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Carlotta. Erster Band

William John Locke: Carlotta. Erster Band - Kapitel 2
Quellenangabe
authorWilliam J. Locke
titleCarlotta. Erster Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1909
translatorPauline Klaiber
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180620
projectid78b563d8
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Erster Teil.

Erstes Kapitel

Aus Gründen, die ich später angeben werde, sitze ich hier in Verona, um das ganz absonderliche Abenteuer zu erzählen, das ich erlebt habe. Ich will die kurzen Notizen meines Tagebuchs, das offen vor mir liegt, erweitern und ausführen, und beginne mit einem vergnügten Maientag vor sechs Monaten.

 

20. Mai.

London. Heute ist die siebente Wiederkehr des Tages meiner Befreiung aus der Gefangenschaft. Mit einem Seufzer unbeschreiblicher Erleichterung will ich dieses Tages in meinem Tagebuch immer gedenken. Sieben lange glückliche Jahre bin ich jetzt von dem erniedrigenden Einfluß der Abcschützen und der Einmaleinsschüler befreit. Es gibt freilich Leute, die die modernen englischen Jungen anregend und die alten Ägypter unterhaltend finden. Das sind die geborenen Schulmeister, und bei Schulmeistern heißt es wie bei den Poeten: nascuntur, non fiunt. Als was ich geboren bin, das kann ich nicht ergründen. Jedenfalls nicht als Schulmeister, und die vielen in der Tretmühle der Schule verbrachten Jahre haben mich auch zu keinem gemacht. Sie verwandelten mich nur in einen Automaten, der von mir selbst gefürchtet, von den Kollegen geuzt und von den Schülern manchmal gutmütig geduldet worden war.

Heute vor sieben Jahren bekam ich den Brief vom Rechtsanwalt. Die Briefe trafen gewöhnlich gerade vor Beginn der Schule ein; so öffnete ich ihn denn im Schulzimmer und, von Schrecken überwältigt mußte ich mich niedersetzen. Er brachte die Nachricht von dem gräßlichen Massensterben in meiner Familie und betäubte mich geradezu. Die Klasse mußte an meinem totenblassen Gesicht gesehen haben, daß sich irgend etwas ereignet hatte, denn ihrer sonstigen Gewohnheit ganz entgegen blieb sie, dreißig Schüler an der Zahl, in unerschütterlicher Ruhe sitzen und wartete auf den Beginn des Unterrichts. Soviel ich mich erinnern kann, warteten diese Jungen die ganze Stunde hindurch. Nach Verlauf dieser Zeit begab ich mich in mein Zimmer. Im Kreuzgang hörte ich einen der vor mir herlaufenden Knirpse einem andern zurufen: »Bombensicher, er hat 's große Los gewonnen!«

Als er sich umwandte, bemerkte mich der Junge; er wurde feuerrot, ich aber lachte laut hinaus, denn der Ruf des Jungen war wie ein Posaunenton aus dem siebenten Himmel an mein Ohr gedrungen. Ja, ja, ich hatte das große Los gewonnen! Nie wieder mußte ich den Jungen quadratische Gleichungen beibringen! Für immer durfte ich diesen verhaßten Mauern und den noch verhaßteren Spielplätzen den Rücken kehren! Und ich verließ mein Gefängnis nicht, um meine Knechtschaft wo anders wieder zu beginnen, wie das schon ein- oder zweimal der Fall gewesen war. Ich war frei. Ich konnte in den Sonnenschein hinausgehen und meinen Nebenmenschen ohne das beständige demoralisierende Gefühl der Unzulänglichkeit ins Gesicht sehen. Ich war frei! Aber bis zu dem Ruf jenes Knirpses war mir das noch nicht klar geworden. Die Zähne klapperten mir vor freudiger Erregung.

Glücklicherweise hatte ich während der zweiten Stunde keinen Unterricht zu geben, und ich brauchte einen großen Teil dieser Zeit, um mich zu fassen. Vollständig ruhig sprach ich dann bei meinem Rektor vor. Es war ein wohlbeleibter, pausbäckiger Mann mit einem kreisrunden Körper, einem kreisrunden Gesicht und einer kreisrunden goldenen Brille auf der Nase. Er sah ganz aus wie eine Figur aus dem dritten Buch des Euklid. Aber seine Augen glänzten wie Glasstückchen in der Sonne.

