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Carlotta. Erster Band

William John Locke: Carlotta. Erster Band - Kapitel 6
Quellenangabe
authorWilliam J. Locke
titleCarlotta. Erster Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1909
translatorPauline Klaiber
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180620
projectid78b563d8
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Fünftes Kapitel

26. Mai.

Heute morgen Brief von Judit erhalten.

»Lachen Sie mich nicht aus,« schreibt sie; »der Weg nach Paris ist mit guten Vorsätzen gepflastert. Ich konnte wirklich nichts dafür. Delphine schlang ihre langen Arme um mein ›zurückgezogen und nachdenklich sein wollendes Ich‹ und trug es fort – und da ist es nun mitten drin im Strudel. Besuche in den Gemäldeausstellungen, Mittag- und Abendgesellschaften, Theater und Bälle folgen einander Schlag auf Schlag. Und wenn Sie mich auslachen, muß ich Ihnen das demütigende Geständnis machen, daß ich alles in vollen Zügen genieße.«

Sie auslachen, die Gute! Ich bin nur zu froh, daß sie ihr Winterkleid der Reue von der Hitze der Pariser Sommersaison verzehren lassen kann. In dem unfreundlichen London hat sie so gar wenig Vergnügungen. Mache dein Herz reich, meine Liebe, und sammle Vorrat für die kommenden langweiligen Monate! Ich aber, ich freue mich, nicht in dem Bereich von Delphines langen Armen zu sein. Aber ich muß Judit gleich schreiben und ihr von Carlotta erzählen. Doch nein, ich warte lieber, bis ich etwas mehr von ihr berichten kann. Im Umgang mit Frauen ist Vorsicht geboten. Man ist nie ganz sicher, ob sie nichts weiter sind als Gänse, oder aber die verwickeltsten Wesen der ganzen Schöpfung. Möglicherweise sind sie eine so wunderliche Mischung von beidem, daß man im gegebenen Augenblick nie weiß, welche von den beiden Naturen man berührt, die einfache oder die verwickelte. Ist nicht vielleicht das Bild: Eva in der Mitte zwischen dem unschuldigen Apfel und der verführerischen Schlange, die tiefsinnigste Allegorie? Ich muß wirklich Carlotta etwas näher kennen lernen, ehe ich Judit unbedenklich mit ihrem Dasein bekanntmachen kann.

Jedenfalls ist Carlotta jetzt nicht mehr wie eine Odaliske des zweiten Kaiserreichs gekleidet, und Mrs. Mc Murray hat sie von den bedauernswerten Geschmacksverirrungen der französischen Gauklerin des sechzehnten Jahrhunderts errettet. Meine vortreffliche Freundin lieferte gestern abend um halb acht Uhr ihre erschöpfte Pflegebefohlene, der der Kopf wirbelte, glücklich ab und versicherte mir, ihre Aufgabe sei ganz leicht gewesen, und ihre Erwartungen, die sie auf den Tag gesetzt, seien alle in Erfüllung gegangen. »Es war mir gerade, als ziehe ich eine Puppe an,« erklärte sie strahlend.

Wahrlich ein erhebender Zeitvertreib für eine Frau in gesetzten Jahren! Diesem Gefühl verlieh ich jedoch keinen Ausdruck, denn mit Recht hätte sie mich dann den undankbarsten aller Menschen geheißen. Carlotta sei hinter ihr hergelaufen, so berichtete Mrs. Mc Murray weiter, wie eine aufgezogene Puppe, die sie mit all dem Staat ausgesteuert habe, dessen sie habhaft werden konnte. Augenscheinlich habe die Luft der großen Läden wie ein Betäubungsmittel auf Carlotta gewirkt. Wie in einem Traum habe sie sich bewegt, und die Lust zum Auswählen sei dadurch gelähmt gewesen. Die einzigen Gegenstände, nach denen ihr Herz in einem hellen Augenblick verlangt habe – und zwar mit plötzlicher leidenschaftlicher Begierde – seien ein Paar rote Schuhe mit hohen Absätzen und ein billiger roter Sonnenschirm gewesen. »Sie können sich gar nicht vorstellen,« sagte Mrs. Mc Murray, »was es heißt, all das einzukaufen, was eine Dame nötig hat.«

Ich erwiderte, daß ich eine ehrfurchtsvolle Abneigung vor transzendentaler Philosophie hätte.

