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Carlotta. Erster Band

William John Locke: Carlotta. Erster Band - Kapitel 3
Quellenangabe
authorWilliam J. Locke
titleCarlotta. Erster Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1909
translatorPauline Klaiber
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180620
projectid78b563d8
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Zweites Kapitel

22. Mai.

Ich möchte wissen, ob ich jetzt glücklicher wäre, wenn ich »in den schönen Tagen, wo ich einundzwanzig war«, eine Dachkammer bewohnt und »die Stunden des Elends« durchgemacht hätte, mit der erwarteten Belohnung » d'une folle maîtresse, de francs amis et l'amour des chansons« und dabei fröhlichen Herzens meine sechs Treppen hinaufgesprungen wäre. Ich habe sehr bescheiden gelebt, das ist wahr, aber ich war doch nie in Sorge um meine nächste Mahlzeit, und ich habe jederzeit die Annehmlichkeiten der besseren Stände genossen. Nie hat »Lisette ihren Schal als Vorhang vor meinem Fenster« aufhängen müssen. Heute wünsche ich ab und zu fast, es möchte so gewesen sein. Ich habe nie von Berühmtheit, Liebe, Vergnügungen, Tollheiten geträumt, noch »mein ganzes Leben in einem Augenblick ausgekostet«, wie der Sänger jenes unsterblichen Liedes; die schwierigen Augenblicke kamen mir im Gegenteil immer wie ein ganzes Leben vor.

Und jetzt, wo ich vierzig bin, ist es »um eine Woche zu spät«. Zechbrüder, die ich glücklicherweise nicht habe, würden mich mit ihrer unerträglichen Herzlichkeit verrückt machen; ein einziges Mal habe ich einen Abend im Savage Club zugebracht. Und was » la folle maîtresse« anbelangt als angenehme Beigabe zu meinem Dasein, so gehört sie für mich ins Reich des Unfaßbaren.

»Woran denken Sie?« fragte Judit.

»Ich überlege, welche Resultate der Grundsatz › dans un grenier qu'on est bien à vingt ans‹ in meinem Fall gehabt hätte,« erwiderte ich der Wahrheit gemäß; denn dieser Gedanke war mir eben durch den Sinn gegangen.

Judit lachte.

»Sie in einer Dachkammer! Sie haben ja nicht einmal Temperament!«

»Nein, wahrscheinlich nicht, es ist mir aber noch nie aufgefallen. Béranger hat das in seiner Liste der zu erwartenden Entschädigungen ausgelassen.«

»Und das ist der Unterschied zwischen uns,« fügte Judit nach einer Pause hinzu. »Ich habe Temperament, Sie nicht.«

»Sie halten das hoffentlich für eine große Annehmlichkeit.«

»Es ist zehnmal unangenehmer als ein Gewissen, ja es ist geradezu ein Unglück für einen.«

»Warum sind Sie dann so stolz darauf?«

»Sie würden es nicht verstehen, auch wenn ich es Ihnen sagte,« erwiderte Judit.

Ich stand auf und trat ans Fenster; gedankenvoll schaute ich in den Regen hinaus, der auf die schmale, unerfreuliche Straße heruntergoß. Judit wohnt in Tottenham Mansions, nicht weit von Tottenham Court Road. Im Erdgeschoß befindet sich eine Wirtschaft, und an Sommerabenden kann man, am geöffneten Fenster sitzend, die gesundheitförderlichen Ausdünstungen von Bier und Whisky genießen und den süßen unmelodischen Liedern von herumziehenden Musikanten zuhören. Als meine neuen Vermögensverhältnisse mir gestatteten, meiner lieben Judit gerade soweit unter die Arme zu greifen, daß sie in eine behaglichere Wohnung ziehen konnte, hatte sie die Wahl unter den zahllosen Wohnungen von ganz London. Warum sie gerade auf diesem abscheulichen Haus bestand, habe ich nie verstehen können. Und die Wohnung ist nicht einmal besonders billig; die Tatsache, daß sie über einer Wirtschaft liegt, scheint im Gegenteil die Miete zu erhöhen. Judit sagte, ihr gefalle die Form des Türklopfers und der Wasserhahn des Badezimmers. Ich habe eine dunkle Ahnung, daß diese irgendwie im Zusammenhang mit dem Temperament stehen müssen.

