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Carlo Cartano. Die Geschichte eines Geigers

Hans Meyer-Krafft: Carlo Cartano. Die Geschichte eines Geigers - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorHans Meyer-Krafft
titleCarlo Cartano. Die Geschichte eines Geigers
publisherOtto Weber Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
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11. Kapitel

Es war in den ersten Tagen des März, als plötzlich eines Nachmittags die Flagge auf Schloß Waldenberg halbmast gehißt wurde. Gras Wilhelm von Herzfeld-Waldenberg war zu seinen Vätern versammelt worden. Ein Herzschlag machte seinem Leiden ein Ende. Früher als man es gedacht, war das Ereignis eingetreten. Man hatte nicht mehr die in der Ferne weilenden Söhne herbeirufen können, nur Mutter und Tochter standen an des Grafen Sterbelager. Schier untröstlich schien die Gräfin, der Gatte war ihres Lebens Halt und Stütze gewesen. Helene weinte auch heiße Tränen um den Verblichenen. Dennoch fühlte sie sich erhoben, versöhnt und getröstet in ihrem Innern. – Sie hatte in den letzten Tagen noch eine ernste Unterredung mit dem Vater gehabt.

Wir wissen, mit welcher Energie der Kranke die Verlobung Helenens mit Arnold betrieben hatte. Später drang er mit einer gewissen Heftigkeit auf die baldige Vermählung und Helene konnte den Vater erst zufriedenstellen, als sie den Tag ihrer Hochzeit auf den Geburtstag im Mai festsetzte. Von diesem Augenblick an wurde Graf Wilhelm ruhiger. Er hoffte mit Sicherheit, der Tochter Hochzeit noch mitfeiern zu können. Helene aber befand sich in qualvollster Stimmung. Vergebens zermarterte sie sich den Kopf nach einem Auswege aus diesen Wirrnissen. Daß sie niemals Arnold angehören werde, stand bei ihr fest. Sie betrachtete sich als Carlos Braut. Wie aber dem Vater die Aufregung ersparen und doch Carlo sein Wort halten? Zum Schlusse blieb ihr nur die Flucht mit dem Geliebten. – – –

In der letzten Woche vor seinem Tode fühlte sich der Graf viel wohler. Er kümmerte sich wieder mehr um seine Umgebung und zeigte sich ungewöhnlich milde und liebevoll gegen Helene. Seinem scharfen Blick war nicht entgangen, daß die Tochter weniger wohl als sonst aussah. Ein Zug von heimlicher Sorge lag in ihrem Gesicht. So sollte eine glückliche Braut nicht aussehen. Eine gewisse Beunruhigung erfaßte das Vaterherz. Hatte er am Ende doch nicht das rechte getroffen, als er Arnold mit Helene verlobte? Es hielt ihn schließlich nicht länger. Einen Augenblick des Alleinseins mit Helene benützte er und sagte:

»Kind, was ist mit dir? Du fühlst dich doch glücklich als Bräutchen?« Und als Helene nicht sofort antwortete, meinte er: »Früher warst du viel froher und lebhafter!« – Helene beugte tief das Gesicht über die Arbeit, damit der Vater nicht ihr Erschrecken sehen solle. Konnte der Kranke in ihrem Herzen lesen? Ahnte er, wie sie sich quälte und sorgte. – –

Da sprach aber der Graf schon wieder. Müde klang seine Stimme: »Sieh', meine Tochter, wenn ich so dringend auf deiner Verlobung und baldigen Vermählung bestand, das hatte seine guten Gründe! Ich fühle, daß meine Tage gezählt sind» – und möchte dich versorgt wissen! Ach! Ich will dir heute vertrauen, was selbst deine Mutter noch nicht weiß! Leider sind unsere Vermögensverhältnisse nicht mehr so wie früher. In den letzten Jahren haben mir geschäftlich viel Geld eingebüßt. Wir arbeiteten so zu sagen mit Verlust. Dies wurde bedingt durch den völligen Niedergang der Eisenindustrie. Die Konkurrenz auf dem Markte ist erdrückend gewesen. Du weißt ja, daß mehr als eine Firma in Konkurs geraten ist. Gottlob sind wir noch kräftig genug, die Krisis durchzumachen. Immerhin geht ein großer Teil des Betriebskapitals verloren. Um leistungsfähig zu bleiben, haben wir jetzt fremdes Geld nötig. Die Umwandlung unseres Geschäfts in ein Aktienunternehmen wird unvermeidlich sein. Nach meinem Tode wird es dazu kommen!«

»Väterchen, nichts davon!« bat Helene. »Bald wirst du wieder gesund werden!« Sie war von den Mitteilungen des Vaters recht erschreckt worden. Auf der anderen Seite aber lag darin auch etwas Erfreuliches für sie. Sie ahnte nämlich, daß Arnold, im Wahne, eine recht reiche Erbin zu freien, sich nur um der großen Mitgift willen mit ihr verlobte. Erfuhr er, daß die Vermögensverhältnisse nicht so glänzend seien, so war ihm die Lösung des Verhältnisses jedenfalls willkommen.