»Nun, Ordeyne?« fragte er, von Briefen an Eltern der Schüler aufsehend.

»Ich möchte Sie um meine Entlassung bitten,« sagte ich. »Und ich möchte Sie bitten, mich sogleich zu beurlauben.«

»Nun, nun, so schlimm steht es doch wohl nicht,« sagte er freundlich.

Ich sah ihn einen Augenblick verständnislos an.

»Ja, ich weiß wohl, daß Sie eine oder zwei schwierige Klassen haben,« fuhr er fort.

Unter dieser mich schwer kränkenden Vermutung zuckte ich zusammen.

»O, es hat nichts mit meiner Unzulänglichkeit zu tun,« warf ich ein.

»Was ist es denn sonst?«

»Mein Großvater, zwei Oheime, zwei Vettern und ein Diener sind vor ein paar Tagen im Mittelmeer ertrunken,« antwortete ich ruhig.

Später ist mir erst die Ungeheuerlichkeit dieser Ankündigung klar geworden, die denn auch meinen Rektor bis zur Sprachlosigkeit überwältigte.

»Ich spreche Ihnen meine innigste Teilnahme aus,« sagte er schließlich.

»Ich danke Ihnen,« erwiderte ich.

»Ein entsetzliches Unglück. Kein Wunder, daß es Sie aus der Fassung gebracht hat. Entsetzlich! Sechs Menschenleben. Drei Generationen einer Familie.«

»Das ist es ja gerade. Drei Generationen unsres Geschlechts sind wie weggefegt, und ich bin nun das Haupt der Familie.«

In diesem Augenblick trat die Gattin des Rektors ins Zimmer, die Morgenzeitung in der Hand. Als sie mich sah, eilte sie aus mich zu: »Haben Sie schlimme Nachrichten erhalten?«

»Ja. Steht es in der Zeitung?«

»Ich wollte es eben meinem Manne zeigen. Es ist ein außergewöhnlicher Name, und ich hätte gern gewußt, ob es Verwandte von Ihnen seien.«

Ich verbeugte mich zustimmend. Der Rektor las die Stelle, die ihm seine Frau mit dem Daumen andeutete; dann sah er mich an, wie wenn die See auch mich verwandelt hätte.

»Ich hatte keine Ahnung –« begann er. »Wie, ja – dann sind Sie ja jetzt Sir Markus Ordeyne!«

»Es klingt blödsinnig, nicht wahr?« sagte ich mit einem Lächeln. »Aber ich glaube, es ist wirklich so.«

Und dann ward ich von der Gefangenschaft erlöst. Das entsetzliche Unglück erschütterte mich zwar tief, aber es wäre reine Heuchelei, wenn ich behaupten wollte, daß ich persönlich um die Verstorbenen getrauert hätte. Ich hatte keinen von ihnen gekannt und bin überzeugt, der Diener war noch der Beste von allen. Mein Großvater und meine Oheime hatten mein Dasein vollständig ignoriert gehabt. Nicht einer von ihnen hatte zu einer Zeit, wo ein einziger freundlicher Händedruck so viel wie alles gewesen wäre, meiner verwitweten Mutter in ihrer Bedürftigkeit eine hilfreiche Hand gereicht.

Sie scheinen keine liebenswürdige Rasse gewesen zu sein, diese Ordeynes. Welcher Art mein Vater, der jüngste Sohn, gewesen war, weiß ich nicht, denn er starb, als ich erst zwei Jahre alt war, aber meine Mutter, eine etwas strenge puritanische Frau, sprach von ihm gerade so, wie sie von dem Propheten Joel gesprochen hätte, wenn dieser ein persönlicher Bekannter von ihr gewesen wäre.

Heute vor sieben Jahren bin ich ein freier Mann geworden!

