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Willibald Alexis: Cabanis - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorWillibald Alexis
titleCabanis
firstpub1832
addressFrankfurt
senderwww.gaga.net
created20050816
projectidbcf691ea
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9. Krieg

So vergingen Tage, Wochen, Monate seit dem Familiengerichte, friedlicher, stiller bei uns als in der Welt, die außerhalb unserer vier Pfähle lag, und in der Kaiser Karls des Sechsten Tod die Gemüter mit banger Ahnung erfüllte. Aber die Unruhe sollte auch bei uns, leise angekündigt, einen plötzlichen Besuch machen.

Eines Mittags trat der Vater vor der Zeit ins Haus. Er war sehr blaß, der Schweiß lief ihm von der Stirn. Er wartete die Frage der ängstlich ihn anblickenden Mutter nicht ab: »Es ist richtig, der kaiserliche Gesandte ist abgereist.« Der Vater hatte gleich darauf das Zimmer verlassen, aber Pate Schlipalius steckte den Kopf zur Türe herein: »Ist's erlaubt, Frau Muhme?«

Man kam ihm, vielleicht das erstemal im Leben einladend entgegen: »Um Gottes willen, was wissen Sie? Was gibt es?«

»Krieg, Krieg! Ist entschieden. Die Stabsoffiziere sieht man eben in den neuen Uniformen nach dem Schloß eilen.« Krieg, Frau Base! Inter arma silent leges, das heißt für uns: gib, was du hast. Kriegsteuern werden ausgeschrieben werden, Kontributionen, Brandschatzungen. Die Einquartierung pocht mit den Kolben ans Tor, und wenn nicht gleich aufgemacht wird, schießen sie durchs Fenster ins Haus. Die Bürsten und die Kratzeisen und die Strohdecken sind nun nichts mehr nutz; sie treten sich nur die Füße ab, wenn sie ungeduldig sind aufs Essen. Und wenn's ihnen nicht schmeckt, fliegt's zum Fenster hinaus.«

»Mein Gott, mein Gott!« rief die Mutter von den tausend Ahnungen gefoltert und hielt mich und meinen kleinen Bruder fest, als könne schon ein feindliches Streifkorps zum Tor einziehen. Der Pate ließ sich nicht stören in der Ausmalung aller Schrecknisse des Krieges, die er nicht besser als wir, nämlich nur aus Beschreibungen, kannte.

»Ausziehen, Frau Muhme, ausziehen werden freilieh alle Truppen, aber wieviel davon wieder einziehen, das wird sich fragen. Das wird ein Krieg werden! Denn drüben steht das ganze kaiserliche Heer, mit welchem Prinz Eugenius den großen französischen König geschlagen, den Türken an die hunderttausend gefangen und Belgrad genommen hat. Von denen weiß jeder, was blaue Bohnen sind, indessen unsere – du lieber Gott – der zehnte hat kaum Pulver gerochen, und zum Pulvererfinden hatten wir auch nicht Gelegenheit. Das kann ein Ende mit Schrecken nehmen. Schöne Hiebe werden wir bekommen. Man weiß ja vom Hund im Wasser, der nach dem Schatten schnappte. Heut' haben wir noch eine Königskrone auf dem Kopf, wer weiß, über Nacht sind wir zufrieden, wenn man uns den Kurfürstenmantel läßt!«

Der Pate ging, als der Vater zurückkam, um seine schadenfrohen Ahnungen an die rechten Leute zu bringen; denn ungeachtet aller Neigung für den widerwärtigen Menschen hätte ihm der deutsche Mann doch nie die mangelnde Vaterlandsliebe verziehen. So erschüttert hatte ich den starken Mann noch nicht gesehen, als er wieder eintrat. Er gab sich nicht Mühe, die Vaterangst, die mächtig in dem großen Körper arbeitete, zu verbergen. Schweigend ging er auf und ab. O, es drängte ihn zu sprechen, nach Mitteilung, um Trost zu bitten; aber der Stolz oder das Pflichtgefühl oder die Ehre sagten: Nein. Endlich warf er sich aufs Kanapee, faßte sich an die Stirn und drückte beide Hände gegen die Augen.

Diesen Augenblick zu benutzen, gab ein guter Geist der Mutter ein. Sie faßte uns beide mit Heftigkeit, ein Blick so lebendig, so sprechend, wie ich ihn an der sanften Frau noch nicht kannte, sagte uns, was wir zu tun hatten, so riß sie uns zum Vater. Wir alle drei stürzten auf die Knie, wir zogen seine Hände zu uns, die Mutter wollte sprechen, sie konnte aber nicht mehr vorbringen als den Namen »Gottlieb!«, dann brachen die hellen Tränen ihr aus den Augen.

