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Carlotta. Erster Band

William John Locke: Carlotta. Erster Band - Kapitel 12
Quellenangabe
authorWilliam J. Locke
titleCarlotta. Erster Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1909
translatorPauline Klaiber
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180620
projectid78b563d8
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Elftes Kapitel

3. August.

Etretat, Seine-Inférieure. Auf der Kasinoterrasse fiel heute abend mein Blick auf einen jungen Mann, der mich im Vorübergehen höchst sonderbar ansah. Obgleich mir sein Gesicht fremd war, rief es doch eine schlafende Erinnerung in mir wach. Was war es doch nur? Diese nutzlose Frage quälte mich stundenlang. Endlich, während der Vorstellung im Theater, schlug ich plötzlich auf mein Knie und sagte ganz laut: »Nun hab' ich's.«

»Was?« fragte Carlotta erschrocken.

»Eine Fliege,« erwiderte ich. Carlotta lachte und beugte sich vor, um das Opfer zu sehen. Aber streng wies ich ihre Aufmerksamkeit auf die Bühne hin. Die Fliege, deren Summen ich ein Ende gemacht habe, war bildlich gemeint.

Der junge Mann war derselbe, der im Hyde Park auf mich gedeutet und zu seiner Begleiterin gesagt hatte, ich sei so toll wie ein Dingohund. Der Ausspruch war von dem Augenblick an, wo ich ihn gehört hatte, bis jetzt, wo ich mir aufs Knie schlug, meinem Gedächtnis vollständig entschwunden gewesen; aber jetzt verfolgt er mich wie ein geflügeltes Wort; unaufhörlich klingt er mir in den Ohren. Ich bin nur froh, daß ich in keinem Eisenbahnwagen sitze, sonst würden die Achsen ihn die ganze Nacht hindurch den Rädern vorsingen. Jetzt versuchen ihn die Wellen dort drüben, nur ein paar Meter von meinem Fenster entfernt, gegen die Steine am Ufer zu donnern. Ich frage und frage mich: »Warum wie ein Dingohund?« Wenn ich verrückt bin, bin ich es doch auf eine ruhige, melancholische Jean Jacques Rousseausche Art. Ich falle nicht rasend und mit Schaum vor dem Mund über lebende Wesen her.

Wahrscheinlich kommt der dumme Vergleich nur von dem Mißbrauch der Sprache her, der bei der halbgebildeten Jugend Großbritanniens im Schwange geht.

Und doch, wenn ich meinen gegenwärtigen Zustand betrachte, kommen mir Zweifel, ob ich noch bei gesundem Verstande bin. Fern von meinen Büchern, meinen Bequemlichkeiten und Gewohnheiten sitze ich hier, in einem kleinen französischen Seebad zweiten Rangs, und bin von dessen geistlosen Zerstreuungen so hingenommen, als ob es auf der weiten Welt keine andern Beschäftigungen gäbe, die der Aufmerksamkeit eines vernünftigen Mannes würdig wären. Und vier volle Wochen habe ich schon hier zugebracht!

Carlotta zu Gefallen trage ich ein rosa Hemd, weiße Beinkleider und eine Jachtmütze. Ich bestellte diese Sachen telegraphisch bei meinem Schneider in London und erhielt alles innerhalb einer Woche. Als ich das erste Mal in diesem verrückten Anzug die Treppe zum Kasiono hinaufsteigen wollte, starrte mich der Polizist so versteinert an, daß ich erschrocken davonschlich und mich zwischen den Fischerbooten am Strand versteckte. Carlotta jedoch war entzückt und sagte, ich sehe hübsch aus. Jetzt bin ich auch abgehärtet, andre Narren laufen ja ähnlich gekleidet umher. Aber hätte ich mir noch vor einem Jahre auch nur von der Möglichkeit träumen lassen, daß ich auf einer eleganten » plage« in weißen Beinkleidern, rosa Hemd und Sportmütze einherstolzieren würde? Ich glaube es nicht. Das sind Zeichen von irgend einer Art von Verrücktheit; ob in der Art eines Jean Jacques Rousseau, oder in der eines Dingohundes ist ziemlich einerlei.