Da ich mich mit aller Welt versöhnt fühlte, besuchte ich heute nachmittag meine Tante, Mrs. Jessica Ordeyne, die es mir nicht nachträgt, daß ich den Platz eingenommen habe, den eigentlich ihr Gatte und nach diesem ihr Sohn hätte erben sollen. Sie hat sich eher vorgenommen, mich zu adoptieren, meinen Ehrgeiz auf den richtigen Weg zu leiten und mir meine Pflichten als Haupt der Familie vorzuhalten. Wenn ich mich nicht adoptieren lasse, allem Plänemachen aus dem Wege gehe und keine Pflichten anerkenne, so ist das keinesfalls einem Mangel an gutem Willen ihrerseits zuzuschreiben. Sie ist eine wohlkonservierte Weltdame von fünfundfünfzig Jahren, die, als die chemischen Haarfärbemittel aufkamen, anfing, ihr Haar zu färben, und jetzt nicht neugierig genug ist, dieses Verfahren aufzugeben, um zu sehen, welche Farbe dann entstehen könnte.

Ich wollte, ich könnte sie liebhaben, aber ich kann es nicht. Sie schnurrt, doch eines Tages wird sie kratzen, das fühle ich. Heute empfing sie mich gnädig.

»Endlich, mein lieber Markus! Wußtest du nicht, daß ich schon seit Ostern hier bin?«

»Nein, leider nicht,« sagte ich, was auch ganz wahr war. »Warum hast du es mir nicht mitgeteilt?«

»Ich würde dich zu Tisch eingeladen haben, aber du kommst ja nie. Und dir eine Karte mit meinem jour fixe zu schicken, das fällt mir nicht ein. Es wäre doch nur eine Briefmarkenverschwendung.«

»Du hättest mir ja ein freundliches nichtssagendes Briefchen schreiben können,« bemerkte ich.

»Damit du gesagt hättest: ›Warum plagt mich die einfältige Person mit ihren dummen Briefen?‹ O ich kenne die Männer!« erwiderte sie mit schlauem Ausdruck.

Ja, das hätte ich auch wirklich gesagt, und da ich kein geriebener Lügner bin, konnte ich nur schwach lächeln. Es ist mir nie so recht behaglich bei Tante Jessica. Ich bin nämlich keine Persönlichkeit, die es besonders mit ihr verstünde, denn ich gehöre nicht in ihre luxuriöse Welt, und selbst wenn ich mir das wünschte, wovor mich Gott in Gnaden bewahren soll, so würden mir meine Mittel nicht einmal den notwendigen Aufwand erlauben. Mein Onkel, der die Absicht gehabt hatte, den verblaßten Glanz des Titels in seiner früheren Pracht wiederherzustellen, hat als ein Gründer verschiedener Gesellschaften ungeheure Reichtümer angehäuft, während ich, auf den der Titel jetzt gekommen ist, mit dem verblaßten Glanz vollständig zufrieden bin. Mit meiner Tante habe ich kaum einen Gedanken, geschweige denn irgend eine Geschmacksrichtung gemeinsam, und deshalb muß ich ihr in der Tat äußerst langweilig sein. Aber sie verbirgt ihren Verdruß unter einer strahlenden Miene und will mir weismachen, daß ihr meine Besuche unaussprechliches Vergnügen bereiteten. Ich möchte nur wissen, warum.

Mir gegenüber spielt sie stets den weisen Mentor, und sie möchte mich auch gern bemuttern. Aber das ärgert mich; ein Mann von vierzig Jahren braucht durchaus keine Ratschläge von einer ältern Frau, der jeglicher Verstand abgeht. Ich glaube, es gibt Frauen, die fest überzeugt sind, durch ihr Geschlecht schon mit allen geistigen Eigenschaften begabt zu sein. Heute hat meine Tante die Heiratsfrage aufs Tapet gebracht. Ich müsse heiraten. »Warum denn?« lautete meine Antwort. Sie meinte, daß sei die Pflicht eines jeden Mannes.

