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George Gordon Noël Byron: Cain - Kapitel 5
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typedrama
authorGeorge Byron
titleCain
publisherVerlag von Phillip Reclam jun.
seriesLord Byrons sämtliche Werke
volumeDritter Band
translatorAdolf Seubert
correctorreuters@abc.de
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Zweiter Act

Erster Auftritt

Der Abgrund

Cain. Ich trete Luft und sinke nicht, doch fürcht'
Zu sinken ich.

Lucifer. Vertraue mir, so wirst
Du von der Luft, die ich beherrsch', getragen.

Cain. Kann ich das thun, ohn' daß ich gottlos bin?

Lucifer. »Wer glaubt sinkt nicht, wer zweifelt geht zu Grund,«
So würde jener andre Gott dir sagen,
Der seinen Engeln mich als Dämon nennt.
Die tragen diesen Namen Wesen zu,
Die im Bereich nur ihrer schwachen Sinne
Verständig sind und jedes Wort verehren
Das sie verblüfft, und gut und böse glauben,
Was man der niederträcht'gen Brut
Als solches nennt. Ich will kein solches Volk.
Ob du mir dienst, ob nicht, du sollst die Welt,
Die jenseits deiner kleinen schwebt, erschaun,
Und wegen Zweifel, die dein kleines Leben
Weit überhöhn, von mir gequält nicht werden.
'S wird eine Stunde kommen, wo ein Mann
Von ein'gen Wassertropfen nur getragen
Zu einem Andern sagen wird: »Glaub' nur
An mich und schreite auf dem Wasser!« und
Der Mann wird sicher auf dem Wasser schreiten.
Ich will nicht sagen: »Glaub' an mich«, als die
Bedingniß, daß ich dich errett'; doch flieg
Mit mir zusammen durch die Kluft des Raumes
Und zeigen will ich dir, was du wol nicht
Abweisen wirst: des Ehedem Geschichte,
Die Gegenwart, die Mähren künft'ger Welten.

Cain. O Gottheit oder Satan oder was
Du bist! Ist das dort unsre Erd'?

Lucifer. Erkennst
Den Staub du nicht, aus dem dein Vater ward?

Cain. Ist's möglich? jenes kleine blaue Rund,
Das sich im Aether schwingt, mit einem Kreis
Dabei, der kleiner noch und jenem Licht,
Das unsre Erdennacht erleuchtet, gleich,
Dies ist das Paradies? Wo ist sein Wall?
Wo seine Hut?

Lucifer. Zeig' mir den Punkt, wo liegt
Das Paradies?

Cain. Wie könnt' ich denn! Da wir
Wie Sonnenstrahlen fliehn, so wird er klein
Und kleiner stets, und in dem Maße daß
So klein er wird, gewinnt an Helle er
Wie jenes andre Licht, das, als ich noch
Die Sterne von der Erde aus erschaut,
Mir als der rundeste erschien. Mir scheint,
Daß beide nun, indem wir weiter ziehn,
Zu jenen unzählbaren Sternen stoßen,
Die um uns her, und die je weiter fort
Wir ziehn, vergrößern ihre Myriaden.

Lucifer. Und wenn's nun Welten gäbe, größer noch
Als deine dort, bewohnt von höhern Wesen,
Und diese selbst zahlreicher als der Staub
Der schalen Erd', wär' er vervielfacht auch
Zu lebenden Atomen, und wenn alle
Zwar lebten, doch zum Tod verdammt und elend,
– Was dächtest du?

Cain. Mich machte der Gedanke,
Der Solches faßte, stolz.

Lucifer. Doch wäre nun
Der herrliche Gedanke angeschweißt
An eine knecht'sche Masse Stoff, und wär'
Das Wissen und Ersehnen solcher Dinge,
Ja höheres Verstehen noch, gepaart
Mit dem gemeinsten, kleinlichsten Bedürfniß,
Mit niedrig, eklem Zeug; wär selbst dein höchster,
Entzückendster Genuß nur süße Schmach,
Entnervend schmutzger Köder nur, um dich
Zur Zeugung neuer Körper anzureizen
Und neuer Seelen, all vorausbestimmt
Gleich schwach zu sein und wen'ge nur so glücklich –

Cain. Hör', Geist, ich weiß vom Tode nichts, als daß
Ein schrecklich Ding er ist, von dem die Eltern
Als einem Schaudererbtheil sprechen, das
Ich ihnen dank' wie dieses Leben selbst,
Das auch kein glücklich Erbe ist, so viel
Ich merken kann bis jetzt– –Doch, Geist, wenn das,
Was du mir sagtest, wahr ist – und ich fühl'
Ja der prophet'schen Wahrheit ganze Qual! –
So laß mich sterben gleich; denn Leben zeugen,
Das Jahre lang soll leiden und dann sterben,
Scheint mir Fortpflanzung nur von Tod und Saat
Zu weitrem Mord.

Lucifer. Du kannst nicht völlig sterben:
'S ist Etwas da, was weiter leben muß.

Cain. Der Andre sprach zum Vater nichts hievon,
Als Er das Paradies ihm schloß und Tod
Ihm auf die Stirne schrieb. So lass' doch das,
Was in mir sterblich ist, vergehn, damit
In Ruh' ich schwebe, wie die Engel thun.

Lucifer. Ich bin ein Engel. Willst du sein wie ich?

Cain. Ich kenn' dich nicht; wol seh' ich deine Macht,
Und daß du mir, was außer meiner Macht
Und angebornen Kraft liegt, zeigst,
Obschon's noch unter meinen Wünschen bleibt
Und meiner Denkungskraft –

Lucifer. Was bist denn du,
Der trotz dem großen Stolz mit Würmern lebt
Im Staub?