»So oft wir einen Ausflug miteinander machen wollen, scheint es zu regnen. Dies ist das vierte Mal seit Ostern,« bemerkte ich.

Wir hatten einen einfachen Ausflug aufs Land geplant gehabt, da es aber in Strömen goß, waren wir daheim geblieben.

»Vielleicht will uns le bon Dieu dadurch seine Unzufriedenheit kundtun,« sagte Judit.

»Warum sollte er unzufrieden sein?« fragte ich.

Statt einer Antwort zuckte Judit die Schultern, und plötzlich schauderte sie zusammen.

»Ich bin halb erfroren.«

»Mein liebes Kind!« rief ich. »Warum haben Sie denn kein Feuer angezündet?«

»Als ich neulich Feuer gemacht hatte, sagten Sie, es sei erstickend heiß.«

»Aber damals war wunderschöner Sonnenschein gewesen, Sie unlogisches Frauenzimmerchen!« rief ich, indem ich in meiner Tasche nach einer Zündholzschachtel suchte.

Ich rieb ein Zündholz an, und um das Feuer anzuzünden, mußte ich mich neben ihrem Stuhl auf dem Boden niederlassen. Sie streckte ihre Hand aus – sie hat zarte weiße Hände mit schlanken Fingern – und berührte leicht mein Haar.

»Wie lange kennen wir uns nun?« fragte sie.

»Ungefähr acht Jahre.«

»Und wie lange wird es so weitergehen?«

»Solang es Ihnen gefällt,« sagte ich, ganz mit dem Feuermachen beschäftigt.

Judit zog ihre Hand zurück; ich aber kniete auf dem Teppich vor dem Kamin, bis das Flackern und Knistern des Holzes mich von dem Erfolg meiner Bemühungen überzeugte.

»Das ist ein famoser Rost,« sagte ich vergnügt, während ich mir einen behaglichen Lehnstuhl heranzog.

»Ja, ein ausgezeichneter,« antwortete sie in vollständig gleichgültigem Ton.

Lange war es ganz still im Zimmer. Für mich ist das einer der größten Reize des menschlichen Verkehrs. Geht nicht auch die Sage, Tennyson und Carlyle hätten die angenehmsten Abende ihres Lebens am Kamin sitzend, in ununterbrochenem Schweigen und in Tabaksrauch gehüllt, miteinander verbracht? Das muß wie eine Nokturne von goldenem Nebel auf einem Bild von Whistler gewesen sein.

Ich bot Judit eine Zigarette an, aber sie schlug sie mit einem Kopfschütteln aus. Nachdem ich mir dann selbst eine angezündet hatte, lehnte ich mich in den Stuhl zurück und beobachtete ihr Gesicht, das mir im Halbprofil zugewandt war. Die meisten Leute würden Judit unschön nennen, ich aber kann mir nicht ganz klar darüber werden; sie ist das, was man eine »negative Blondine« nennt – das heißt, sehr schönes Haar (es ist von wunderbarer Fülle und eine ihrer Schönheiten), blasse Gesichtsfarbe und tiefblaue Augen. Ihr Gesicht ist mager, ein wenig abgehärmt – das Gesicht eines Weibes, das gelitten hat. – Schon wieder das Temperament! – In diesem Augenblick, wo sie in die laut knisternden Flammen schaute, waren ihre Mundwinkel etwas herabgezogen. Ihre Figur ist schlank, aber graziös, und sie hat sehr hübsche Füße. Der eine davon guckte etwas unter dem Rock hervor, und ein Pantöffelchen baumelte auf seiner Spitze, bis es schließlich herunterfiel. Ich wußte, daß das kommen würde, Judit hat eine wahre Leidenschaft für die allerkleinsten Pantoffel – ungefähr einen Zoll breit Oberleder (ich halte es wenigstens für Leder). Ich hob das niedliche Ding auf und steckte es wieder an ihren Fuß.

