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Willibald Alexis: Cabanis - Kapitel 58
Quellenangabe
typefiction
authorWillibald Alexis
titleCabanis
firstpub1832
addressFrankfurt
senderwww.gaga.net
created20050816
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2. Das Geständnis

Der Horizont rötete sich schon im Osten, als sie einschlief; die Nachtigallen sangen ihr noch lange den Namen, den sie zuletzt in ihr Gebet eingeschlossen, ins Ohr – es war der Name Friedrich. – Es war noch früher Morgen, als sie die Augen aufschlug, und das Morgenrot hatte duftend die schneeweißen Vorhänge ihres Bettes durchdrungen. Kein so holder Geist, wie dieser Rosenschein, war der erste Anblick, als sie die Gardine zurückschlug und, auch rot angetan in seinem goldbordierten Scharlachrock, der Marquis von Cabanis vor ihrem Bett saß.

Der seltsame Mann hatte sich seit dem letzten Gespräch, welches die Glocke zur Mittagstafel unterbrach, nicht wieder im Schloß gezeigt; man war aber schon so an sein plötzliches Kommen und Verschwinden gewöhnt, daß sein Anblick außer der ersten Überraschung für die noch Schlaftrunkene nichts Befremdendes hatte.

»Wohl geruht, Komtesse?« hub er an, seine Lektüre unterbrechend. »So früh auf hatte ich Sie mir nicht erwartet.«

»So wenig wie ich Sie, Herr Marquis, an der Stelle meines Kammermädchens. Haben Sie, ich bitte, die Gefälligkeit und rufen mir diese; dann stehe ich ganz zu Diensten.«

»Zu dem, was ich Ihnen zu sagen habe, braucht es keines Kammermädchens. Betrachten Sie sich, als wären Sie hier zu Hause, meine teuerste Tochter, ich will mit dem Wichtigsten, mit der Überraschung, anfangen.«

»Ich betrachte das schon länger so«, konnte Eugenie sich nicht enthalten zu lächeln.

»Das ist sehr gut. Gegen Ihre Erziehung läßt sich auch nichts mit Grund einwenden.– Ach, Ihre Mutter, Komtesse, war ein vortreffliches Wesen. Aber es ist doch gut, daß sie tot ist, denn durch die Schule der Ungezogenheit, durch den Widerstand gegen die Erziehung, die Ihnen geworden ist, mußten Sie sich bilden. Sie waren ein höchst ungezogenes, eigensinniges Kind. Wären Sie aus niederem Stande gewesen, hätte man die Rute nicht aus der Hand legen dürfen. Aber neben der Leidenschaftlichkeit– Sie haben mich sogar einmal gebissen– war doch eine gewisse Pfiffigkeit vorhanden. Ich könnte Ihnen Geschichten erzählen von klugen Kindern, die ans Unglaubliche streifen, aber was mich mehr wundernimmt ist, wie Sie noch so vernünftig klug geworden sind, da Sie früher so sehr altklug waren.– Davon ein andermal. Hier ist die eine Urkunde mit Ihrem Vater, hier die andere für Sie– der Justitiar und sein Aktuar haben die ganze Nacht sitzen und schreiben und siegeln müssen, denn ich habe dergleichen Geschäfte gern bald ins reine gebracht. Da ich Goldsand auf die Tinte streute, flogen die Federn. Hier, liebe Eugenie, nehmen Sie die Dokumente, die Sie versichern sollen...«

»Daß sie mir den Biß vergeben haben?«

»Wenn Sie wollen. Das ist die Schenkungsurkunde. Ich schenke Ihnen erb- und eigentümlich, jedoch mit der fideikommissarischen Sukzession für Ihr siebentes, kommt es nicht bis dahin, für Ihr sechstes, fünftes Kind und so rückwärts,' dieses Schloß nebst der ganzen Herrschaft, Hofediensten, Hutung und Jagdgerechtigkeiten, wie es im Erburbar eingetragen ist.«

»Dies Schloß, liebster Marquis, das gehört ja meinem Vater.«

»Gehörte! Bis gestern um Mitternacht. Ich kaufte es ihm ab; er kann mit dem Preise zufrieden sein, und hier ist die Schenkungsurkunde, wodurch ich es Ihnen als Morgengabe übermache. Bleiben Sie daher ruhig im Bett liegen, Sie sind in Ihrem Eigentum.«

