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Willibald Alexis: Cabanis - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorWillibald Alexis
titleCabanis
firstpub1832
addressFrankfurt
senderwww.gaga.net
created20050816
projectidbcf691ea
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8. Der Verführer

Man erzählt, als der Westfälische Friede von den Kanzeln proklamiert war und die Geistlichen ihren Gemeinden die Segnungen des Friedenszustandes vormalten, hätten die Bauern manchenorts den Kopf ungläubig geschüttelt und gemeint: der Herr Pastor habe sie wohl zum besten, solch ein Ding sei auf der Welt nicht möglich! – Wir leben jetzt, kaum ein Lustrum, in einem Kriege, der freilich in zerstörender Heftigkeit und Greueln jenen Religionskämpfen wenig nachsteht, aber auch jetzt schon wird es mir schwer, mich in der Vorstellung in eine vollkommene Friedensruhe zu versetzen. Was macht der Tätige? Womit beschäftigt sich der Geist? Ich kann mir nicht die Ruhe denken, welche dem ersten Schlesischen Kriege voraufging. Ich, ein Knabe, mußte lernen; aber die nicht mehr zu lernen und auch nicht zu sorgen brauchten, was fingen sie an, um nicht zu versinken in dem grauen Einerlei bis. zur eigenen Bewußtlosigkeit? Friedrich präparierte den Krieg; aber es ist nur ein Friedrich in der Monarchie.

Es gab mancherlei Gerede, man zischelte sich in die Ohren von bevorstehenden Staatsaktionen. Die Karossen rollten lebendiger als seit dreißig Jahren durch die breiten, langen Straßen von Berlin, vor die Gesandtschaftshotels, vor das königliche Schloß. Die Truppen wurden neu gekleidet, und mein Vater hatte in seiner Fabrik alle Hände voll zu tun. Die Herren Offiziere armierten sich neu, und kaum waren Arbeiter genug für alle Bestellungen aufzutreiben.

Ich erfuhr sehr wenig davon, außer wenn ich mit meinem jüngeren Bruder die Mutter auf einem Wege durch die Stadt oder auf einem seltenen Spaziergange begleiten mußte. Jede zehn Schritt stieß man da auf eine exerzierende Kompanie oder auf Rotten, denen ein Unteroffizier das Rechts und Links beibrachte. Wie glänzten die neuen blauen Monturen, wie leuchtete das Gold und Silber an den Kragen der Garde! Es war schon ein anderer Anblick, als wenn unter dem vorigen König die große Garde im Lustgarten stand.

Ach, wir kehrten von einem dieser Spaziergänge sehr traurig heim. Es war schon nicht angenehm, müßigen Soldaten zu begegnen, vor allem trunkenen. Ein anständiges Frauenzimmer scheute keine Umwege, um ihnen aus dem Wege zu gehen. Und doch war es der Mutter einmal durchaus unmöglich, einem Schwarm lachender, trunkener Musketiere zu entfliehen, die den Weidendamm heraufkamen. Wie die Henne, die ihre Küchlein schützt, drückte sie uns an sich. Uns taten die rohen Burschen nichts, aber einem in ihrer Mitte, der, mit Kommißbroten überladen, hin und her taumelte, von ihnen, verspottet, geneckt, gestoßen. Er war betrunken; er mochte nicht fühlen, was ihm geschah. Sie waren uns längst aus dem Gesichte, als die Mutter uns noch immer ängstlich umfaßt hielt und keine rechten Worte der Beruhigung für den kleinen Julius fand, der fragte, ob sie den armen Menschen totschlagen wollten. Die Mutter sagte nichts, und ich sagte auch nichts, und wir eilten nach Hause. Da aber warf sie sich erschöpft aufs Sofa und weinte und drückte meinen Kopf: »Du hast es wohl gemerkt, der arme Gestoßene – Trunkene war Gottlieb. Werde mir nicht so, mein Kind«, sprach sie, halb betend. – Ob denn niemand Gottlieb helfen könne, fragte ich. Sie blickte gen Himmel. Das war wieder ein schlimmer Tag.

