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Willibald Alexis: Cabanis - Kapitel 54
Quellenangabe
typefiction
authorWillibald Alexis
titleCabanis
firstpub1832
addressFrankfurt
senderwww.gaga.net
created20050816
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6. Eine Kapitulation

Wohl war das Unternehmen ein Wagestück gewesen und mühsamer als der, welcher dasselbe geleitet hatte, es der Freundin erzählte. Die Offiziere legten Gewicht darauf, und die Herbeischaffung der beiden Kassenwagen, wozu das ganze Dorf Vorspann geben mußte, zeigte an, welche Schwierigkeiten man zu überwinden gehabt hatte, sie mitten aus Feindesland auf gar keinen oder sehr verdorbenen Wegen, halb heimlich, halb mit Gewalt so weit herbeizuschaffen. Große Strecken Weges hatten die Husaren absitzen und ihre eigenen Pferde vorspannen müssen. Sie erzählten mit Stolz davon und rühmten die Ausdauer, den Mut, die Umsicht ihres Anführers. Etienne war ein zweites Mal, wenigstens auf einen Tag, der Held des Gespräches in diesem Schlosse. Was sächsischen und preußischen Blutes war, begegnete ihm mit Auszeichnung, und selbst der Kammerherr wurde von dem Fräulein genötigt, dem Offizier seine Bewunderung auszudrücken, »Wenn man nicht mutig ist«, hatte sie ihm zugeflüstert, »muß man wenigstens so tun, als halte man etwas Außerordentliches darauf, und dann zuckt man geheimnisvoll die Achseln, als verböten uns geheime Rücksichten, es selbst zu sein.«

Nur der Graf konnte Freude nicht einmal heucheln. Blasser als sonst ging er durch die Säle. Das Rasseln der schweren Geldwagen tue seinen Nerven weh, sagte er zur Komtesse und sah ihr verdrießlich nach, wie sie am Arm des Leutnants umherging. Dennoch hatte er nicht den Mut, ihr mehr zu sagen, als daß er sie heut noch vor Tisch allein sprechen müsse. Der General, der es gehört hatte, äußerte: »Das werden gewiß frohe Mitteilungen werden, daß ich hinter der Tür horchen möchte, wenn das Horchen in einem Schlosse erlaubt wäre, wo so feine Sitte herrscht.«

»Was sorgen Sie nun wohl eigentlich?« fragte das Fräulein, vor den Grafen hintretend. »Suchen Sie einen Eingang oder einen Ausgang?«

»Fräulein Naseweis täte gut, auf den letzteren zu denken, wenn es ihr bei uns nicht mehr gefällt.«

»Gefällt es meinem gnädigen Oheim und Vormund, in dem Tone mit mir zu reden, so werde ich auch in dem Tone antworten müssen«, sprach sie und rückte einen Stuhl nicht ohne Geräusch heran.

Der Graf machte große Augen, als sie sich vor ihn hinsetzte, und er fragte, ob sie ihn aus dem Schloß zu weisen gedächte.

»Ich nicht, aber jemand anders könnte es tun. Es ist an der Zeit, daß wir uns verständigen, teuerster Oheim, um endlich den richtigen Ton zu lernen, der sich zwischen uns schickt. Solange ich klein war, war es gut; nun aber bin ich groß, und es schickt sich nicht mehr. Mein teuerster Oheim weiß nicht, wie ich manche Tränen im stillen vergossen habe, wenn Sie mich wie ein Aschenbrödel beiseite schoben. Alles aber hat seine Zeit. Und zumal will ich jetzt nicht mehr wie ein Kind oder wie eine dienende Verwandte behandelt werden, für die alles gut genug ist, sondern als Dame von Stande und als Nichte und Mündel des Grafen Meroni!«

»Seit wann sind Sie denn aus einem Kinde – das – was Sie da beliebten – geworden?«

»Seit ich hinter den Türen, wohin man mich placierte«, hub sie mit Betonung an, als leide der Oheim an der Taubheit –, »seit ich daselbst mehr gehorcht habe, als ich wollte. Seit ich weiß, daß mein teurer Oheim mit dem Kommandierenden drüben in Verbindung steht und den Kaiserlichen alles meldet, was hier vor sich geht ...«

»Stille, um des ...« fiel der Graf ein.