Cain. Und was bist du, der du so hoch
Im Geiste wohnst, Natur, Unsterblichkeit
Durchstreifst und scheinst doch traurig, kummervoll?

Lucifer. Ich scheine, was ich bin; und deshalb frag'
Ich dich, ob du unsterblich möchtest sein?

Cain. Du sagtest nur, ich müss' unsterblich sein,
Ob ich nun wolle oder nicht. Ich hab'
Erst kürzlich dies gehört, doch wenn's sein muß,
Laß mich, ob nun beglückt davon ob nicht,
Voraus empfinden die Unsterblichkeit.

Lucifer. Das that'st du schon, eh' ich dich traf.

Cain. Wie das?

Lucifer. Du littst.

Cain. Ist denn unsterblich unsre Qual?

Lucifer. Erfahren werden wir's, und dein Geschlecht. –
Doch sieh! Ist das nicht schön?

Cain. O schöner Aether!
Unsäglich hehre Luft! ihr reichen Massen
Von hellesten und immer hellern Lichtern,
Was seid ihr wol? Was ist die blaue Wüste
Endloser Luft, durch die dahin ihr rollt,
Wie Blätter ziehn in Edens klarem Strom?
Ist euer Lauf genau euch zugemessen?
Schweift ihr dahin in ungebundnem Drang
Durch ein unendlich, Luft durchwehtes All?
Die Seele bebt, so Hohes auszudenken,
Von eurer Ewigkeit berauscht! O Gott!
O Götter! oder was ihr immer seid!
Wie schön seid ihr! wie herrlich euer Werk!
Des Zufalls Werke, oder was sie seien!
Laßt mich hier sterben, wie's Atome thun
(Wenn sie es thun!), wo nicht, erkennen euch.
In eurer Macht und Wissenschaft! – Mein Geist
In diesem Augenblick ist unwerth nicht
Deß was ich schau, wenn auch mein Staub es ist. –
Geist! laß mich enden oder nah' sie schauen!

Lucifer. Bist du nicht nah genug? Zur Erde schau
zurück.

Cain. Wo ist sie hin? Ich sehe nichts
Als ein unzählbar glänzend Lichtermeer.

Lucifer. Schau dort!

Cain. Ich kann nichts sehn.

Lucifer. Noch funkelt sie.

Cain. Die dort?

Lucifer. Ja, die!

Cain. Was machst du mir da vor?
Glühwürmchen sah ich fliehn und Feuerfliegen
Im dunkeln Hain und an des Ufers Grün,
Die heller glänzten als die Welt dort, die
Sie trägt.

Lucifer. Gewürm und Welten, beide sahst
Du leuchtend, hell; was hältst du nun davon?

Cain. Daß Jedes schön in seiner Sphäre sei,
Und daß die Nacht, die beide lieblich macht:
Den Feuerkäfer, der die Luft durchblitzt,
Den hehren Stern in seinem mächt'gen Lauf,
– Der höhern Hut bedarf.

Lucifer. Von wem? Durch was?

Cain. Das zeige mir!

Lucifer. Und wagst du, es zu schaun?

Cain. Wie kann ich wissen, ob ich's wagen darf?
Bis jetzt hast du mir nichts gezeigt, was ich
Nicht wagt' zu schaun.

Lucifer. Komm weiter denn mit mir!
Willst sterbliches, unsterblich Ding du schaun?

Cain. Was sind die Dinge denn?

Lucifer. Von Beidem was.
Doch was liegt dir zunächst?

Cain. Die Dinge, die
Ich seh'.

Lucifer. Doch was lag dir am nächsten an?

Cain. Die Dinge, die ich nicht gesehn, und nie
Auch sehen soll: des Tods Mysterium.

Lucifer. Wie wenn ich dir Gestorbnes zeigte nun,
Wie ich dir viel, was niemals stirbt, gezeigt?!

Cain. So thu's!

Lucifer. Fort denn auf unsrer Schwinge Kraft!

Cain. Wie wir das Blau zerspalten! weg von uns
Die Sterne fliehn, die Erd' –! Wo ist die Erde?
Laß mich sie sehn, denn ich entstand aus ihr.

Lucifer. Sie schwebt jetzt abseits dir, und wen'ger fast
Scheint jetzt im Weltall sie, als du in ihr.
Doch glaube nicht, du könnest ihr entrinnen.
Bald kehrst zur Erde du und ihrem Staub.
Theil ist sie deiner, meiner Ewigkeit.

Cain. Wo führst du jetzt mich hin?

Lucifer. Zu dem was vor
Dir war, zum Weltphantom, von dem die Welt
Ein Wreck nur ist.

Cain. So ist sie denn nicht neu?

Lucifer. So wenig wie das Leben; und das war
Eh' du und ich, und eh' die Wesen waren,
Die höher uns erscheinen als wir Beide.
Gar Manches wird kein Ende haben; Manches
Was aussieht, als ob's keinen Anfang je
Gehabt, begann ganz so gemein wie du;
Und größre Dinge wurden ausgelöscht,
Geringern, als wir ahnen, Platz zu machen:
Doch für Momente nur! Denn aller Raum
War unveränderlich und wird es sein,
Und Aend'rung bringt nicht Tod, als nur dem Staub.
Doch du bist Staub und kannst begreifen nur
Was Staub einst war, und Solches sollst du schaun.

Cain. Staub, Geist? Was du nur willst, das kann ich schaun.

Lucifer. Fort denn!

Cain. Doch schnell entschwinden mir die Lichter;
Und größer wurden ein'ge stets, da wir
Genaht und sah'n wie Welten aus.

Lucifer. Das sind
Sie auch.

Cain. Und Paradiese drin?

Lucifer. Vielleicht.

Cain. Und Menschen auch?