»Werden Sie das in acht Jahren wohl auch noch tun?« fragte Judit.

»Meine Liebe, da ich es in den letzten acht Jahren achttausendmal getan habe, werde ich es wohl in den nächsten acht auch noch tun,« erwiderte ich lachend. »Sie wissen, ich bin ein Gewohnheitsmensch.«

»Sie könnten heiraten, Markus.«

»Gott soll mich bewahren!« rief ich.

»Irgend ein hübsches junges Mädchen!«

»Hübsche junge Mädchen sind mir widerwärtig, und ich würde mich ebensogern mit einem Baby in einem Kinderwagen unterhalten.«

»Die Mädchen, die am meisten Anziehungskraft auf die Männer ausüben, sind nicht in erster Linie die, mit denen Sie sich am liebsten unterhalten, mein Freund,« sagte Judit.

Ich zündete mir eine neue Zigarette an, dann sagte ich etwas erregt: »Ich glaube, das weibliche Geschlecht denkt an nichts andres als ans Heiraten! Erst vorgestern hat mich meine Tante Jessica damit geplagt. Als ob sie das etwas anginge!«

Judit lachte leise und nannte mich einen dummen Kerl.

»Warum?« fragte ich.

»Weil Sie kein Temperament haben.«

Das war eine törichte Antwort, denn es hatte gar nichts mit der Sache zu tun. Als ich ihr dies aber sagte, erwiderte sie, sie sei so viel älter als ich und habe den ewigen Zusammenhang aller Dinge erkannt. Doch da erlaubte ich mir, ihr vorzuhalten, daß sie mehrere Jahre jünger sei als ich.

»Wie oft hat wohl Ihr Herz zum Zerspringen geschlagen? Mit wirklichen, wilden, atemlosen Schlägen – die ganze Ewigkeit in einer Stunde?«

»Das ist von Blake,« murmelte ich.

»Jawohl, aber beantworten Sie meine Frage.«

»Es ist eine törichte Frage.«

»O nein, wenn Sie das nächste Mal ein weibliches Baby in einem Kinderwagen sehen, dann ziehen Sie ehrfurchtsvoll den Hut vor ihm ab.«

Ich glaube, ich bin ein Stümper im Wortgefecht.

»Und wenn Sie wieder eine Köchin dingen wollen, liebe Judit,« erwiderte ich, »dann rate ich Ihnen, lieber einen Mann zu nehmen.«

