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Carlotta. Erster Band

William John Locke: Carlotta. Erster Band - Kapitel 5
Quellenangabe
authorWilliam J. Locke
titleCarlotta. Erster Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1909
translatorPauline Klaiber
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180620
projectid78b563d8
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Viertes Kapitel

25. Mai.

Soll ich in den Verdacht kommen, eine Schar Odalisken in Nummer 20 der Lingfield-Terrace zu beherbergen?

Verleumdung und Übertreibung wandern selbst auf der nördlichen Seite von Regent's Park Arm in Arm umher. Wenn diese beiden heute morgen Carlotta an meinem Fenster erspäht hätten, dann wären sie zum Fünfuhrtee bei meiner Tante Jessica erschienen und hätten Mrs. Ralph Ordeyne vor der Kapelle abgefaßt. Die Frage ist: Soll die Wahrheit ihnen zuvorkommen? Ich glaube nicht. Jede Familie hat ihr nicht zu unterdrückendes, unmögliches, unpraktisches Mitglied, ihr enfant terrible, das jederzeit in der besten Absicht gerade das Unrichtige tut. Die Wahrheit ist das enfant terrible der Tugendhaften. Das eine Mal treibt sie ihnen das Blut in die Wangen und bringt sie in Verlegenheit, das andre Mal prahlt sie wie ein frecher Lügner, und ein drittes Mal stammelt und stottert sie wie ein erwischter Dieb. Man kann nie wissen, wie die Wahrheit sich benimmt, und deshalb will ich sie meine Verwandten nicht besuchen lassen.

Als Carlotta heute morgen an meiner Balkontür stand, war ich allerdings sehr in Angst, die beiden oben genannten alten Damen könnten gerade vorübergehen. Carlotta sieht, in einem dunkelrotseidenen, am Hals offenen, unverkennbar aus Paris stammenden Morgenrock, der sich an jede weiche Rundung ihres Körpers anschmiegt, geradezu unanständig schön aus. »Wo in aller Welt hat sie dieses Kleid herbekommen?« fragte ich mich vom Standpunkt der Moralität aus. Später erfuhr ich, daß es der höchste Stolz und die größte Freude Antoinettes war. Einst, in längst vergangenen Tagen, als sie femme de chambre bei einem Stern der caféconcerts war, hatte es dessen Körper umhüllt. Antoinette hatte den abgelegten Staat des erloschenen Sterns – er hatte in den Siebzigerjahren geglänzt – alle die Jahre her wohlverwahrt aufgehoben, und jetzt verklärte das unsterbliche Teufelszeug die kleine Carlotta. Diese war jetzt auch fleckenlos rein gewaschen. Ein Aroma, das ihr keine Seife und kein künstlich hergestelltes Parfüm hätte geben können, entströmte, wenn sie sich bewegte, ihrem Körper. Ihr goldbraunes Haar war prächtig geordnet. Ich betrachtete ihre Arme, die aus den weiten Ärmeln des leuchtenden Kleidungsstücks bis an die Ellbogen hervorschimmerten: die Haut war wie Seide. » Et sa peau! On dirait du satin«. Zum Kuckuck mit Antoinette! Carlotta hatte überdies die Keckheit, barfuß herunterzukommen. Ihre Zehen waren eine Offenbarung von rosiger ungeahnter Herrlichkeit.

Ich wiederhole, sie ist unanständig schön. Ein kleines Ding von achtzehn Jahren (wie ich höre, ist das ihr Alter) hat kein Recht, mit einer Schönheit zu prangen, die sonst der siebenundzwanzigjährigen Frau zukommt. Sie sollte einfach und hübsch ausgestattet sein, wie es ihrer kindlichen Entwicklungsstufe angemessen gewesen wäre. Sie paßte so gar nicht zwischen meine nüchternen Bücher, und ich betrachtete sie nicht ganz ohne Groll. Das Exotische ist mir immer widerwärtig, und ich ziehe die Geranien den Orchideen vor. Auf meinem Balkon steht eine ganze Reihe Geranienstöcke. Zwar ist es meinen von Stenson und Antoinette unterstützten Bemühungen noch nicht gelungen, sie zum Blühen zu bringen; und doch sehe ich die anspruchslosen samtenen Blätter gern. Carlotta ist eine leuchtende Orchis und irritiert die Netzhaut meines Auges.