»Von einem Stecknadelbrief bis zu einem Theatermantel,« fuhr Mrs. Mc Murray fort.

»Ich fürchte, liebe Mrs. Mc Murray, daß ein Theatermantel nicht die äußerste Grenze weiblicher Bedürfnisse ist,« sagte ich. »Wenn es doch so wäre!«

Darauf erklärte mich Mrs. Mc Murray für zynisch und verließ mich.

Heute morgen unterbrach mich Carlotta in meiner Arbeit.

»Wird Siir Markuus in mein Zimmer kommen und all meine hübschen Sachen ansehen?«

In einer Sommerbluse und einem glatten Rock sah sie so bescheiden aus als nur irgend eine Maid in St. John's Wood. Den Kopf neigte sie ein wenig auf die Seite. In dem Augenblick hatte ich ganz väterliche Gefühle und willigte nachgiebig ein.

Menschenworte sind nicht imstande, all die Menge von den in diesem Zimmer aufgestapelten Putz- und Modewaren zu beschreiben. Wo keine Kleidungsstücke prangten, lag alles voller Pappschachteln und Packpapier. Antoinette stand in einer Ecke und betrachtete die Beute mit einem Lächeln seliger Dummheit. Ich schritt zwischen den raschelnden Papieren und den Pappschachteln hindurch und stand stumm wie ein Fisch vor all diesen Geheimnissen. Carlotta probierte Hüte auf, sie zeigte mir Lackschuhe, sie brachte Blusen und Unterröcke herbei, bis mir die Augen übergingen; jetzt aber schwenkte sie etwas in der Hand.

»Sag mir, ob ich das tragen muß. Mrs. Mc Murray sagte, alle Damen trügen es. Aber wir tragen es nie in Alexandretta, und es tut weh!«

Mit rührendem Ausdruck umspannte sie ihre Taille und sah mich mit ihren großen flehenden Augen an.

» Il faut souffrir pour être belle,« sagte ich.

»Aber bei Mademoiselles Figur ist das ja Unsinn!« rief Antoinette.

»Es ist eine Schande, daß ich über solche Angelegenheiten meine Meinung abgeben soll,« sagte ich von oben herab. Und das war es auch. Aber indem ich so meine Würde wahrte, machte ich Eindruck auf Carlotta.

Mit charakteristischer Offenheit breitete mein junges Fräulein allerlei Sachen, Volants, Stickereien, Bänder, durchsichtige Stoffe, vor mir aus, die der gewöhnliche Mann sonst nur durch die Schaufenster betrachtet, wenn eine philosophische Stimmung ihn veranlaßt, über die unergründliche Eitelkeit des weiblichen Geschlechts Betrachtungen anzustellen.

» Les beaux dessous!« hauchte Antoinette.

»Ganz derselbe Ausruf wurde zweifellos von einer entzückten Gürtelmagd ausgestoßen, als sie die derben leinenen Hemden der Damen des Heptameron sah,« murmelte ich.

Unwillkürlich mußte ich daran denken, in welcher Beziehung doch die Dinge dieser Welt zu einander stehen. Jene Gürtelmagd trug ohne Zweifel einen hänfenen Greuel auf ihrem Körper. Wenn Carlottas feine Toilettentorheiten an dem ausgelassenen Hof der Königin von Navarra erschienen wären – ich möchte wohl wissen, ob wir heute jene ergötzlichen Geschichten zu lesen hätten?

Da Antoinette kein Schriftenglisch versteht und Carlotta nicht eine blasse Ahnung hat, von was ich rede, bin ich Herr der Unterhaltung. Carlotta trat ans Kamin und kam mit einer klebrigen Masse süßen Zeugs zwischen den Fingern zurück.

»Will Siir Markuus davon? Es ist Nougat!«

Ich lehnte ab.