Eugenie blickte ihn und die großbesiegelten Pergamente mit Verwunderung an. Es schien doch mehr als Scherz zu sein. »Wir wollen doch nun einmal sehen, ob Ihr Herr Vater noch der Meinung ist, daß er seine Tochter mit dem Sohne eines Bettlers verheiratet.«

»Sie sind ein großmütiger Vater!«

»O, lassen Sie mich erst restituiert sein! Ich kann Läufer halten, so gut wie der König von Preußen, mit sechsen fahren, so gut und besser als jeder Reichsfreie, Scheidemünze könnte ich prägen, mir eine Leibgarde besolden, und meinen Hut lüfte ich vor der Majestät, aber nicht mehr. Und wenn er noch einmal den Stock aufheben sollte, noch einmal die weißen Zähne in dem kirschbraunen Gesichte zeigen, noch einmal so die Augen rollen lassen, daß die kleine Prinzessin zitternd hinausläuft, ich stehe fest und rufe ihm ins Gesicht: ›Schlagen Sie zu!‹«

»Mein Gott, was ist geschehen?«

»Was geschehen ist? Haben es Ihnen die Berliner Steine und Ziegel nicht zugerufen? Und er wollte mir keine Satisfaktion geben – er nicht, er liegt bei den Toten, und die Toten werden ihm gesagt haben, daß ein Burggraf von Hohenzollern nicht allzu gnädig herabzusehen braucht auf einen Markgrafen von Cabanis. Schild für Schild, Handschuh für Handschuh! Aber sein Sohn, der seines Vaters Schulden nicht bezahlen will! Was antwortete er? Wenn ich Lust hätte, mich mit ihm zu schießen, brauchte ich ja nur unter die Kroaten zu gehen. Mich dünkt, er wird mich bemerkt haben bei den Kroaten.«

»Mein Gott, was konnte Ihnen der König von Preußen tun?«

»Der Tote? O, Komtesse! Die Mißhandlung ist abgeschüttelt, aber die Antwort, die Antwort! Da liegt's. Ich forderte Friedrich Wilhelm, und er antwortete mir, ich solle mir erst höhere Hacken machen lassen, daß ich zu ihm 'raufreichte.«

»Wie kamen Sie aber dazu, ihn zu fordern?«

»Soll ich es Ihnen haarklein erzählen, wie er– mich gemißhandelt hat? Soll die Decke über mir zusammenstürzen?«

»Wenn ich nur begreifen könnte, was– warum...«

»Weil ich katholisch geworden war!« fuhr der Marquis auf. »Weil ich katholisch geworden war, da, Fräulein, haben Sie das Warum. Der Mann hatte kein Einsehen, daß ich es werden mußte. Ich war es geworden, das hatte ich bei mir zu verantworten. Ich kehrte nach Berlin zurück und präsentierte mich dem Monarchen, dessen Vater meinen Vater aufgenommen hatte. Danken wollte ich ihm für die Gefälligkeit in galanter Sitte und dann meine Gattin in die Heimat meiner Väter führen. Der Monarch vergaß mein Recht und sein Recht; wie einen abtrünnigen Untertan fuhr er mich an. Ich fühlte mich, ich antwortete ihm im selben Tone. Das Podagra fuhr ihm in den Leib– ich– die Treppe hinunter. O, warum hatte er den Lustgarten niederhauen lassen, daß kein Schatten war für einen, der die Nacht suchte? Die helle, brennende Mittagssonne schien auf einen Geschändeten, Entehrten, seines Adels Beraubten. Ein Schwamm mit allem Wasser der Spree hätte nicht die Schmach abgewaschen.«

Eugenie suchte die Bilder, die hinter dem plötzlich niedergerissenen Wolkenvorhang ein Geheimnis erklärten, zu sammeln. Sie verschluckte, was sie sagen wollte, denn sie wünschte, daß diese Bilder wieder verschwänden. Sie brachte nur die Worte hervor: »Aber, mein Gott, wie lange ist das nun her?«

»Wie lange, Komtesse? Gerade so lange, wie mein Sohn Etienne geboren worden war.«