Lucifer. Ja, oder höh're Wesen.

Cain. Gewiß? Und Schlangen auch?

Lucifer. Du möchtest wol
Die Menschen ohne sie? Soll kein Gewürm
Denn athmen als was aufrecht geht?

Cain. Wie jetzt
Die Sterne fliehn! Und wir! Wohin?

Lucifer. Zur Welt,
Wo die Phantome wehn, die Wesen waren
Und Schatten werden sein.

Cain. Jetzt wird es Nacht;
Die Sterne sind dahin.

Lucifer. Doch siehst du noch.

Cain. Ein grausig Licht! Nicht Sonn' noch Mond scheint mehr.
Noch jenes Sternenheer! Selbst jenes Blau
Der Purpurnacht verschwimmt in schaurig Düster.
Ich schaue riesenhafte trübe Massen,
Nicht wie die Welten, denen wir genaht,
Die lichtumgürtet voller Leben schienen,
Wenn ihr umflorter Dunstkreis wich und uns
In seltsamer Gestaltung manches Thal
Und Hochgebirge wies, wo Funken dann
Die Einen sprühten, Andre weite Flächen
Von Flüssigkeit entfaltet, Andre Gürtel
Von Licht gezeigt, mit Monden um sie her,
Die gleichfalls aus wie schöne Erden sahn,
Anstatt daß Alles Nacht hier ist und Graus.

Lucifer. Doch klar! Den Tod suchst du zu schaun und Todtes –

Cain. Ich such' es nicht; doch da ich weiß, daß Tod
Besteht, und daß des Vaters Sünd' ihn selbst
Und mich und unser ganzes Haus und Erbe
Ihm unterwarf, so möcht' freiwillig ich,
Was einst ich sehen muß, jetzt schaun.

Lucifer. So schau!

Cain. 'S ist Finsterniß.

Lucifer. Und so wird's stets hier sein.
Wir aber wollen öffnen nun ihr Thor.

Cain. Ein mächt'ger Qualm wälzt sich zur Seite. Was
Ist das?

Lucifer. Tritt ein!

Cain. Kann ich zurück?

Lucifer. Gewiß!
Wie würde sonst des Todes Reich besetzt?
Noch ist es dünn, doch wächst es bald mit Macht
Durch dich und dein Geschlecht.

Cain. Die Wolken öffnen
Sich weit und immer weiter um uns her.

Lucifer. Voran!

Cain. Und du?

Lucifer. Fürcht' nichts! Nicht ohne mich
Konntst du aus deiner Welt heraus. Fort! fort!

(Sie verschwinden durch die Wolken.)

Zweiter Auftritt.

Unterwelt.

Lucifer und Cain treten auf.

Cain. Wie still, wie weit sind diese trüben Welten!
Denn mehr als eine scheint's, und deshalb doch
Bevölkerter als jene Riesenkugeln,
Die in der obern Luft so zahlreich schweben,
Daß für die Lichtbevölkerung ich sie
Von einem ganz unfaßbar hehren Himmel
Weit eher als für Körper hielt, die selbst
Bewohnt; wenn ich beim Näherkommen nicht
Sie zu so ungeheurem greifbar'n Stoff
Abschwellen sah, der eher schien gemacht,
Daß man drauf lebe denn als Leben selbst.
Doch hier ist Alles ja so schattenhaft,
So dämm'rig, fahl, daß von Vergangenheit
Es spricht.

Lucifer. Das ist des Todes weites Reich.
Willst du ihn sehn?

Cain. Bis ich erst weiß, was er
In Wahrheit ist, kann ich nicht Antwort geben.
Doch ist er, wie vom Vater ich gar oft
In langen Predigten gehört, so ist's
Ein Ding – o Gott! ich wag's nicht auszudenken!
Verflucht sei, wer ein Leben ausgeheckt,
Das führt zum Tod! Verflucht der Lebensteig,
Der nicht lebendig bleiben konnt', vielmehr
Verwirken wieder dieses Leben mußt',
Sogar in Dem, der ohne Schuld!

Lucifer. Verfluchst
Du deinen Vater so?

Cain. Hat er nicht mich
Verflucht, als er mir's Leben gab? nicht schon
Vor der Geburt verflucht, als er's gewagt
Von der verbotnen Frucht zu pflücken?

Lucifer. Hast Recht! Ein gegenseit'ger Fluch
Beim Vater und bei dir. Jedoch dein Bruder.
Dein eigner Sohn, wie ist's damit?

Cain. Sie mögen
Den Fluch mit mir, dem Vater, Bruder theilen.
Was ward mir sonst vermacht? Den Erben laß
Ich ihn'. – Ihr endlos düstern Reiche,
Ihr Schatten, Nachtgestalten, die ihr mir
Vorüberzieht bald klar, bald trüb, doch stets
Gewaltig, trauervoll – wer seid ihr wol?
Lebt ihr, habt ihr gelebt?

Lucifer. Etwas von Beidem.

Cain. Was ist dann Tod?

Lucifer. Wie? Hat nicht Der, der euch
Erschuf, gesagt: es sei ein zweites Leben?

Cain. Bis jetzt hat Er noch nichts gesagt, als daß
Wir sterben müssen all.

Lucifer. Vielleicht dereinst
Enthüllet Er euch auch dies Geheimniß noch.

Cain. O Tag des Glücks!

Lucifer. Des Glücks? Ja, ja! Weil Er's
Durch unsagbare Todesqual, geknüpft
An ew'ge Pein, den unzählbaren, Un-
Gebor'nen Myriaden Staub enthüllt.
Die Alle Er nur darum rief ins Leben!

