei mir.

Eine Lehrerin, ein dickbackiges Mädchen, die, wie ich fürchte, ihre Stellung fast zu humoristisch auffaßt, kommt jetzt morgens, um Carlotta die Anfangsgründe einer guten Erziehung beizubringen. Als ich Fräulein Griggs engagierte, sagte ich ihr, sie müsse geduldig, bestimmt und vor allem konsequent sein, worauf sie erwiderte, diese Eigenschaften seien ihre Spezialitäten. Eine ihrer Schülerinnen sei eine junge Dame vom Alhambraballett, die genau die zu einem neuen »Coupé« passende Art von Bildung verlange. Fräulein Griggs lehrt Carlotta buchstabieren, Messer und Gabel führen und verbessert irrige Ansichten, wie zum Beispiel, daß der Himmel eine über die hübsche Platte Erde gestürzte Glasschale, Sonne, Mond und Sterne aber eine Art elektrischer Lampen seien, die man zur Beleuchtung von Alexandretta und Regent's Park ins Weltall eingefügt habe. In der Religion werde ich Carlotta selbst unterweisen, wenn sie erst so weit vorgeschritten ist, daß sie meinem Unterricht folgen kann. Bis jetzt ist sie, wenn sie überhaupt etwas ist, Muhammedanerin, und sie glaubt fest an Allah. Meiner Meinung nach ist ein lebendiger Theismus für ein junges Mädchen in ihrer Lage vollständig genügend. Nachmittags geht sie mit Antoinette spazieren. Einmal stahl sie sich allein aus dem Hause; sie unterhielt sich eine Weile vorzüglich, verlor dann den Weg und wurde in großer Angst von einem Schutzmann heimgebracht. Was wohl der Schutzmann über sie gedacht haben mag? Die übrige Zeit des Tags verbringt sie mit Bilderansehen und Stickarbeiten. Sie arbeitet an einer großartigen Bettdecke, die ihr für mehrere Jahre harmlose Beschäftigung geben wird.

Wenn ich zu Hause bin, kommt sie jeden Abend eine Stunde ins Wohnzimmer, trinkt Kaffee mit mir und hört meiner belehrenden Unterhaltung zu. Diese Gelegenheit ergreife ich, sie für die tagsüber begangenen Fehler zu tadeln, oder sie für besonders gutes Betragen zu loben. Auch suche ich die ihr durch das vorzügliche Fräulein Griggs beigebrachte allgemeine Bildung zu vervollständigen. Es ist eigentlich sonderbar, aber nach und nach freue ich mich auf diese Abendstunden. Carlotta ist so lenksam, so natürlich. Wenn sie Leibweh hat, teilt sie es mir mit der anziehendsten Offenheit mit. Manchmal halte ich sie, um mit Pasquale zu sprechen, für ein Bündel sinnverwirrender Reize und vergesse, daß sie keine Seele hat. Doch ereignet sich beinahe immer etwas, das mich wieder daran erinnert. Wenn ich ihr Geschichten erzähle, ist sie überglücklich. Neulich erzählte ich ihr ganz feierlich das Märchen vom Aschenbrödel, worüber sie in Entzücken geriet. Das brachte mich auf den Gedanken, ihr Lambs »Erzählungen nach Shakespeare« zum Lesen zu geben. Während ich das noch überlegte und sie sich über das Gehörte freute, fragte sie plötzlich, ob ich eine türkische Erzählung hören wolle. Sie wisse eine Menge netter lustiger Geschichten. Als ich um eine bat, schmiegte sie sich in ihrer Lieblingsstellung in die Sofaecke und begann zu erzählen.

Aber ich erlaubte ihr nicht, die Geschichte zu beenden. Hätte ich das getan, wäre ich ein lasterhaftes Scheusal gewesen. Im Vergleich mit dieser Geschichte ist die ärgste von Scheherezades Erzählungen in der Übersetzung von Burton eine wahre Milchsuppe. Sie schien erstaunt, als ich ihr gebot, aufzuhören.