Sie wurde dunkelrot, und ich erging mich in Entschuldigungen; ihre verwundete Empfindsamkeit verlangte eine zarte Behandlung. Die Situation war etwas sonderbar; sie hatte sich nicht gescheut, die innersten Schwächen meines Charakters anzutasten, als ich aber beim Parieren einer ihrer äußeren einen Schlag versetzte, war sie so tief gekränkt, daß ich mir wie ein ganz gemeiner Kerl vorkam. Ich glaube, wenn Lisette wirklich jenen Vorhang vors Fenster gehängt hätte, dann hätte ich etwas mehr von der weiblichen Natur kennen gelernt. Aber Judit ist das einzige weibliche Wesen, dem ich in meinem Leben näher getreten bin, und manchmal frage ich mich, ob ich sie überhaupt jemals ganz kennen werde. Als ich ihr das einmal sagte, antwortete sie: »Wenn Sie mich liebten, würden Sie mich auch kennen.« Wahrscheinlich hat sie recht. Denn aufrichtig gesprochen: ich liebe Judit nicht. Doch ich habe mich an sie gewöhnt. Sie ist eine Lady aus guter Familie und wohlerzogen, auch hat sie eine umfassende Bildung und interessiert sich mit wirklichem Verständnis für die Renaissance, ja sie ist sogar eine feinere Kennerin der venezianischen Malerei als ich und sie hat mir damals in Italien zuerst die Augen geöffnet für die Schönheiten der Bilder von Palma Vecchio, die er als großartiger Kolorist in seiner zweiten Periode nach Giorgiones Art malte. Judit ist in jeder Beziehung eine angenehme und unterhaltende Gefährtin. Wenn ich tiefer forschen und bis auf den Grund des menschlichen Instinkts gehen soll, dann entdecke ich, daß sie für mich – so hat es der Zufall gewollt – das ewig Weibliche vorstellt, das das Männliche ergänzen muß, um ein normales Dasein herzustellen. Aber in Beziehung auf das »zieht uns hinan« – nein! Das würde mich nicht hinreißen, nicht aus meiner Sphäre hinausbringen. Ich wäre nicht imstande, für irgend ein weibliches Geschöpf, das jemals diesen Planeten glänzender als seine Brudersphären gemacht hat, eine unsterbliche Dummheit zu begehen.

Ich verstehe Judit nicht, aber das hat nicht viel zu bedeuten; es gibt vieles, was ich nicht verstehe, in erster Linie zum Beispiel, wie ein begabter Jongleur, der die Energie seines Lebens darauf verwendet, ein Queue und drei Billardkugeln auf seiner Nasenspitze tanzen zu lassen, sich selbst beurteilen mag. Aber ich weiß, daß Judit mich versteht, und darin liegt der Vorteil, den ich von unsrer Freundschaft habe. Sie mißt bis zu einem lächerlichen genauen Grad die Tiefe meiner Zuneigung ab, ja, sie ist in der Tat eine unvergleichliche Frau! Viele Menschen verlangen, daß sich Zuneigung als verzehrende Leidenschaft zeige – Judit hat durchaus nichts Theatralisches an sich.

Heute aber kam sie mir etwas empfindlich, verdrießlich, nervös vor. Sie brach auch noch einen andern angenehmen Zauber des gegenseitigen stillen Verstehens, das uns, nachdem das Einverständnis wiederhergestellt war, umfangen hatte, indem sie mich plötzlich beim Namen rief.

»Ja?« antwortete ich fragend.

»Ich möchte Ihnen etwas sagen. Aber versprechen Sie mir, daß Sie nicht ärgerlich werden wollen.«

»Meine liebe Judit,« sagte ich, »mein großer kaiserlicher Namensbruder, in dessen Meditationen ich von jeher einen unaussprechlichen Trost gefunden habe, sagt: ›Wenn etwas Äußerliches dich ärgert, dann werde dir klar darüber, daß es nicht die Sache selbst ist, die dich erzürnt, sondern deine Auffassung davon, und dieser Auffassung sollst du dann sogleich den Abschied geben!‹ Ich verspreche Ihnen also, meiner ganzen Auffassung Ihrer unangenehmen Mitteilung den Abschied zu geben und nicht ärgerlich zu werden.«

»Von allen Leuten, die sich in Gemeinplätzen ergehen, ist mir Markus Aurelius noch der Allerwiderwärtigste,« sagte Judit.

Ich lachte. Wie angenehm war es doch, hier vor dem Kamin zu sitzen, in dem das Feuer in lustigmenschlicher Weise gegen den drückenden Einfluß der düsteren Welt draußen protestierte, und dabei Judit zu necken.

»Das verstehe ich recht gut,« erwiderte ich. »Ein Mann saugt die Tröstungen der Philosophie ein, eine Frau tröstet sich mit der Religion.«

»Ich kann weder das eine noch das andre,« erwiderte Judit, indem sie sich mit einer raschen Bewegung umdrehte und mit übertriebener Heftigkeit ihren Rock glatt strich. »Wenn ich es könnte, würde ich nicht fortgehen.«

»Fortgehen?« wiederholte ich.