Cain. Wer sind die mächtigen Phantome, die
Ich um mich wogen seh'? Sie tragen nicht
Der höhern Wesen Form, die ich vor dem
Verschloss'nen, unvergess'nen Eden schaut',
Noch eines Menschen Form, wie sie an Adam,
An Abel oder mir erscheint, noch auch
An Weib und Schwester oder meinen Kindern.
Doch tragen eine Miene sie, die zwar
Von Menschen nicht, noch Engeln zeugt, die aber
Wenn sie die letztern nicht erreicht, die erstem
Weit überragt: so stolz sind sie, so schön,
So stark, wie's scheint, doch seltsamer Gestalt;
Nie sah ich solche noch. Sie haben nicht
Des Seraph's Schwing', des Menschen Antlitz nicht,
Noch mächt'gen Thiers Gestalt, noch irgend Wessen,
Das athmet, lebt; und sind doch groß und schön,
Wie nur die größten, schönsten Lebenden,
Und ihnen doch so ungleich, daß ich kaum
Sie lebend nennen kann.

Lucifer. Doch lebten sie!

Cain. Wo denn?

Lucifer. Da wo du lebst.

Cain. Doch wann?

Lucifer. Das was
Du Erde nennst, bewohnten sie.

Cain. Adam
War ja der erste.

Lucifer. Deiner Art. So ist's!
Doch viel zu niedrig, um der Kleinste nur
Von diesen hier zu sein.

Cain. Was sind sie nun?

Lucifer. Das, was einst du wirst.

Cain. Und was waren sie?

Lucifer. Lebendig, groß, verständig, gut und schön!
Und so viel mehr als Alles, was dein Vater
Im Paradies selbst konnte sein, wie einst
Das sechzigtausendste Geschlecht selbst noch
In seiner dumpfigen Entwürdigung
Mehr als dein Sohn und du wird sein. Wie schwach
Die sind, nimm ab an deinem eignen Fleisch.

Cain. Weh' mir! Und gingen sie zu Grund?

Lucifer. Gewiß!
Auf ihrer Erd', wie's du auf deiner wirst.

Cain. War meine Erde ihre?

Lucifer. Ja!

Cain. Doch nicht
Wie jetzt sie ist; sie ist zu klein, zu schwach,
Zu tragen solche Wesen.

Lucifer. Wahr! einst war
Sie herrlicher.

Cain. Und weshalb sank sie so?

Lucifer. Frag Den, der sie gestürzt.

Cain. Doch wie?

Lucifer. Indem
Die Elemente er zermalmt', zerstampft',
Und unerbittlich durcheinander warf,
Daß dann die Welt in solches Chaos sank,
Wie das einst war, dem sie entsprang. Nicht oft
Geschieht so Unheilvolles in der Zeit,
Doch öfter in der Ewigkeit. Schreit' zu! –
Schau die Vergangenheit!

Cain. Entsetzlich ist's!

Lucifer. Doch wahr! Sieh die Phantome hier! Sie waren
Einst Stoff wie du.

Cain. Und werd' ich sein wie sie?

Lucifer. Der dich gemacht, mög' dir drauf Antwort geb
Ich zeig' dir nur, was die sind, die vor dir
Die Welt bewohnt. Was sie einst waren, fühlst
Um so viel schwächer du, als schwächer dem
Gefühl und kleiner auch dein Antheil an
Unsterblichem Genie und Erdenkraft.
Was ihr gemeinsam habt mit ihnen, ist
Das Leben, das sie hatten, und der Tod,
Der eurer harrt. Was sonst euch Arme ziert,
Ist der Art, wie sich's für Gewürme paßt,
Das aus dem rückgebliebnen Schlamm des All',
Der kaum zum Stern erst ward, entstand, den Wesen,
Die ihre Blindheit glücklich macht, beleben,
Ein Paradies des Unverstands, aus dem
Erkenntniß ward als böses Gift verbannt. –
Nun sieh, was diese höhern Wesen sind!
Doch wenn du's müde bist, so kehr' zurück
Zu deiner Erd' und Arbeit. Sicher bring'
Ich dich dahin.

Cain. Nein! ich bleib' hier.

Lucifer. Wie lang?

Cain. Für immer! Muß ich einst hierher zurück,
Bleib' lieber ich gleich hier. Ich habe satt,
Was ich vom Staube sah. Laß mich in Nacht.

Lucifer. Das kann nicht sein! Als Traumgesicht nur schaust
Du, was doch Wirklichkeit. Um dich geschickt
Für dieses Heim zu machen, mußt auch du,
Was jene Wesen einst passirt, passiren:
Des Todes Thor!

Cain. Durch welches Thor sind wir
Denn jetzt herein?

Lucifer. Durch meins! Doch da zurück
Du mußt, hält dich mein Geist in Räumen selbst,
Wo Alles athemlos ist außer dir,
Betracht's! Doch denke hier zu bleiben nicht,
Bis deine Stunde kommt.

Cain. Und können auch
Die hier zur Erde nicht zurück?

Lucifer. Für immer
Ist ihre Erd' dahin und so verändert
Durch innern Krampf, daß keinen einz'gen Fleck
Der neuen Rinde, die kaum erst erstarrt,
Sie wiederkennen würden. – Ach sie war!!
Und o wie schön war jene Welt!

Cain. Und ist's!
Ich bin nicht Feind der Erd', obschon dahin
Zurück ich muß. Es kränkt mich nur, daß ich
Nicht ohne Arbeit ihrer Schönheit Glanz
Genießen soll, daß ich den regen Geist,
Der nach Erkenntniß lechzt, nicht Einmal tränken
Und meine tausendfache Furcht vor Tod
Und Leben nicht besänft'gen kann.

Lucifer. Du siehst,
Was deine Welt jetzt ist, doch kannst den Schatten
Deß nicht begreifen, was sie war.

