Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > William John Locke >

Carlotta. Erster Band

William John Locke: Carlotta. Erster Band - Kapitel 11
Quellenangabe
authorWilliam J. Locke
titleCarlotta. Erster Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1909
translatorPauline Klaiber
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180620
projectid78b563d8
Schließen

Navigation:

Zehntes Kapitel

19. Juli.

Campsie, N. B. Hierher bin ich vor meinen seeräuberischen Verwandten geflohen. Hier suche ich Zuflucht in einem Pfarrhaus mitten auf einem schottischen Moor, von dem das Dorf eine halbe, und der Bahnhof dann noch weitere fünf Meilen entfernt ist. Hier kann ich Tante Jessica Trotz bieten.

Nach meiner Unterhaltung mit Pasquale verbrachte ich eine ruhelose Nacht. Mein Schlaf wurde durch Träume gestört, in denen Seeräuberboote die »Jolly Roger« verfolgten. Auf der Jolly Roger aber flossen Ruder und Ankerketten in einen grotesken Trauring und einen richtigen Liebesknoten zusammen. Ich wachte mit der Überzeugung auf, daß ich in London nicht sicher sei, solange die Jacht in englischen Gewässern kreuzte, und faßte den Entschluß, zu fliehen. Aber wohin?

Wirklich, die Götter müssen mir besonders gewogen sein! Der erste Brief, den ich öffnete, war von dem alten Simon Mc Quhatty, meinem jetzigen Gastfreund, einem Paten meiner Mutter, dem einzigen aller Sterblichen, der uns in den längstvergangenen trüben Tagen freundlich zur Seite gestanden hatte. Er schrieb, er sei alt und schwach, und Gevatter Tod stehe schon seiner wartend auf dem Moor draußen; aber ehe er zu ihm hinausgehe, möchte er Susans Jungen noch einmal sehen. Ich sei jeden Tag herzlich willkommen, und ein Telegramm vor meiner Abreise sei vollständig genügend. Sofort schickte ich Stenson mit einem Telegramm fort, das dem alten Freunde ankündigte, daß ich noch an demselben Tage mit dem Zweiuhrzuge abreisen würde. Meiner Tante Jessica aber schrieb ich einen höflichen Brief, in dem ich sehr bedauerte, ihrer freundlichen Einladung nicht Folge leisten zu können, weil ich unerwartet auf unbestimmte Zeit nach Schottland abberufen worden sei.

Mein alter Freund wird das Amt, dessen er in der schottischen »Freien Kirche« so treu gewaltet hat, bald niederlegen; das Pfarrhaus, in dem er seit fünfzig Jahren wohnt, ist nur einen Steinwurf von der ihn erwartenden Grube entfernt, und der Wohnungswechsel verursacht ihm daher keine Sorgen. Er wird auch fernerhin am Fuß seiner geliebten Hügel ruhen, die violette Moorlandschaft wird sich in alle Ewigkeit um ihn her ausbreiten, und der Duft von Ginster und Heidekraut wird ihn auch im ewigen Schlaf umwehen. Es steckt ein Stück von einem alten Heiden in dem alten Mc Quhatty, trotz Calvin und dem kleinen Katechismus. Es würde mich gar nicht wundern, wenn er jener Geistliche wäre, von dem erzählt wird, er habe auch für den »armen Teufel« gebetet. Als er das Pfarrhaus zuerst bezog, pflanzte er vor dem Eingang eine Eberesche, die mit ihm aufwuchs und die er wie ein menschliches Wesen innig liebt. Der alte Herr erzählt selbst, er habe mit dieser Eberesche oft sehr erregt über die verschiedenen Dogmen gestritten, und in Zeiten, wo er von schweren Zweifeln heimgesucht gewesen sei, habe sie ihre zarten Blätter bewegt und ihm zugeflüstert: »Gräme dich nicht, Mc Quhatty, unser Herrgott ist ein verständiger Mann.« Er versichert, daß diese Worte ganz deutlich vernehmbar gewesen seien, und ich habe ihn im Verdacht, daß er im tiefsten Grunde seines Herzens dem Glauben huldigt, alle Bäume, alle Bücher und alle murmelnden Bächlein könnten mit »Zungen reden«, gerade wie er auch der festen Überzeugung ist, es stecke in allem etwas Gutes.