»Nein, Kind,« antwortete der Graf, »wir wollen uns heute keinerlei Täuschungen hingeben! Ich werde nicht mehr gesund! – Beruhigt lasse mich aber von hinnen gehen, meine Helene! Sage mir aufrichtig: liebst du auch wirklich deinen Arnold von Herzen?« Helene erglühte.

»Vater,« sprach sie bittend, »du wirst dich gewiß aufregen mit diesen Sachen! Arnold ist ja ein lieber Mensch – –«

»Hm, das ist keine Antwort auf meine Frage!« unterbrach sie der Vater. »Doch ich ahne die Wahrheit! Weißt du, Helene, mir schien lange Zeit, als sei dir Carlo Cartano nicht gleichgültig! Indessen überlege, mein Kind: der Sohn des Arbeiters und meine Tochter – du wirst einsehen, Kind, das ist undenkbar!«

Helene antwortete zuerst nicht. Dann aber gewann ihre offene, stolze Natur die Oberhand. Jetzt mußte sie sprechen, für Carlo einstehen.

»Warum undenkbar, Vater?« fragte sie. »Was könnte man an dem berühmten Künstler Carlo Cartano auszusetzen haben? Der Adel der Geburt macht den Menschen nicht aus und unsere heutigen freisinnigen Anschauungen stellen Künstler und Gelehrte auf eine Stufe mit dem Aristokraten. Ja noch mehr, sie stellen sie über den Adligen, der nichts leistet und sich nur auf seinen angeerbten Namen etwas einbildet! – Was Carlo Cartano ist, das ist er aus eigener Kraft. Welches Ansehen genießt er in den allerhöchsten Kreisen!« –

»Du hast recht,« unterbrach sie der Vater. »Carlo ist wirklich ein hervorragender Mensch. Ich erkenne alle seine Vorzüge bereitwillig an und begreife auch, daß du dich, Helene, für einen solchen Mann begeistern kannst. Carlo selbst ist ein einfacher, bescheidener Charakter – ich traue ihm nicht zu, daß er es wagt, die Augen zu meiner Tochter zu erheben. Es sei denn, dazu hättest du selbst ihn ermuntert.«

»Und wenn ich das wirklich getan hätte?« Helene warf sich zu ihres Vaters Füßen. »Väterchen,« schmeichelte sie, »ich habe Carlo lieben gelernt. Er ist nicht allein ein großer Künstler, er ist auch ein guter Mensch, ein Charakter.« – Wider Willen war Helene zu diesen Worten hingerissen worden. Doch sie bereute es nicht! Endlich fiel von ihr die Pein ab darüber, daß sie solch' doppeltes Spiel zu spielen gezwungen worden war. Und Graf Wilhelm? Gottlob, er wurde weder zornig noch aufgeregt. Leise sagte er, wie zu sich selbst: »Daß uns allen diese Kämpfe mit dem törichten Herzen nicht erspart bleiben! Armes Kind, warum hast du nicht früher gesprochen? Jetzt hat Arnold dein Wort!«

»Ach, Arnold,« geringschätzig kam es über Helenens Lippen, »glaube mir, Vater, es war ihm mehr um meine Mitgift als um mich selbst zu tun!«

»Helene!« warnte der Graf. »Arnold von Herzberg ist ein Edelmann, ich will nicht hoffen, daß du recht hast!«

»Frage doch einmal Udo!« entgegnete Helene. »Er wird dir manches von Arnold erzählen können!«

»Also daher Udos Abneigung gegen diese Verlobung,« meinte sinnend der Vater. »Und wir beide, mein Bruder und ich, versprachen uns gerade von Eurer Verbindung so viel Schönes! Allerdings, Arnold ist ein lustiger Kamerad, er mag es auch 'mal ein bißchen toll getrieben haben – aber ich traue ihm nichts Schlechtes zu! Wenn er Schulden hat, so wird er sich leider sehr verrechnet haben, glaubt er, deine Mitgift würde sofort ausgezahlt. Ich kann diese ansehnliche Summe im Augenblick nicht aus dem Geschäft nehmen. Ihr sollt aber die Zinsen zu fünf Prozent regelmäßig erhalten!«