Cain. Wer aber
Sind diese Ungethüme und Phantome,
Die, wie es scheint, von mindrer Geisteskraft
Als jene Wesen sind, die wir passirt?
Sie sind dem wilden Volke ähnlich fast,
Das in der Erde dichten Wäldern wohnt,
Dem schrecklichen, das Nachts den Forst durchheult;
Nur zehnfach größer, fürchterlicher nur
Und höher als des Paradieses Mauern,
Mit Augen flammend wie des Cherubs Schwert
Und Hauern, die wie Bäume vorwärts stehn,
Wenn sie der Rinde und der Aeste baar?

Lucifer. Das sind die Mammuths deiner Welt; doch diese
Ruhn in Myriaden unter ihrer Decke.

Cain. Und keines wandelt mehr auf ihr?

Lucifer. O nein!
Im Kampf mit ihnen war' dein schwach Geschlecht
So bald zerstört, daß nutzlos der darauf
Gelegte Fluch.

Cain. Doch warum Kampf!

Lucifer. Du hast
Den Spruch, der euch aus Eden trieb, vergessen:
Mit Allen Kampf, und Tod für alle Wesen,
Und Krankheit, Noth und Schmerzen für die meisten,
Das sind die Früchte des verbotnen Baums.

Cain. Jedoch die Thiere, aßen denn auch sie,
Daß sie auch deshalb sterben müssen?

Lucifer. Hat
Nicht euer Schöpfer euch gesagt, sie sei'n
Für Euch gemacht wie ihr für Ihn? Sie können
Doch nicht ein besser Schicksal haben als
Ihr selbst? Fiel Adam nicht, fiel Niemand sonst.

Cain. Die Armen! Ach daß meines Vaters Loos
Sie theilen müssen wie wir Kinder all,
Obschon sie nichts – wie Die – vom Apfel hatten,
Noch auch – wie Die – vom schwer erkauften Wissen!
Es war ein Lügenbaum! Wir wissen nichts.
Versprach er nicht Erkenntniß – um den Preis
Des Todes zwar – Erkenntniß aber doch!
Was kennt, was weiß der Mensch?

Lucifer. Vielleicht führt Tod
Zu der Erkenntniß letztem Ziel; und da
Von Allem er das einzig Sichre ist,
So führt er doch zum sichersten Erkennen.
Der Baum war somit wahr, wenn tödtlich auch.

Cain. Wie dunkel dies Gebiet! Ich seh's, doch kann
Es nicht durchschaun.

Lucifer. Weil deine Stund' noch fern
Und Stoff den Geist nie völlig kann durchschaun.
Doch 's ist schon was, zu wissen, daß dies Reich
Besteht.

Cain. Wir wußten, daß der Tod besteh'.

Lucifer. Doch nicht was hinter ihm.

Cain. Noch weiß ich's jetzt.

Lucifer. Du weißt jetzt, daß ein Sein und viele Sein
Jenseits des deinen sind; das wußtest du
Heut' früh noch nicht.

Cain. Doch trüb scheint Alles hier
Und schattenhaft.

Lucifer. Gib dich zufrieden, einst
Wird klarer dir's in der Unsterblichkeit.

Cain. Und jener unmeßbare flüss'ge Raum
Von herrlichem Azur, der um uns fließt,
Und Wasser gleicht, und den ich für den Strom
Fast halten möcht', der aus dem Eden her
An meinem Zelt vorüberfließt, nur daß
Der uferlos ist, unbegrenzt und von
Aether'scher Farbe – was ist er?

Lucifer. Es gibt
Dergleichen auch bei dir, geringer nur,
Und deine Kinder werden daran wohnen:
'S ist das Phantom von einem Ozean.

Cain. Wie eine andre Welt und flüss'ge Sonn'
Sieht's aus; und jene Ungethüme dort,
Die auf der Schimmerfläche spielend ziehn?

Lucifer. Sind die Bewohner, einst Leviathans.

Cain. Und jene Riesenschlange, die den Kamm
Und mächt'gen Kopf wol zehnmal höher als
Die höchste Ceder aus dem Abgrund hebt,
Als ob um all die Kugeln sie, die wir
Vorhin geschaut, sich wickeln könnt', ist sie
Von der Art denn, wie unter Edens Baum
Sich einst gesonnt?

Lucifer. Dir wird die Mutter wol
Am besten sagen, welche Schlangenart
Sie dort versucht.

Cain. Die sieht gar schrecklich aus!
Viel schöner war die andre wol?

Lucifer. Sahst du
Sie nie?

Cain. Ich sah der Schlangen viele wol,
Doch nie gerade die, die zu der Frucht,
Der unglückseligen, verlockt', noch auch
Ein ähnlich Wesen nur.

Lucifer. Dein Vater sah
Sie nicht?

Cain. Nein! ihn versuchte Eva, sie
Die Schlang'.

Lucifer. Mein Lieber, wenn dein Weib einmal,
Wenn deiner Söhne Weiber sie und dich
Zu etwas Unbekanntem, Seltsamem
Verlocken wollen, sieh erst zu, wer sie
Dazu verlockt.

Cain. Dein Rath kommt jetzt zu spät,
Von Schlangen wird ein Weib nicht mehr verführt.

Lucifer. Doch gibt's noch manches Ding, wozu das Weib
Den Mann, der Mann das Weib verführen kann,
Und deine Söhne seien auf der Hut!
Mein Rath ist gut gemeint, er geht sogar
Auf meine Kosten. Freilich wird man ihn
Doch nicht befolgen; so verlier' ich nichts.

Cain. Ich weiß nicht, was du meinst.

Lucifer. Sei froh deshalb!
Zu jung bist du und deine Welt. Du hältst
Für unglückselig dich und äußerst schlecht,
Nicht wahr?