»Erzählen sich orientalische Damen öfters solche Geschichten?« fragte ich.

»O ja,« erwiderte sie mit offenbarer Verwunderung. »Es ist eine komische Geschichte.«

»Sie ist durchaus nicht komisch!« sagte ich. »Ein Mädchen wie du sollte von solchen Sachen überhaupt nichts wissen.«

»Warum denn nicht?« fragte Carlotta.

Ihre Fragen treiben mich immer in die Enge. Ich versuchte ihr eine Erklärung zu geben, aber das war sehr schwierig. Wenn ich ihr gesagt hätte, eines Mädchens Sinn müsse so rein sein wie eine taufrische Rose, so hätte sie mich nicht verstanden, ja wahrscheinlich hätte sie mich für einen Narren gehalten. Und ich möchte fast fragen, ob es für die fernere Laufbahn eines jungen Mädchens wirklich einen Wert hat, wenn sie so rein wie eine taufrische Rose ist. Um sehr mittelmäßig klavierspielen zu können, muß ein Mädchen viele Jahre lang ermüdende Übungen machen, aber die immerhin etwas wichtigere Fertigkeit, Kinder zur Welt zu bringen, muß sie sich ohne eine einzige vorbereitende Stunde aneignen. Die Schwierigkeit ist, wo die Linie ziehen zwischen dieser taufrischen, aber oft verhängnisvollen Unwissenheit und Carlottas Wissen. Ich halte das für ein sehr zartes und heikles Problem. Die mit diesem jungen Frauenzimmer in Verbindung stehenden Probleme scheinen wirklich endlos zu sein. Doch stören sie mich nicht so sehr, als ich erwartet hatte. Ich glaube wahrhaftig, meine hübsche Angorakatze würde mir jetzt sogar fehlen, wenn sie nicht mehr da wäre. Der Mann, der sich bei ihrem Anblick kalt abwenden könnte, müßte jedes ästhetischen Gefühls bar sein. Und sie hat tausend unschuldige Koketterieen und einschmeichelnde Gewohnheiten. Die Art, wie sie Schokoladebonbons zwischen ihre weißen Zähne steckt und zu gleicher Zeit mit einem spricht, ist geradezu hinreißend. Und sie muß auch Verstand haben. Heute abend zum Beispiel fragte sie, was ich schriebe. Ich erwiderte, eine Geschichte über die »Moral der Renaissance«.

»Was ist Moral und was ist Renaissance?« fragte Carlotta.

Dies ist bei näherer Überlegung wirklich eine tiefsinnige Frage. Philosophen und Historiker haben sich lebenslang umsonst abgemüht, sie zu beantworten. Ich merke, auch ich muß mir große Mühe geben, um sie einigermaßen verständlich zu erklären. So habe ich denn den ganzen Abend damit zugebracht, meine Einleitung umzuschreiben, damit die beiden Ausdrücke für mein Werk festgenagelt sind, und ich finde wirklich, daß sie dadurch gewonnen hat. Das danke ich Carlotta.

Das Kind vertilgt eine unglaubliche Menge Schokoladebonbons; das kann unmöglich gesund sein, und ich muß mich darum bekümmern.

 

2. Juli.

Ein Telegramm von Judit! Sie verschiebt ihre Rückkehr auf Montag. Ich habe mich danach gesehnt, die liebe Judit wiederzusehen, und bin nun sehr enttäuscht. Zugleich ist es aber auch ein Aufschub für die mit jedem Tag schwieriger werdende Erklärung. Um dieses Gefühls der Erleichterung willen hasse ich mich selbst.

Heute abend wurde ein Gesellschaftskleid für Carlotta gebracht, an dem einen ganzen Monat lang gearbeitet worden war. Wie ich mir habe sagen lassen, heißt das bei einer Londoner Kleiderkünstlerin fieberhafte Eile. Um dieses Ereignis zu feiern, nahm ich für heute abend eine Loge im Empiretheater und lud Carlotta ein, mit mir zu essen. Mrs. Mc Murray schickte ich auch eine Einladung.