Mc Quhatty ist ein grundgelehrter, schrulliger Scholastikus, und seine Unterhaltung zeichnet sich auch jetzt noch in seinem hohen Alter durch natürliche Kraft und Tiefe aus. Dadurch ist seine Gesellschaft in den fünf Tagen, die ich hier zugebracht habe, ebenso anregend gewesen als die frische Luft des Moorlandes. Wie wenige Menschen haben die Gabe, auf andre erfrischend und belebend zu wirken! Von allen meinen Bekannten ist Mc Quhatty der einzige, dem diese Gabe eigen ist; und doch hat eine launenhafte Vorsehung die Wohltaten dieser Gabe der Menschheit ein halbes Jahrhundert lang sorgfältig vorenthalten. Doch nein, einmal hatte Mc Quhatty in Campsie ein Genie entdeckt. Er tat alles, um es zu entwickeln, und schickte es dann mit Weisheit wohl ausgestattet nach Edinburg, damit es ein Dichter werde. Aber der arme Kerl trank zwei Jahre lang unaufhörlich Whisky, worauf er starb, so daß Mc Quhattys Liebesmühe umsonst gewesen war. Welchen geistigen Einfluß kann er zum Beispiel auf Sandy Mc Grath ausüben, einen Kirchenältesten, den ich am Sonntag beobachtet habe, während er den Hügel heraufkam. Ein alter Bock stand mitten auf dem schmalen Pfad und, ebenso eigensinnig wie sein Gegenüber, weigerte er sich, Platz zu machen. Während nun die beiden einander gegenüberstanden und sich böse ansahen, stieg der Gedanke in mir auf, ob wohl ihre Mütter es merken würden, wenn die beiden dort die Kleider wechselten und der Bock in feinem schwarzen Tuch, Mc Grath aber in einem Fell aufträte? Doch mein Wirt behauptet, ich sähe alles mit den Augen eines Engländers an; der schottische Bauer habe, wenn er nicht betrunken sei, einen guten Verstand und sei bei jeder nur erdenklichen Gelegenheit stets zu einer theologischen Diskussion bereit.

»Aber ich muß allerdings gestehen,« fügte Mc Quhatty hinzu, »daß ich mich ebensogern mit meiner Eberesche unterhalte. Aus ihr schlagen nicht gleich bei dem allerkleinsten Schimmer von falscher Lehre die hellen Flammen heraus!«

Ich würde mit Vergnügen den ganzen Sommer bei meinem alten Freunde zubringen. Es kommt mir vor, als könne man die weltlichen Dinge nur von einer solchen weltabgeschiedenen Einsamkeit aus in der richtigen Perspektive und in ihrem wahren Verhältnis sehen. Da würde man entdecken, wie wichtig oder unwichtig im Weltall die Arbeit der fleißigen Ameise oder einer Blattlaus im Vergleich zu den Interessen eines englischen Taglöhners sind. Mit vollem Recht würde man den südafrikanischen Millionär, Sandy Mc Grath und den obengenannten Bock von einem Gesichtspunkt aus betrachten und sie auf ihren wirklichen niedersten Nenner bringen. Ja, man wäre sogar imstande, den Wert einer Geschichte der Moral der Renaissance festzustellen. Der Nutzen, den ich von einem längeren Aufenthalt hier haben würde, ist unberechenbar, aber meine neuen Pflichten rufen mich nach London und in die dortige aufregende und angreifende Atmosphäre zurück. Wenn ich fünfzig Jahre lang hier lebte, dann wäre mir wohl klar geworden, daß Carlotta auch nur ein einzelnes Körnchen in dem Wirbelwind menschlichen Staubes ist, dessen letzte Bestimmung im Immateriellen liegt. Da mich aber mein fünftägiger Aufenthalt hier noch nicht bis zu diesem Gipfel der Weisheit gefördert hat, sorge ich mich törichterweise um das Wohlergehen der Kleinen, und es drängt mich, das Triumvirat dort – Miß Griggs, Stenson und Antoinette – dem ich die Zügel der Regierung anvertraut habe, aufzulösen.

Vor vier Wochen noch hätte ich unter den gleichen Umständen das Schicksal geschmäht und Carlotta mit ihren rosigen Zehen und dem goldbraunen Heiligenschein ihres Haares in Acht und Bann erklärt. Aber nach und nach werde ich freundlicher gegen das Mädchen gesinnt und fühle reges Interesse für ihre geistige Entwicklung.

