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Willibald Alexis: Cabanis - Kapitel 57
Quellenangabe
typefiction
authorWillibald Alexis
titleCabanis
firstpub1832
addressFrankfurt
senderwww.gaga.net
created20050816
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Sechstes Buch

1. Der Brief mit Morgenrot

Die Winterstürme waren verhallt, der Schnee geschmolzen, und der Frühling hatte zum sechsten Male, seit Friedrichs Heer das blühende Sachsen überzogen, die Wiesen um das Schloß frisch übergrünt. Mit den heimkehrenden Schwalben waren die kriegerischen Gäste, die hier einen langen Winter gelegen hatten, ausgezogen. Schon war auch der Frühling verstrichen, und die Sommerlüfte des Jahres 1762 schaukelten sich in den hohen Ulmenwipfeln des Parks. Wer, den Rücken gegen das Schloß, nur dorthin sah, sah nichts von den Spuren eines sechsjährigen Krieges. Blumen und Krauter schossen in Üppigkeit auf, wo feindliche Hufe den Wiesengrund zerstampft hatten; wer entdeckte die gefällten Bäume in einem Meer von Grün, jetzt verschont von der Gartenschere, und in Büschen und Wipfeln schlugen die Chöre von Nachtigallen so schmelzend und voll wie vor sechs Sommern, ehe der Fuß des ersten preußischen Grenadiers diesen schönen Park betrat.

Der Kammerherr hatte seiner Dame, die er von einem Nachmittagsspaziergang zurückführte, die Sprache der Nachtigallen ins Deutsche übersetzen müssen. Er trocknete seine Stirn, als sie seufzend sich umblickte.

»Wohin sehen Sie, meine Teuerste?« fragte er fast erschrocken, als befürchte er, noch einmal umkehren und sein Pensum von vorn anfangen zu müssen.

»Auf eine Glückliche«, entgegnete Amalie und richtete den Blick auf die Komtesse, welche in der dunkelsten Ulmenallee, einen offenen Brief in der Hand, auf und ab ging: »Zum wievielten Male, meinen Sie, daß sie den Brief durchliest?«

»Sie liebt«, bemerkte der Kammerherr, »auf eine fast extravagante Weise.– Ist Ihnen nicht wohl, um des Himmels willen? – Sie weinen...«

»Ich– weinen!« fuhr sie auf. »Ich kann ja nur lachen, meinen sie hier. Wie sollte mir nicht wohl sein? Ich brauche ja nur mein Los mit dem ihren zu vergleichen. Da hat sie nun einen Bräutigam, der nicht vorwärtskommt, keine Aussichten und ein zweifelhaftes Vermögen hat, während ich– o, gönnen Sie mir, lieber Kammerherr, die Träne um meine arme Kusine, die einst so hoch über mir zu stehen glaubte; so ungleich teilt das Glück, und so wenig wissen es die Leute zu schätzen. Fort, fort, daß wir ihr nicht im Wege sind.«

Um die Mundwinkel der Komtesse schwebte ein süßes Lächeln, wie sie dem alten Portier unten zunickte und oben dem Jäger sagte, sie werde nicht zum Abendtisch kommen; mit demselben Lächeln der Seligkeit schickte sie das Kammermädchen aus dem Schlafzimmer. Die lauen Lüfte der Nacht, welche den Juli vom August trennt, hatten freien Zugang durch die offenstehenden Fenster; sie spielten in ihrem leichten Nachtkleid. Eugenie glaubte, die Mondsichel habe noch nie so sanft ihr ins Fenster geblickt; die Sterne flimmerten an dem dunkelblauen Gewölbe, Leuchtwürmchen glühten unter ihr, tausend Insekten summten, und die Linden sandten ihren letzten Blütenhauch zu ihr herauf. Sie weinte – warum, wußte sie nicht zu sagen. Es war doch nicht bloße Freude. Sie meinte, es müsse sich alles mit ihr freuen, und es freue sich auch alles. Auf welche Auftritte hatte sie von diesem Fenster herabgesehen, in welchen Gemütsstimmungen hatte sie sich an diese Brüstung gelehnt, wie anders, wie ungestüm hatte das Herz dazumal geschlagen! Es schlug auch jetzt; aber es schlug in Einklang mit den zirpenden Insekten, dem leisen Fall des kleinen Baches, dem sanften Rauschen der Wipfel, mit dem Schlagen der Nachtigall, mit dem Hauch der Lüfte, dem Schein der Sterne, dem Licht des Mondes.