»Von welchem Standpunkt aus?« fragte ich. »Lediglich von dem der Vermehrung der menschlichen Rasse, oder von dem eines überflüssigen Frauenzimmers, das gerne versorgt sein möchte? Im ersten Fall ist meine Meinung die, daß es schon viel zu viel Menschen auf der Welt gibt, im zweiten aber bin ich, wie ich fürchte, nicht selbstlos genug.«

»Bist du komisch!« sagte meine Tante lachend.

Ich kam mir ganz und gar nicht komisch vor.

»Aber Spaß beiseite,« fuhr sie fort, »du mußt heiraten.« – Meine Tante hat eine Art, auf ihre Worte einen Nachdruck zu legen, der einem auf die Nerven geht. – »Weißt du wohl, daß der Titel erlischt, wenn du keinen Sohn hinterläßt?«

»Und wenn auch!« rief ich. »Wer wird sich auch nur einen Deut darum kümmern?«

Ich fange an, des Titels überdrüssig zu werden. Zuerst machte er mir Spaß. Jetzt aber ist es mir, als sei er droben im himmlischen Gerichtshof registriert und dort mit allerlei heiligen Vorschriften verwahrt. Erst neulich verlangte ein mir gänzlich unbekannter Pfarrer, ich solle einen Wohltätigkeitsbazar eröffnen, und soviel ich erraten konnte, hatte er seine Vorschriften direkt vom allmächtigen Gott erhalten.

»Ach, jedermann würde sich darum kümmern!« rief meine Tante aufrichtig empört. »Es wäre fürchterlich, und du bist es ebensogut deinen Nachkommen als deinen Vorfahren schuldig. Außerdem,« setzte sie ganz unvermittelt hinzu, »sollte ein Mann in deiner Stellung auch dieser Stellung gemäß leben.«

»Und das tue ich aufs Tüpfelchen, ich lebe doch durchaus meiner Stellung gemäß.«

»Jetzt tust du, als ob du mich nicht verstündest. Du mußt Geld heiraten.«

Ich lächelte und schüttelte den Kopf. Aber meine Tante liebt es offenbar nicht, wenn ich lächle und den Kopf schüttle, denn ich sah ein Flackern in ihren Augen.

»Nein, meine liebe Tante, ein ausgesprochenes Nein. Geld wäre sehr wenig herzerfreuend. Wenn ich es küßte, wäre es kalt, wenn ich es umarmte, wäre es scharf und hart, was mir weh täte, und wenn ich irgend eine Gefühlsäußerung aus ihm herausbringen wollte, würde es nur klirren.«

»Was willst du denn sonst?«

»Nichts. Aber wenn es durchaus etwas sein müßte, dann möchte ich wirkliches Fleisch und Blut.«

»Kannibale!« sagte meine Tante.

Darauf mußten wir beide lachen.

»Aber du kannst Fleisch und Blut im Überfluß haben und noch Geld obendrein, wenn du dich nur darum umtun wolltest,« fuhr meine Tante fort.

Wie gerufen traten in diesem Augenblick meine beiden Cousinen Dora und Gwendolin ins Zimmer und unterbrachen die Unterhaltung. Es sind das zwei lustige Mädel mit frischen Gesichtern im Anfang der Zwanziger. Sie reiten, schießen, radeln, tanzen und spielen Golf, die ältere schreibt überdies kleine Erzählungen für Zeitschriften. Da ich alles dies nicht tue, halten sie mich zweifellos für ein minderwertiges Geschöpf. Wenn sie mir eine Tasse Tee reichen, erwarte ich beinahe, daß sie mir über den Kopf streichen und »guter Hund!« zu mir sagen. Ich bin groß, mager, vorgebeugt, häßlich, kurzsichtig, habe eine Habichtsnase und erfreue mich durchaus nicht des kecken Benehmens der lustigen Börsenjobber, mit denen sie jeden Tag verkehren. Diese jungen Damen flößen mir eher einen gewissen Schrecken ein, und sie haben überdies einen ganzen Haufen äußerst oberflächlicher Kenntnisse von allem unter der Sonne aufgestapelt, wovon sie mit Vorliebe kleine Proben zum Besten geben. Dies verwirrt mich und macht mir die Unterhaltung schwierig.