»Und wieviel Kriege liegen dazwischen; haben die Weltbegebenheiten den kleinen Unfall in Ihrem Gedächtnis nicht ausgelöscht?«

»Klein?« rief der Marquis, und eine Träne quoll ihm aus dem Auge, während er mit immer bewegterer Stimme fortfuhr: »Klein nennen Sie den Unfall, Komtesse, der den Stern meines Glückes auslöschte, der meine Hoffnungen begrub, aus einem Herrn der Herrlichkeit einen Flüchtling machte, aus einem Gatten einen Witwer...«

»Mein Gott, der König erschlug doch nicht Ihre Gemahlin; oder tötete der Gram, der Schreck Etiennes unglückliche Mutter? Nein, das kann nicht sein.«

»Doch, doch, gnädigste Komtesse, er hat sie getötet, er hat sie gemordet– aber nur mir, mir allein.«

»Es ist ein wirres Rätsel, lieber Marquis, sprechen Sie.«

»Haben Sie das vortreffliche Weib nie gesehen, hat ihre Stimme Ihnen nie ins Ohr geklungen, o, dann hörten Sie niemals die Stimme einer christlichen Dulderin. Da stand sie vor mir, ich sehe sie noch, in allem Liebreiz der Jugend, der mütterlichen Unschuld, der weiblichen Demut. ›Was ist Ihnen, mein Gemahl?‹ fragt sie und blickt auf meinen herabgerissenen Rock, auf die gestörten Locken, das blasse Gesicht, die rollenden Äugen, die zitternden Knie, und ich sollte ihr antworten, daß ich– kein Edelmann mehr war, nicht mehr der große Seigneur, der vor dem bescheidenen Hause ihres Vaters mit sechs Pferden gehalten hatte und, indem er fragte, ob man ihm die Hand der Tochter gewähren wolle, dem Hause eine Ehre antat, davon die Grundsteine des Gebäudes noch vor Freude zittern. ›Ich bin kein Edelmann mehr, Madame; meine Ehre ist hin, mein Degen zerbrochen, mein Federhut in den Kot getreten, meine Gattin ist keine Edelfrau, das Kind, das du gebären wirst– hat keinen Schild– fort, Unselige ...‹«

»Sie phantasieren, das sprachen, das konnten Sie nicht zu Ihrer Gattin sprechen.«

»Sollte ich sie in die Arme drücken, sollte sie die Gattin eines Gebrandmarkten bleiben, sollte ihr Knabe einen Vater haben, der keine Ehre hatte?«

»O Gott, Marquis, welche Verirrung lassen Sie mich ahnen?«

»Hätte ich den Degen ziehen und die Ärmste erstechen sollen? Ich hatte keinen Degen mehr; er hatte mir den meinen zerbrochen, die Stücke mir vor die Füße geworfen, mir zugerufen, ich verdiene ihn nicht...«

»Was hatte Ihre arme Gattin Schuld?«

»Schuld, Madame? Keine Schuld! Sie war rein und sollte es bleiben. Darum sagte ich zu ihr: ›Sie reichten Ihre Hand dem reichen, hochgeehrten Edelmannn. Der Edelmann ist tot, hier ist sie wieder, unsere Ehe ist getrennt.‹«

»Wahnsinniger!« schrie Eugenie fast auf. »Sie taten das, man nahm es an? Brachte Sie die Gattin nicht zur Vernunft? Es ist unmöglich.«