Carlotta kam um halb acht Uhr nicht herunter. Als wir lange genug gewartet hatten, ging Mrs. Mc Murray hinauf in ihr Zimmer. Sie kam sofort zurück und brachte unter ihrem Schutz eine schüchterne, errötende, verlegene, unglückselige junge Dame, die augenscheinlich geweint hatte. Meine Freundin machte mir ein Zeichen, keine Notiz davon zu nehmen. Den Mangel an Heiterkeit bei dem Kinde schrieb ich der Aufgabe zu, sich zum ersten Male in ihrem Leben an einem zivilisierten feinen Eßtisch zu benehmen. Sie sprach kaum und aß kaum. Ich machte ihr Komplimente über ihr Aussehen; sie aber sah mich so flehentlich an, als hätte ich sie gescholten. Nach Tisch enthüllte mir Mrs. Mc Murray Carlottas Herzeleid! Sie hatte das arme Kind in Tränen gefunden. Niemals könne sie mir in einem so tief ausgeschnittenen Kleid unter die Augen treten, habe Carlotta gesagt. Ihre Schamhaftigkeit war aufs äußerste empört gewesen. Die europäischen Frauen könnten doch unmöglich die Gewohnheit haben, sich so schamlos vor Männern zu entblößen. Erst den runden Schultern und dem vollen Hals des Gastes gelang es, Carlotta zu überzeugen, und sie ließ sich, wenn auch noch immer in einem höchst unbehaglichen Zustand, doch von Mrs. Mc Murray ins Eßzimmer führen.

Als wir im Empiretheater in die Loge traten, führten gerade einige Luftkünstlerinnen ihre Bravourstücke vor. Bei ihrem Anblick stieß Carlotta einen Schrei des Entsetzens aus, sie wurde dunkelrot und wich bis an die Tür zurück. Bei Carlotta tritt immer die wahre Empfindung zu Tage. Sie war wirklich aufs äußerste entsetzt.

»Sie sind ja nackt,« flüsterte sie bebend.

»Ums Himmels willen, erklären Sie es ihr!« sagte ich zu Mrs. Mc Murray und flüchtete mich eiligst in den Wandelgang.

Als ich zurückkehrte, war Carlotta beruhigt. Erstaunt und entzückt folgte sie den Kunststücken einiger dressierter Hunde. Den ganzen übrigen Abend saß sie wie verzaubert da. Der Kleidermangel im Ballett veranlaßte sie allerdings, Mrs. Mc Murray erschreckte Blicke zuzuwerfen; doch Mrs. Mc Murray lächelte ihr beruhigend zu. Die Musik, das bunte Gewoge und die blendende Farbenpracht nahmen bald Carlottas Sinne vollständig gefangen, und als der Vorhang fiel, seufzte sie so tief auf, als erwachte sie aus einem Traum.

Beim Heimfahren fragte sie mich: »Ist es dort den ganzen Tag so? O bitte, laß mich dort wohnen!«

Ein wohlerzogenes achtzehnjähriges englisches Mädchen würde sich nicht ganz unbefangen in einem unbeschreiblichen Morgenkleid vor mir herumtreiben und ihre Zehen tanzen lassen, viel weniger würde sie mir abscheuliche Geschichten erzählen, aber sie trägt tiefausgeschnittene Kleider und betrachtet Damen in Trikot ohne eine Spur von einem schlüpfrigen Gedanken. Ich hatte also ganz recht, daß ich Carlotta sagte, England sei das verkehrte Alexandretta. Was hier unsittlich ist, ist dort sittlich und umgekehrt. Eine Sittlichkeit an sich gibt es überhaupt nicht. Ich bin sehr froh über diesen Vorfall, denn er zeigte mir, daß Carlotta nicht ohne die bessere Art weiblichen Instinktes ist.

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