»Ja. Sie dürfen mir nicht böse darüber sein. Ich habe keine Köchin –«

»Nach dem heutigen Gabelfrühstück würde das niemand glauben.«

Nebenbei bemerkt, die betrunkene Köchin ist gestern mit Sack und Pack fortgeschickt worden, nachdem sie soweit nüchtern geworden war, um auf den Beinen stehen zu können.

»Und deshalb ist es eine passende Gelegenheit,« fuhr Judit, meine Schmeichelei überhörend, fort. Und das war ganz richtig von ihr, denn sobald ich die Schmeichelei ausgesprochen hatte, überfiel mich die peinliche Überzeugung, daß Judit selbst die französischen Garköche der Tottenham Court Road in ihrer Sonntagsruhe gestört habe, um mich mit Nahrung zu versorgen.

»Ich kann die Wohnung ohne weiteres abschließen. Beim Beginn der Londoner Saison fühle ich mich ohnedies immer unbehaglich. Ich weiß wohl, daß das töricht ist,« fuhr sie schnell fort. »Wenn ich Ihren gräßlichen Markus Aurelius ertragen könnte, wäre ich weiser. Der übrige Teil des Jahres ficht mich nicht an; aber während der Saison ist alles in der Stadt – Leute, die ich früher gekannt und bei denen ich verkehrt habe – wir begegnen uns auf der Straße, und sie schneiden mich – das tut weh – und deshalb will ich irgendwo hinreisen und allein sein. Wenn ich der Einsamkeit überdrüssig bin, kehre ich zurück.«

Mit einer ihrer raschen, graziösen Bewegungen sank sie neben meinem Stuhl nieder und ergriff meine Hand.

»Seien Sie barmherzig, Markus, und sagen Sie, daß Sie mich verstehen.«

»Ein gedankenloser Egoist bin ich den ganzen Nachmittag gewesen, Judit!« rief ich. »Aber ich wußte nicht – ja ja, ich verstehe Sie.«

»Wenn Sie es nicht täten, dann wäre alles aus zwischen uns.«

»Zweifeln Sie nicht,« sagte ich sanft, indem ich ihr die Hand küßte.

Ich war in Judits Leben getreten, als sie dies mit achtundzwanzig für vorüber und abgetan hielt und sich in einer kleinen Pension in Rom begraben hatte. Wie lange ihre Geduld vorgehalten hätte, kann ich nicht sagen. Was geschehen wäre, wenn die Verhältnisse anders gewesen wären, darüber nachzugrübeln ist vollständig wertlos. Nun aber glitten wir zwei auf dem Meere des Lebens einsam dahintreibenden Menschenkinder zu einander hin und blieben beisammen, aus dem einfachen Grunde, weil kein Zwang da war, der uns wieder hätte trennen wollen. Sie kümmerte sich nicht um das Urteil der Welt, ihr sogenannter »guter Ruf« war längst flöten gegangen, und ich, ein einsamer Fremdling in einer Welt der Schatten, warum hätte ich die einzige warme Hand zurückstoßen sollen, die mir gereicht wurde? Es war, wie ich diesen Nachmittag zu ihr gesagt hatte: Warum hätte le bon Dieu unzufrieden sein sollen? Ich mache ihm das Kompliment, zu behaupten, daß er eine weitherzige Gottheit sei.

Als der Umschwung in meinen Vermögensverhältnissen eintrat, sagte Judit: »Wie gut, daß ich nicht mehr frei bin! Wenn dies der Fall wäre, würden Sie mich heiraten wollen, und das wäre unser Unglück.«

Welch einen scharfen Verstand die gute Judit doch hat! Die Ehre hätte den Antrag verlangt, aber die Annahme des Antrags wäre uns zum Verhängnis geworben.