»Etiennes Mutter war zu gehorchen gewohnt.«

»Nein, die Familie, die Gesetze, der König hätte Sie Barbaren ...«

»Still, Fräulein, fluchen Sie dem Glücklichen! Wem tat ich mehr an, ihr oder mir? Ich war ein glücklicher Gatte gewesen. Mein Liebstes, mein Teuerstes riß ich mir vom Herzen, es blutete, aber beim Allmächtigen, es ging nicht anders; eh' daß ich sie mitgeschleppt hätte in der Schmach, wäre ich lebendig in die Gruft meiner Väter gestiegen.– O, sehen Sie mich nicht so scheu an, Fräulein! Ich weiß, was Sie denken: ich sei aberwitzig. Es dachten damals viele Leute so, auch mich überkommt manchmal der Gedanke, es ist aber nicht so. Sie denken, auch die Hand eines Königs kann nicht die Ehre rauben, Sie meinen, ich hätte mich darüber hinwegsetzen sollen. Fräulein, gesetzt den Fall, es käme ein wilder Kriegshaufe, Sie unterlägen der viehischen Gewalt, würden Sie meinem Sohne noch schreiben: ›So komm doch und führe sie heim, Deine reine Braut, Du mein Herzgeliebter.‹– Nein. Mein Sohn würde schmachten und weinen und anders meinen, aber Sie nicht. Die Ehre ist ein Heiligtum, mit Hieroglyphen steht sie in der Brust des Edlen geschrieben, und die Schrift liest kein anderer denn er selbst.«

Eugenie verfolgte seine abspringende Rede mit scheuem Blick; ihn nicht mehr zu reizen, schwieg sie. Ihm entging es nicht. Nach einer Weile hub er wieder an:

»Sagen Sie, meine Gnädigste, was sollte ich tun?«

»Sagen Sie erst, was Sie getan haben.«

»Ich ließ mich scheiden. Sie mußte beim Konsistorium klagen, weil ich katholisch geworden war. Alles nach der Regel.«

»Die Unglückliche!«

»Ich verheiratete sie wieder mit einem Ehrenmann.«

»Die Unglückselige!«

Der Marquis schwieg eine Weile, vor sich niederblickend.

»Sie mögen recht haben. Sie wurde nicht glücklich. War das meine Schuld? Der Mann war brav und kein Edelmann. Es konnte ihn ein König und wer wollte prügeln, er verlor darum nicht seine Ehre, nicht seinen Stand. Also hatte ich sie gesichert. Ich ließ ihr unseren Sohn, ließ sie ihn bürgerlich erziehen, bis die Ehre seines Vaters wiederhergestellt wäre. Konnte ich dafür, daß das Ritterblut in ihm ihn aus dem Bürgerhause trieb? Daß sie den Mann nicht geliebt? Ei, sie hatte mich auch nur genommen, weil ihr Vater es wollte. Auch wollte sie ja bürgerlich leben, hinter dem Herde, in der Speisekammer wirtschaften; ein goldbordiertes Samtkleid auf ihrem Leib, ein Prunkbett kam ihr sündlich vor; sie hatte, was sie wollte.«

»Ach, du unaussprechlich arme Selige!« brach es von Eugenies Lippen, ein Seufzer, der aus der tiefsten Brust sich Luft machte. Der Marquis schien betroffen.

»Wäre es besser gewesen, Fräulein, ich hätte sie meine Schande teilen lassen?«

»Und wenn man meinen Gatten zum Pranger triebe, ich folgte Etienne dahin«, erwiderte Eugenie.

»Komtesse, ich hätte das arme, häusliche Weib durch Nacht und Wind, durch Nebel und Sturm, durch Europa und Asien mit mir führen sollen, meine verlorene Ehre wieder zu suchen?«

»Marquis, was anders ist die Ehre des Weibes, als beim Gatten zu halten, soweit die Spanne Leben reicht? Sie ist ihm zu Glück und Unglück angetraut, mit ihm zu leiden, mit ihm sich zu freuen; nicht, um zu fordern und darüber zu wachen, was er ihr in den Ehepakten versprach. Sie armselig Kluger, sich einzubilden, daß Sie ihr eine Wohltat angetan haben, ihr Los von dem Ihren zu trennen in dem Augenblick, da die heiligste Pflicht der tugendhaften Frau erwacht! O, und wenn die Selige Ihnen mit blutendem Herzen, mit rotgeweinten Augen vor allen die Hand gereicht hätte, in dem Augenblick, da Sie unglücklich wurden, hätte ihre Liebe angefangen. Wie gern wäre sie Ihnen gefolgt durch Nacht und Wind, jede Beschwerde wäre ihr leicht geworden, wenn sie Ihnen dadurch ihre Treue bewiesen hätte. Ich habe die Edle nicht gekannt, aber ich kenne sie in diesem Augenblick besser, als Sie dies Gemüt zu schätzen gewußt haben. Ach, ein Engel wäre mit Ihnen gereist, so würde sie für den Gatten gesorgt, so Ihre Grillen durch Sanftmut überwunden, so Ihre Phantasien durch milde Vorstellungen abgeschwächt haben. Ja, die Ehre, nach der Sie haschen und die Sie nie treffen werden, von ihr geführt, längst hätten Sie sie gefunden, Sie wären ein beneidenswerter Gatte, Etienne, von glücklichen Eltern aufgezogen, suchte nicht auf den Irrwegen seines Vaters ein falsches Glück, und sie lebte vielleicht noch, selig in der Seligkeit ihrer Kinder. Da mußten Sie ein Herz zerreißen, grausam, roh, daß es langsam verblutete, das Heil, das Gedeihen Ihres Sohnes aufs Spiel setzen, ein langes Leben verfehlen und sich selbst so unaussprechlich unglücklich machen, daß ich jetzt aus – purem Mitleid Ihnen nicht sagen mag, wie gräßlich, wie abscheulich, wie wahnwitzig mir Ihre Handlung dünkt.«