Da ich Dora seit ihrer Rückkehr von Rom, wo sie den Vorfrühling zugebracht hat, noch nicht gesehen hatte, fragte ich etwas ängstlich nach ihren Eindrücken von dort, und ehe ich's mich versah, lauschte ich einem Vortrag über die Peterskirche. Sie teilte mir mit, daß die Kirche von Michelangelo erbaut worden sei, worauf ich bemerkte, einiges Verdienst daran müsse doch auch Bramante zugeschrieben werden, ganz abgesehen von Rosselino, Baldassare Peruzzi und den beiden San Gallos.

»O,« sagte meine junge Dame mit einer prächtigen Miene der Überlegenheit, »der Dom wurde ganz allein nach Michelangelos Entwurf gebaut, die andern haben nachher nur daran herumgepfuscht.«

Nach diesem trefflichen Schuß ins Schwarze machte ich mich auf und davon.

Um mich zu trösten, schlug ich Michelangelos edlen Brief über Bramante auf.

»Man kann nicht leugnen,« heißt es da, »daß Bramante ein ebenso ausgezeichneter Meister der Architektur war, als nur je ein Künstler von der ältesten Zeit bis auf die Gegenwart. Er legte den ersten Stein von Sankt Peter nicht planlos, sondern klar, präzis und hellsehend, und er legte rundum alles auf eine Weise frei, daß nicht der kleinste Teil des Palastes beeinträchtigt wurde. Der Bau ist ein herrliches Kunstwerk geworden, wie man heute noch sehen kann, und wer immer von dem oben genannten Plan Bramantes abgewichen ist, wie San Gallo, der ist von der Wahrheit abgewichen.«

Michelangelo war San Gallo nicht hold, und er mochte auch Bramante nicht – der zwanzig bis dreißig Jahre älter war als er –, aber dadurch ist die Anerkennung der Arbeit des älteren Meisters um so großmütiger.

Daran herumgepfuscht! Es ist zum Lachen!

 

21. Mai.

Den ganzen Vormittag habe ich am offenen Fenster gearbeitet.

Ich bewohne ein kleines Haus in Lingfield Terrace auf der nördlichen Seite von Regent's Park, und mein Wohnzimmer im ersten Stock liegt nach Süden. Die letzten Tage sind warm und sonnig gewesen, und die Ulmen und Platanen auf der andern Seite der Straße strotzen allmählich in einer üppigen grünen Pracht, wie wenn sie sich an dem goldenen Wein des Frühlings wahrhaft berauscht hätten. Meine großen Balkontüren stehen weit offen, und draußen auf dem Balkon kriecht ein dreieckiges Stück Sonnenschein näher und näher herbei. Ich habe meinen Arbeitstisch dicht ans Fenster gerückt und schreibe eifrig an dem ersten Teil meiner »Geschichte der Moral der Renaissance«, zu der ich die vorbereitenden Notizen vollständig beisammen habe. Ein wonniges Gefühl von vollständiger Weltabgeschiedenheit erfüllt mich. Drüben über den Baumwipfeln zeigt sich in der Ferne ein rötlicher Schimmer, und darunter liegt London mit seinen Kämpfen und seinem Elend, seiner Schlechtigkeit und Eitelkeit. In zwanzig Minuten könnte ich, wenn ich wollte, mitten darin sein, und dann auch ebenso mitten drin im Kampf, ebenso unglücklich und so von Schlechtigkeit und Eitelkeit durchdrungen, wie irgend ein andrer Mensch in London. Ich könnte an der Börse spekulieren, das unlautere Spiel der Politik betreiben oder meinen wertvollen Titel unter den jungen Damen der Londoner Gesellschaft zum Verkauf ausbieten. Meine Tante Jessica sagte mir einmal, ganz London liege mir zu Füßen, aber ich bin ganz zufrieden, wenn es ruhig da liegen bleibt; es jagt mir denselben nervösen Schrecken ein wie eine wilde Brandung, deren Wogen sich hochaufspritzend am Ufer brechen. Wenn ich mich darauf hinauswagte, würde ich hin- und hergeschleudert werden, an den Felsen zerschellen und zu Grunde gehen. Da beobachte ich lieber alles aus einer gewissen Entfernung. Wenn ich etwas mehr Unternehmungslust hätte, könnte ich vielleicht etwas leisten; aber ich fürchte, ich bin nur ein Tagedieb in dem großen Weltgetriebe; doch anstatt mich auf den Schutthaufen zu werfen, hat mich ein gütiges Schicksal bis heute beschirmt, ja es hat mich vielleicht als Merkwürdigkeit in seinem eigenen Museum unter Glas und Rahmen aufgestellt, und ich fühle mich ganz glücklich unter diesem Schutz.