»Seit ich jüngst gehört habe«, fuhr das Fräulein in demselben Tone fort, »daß Er auch von dieser Kassenexpedition Wind bekommen hat und darauf sofort einen Eilboten ...«

»Sind Sie rasend ...«

»Das nicht, teurer Oheim, aber habe ich Ihnen nicht neulich anvertraut, wie nahe mir das Schicksal des Königs von Preußen geht? Und ich stände nicht dafür, daß nicht mein Gewissen mich einmal antriebe ...«

»Kind – wir werden uns verständigen.«

»Das wußt' ich gleich. Wer so viel Verstand hat, um das Wohl von Staaten und Potentaten sich zu kümmern, muß auch einsehen, daß ich in der unterdrückten Lage nicht länger bleiben kann.«

»Ich will mit meiner Tochter sprechen.«

»Sie sind ein sehr gütiger Mann. Also, da wir uns verstehen, so wollen wir fürs erste den König Friedrich beiseite setzen und von einer Heirat sprechen ...«

»Eine Heirat?«

»Ja, und zwar eine, in die Sie Ihre Einwilligung geben sollen.«

Der Graf richtete sich mit einigen Anzeichen, daß er noch Ansprüche auf das Recht, einen Willen zu haben, mache, in die Höhe: »Welche Ansprüche, liebes Kind, kann dieser ewige Leutnant auf die Hand meiner Tochter machen?«

»Davon ist nicht die Rede. Ihre Tochter, die Komtesse, wird sich selbst den Mann verschaffen, nach dem sie Verlangen hat. Sind sie und der Leutnant einig, so wüßte ich nicht, was andere Leute dagegen anfangen wollen. Aber ich rede hier von mir, und ich wollte mir Ihre gütige Zustimmung erbitten zu meinem Entschluß und dem ernsten Schritt, den ich tun will. Ich will mich nämlich verheiraten.«

»Sie?«

»Ja, ich gehe in kein Frauenstift.«

»Und Sie haben – man hat Sie gewählt? Je eher, je lieber.«

»Nein, ich habe gewählt.« Sie hielt das Taschentuch ans Gesicht. – »Ach, mein teuerster Oheim, ich wäre ja die undankbarste Kreatur, wenn ich noch länger die Augen verschließen wollte gegen die Aufmerksamkeiten des Barons von Kurz. Auch das Grausamsein hat seine Grenzen. Wenn wir solche rührende, innige Anhänglichkeit sehen, muß ein Herz von Stein zuletzt weich werden. Anfangs ging es noch; aber was der Baron tut, nein, das ist erstaunlich! Ach, der gute Kammerherr, den ich so lange verkannt habe!«

»Fräulein, sind Sie toll, auf den zu spekulieren?«

»Freilich, lieber Oheim, sage ich mir, daß sein Verstand nicht der schärfste ist, auch sein Witz ist nicht brillant, im Gegenteil, er ist recht dumm. Aber, lieber Oheim, wissen Sie nicht, daß ich mir eigentlich immer einen dummen Mann gewünscht habe? Und der Wunsch wurde mir deutlicher, je mehr ich Sie kennen- und schätzen lernte. Nein, sagte ich mir, alles in der Welt, nur keinen klugen Mann, für den du dich ängstigen mußt, wenn er spekuliert und Pläne macht; für einen dummen Mann, da intrigierst du und machst du Pläne, und er hat es viel bequemer, er braucht nicht zu intrigieren und nicht sich zu ängstigen. Und dann, ist es nicht Christenpflicht und Nächstenliebe für gescheite Leute, sich der Dummen anzunehmen? Darum, lieber Oheim, halte ich meine Heirat für keine Mesalliance.«

»Der Teufel auch ...«, fuhr der Graf, selbst erschreckend über den Vorstoß, auf. »Der Kammerherr und Mesalliance, der das Majorat geerbt hat! Ist der Kammerherr bei Sinnen?«

»Wenn Sie nicht blind waren, lieber Oheim, so müssen Sie gestern abend gesehen haben, daß er von Sinnen war, nämlich aus Leidenschaft zu mir. Sahen Sie denn nicht, wie er mich auffing, als ich in Ohnmacht fiel? Nein, da gelobte ich mir's, als ich das Auge aufschlug und in sein bekümmertes Angesicht blickte: Du willst seinen Kummer enden. Ich wäre mehr als barbarisch, wenn ich den Dienst ihm je vergäße.«

Verdrießlich hatte sich der Graf zurückgelehnt: »Und was hat er denn gelobt?«

»Er hat mir auf den Knien Treue geschworen. Darauf, wie Sie wohl denken mögen, kommt es mir nun eigentlich nicht an; aber die Sache hat nun ihre Richtigkeit, und ich komme zur Hauptsache.«

»Was ist das?«

»Können Sie zweifeln, was das ist?« erwiderte sie mit aller Weichheit und Süße, deren ihre Stimme fähig war, und rutschte vom Stuhl auf die Knie. »Ihren Segen, teuerster Onkel, zu unserem Bunde.«