Das Heiraten hat zwei Seiten: Die eine Seite – ein gesellschaftlicher Kontrakt – ein quid von Schutz, Versorgung, Stellung und Ähnliches für ein quo der verschiedenen Dienstleistungen, die je nach Bedürfnis mit dem Satz » de mensa et thoro« ausgedrückt werden können, die andre Seite: Das einzig mögliche Dasein zweier Menschen, deren leidenschaftliche gegenseitige Zuneigung ein vollständiges Aufgehen ihrer beiden Existenzen in ein gemeinsames Leben verlangt. Von diesem leidenschaftlichen Begehren aber bin ich noch niemals erfaßt worden. Der alles wie in einen Wirbelwind hineinreißenden Macht, die dieses Begehren entfaltet, stehe ich ebenso erschreckt gegenüber wie der Stadt London oder dem unergründlichen Meere. Auf einem deutschen Kirchhof habe ich einmal eine Grabschrift gelesen, die lautete: »Ich werde erwachen, wenn Christus ruft mich, doch jetzt will ich schlafen, denn müde bin ich.« Hat die menschliche Seele jemals ihr Verlangen nach Ruhe treffender ausgedrückt? Ich glaube, mit diesem Toten hätte mich die innigste Freundschaft verbinden können; wie ich liebte auch er die Ruhe und den kühlen Schatten, aber zu seinen Lebzeiten sind ihm diese beiden Güter nicht zu teil geworden. Vielleicht erreiche auch ich den Frieden nicht, nach dem ich mich sehne, aber jedenfalls werde ich auch nicht infolge einer wahnsinnigen Leidenschaft für ein Weib mein ganzes Leben auf den Kopf stellen.

Was dann die sozial-kontraktliche Seite anbetrifft, so wünsche ich mir gar keine bessere Haushälterin als Antoinette, und da ich keine Gesellschaften gebe, brauche ich auch keine Dame zum Repräsentieren; und schließlich, ich habe auch keine a priori-Sehnsucht, die Bevölkerung zu vermehren. »Wenn Kinder nur durch eine Tat der reinen Vernunft zur Welt gebracht würden, sagt Schopenhauer, »würde dann wohl die menschliche Rasse weiterexistieren? Würde der Mensch nicht viel eher so viel Mitgefühl mit dem kommenden Geschlecht haben, daß er ihm die Last des Daseins ersparen würde, oder jedenfalls es nicht kalten Blutes auf sich nehmen wollte, ihm diese Last aufzubürden?« Wenn ich nur infolge einer Vernunftheirat Kinder in die Welt setzte, würde ich ihnen also die Last des Daseins kalten Blutes auferlegen – ich stimme mit Schopenhauer überein.

Und die entsetzlichen Fesseln einer solchen Ehe! Sollte ich in einer Woche hundertsechsundachtzig Stunden lang, von denen jede Stunde mit einem obligatorischen Austausch von Verpflichtungen, Interessen, Opfern jeder Art überladen ist, in der innigsten körperlichen und geistigen Gemeinschaft ein Wesen um mich haben, das nicht ganz »der Bruder meiner Gedanken und die Schwester meiner Träume« wäre – nein, niemals! Au grand non, au grand jamais!

Judit ist ein unübertreffliches Wesen, aber sie ist für mich nicht ganz der Bruder meiner Gedanken und die Schwester meiner Träume, ebensowenig als ich das für sie bin.

Aber die Kameradschaft, die sie mir angedeihen läßt, ist für mich wie Essen und Trinken, und meine Zuneigung befriedigt ein Bedürfnis in ihrer Natur. Eine zarte, verständnisvolle Wechselwirkung gibt unserm Bund die Weihe. Die Ehe aber, wenn sie möglich wäre, würde uns wirklich verhängnisvoll werden. Unser angenehmer, ungenierter, von Stürmen unbewegter Verkehr ist uns beiden ideal.

Ich möchte nur wissen, warum sie dachte, ihre Absicht, auf einige Zeit zu verreisen, könne mich ärgern?