»O,« sagte sie bitter enttäuscht. »Es ist aber gut!«

In den Augen dieses einfältigen Geschöpfs liegt etwas, dem ich nicht widerstehen kann. Sie steckte mir das abscheuliche Stück einfach in den Mund – ich konnte es nicht in die Hand nehmen, denn es war viel zu klebrig – und leckte sich lachend die Finger ab. Mit einem Gefühl von gefährdeter Würde ging ich wieder an meine Arbeit.

 

29. Mai.

Ich ließ Carlotta sagen, daß ich heute nachmittag mit ihr ausfahren wolle. Sie solle sich um drei Uhr bereit halten. Es wird gut für sie sein, wenn sie meine Begleitung als eine seltene, hochzuschätzende Begebenheit betrachtet. Für gewöhnlich wird sie mit Antoinette ausgehen – vorerst wenigstens – wie gestern auch.

Um drei Uhr meldete Stenson, der Wagen sei vor der Tür.

»Gehen Sie hinauf und rufen Sie Mademoiselle,« befahl ich.

In ein paar Minuten kam sie herunter. In meinem ganzen Leben bin ich noch nie so erschrocken! Und ich verlieh meiner Bestürzung in den verschiedensten Sprachen Ausdruck. Noch niemals, weder auf der Bühne, noch sonstwo, habe ich eine solche Erscheinung gesehen! Carlottas Wangen waren ganz weiß gepudert, ihre Lippen granatrot, ihre Augenwimpern und Augenbrauen schwarz geschminkt. In den Ohren trug sie große vergoldete Ohrringe. Sie betrat das Zimmer mit triumphierendem Ausdruck, als wolle sie sagen: »Sieh, wie entzückend ich bin!«

Mein erschreckter Blick machte sie verwirrt und als ich ihr befahl, hinaufzugehen und sich sauber zu waschen, weinte sie.

»Ums Himmels willen, weine doch nicht!« rief ich. »Sonst siehst du aus wie ein Regenbogen.«

»Ich wollte dir gefallen,« schluchzte sie.

»Nur die gewöhnlichsten Tänzerinnen schminken ihre Gesichter in England,« sagte ich, splendide mendax. »Und du weißt, was die in Alexandretta bedeuten.«

»Sie kamen zu Aziza-Zazas Hochzeit,« schluchzte Carlotta hinter ihrem Taschentuch. »Aber alle unsre Damen schminken sich, wenn sie hübsch aussehen wollen. Und das häßliche Ding, das mir weh tut, habe ich angezogen, nur um Siir Markuus zu gefallen.«

Ich wurde mir bewußt, daß ich roh gewesen war. Sie muß Stunden auf ihre Verschönerung verwendet haben. Aber so hätte ich sie nicht auf die Straße nehmen können, denn sie sah wie Jesebel aus, die, wie Carlotta, ohne Schminke eine außerordentlich schöne Person gewesen sein soll.

»Carlotta, Carlotta,« sagte ich. »England wird dir jedenfalls wie das verkehrte Alexandretta vorkommen. Was dort unrecht ist, ist hier recht und umgekehrt. Wenn du mir gefallen willst, dann lauf und wasche dich, und vor allem nimm diese barbarischen Ohrringe ab.«

Sie ging und blieb ein Weilchen weg. Dann kehrte sie ängstlich zurück: die Schminke sei mit Wasser nicht wegzubekommen. Ich klingelte nach Antoinette, aber Antoinette war ausgegangen. Da es für Stenson eine zu zarte Angelegenheit gewesen wäre, holte ich aus meinem Zimmer einen Topf Vaseline, und da Carlotta nicht wußte, wie sie es anwenden sollte, reinigte ich sie eigenhändig. Sie jauchzte vor Wonne, und die Sache kam ihr außerordentlich vergnüglich vor. Ihre Gefühle sind leicht beweglich, und ich kann nicht leugnen, daß mir die Sache auch Spaß machte. Aber ich habe ihr gegenüber eine verantwortliche Stellung und bin nur begierig, wozu ich mich das nächste Mal hergeben werde.