Eine innere Stimme, eine spottende, hohnlachende innere Stimme, mit der sich nicht streiten läßt, nennt mich einen Heuchler und sagt, das »Interesse an Carlottas geistiger Entwicklung« sei nichts als eine schöne, beruhigende, hochtrabende Phrase, die schon seit Jahrhunderten lange Reihen philosophischer Wächter weiblicher Jugend betrogen habe.

»Was machst du dir daraus, ob sie eine Seele hat oder nicht?« sagt diese Stimme. »Wenn sie nur bei Tisch angenehm plaudert und nachher mit dir Cribbage spielt!«

»Ja, zum Kuckuck, was mache ich mir daraus?«

 

21. Juli.

Carlotta holte mich am Bahnhof ab. Sobald sie mein Gesicht am Wagenfenster sah, ließ sie Stenson stehen und lief wie ein niedliches Wachtelhündchen den Bahnsteig entlang. Als ich ausstieg, hing sie sich an meinen Arm und hüpfte und tanzte vor Freude um mich her.

»Du freust dich also, daß ich wieder da bin, Carlotta?« fragte ich beim Heimfahren.

Sie schmiegte sich nach ihrer Gewohnheit wie ein Hündchen an mich an.

»O ja–a,« sagte sie mit ihrer süßen Stimme. »Ohne dich war der Tag Nacht.«

»Das ist die übertriebene Ausdrucksweise der Orientalen,« sagte ich. Aber es klang mir doch sehr angenehm in den Ohren, und der weiche Tonfall ihrer Stimme drang mir wie eine süße Musik mitten ins Herz.

»Ich liebe den lieben Siir Markuus!« sagte sie.

Einen Augenblick schlang ich meinen Arm um sie, wie um ein Kind.

»Du bist ein liebes kleines Mädchen, Carlotta. Das heißt,« fügte ich, mich meiner Pflichten erinnernd, hinzu, »wenn du brav gewesen bist. Ist das der Fall?«

»O so brav! Antoinette hat mich kochen gelehrt, und ich kann jetzt einen Reispudding machen. Kochen ist so nett. Ich habe den Geruch gern. Aber ich habe mich gebrannt. Sieh!«

Damit streifte sie ihren Handschuh ab und zeigte mir eine rote Stelle an ihrer Hand. Um sie zu heilen, drückte ich einen Kuß darauf; Carlotta aber lachte und war sehr glücklich. Und auch ich war glücklich. Etwas Neues, Frisches, Helles ist in mein Leben getreten. Stenson ist ein ausgezeichneter Diener, aber ich kann nicht sagen, daß sein starres Gesicht und sein tadelloser Gruß, die mich bisher an den Londoner Bahnhöfen empfingen, meiner Heimkehr einen besonderen Reiz verliehen hätten, obgleich sie mich sogleich an allerlei leibliche Bequemlichkeiten erinnerten. Carlottas Empfang erweckte ganz neue Gefühle in meinem Herzen. Ich sehe das Haus jetzt mit andern Augen an. Als ich mich zum Essen umkleidete, dachte ich mit Vergnügen: »Wie schön, daß ich jetzt nicht zu einer feierlichen einsamen Mahlzeit hinunterzugehen brauche, sondern als Gesellschaft meine schöne kleine Hexe dabei haben werde.«

 

22. Juli.

Carlottas Betragen scheint übrigens keineswegs einwandfrei gewesen zu sein. Miß Griggs berichtete mir, daß Carlotta meine Abwesenheit benützt habe, sich mit Parfüm zu übergießen – eines der verruchtesten Verbrechen in unserm häuslichen Kodex. » Mulier bene olet dum nihil olet« lautet der über diesem Artikel unsres Gesetzbuches stehende Grundsatz. Als sie früher einmal dieses mein Gebot übertrat und in einer wahren Wolke von Ylang-Ylang im Wohnzimmer erschien, schickte ich sie sofort wieder hinauf mit dem Befehl, ein Bad zu nehmen und sich ganz frisch anzuziehen. Auch sagte ich, sie dürfe nicht eher wieder in meine Nähe kommen, als bis Antoinette sich verbürgt habe, daß keine Spur von Parfüm mehr an ihr hafte. Und ich erinnere mich noch sehr genau an Antoinettes Antwort: »O Monsieur, das ist unmöglich, denn das süße Lämmchen duftet nach Frühlingsblumen de son naturel.« Das ist nun allerdings wahr, und deshalb ist es bei ihr ein doppeltes Verbrechen, wenn sie Veilchenessenz gebraucht.