Pasquale war die Hauptursache, die mich veranlaßte, Carlotta von London wegzunehmen. Er kam viel zu oft ins Haus, war viel zu vertraulich mit meinem kleinen Mädchen, das seine Redensarten mit Vorliebe aufschnappte. Sie ist in dem eindrucksfähigen Alter, wo junge Mädchen sich gar zu leicht von den Reizen eines so bestrickend liebenswürdigen Mannes wie Pasquale betören lassen. Wenn er als Gatte für Carlotta in Betracht kommen könnte, dann hätte ich nichts dagegen einzuwenden; ich würde dem Paare sogar meinen väterlichen Segen geben. Aber ich kenne meine Renaissance und ich kenne meinen Pasquale. Carlotta ist für ihn nichts weiter als wieder ein neuer Zeitvertreib, und dafür allein scheint der liebenswürdige Schwerenöter zu leben. Aber ich gebe nicht zu, daß ihr Herz von einem Cinquecentowolf in hochmoderner Kleidung gebrochen wird. Daß Carlotta ein Herz hat, nehme ich an, selbst wenn sie keine Seele besitzen sollte, über diesen letzten Punkt bin ich immer noch im Zweifel. Jedenfalls entschloß ich mich, Carlotta Pasquales Einfluß zu entziehen, sie in andre Umgebung zu bringen und ihr zu erlauben, sich ungezwungen unter den Menschen hier zu bewegen, damit sie sich zerstreut und vielleicht auch ihren Geist ausbildet.

Ich sehe, Carlotta füllt allmählich meine ganze Zeit aus. Nun, diese Beschäftigung ist ebenso nutzbringend wie das Sammeln von Briefmarken, das Golfspielen oder das Photographieren. Ich habe einen angenehmen Monat in diesem kleinen Badeort verlebt. Er liegt auf der von schroffen Klippen umgebenen Meeresküste, dicht am Eingang einer Felsenschlucht. Die sich etwa eine Viertelmeile in einem Halbkreis hinziehende Bucht ist an beiden Enden durch vorspringende Felsen abgeschlossen, die einen natürlichen Torbogen bilden. Die Hälfte des steinichten Strandes gehört den Fischern, ihren Booten und geteerten Kasten, in denen sie ihre Netze aufbewahren. Die andre Hälfte ragt steil empor und bildet eine Terrasse, auf der ein primitives Kasino steht; unterhalb dieser Terrasse sind die Badehäuschen. Wir wohnen in dem reinlichsten aller reinlichen französischen Gasthäuser. Es sind keine Läufer auf den Treppen, aber wenn jemand mit schmutzigen Stiefeln hinaufgegangen ist, taucht sogleich ein unermüdliches Hausmädchen aus den unteren Regionen auf und entfernt die hinterlassenen Spuren freundlich mit heißem Wasser und einer Bürste.

Carlotta und Antoinette haben nebeneinanderliegende Zimmer im Hauptgebäude. Ich dagegen bewohne in der Dépendance ein nettes, einfaches, sauberes Stübchen mit einem Balkon, von dem ich über das Felsentor, die Fischerboote und das Fischervolk hinweg weit hinaus aufs Meer sehen kann. Heute morgen sah ich vom Bett aus ganz draußen am Horizont unsre Kanalflotte.