Die Fahrt nach Richmond war mir ein großer Genuß. Wir tranken Tee im Star und Garters-Hotel, und ich fühlte mich nicht wenig erleichtert, als ich sah, daß Carlotta anständig aus der Tasse trank, und nicht wie ein Kätzchen von der Untertasse leckte. Sie war viel aufgeweckter als bei unsrer ersten Fahrt am Dienstag. Die Straßen sind ihr bekannter geworden, und der Verkehr verursacht ihr keine Kopfschmerzen mehr. Wie ein Kind von zehn Jahren stellt sie die naivsten Fragen. Ein großer Gardeoffizier, der uns begegnete, erregte ihr besonderes Entzücken. Etwas so Schönes habe sie noch nie gesehen. Ich fragte sie, ob es ihr recht wäre, wenn ich ihr einen als Spielzeug kaufte?

»O, willst du, Siir Markuus?« rief sie, indem sie entzückt nach meiner Hand faßte. Ich glaube wahrhaftig, sie meinte, es sei mir Ernst; denn als ich sagte, es sei nur ein Scherz, schmollte sie vor Enttäuschung und erklärte, es sei unrecht, zu lügen.

»Ich freue mich, daß du einige Grundlage von Moral hast,« sagte ich.

Während der Fahrt fiel mir ein zu fragen, wie sie sich die Schminke und die Ohrringe verschafft habe. Ganz vergnügt erzählte sie, Antoinette habe ihr das nötige Geld dazu gegeben. Mit Antoinette muß ich ein ernstes Wort reden. Ihr Benehmen gegen Carlotta gleicht schon mehr einem Götzendienst. Die unausbleibliche Folge davon ist Demoralisation, und Carlottas Magen wie auch der meinige werden schwer darunter zu leiden haben. Carlotta werde ich übrigens ein kleines Taschengeld geben.

Während wir Tee tranken, sagte sie plötzlich: »Ist Siir Markuus nicht verheiratet?«

»Nein,« sagte ich. Und sogleich fragte sie: »Warum denn nicht?«

Der Teufel scheint alle Leute anzufeuern, mich das zu fragen.

»Weil Frauen eine unerträgliche Last sind!« antwortete ich.

Ein sonderbares Lächeln huschte über Carlottas Gesicht. Es war ein so wissendes Lächeln wie das der Mrs. Quickly in den »Lustigen Weibern von Windsor«.

»Dann –«

»Hier nimm noch einen von diesen Kuchen,« sagte ich schnell. »Sie haben außen Schokolade und sind ganz mit Creme gefüllt.«

Sie biß hinein, lächelte auf eine andre selige Art und vergaß meine Heiratsangelegenheiten. Ich aber war erleichtert, denn wer weiß, was Carlotta mit ihrer orientalischen Erziehung noch hätte sagen können!

 

31. Mai.

Heute hatte ich eine sonderbare Unterredung. Zu meiner Überraschung kam nämlich der Vater des unglückseligen Harry Robinson zu mir. Meine erste Frage war eine ganz natürliche: Wie war es möglich, daß er mich in Verbindung mit dem Tod seines Sohnes brachte? Wie kam er dazu, in mir den Beschützer des jungen türkischen Mädchens zu suchen, in deren Interesse er mich aufzusuchen vorgab? Doch bald war die Sache aufgeklärt. Die Polizei, für die das Auffinden Carlottas nach meinen Abenteuern in Waterloo eine leichte Sache gewesen war, hatte ihm die nötige Auskunft erteilt. Daß die Zeitungen so magere Berichte über die Untersuchung des Todesfalls brachten, hatte mich einigermaßen erstaunt. Die geheimnisvolle Dame, für die der Verstorbene in Alexandretta ein Billett gekauft hatte und mit der er hier an Land gekommen war, wurde zu meiner großen Beruhigung gar nicht erwähnt. Die Untersuchung schien sehr oberflächlich geführt worden zu sein und der Richter sich mit dem gewöhnlichen Urteilsspruch »Momentaner Irrsinn« begnügt zu haben. Dies alles berührte ich so zart als nur möglich.