Diese Idee enthält das Recht einer Einsprache, die mir widerwärtig ist. Von all den abscheulichen Situationen, in denen sich ein anständiger Mann einer Frau gegenüber vorstellen kann, ist mir die eines türkischen Paschas am verächtlichsten. Aber die Frauen trauen einem Mann diese Gesinnung nur selten zu.

Ich küßte Judits weiße Hand, die meinen Arm berührte, und bat sie, doch ja nicht an meinem Verstehen zu zweifeln; da brach sie in Tränen aus.

»Ich mache doch Ihren Weg nicht schwieriger, Judit?« flüsterte ich.

Sie unterdrückte ihre Tränen, und ein heller Schein trat in ihre Augen.

»Sie? Sie machen ihn ja nur immer glatter und ebener.«

»Wie eine Dampfwalze,« sagte ich.

Lachend sprang sie auf und zog mich lustig in die Küche hinaus, wo ich ihr beim Teemachen helfen sollte. Meine ganze Hilfe bestand jedoch im Anzünden des Gases unter dem Wasserkessel. Danach lehnte ich mich an den Anrichtetisch und sah mit wahrem Herzklopfen zu, wie Judit auf reizend weiblich unbeholfene Art Butterbrote zurecht machte. Einmal, als die blanke Klinge ihrer Handfläche gefährlich nahe kam, hielt ich unwillkürlich den Atem an.

»Ein Mann würde es nie so machen,« sagte ich vorwurfsvoll.

Sie ließ die Brotscheibe ruhig auf den Teller fallen und reichte mir Brotlaib und Messer.

»Machen Sie es auf Ihre Weise,« sagte sie lächelnd mit verstellter Demut.

Ich tat es auf meine Weise – und schnitt mich in den Finger.

»Das ist ein infames Messer!« rief ich. »Aber es war richtig geschnitten.«

Judit erwiderte nichts, sondern verband ruhig meinen Finger und nahm dann gelassen das Messer wieder in die Hand, genau wie die wohlerzogene Dame in jener Ballade, aber ihr Lächeln ärgerte mich.

»Und dabei haben Sie mir immer noch nicht gesagt, wohin Sie zu reisen gedenken.«

»Nach Paris, zu Delphine Carrère.«

»Haben Sie nicht gesagt, Sie brauchten Einsamkeit?«

Ich kenne Delphine Carrère – sie ist die beste Frau der Welt und die treueste Seele, die es je gegeben hat, die einzige von Judits früheren Freundinnen, die über Judits flöten gegangenen guten Ruf vollständig hinweggesehen hatte. Aber der Gedanke, daß man in Delphines Wohnung gesellschaftliche Zurückgezogenheit finden könnte, wäre mir nie im Traum eingefallen. Doch Judit erklärte mir ihren Plan.

»Delphine malt den ganzen Tag, und bei Nacht ist sie aus. In ihrem Atelier kann ich sie unmöglich stören, denn sie muß fürchterlich fleißig sein – und nachts mit ihr herumschwärmen, das tue ich sicher nicht; ich werde also meine Tage und meine Nächte für mein ›zurückgezogenes und nachdenkliches Ich‹ zur Verfügung haben.«