Antoinette schwimmt in einem Strom des Entzückens, weil sie wieder in Frankreich ist. Carlotta versichert mir, das Lächeln auf Antoinettes breitem rotem Gesicht verschwinde nicht einmal nachts im Schlaf, sie, Carlotta, habe neulich zu ihr hineingeguckt, um nachzusehen. Wir beide haben unsern Spaß daran. Die gute Seele ist auf französische Unterhaltung aus wie eine halbverhungerte Henne auf ihr Futter. Drunten am Strand kennt sie jede Wäscherin, jede Fischerfrau, jede Marchande, jede Badefrau, jedes Dienstmädchen, und auch mit der ganzen männlichen Bevölkerung steht sie auf vertraulichem Fuß. Wenn wir drei zufällig einmal zusammen spazierengehen, dann ist es ein wahrer Triumphzug; denn von allen Seiten her werden wir mit Knicksen, grinsendem Lächeln und vertraulichem Kopfnicken begrüßt. Zuerst dachte ich, diese Ehrenbezeugungen gälten mir, aber ich wurde bald eines andern belehrt – sie galten Antoinette. Es ist ihr eine Wonne, unsre Carlotta ihren Bekannten zu zeigen. Einmal kam ich dazu, wie sie in Carlottas Gegenwart eine bewundernde Zuhörerschaft mit einer sehr ins einzelne gehenden Beschreibung der physischen Vollkommenheiten dieser jungen Dame unterhielt – einer Beschreibung, die sich durch auffallenden Mangel an Zurückhaltung auszeichnete. Der Glanzpunkt ihres Tages ist die Badestunde, wenn sie Carlotta von der Kabine zum Wasser begleitet, um ihr Peignoir und Espadrilles abzunehmen. Ehe sie ihre Pflegebefohlene vor dem eleganten Etretat enthüllt, wirft sie einen aufmunternden Blick um sich, als wolle sie sagen: »Meine Damen und Herrn, bereiten Sie sich auf die strahlende Gottheit vor, die ich Ihnen jetzt offenbare!« Carlotta ist allerdings in ihrem Badeanzug bezaubernd und freut sich über den Triumph, den ihre Schönheit feiert. Die Leute bleiben stehen und schauen ihr nach, und ich, in weißen Beinkleidern und rosa Hemd, auf einem Feldstuhl sitzend und eine Zigarre rauchend, kann einen behaglichen Stolz auf mein Eigentum nicht unterdrücken. Ich habe auch nichts dagegen einzuwenden, wenn sie triefend aus dem Wasser kommt und mich mit ihren nassen Fingern bespritzt; ja, ich mache ihr nicht einmal Vorwürfe, wenn sie ihren Fuß auf mein fleckenloses Knie setzt, um mir eine kleine, von einem Kieselstein herrührende Wunde auf ihrer rosigen Fußsohle zu zeigen.

Ihr Betragen ist bis jetzt tadellos gewesen. Mit meiner Erlaubnis hat sie die Bekanntschaft von zwei oder drei jungen Herren gemacht, die ihre Tänzer bei den Kasinobällen sind, und mit denen sie vor den Mahlzeiten auf der Terrasse hin und her schlendert. Bei Strafe der sofortigen Rückkehr nach London und meines ewigen Zornes habe ich ihr verboten, den Harem von Alexandretta zu erwähnen, denn junge Leute haben geradezu ein Genie, alles verkehrt aufzufassen. Carlotta ist einfach eine junge Engländerin, eine Waise (was ja wahr ist), und ich bin ihr Vormund. Natürlich sieht sie die Herren mit flehenden Augen an, zupft sie am Ärmel, hält sie an den Rockaufschlägen fest und verkehrt mit ihnen in den vertraulichsten Ausdrücken; aber diese Charaktereigentümlichkeiten kann ich so wenig ändern als ihre Gestalt. Carlotta ist eine geborene Kokette und überdies in der wonnigen Überzeugung befangen, daß sie der Gegenstand der Bewunderung jedes männlichen Wesens sei. Heute morgen sah ich, wie sie mit ihren Fingern eine Melodie auf dem Arm des alten Bademeisters spielte, während dieser sich anschickte, sie ins Wasser zu fahren, wobei mir auffiel, daß sein mahagonifarbiges Gesicht einen weichen Ausdruck annahm. Ganz ebenso würde Carlotta in ihrer unbeschreiblich kindlichen Art auch mit einem Steuereinnehmer oder Lumpensammler, oder selbst mit dem Erzbischof von Canterbury kokettieren. Aber eine ernstliche Unvorsichtigkeit hat sie nicht begangen, und ich bin genügend Herr und Meister, um Gehorsam zu erlangen.