»Vater, glaube mir, sobald Arnold dies erfährt, reut ihn seine Verlobung mit mir!« sagte Helene. Der Graf runzelte die Stirn. Wenn dem so sein sollte, wie seine Tochter behauptete, dann, ja dann. – Ein Entschluß reifte in ihm. »Helene, ich will dir etwas sagen!« sprach er bestimmt. »Arnold wird vor der Hochzeit Klarheit über unsere Verhältnisse erhalten und ich gestatte dir, die Verlobung sofort aufzulösen, wenn du bemerkst, daß es ihm wirklich nur um deine Mitgift zu tun war!«

»Es sei, Vater! erwiderte Helene zuversichtlich dem Grafen und dann mit einem plötzlichen Entschlusse ringend, fragte sie: »Und wie denkst du über das andere? Darf Carlo dann kommen?« Der Graf beschattete seine Augen mit der Hand. Er kämpfte in seinem Innern einen schweren Kampf mit seinen Standesvorurteilen und seiner Vaterliebe. Gottlob siegte die Letztere und er sagte, tief aufatmend:

»Du sollst nicht unglücklich werden! Nein, mein Kind soll nicht unglücklich werden – folge dem Zuge deines Herzens, wenn du nicht anders kannst! Eines nur gebe ich dir noch zu bedenken. Wie wird man in der Gesellschaft über dich urteilen, wenn du wirklich die Gemahlin des Künstlers wirst?«

»In der Gesellschaft?« fragte erstaunt die junge Gräfin. »Wer ist diese Gesellschaft, daß ich mich um ihr Urteil zu kümmern brauchte? Väterchen, sage doch selbst, dein Urteil über diese maßgebenden Kreise war doch auch mehr als einmal ein sehr wegwerfendes!«

»Du hast recht, mein Kind, und dennoch ist man der Gesellschaft gewisse Rücksichten schuldig,« meinte der Graf. »Doch ich sehe, du bist meine selbständige, tapfere Tochter! Du räumst auf mit alten Vorurteilen, Du wirst auch mit der »Gesellschaft« fertig werden!« – Helenens Mutter war ins Zimmer getreten. Die Unterredung zwischen Vater und Tochter war beendet. Der Kranke hatte sich zum Glück nicht aufgeregt. Er befand sich wohler als je. Es war ein letztes Aufflackern seiner Lebenskräfte. An einem der folgenden Tage war Graf Wilhelm so gut aufgelegt und so kräftig, daß er eine Spazierfahrt für den nächsten Tag plante. Da machte plötzlich Atemnot ihm zu schaffen und eine Herzlähmung trat ein. – –

Graf Wilhelm war bei seinen Untergebenen allgemein beliebt. Aufrichtig betrauerte man ihn, und diese Teilnahme tat der Witwe des Verstorbenen und seinen Kindern ungemein wohl.

In Helenens Schmerz hinein tönten aber immer Noch des Vaters verheißungsvolle Worte: »Nein, mein Kind soll nicht unglücklich werden!«

* * *

Ein endloser, langer Trauerzug bewegte sich nach dem kleinen Friedhof zu Waldenberg, um Graf Wilhelms irdische Ueberreste zur ewigen Ruhe im Erbbegräbnisse zu geleiten. Leise säuselte der Frühlingswind in den noch unbelaubten Zweigen der Trauereschen. Er flüsterte in den schlanken Zypressen und mischte den Duft der an der Friedhofsmauer verborgen blühenden ersten Veilchen mit dem Geruche der frischaufgeworfenen Erdschollen. Die Sonne schien dem toten Grasen ins Grab, sie blitzte auf den glänzenden Beschlägen des Sarges, als ihn die Träger in die Gruft versenkten. Der Gesangverein der Waldenbergschen Arbeiter sang einfach und schlicht das wohlbekannte Lied »Ruhe aus, du müder Wanderer« und danach hielt der würdige, alte Geistliche die Grabrede.