Cain. Was Schlechtigkeit betrifft, so wüßt'
Ich nicht; doch elend fühlt' ich mich schon recht.

Lucifer. Du Erstgeborener des ersten Menschen!
Dein gegenwärt'ger Sündenstand – denn du
Bist bös – und Leidensstand – und leidest auch,
Sind beide im Vergleich zu dem, was du
Wirst nächstens sein, ein schuldlos Eden noch,
Und dieser Stand in seiner Doppelqual
Ist noch ein Eden im Vergleich zu dem,
Was deines Sohnes Sohnes Söhne einst,
Wenn durch Geschlechter hin sie fort sich pflanzen
Wie Staub (den sie in Wahrheit auch vermehren)
Thun und erdulden werden. Jetzo komm
Zur Erd' zurück.

Cain. Und warum führtest du
Nur dies zu lehren mich hierher?

Lucifer. Hast du
Erkenntniß nicht gewollt?

Cain. Jawol, als Weg
Zum Glück.

Lucifer. Ist Wahrheit dieser Weg, so hast
Du's jetzt.

Cain. Dann that doch meines Vaters Gott
Gar wohl daran, daß er den Baum verbot.

Lucifer. Und that noch besser, pflanzte er ihn nicht.
Doch Unkenntniß des Bösen schützt dich nicht
Davor; es wälzt sich deshalb gleichwol fort
Als Theil von jedem Ding.

Cain. Von jedem nicht,
Das glaub' ich nicht; ich sehn' mich nach dem Guten.

Lucifer. Und wer, und was thut denn das nicht? Wer will
Das Böse denn um seines Bittern willen?
Niemand und Nichts! Es ist der Sauerteig
Von allem Leben, allem Lebenslosen.

Cain. In jene wundervollen Kugeln, die
Wir blendend, fern und unzählbar geschaut,
Eh' wir gesunken in dies Schattenreich,
Zieht doch nichts Böses ein: sie sind zu schön!

Lucifer. Du sahst sie von der Ferne nur.

Cain. Was thut's?
Entfernung kann doch mindern nur den Glanz,
Sie müßten nah nur noch erhabner sein.

Lucifer. Tritt auch den schönsten Erdendingen nah
Und mustre ihre Schönheit dann!

Cain. Ich that's.
Das Lieblichste, was mir bekannt, war mir
Am lieblichsten ganz nah.

Lucifer. Da muß ein Wahn
Mitunterlaufen. Sprich! Was ist denn das,
Was dir in deiner Blicke nächster Näh'
Mehr als entfernte schöne Dinge hold
Erscheint?

Cain. 'S ist meine Adah, meine Schwester!
Die Sterne all des Firmaments; die Nacht
In ihrem tiefen Blau, von einem Kreis
Erhellt, der wie ein Geist, wie eine Welt
Von Geistern blickt; der Dämm'rung Farbenspiel;
Der Sonne Aufgang, und ihr Niedergang,
Deß unbeschreiblich schönes Bild mein Aug'
Mit süßen Thränen füllt und sanft mein Herz
Nach jenem Wolkenparadiese dort
Im Westen zieht; des Waldes Schattennacht;
Der grüne Zweig; des Abendvogels Laut,
Der uns von Lieb' zu singen scheint, und sich
Mit dem Gesang der Cherubim vermischt,
Wenn über Edens Wall der Tag sich schließt –
All Das ist meinem Aug' und Herzen nichts,
Nichts gegen Adah's Antlitz – Erd' und Himmel
Kehr' ich den Rücken, sie nur anzuschaun.

Lucifer. Wol ist es schön, wie schwache Sterblichkeit,
Im ersten Blühn der jungen Schöpfung nur,
Wie nur der Erdeneltern erst Umarmen
Ein Bild erzeugen konnt' – und doch ist's Wahn!

Cain. Du denkst so, weil du nicht ihr Bruder.

Lucifer. Mensch!
Ein Bruder bin ich Solchen, die nicht zeugen.

Cain. Dann kannst du nicht mit uns Gemeinschaft haben.

Lucifer. Vielleicht die deine wäre was für mich.
Doch wenn du dein nennst ein so schönes Weib,
Daß jede Schönheit weit sie überstrahlt
In deinem Aug', warum bist elend du?

Cain. Warum denn leb' ich? Warum bist auch du,
Warum ist Alles elend? Und selbst Er,
Der uns gemacht hat, muß es sein, weil Er
Solch Elend schuf! Zerstörung schaffen, kann
Ein Ausdruck nie des wahren Glückes sein!
Und doch sei Er allmächtig, sagt mein Vater.
Warum das Böse dann, wenn selbst Er gut?
Ich stellte meinem Vater diese Frage;
Er sprach: »weil dieses Böse nur der Weg
Zum Guten sei«. Ein seltsam Gutes, das
Entspringen nur aus seinem Todfeind kann! –
Ich sah ein Lamm jüngst, das die Schlange stach;
Das arme Ding lag zuckend auf dem Plan
Und seine Mutter blöckte jämmerlich.
Mein Vater pflückte Kräuter ab und legte
Sie auf die Wunde ihm; allmählich kam
Das ünbehilfliche Geschöpf zum Leben
Zurück, stand auf und sog der Mutter Milch,
Die zitternd stand, die neubelebten Glieder
Mit Lust beleckend. »Sieh, mein Sohn!« sprach Adam,
»Wie aus dem Uebel Gutes doch entspringt.«

Lucifer. Was gabst du ihm zur Antwort drauf?

Cain. Nun, nichts!
Er ist mein Vater; doch ich dacht', es wär'
Für jenes Thierchen besser noch gewesen,
Wenn's keine Schlange stach, als daß es so
Des Lebens Wiederkehr erkaufen mußt'
Mit unaussprechlichem Gequäl', ward dies
Dann auch durch Gegengift verjagt.