Ich tue jedoch, als sei ich stets ihres Winks gewärtig, und es ist mir eine wirkliche Freude, diesem strahlenden Glück Vorschub zu leisten – zu fühlen, wie sie sich auf meinen Arm stützt, und zu hören, wie sie mit ihrer süßen Stimme sagt: »Du bist so gut. Ich möchte dir einen Kuß geben.« Aber ich erlaube ihr nicht, mich zu küssen, nie wieder! »Siir Markuus, laß uns zu den kleinen Pferdchen gehen!«

Sie hat eine verzehrende Leidenschaft für » les petits chevaux«. Ich halte ihr zwar weise Reden über das Laster des Spielens, aber sie lacht nur, und schwach wie ich bin, stelle ich mich auf einen niedrigeren Standpunkt.

»Wozu denn? Du hast ja kein Geld?«

»O–o. Nur zwei Franken!« bittet sie und streckt ihre Hand aus.

»Nicht einen. Gestern hast du verloren.«

»Aber heute werde ich gewinnen. Ich habe in einem Laden etwas gesehen, etwas Wunderschönes, das ich dir schenken möchte.«

Dann fühle ich, wie sich ihre Hand in meine Rocktasche stiehlt, wo ich eben zu diesem Zweck immer etwas Kleingeld trage, gerade wie ein Pferdeliebhaber ein paar Zuckerstückchen für sein Lieblingspony. Mit einem Freudenschrei zieht Carlotta triumphierend ihre Hand aus meiner Tasche und weicht zurück. Aber schon im nächsten Augenblick nimmt sie meinen Arm und führt mich aus der kühlen Nachtluft in das heiße kleine Zimmer hinein, wo die Menschen dicht gedrängt um die neun im Kreise herumlaufenden Tierchen stehen.

»Ich werde auf fünf setzen – ich setze immer auf fünf. Das fünfte ist so ein nettes, sauberes weißes Pferdchen.«

Sie setzt zwei Franken und beobachtet den Wettlauf der Pferdchen mit ängstlicher Spannung. Sie gewinnt! Sechzehn Franken fest in der Hand haltend, läuft sie auf mich zu.

»Sieh! Ich sagte dir ja, ich würde gewinnen!«

»Gut; nun komm und sei glücklich!«

Aber sie verzieht nur das Gesicht, und ehe ich es verhindern kann, läuft sie zurück und setzt abermals auf fünf. In zwanzig Minuten ist sie völlig ausgebeutelt und kehrt nun mit einem Ausdruck des tiefsten Jammers zu mir zurück. Sie ist sogar zu geknickt, um noch einmal ihr Glück in meiner Rocktasche zu versuchen. Ich führe sie hinaus und stelle ihre Glückseligkeit durch ein Glas Sodawasser mit Fruchtsaft wieder her. Die Limonade trinkt sie ohne einen Strohhalm; beide Ellbogen auf dem Marmortisch und das Glas in beiden Händen, schlürft sie das Getränk mit Hochgenuß in kleinen Schlückchen.

Und ich, Markus Ordeyne, ein äußerst zufriedener Philosoph von vierzig Jahren, sitze dabei und beobachte sie. Ein Dingohund könnte nicht so befriedigt sein, und ich behaupte ohne jedes Zögern, daß jener junge Mensch der hirnloseste seiner Art sein muß. Ich ertrage Dummköpfe im allgemeinen mit Würde, aber wenn ich diesen Kerl noch oft sehen muß, tue ich ihm sicher ein Leid an.

Nach dem Gabelfrühstück gingen wir auf den Gipfel der westlichen Klippe und lagerten uns in dem dichten, trockenen Gras. Niemals hat die Erde einen solch vollkommenen Nachmittag gesehen, einen Tag von tiefstem Blau und von strahlendstem Licht. Die ganze Luft war durchsichtig blau. Unter uns schlief der kleine Ort im Sonnenschein – kaum ein Lebenszeichen – nur wie Punkte sahen wir die Waschfrauen am Strand sich über weiße Flecken – die zum Trocknen ausgebreiteten Wäschestücke – beugen. Leise plätscherten die Wellen gegen die Steine am Ufer, wodurch das ultramarinfarbige Meer plötzlich einen federartigen weißen Saum erhielt. Ein paar weiße Segel unterbrachen das Blau der Bucht; einige helle Cirruswölkchen glänzten über unsern Häuptern; um uns her, oben auf den Gipfeln der Felsen waren grüne Weiden und satte Wiesen, weiter drinnen im Land schimmerten große Garbenbündel auf den Erntefeldern, und ringsum standen viele schöne Bäume.