Eugenie hatte im Feuer der Rede nicht beachtet, welche Wirkung sie hervorgebracht Der alte Mann hielt das Gesicht mit beiden Händen bedeckt. Er weinte und sprach kein Wort und weinte so heftig, daß der Komtesse abermals bange wurde. Endlich griff er nach ihrer Hand und drückte sie an seine Brust: »Warum das erst jetzt? – Warum sprach nicht damals ein Engel so zu mir? – O, Sie haben recht, ich bin ein Mörder – meines Weibes – meines Sohnes – ein Selbstmörder.«

»Die Tote ist nun tot. Das Ausruhen tut ihr wohl. Leben Sie nun für Ihren Sohn. Es wird die Dulderin oben erfreuen, was Sie für ihn tun.«

»Ja, ich will nicht mehr jagen nach dem verlorenen Gute, die Ehre bleibe versenkt ins Meer, wie die Silberflotte, die der Sturm verschlang; sie haben mich zuviel gekostet, die Taucherglocken, ich gab dem Verderben mein Weib, mein Kind, mein Glück, und der Sturm verschlang sie alle, und das Silber liegt noch unten im Schlamm des Meeres. – Ich habe meinen Etienne, ich will ihn erziehen, Sie erziehen als mein eigen Kind, und wenn mir's gelungen ist, wenn ich rechtschaffene, brave Leute aus euch gemacht habe, dann blickt sie vielleicht versöhnt herab, sie winkt mir, sie ruft mich. O, gewiß, man kann leben ohne Adel, auch im Bürgertum gibt es Ehrgefühl, der krumme Säbel kann auch an der Seite eines Mannes klirren, der einen geraden Sinn hat.«

»Wissen Sie denn schon, daß Etienne den Orden Pour le mérite vom König bekommen hat?« unterbrach ihn Eugenie, jetzt mehr ungeduldig als bang über die Richtung, welche die Gedanken des Marquis genommen hatten.

»Etienne! Den Pour le mérite – vom König – von Friedrich dem Großen!« rief der Marquis, sich unterbrechend, aus.

»Eben schreibt er es mir, es geschah nach der Affäre von Burkersdorf. Friedrich zeigte sich äußerst gnädig.«

Der Marquis war aufgesprungen und hatte den Rock losgeknöpft. »Friedrich ist ein König, ein großer König, er ist ein einziger König, ich habe es immer gesagt. Mein Gott, wie – woher? – Erzählen Sie es nicht. Nein! Ich ahne alles, ich weiß alles. Das ist der Blick des Genies, er weiß, wann er gerecht sein muß. Er weiß, was Ehre bedeutet. Es kommen bessere Zeiten. Pardon! Es wird mir zu eng im Zimmer! Mein Etienne anerkannt, von Friedrich anerkannt! Es ist ein Wunder! Nein, kein Wunder; ich wußte es vorher. Haben Sie ihm etwas zu bestellen? Schnell, schnell, bitte, stehen Sie auf« – er riß an der Klingel nach dem Mädchen –, »eilen Sie, Teuerste, in einer Viertelstunde bin ich fort, nach Schlesien; ich muß sehen, wie der Orden steht an der Brust meines einzigen Kindes, des Marquis Etienne von Cabanis.«

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