So zartfühlend als ich konnte, machte ich Carlotta mit dem traurigen Ereignis bekannt. »Ich habe Nachricht von Harry,« sagte ich ernst. Sie sah indes nur lebhaft auf und fragte, wann er komme.

»Leider wird er wohl gar nicht kommen,« antwortete ich.

»Wenn er nicht kommt, kann ich hier bei dir bleiben?«

Ihre Augen verrieten eine gewisse Ängstlichkeit. Trotz aller Anstrengung konnte ich eine ironische Bemerkung nicht unterdrücken und sagte: »Wenn du dich herablassen willst, als ein Familienglied unter meinem bescheidenen Dach zu wohnen.«

Doch Ironie war bei ihr verlorene Liebesmühe. Sie stieß einen leichten Freudenschrei aus und streckte mir mit strahlenden Augen beide Hände entgegen.

»O, wie froh bin ich, daß er nicht kommt! Ich mag ihn gar nicht mehr. Es ist viel schöner bei dir zu bleiben.«

Ich nahm ihre beiden Hände in die meinigen; kein Sterblicher hätte etwas andres tun können.

»Hast du darüber nachgedacht, warum du Harry wohl nicht wieder sehen wirst?«

Sie schüttelte ihr schönes Köpfchen, neigte es auf die Seite und zog die Stirne kraus wie ein aufmerksamer Terrier.

»Ist er tot?«

»Würde dir das ein großer Schmerz sein?«

»Nein,« sagte sie nachdenklich.

Dann sagte ich, ihre Hand loslassend und mich abwendend: »Harry ist tot.«

Eine Weile stand sie ganz still da, die Augen auf ihre rosigen Zehen gerichtet, die unter dem Morgenkleid hervorsahen, dann drang ein tiefer Seufzer über ihre Lippen, und sie sah mich holdselig an.

»Ich bin so froh darüber.«

Dies ist alles, was sie über den unglücklichen jungen Mann zu sagen beliebte. Sie war so froh! Und sie hatte nicht einmal gefragt, woran er gestorben sei. Die Tatsache war ihr genug. Harry ist tot. Er ist aus ihrem Leben verschwunden, wie der Sonnenschein des gestrigen Tages oder wie eine nichtige, vergängliche Trödelware. Wenn ich ihr gesagt hätte, unser gestriges Droschkenpferd habe den Hals gebrochen, hätte sie es nicht kaltblütiger aufnehmen können. Ja, sie ist froh! Harry war nicht nett zu ihr gewesen. Er hatte sie in die Kabine hineingepufft, wo sie seekrank geworden war, und ihr noch verschiedene andre Unannehmlichkeiten auferlegt. Ich dagegen, ich hatte sie mit Luxus umgeben und sie in rote Seide gekleidet. Sie hatte Harrys Kommen eher mit Angst entgegengesehen. Als sie erfuhr, daß sein Auftauchen unwahrscheinlich sei, fühlte sie sich sehr erleichtert. Sein Tod hatte das Unwahrscheinliche zum Unmöglichen gemacht. Damit war die Sache abgeschlossen. Sie war so froh!

Und doch, während ihrer kurzen Verbindung mußte es irgend eine zärtliche Episode gegeben haben. Auf ihrer Flucht von dem Harem nach dem Schiff hatte er sie gewiß geküßt. Ihr junges Blut hatte beim Anblick seines schönen Gesichts rascher geklopft!

Welche Art von einem mythologischen Wesen beherberge ich bei mir? Ist sie überhaupt aus Hamdi Effendis Harem gekommen? Ist sie nicht eher ein seltsames Meerweibchen, das auf das Schiff geklettert ist und den unglückseligen Jungen verzaubert, ihm die Seele ausgesogen und ihn in den Tod gejagt hat? Oder ist sie ein Vampyr? Oder ein Kobold? Oder eine Waldnymphe? Oder ein Salamander?

Eines aber ist sicher, sie ist kein Menschenkind.

Wenn nur Judit hier wäre, um mir zu raten! Und doch, ich habe das unbehagliche Gefühl, daß Judit mir mit einer gewissen ihr eigenen Heftigkeit den einzigen Weg, den ich nicht einschlagen kann, raten würde, nämlich Carlotta zu Hamdi Effendi zurückzuschicken. Aber ich kann mein Wort nicht brechen, lieber, viel lieber würde ich Carlotta den schönen Hals brechen.