»Aber das ist noch nicht das Schlimmste,« fuhr Miß Griggs fort.

»Ich kann kaum glauben, daß es noch etwas Schlimmeres gibt, als sich seinen Nebenmenschen unangenehm zu machen,« erwiderte ich.

»Ausgenommen das ›sich zu angenehm machen‹,« sagte Miß Griggs mit besonderem Nachdruck auf dem ›zu‹.

Ich fragte, was sie damit meine.

»Ich habe entdeckt,« antwortete Miß Griggs, »daß Carlotta eine heimliche Liebelei mit dem Austräger des Spezereihändlers angefangen hat.«

»Ich bin froh, daß es wenigstens nicht der Metzgerknecht ist,« murmelte ich.

Miß Griggs kicherte dumm, wie wenn das ein Witz wäre. Auf meine ernste Bitte hin faßte sie sich indes und enthüllte die schreckliche Geschichte. Sie hatte Carlotta dabei überrascht, als diese dem Austräger eben eine Kußhand zuwarf. Auch hatte sie gesehen, wie er ein dreieckig zusammengefaltetes Briefchen zwischen Carlottas Finger schmuggelte, und Carlotta hatte sich entschieden geweigert, das Billett-doux herauszugeben.

»Wie ist die moderne Behandlungsweise junger Damen, die mit Austrägern kokettieren?« fragte ich Miß Griggs. »Zur Zeit der Renaissance hätte man sie auspeitschen können. Die kluge Margarete von Navarra pflegte ihre Tochter, Jeanne d'Albrecht, für viel geringere Abweichungen vom Pfade der Tugend eine Tracht Schläge zu verabreichen. Oder man hätte die Schuldige damals auch in ein Kloster schicken und in eine Zelle voller Ratten stecken können, oder sie auch zu einem Jahrmarkt mitnehmen, wo das Hauptvergnügen geröstete Austräger gewesen wären. Aber heutzutage – was schlagen Sie vor?«

Das phantasiearme Geschöpf wußte gar keinen Vorschlag zu machen. Sie meinte, ich werde am besten wissen, was das richtige sei. Vielleicht wären vorbeugende Maßregeln wirksamer als Strafen. Aber was weiß ich von den in höheren Töchterschulen angewandten vorbeugenden Maßregeln? In seiner Anatomie spricht Burton mit Behagen von einer Blutentziehung hinter den Ohren. Auch führt er, wie ich mich erinnere, Hippokrates oder so jemand an, der erzählt habe, ein vornehmes Fräulein sei einmal von ihrer Neigung zum Kokettieren dadurch geheilt worden, daß sie drei Wochen lang unten am Rücken eine durchlöcherte bleierne Platte habe tragen müssen. Diesen Bericht teilte ich Miß Griggs mit, die sich aber nur sehr geringschätzig über den Vater der Arzneikunde aussprach.

»Auch verordnet er – ob für dieses Gebrechen oder für etwas Ähnliches, weiß ich im Augenblick nicht gewiß – man solle dem Missetäter die Fußsohlen mit Murmeltierfett und die Zähne mit Hundeohrenschmalz einreiben; desgleichen empfiehlt er dringend das Auflegen einer heißen Bockslunge auf die Stirn. Es tut mir leid, daß solche vorzügliche Heilmittel nicht mehr zeitgemäß sind. Sie erinnern stark an Rabelais. Statt der befriedigenden Mittel unsrer Vorfahren gebrauchen wir geschmacklose Pillen, die beim Nehmen gar keine Empfindung erregen, ja, sogar das Auflegen des guten alten heißen Senfteigs gehört der Vergangenheit an.«

»Aber was soll mit Carlotta geschehen?« fragte Miß Griggs ängstlich.

Das kann doch nur ein Frauenzimmer tun, einen Mann unterbrechen, wenn er gerade im Zuge ist, sich über einen ihm höchst interessanten Gegenstand gehen zu lassen.