In den ersten Reihen der Trauernden bemerkte man auch Carlo Cartano. Er stand da, ganz ins Anschauen seiner Geliebten versunken, welche er seit jenem Wintertage im englischen Garten zum ersten Male wiedersah. Die Sonne suchte sich Helenens flimmerndes Haar heraus, um es wie lauter flüssiges Gold erglänzen zu lassen. Es hob sich um so ausfallender von dem düsteren Schwarz ihrer Trauerkleider ab, welche sie nur noch schlanker und vornehmer erscheinen ließen. Das edle Antlitz war vom tiefsten Schmerze bewegt und die Augen vom Weinen gerötet. Dennoch aber empfand Carlo heute wie noch nie die vollendete Schönheit desselben. Der Gedanke berauschte ihn förmlich, diese herrliche Frau nun bald die Seine nennen zu dürfen. Vorerst aber war es noch nicht so weit. Er mußte warten, bis ihn Helene selbst rief und eine heilige Scheu hielt ihn zurück, sich ihr gerade heute in Erinnerung zu bringen. Helene aber hatte ihn dennoch erspäht. Sie hatte seinen Blick aufgefangen und als sie sich zum Gehen wandte nach Beendigung der Trauerzeremonie, grüßte sie ihn unmerklich fast mit einem leisen Nicken des Kopfes. Carlo aber nahm es mit hoher Befriedigung hin und frohe Hoffnung erfüllte sein Herz. – Noch ein anderer aber war Carlos ansichtig geworden. Graf Arnold von Herzfeld gab seinem Unmut über des Künstlers Anwesenheit seinem Vetter Udo gegenüber Ausdruck: »Wie kommt denn dieser Geiger so plötzlich daher geschneit?« fragte er.

»Na, erlaub' 'mal,« erwiderte Udo, »das wäre doch noch schöner, wenn Carlo nicht gekommen wäre! Papa hat ihn ausbilden lassen!«

»So? Ei, das wußte ich noch gar nicht!« murrte Arnold. »Helene schien mir immer auch eine Vorliebe für den Menschen zu haben.« – –

Udo sah vor sich hin und überlegte. Sollte er seiner Schwester zu Hilfe kommen? Er war immer ihr Vertrauter gewesen und sie hatte ihm gestern erklärt, sie würde die Verlobung mit Arnold lösen. Sie habe die Ansicht, der Vetter wolle sie doch nur um des Geldes willen heiraten und nun, da die Aussicht auf die Mitgift so zweifelhaft sei, habe sie vor, Arnold sein Wort zurückzugeben.

»Hör' mal, Arnold,« sagte Udo, »ich habe vor deiner Abreise noch was Ernstes mit dir zu reden!«

»Na, warum denn nicht gleich? Schieß' los, Udo, so etwas Ernstes – das heißt Unangenehmes, wird es doch nicht sein?« meinte der junge Offizier sorglos.

»Nein, auf dem Nachhauseweg von Vaters Begräbnis paßt dies Thema nicht!« antwortete Udo trübe. »Komm später in die Bibliothek, dann erzähle ich dir alles!«

Arnold aber ward von einer gewissen Besorgnis nicht frei, es sei doch etwas Fatales, was ihm sein Vetter zu sagen habe. Seine Braut benahm sich zu sonderbar. Sie entzog sich auch der flüchtigsten Zärtlichkeit und mied offenbar seine Gesellschaft. Arnolds Vater war das sogar aufgefallen und er hatte den Sohn darum befragt, natürlich aber keine rechte Antwort erhalten. Zur festgesetzten Zeit betrat Arnold die Bibliothek, wo Udo seiner harrte. Dieser bot dem Vetter eine Zigarre an. Eine Weile rauchten beide schweigend. Dann begann Udo: »Nun schläft er ruhig dort draußen, mein armer Vater! Er hat noch viel Unangenehmes mit dem Geschäfte in der letzten Zeit erleben müssen! In den vergangenen Jahren arbeiteten wir mit Unterbilanz. Direktor Baldauf erklärt, wir müßten fremdes Geld aufnehmen, um die Geschichte wieder flott zu machen. Mit anderen Worten, die Hüttenwerke werden Aktiengesellschaft!«

Arnold hörte wie versteinert zu. Das war ja eine schöne Geschichte. Donner noch 'mal! Da sah es auch mit der Mitgift flau aus. Udo schien seine Gedanken zu erraten. Er fuhr fort:

»Für dich, lieber Kerl, ist das auch fatal! Helenens Mitgift würde man nicht auszahlen können. Du müßtest dich da vorläufig mit den Zinsen begnügen und ich glaube, damit ist dir nicht geholfen. Unter diesen Umständen, meint Helene, sei es das Beste, die Verlobung aufzulösen! Sie gibt dich frei!«