Bis jetzt habe ich noch nicht an Judit geschrieben, und beiläufig gesagt, ich habe auch noch keinen Brief von ihr erhalten. Delphine hat sie natürlich in den gesellschaftlichen Strudel hineingezogen, und Judit schämt sich, mir mitzuteilen, welch eine Illusion ihr Gedanke an ein zurückgezogenes Leben gewesen war. Wenn ich doch mein Leben nur halb so sehr zu genießen vermöchte als Judit!

»Ich habe Mademoiselle adoptiert,« sagte ich vormittags zu Antoinette. »Wenn sie nach Kleinasien zurückkehrte, würden sie ihr einen Strick um den Hals binden, sie in einen Sack stecken und ins Meer werfen.«

»Das wäre sehr schade,« sagte Antoinette eifrig.

» Cela dépend,« sagte ich. »Aber jedenfalls ist sie nun einmal hier, und hier bleibt sie.«

»Aber hat Monsieur auch daran gedacht, daß der arme Engel in diesem Fall Kleider und Toilettegegenstände und dies und jenes und andres mehr braucht?«

»Und Schuhe, um ihre frechen Zehen zu verbergen,« fügte ich hinzu.

»Es sind die schönsten Zehen, die ich je gesehen habe!« rief Antoinette in einfältiger Bewunderung. Carlotta hat die alte Person schon ganz behext.

Ich setzte nun meinen Hut auf und ging nach Wellington-Road, um mich mit Mrs. Mc Murray zu beraten. Gott sei Dank, daß ich vorgestern ihren kleinen Jungen in den zoologischen Garten genommen und ihm dort die andern Tiere gezeigt und dadurch ein Mutterherz gewonnen habe. Mrs. Mc Murray wird mir jetzt aus der Not helfen. Unglücklicherweise war sie nicht allein, als ich ankam, vielmehr saß ihr Gatte, der bei einer Morgenzeitung angestellt ist, eben beim Gabelfrühstück. Er ist ein mächtiger Hüne mit einer roten Bartwildnis und einem donnernden Lachen, das wie die Baßnoten einer Orgel erdröhnt. Seine übergroße Männlichkeit, was Fleisch, Bart und Baßstimme anbelangt, überwältigt einen nicht muskulösen, glattrasierten Menschen mit einer Tenorstimme, wie ich einer bin, einigermaßen. Mrs. Mc Murray ist ganz im Gegenteil ein kleines, fröhliches, umtriebiges Frauchen.

Ich erzählte meine erstaunliche Geschichte von Anfang bis zu Ende, die von seiten Mr. Mc Murrays durch viele »Ho – oo – oo – oo!« unterbrochen wurde.

»Sie haben gut lachen,« sagte ich. »Aber wenn einem ein mythologisches Wesen aus dem Olympiodorus fürs ganze Leben aufgehalst wird, dann ist das kein Spaß.«

»Olymp–?« begann Mc Murray.

»Ja,« fuhr ich ihn an.

»Bringen Sie sie heute nachmittag, wenn dieser herzlose Bär in seinen Klub gegangen ist, dann will ich die nötigen Einkäufe mit ihr machen,« sagte Mrs. Mc Murray.

»Aber liebe gnädige Frau!« rief ich in höchster Verzweiflung. »Sie besitzt nur ein einziges Gewand, und das ist ein Morgenrock von entsetzlicher Verderbtheit, der einst einer Tänzerin des zweiten Kaiserreichs gehört hat. Und überdies ist sie auch barfuß.«

»Dann werde ich selber zu Ihnen kommen, um zu sehen, was sich machen läßt.«

»Und beim Himmel, das werde ich auch tun!« rief Mc Murray.

»Das wirst du nicht tun,« entschied seine Frau.

»Glauben Sie, daß hundert Pfund genügen würden, um ihr alles Notwendige zu kaufen?« fragte ich.

»Hundert Pfund!« Die kleine Dame stieß einen Freudenschrei aus, und ich glaube, sie wäre mir am liebsten um den Hals gefallen. Mr. Mc Murray aber ließ seine Hand schwer wie einen Schmiedehammer auf meine Schulter fallen.