Ich seufzte und antwortete ergeben: »Schicken Sie Carlotta zu mir.«

»Wieder einen Morgen verloren!« Mit diesen Worten trat ich an meinen Schreibtisch. Gerade vorhin hatte ich meinem Manuskript die von Macchiavel mit so großem Vergnügen erzählte Anekdote über Zanobi del Pino, eine Art Admiral Byng des fünfzehnten Jahrhunderts, einverleibt. Dieser Zanobi del Pino war eingesperrt worden und hatte nichts zu essen bekommen, als mit Schlangen bemaltes Papier, demzufolge er nach kurzer Zeit Hungers starb. Ein sehr treffendes Epigramm über den Humor der Renaissance hatte sozusagen an der Spitze meiner Schreibfeder gezittert, als mich Miß Griggs mit ihrem dummen Klatsch überfiel. Ich bin überzeugt, der Gemeinplatz, den ich nachher niederschrieb, entspricht durchaus nicht dem ursprünglichen Geistesblitz.

Carlotta trat ein. Sie richtete ihre großen dunklen Augen auf mich, verschränkte die Hände pflichtschuldigst auf dem Rücken und kam so bis zu meinem Schreibtisch her. In diesem Augenblick sah sie wie ein Bild der Unschuld von Greuze aus. Weniger als je glaubte ich an die Größe ihres Verbrechens.

»Weißt du, warum du hier bist?« fragte ich in strengem Ton.

Sie nickte.

»Also hast du dich wirklich mit dem jungen Menschen aus dem Spezereiladen eingelassen?«

Sie nickte wieder, und in meinem Herzen begann eine heftige Abneigung gegen den jungen Austräger aufzusteigen. Es war eine der demütigendsten Empfindungen, die ich je gehabt habe. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich das Individuum sogar schon gesehen – ein dicker, rothaariger, sommersprossiger, unmöglicher Lümmel.

»Warum hast du das getan?« fragte ich.

»Er wollte mir den Hof machen,« antwortete Carlotta.

»Er ist ein Taugenichts!«

»Was ist ein Taugenichts?« fragte sie sanft.

»Ich gebe dir jetzt keinen Sprachunterricht,« bemerkte ich. »Weißt du, daß du dich ganz schrecklich unpassend aufgeführt hast?«

»Jetzt bist du böse auf mich?«

»Ja,« sagte ich, »furchtbar ärgerlich.«

Und das war ich auch. Ich hatte erwartet, Carlotta werde in Tränen ausbrechen. Aber keine Spur davon; sie sah mich nur mit wahrhaft irritierender Sittsamkeit an. In einer roten Bluse, einem grauen Rock und den roten Pantoffeln mit den unverschämt hohen Absätzen stand sie vor mir. Mein früheres Vorurteil gegen sie begann sich wieder zu regen. Wer so verführerisch aussah, konnte keinen Funken von Tugend in sich haben.

»Du solltest dich schämen,« sagte ich. »Ich bin oft nachsichtig wegen deiner mangelnden Kenntnis unsrer abendländischen Sitten; aber überall auf der ganzen Welt ist es tadelnswert, wenn eine junge Dame mit einem häßlichen rothaarigen Kerl aus niederem Stand kokettiert.«

»Er hat mir Datteln und ganz überzuckerte Früchte gegeben,« sagte Carlotta.

»Die er seinem Herrn gestohlen hat. Ich werde den Taugenichts ins Loch stecken lassen, und wenn du fortfährst, solche Geschenke, die sich dieser Mensch auf verbrecherische Weise verschafft, anzunehmen, kommst du auch ins Gefängnis, und das ist mir dann gerade recht.«

Carlotta behielt den höchst sittsamen, ehrbaren Ausdruck bei und zog ein schmutziges Stück Papier aus ihrer Rocktasche.

»Er macht Gedichte über mich,« bemerkte sie und reichte mir das Papier, das ich als das dreieckig zusammengefaltete Briefchen erkannte.

Mit spitzen Fingern nahm ich es aus ihrer Hand und überflog es. Ich habe schon viele mittelmäßige Verse gelesen – nehme auch manchmal nach dem Tee in meinem Klub ein Schlammbad – aber daß die englische Sprache einer solchen Verballhornung fähig wäre, hätte ich doch nicht für möglich gehalten. Es war abscheulich. Einen Gedanken enthielten überhaupt nur die beiden ersten Zeilen.

»Du bist ein lieblich Mädchen und auch gar zu nett,
Ich träum' von deinem Antlitz bis auf das Totenbett –«

In den Ohren des Tropfs soll das ein Vers sein! Ich zerriß das ekelhafte Stück Papier und warf es in den Papierkorb.