»Meinethalben, wenn er« – ein Narr ist, schwebte ihm auf der Zunge, aber er milderte es in: – »wenn er will.«

»Darauf kommt es ja gar nicht an, lieber Oheim. Wenn ich ihn will, so müßte das ja ein Wunder sein, wie Sie selbst gestehen werden, wenn er nicht wollte. Er will, er muß wollen, er hat gewollt, und er wird wollen. Das ist abgemacht und abgetan, da ich mir die Sache reiflich überlegt habe und nicht glaube, daß ich mich noch anders besinnen kann. Aber nun kommt das andere mit dem Segen.«

»Und was meinen Sie unter ›Segen‹, Fräulein?«

»Das heißt, wieviel krieg' ich mit?«

Der Graf wollte aufstehen und fortgehen. Mit freundlicher Gewalt drückte sie ihn in den Lehnstuhl zurück. »Nicht doch, lieber Oheim, solche Fragen eignen sich am besten unter vier Augen.«

»Fräulein ›Unverschämt!‹«

»Mein teuerster, väterlicher Freund, nennen Sie mich lieber ›Fräulein Torheit, Fräulein Eitelkeit‹, denn es ist eigentlich albern, Geldmitgift zu verlangen, wenn man einen reichen Mann heiratet, den man des Geldes wegen nimmt. Aber unverschämt ist das nicht, ich will das Geld nicht für mich, sondern für Sie. Wünschen Sie, mein Vormund, daß ich wie ein Bettelfräulein in die Kirche fahre? Wünschen Sie, daß, während alle Welt weiß, mit welcher aufopfernden Liebe Sie mich wie Ihr eigenes Kind auferzogen haben, daß nun diese Welt erstaunt fragte: ›Was hat sich da zugetragen? Zieht der Graf seine Hand zurück? Ist der Graf ein Knicker?‹ Darum, nur Ihres eigenen Ansehens wegen, wünsche ich es, und ich will es, weil ich mir vorgesetzt habe, mit einer hübschen Ausstattung unter die Haube zu kommen. Nennen Sie mich also lieber ›Eigensinn‹ als ›Unverschämt‹.«

»Fräulein Eigensinn, wie hoch stehen denn Ihre Wünsche, wenn man fragen darf?«

»So hoch, wie ich wünsche, daß Ihr Ansehen stehenbleiben soll. Den Rechenmeister wollen wir ein andermal rufen.«

Der Graf erhob sich etwas: »Ich will Ihnen dreihundert Taler zur Aussteuer zahlen lassen.«

»Dreihundert Taler! Ach, mein teuerster Oheim, wenn ich allein es wäre, dreihundert Pfennig wären genug, sobald ich weiß, daß Ihre Liebe dabei ist. Aber es gilt Ihr Ansehen, Ihre Familienehre. Niemand soll von Ihnen sagen können, daß Sie mich minder geliebt haben, als ein Oheim seine Nichte lieben muß.«

»Sechshundert Taler, und nun lassen Sie mich ungeschoren.«

»Sie belieben zu scherzen. Es würde sich von selbst verstehen, daß man unter sechstausend Taler Ihnen unter allen Umständen für Knickerei auslegte.«

»Was? Sechstau ...!«

»Mein Gott, wie Sie mich anfahren! Sie wissen, wie unerfahren ich in dergleichen Dingen bin. Es kommt mir, weiß Gott, absurd vor, daß ich, das kindlichste Wesen in Geldangelegenheiten, mich darum kümmern soll. Aber eben, weil ich gar nichts davon verstehe, fällt alle Sorge auf meine Vormünder und Beschützer zurück. Ich muß für sie sorgen und denken, daß man ihnen nichts Übles nachsagt. Ja, wenn ich unseren Stand und unser Vermögen bedenke, scheinen mir sechstausend Taler noch das Allermindeste – nein, wenn ich recht überlege, zehntausend –, das Allergeringste, was der Graf Meroni einer als Tochter geliebten Nichte und Mündel aussetzen muß, die einem Kavalier ihre Hand reicht, der einmal Ihr Vertrauter war, und die selbst von allen Ihren Staatsgeheimnissen – bis auf die Letzt, Herr Graf! – so unterrichtet ist, daß sie – davon Dukaten prägen kann. O, Sie verstehen das besser, als ich schwaches Wesen es ausdrücken kann. Ich weiß nur, die Ehre Ihrer Familie erheischt es, daß Sie großmütig sind, mehr noch, daß Sie großmütig scheinen, und ich habe es mir einmal in meinen kleinen Kopf gesetzt, daß Sie großmütig sein, nein, daß Sie als der allergroßmütigste Oheim, Protektor, Vormund von der Welt erscheinen sollen.«

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