Lucifer. Jedoch
Du sagst, von all geliebten Dingen liebst
Du Sie am meisten, die der Mutter Milch
Mit dir getheilt, und deinen Kindern nun
Die ihre reicht –

Cain. Ja, ganz gewiß! was wär'
Ich ohne sie?

Lucifer. Was bin denn ich?

Cain. Liebst du
Denn nichts?

Lucifer. Was liebt dein Gott?

Cain. Ein jed' Geschöpf,
Sagt mir mein Vater; doch, ich muß gestehn,
Am Loos, das Er uns zugetheilt, vermag
Ich's nicht zu sehn.

Lucifer. Und somit kannst du auch
Nicht sehn, ob ich lieb' oder nicht; wenn's nicht
'Nen großen Zweck, 'nen allgemeinen gilt,
Vor dem das Einzelne zerschmilzt wie Schnee.

Cain. Schnee? Was ist das?

Lucifer. Sei froh, daß du noch nicht
Empfinden mußt, was deine Enkel müssen:
Daß du in einem Land dich sonnen darfst^
Daß keinen Winter kennt.

Cain. Liebst du denn Nichts,
Was ist wie du?

Lucifer. Liebst du etwa dich selbst?

Cain. Jawol! Doch lieb' ich mehr, was mein Gefühl
Erträglicher mir macht, und mehr ist als
Ich selbst, weil ich es lieb'.

Lucifer. Du liebst es, weil
Es schön, wie jener Apfel einst im Aug'
Der Eva war; und wenn es nicht mehr schön,
Hört deine Lieb' wie jede Wonne auf.

Cain. Aufhören schön zu sein? Wie kann das sein?

Lucifer. 'S kommt mit der Zeit.

Cain. Doch manche Zeit ist hin
Und noch ist Adam und die Mutter schön,
Wie Adah nicht und wie die Seraphim,
Doch immer noch sehr schön.

Lucifer. Das Alles wird
In Allen bald vergehn.

Cain. Das thut mir leid;
Doch werd' ich drum nicht, weniger sie lieben.
Wenn aber ihre Schönheit geht, verliert
Der, der einst alle Schönheit schuf, fast mehr
Als ich, der ich vergehen seh' sein Werk.

Lucifer. Du dauerst mich, daß, was vergehen muß,
Du liebst.

Cain. Du aber mich, daß nichts du liebst.

Lucifer. Ist nicht dein Bruder auch dir herzlich lieb?

Cain. Warum denn nicht?

Lucifer. Dein Vater liebt ihn sehr,
Wie auch dein Gott.

Cain. Und ich.

Lucifer. Das ist sehr schön
Von dir und gut.

Cain. Wie, gut?

Lucifer. Er ist der Zweite
Der Fleischgebornen und der Mutter Liebling.

Cain. Behalt' er ihre Gunst, die Schlang' gewann
Sie ja zuerst.

Lucifer. Und deines Vaters auch.

Cain. Was macht das mir? Soll ich denn das nicht lieben,
Was Alle lieben?

Lucifer. Und Jehovah selbst,
Der gnäd'ge Herr, der güt'ge Schöpfer gar
Des nun verschloss'nen Eden lächelt Abeln.

Cain. Ich sah Ihn nie und weiß nicht, ob Er lächelt.

Lucifer. Doch sahst du seine Engel.

Cain. Selten nur.

Lucifer. Jedoch genug, um wahrzunehmen, daß
Auch sie für deinen Bruder glühn. Sein Opfer
Ist gern gesehn.

Cain. Mag's sein! Weshalb sagst du
Mir Solches vor?

Lucifer. Weil Solches du schon längst
Gedacht.

Cain. Und wenn ich es gedacht, warum
Gedanken wieder wecken, die – (hält erregt inne) Hör, Geist!
Wir sind in deiner Welt jetzt; sprich mir hier
Von meiner nicht. Du zeigtest Wunder mir:
Hast mir die mächtigen Präadamiten,
Die jene Welt bewohnt, von der ein Wreck
Die unsre nur, gezeigt; du zeigtest mir
Die Myriaden von gestirnten Welten,
An die die unsre nur als trüber Punkt
In der Unendlichkeit des Seins sich schließt;
Du zeigtest Schatten mir von einem Sein
Mit jenem Schreckensnamen – Tod – den uns
Mein Vater bracht'; du hast mir viel gezeigt,
Doch Alles nicht. Zeig', wo Jehovah wohnt
In seinem oder deinem Paradies!
Wo ist's?

Lucifer. Hier und im ganzen Raum.

Cain. Doch ihr
Habt wol wie alle Wesen auch ein Heim?
Der Staub hat seine Erd', und jede Welt
Ihr Volk, und jedes zeitliche Geschöpf
Sein eignes Element. Selbst Wesen, die
Längst unsern Athem nicht mehr athmen, sagst
Du, haben es; drum muß Jehovah auch
Und du das deine haben. Wohnt ihr denn
Beisammen?

Lucifer. Nein! Wir herrschen wol zusammen,
Doch unsre Wohnung ist getrennt.

Cain. Ich wollt',
Es gäbe Einen nur von euch! Vielleicht
Daß eine Einigung zu gleichem Zweck
Euch wie es scheint im Sturm Getrennte neu
Verbänd'. Wie kamt als weise Geister, als
Unendliche zu solchem Zwiespalt ihr?
Seid ihr nicht Brüder denn dem Wesen nach,
Und der Natur und eurem Ruhme nach?

Lucifer. Bist du nicht Abels Bruder?