Arnold atmete befreit auf, das war ja doch das Gescheiteste, was Helene tun konnte! Er liebte Helene nicht und sie versuchte ja auch gar nicht zu verhehlen, daß sie sich nichts aus ihm mache. Vor Arnolds geistigem Auge stand Ida mit ihrem lieben, schönen Gesicht. Er dachte an Bubi. Nun kehrte er zu ihnen beiden wieder zurück, durfte er zu ihnen zurückkehren. Er war frei! Stumm und schweigend, in seine Gedanken verloren, hatte er gesessen. Nun fühlte er aber doch, daß er etwas reden mußte. An Udos Worte anknüpfend sprach er:

»Helene gibt mir ihr Wort zurück? Sie löst unsere Verlobung? Wirklich, meine Braut gibt mich leicht genug auf! Es scheint, sie hat mich überhaupt nie geliebt!« Arnolds Eitelkeit war verletzt.

»Ach lassen wir, dies zu erörtern!« bat Udo. »Die einfache Tatsache ist die: Du, mein Lieber, kannst keine arme Frau brauchen! Sieh' dich also nach einer anderen um oder bitte deinen Vater, daß er alles rangiert und dann fang' von vorne an, Vetter, und werde ein Mensch, der Ordnung in seinen Sachen hält! Mir ist nämlich bekannt, daß du viele Schulden hast!«

»Was willst du?« fragte Arnold beleidigt. »Mit meinem miserablen, kleinen Zuschuß von zu Hause konnte ich unmöglich auskommen!«

»Nein, unmöglich, wenn man spielt und immer verliert! Du bist ein Pechvogel, Arnold!« erwiderte Udo.

»Ja, ja, da hast du Recht! Aber, um Komplimente von dir zu hören, sitze ich nicht hier. Erlaube, daß ich mich entferne! Sporenklirrend verließ Arnold das Gemach. – Zwei Stunden später reiste er mit seinem Vater ab, der in der Auflösung der Verlobung eine Beleidigung seiner eigenen Person erblickte. Der Sohn aber bemühte sich, ihm unterwegs auseinanderzusetzen, daß es so viel, viel besser sei. Er quälte und bat den Vater um Geld und dieser ließ sich endlich herbei, ihm tausend Mark zu geben. – –

Als Arnold allein im Kupee saß, der Vater fuhr nach einer anderen Richtung, überdachte er seine Lage. Was waren für ihn tausend Mark? Seine Schulden betrugen mehr als das Zwanzigfache! Eine reiche Frau suchen! Das war sehr einfach gesagt. Ha, Arnold spurte gar keine Lust, auf die Suche zu gehen. Er hatte von dieser einen Verlobung gerade genug. Er wollte lieber weiter pumpen – man würde schon durchkommen. Nahm ihn Ida wieder in Gnaden auf, dann kostete das Leben für ihn ja überhaupt bedeutend weniger. Die Gedanken an Ida umgaukelten ihn und zauberten ihm viel verlockende Bilder vor Augen. Zu Ida sollte sein erster Gang sein, kam er nach München.

* * *

Einige Stunden später fuhr der Zug brausend in die Halle. Isar-Athen war erreicht! Mit einem frohen Gefühl der Erwartung, das ihm lange fremd geblieben war, sprang Arnold aus dem Kupee.

Er ließ sich in seine Wohnung in der Fürstenstraße fahren. Auf der Treppe schon begegnete ihm einer seiner leichtsinnigsten Freunde. Leutnant von Rastenberg. Heute war Arnold nicht sonderlich erfreut, ihn zuerst zu sehen, bemerkte er doch auch gleich, daß Rastenberg trotz der frühen Stunde nicht ganz nüchtern war.

»Gottlob, daß du endlich da bist!« rief Rastenberg. »Dreimal war ich schon in deiner Bude!«

»Ja, weißt du denn nicht, daß ich in Waldenberg war zur Beerdigung meines Onkels?« fragte Arnold. »Uebrigens, was gibts denn so Dringliches?«

»Hm,« gab Rastenberg kleinlaut Antwort, »nicht viel Gutes! Hast du Geld, Arno? Ich brauche bis übermorgen früh zwanzigtausend Mark. Verstehst du, Arnold, zwanzig Mille! Fünf habe ich dir neulich vorgestreckt – na, und da Hab' ich gedacht, eine Ehre ist der anderen wert! Heute hilfst du mir 'mal aus! Auf alle Fälle mußt du mir die geliehenen Fünftausend herbeischaffen!«

»Mensch, das ist unmöglich, ich hab' nicht so viel!« antwortete Arnold bekümmert.