»Mensch!« brüllte er. »Wissen Sie auch, was Sie tun? Eine ehrbare Gattin und Mutter einer Familie mit hundert Pfund in der Tasche in die Londoner Konfektionsläden schicken? Meinen Sie denn, sie werde künftig noch einen Gedanken für ihr Haus und ihren Eheherrn übrig haben? Haben Sie im Sinn, meinen häuslichen Frieden zu untergraben, mich dem Trunk in die Arme zu jagen und meine ganze Häuslichkeit zu Grunde zu richten?«

»Wenn Sie das noch einmal tun,« sagte ich, indem ich meine Schulter rieb, »dann gebe ich ihr zweihundert.«

Als ich nach Hause zurückkam, saß Carlotta nach türkischer Art auf einem Sofa, rauchte eine Zigarette (die sie sich selbst von meinem Vorrat genommen hatte) und blätterte in einem Buche. Dieses Zeichen von literarischem Geschmack überraschte mich. Aber ich entdeckte bald, daß es der zweite Band meiner Edition de luxe von Louanders » Les Arts Somptuaires« war, zu dessen Platz auf dem Bort rein weiblicher Instinkt sie geleitet haben mußte. Ich kündigte ihr Mrs. Me Murrays bevorstehenden Besuch an. Ganz entzückt von dieser Aussicht sprang sie jäh auf und schleuderte mein wunderschönes Buch weit von sich auf den Boden (es ist in feinstes Kalbleder gebunden und enthält mehrere hundert ausgezeichnet kolorierte Kupferstiche). Ich hob es zärtlich auf und legte es auf meinen Schreibtisch.

»Carlotta,« sagte ich, »das allererste, was du hier zu lernen hast, ist, daß Bücher in England kostbarer sind als neugeborene Kinder in Alexandretta. Wenn du sie auf solche Weise umherstößt, wirst du sie ermorden, und man wird dich hängen.«

Dies dämpfte ihre frohe Erregung. Ich ließ ihr Zeit zum Nachdenken, und sie stand demütig, bußfertig da, während ich auf ihre Kleidung zu sprechen kam.

»Kurz und gut,« schloß ich, »du wirst wie eine wirkliche Dame gekleidet werden.«

Sie öffnete das Buch bei einem sehr bunten Bild » France XVI. Siecle – Saltimbanque et Bohémienne«, und deutete auf eine Bänkelsängerin. Diese junge Person trug über einem leuchtend roten Unterkleid, dessen Ärmel bis an die Handgelenke gingen, ein grünes, mit goldenen Tressen verbrämtes Überkleid, das an den Ellbogen und um die Mitte von roten Streifen festgehalten wurde. Auf dem Kopf hatte sie einen Efeukranz, in den weiße und rote Nelken gesteckt waren.

»Ich bekomme ein Kleid wie dieses,« sagte Carlotta; und bebend fragte ich mich, wie weit wohl Mrs. Mc Murrays Farbensinn entwickelt sein möchte. Dann versuchte ich, Carlotta freundlich zu erklären, wie wenig wünschenswert ein solches Kleid in London für die Straße wäre. Aber über den Geschmack läßt sich bekanntlich nicht streiten, und ich sah, daß sie nur halb überzeugt war. Ihr Gefühl für das, was wirklich schön ist, muß erst ausgebildet werden.

Gehorsam ist sie in hohem Grad. Ich sagte: »Geh jetzt ein wenig zu Antoinette,« und so vergnügt wie ein Kind trollte sie sich davon. Ich werde ihr ein Wohnzimmer einrichten lassen müssen, denn hier kann ich sie nicht immer haben. Für den Augenblick muß sie ihre Mahlzeiten auch in ihrem eigenen Zimmer einnehmen. Was würde der untadelige Stenson dazu sagen, wenn ich mich mit ihr an den Tisch setzen wollte, solange sie diesen unanständigen Morgenrock trägt! Außerdem teilt mir Antoinette mit, daß das arme Lamm nach orientalischer Sitte mit den Fingern esse. Ich weiß, was das heißt, da ich einmal in Kairo bei einer ägyptischen Gesellschaft war und selbst dampfende Fleischstücke aus einer Hammelkeule herausgerissen habe! Pfui! Aber da Carlotta wahrscheinlich noch niemals in Gesellschaft eines Mannes eine Mahlzeit eingenommen hat, so wird sie die Verbannung von meinem Tisch nicht kränken. Gerade wie im Gefühl für das Schöne muß sie natürlich auch in den christlichen Tischgewohnheiten unterrichtet werden, wie noch in vielen andern Dingen auch.

