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Willibald Alexis: Cabanis - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorWillibald Alexis
titleCabanis
firstpub1832
addressFrankfurt
senderwww.gaga.net
created20050816
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7. Die neue Zeit

Der Eindruck jenes fürchterlichen Morgens war für mein Leben entscheidend. Von jenem Tage an hörte, was ich noch von Liebe für den Vater empfunden, auf. Ich gehorchte ihm, weil ich mich vor der Strafe fürchtete, aber ich ward jetzt versucht, im geheimen manches zu tun, was seinem Willen gerade entgegenlief.

Seinem Gebot wurde streng Folge geleistet. Man sah und hörte nichts vom Ausgestoßenen. Nur der Pate Schlipalius erwähnte zuweilen seinen Namen, ich glaube, es geschah nur, um den Vater zu ärgern, denn irgend jemand mußte der Pate immer ärgern. Einmal glaubten wir ihn unter einer Kompanie vorbeimarschieren zu sehen, denn einer aus dem zweiten Gliede hatte nach den Fenstern heraufgesehen. Von Fritz erfuhr ich, daß er beim Exerzieren Fuchtel bekommen, und ein Korporal hatte scherzend von ihm gesagt, er sei ein »durchtriebener Halunke«.

Meine Freistunden wurden immer mehr beschränkt. Ich sollte lernen, durchaus lernen, um bald aus dem Hause zu kommen, aus der »Verweichlichung«, wie der Vater sagte, und ich merkte nur zu gut, daß auch ich für das Alumnat auf dem Joachimsthal bestimmt war. Doch bis dahin war es noch weit. Ich mußte lateinisch deklinieren und konjugieren, und der Vater wurde gegen den Inspektor grob, wenn er nicht streng genug verfuhr. Als einmal die Mutter gewagt, ein Wort für mich einzulegen, sagte der Vater mit Bitterkeit: »Wollen Sie, daß ich einen Taugenichts auch aus Ihrem Knaben aufziehe? Ich dächte, wir hätten an einem genug.« Dann setzte er hinzu mit einem besonderen Blick: »Er kommt bald und fordert Rechenschaft.« Die Mutter senkte den Blick und faltete die Hände. Wer das sei, der Rechenschaft fordern könnte, wußte ich nicht, aber ich dachte an den lieben Gott oder an den König, und mir wurde etwas bange. Nachher dachte ich noch an jemand, und mir wurde noch bänger.

Am Mittagstisch beim Oheim Rat kam es wohl zu lebhaften Erörterungen. Der Vater hatte immer an der neuen Regierung zu tadeln, versteht sich mit dem Respekt, welchen das strenge Regiment eines Friedrich Wilhelm allen darunter groß Gewordenen eigen gemacht. Was geschah, waren Neuerungen, die die Sitten gefährdeten, den Gottesdienst antasteten. Auch bei der Parade hatte der junge König ganz anders zu Pferde gesessen als sein Vorgänger, es war nicht mehr die Manier, die Haltung von sonst. Die Frauen bedauerten nicht ohne leisen Spott, daß das Tabakskollegium in Potsdam aufgehoben sei. Nun fange das abscheuliche Schnupfen an. Die Oheime waren etwas zurückhaltend gegen den Vater. Sie schüttelten wie er mit dem Kopfe, aber man wußte nicht recht, worüber. Zuweilen nickten sie sich zu und lächelten. »Ja, ja, es wird eine andere Zeit kommen, Herr Schwager.«

Ich war nun sehr neugierig auf die andere Zeit; es verging aber ein Tag um den anderen, und ich sah sie nicht kommen. Der Oheim Prediger sagte mir, ich müsse sehr viel lernen, weit mehr als jetzt. Da ich hörte, das fordere die neue Zeit, so machte mich das wieder nicht neugierig auf sie, und sie konnte meinetwegen noch immer warten. Sie lasen zuweilen Privatbriefe des Königs, welche sie durch ihre französischen Freunde am Hofe erhalten, sich mit Entzücken vor. Sie schilderten mit Lust in den Augen, wie Friedrich nach den Regierungsgeschäften am Schreibtisch sitze, die Novitäten aus Paris Blatt für Blatt durchfliege, poetische Episteln schreibe und dann in dem Kreise seiner alten Freunde die Flöte ebenso als König spiele wie als Kronprinz. Das sollte nun ein echter König sein, den ich mir nie anders gedacht, als wie man ihn auf den Karten sieht, die Krone auf dem Kopf, den Reichsapfel in der Linken und das Zepter in der Rechten. Zwar hatte auch der kaum Beerdigte dieser Vorstellung wenig entsprochen, dies erklärte ich mir aber daher, weil der König von Preußen unter den Königen ein noch sehr junger König war. Je älter ein Königreich sei, um so mehr, meinte ich, müsse sein Regent wie ein Kartenkönig aussehen, und ich schloß daraus, jeder folgende König von Preußen werde dem Kartenkönig immer ähnlicher werden. Statt dessen schrieb Friedrich Bücher und Verse, spielte Flöte und mit seinen Windhunden! –