Cain. Wir sind Brüder
Und werden's bleiben auch. Doch wär's nicht so,
Ist Geist gleich Fleisch? Kann Jeder sich entzwei'n?
Unendlichkeit mit der Unsterblichkeit?
Und zanken, und dem Elend weihn die Welt?
Weshalb?

Lucifer. Der Herrschaft halb.

Cain. Hast du mir nicht
Gesagt, daß Beide ewig ihr?

Lucifer. So ist's.

Cain. Auch jene blaue Unermeßlichkeit,
Die ich gesehn, ist endlos?

Lucifer. Ja!

Cain. Und könnt
Ihr da nicht beide herrschen? Ist's nicht Raum
Genug? Warum denn Streit?

Lucifer. Wir herrschen Beide.

Cain. Doch Einer ist vom Uebel.

Lucifer. Welcher?

Cain. Du!
Denn wenn du Gutes thun den Menschen kannst,
Was thust du's nicht?

Lucifer. Warum nicht Er, der euch
Gemacht? Ich hab' euch nicht gemacht. Ihr seid
Geschöpf von Ihm und nicht von mir.

Cain. Dann laß
Uns sein Geschöpf sein, da du sagst, wir sei'n's;
Wo nicht, zeig mir, wo Du wohnst oder Er.

Lucifer. Ich könnte Beides thun, jedoch die Zeit
Wird kommen, wo du eins von beiden wirst
Für immer sehn.

Cain. Warum denn nicht schon jetzt?

Lucifer. Dein menschliches Gemüth ist kaum im Stand,
Das Wen'ge, was ich dir gezeigt, in Ruh'
Und klaren Geists zu fassen; und du willst
Das große doppelte Mysterium,
Entschleiern, die zwei Grundideen des All?
Sie schaun auf ihrem tief geheimen Thron?
Staub! zügle deinen Ehrgeiz, denn um Eins
Von Beiden zu erschaun, müßt'st du vergehn.

Cain. Laß mich vergehn, damit ich sie erblick'!

Lucifer. Das spricht der Sohn der Apfelnäscherin!
Doch würdst du nur vergehn und sie nicht sehn.
Der Anblick taugt nur für den andern Stand.

Cain. Den Tod?

Lucifer. Der ist das Vorspiel nur.

Cain. Dann fürcht'
Ich wen'ger ihn, da ich nun weiß, er führt
Zu was Bestimmtem doch.

Lucifer. Jetzt will ich dich
Zurück zu deiner Erdenwelt geleiten,
Wo Adams Rasse du vermehren sollst,
Und wo du essen wirst und trinken, schaffen
Und lachen, weinen, schlafen – und dann sterben.

Cain. Und warum schaute ich die Dinge nun,
Die du mir all' gezeigt?

Lucifer. Wolltst du denn nicht
Erkenntniß fahn und hab' ich nicht in Dem,
Was ich dir wies, dich selbst erkennen dich
Gelehrt?

Cain. Ach! nichts schein' ich zu sein!

Lucifer. Und dies
Ist menschlicher Erkenntniß Ziel, daß man
Die Nichtigkeit des Menschenseins erkennt.
Laß diese Kenntniß deinen Kindern nach,
Gar manchen Jammer wird sie ihnen sparen.

Cain. Hochmüt'ger Geist! wie stolz sprichst du zu mir,
Doch Einen hast trotz deinem Stolz auch du,
Der über dir!

Lucifer. Nein! nein! beim Himmel, den
Er hält! beim Abgrund! der Unendlichkeit
Der Welten und des Lebens, die mit Ihm
Ich halte – Nein! Er ist mein Sieger wol,
Jedoch mein Ob'rer nicht. Ich kämpfe gegen Ihn,
Wie ich im höchsten Himmel einst gekämpft.
Durch alle Ewigkeit und durch des Hades
Unmeßbar tiefe Schlünde hin, und durch
Des Raumes unbegrenzte Reiche fort,
Durch die Unendlichkeit endloser Zeit –
Will Alles ich Ihm streitig machen, Alles!
Welt soll um Welt, und Stern um Stern, und All
Um All erzittern in der Wage, bis
Der große Kampf zu End', wenn je er endet;
Was nicht geschieht, bis Er, bis ich dahin!
Was aber kann Unsterblichkeit vernichten?
Was unsern ew'gen, gegenseit'gen Groll?
Als Sieger nennt Er den Besiegten bös,
Was aber ist das Gute, das Er gibt?
Wär' ich der Sieger, gälten seine Werke
Allein für bös. Was war es denn, ihr neu
Und kaum gebornen Sterblichen, was Er
Euch schon und eurer kleinen Welt geschenkt?

Cain. Nicht viel, und manches Bittre nur.

Lucifer. So komm
Mit mir zu deiner Erd' zurück und schmecke
Die übrigen von seinen Himmelsgaben.
Gut, bös ist, was es ist, im Wesen schon
Und wird nicht erst durch seinen Geber so.
Wenn Er euch Gutes thut, so preist Ihn drum,
Wenn aber Böses von Ihm kommt, so heißt
Es mein Werk nicht, bis ihr den wahren Quell
Entdeckt. Urtheilt nach Worten nicht, selbst nicht
Nach Geisterwort! Nein! nach den Früchten nur,
Die euer Dasein, wie es sein muß, trägt.
Ein Gut hat jener schlimme Apfel euch
Gebracht: Vernunft! Laßt durch tyrannisch Drohn
Sie nie beherrschen, und euch selber nie
In einen Glauben zwingen, gegen den
Der äußre Sinn, das innre Fühlen sich
Empört. Denkt und ertragt, und bildet euch
In eurem Innern eine Welt, wenn euch
Die äußre nicht genügt. So werdet ihr
Der geistigen Natur euch nähern und
Die eigene bekämpfen mit Erfolg.

(Sie verschwinden.)

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