»Das Gefängnis wäre noch eine fürstliche Belohnung für ihn!« sagte ich. »In einem wirklich zivilisierten Land bekäme er die Bastonade und würde gehängt.«

»Ja, er ist verdammt schlecht,« sagte Carlotta ruhig.

»Himmlischer Vater!« rief ich. »Hat dich der Mensch sogar fluchen gelehrt? Wenn du dich noch einmal unterstehst, dieses gottlose Wort zu sagen, werde ich dich ernstlich strafen. Wie heißt denn der abscheuliche Kerl?«

»Pasquale,« sagte Carlotta.

»Pasquale?«

»Ja, ihm gefällt es, wenn ich ›verdammt‹ sage. O – der andre? O nein, der ist zu dumm. Der sagt gar nichts. Er heißt Timkins. Mit dem spiele ich nur, er ist gar zu lächerlich. Der kann hingehen und sich umbringen; ich mache mir nichts daraus.«

»Laß jetzt nur den Timkins!« sagte ich. »Ich möchte über Pasquale Bescheid haben. Wann lehrte er dich das abscheuliche Wort?«

Ich glaubte, ein Erröten bei Carlotta zu bemerken, als sie ihre Augen jetzt auf die Spitzen ihrer roten Pantoffeln heftete.

»Ich bin spazieren gegangen, und an der Ecke ist er mir begegnet und hat mich heimbegleitet. Ist das unrecht gewesen?«

»Was hätte wohl der vortreffliche Hamdi Effendi dazu gesagt?«

Nach Frauenmanier umging sie die Frage.

»Ich hoffe, Hamdi ist tot. Glaubst du nicht?«

»Ich hoffe nicht. Denn wenn du dich so unartig beträgst, muß ich dich ihm zurückschicken.«

Unmerklich hatte sie sich immer näher an meinen Stuhl herangeschlängelt, so daß sie jetzt dicht neben mir stand und ich ihr diese letzten Worte geradezu mitten ins Gesicht sagte. Sie legte ihren Arm um meine Schulter – das ist eine ihrer niedlichen Schmeichelgebärden.

»Ich will gut sein, sehr gut,« sagte sie.

»Das hast du auch nötig,« erwiderte ich und legte meinen Kopf zurück.

Sie muß einen weicheren Ton in meiner Stimme wahrgenommen haben. Sogar jetzt noch schäme ich mich fast, niederzuschreiben, was nun geschah. Rasch schob sie ihren andern Arm unter meinem Kinn durch, so daß ihre beiden Arme verbunden waren, und mich so in meinem Stuhl gefangen haltend, bückte sie sich nieder und küßte mich. Dann legte sie ihre Wange an die meinige.

Noch fühle ich den unbeschreiblich sanften, warmen Druck, obgleich sie schon vor mehreren Stunden zu Bett gegangen ist.

Der Mann, der Carlotta in diesem Augenblick hätte zurückstoßen können, wäre kein Mann gewesen, nein, nicht von Fleisch und Blut, von Stein hätte er sein müssen. Die Berührung ihrer Lippen glich dem Fall taufrischer Rosenblätter. Ihr Atem war duftig wie frischgemähtes Heu. Ihrem Haar, das meine Stirn streifte, entströmte Veilchenduft.

Ich schickte sie zu Miß Griggs zurück, und lustig lachend lief sie aus dem Zimmer. Für ihre schamlose Koketterie und gottlose Rede hat sie vollkommene Absolution erhalten. Noch schlimmer, sie hat ergründet, wie sie sich auch in Zukunft Absolution verschaffen kann. Die Hexe ist sich ihrer Hexenkunst bewußt geworden; und nachdem sie einmal mit dieser Macht gesiegt hat, wird sie sie bei der allernächsten Gelegenheit wieder anwenden. Ich bin von meinem erhabenen Standpunkt herabgestürzt, in meinen eigenen Augen sowohl, als in den ihrigen, und sie wird mich von jetzt an nur noch mit freundlicher Nachsicht betrachten; für sie bin ich nichts mehr als ein ehrlicher Timkins.

Was für eine Eselei war es, ihren Kuß zu erwidern.

Seither habe ich sie nicht wiedergesehen. Das Gabelfrühstück nahm ich im Klub ein, und nachher machte ich Mrs. Ordeyne und meiner Cousine Rosalie einen förmlichen Besuch in ihrem sonnenlosen Haus in Kensington.