Ich wurde unterbrochen, Antoinette, meine Köchin und Haushälterin, kam und sagte, es sei ihr sehr leid, daß sie mich stören müsse, aber sie wolle nur fragen, ob ich Sauerampfer gern esse. Sie habe eben du veau à l'oseille zum Gabelfrühstück machen wollen, und da habe Stenson (mein Diener) gesagt, das sei abscheuliches Zeug und Monsieur würde keinen Bissen davon essen.

»Antoinette,« sagte ich, »gehen Sie und sagen Sie Stenson, in eben dem Maße, als er für meinen äußeren Menschen sorge, sorgten Sie für meinen inneren, und in Beziehung auf diese beiden Arbeitsfelder hätte ich ein unbeschränktes Vertrauen in euch beide.«

»Aber ißt Monsieur gern Sauerampfer?« fragte Antoinette ängstlich.

»Ja, sogar leidenschaftlich gern,« antwortete ich; und Antoinette verschwand triumphierend.

Welche unendliche Sorgfalt die Französinnen doch für das Innere ihrer Herren haben! Bisweilen ist es mir geradezu rührend. Ich habe tatsächlich schon öfters die appetitlichsten Leckerbissen, die ich nicht essen konnte, ins Feuer geworfen, nur um Antoinettes Gefühle nicht zu verletzen.

Vor drei Jahren traf ich sie in der kleinen Herberge eines Städtchens an der Loire, wo sie Köchin war, und da sprach sie nach den Mahlzeiten immer so rührend über die Kochkunst, daß sich bald eine innige Freundschaft zwischen uns entspann. Dann war plötzlich irgend jemand Geld weggekommen, und Antoinette wurde unter dem Verdacht des Diebstahls ohne weiteres entlassen. Ich hatte einen bestimmten Verdacht gehabt, wer der Dieb sei – ein Verdacht, der sich später als richtig erwies – und hatte Antoinette empört verteidigt.

Aber Antoinette, die aus einem etwa achtzig Meilen entfernt liegenden Dorfe stammte, war fremd und verlassen; ich war ihr einziger Freund, und das Ende vom Liede war, daß ich ihr vorschlug, mit mir nach England zu kommen, ins Land der Freiheit, nach der Zufluchtstätte der Unterdrückten und Mißhandelten, um dort meine Haushälterin zu werden. Unter Tränen lächelnd willigte sie ein. Und das Lächeln verbreitete sich über ihr ganzes dickes Gesicht, so daß sich da kleine Furchen bildeten für die großen dicken Tränen, die unerwartet an verschiedenen Stellen heruntertropften. Antoinette, deren einziger Sohn als Soldat in Madagaskar gefallen war, stand ganz allein auf der Welt. Obgleich ihr Mann tot war, hatte sie das Gesetz doch nie als Witwe anerkennen wollen, denn sie war nie verheiratet gewesen, und deshalb weigerte es sich auch, ihren einzigen Sohn vom Militärdienst freizulassen. » On ne peut être jeune qu'une seule fois, n'est-ce pas, Monsiseur?« sagte Antoinette zur Beschönigung ihres früheren Fehlers.