»Es gelang uns, die Sache zu vertuschen,« sagte mein Gast, ein alter Mann mit grauem Bart und sorgenvollem, nachdenklichem Gesicht. »Ich selbst habe einigen Einfluß, und die Verwandten seiner Frau –«

»Seiner Frau!« rief ich aus. Es wird mir schwerer als je, der Menschen Tun zu verstehen! Der Kerl war tatsächlich verheiratet!

»Ja,« seufzte der alte Mann, »das eben würde einen schrecklichen Skandal gegeben haben, denn ihre Verwandten sind einflußreiche Leute. Gott sei Dank, wir konnten die Sache vertuschen, und seine arme Frau wird nie etwas davon erfahren. Mein Junge ist tot, und keine öffentliche Untersuchung der ganzen Angelegenheit würde ihn ins Leben zurückrufen.«

Ich murmelte einige teilnehmende Worte.

»Der arme Junge muß den Verstand verloren gehabt haben, als er das Mädchen beredete, mit ihm durchzugehen. Aber mein Sohn hat sie ins Unglück gestürzt,« – er biß die Zähne zusammen, wie wenn die Sünde des Jungen ihm in die Seele schnitte – »und so muß ich für ihr Fortkommen sorgen.«

»Über diesen Punkt dürfen Sie ganz beruhigt sein,« sagte ich. »Er schmuggelte sie sofort an Bord und scheint ihr nachher kaum noch ein Wort gegönnt zu haben. Das ist eben das Verrückte an der Geschichte.«

»Ist das wahr?«

»Ich setze mein Leben dafür zum Pfand,« sagte ich.

»Woher wissen Sie es?«

»Offenherzigkeit – ja ich kann sagen, eine geradezu peinliche Offenherzigkeit, ist eine der Eigentümlichkeiten der jungen Dame.«

Der Mann sah sehr erleichtert aus. Ich machte ihn hierauf mit Carlottas Schicksalen bekannt und erzählte, welche Rolle ich in den letzten Tagen dabei gespielt hatte.

»Dann,« sagte er, »will ich das Kind wieder in seine Heimat zurückschicken. Ich will sie selbst hinbegleiten. Da es meine Pflicht ist, das von meinem Sohn begangene Unrecht wieder gutzumachen, kann ich nicht zugeben, daß Sie noch länger belästigt werden.«

Ich erklärte ihm, wie schrecklich es sei, in Hamdi Effendis Klauen zu fallen, und erwähnte mein gegebenes Versprechen.

»Ja, was ist dann zu machen?« fragte er.

»Wenn sich gute Menschen fänden, die bereit wären, sie in ihre Familie aufzunehmen und christlich zu erziehen, würde ich sie diesen mit dem größten Vergnügen überlassen. Was ich am allerwenigsten in diesem Haus brauchen kann, ist ein müßiggehendes, unselbständiges Frauenzimmer. Aber Philanthropen sind selten. Wer wird sie zu sich nehmen wollen?«

»Es tut mir leid, aber dazu werde ich kaum imstande sein.«

»Es kam mir nie in den Sinn, Ihnen so etwas zuzumuten,« sagte ich. »Ich wollte nur den einzigen Ausweg zeigen, der außer meiner Vormundschaft übrig bleibt.«

»Gern, nur zu gern möchte ich etwas zu ihrem Unterhalt beisteuern,« sagte Herr Robinson.

Doch ich lehnte dieses Anerbieten dankend ab, denn selbstverständlich konnte ich das nicht annehmen. Ebensogut hätte ich den Mann meine Gasrechnung bezahlen lassen können.

»Ich weiß von einem sehr netten Heim in einem Kloster, das von den ›Kleinen Schwestern der heiligen Brigitte‹ geleitet wird,« sagte er, auf den Busch klopfend.