Mit einem Male mußte ich Italienisch lernen. Ich konnte nicht begreifen, weshalb. Meine Mutter konnte nicht Italienisch, mein Vater nicht, niemand aus der Familie; ich glaube, in ganz Berlin waren 1740 nicht über zehn Leute, welche eine Oper in Dresden verstanden hätten. Ja, es fehlte dergestalt an einem Lehrer, daß man einen entlassenen Riesen von der Leibgarde, lombardischer Abkunft, zum Sprachlehrer für mich annehmen mußte. Dies ist eine von den Gestalten, welche mir am allerdeutlichsten aus meinen Kinderjahren herüberwinken. Der seltsame Mann, ganz Manier im Auge des Nordländers, obgleich die Hälfte an ihm Natur sein mochte, war den Versprechungen der preußischen Werber gefolgt. Mochten sie ihm gehalten sein oder nicht, er war unzufrieden. Das lag aber in seiner Natur. Er war es, als er mit der Muskete auf die Parade ziehen mußte, hundertmal hatte er geständlich desertieren wollen, und er war auch unzufrieden, als ihm der neue König den Abschied gab. Und die Mittel, nach Mailand zurückzukehren, hätten ihm doch nicht gefehlt, denn er legte mit dem ersparten Sümmchen einen Konditorladen an. Er, der im heißen August fror, ging im Januar mit dünnen Sommerhosen und seidenen Strümpfen. Auf der Welt war ihm nichts recht, und am heftigsten wütete er gegen das Geringfügigste los. Manchmal schien er mehr Lust zu haben, meinen Exerzier- als meinen Sprachmeister zu machen; er trug mir das ganze Reglement vor, donnerte, wetterte, wenn ich mich krumm hielt, und schimpfte doch auf das Soldatenwesen, auf die Preußen, auf den Stock, auf den Despotismus, um im nächsten Augenblick aufzuspringen und mir in seiner kerzengeraden Haltung den echten Grenadier zu zeigen. Mein Vater sah nur den polternden Lehrer in ihm, also mußte er ein ehrlicher Mann sein. Freilich wäre es anders gewesen, wenn er gehört, wie der Mann den plumpen deutschen Charakter, das Phlegma des Märkers bespöttelte und über den König sich lustig machte.

»Halb eine Sandscholle, halb eine Eisscholle, ist das ein Königreich! – Auf drei Meilen von Berlin nach Potsdam fahr ich vier Pferde tot und komme vor Sonnenuntergang nicht an. Ist das eine Straße? Vor dem Tore stehen die Ähren eine halbe Elle voneinander. Sind das Kornfelder? Eicheln und Tannenäpfel, sind das Früchte? Auf eine Quadratmeile hundert Schafe und drei zerlumpte Bauern dazu. Ist das ein Volk? Wenn der König in Potsdam hustet, hört man's an den vier Grenzen seines Reiches. Ist das ein Königreich? Berlin soll eine große Stadt sein! Wo sind denn die Säulen, die Türme und die Paläste? Wo sind denn die gewölbten Brücken, die Quadersteine und die Arkaden? Wo sind die Maler, die Bildhauer und die Poeten? Wo die Akademien, die Galerien und wo ist das Capitol? Wo sind die Bürger und die Nobiles? – Barbaren, aber keine Bürger!«

So äußerte sich der Italiener, wenn er die Grimassen abgelegt hatte. Dann verbreitete er sich nicht ohne Scharfsinn über das Militärwesen, nannte Preußen ein Soldatenreich und den König einen Soldatenkönig, der in der Verlegenheit wäre, nicht zu wissen, was er mit seinen Soldaten beschützen sollte. Das Königreich wäre ein Körper, der in seinem Staatskleide sich verkröche, und um das Kleid immer zu vergrößern und prächtiger zu machen, müßte der Leib drinnen hungern und darben, bis er die Schwindsucht kriegte. Der zweite Friedrich war ihm nur eine Fortsetzung des gestorbenen Soldatenkönigs, vielleicht auf eine andere Manier, aber es liefe doch alles auf eine Parade aus. Die großen Augen machten noch kein großes Herz, und der kleine Leib des Thronfolgers habe so wenig Feuer wie der große des Thronlassers Geist. Mit diplomatischen Kniffen und Pfiffen und prächtigen Manövern werde er vielleicht in der Not des römischen Reichs seines um drei Meilen Sandboden vergrößern, aber deshalb werde Preußen noch kein großes Land und er kein großer König. Er sprach unserer dürftigen Natur geradezu die Möglichkeit ab, etwas Großes und Ausgezeichnetes zu produzieren. Die Schlacht bei Fehrbellin nannte er ein Reiterscharmützel und den Kurfürsten Friedrich Wilhelm auf der langen Brücke nur groß im Erz. Ehe wir nicht alle in einem Schmelzofen gelegen, könne nichts Tüchtiges aus uns werden.

Indessen merkte man mir bald die Wirkungen der neuen Lehrstunden an. Der Lehrer sah mich groß an, als ich einmal bei den Heldentaten der Athener tief aufseufzte und, um den Grund gefragt, erklärte: es sei, weil wir doch nie Athener und Spartaner werden könnten. Warum denn nicht? fragte er. Ich antwortete: Weil die Sonne nicht hell und warm bei uns scheine, weil der Horizont voll Wolken und Dunst hänge, der Boden unfruchtbar sei, weil wir eine dürftige Natur hätten, keine Leidenschaften und kein Blut in unserem Leibe! Der Inspektor sagte: ich solle unbesorgt sein, das Blut würde schon kommen, und wenn die Leidenschaften ausblieben, sei das recht gut; die Oheime und der Vater schüttelten aber den Kopf. Auf die Quelle, aus der diese Phantasien entsprängen, kam indessen keiner, denn Caseri war ein schlauer Fuchs, der zu meinen Verwandten ganz anders sprach als zu mir. Bei ihnen nannte er mich einen träumerischen Jungen, bei dem seinerzeit die Vernunft schon durchbrechen würde; man solle mich nur fleißig in die Kirche schicken und zur Zucht und Ordnung anhalten.

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