Ein sonderbar lauer Empfang wurde mir dort zu teil. Rosalies Händedruck war noch nichtssagender als gewöhnlich, und bald nahm sie eine Gelegenheit wahr, mich mit ihrer Mutter allein zu lassen, die in eiskaltem Ton über das warme Wetter sprach. Sogar der Tee war womöglich noch kälter als sonst.

In Kensington-Gardens traf ich verabredetermaßen mit Judit zusammen, die ich dann nach Hause begleitete. Unterwegs erzählte ich ihr von dem frostigen Empfang.

»Mein lieber Herr,« sagte sie – ich kann diese Anrede nicht leiden, denn Judit leitet damit immer eine unangenehme Bemerkung ein – »Mein lieber Herr, Sie stehen jetzt ohne Zweifel in dem denkbar schlechtesten Ruf. Man glaubt Sie im Besitz eines Haushaltes, wie ihn Salomo hatte – minus des ehrbaren Gegengewichts der Ehefrauen – und Ihre frommen Verwandten sind mit allem Recht darüber entsetzt.«

Ich sagte, das sei doch ungeheuerlich. Judit aber entgegnete, ich hätte mir diese Verleumdung selbst zugezogen.

»Aber was kann ich dagegen tun?« fragte ich.

»Bringen Sie Carlotta irgendwo in einer Familie unter, was Sie gleich von Anfang an hätten tun sollen. Sogar ich, und ich bin durchaus nicht prüde, halte es für sehr unpassend, daß Sie das Mädchen allein bei sich im Hause haben.«

»Aber meine Liebe, Antoinette ist doch da,« sagte ich.

»A bah!« oder etwas Ähnliches, sagte Judit.

»Und Stenson. Wer Stenson sieht, kann an der untadeligen Anständigkeit seines Herrn nicht zweifeln.«

»Bei Ihnen könnte man aber doch die Geduld verlieren,« sagte Judit.

Nein, es hat ganz und gar keinen Sinn, mit ihr über Carlotta zu sprechen, und ich habe beschlossen, es nicht wieder zu tun.

Eine Zeitlang saßen wir unter den Bäumen und unterhielten uns über allerlei vernünftige Themata. Die Arbeit bei Willoughby macht Judit Freude. Den Morgen verbringt sie im Britischen Museum zwischen Blaubüchern und andrer Makulatur, und am Abend ordnet sie dann das gesammelte Material. Willoughby lobt sie über die Maßen.

»Etwas, über das Sie sich sehr freuen werden, muß ich Ihnen auch noch sagen,« fuhr Judit fort. »Wer, glauben Sie wohl, hat mich gestern besucht? Mrs. Willoughby. Ihr Mann möchte, daß ich den Juli und August mit ihnen in Nordwales, wo sie ein Haus gemietet haben, verbringe, um dort Mr. Willoughby bei seinem neuen Werk zu helfen, als Privatsekretärin nämlich. Doch ich sagte ihr, ich ginge nie in Gesellschaft. Ich habe ja die Dame da zum ersten Male gesehen; sie aber legte mir in der allerliebenswürdigsten Weise die Hand auf den Arm und sagte: ›Ich weiß alles, meine Liebe, und deshalb dachte ich, ich wollte selbst Herolds Gesandte bei Ihnen sein?‹ War das nicht sehr gut von ihr?«

Mit Tränen in den Augen sah mich Judit an.

»Lieber Markus, nicht wahr, ich bin keine schlechte Frau?«

»Meine Liebe,« antwortete ich tief gerührt, »Sie sind die beste Frau von der ganzen Welt. Mrs. Willoughby hat Ihnen durch ihren Besuch nicht etwa eine Gunst erwiesen, sondern sich vielmehr einen Anspruch auf Ihre unschätzbare Freundschaft erworben.«