»Wenn die heilige Brigitte selbst dort wäre, würde ich mit Vergnügen zustimmen. Diese Heilige hat nämlich eine große Anziehungskraft für mich. Sie konnte einst Wunder wirken. Als ein witziger irischer Häuptling ihr einst so viel Land bewilligte, als ihr Mantel bedecken könne, befahl sie vier ihrer Nonnen, je einen Zipfel zu ergreifen und nach Norden, Westen, Süden und Osten zu laufen, bis der Mantel mehrere Morgen Land bedeckte. Aber das Zeitalter der Wunder ist vorbei, und ich fürchte, den armen ›Kleinen Schwestern‹ würde über Carlotta das zarte Herz brechen. Sie ist ein außergewöhnliches Geschöpf.«

Ich hätte den Vorschlag immerhin in Betracht ziehen sollen, aber es kommt mir fast vor, als litte ich an chronischer Entzündung meines logischen Denkvermögens. Dieses empört sich geradezu bei dem Gedanken, daß Carlotta und die Kleinen Schwestern der heiligen Brigitte jemals zusammenpassen könnten.

»Wie sieht sie wohl aus?« fragte der alte Mann neugierig.

»Würde es Ihnen peinlich sein, sie zu sehen?« fragte ich.

»Allerdings,« erwiderte er leise. »Aber vielleicht brächte es mich meinem unglücklichen Jungen näher. Er scheint so weit weg zu sein.«

So klingelte ich denn und ließ Carlotta rufen.

»Vielleicht täten Sie besser, nicht zu sagen, wer Sie sind,« schlug ich vor.

Als Carlotta eintrat, stand er auf und sah sie an – ach, so gedankenvoll!

»Carlotta,« sagte ich, »dies ist ein Freund von mir, der dich kennen lernen möchte.«

Verlegen trat sie näher und streckte schüchtern ihre Hand aus. Augenscheinlich wollte sie sich sehr gut betragen. Ich dankte dem Himmel, daß sie jenen unglücklichen Versuch mit Puder und Schminke vor mir und nicht vor diesem Fremden gemacht hatte.

»Gefällt – gefällt es Ihnen in England?«

»O sehr – sehr gut. Jedermann ist so freundlich gegen mich. Es ist ein hübsches Land.«

»Das beste Land der Welt, um darin jung zu sein,« sagte er.

»Ist es das?« fragte Carlotta mit der Unschuld eines Kindes.

»Ja, das allerbeste.«

»Aber ist es nicht auch gut, wenn man alt ist?«

»Im Alter ist kein Land gut,« sagte der alte Mann seufzend und verabschiedete sich dann.

Unter der Haustüre wandte er sich mit den Worten an mich: »Ich weiß nicht, was ich sagen soll, Sir Markus. Sie erweckt eigenartige Gefühle in mir. Solch süße Unschuld habe ich nicht erwartet. Um meines Sohnes willen würde ich sie bei mir aufnehmen – aber seine Mutter weiß nichts davon – nur daß der Junge tot ist. Sie würde es nicht überleben.«

Und dem alten Mann liefen die Tränen über die Wangen herab.

»Unter meinem Dach soll ihr kein Leid widerfahren,« sagte ich, seine Hand ergreifend.

Carlotta, die mich im Wohnzimmer erwartete, sah mich bestürzt an.

»Siir Markuus?«

»Ja?«

»Muß ich ihn heiraten?«

»Wen heiraten?«

»Diesen alten Herrn. Ich muß, wenn du es befiehlst. Aber ich möchte ihn lieber nicht heiraten.«

Ich brauchte eine ganze Weile, um mir ihren orientalischen Gedankengang klarzumachen. Nur unter der Voraussetzung einer eventuellen Verlobung wird im Orient eine Frau einem Mann gezeigt. Ich glaube, solch ein heilsamer Schrecken ist für Carlottas Erziehung nützlich.

»Weißt du, wer der alte Herr war?« fragte ich.

»Nein.«

»Er war Harrys Vater.«

»O!« sagte sie mit einer Grimasse. »Dann tut es mir leid, daß ich so nett gegen ihn war.«

Was zum Kuckuck soll ich mit ihr anfangen?

Eine Viertelstunde lang hielt ich ihr einen Vortrag über die moralische Seite ihrer Lage. Aber der Erfolg davon war nur, daß sie glaubte, ich sei schlechter Laune. Meine Teilnahme an Harrys Schicksal war sehr groß, und ich unterließ es deshalb, ihr mitzuteilen, daß er ein verheirateter Mann gewesen war, als er sie aus Alexandretta weglockte.

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