»Ja, daß du's nicht hast – Alter, das weiß ich! Aber wozu hast du denn die reiche Braut, Kamerad? Der Schwiegerpapa ist tot, na, da wende dich vertrauensvoll an die Mama!« sagte der Offizier dringlich.

»Das kann ich nicht, Freund!« Arnold genierte sich, Rastenberg von seiner Entlobung zu sagen. Unsicher tarnen die Worte heraus.

»Warum kannst du nicht? Telegraphiere gleich an deine Schwiegermutter oder an deinen Vater!« beharrte der Leutnant. »Du darfst mich nicht sitzen lassen, Arnold!«

»Du weißt nicht, was du verlangst!« entgegnete Arnold trübe. Er dachte daran, welche Mühe es ihn gekostet hatte, dem Vater den Tausender gestern Abend abzuknöpfen – und heute schon wieder? Nein, das ging nicht! Sein Papa hatte selbst kein Geld, wie er dem Sohn gestanden. »Nimm Vernunft an, Rastenberg, ich kann dir mit dem besten Willen nicht helfen!«

»Also das ist deine Freundschaft?« höhnte Rastenberg. »Nein, Arnold, ich bestehe darauf, telegraphiere der Schwiegermama.« –

»Ich kann nicht! Ich bin nicht mehr verlobt!« Zögernd gestand es Arnold. Doch der Andere glaubte ihm nicht.

»So kommst du mir? Das ist plumper Schwindel!« rief der Offizier aufgeregt. Arnold wurde blaß.

»Rastenberg, nimm das Wort zurück!« bat er. »Ich habe dir die Wahrheit gesagt! Meine Braut hat die Verlobung gelöst.«

»Und das soll ich glauben? Ne, Kerl, so dumm bin ich nicht! Du hast zuerst gar nichts davon gesagt, ein Beweis, daß es gelogen ist!«

»Rastenberg!« rief Arnold drohend, »besinne dich!« – Doch der Leutnant hörte nicht mehr, der Alkohol und die Aufregung wirkten in ihm.