Während wir auf dem Rücken zwischen Himmel und Meer im Grase lagen, war es mir, als seien wir vollständig allein auf der Welt. Carlotta und ich waren die einzigen Erdenbewohner. Träumerisch löste ich einen Bonbon um den andern aus seiner klebrigen Seidenpapierhülle, und Carlotta verzehrte sie alle.

Nach einiger Zeit beschlich mich eine unbezwingliche Müdigkeit, und bald darauf hatte ich ein eigenes Gefühl vollkommener Ruhe. Ich lag zwischen Moos und Veilchen. Halb im Traum verwunderte ich mich über diese Veränderung um mich her, und als ich endlich aufwachte, lag mein Kopf in Carlottas Schoß, beschattet von ihrem roten Sonnenschirm, während Carlotta selbst freudestrahlend in der prallen Sonne saß. Aber als ich schnell aus dieser unpassenden Stellung aufspringen wollte, lachte sie hell auf und hielt mich an der Schulter zurück.

»Nein, du darfst dich nicht bewegen. Du siehst so nett aus, und es ist so hübsch hier. Ich legte deinen Kopf hierher, damit er weich liegen sollte. Du hast ganz fest geschlafen.«

»Und ich bin abscheulich unhöflich gewesen,« sagte ich. »Ich bitte dich sehr um Entschuldigung, Carlotta.«

»O, ich bin nicht böse,« erwiderte sie lachend, und indem sie mich noch immer mit den Händen festhielt, brachte sie ihren Körper in eine bequemere Lage.

»Da, jetzt tue ich, als sei ich eine gute kleine türkische Frau.« Sie machte aus dem »Matin«, den ich mir in der luxuriösen Absicht, ihn nicht zu lesen, gekauft hatte, einen Fächer und fächelte mir Luft zu.

»So ließ sich Hamdi gewöhnlich von Ayescha fächeln, und dabei erzählte ihm Ayescha auch Geschichten. Aber mein Herr liebt die Geschichten seiner Sklavin nicht.«

»Entschieden nicht,« sagte ich.

Von Ayescha, einem niedlichen Stück Menschenfleisch, das, wie es scheint, seinen Eheherrn in einen verliebten Narren verwandelte, habe ich oft gehört, und ich fange an, Hamdi Effendi meine Verachtung zu teil werden zu lassen.

»Du sagst, sie seien unpassend,« fuhr Carlotta lachend fort; und damit meinte sie ihre Geschichten. »Deshalb will ich dir lieber ein türkisches Lied singen, das du nicht verstehst.«

»Ist es ein anständiges Lied?«

» Kim bilir – wer weiß?« sagte Carlotta.

Sie begann ein melancholisches klagendes Liedchen mit viel Kehllauten, brach aber mitten darin ab.

»O, wie dumm das ist, gerade wie das türkische Tanzen auch. O, alles in Alexandretta war dumm. Manchmal meine ich, ich hätte Alexandretta oder Ayescha oder Hamdi nie gesehen. Ich meine, ich sei immer bei dir gewesen.«

Dies muß wirklich so sein, denn in der letzten Zeit hat sie nur ganz wenig von ihrem Leben im Harem gesprochen; sie spricht meist von den kleinen Tagesereignissen, und wir haben schon eine ganze Menge gemeinsamer Interessen. Ihr ganzes Leben wurzelt in der Gegenwart, die Vergangenheit ist nur ein verworrener Traum. Das Sonderbare an der Geschichte ist aber, daß sie ihre Stellung bei mir für eine ganz natürliche hält. Kein verlaufenes Kätzchen, das von einer freundlichen Familie ausgenommen wurde, könnte sich dieser weniger verpflichtet fühlen oder fester davon überzeugt sein, daß im Weltall alles für sein eigenstes und persönliches Wohlbefinden eingerichtet sei. Als ich sie vor einiger Zeit fragte, was sie getan haben würde, wenn ich sie auf der Bank in den Anlagen des Embankments ihrem Schicksal überlassen hätte, zuckte sie die Schultern und antwortete wie schon früher, sie wäre entweder gestorben, oder ein andrer netter Herr hätte sich ihrer angenommen.