»Und Jean-Marie,« fügte sie hinzu, »war ein ebenso tapferer Mensch und aufopfernder Sohn, als wenn der Heilige Vater uns selbst getraut hätte.«

Ich streckte abwehrend die Hand aus und sagte, daß sei mir ganz einerlei. Von den della Scalas, die viele Generationen hindurch die höchsten Herren von Verona gewesen seien, habe kein einziger von allen seinen Vater in anderer Weise gehabt. Selbst Wilhelm der Eroberer –

» Tiens!« rief Antoinette getröstet. »Und er wurde Kaiser von Deutschland – er und Bismarck.«

Antoinettes Kenntnisse in der Weltgeschichte sind recht primitiv, und ich habe nicht versucht, sie weiter auszubilden.

Als ich mein Opfer fremdländischer Tyrannei nach Lingfield Terrace brachte, fiel Stenson beinahe in Ohnmacht. Er ist der korrekteste aller englischen Kammerdiener, und ich glaube, sein einziges Laster ist ein Akkordeon, auf dem er in meiner Abwesenheit getragene Choralweisen spielt. Als er sich wieder erholt hatte, fragte er mich ehrerbietig, wie er und Antoinette sich denn gegenseitig verständlich machen sollten. Ich erklärte ihm, entweder müsse er Französisch lernen, oder er müsse Antoinette das Englische beibringen. Sie haben dann wohl ein gräßliches Kauderwelsch erfunden, mittels dessen sie offenbar einen ganz freundschaftlichen Verkehr pflegen. Ab und zu sind sie verschiedener Ansicht, wie zum Beispiel heute über mein Verhältnis zu veau à l'oseille, aber im ganzen ist ihr Verhältnis recht einträchtig, und sie erhält ihn bei guter Laune. Natürlich, der Weg zum Herzen geht durch den Magen!

Mein Pflichtgefühl, das durch den gestrigen Besuch bei meiner Tante Jessica rege geworden war, leitete meine Schritte heute nach dem Haus der andern Tante, Mrs. Ralph Ordeyne. Diese, eine eifrige Katholikin, ist von ganz andrer Art als ihre Schwägerin; und seit jenem furchtbaren Unglück beschäftigt sie sich noch mehr als zuvor mit den Angelegenheiten ihrer Religion. Sie bewohnt ein düsteres Häuschen in einer sonnenlosen Nebengasse von Kensington. Ich traf nur meine Cousine Rosalie zu Hause, die mir mit lauwarmem Wasser bereiteten Tee gab, von der letzten Kunstausstellung sprach, die sie nicht gesehen, und von einem neuen Roman, von dem sie nur oberflächlich reden gehört hatte. Trotz aller Anstrengung gelang es mir nicht, etwas Leben in die Unterhaltung zu bringen. Ich glaube, sie hat für nichts Interesse; selbst über Farm Street sprach sie nur in gleichgültigem Ton.

Ich bedaure sie von Herzen, denn sie ist dreißig Jahre alt, mager, farblos, busenlos – ich möchte sagen leidenschaftslos – die geborene alte Jungfer. Sie hat niemals heißen Tee getrunken, nie im Sonnenschein gesessen und nie herzlich hinausgelacht. Ich erinnere mich, daß ich einmal, als ich gar nichts mehr zu sagen wußte, die alte Geschichte von Theodor Hook erzählte, der einen ihm unbekannten protzig aufgeputzten Menschen auf der Straße mit der höflichen Frage anredete, er möge ihm doch zu wissen tun, ob er in ihm etwas Besonderes vor sich habe. Ohne ein Lächeln hatte sie mir erwidert: »Ja, es ist erstaunlich, wie unhöflich manche Leute sein können!«

Und ihre Paten haben ihr den Namen Rosalie gegeben! Die meinigen hätten mich ebensogut Herkules oder Puck nennen können!

Sie sagte mir, ihre Mutter wolle mich in der nächsten Woche einmal zu Tisch einladen, wenn ich frei sei. Ich wählte den Donnerstag. Komischerweise esse ich gern dort, obgleich wir auf dem formellsten Fuß miteinander stehen und immer noch »Sir Markus« und »Mrs. Ordeyne« zu einander sagen. Aber Mutter und Tochter sind beide wirklich feine Damen, und deren trifft man sehr wenige unter der heutigen Frauenwelt.