»Du bist mir ein sauberer Kamerad!« rief er dröhnend. »Ich hätte nie von dir gedacht, daß du so ein, so ein – –,« er würgte an dem Wort. Doch Arnolds Geduld war erschöpft. Die Türe stand noch offen, so packte er Rastenberg an den Schultern und schob ihn hinaus. Der aber schrie und wehrte sich wie ein Wilder und neugierige Hausbewohner streckten die Köpfe aus den Türen. – Ganz zerknirscht blieb Arnold zurück. Jetzt war's Tag! Ein Duell würde unausbleiblich sein – und richtig nach wenigen Stunden schon erschienen die Sekundanten. Rastenberg hatte in seiner Wut die schärfsten Bedingungen, Kugelwechsel bis zur Kampfesunfähigkeit bei zehn Schritt Distanz, gestellt. – Arnold war wie betäubt. Seine ganzen schönen Träume von der Zukunft sollten mit einem Male vernichtet werden! Was ein Duell mit Rastenberg bedeutete, wußte er nur zu gut! Rastenberg war der beste Schütze im Regiment. Der Ausgang des Zweikampfes war mit tödlicher Sicherheit vorauszusehen. Arnold sagte sich mit einer gewissen Resignation immer wieder die Worte vor: »Morgen Abend bist du ein toter Mann!« Und mit einem Male fiel ihm Ida wieder ein! Ida – ein Stich ging ihm durchs Herz! Wie würde sie die Nachricht von seinem Tode aufnehmen? Er wußte und fühlte, sie liebte ihn ja immer noch. Er war ja Idas einziges Glück gewesen. Wie hatte sie ihn geliebt! Alles, alles hatte sie dahingegeben für ihn. Nur für ihn wollte sie leben! Schlecht genug hatte Arnold es ihr gelohnt. Es fiel dem leichtsinnigen Manne heute erdrückend schwer aufs Herz – er dachte an Bubi und Tränen traten ihm in die Augen. Ja, Ida würde ihn dennoch betrauern, das fühlte Arnold, trotzdem er so erbärmlich an ihr gehandelt hatte. Ach, wenn er sie nur noch ein Mal sehen könnte! Er wollte sie um Verzeihung bitten – noch einmal in ihren Augen das leuchten sehen, was ihn einst so beglückt und beseligt hatte. Ja, er würde noch einmal zu ihr hingehen, Abschied nehmen! Kurz entschlossen wollte sich Arnold auf den Weg machen – doch plötzlich blieb er mitten im Zimmer stehen. Er überlegte! Er konnte und durfte Ida nichts von dem bevorstehenden Duell sagen. Ha, und daß sie doch ahnen würde, es sei etwas Besonderes, was ihn heute bewegte, das wußte er nur zu gut. Ida kannte Arnold, sie verstand in seinen Zügen zu lesen und schließlich würde sie die Wahrheit erraten. Ach, und er wollte sie nicht aufregen, nicht ihre Verzweiflung sehen! »Arme Ida, wie wirst du mich beweinen!« dachte Arnold, und darin lag auch für ihn wieder ein Trost. Sein Vater – ach, der hatte den lustigen Arnold stets für einen Ungeratenen angesehen. Er würde sich bald über den Verlust des Sohnes trösten. Dennoch richtete Arnold einen kurzen Abschiedsbrief an ihn. Dann aber entschloß er sich, an die Geliebte zu schreiben. Es würde ein langer, langer Brief. Niemals noch hatte der lebensfrohe Offizier einen so langen Brief geschrieben. Jetzt aber schrieb er sich einmal alles vom Herzen herunter. Ida sollte ihn verstehen lernen und milder über ihn urteilen. Er schilderte ihr sein ganzes Leben. Wie er der verwöhnte Liebling seiner Mutter gewesen, die viel zu früh für ihn starb. Der Vater heiratete noch einmal und Arnold steckte man ins Kadettenhaus. Er hatte aber einen leichten, fröhlichen Sinn, ihm gefiel das Leben bei den gleichaltrigen Genossen. Viele übermütige Streiche heckte er mit ihnen aus. Mit achtzehn Jahren schon war er Leutnant. Er trat im Infanterie-Leibregiment der Residenz mit einigen gleichgesinnten Kameraden ein und nun begann ein flottes Leben. Er sah, wie die alten und jungen Leutnants es trieben. Ihre Hauptinteressen gruppierten sich um die drei berühmten großen W. (Wein, Weiber und Würfel). Arnold tat es ihnen getreulich nach. Er brauchte viel Geld und zuerst knauserte der Papa auch durchaus nicht. So kam es, daß sich der junge Graf für sehr reich und begütert hielt und im großen Stile wirtschaftete. Da aber kam die erste Enttäuschung! Der Papa besuchte ihn in München und eröffnete ihm, daß es nicht so weiter gehen könne. Arnold müsse sich einschränken, sein mütterliches Erbteil sei nahezu aufgebraucht und der Vater könne fortan nur mäßigen Zuschuß gewähren. Aus zweiter Ehe waren noch fünf Kinder da, welche auch standesgemäß erzogen werden müßten. Arnold war wie auf den Kopf geschlagen von den väterlichen Mitteilungen. Aber er wußte sich in seine Lage zu fügen. Fortan erhielt er von seinem Vater nur eine so geringe Zulage, daß an ein »anständiges Auskommen«, wie es Arnold nannte, nicht zu denken war. Leider hatte er sich aber zu sehr schon an alle Genüsse gewöhnt, um abbrechen zu können. Er hätte es auch für schimpflich gehalten, den Kameraden zu erklären: »Ich kann nicht mittun, ich habe kein Geld!« Das Gescheiteste in diesem Dilemma wäre gewesen, Arnold würde sich in eine kleine Garnison haben versetzen lassen. Sein Vater riet dazu. Arnold aber konnte sich nicht losreißen und er tröstete den Vater damit, daß er ja doch einmal seine reiche Kusine Helene heirate, sie könne etwaige Schulden schon bezahlen. Das war, ehe der leichtsinnige, junge Mann Ida kennen lernte. Dann wurde er auf einmal ein Anderer! Er vertiefte sich in dem einen großen Liebesgefühl zu dem schönen Mädchen. Mit aller Energie erstrebte er den Besitz der Geliebten und machte sich keinen Skrupel daraus, daß sie ihm alles opferte. Er dachte nicht daran, was später werden solle. – Er lebte nur dem Augenblick! Heute auf einmal war es ihm klar, daß er schlecht und gewissenlos an Ida gehandelt habe. Er bekannte ihr, wie tief er bereue und wie gerne er gut zu machen bereit wäre. Er erzählte ihr, daß seine Verlobung mit Helene gelöst sei und daß er sich mit dem Gedanken getragen habe, zu Ida zurückzukehren, fortan nur für sie und das Kind lebend. »Gehe ich aus; diesem Duell unverletzt hervor, Geliebte, so mußt Du mein Weib werden! Ich will mich in einem bürgerlichen Beruf nützlich machen und für Dich und Bubi arbeiten lernen,« so schloß Arnold seinen langen Brief. Als er kaum geendet hatte, klopfte es an die Tür. Auf 'Arnolds »Herein« trat Benno Walter ein. Lange hatten sich die Freunde nicht gesehen, denn der ernste, sittenstrenge Benno hielt sich von den Kameraden in der letzten Zeit geflissentlich fern. Er verstand Arnolds Handlungsweise nicht.