»Meinst du denn, die netten Herren liefen nur so in London herum, um nach heimatlosen kleinen Mädchen zu suchen?« fragte ich bei dieser Gelegenheit.

»Alle Herren lieben schöne Mädchen,« erwiderte sie, und das brachte uns wieder auf die alte Streitfrage.

Heute nachmittag jedoch, da stritten wir uns nicht. Der Tag selbst verbot es. Meinen Kopf in Carlottas Schoß, schaute ich hinauf zum tiefblauen Himmel und hatte ein ganz seltsames Gefühl wahren Glückes. Bis jetzt habe ich mich dem Leben gegenüber mehr negativ verhalten. Ich habe mehr vermieden als aufgesucht, und aus dem Becher des Lebens habe ich nicht getrunken, weil ich nicht durstig war. Bei mir hieß es:

»Von fern dem Wettkampf zuzuseh'n
Mein Teil am Spiel des Lebens ist.«

Sogar mein Interesse für Judit war geteilter Natur. Ich bin wie Faust gewesen und hätte wie er ausrufen können:

»Werd' ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! Du bist so schön!«

Dann mag mich der Teufel holen und mit mir tun, was er will.

Nein, noch niemals habe ich die geringste Neigung verspürt, den Augenblick so anzureden und ihn wegen seines außerordentlichen Reizes zum Verweilen aufzufordern. Niemals, bis – bis zum heutigen Nachmittag, wo der tiefe Sommerzauber dieses leuchtenden Tages von dem Liebreiz eines erwachenden Mädchenfrühlings selbst noch verzaubert war.

»Du hast drei – vier – fünf – o, eine Menge grauer Haare!« rief Carlotta, indem sie sich über meinen Kopf beugte.

»Viele haben mit zwanzig Jahren schon graue Haare,« erwiderte ich.

»Aber ich habe keine.«

»Du bist auch noch nicht zwanzig, Carlotta.«

»Glaubst du, daß ich dann welche bekommen werde? O, das wäre schrecklich, denn niemand würde mich dann haben wollen!«

»Und ich? Bin ich denn der Gegenstand von jedermanns Mißachtung?«

»O du, du bist ein Mann, und für einen Mann ist es recht, er sieht dann sehr weise aus. Seine Frau sagt: ›Sieh, mein Mann hat graue Haare; er hat Weisheit. Wenn ich nicht gut bin, wird er mich schlagen, deshalb muß ich ihm gehorchen.‹«

»Sie würde also nicht mit einem Nichtsnutz von zweiundzwanzig Jahren davonlaufen?«

»O nein,« entgegnete Carlotta, »so schlecht würde sie nicht sein.«

»Es freut mich, daß du denkst, das Gefühl für eheliche Pflichten sei ein unausrottbares Element der weiblichen Natur,« sagte ich. »Aber nimm einmal an, die Frau verliebte sich in den jungen Taugenichts.«

»Männer verlieben sich,« erwiderte Carlotta altklug. »Aber die Frauen verlieben sich nur in den Geschichten, in den türkischen Geschichten. Sie lieben ihre Ehemänner.«

»Du setzest mich in Erstaunen,« sagte ich.

»Ja–a,« sagte Carlotta.

»Aber in England verlangt die Frau, daß der Mann sie liebe, ehe er sie heiratet.«

»Wie kann sie denn das?« fragte Carlotta.

Diese Frage machte mich stutzig.

»Ich weiß es nicht,« antwortete ich, »aber sie tut es.«

»Wenn ich also in England heiraten will, dann muß ich den Mann vorher lieben? Da werde ich wohl ohne Mann sterben müssen.«

»Das glaube ich nicht,« erwiderte ich.