Als ich eines Tages nach Hause kam, faßte mich auf der Treppe die alte Susanne. In großer Aufregung sprach sie: »Junkerchen, Junkerchen, nicht getobt, der Herr ist da.« Monseigneur! Nicht etwa ein gewöhnliches Monsieur, das jedem Herrn von ihr gegeben ward. »Zieh die Mütze, Etienne, er kommt gleich heraus. – Eine Art ehrfürchtigen Entsetzens hatte mich bei der Nachricht überkommen; etwas von Furcht, wie am Tage, wo ich zu Gericht gehen sollte, aber eine viel feierlichere Furcht, und ich wußte doch, es gab keine Schläge. Der »Monseigneur« war da! – Wer war das? Ein Mann oder lieber eine Erscheinung, bei deren Erwähnung das ganze Haus, den Vater einbegriffen, in ungemeine Ehrfurcht geriet, ein Mann, der keinen anderen Namen führte als Monsieur und Marquis und einen Scharlachrock und keinen Degen trug.

Mehr also wußte ich nicht vom Marquis, und doch pulsierte mein Knabenblut, wenn es hieß: »Monseigneur ist angekommen.« Es war sonst häufiger geschehen; immer nur auf kurze Zeit, aber eben die kurze Dauer der Anwesenheit vermehrte das Geheimnisvolle. Dann ließ die Christel Messer und Gabeln im Lohgraben stecken, der Hausknecht hielt die Mütze zwischen den Beinen geklemmt, die alte Susanne wurde um zwanzig Jahre jünger, und der Vater setzte die Sonntagsperücke auf. Das ganze Haus war auf den Beinen, wenn er kam und wenn er ging. Ich sage nicht, wenn er da war, denn es war immer nur ein Kommen und Gehen. »Er ist da«, hieß es, nie »er kommt« oder »wird kommen«, denn er fiel wie die Bombe ins Haus. Dann stürzte alles und empfing ihn am Torweg und begleitete ihn wieder, wenn er ging, bis zum Torweg. So kurz die Besuche waren, so gewichtig waren sie; er brachte Geschenke, und ich darf annehmen, nicht allein dem Dienstpersonal. Wie vieles im Hausstande von Porzellan, in Silber und Kristall wurde mir nur wie etwas Sakrosanktes in die Hände gegeben, denn es komme vom Herrn Marquis. Der rosa Atlasrock meiner Mutter mit der Silberdrapierung um die Reifen kam vom Herrn Marquis, des Vaters goldene Uhr vom Herrn Marquis, der Perlenschmuck, der uns alle Festtage gezeigt wurde, vom Herrn Marquis. Warum das alles vom Herrn Marquis kam, wurde mir nie gesagt.

Wer weiß, wäre seine Ankunft diesmal früher erfolgt, ob es nicht einen günstigen Einfluß auf Gottliebs Schicksal gehabt hätte. Ich durfte nicht ins große Putzzimmer, wo ich ihn hastig auf und ab gehen hörte. Auch verbot mir die Susanne zu lauschen. Er schien in Agitation, und als er heraustrat, von Vater und Mutter begleitet, sprach er noch so heftig deklamierend, wie wir es von den französischen Schauspielern gewohnt sind: »Er bezahlt keine Schulden, er bezahlt sie nicht. Sie haben es gehört. Mit Trompeten und Pauken hat er es ausschreien lassen, aber mit Trompeten und Pauken wird man ihm wieder ins Ohr schreien: er muß. Seine eigenen Schulden bezahlt er nicht, hat er ausposaunen lassen; aber hinterm Rücken bezahlt er sie. Seines Vaters Schulden hat er ausposaunen lassen, und hinterm Rücken bezahlt er sie nicht. Warum ließ er das posaunen? Weil er meint, sein Vater hätte keine Schulden. Keine Schulden? – Sein ganzes lumpiges Königreich in eine Waagschale und meine Forderung in die andere, und er kommt mir nicht auf. Will er nicht seines Vaters Schulden bezahlen, darf er auch nicht seines Vaters Krone tragen. Er muß sich nicht für seinen Erben, für seinen Bastard muß er sich erklären.«

Meine Eltern sagten gar nichts, sondern hörten ehrerbietig zu. Als er aber weiterreden wollte, bemerkte der Vater leise, es stehe jemand vor der Haustür, der wohl Französisch verstehen möchte! Augenblicklich verstummte Monsieur, und die Mutter nahm die Gelegenheit wahr, mich ihm vorzustellen: »Hier ist mein Sohn.«

Es war, als ob den Herrn im Scharlachüberrock ein Anflug von Rührung überkomme. Er wollte mich zu sich aufheben, aber ich war ihm zu schwer; waren es doch schon drei Jahre, seit er zum letzten Male bei uns gewesen. Da bemerkte ich zum ersten Male, daß er nicht so groß war, wie ich ihn mir sonst gedacht, auch war er von schwächlicher Statur, unproportioniert gewachsen und hatte, was man einen Verdruß nennt, auf dem Rücken. Das minderte alles den feierlichen Eindruck von sonst, aber ein vornehmer Mann blieb er doch, und mir wurde ganz eigen zumute, als er mit der langen, weißen Hand, die von Ringen strotzte, mir über den Kopf strich.