»Ach, ein Mann kann gar nicht fassen, was das sagen will!«

Aber so vernagelte Dummköpfe, wie die Frauen sich einbilden, sind die Männer doch nicht. Ich bin mir vollständig klar darüber, was Mrs. Willoughbys Einladung für Judit bedeutet. Die Frauen scheinen eine krankhafte Genugtuung aus der Annahme zu schöpfen, daß ihr Geschlecht einem geheimnisvollen Zwang von Gefühlen und Beweggründen gehorche, den der gröbere Sinn des Mannes absolut nicht würdigen könne. Das Gefühl des Unverstandenseins gewährt einer Frau im tiefsten Innern einen wunderbaren Trost. Selbst eine Frau, die ganz glücklich verheiratet ist und deren Verstand ihr deutlich sagt, daß der Unterschied des Geschlechts durchaus keine Schranke bilde, die den Mann am vollständigen Verstehen des Weibes hinderte, selbst diese Frau behält sich immer noch gern ein kleines Winkelchen ihrer Natur vor, dem er, weil er ein Mann ist, ewig blind gegenüberstehen muß. Es gibt freilich auch Dummköpfe, die nicht einmal eine Tigerkatze oder einen professionellen Fußballspieler verstehen könnten, geschweige denn einen so gewandten Autothaumaturgisten – das heißt einen Menschen, der sich selbst Geheimnisse vormacht – wie eine Frau. Aber einem gescheiten Mann sollte es bei einiger Mühe nicht schwer fallen, das zu würdigen, was schließlich doch nur ein Standpunkt ist; denn was die Frauen von diesem Standpunkt aus sehen, verraten sie so unbedacht wie ein zweijähriges Kind. Ich habe früher schon gestanden, daß ich Judit nicht verstehe – das heißt die Menge von Widersprüchen, aus denen ihr ego besteht – aber das kommt nur daher, daß ich mir noch nie die Mühe gegeben habe, sie zum Gegenstand einer ganz genauen mikroskopischen Untersuchung zu machen. Eine solche wissenschaftliche Analysis wäre meiner Meinung nach eine Unverschämtheit gegen jede Dame meiner Bekanntschaft, ganz besonders aber gegen die, für die ich die innigste Freundschaft hege. Für einen anständigen Mann wäre es ebenso unpassend, über ihre geistigen Fähigkeiten Betrachtungen anzustellen, als über ihre durch die Kleidung verhüllten Körperteile. Der Reiz des menschlichen Verkehrs liegt zum großen Teil in der unbestimmten, absichtlich übersehenen anregenden Empfindung, daß der einzelne Mensch noch mehr Eigenschaften sein eigen nennt, als das körperliche oder geistige Auge auf den ersten Blick wahrzunehmen imstande ist. Aber, wie ich schon sagte, geschieht das absichtlich. Man weiß ja ganz genau, daß eine junge Dame unter ihren Röcken nicht in den schuppigen Fischschwanz einer Wassernixe ausläuft, sondern ein Paar gewöhnlicher Beine hat. Und ebenso gut weiß man, daß die Frau, die gewisse, genau bestimmte Lebenserfahrungen gemacht hat, auch eine gewisse bestimmte Reihe von Gefühlen zu eigen haben muß, welchen Ausdruck sie ihrem Gesicht auch immer zu geben beliebt. Es ist deshalb der reine Blödsinn, wenn Judit sagt, ich könne nicht verstehen, welchen Eindruck Mrs. Willoughbys Einladung auf sie mache.

Während wir so in Kensington-Gardens saßen und dann noch quer durch Hyde-Park bis zum Marble-Arch schlenderten, setzte ich Judit diese Ansichten gründlich auseinander. Sie hörte mir sehr aufmerksam zu, aber als ich zu Ende war, sah sie mich nur mitleidig, mit einem leisen Lächeln um die Lippen an.

»Mein lieber Markus,« sagte sie, »jeder Mann, er mag so wenig eingebildet sein, als er will, gibt sich in Beziehung auf sein Verständnis fürs weibliche Geschlecht einer kolossalen Täuschung hin. Jedenfalls meint er, er habe die wahre ›Theorie über die Frau‹ aufgestellt. Wir aber lachen euch aus, meine Herren, denn je mehr ihr darüber redet, desto mehr zeigt ihr eure schöne, fast künstlerisch zu nennende Unwissenheit. O Markus, Markus, wie können Sie daran denken, sich als einen Psychologen des Weiblichen aufzutun!«

»Und bitte warum nicht?« fragte ich etwas ärgerlich.

»Weil Sie jene gute, unmögliche, liebenswerte Persönlichkeit sind, die als Markus Ordeyne in der Welt herumläuft.«

Das war außerordentlich nett von Judit gesagt. Aber wirklich, das Weib ist, wie Mathew Arnold das Wort definiert: »Der ewige Philister«. Ihre erhabenste Charaktereigenschaft ist, »sich nicht überzeugen zu lassen«. Ich hatte meine Worte verschwendet.

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.