»Ich muß eben bald damit anfangen,« sagte Carlotta lachend.

Eine schlangenartige Bewegung ihres geschmeidigen jungen Körpers machte es ihr möglich, ihr Gesicht zu meinem herabzubeugen.

»Soll ich Siir Markuus lieben? Aber woher soll ich wissen, wann ich ihn liebe?«

»Wenn du einmal einsiehst, wie außerordentlich unschicklich es ist, diese Frage mit deinem gehorsamen Diener zu besprechen,« erwiderte ich.

»Wenn also ein Mädchen verliebt ist, dann spricht sie nicht darüber?«

»Nein, mein Kind. Wie ein Wurm an einer Knospe, so zehrt das Verheimlichen an ihren Pfirsichwangen.«

»Dann wird sie ja häßlich.«

»Allerdings,« antwortete ich. »Beschaue dich nur fleißig im Spiegel, und wenn du bemerkst, daß du häßlich wirst, dann weißt du, daß du verliebt bist.«

»Aber wenn ich häßlich bin, dann wirst du mich nicht mehr haben wollen?« wandte sie ein. »Es hat also keinen Zweck, mich in dich zu verlieben.«

»Du hast mehr Logik, als ich gedacht hätte,« sagte ich.

»Was ist Logik?« fragte Carlotta.

»Es ist das antiseptische Mittel, das die Bazillen der Unvernunft zerstört, worauf dann das wahre Glück lebendig werden kann.«

»Das verstehe ich nicht,« sagte sie.

»Ich wäre ungeheuer erstaunt, wenn du es verstanden hättest,« entgegnete ich lachend.

»Wäre es dir recht, wenn ich heiratete und fortginge und dich verließe?« fragte Carlotta nach einer langen Pause.

»Eines Tages wird ja wohl irgend ein Glücksritter in einer Kutsche an dem Schloß vorfahren und meine Prinzessin entführen,« sagte ich mit einem Seufzer.

»Und das wird dir leid tun?«

»Liebes Kind,« antwortete ich, »an einem so schönen Nachmittag wie dem heutigen wollen wir lieber keine so fürchterlichen Sachen besprechen.«

»Würde es dir besser gefallen, wenn ich noch länger deine türkische Frau spielte?«

»Unendlich viel besser,« sagte ich.

Ach, der Tag ist vergangen! Ich habe den fliehenden Augenblick gebeten, zu verweilen, aber er lachte nur, schüttelte seine leichten Schwingen und flog weiter, in schwindelnder Eile der Ewigkeit zu.

Während wir noch im Grase lagen, fing neben uns eine Cikade zu zirpen an. Ich hob meinen Kopf ein wenig aus Carlottas Schoß und teilte langsam das hohe Gras, um nach dem lärmenden Störenfried zu sehen, und dank einem glücklichen Zufall fand ich ihn auch. Schnell winkte ich Carlotta zu mir, die sich vorbeugte, und nun beobachteten wir mit zusammengesteckten Köpfen und angehaltenem Atem das sonderbarste kleine Liebesdrama, das sich nur denken läßt. Da stand unser Heuschreck lustig und keck und bewegte seine Fühlhörner in ganz kavaliermäßiger Weise, während sich sein kleiner Brustharnisch ab und zu leidenschaftlich hob und senkte. Auf der Spitze eines Grashalms aber saß eine kleine braune Julia – eine höchst zurückhaltende, verständige, vorsichtige Julia – die aber augenscheinlich großes Interesse an Romeos Serenade nahm. Wenn er sang, drehte sie das Köpfchen auf die Seite und machte eine Bewegung, als wisse sie nicht recht, ob sie von ihrem Balkon herabsteigen solle oder nicht. Sobald aber Romeo innehielt, was er öfters tat, da er offenbar schüchtern und verzagt war, zog sie ihren Fuß wieder zurück und wartete, zuerst geduldig, dann sichtbar gelangweilt. Messer Romeo machte einen Sprung vorwärts und zirpte; Julia begann zu zittern. Erschrocken über seine eigene Kühnheit hielt er wieder an und machte einen Sprung zurück. Julia sah enttäuscht aus. Schließlich fing ein paar Meter entfernt ein andrer Heuschreck in helleren Tönen zu zirpen an, und ohne einen Laut oder einen Wink eilte Julia davon und ließ den trostlosesten kleinen Romeo von einem Heuschreck, den man je gesehen hat, zurück. Er machte noch einen verunglückten Versuch zu zirpen und hüpfte an die Stelle, wo die Treulose gesessen hatte.