Mrs. Mc Murray erschien mit einem Maßband, einem Bleistift und einem Notizbuch.

»Zuerst will ich sie von Kopf bis zu Fuß messen. Dann gehe ich und kaufe ihr einen vollständigen Straßenanzug, und morgen werden wir dann den ganzen Tag miteinander in den verschiedenen Läden verbringen. Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich einen Teil der hundert Pfund auf die Miete eines Privatwagens verwendete?«

»Nehmen Sie einen Sechsspänner, liebe gnädige Frau!« rief ich. »Carlotta wird um so vergnügter sein.«

Nun rief ich Carlotta und stellte die Damen einander vor. Zu meiner Überraschung war Carlotta ganz unbefangen und lud den Besuch mit der größten wohlerzogenen Höflichkeit ein, sie in ihr eigenes Zimmer zu begleiten.

Als Mrs. Mc Murray ins Wohnzimmer zurückkam, hatte sie einen Ausdruck im Gesicht, der mit keinem andern Wort als mit »unbeschreiblich« beschrieben werden kann.

»Lieber Sir Markus, wie denken Sie sich das künftige Schicksal des jungen Geschöpfs? Was soll aus ihr werden?«

»Sie soll Maschinenschreiben lernen,« sagte ich, einer plötzlichen Eingebung folgend, »und dann eine schöne Kopie meiner ›Moral der Renaissance‹ anfertigen.«

»Ja, sie würde wirklich eine schöne Kopie der ›Moral der Renaissance‹ liefern,« erwiderte Mrs. Mc Murray trocken.

»Ist denn die so sehr schrecklich?« fragte ich erschrocken. »Ich weiß wohl, der Morgenrock –«

»Vielleicht hat der etwas damit zu tun.«

»Dann kleiden Sie sie ums Himmels willen in Braun und Grau und lauter dunkle Farben. Schneiden Sie ihr das Haar ab und schließen Sie ihre Kleider mit einer Reihe Knöpfe auf dem Rücken.«

Mrs. Mc Murrays Augen blitzten.

»Das wird morgen der Glanztag meines Lebens!«

Als Mrs. Mc Murrays Einkäufe ankamen, schlief Carlotta schon, wie mir Antoinette mitteilte. Ich bin froh, daß sie an frühes Zubettgehen gewohnt ist. Sie scheint einen sehr vergnügten und gut ausgefüllten Nachmittag mit der Besichtigung eines Stoßes französischer illustrierter Witzblätter, die meiner ausgezeichneten Haushälterin gehören, verbracht zu haben.

Ob wohl französische Witzblätter gerade das richtige sind, ihr einen Begriff von der abendländischen Bildung beizubringen? Darüber muß ich mich informieren. Auch muß ich über meine Absichten bezüglich ihres künftigen Schicksals ernsthaft mit ihr reden. Da aber meine Ansichten durch das rote Gewand verwirrt werden könnten, will ich warten, bis sie anständig angezogen ist. Ich werde wohl gewisse Stunden festsetzen müssen, wo ich mit Carlotta belehrende Unterredungen führen werde. Ich werde ihre Seele, von der sie doch immerhin einige Spuren zeigt, zu entwickeln suchen. Den übrigen Tag muß sie sich selbst für Unterhaltung sorgen. Ihre anerzogene orientalische Zurückgezogenheit macht diese Aufgabe leicht, denn ich wette darauf, Hamdi Effendi kümmerte sich blutwenig darum, womit sich die Damen seines Harems die Zeit vertrieben. Dabei fällt mir ein, daß er sicher Carlotta nicht erlaubt hat, sich es in seinem eigenen, für ihn allein bestimmten Wohnzimmer bequem zu machen, und ich will Carlotta nicht zu rasch europäisieren. Das türkische Erziehungssystem hat entschieden seine Vorteile.

In gewisser Beziehung ist mir dies tröstlich. Wenn ich sie nur als ein menschliches Wesen anerkennen könnte! Aber wenn ich daran denke, wie unempfindlich sie sich bei der Nachricht von dem Tode des armen Harry zeigte, dann sinkt mir der Mut. So ein Wesen würde dich mit einem Transchiermesser im Schlaf erstechen, ohne eine Spur von Reue zu empfinden, und wenn du schriest, würde sie lachen. Nimm zum Beispiel ihre schnöde Undankbarkeit gegen den guten Hamdi Effendi, der sie aufnahm, ehe sie geboren war, und sie ihr Leben lang als Tochter behandelt hat. Nein, ihr ganzes geistiges Auftreten ist von der Art jener Damen, die den heiligen Antonius besucht haben – in ihren freien Augenblicken, wenn sie gerade nicht bei einer Versuchung tätig waren. Ich glaube nicht, daß Carlottas Vater ein englischer Vizekonsul war. Gewiß war er der Teufel.