Vom Dorfturm hatte es schon Mitternacht geschlagen, als sie vergeblich Vergessenheit in den Eiderdaunen ihres Himmelbettes suchte. Die Nachtigall schlug immerfort ihr ins Ohr, die Kissen wogten unter ihr, als werde sie von Wolken getragen. Der Mondschein spielte auf der Diele. Sie griff noch einmal nach dem Leuchter hinter der Gardine, öffnete das Arbeitskästchen und entfaltete, ihn küssend, den Brief, den sie jetzt zum zwanzigsten Male las:

»... Wir stehen vor Schweidnitz. Morgen sollen uns die Russen verlassen; der König wünscht ihren Generälen eine Probe, was der preußischen Taktik und dem preußischen Mut möglich ist, mit auf den Weg zu geben. In einer Nacht läßt den in den Bergen bis an die Zähne verschanzten Österreichern gegenüber Friedrichs Genius zwei fürchterliche Batterien wachsen. Beim ersten Morgenrot begrüßten sie mit einem solchen Feuer die feindlichen Linien, daß, ehe die Sonne am Horizont steht, Mord, Verwirrung, Zerstörung auf den Bergen wüten. Nun gibt Friedrich das Zeichen zum Sturm. Unsere schlesischen Berge sollen wir ihnen wieder entreißen, doch das ist Nebensache. Vor Friedrichs Augen, der in der Mitte der russischen Generalität zusieht, sollen wir ein galantes Fechterspiel von der allerernstesten Art aufführen. Der Kampfpreis diesmal heißt nicht Verlust der Österreicher, sondern die Ehre der preußischen Waffen. Mit dem Bajonett, mit dem Säbel in der Faust wird gestürmt, Berg für Berg den Kaiserlichen genommen; unsere braven Leute tragen, ziehen, winden die Kanonen auf die steileren Höhen hinauf. O, es war ein Götterfest, Eugenie, unter Friedrichs Augen zu fechten. Der Himmel lachte zu dem blutigen Schauspiel. Du siehst, wie der Krieg gefühllos macht, daß man von Lachen reden kann bei einem Schauspiel, wo das Blut von viertausend floß. Daß es die letzte Tragödie in dem Kriege gewesen wäre! Mir pulsiert so etwas von Hoffnung durch die Adern; aber das Blut lügt, es ist Quecksilber, ich kenne mich selbst nicht mehr.

Nun höre, in welche Nacht für mich dieser glänzende Tag voll Morgenrot auszugehen drohte. Du wirst mir glauben, daß ich meine Schuldigkeit tat. Das Regiment, dem ich wieder zugeteilt bin, tat vielleicht noch mehr. Zu Pferde stürmten wir die Hügel, die auf unser Teil entfielen. Wir waren aus Mecklenburg remontiert; dankten wir's den Pferden unter uns oder den russischen Generälen hinter uns, es gelang. Stürmende Husaren im Steigbügel, bergan, und die Grenadiere über uns nahmen Reißaus. Was Wunder, haben doch Werners Husaren bei Kolberg eine russische Flotte in die Flucht gejagt!

Da hielten unsere Schwadronen auf einer mäßigen Höhe, Lust in aller Augen; es blitzte und paffte noch zwischen den Bergen, und von den Bergkämmen wurden die Bärenmützen durch unsere Blechmützen gefegt. Jubel und Hallo schallten durch das Heer. Im Pulverdampf entdeckten wir noch den Rest einer feindlichen Kompanie auf den Höhen dicht über uns; Sie begleiteten einen hohen Verwundeten. ›Kinder!‹ rief der Kommandeur, ›denen den Rückzug abschneiden! Wer hat Lust, wessen Pferde sind noch frisch zu der Hatz?‹ – ›Wir alle!‹ war die Antwort. Der Kommandeur winkte mir. ›Vorwärts, Leutnant!‹ Und als ich an ihm vorbeisprengte, rief er mir ins Ohr: ›Dort auf dem Berge verdienen Sie sich die Schwadron. Diesmal sieht es Friedrich selbst!‹