»Benno, du lieber alter Kerl!« rief Arnold innig erfreut aus. Eine Sekunde lang hielten sich die Freunde fest umschlungen.

»Eine dumme Geschichte mit dem Rastenberg!« sagte danach Benno. »Er muß geradezu verrückt gewesen sein! Ihr waret doch sonst so gute Freunde!«

Arnold erzählte Benno die ganze Geschichte. »Ich kann ihn nicht begreifen,« beendete er seine Rede »Nur das Eine weiß ich, für mich ist's schlimm! Ich muß mich aus mein Ende vorbereiten und tat das auch bereits. Da lies!« und er reichte dem Freunde, welcher genau über seine Beziehungen zu Ida unterrichtet war, den Brief an Ida. Benno las eifrig und aus diesem letzten Bekenntnis schaute ihn des Freundes Bild auf einmal ganz anders an. Benno sagte sich, was er sich schon von manchen Kameraden hatte sagen müssen: »Auch Arnold war ein Opfer seines Standes! In jedem anderen Berufe wäre er vielleicht ein tüchtiger, gewissenhafter Mensch geworben. Im Offiziersleben aber erwies er sich als nicht charakterstark genug. Von den Versuchungen geradezu umgeben, unterliegt hier so mancher! Schade drum!« Benno hatte es laut gedacht und mit feuchtem Blick reichte er Arnold den Brief zurück. Dann sagte er mißbilligend:

»Du hast dies Mädchen immer noch geliebt und wolltest doch mit einer Anderen zum Altar gehen! Das begreife ich nicht!«

»Ich begreife mich selbst in Vielem nicht!« antwortete zerknirscht Arnold. »Aber eines bitte ich dich, Benno, wenn ich nicht mehr bin, dann wirst du zu ihr gehen! Ida soll alles das,« und er deutete auf seine luxuriöse Einrichtung, »zum Andenken haben! Sprich ihr gut von mir, Freund, und sage ihr, daß sie mein letzter Gedanke gewesen ist!« Arnold beschattete seine Augen mit der Hand.

»Du, Arnold, mein alter Junge!« bat Benno, »warum willst du denn so schwarz sehen? Sieh', es kann ganz anders kommen. Du kannst mit einer leichten Verwundung oder gar gesund und heil das Duell bestehen. Es taugt nichts, daß du dich trüben Ahnungen hingibst!«

»Ja, das sagst du so,« entgegnete Arnold. »Wenn Rastenberg nicht der ausgezeichnete Schütze wäre und sich jetzt nicht diese ganze unberechtigte Wut auf mich einbildete – dann könnte ich hoffen! So aber muß ich mich auf das Aeußerste gefaßt machen und ich tue es auch. Wisse, Benno, ich bin kein Feigling, ich fürchte den Tod nicht! Nur der Gedanke, daß dies gerade jetzt kommen muß, jetzt, wo ich anfangen wollte, ein anständiger Mensch zu werden – – oh!« Der junge Offizier stöhnte – dann aber raffte er sich gewaltsam zusammen und sagte scheinbar ganz ruhig: »Laß uns ins »Luitpold« gehen! Ich habe heute noch nicht zu Mittag gegessen!«

»Was?« rief Benno, »noch nicht gegessen und es ist bereits sieben Uhr vorbei! Dann komm' rasch, mein Lieber! Wenn du deinen Magen wieder zufriedengestellt hast, siehst du das Leben wieder von einer viel schöneren Seite an!«

»Du magst recht haben!« gab Arnold zu. »Ich glaube, diese elende Stimmung kommt nur vom Hunger! Ich bin die ganze Nacht gefahren und hier angekommen, fiel gleich die Geschichte mit Rastenberg vor. Ha, da denkt man an alles andere eher, als an das Essen!«

Benno nahm des Freundes Arm und beide schritten eilig zu dem nahen Cafe Luitpold. – – –

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