Was sie Mrs. Mc Murray erzählt hat, das möchte ich wohl wissen!

Heute nacht habe ich mir die Sache lange überlegt. Die gute Mrs. Mc Murray irrt sich. Wie auch immer die Moral der Renaissance beschaffen gewesen sein mag, die damaligen Persönlichkeiten waren entschieden Charaktere. Sie waren entweder teuflisch schlecht, oder engelhaft gut. Der Renaissanceitaliener hatte nichts Rohes, nichts, was gegen den guten Ton verstieß. Die Frauen waren willensstark. Jene Geschichte von Katharina Sforza in der Zitadelle von Forti, die Machiavelli und Muratori erzählen, möchte ich sehr gern glauben. »Übergebt Euch, sonst erschlagen wir Eure Kinder, die wir als Geiseln bei uns haben!« schrieen die Belagerer. – »Tötet sie nur, ich kann andere gebären, die sie rächen werden!« Dies ist die Sprache einer Riesennatur. In meiner Seele regt sich eine Art Begeisterung für diese Frau, obgleich eine solche Dame eine recht wenig wünschenswerte Gehilfin wäre für einen so sanftmütigen Mann, wie ich einer bin.

Und dann ist da auch Bonna, die Frau, um deren Schicksal willen ich die höchste Autorität, nämlich Cristoforo da Costà studieren wollte. In meinem Kapitel von heute abend habe ich sie geschildert. Ein Condottiere Namens Brunoro reißt bei einem Einfall in ein Dorf ein Bauernmädchen zu sich aufs Pferd. Sie kämpft wie ein Soldat an seiner Seite. Brunoro wird durch Alfonso von Neapel gefangen genommen und schmachtet zehn Jahre lang im Kerker. Und zehn Jahre lang wandert Bonna von einem europäischen Hof zum andern, von Fürst zu Fürst, über Meere und Gebirge, unermüdlich, unerschütterlich, mit dem Feuer des Himmels im Herzen und dem Mut der Hölle in der Seele, um die Befreiung ihres Mannes zu erflehen und zu verlangen. Nach zehn langen Jahren gelingt es ihr. Und dann heiraten die beiden. Welcher Art mögen wohl Bonnas Gefühle gewesen sein, als sie mit ihm vor dem Altar stand? Der alte Geschichtschreiber berichtet das nicht; aber des Himmels Glanz muß ihr ganzes Wesen durchflutet haben, als jenes Glöckchen ertönte, das verkündigte, daß die Hostie erhoben und ihre Liebe in alle Ewigkeit gesegnet sei. Und dann geht sie mit ihm und kämpft in der alten Weise noch fünfzehn Jahre lang an seiner Seite. Als er fällt, stirbt sie vor Heimweh nach ihm binnen einem Jahre. Porcelli sieht sie im Jahr 1455. Brunoro ist ein alter schielender, gelähmter Mann, Bonna eine kleine verschrumpelte, gelbliche alte Frau, mit dem Köcher über der Schulter, dem Bogen in der Hand; ihr graues Haar ist vom Helm bedeckt, und sie trägt große Soldatenstiefel. Ein unaussprechliches Pathos liegt über den beiden verwitterten, verkrüppelten, grotesken Gestalten, von denen jeglicher Zauber männlicher Vollkraft und Schönheit abgestreift ist, und zugleich ergreift einen eine unendliche Ehrfurcht bei dem Gedanken an die heilige Verbindung dieser unbesiegbaren und leidenschaftlichen Seelen. Ich möchte wohl wissen, warum diese Geschichte nicht als einer der großen Liebesromane der Weltgeschichte auf uns gekommen ist?

Elemente wie diese beherrschten die Moral der Renaissance.

Aber ich nehme Mrs. Mc Murray zu ernsthaft, und es ist wirklich keine schlechte Idee von mir, Carlotta das Maschinenschreiben erlernen zu lassen.

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