Carlotta brach in ein lustiges Lachen aus und klatschte in die Hände.

»Ich bin so froh!«

»Sie ist das schamloseste kleine Frauenzimmer, das mir je vorgekommen ist!« rief ich aus. »Da singt er sich nun fast das Herz aus dem Leib um ihretwillen, und nur weil ein mit einer kräftigeren Stimme begabter Tunichtgut auf der Bildfläche erscheint, läßt sie unsern armen Freund im Stich. O, sie hat nicht mehr Herz als mein Stiefel, und es wird sicher ein schlechtes Ende mit ihr nehmen.«

»Er war ein rechter Narr,« entgegnete mein kluges Fräulein, und ihre dunklen Augen blitzten vor Lachen. »Wenn er sie haben wollte, warum ging er dann nicht hin und nahm sie?«

»Weil er ein Gentleman ist, ein Heuschreck von zartem, feinem Gefühl.«

»Hu!« lachte Carlotta. »Er war ein Narr, und es geschieht ihm recht. Sie wurde des Wartens müde.«

»Aha, du glaubst also an das eheliche Glück, wenn die Frau geraubt wird,« sagte ich und erklärte ihr dann die Heiratsgebräuche der Tataren.

»Jawohl,« sagte Carlotta, »das ist vernünftig. Und was für ein Spaß muß das für ein Mädchen sein! All das – wie heißt man es doch gleich? – den Hof machen, ist Zeitverschwendung. Mir gefällt es, wenn alles schnell geht, Zug um Zug – oder auch –«

»Oder auch, was?«

»– gefällt es mir, wenn ich nichts tue, nichts als in der Sonne liegen wie heute nachmittag.«

»Ja, ja,« sagte ich träumerisch, nachdem ich mich wieder neben ihr ins Gras geworfen hatte. »Wie heute nachmittag.«

Ich sitze an meinem Fenster und schaue auf den schmalen Strand, auf die hereingezogenen Fischerboote und auf die Netze, die dort zum Trocknen hängen, aber beim Sternenlicht nur undeutlich erkennbar sind. Ich höre das rhythmische Klagen der nahen Brandung, und es ist mir, als wiederhole sie bei jedem Aufwallen jenen blödsinnigen Ausspruch, der mir schon den ganzen Abend durch den Kopf gegangen ist. Aber warum soll ich verrückt sein? Weil ich meine Seele an der von Gott geschaffenen wunderbaren Herrlichkeit der Erde, des Meeres und des Himmels geweidet habe? Weil ich geduldet habe, daß sich mein Herz mit wahrhaft reiner Freude an dem vertrauten Umgang mit einer frischen duftenden Mädchenblüte erlabte? Weil ich mir einmal erlaubt habe, einen holden Traum zu träumen, der noch niemals auch nur durch den Schatten eines nicht vollkommen reinen Gedankens getrübt worden ist?

Weil ich mich wieder jung fühle?

Ich will mich in den Schlaf lesen, und zwar mit » La Dame de Monsoreau«, die ich mir aus der Leihbibliothek in der Rue Alphonse Karr geholt habe (der gelehrte Gartenkünstler ist der genius loci und der Pate meiner Hauswirtin). Mit Père Gorenflot will ich große Humpen leeren, mit Chicot, dem König der Hofnarren, auf halsbrecherische Abenteuer ausziehen, und zwischen dem tapferen Bussy und Henri Quatre will ich liebevoll spazieren gehen.

An diesem Buch – und wäre es auch an nichts anderm – erkenne ich die Güte der erhabenen Götter: sie haben uns müden Menschen den Dumas geschenkt.

 

Schluß des ersten Bandes.

 

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