Die Trompeten schmetterten hinter uns, unsere Pferde schlugen den Staub himmelhoch, und der neidische Jubelruf unserer Brüder folgte uns. Da, Eugenie, hielt mir das neckende Glück die Hand vor die Augen. Vorwärts galt es, und ich dachte nur an vorwärts, ich hatte den weiten Weg rechts eingeschlagen. ›Links, links!‹ riefen sie hinter mir; das Auge täuscht sich in den Gebirgsengen. Als ich es inne ward, war es zu spät zum Umkehren. Ich hob mich im Steigbügel, um zu sehen, wie das Versäumte wiedergutzumachen sei. Schon zogen sich mit aller Hast die Füsiliere zurück, aber schon schwenkte auch eine andere Eskadron ab, auf dem Wege links den Engpaß zu gewinnen, durch den die Fliehenden hindurch mußten. Eugenie, brauche ich Dir zu sagen, was ich empfand, als ich den Major von Izwitz an der Spitze erblickte? ›Hinüber, Kinder!‹ Ich weiß nicht, ob ich es rief, es fühlte, es dachte; eine Seelenangst, daß er mir zuvorkomme, durchzuckte mich. Ob es nicht ging, ob ich ungeschickt, ob noch einmal blind war, als ich seitwärts den Hohlweg hinauf dem Pferd die Sporen in die Seite stieß, ich weiß es auch nicht. Das Resultat war: im Angesicht von Freund und Feind und – Friedrich strauchelte, schon oben angelangt, Deines Freundes Roß, es warf seinen Reiter ab. Es stürzte noch einer, Verwirrung, Aufenthalt, Laute der Mißbilligung – kurz, wir haben die Füsiliere nicht gefangen. Ein Jubelruf nachher verkündete mir, daß mein ehemaliger Rivale meinen Fehler gutgemacht hatte.

Was spreche ich Dir von der Verletzung an Schulter und Schläfe, wie mein Arm mich schmerzte, er schmerzt nicht mehr! Aber das Herz brannte.

Nun höre! Ach, ich kann Dir nicht Punkt um Punkt den ganzen langen Hergang erzählen. Die Feder fliegt vom A zum Z. Man liebt mich nicht, aber ich habe keinen Feind unter meinen Kameraden! Es ist doch zuweilen ein Glück, nicht glücklich zu sein, man wird nicht beneidet! Man hat mich allgemein bedauert, man gönnte Izwitz, der wenig Freunde hat, sein Glück nicht, aber man war still, totenstill um Friedrich, als die Berichte kamen, deren der Feldherr und Richter nicht bedurfte; er hatte alles mit angesehen. Ich berichte Dir nach guten Quellen.

›Demnächst würde, ich Euer Majestät gehorsamst anheimstellen, den Leutnant Stephan, genannt Cabanis, in Arrest schicken zu dürfen‹, sprach unser Freund, der General. Erschrick nicht!

›Rät Er mir das?‹ fragte der König.

›Ja, Euer Majestät, wenn ich mir's unterstehen dürfte, und würde an Hochderselben Statt sehr ungnädig den Dienstfehler bemeldeten Offiziers vermerken.‹

›Er rät mir also, wie ich handeln soll?‹

›Es ist notwendig, Euer Majestät, daß man ein Exempel statuiert, nicht darum allein, daß der Leutnant die Attacke so ungeschickt dirigiert ...‹

›Irren ist menschlich!‹ unterbrach ihn der Monarch.

›Aber‹, fuhr der General fort, ›es ist augenscheinlich, daß er aus purem Ehrgeiz, damit ihm der Major von Izwitz nicht zuvorkäme, den Querstrich gewagt und über Terrain hat wollen operieren, wo man die besten Pferde ruiniert.‹

›Meint Er, General, daß man einen dummen Streich nicht wieder reparieren soll?‹

›Ich wollte Euer Majestät gehorsamst ...‹

›Er hat nun genug geraten‹, unterbrach unseren Freund der König und ließ mich rufen. – Was der König gesagt oder nicht gesagt hat, teuerstes Wesen, mit den Lippen oder den Augen, er hat alles gesprochen, was ein Mensch sprechen kann. Er hat von Glück, Liebe, von Gott, Welt, Himmel geredet, ich habe es gehört; die anderen haben nur ungefähr soviel vernommen: ›Dieweil Er sonsten ein braver Offizier ist, das weiß ich, soll Er den Pour le mérite kriegen; denn ich scher' mich nicht drum, wenn einer einmal einen Fauxpas macht. Den reparier' Er aber – künftig bei Gelegenheit – versteht Er; ein honetter Kavalier repariert allemal seine Fehler.‹ – Seine Fingerspitzen haben mich berührt; das war der Strom der Gesundheit, des Lebens, ein Strom Himmelsäther, ein Kuß von Dir, der mir durch die Adern bis zur Fußspitze drang. Wer kann mehr erzählen, wer mehr Worte machen? Wärst Du hier! Sie läuten von den Türmen von Schweidnitz, wir ziehen in die wiedergewonnene Stadt. Burkersdorf – so heißt der Ort, nach dem wir die Bergschlacht nennen – hat den schönsten Klang für mich seit Mollwitz. Mein General reitet vorüber, er lacht mir durchs Fenster zu, er grüßt Dich. Schließ ihn in Dein Gebet, er spielte ein gewagtes Spiel, oder nenn' es ein Wunder!«

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