Ich schwieg, aber ich bin ziemlich fest überzeugt, daß Judit, so wie sie nun einmal ist, sich in dem ungeheuer leichtlebigen Paris sehr wohl fühlen und von Herzen gern mitmachen wird. Sie hat die aufrichtigsten Vorsätze, niemand kann aufrichtiger sein als Judit, aber sie täuscht sich über sich selbst. Ihr in dem Glauben befangenes Ich, nun bald zurückgezogen und nachdenklich zu werden, saß in diesem Augenblick auf der Seitenlehne eines Fauteuils und rauchte mit unverstellter Freude an den guten Seiten des Lebens eine Zigarette. Der zwischen ihren blonden Haaren in blauen Ringeln aufwärts schwebende Rauch glich, wie ich ihr aus dem minderwertigen Gemütszustand des befriedigten Mannes heraus sagte, Weihrauch, der durch den Nimbus eines Heiligen zieht. Sie tat, als sorge sie sich um meinen verletzten Finger, weil da der Lebenssaft meines Verstandes herausfließen könnte. Nun, ich bin überzeugt, daß das » recueillement« (dieses wundervolle französische Wort, für das es in andern Sprachen kein gleichbedeutendes gibt, bedeutet die Sammlung der Seele als ein Zurückziehen auf sich selbst) der Rue Boissy d'Anglais, die glücklichste Täuschung ist, in der Judit je befangen gewesen war. Ich freue mich darüber, ja ich freue mich. Ihr Temperament – ich habe mich mit diesem Leid ausgesöhnt – verlangt die Zerstreuung, die London ihr nicht gewährt.

»Und wann wollen Sie abreisen?« fragte ich.

»Morgen.«

»Morgen?«

»Warum nicht? Ich habe Delphine heute vormittag telegraphiert. Da ich doch ausgehen mußte, um zum Frühstück einzukaufen (meine Vermutung scheint also richtig gewesen zu sein), dachte ich, ich könne ebensogut mit dem Omnibus vollends nach Charing Cross fahren und das Telegramm aufgeben.«

»Aber wann wollen Sie denn packen?«

»Das habe ich schon heute nacht getan, vor vier Uhr bin ich nicht zu Bett gegangen. Ich habe mich überhaupt erst entschlossen, nachdem Sie gestern weggegangen waren,« fügte sie, einer eventuellen Frage meinerseits zuvorkommend, hinzu.

Es ist doch besser, daß wir nicht miteinander verheiratet sind, denn diese plötzlichen Entschlüsse würden mich ganz aus dem Geleise bringen. Mein Gemütszustand wäre der einer Henne beim Anblick eines Automobils. Wenn ich eine Reise antrete, dann überlege ich mir am liebsten alles schon vierzehn Tage vorher ganz genau. Man muß seine Seele auf die neuen Verhältnisse stimmen, muß sich für die einzelnen Tage angenehme Pläne ausdenken, muß die Genüsse, die da entweder in dem geheimnisvollen Dunkel des Unbekannten, oder in dem willkommenen Licht des Vertrauten vor einem stehen und auf einen warten, schon im voraus genießen. Die Übergänge von einer Szene zur andern, die im Geist so außerordentlich fein abgetönt werden können, liebe ich ganz besonders. Der Mann, der an einem schönen Morgen in seiner Londoner Wohnung aufwacht, sich den Schädel reibt und sagt: »Was soll ich heute tun? Potztausend! Ich will nach Timbuktu abreisen,« ist für mich ein ganz unverständliches, unvollkommenes Wesen. Es geht ihm jegliches ästhetische Gefühl ab.

Aber Judit zu sagen, daß ihr das ästhetische Gefühl abgehe, das wage ich nicht. Ebensogut hätte ich sie anklagen können, silberne Löffel zu stehlen. Ich sagte, ich würde sie sehr vermissen (was auch gewiß so sein wird), und versprach, ihr jede Woche einmal zu schreiben.

»Und Sie,« sagte ich, »werden eine Menge Zeit übrig haben, um mir die Geschichte eines ›zurückgezogenen und nachdenklichen Ichs‹ zu erzählen, jetzt aber wollen wir irgendwo miteinander zu Mittag essen.«

Als ich nach Hause kam, fand ich eine Visitenkarte auf dem Korridortisch.

Mr. Sebastian Pasquale.

Es tut mir leid, daß ich um Pasquales Besuch kam, habe ich ihn doch seit zwei oder drei Jahren nicht mehr gesehen. Er ist ein anziehender junger Mann, interessant zu studieren. Ich will ihn bald einmal zu Tisch einladen, denn es ist gemütlicher hier als im Klub.

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