»Wie er groß geworden ist!« sagte er, und mir schien's, als stände ihm eine Träne im Auge. »Verrät er schon Neigung zu einem Stande?«

Die Mutter mochte nicht mit der Antwort heraus, daß ich gern ein Soldat zu Pferde sein wollte; der Vater sagte schnell: »So etwas kommt ihm nicht in den Sinn.«

»Studiert er fleißig?«

»Sein Pensum wird ihm nicht erlassen«, sagte der Vater.

»Er muß Italienisch lernen«, sagte der Marquis. »Italienisch! Italienisch ist eine Sprache so voller Wohlklang, Rhythmus, Fülle, Weichheit, Kraft, wie der Charakter eines vollkommenen Menschen. Apropos, hat der Knabe Charakter?« Die Eltern hatten noch nicht Zeit zu antworten, als er schon, ans Geländer sich lehnend, die Treppe mehr hinunterschoß als ging. Wir hatten Mühe, ihn einzuholen. Ob ich schon Taschengeld bekäme, fragte er mich auf dem Flur. Dem Vater schien es nicht lieb, daß ich »nein« sagte. »Er bekommt, wag er bedarf.« – »Man muß zuweilen mehr haben«, sagte der Marquis und holte aus den Taschen fünf Laubtaler und einen sardinischen Dukaten. – »Das nächstemal, wenn du Italienisch kannst, kriegst du fünf spanische Dublonen und einen Portugalesen.« – Ich mochte ihm nicht ganz zufrieden aussehen, oder was es war, er fragte mich, was ich denn sonst noch wünsche. Da durchzuckte es mich, was ich immer gewünscht, aber kaum mir, geschweige denn einem anderen gestanden hatte. Es war ja ein so außerordentlicher Augenblick.

»Einen Degen«, platzte ich heraus.

»Einen krummen?« fragte er.

»Nein, einen geraden«, sagte ich.

Himmel, was hatte ich angerichtet! »Daraus wird nichts«, schrie er und schalt den Vater. Er hätte mir eine schlechte Erziehung gegeben. Ja, er polterte, halb in Wut, halb in Tränen, bis ihn die Mutter beschwichtigte, ich sei ja noch so sehr Kind. Es muß in der Art der Mutter etwas gelegen haben, was den schnell aufgereizten Zorn ebenso schnell wieder beilegte. Er trocknete seine Augen und sah mich freundlich an:

»Einen geraden Degen kriegst du nicht, du armer Junge; da mußt du warten, bis der neue König tot ist. Ein gerader Degen ist für eines Edelmanns Kind, dein Vater ist ja kein Edelmann. – Weine nicht; was wünschst du denn sonst so von Herzen?«

Ja, was wünschte ich, wenn es kein Degen war? – Daß ich keine Schläge mehr bekäme? Da hätte ich sie erst recht bekommen. Was bezeichnet den Mann nächst dem Degen?

»Sprich es dreist aus, was du wünschest, liebes Kind.«

Da sagt' ich denn, weil er wieder so freundlich sprach: »Einen Zopf.«

»Den sollst du kriegen«, erwiderte er und strich mir übers Haar.

»Zum nächsten Geburtstag hatten wir ihn ihm zugedacht«, sagte die Mutter.

»So lange wird er nun auch wohl warten können«, meinte der Mann im Scharlachrock, küßte mich und dann feierlich meine Mutter auf ihre schöne weiße Stirn; sie neigte sich vor ihm wie noch in mädchenhafter Befangenheit, die Augen niederschlagend. Der Vater verbeugte sich sehr tief. Susanne faßte den äußersten Saum des langen Scharlachrockes und küßte ihn, so tief gebeugt, daß sie fast selbst den Boden berührte: »Dieu vous benisse, Monsieur le Marquis.«

Auf den vornehmen Seigneur wartete keine Equipage mit vieren, kein Jäger, nicht mal ein einfacher Bedienter. Wie formell er eingetreten, so formlos ging er aus dem Hause fort. Mit den etwas gekrümmten Beinen lief er mit unglaublicher Schnelligkeit die Straße hinab und verschwand um die Ecke.

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