Um sechs Uhr kam ich nach Hause und fand ein Telegramm auf mich wartend.

»Leider kann ich Sie nicht zu Tisch bitten. Die Köchin ist in einer unmöglichen Verfassung. Kommen Sie später. Judit.«

Ich muß gestehen, daß mir bei dieser Nachricht ein Seufzer der Erleichterung entfuhr. Obgleich ich Judit sehr lieb habe und sie wegen ihrer häuslichen Widerwärtigkeiten von Herzen bedaure, verstehe ich doch nicht, warum sie das trunksüchtige Weibsbild in ihrer Küche behält. Wenn es etwas gibt, was die Frauen durchaus nicht verstehen, so ist es die Wahl, die Leitung und die Behandlung der Dienstboten. Ein Mann versteht das viel besser. Doch dies nur nebenbei; in Wirklichkeit hat mich Antoinette für die Kochkunst von Judits Köchin verdorben. Es entfuhr mir also ein kleiner Seufzer der Erleichterung, und ich rief Stenson, um ihm mitzuteilen, daß ich zu Hause speisen würde.

Ein großes Bücherpaket von einem Antiquar kam während des Essens an, und unter anderem enthielt es die neun Bände von Pietro Gianones Istoria Civile del Regno di Napoli, ein Werk, das ich schon längst hätte haben sollen. Es ist dem »allermächtigsten und siegreichen Fürsten Karl VI. dem Großen, von Gott gekrönten Kaiser der Römer, König von Deutschland, Spanien, Neapel, Ungarn, Böhmen, Sizilien und so weiter« gewidmet. Gibt es auf der weiten Gotteswelt wohl eine lebende Seele, die auch nur einen Funken von Bewunderung für diesen »allermächtigsten und siegreichen, von Gott zum Kaiser und König des größten Teils von Europa gekrönten Monarchen« fühlte (der der meisten seiner Ansprüche durch den Vertrag von Utrecht verlustig ging)? Wir erinnern uns dieses Menschen nur gelegentlich der Pragmatischen Sanktion, sonst aber hat seine Persönlichkeit auch nicht die geringste Spur in der Weltgeschichte hinterlassen. Und doch kriecht am 12. Februar 1723 ein außerordentlich gelehrter, scharfsinniger und bilderreicher Geschichtschreiber vor diesem Mann am Boden und unterschreibt sich selbst als: »Eurer Heiligen Kaiserlichen und katholischen Majestät demütigster und untertänigster gehorsamster Vasall und Sklave Pietro Gianone.« Welche unbarmherzigen Urteilssprüche werden über solche einst ungeheuren Berühmtheiten gefällt! In Gianones bewunderungswürdiger Einleitung lesen wir: » il celebre Arthur Duck, il quale oltro a' confini della sua Inghilterra volle in altri e più lontani Paesi andav rintracciando l' uso e l' autorità delle romani leggi ne' nuovi domini de' Principi cristiani; e di quelle di ciascheduna Nazione volle ancora aver conto: le ricercò nella vicina Scozia, e nell' Ibernia: trapassò nella Francia, e nella Spagna; in Germania, in Italia, e nel nostro Regno ancora: si stese in oltre in Polonia, Boemia, in Ungheria, Danimarca, nella Svezia, ed in più remote parti

Es war ein verflixt guter Kopf, dieser berühmte Engländer Arthur Duck. Er hat nicht allein eine gelehrte Abhandlung geschrieben: De Usu et Auth. Jur. Civ. Rom. in Dominiis Principum Christianorum, sondern war auch noch Ritter, Parlamentsmitglied, Kanzler der Londoner Diözese und eine Autorität im Gerichtshof. Gianone erstirbt mehrere Seiten lang in Ehrfurcht vor diesem Wunder, das er liebevoll »Arturo« nennt, wie wenn ein andrer »Raffaelo« oder »Giordano« sagt. Und jetzt, wer weiß noch etwas von Sir Arthur Duck?

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