Der Vater stieß uns nicht zurück; das war ein gutes Zeichen.

»Laß den Gottlieb nicht totschießen«, stammelte der kleine Julius.

»Mann und Vater!« sprach, die Mutter, als er noch immer still zuhörte. »Du hast wie ein strenger Vater gehandelt, handle nun auch wie ein barmherziger Vater. Du wolltest ihn nicht bloß strafen, du wolltest ihn bessern. Mach' nicht den Kleinen, mach' nicht mir, nicht uns allen, ach, mach' nicht dir selbst das Herzeleid. Noch geht es, der Kommandeur gibt ihn dir los. Nimm ihn zurück, gib ihn uns wieder, eh' es zu spät ist. « Der Vater wiegte mit dem Kopf, er kämpfte einen Kampf. »Ich habe den Jungen liebgehabt«, sagte er; weiter nichts.

Die Oheime traten ein. Sie hatten wohl etwas gehorcht. Der Rat sagte: »Wissen Sie, die Truppen marschieren nach Schlesien.«

»Nach Schlesien«, wiederholte der Vater, und nach einer Pause setzte er hinzu: »Also marschiert Gottlieb nach Schlesien. –

Als Gottlieb in die Montur gesteckt ward, hatte keine Seele an anderes gedacht als an Exerzitien, Stockschläge, Zucht und Zügellosigkeit, an einen Tagedieb, den die Dressur in gewisse Schranken einzwängen solle, aber im entferntesten nicht an einen wirklichen Soldaten, der in den wirklichen Krieg ziehen könne. Wer, als die Oheime zum letzten Male in den Vater drangen, würde heut' nicht erwartet haben, daß der Mann ihnen antworten werde: Auf dem Felde der Ehre sei der Ort, wo der verlorene Sohn für seinen König, für sein Vaterland fechtend, blutend, den Flecken abwaschen könne, der ihn, der die Familie besudle. Er hätte reden können von Bürgertugend, Aufopferung, Ruhm, und mich dünkt, er hätte uns alle beschämen müssen; aber das war eben nicht an der Zeit.

»Was ich aufs Spiel setze, meine Herren, das fragen Sie mich in dem Augenblick, wo der junge Monarch die Trommel rühren läßt, die in ganz Europa zum Krieg und Aufruhr schlägt. Gehen Sie doch hinauf in den weißen Saal, wo sie jetzt beisammen sind, und stellen Sie dem Könige vor, was er wagt. Er setzt seinen Ruf, seine Krone, sein königliches Leben, das Blut von zehntausend und aber zehntausend Untertanen, das Wohl und Wehe, die Existenz seines Landes, seiner Dynastie in dieses blutige Spiel. Der König wagt Land und Leute, und ein bürgerlicher Vater sollte seinen ungeratenen Sohn nicht wagen! Vor dem Richter, vor dem König Friedrich der Zweite den Trommelschlag vertreten wird, vor dem will ich's, daß ich auf geradem Wege ging, daß ich durch nichts midi beirren ließ, keinen halben Schritt nach rechts und links, als die Pflicht geradeaus lag. Und sollte er hungern und dursten, verschmachtend, blutend im Schnee liegen oder im heißen Sande, hinkte er als ein Krüppel zerschossen und zerfetzt ins Tor, oder man brächte ihn auf der Tragbahre, daß er auf meiner Schwelle den letzten Seufzer ausatmet, doch, meine Herren, würde es mich nicht jammern und reuen, denn ich habe recht getan.«

Es war nur ein künstliches Feuer. Nur indem er sich in Affekt versetzte, hielt er es aus. Der Mann war vernichtet. Er entfernte sich bald.

Strenger als je blieb meine Klausur im Hause, wir durften keinem der kriegerischen Auszüge zusehen. Aber von Fritz, der unter den Zuschauern am Schlesischen Tore gewesen, erfuhr ich, daß der Vater, tief in seinem Mantel verhüllt, auf der Brücke gestanden und nachher noch dem Zuge der begleitenden Bürger bis in die Köpenicker Heide gefolgt war. Dort, als die Truppen einen kleinen Stillestand machten, mischte er sich in die Reihen und drückte einem Soldaten etwas in die Hand. Ehe dieser danken konnte, war der Vater wieder zur anderen Seite hinaus. Fritz meinte, es sei so schnell geschehen, daß Gottlieb kaum den Vater erkannt habe, der ihm eine volle Börse gebracht.

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