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Willibald Alexis: Cabanis - Kapitel 53
Quellenangabe
typefiction
authorWillibald Alexis
titleCabanis
firstpub1832
addressFrankfurt
senderwww.gaga.net
created20050816
projectidbcf691ea
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5. Macht der Launen

Nie war Eugenie schneller aus dem Bett und in den Kleidern, ohne daß das Kammermädchen ihr dabei geholfen hätte, das bei der kranken Amalie hatte wachen müssen. Ein Lächeln schwebte immerfort auf den Lippen, und bei einem Blick in den Spiegel konnte sie über die Rosen staunen, die der Januar auf ihren Wangen blühen ließ. Als es leise klopfte, wurde kein »Herein!« gerufen, aber die Tür ging geräuschlos auf. Es wurde lange Minuten kein Wort gesprochen, kein Laut gehört, und zwei Wesen strömten doch über in Lobgesängen, und jeder verstand den anderen. Dann sprachen sie lange, viel miteinander, Seligkeit in beider Augen, jeder billigte, was der andere sprach, und doch hätte keiner von diesem Gespräch der ersten Viertelstunde Rechenschaft geben können.

»Und warum nun doch der trübe Zug ums Auge, warum nun doch die Runzel auf der Stirn?« fragte sie. »Bist du nicht glücklich?«

»Ich bin es.«

»Lügner, wie du rot wirst! Willst du nicht heraus mit der Sprache? – Ich war stolz, viel stolzer als du, und ich habe dir bekannt so viel wie ein Kind seiner Puppe, mehr, als ich bei mir selbst verantworten kann. Ich habe mich in den Staub geworfen vor meinem eigenen Stolz, um dir zu sagen, daß ich nichts bin ohne dich. Mehr kann keine Königin der Welt dem Geliebten opfern, und du bist stumm.«

»Die Glücklichen sind es ja.«

»Bist du wieder einmal um den Vater besorgt? Was ich dir von ihm schrieb, kümmert dich das? Du weißt, wie leicht er umspringt. Und war's auch – nein, du lächelst darüber. Wir sind einmal beide so ungezogene Kinder, die nicht auf ihre Väter hören. Wir werden recht hart einmal dafür bestraft werden. Darum wollen wir jetzt recht glücklich sein.«

»Wir! Eugenie!«

Etienne blickte lächelnd vor sich nieder. »Hofft der große Mann, auf dessen Gnade ich warte, auf etwas Besseres? Im Grunde, Eugenie, ist all unser Hoffen nicht fester gestellt. Jeder Soldat, hofft er nicht auf Wunder, denn welche Bravour gibt ihm ein Recht zu hoffen, daß die Kugel ihn nicht trifft? Jeder arme Teufel in meiner Schwadron, hängt er nicht auch von meiner Laune ab? Wenn sie rosenrot war, wenn ein Brief von dir mich erfreute, da war ich so nachsichtig gegen kleine Vergehen, und derselbe Mensch mochte zu anderen Zeiten sich wochenlang in pünktlicher Diensttreue abgearbeitet haben, alles in der Absicht, sich Ansprüche auf eine kleine, unbedeutende Gunst zu erwerben. Nun kommt der Augenblick, er will einen Urlaub haben, um hinüberzureiten zu einem Mädchen, dem er gut ist, aber er bittet mich drum in dem Augenblick, da mir der Urlaub zu dir abgeschlagen worden ist – hältst du mich für so heroisch, daß ich ihm in die Arme fiel und sagte: ›Geh, mein Freund, ich nehm's auf meine Verantwortung, wenn wir marschieren und du fehlst‹?«

»Der arme Husar!«

»Mein Glück hängt von Friedrichs Laune ab und Friedrich von der Laune des Glücks. Wer hat nun mehr Aussicht?«

»Ich will nichts von Friedrich wissen, wenn ich mit dir zusammen bin. – Erzähle mir lieber von deinem Abenteuer, das hoffentlich glücklich ausfiel. Der General ist zufrieden.«

»Er muß es wohl sein. Die Sache ist so einfach, aber der König spielt doch darin eine Hauptrolle. – Bei einem schnellen Rückmarsch war eine nicht unbedeutende Kriegskasse zurückgeblieben. Man hatte sie in einem Sumpf versteckt in der Hoffnung, wieder vor Ende der Kampagne die Gegend dort an der böhmischen Grenze zu besetzen. Dies geschah nicht, unsere Winterunterkünfte erstreckten sich nicht so weit. Indes lag der Ort nicht unerreichbar von unserer Linie, man erfuhr, daß die Sache nicht verraten worden, die feindlichen Posten hier nicht besonders stark waren, und dem König war an der Herbeischaffung sehr viel gelegen. Der General, mein wahrer Freund, beratschlagte mit mir, ob der Versuch zu wagen sei. Ich kannte das Terrain von früher her, es war nur mit List, nicht mit offener Gewalt zu handeln, aber das abscheuliche Wetter begünstigte das Wagestück. Soll ich nun meiner Eugenie, wie meinem General einen militärischen Bericht abstatten, wie ich mit einer Schwadron verschlagener Leute bei Nachtzeit und Schneegestöber mich in Feindesland schlich, wie wir in abgelegenen Orten übernachteten, durch Schluchten, Heiden, Wälder ritten und endlich den Schatz fanden und hoben? Ich hoffe, du erläßt mir die Einzelheiten. Erst auf dem Rückwege ...«

»O, pfui!« unterbrach ihn Eugenie. »Das alles um einen Geldkasten! Konnte man dir das kommandieren?«

»Und wenn man es hätte?«

»Nein, man hat es nicht. Man hat es dir so vorgehalten, dich darauf begierig gemacht, und am Ende hast du dich selbst dazu gedrängt, um ...«

»Um meinen Vater zu finden«, fiel lächelnd Etienne ein. »Du siehst, das Schicksal will mich durchaus einmal vermittelst Wunder erziehen. Dieser seltsame Mann hatte mitten in seinen Entwürfen durch irgendeinen Zufall von der versteckten Kasse etwas erfahren. Ich glaube aus einem Briefe des Lord Keith, des Bruders unseres gefallenen Feldmarschalls – er ist ja mit dieser Stuartschen Familie in Schottland in Verbindung gekommen. Der Phantast, der in Britannien gegen das Haus Braunschweig auf seine Art intrigiert, um Friedrich einen mächtigen Freund ohnmächtig zu machen, läßt sogleich die weitfliegenden Pläne im Stich und kehrt nach Deutschland zurück, um mit Aufwand von Geld und all seinem Scharfsinn einen vergessenen »Geldkasten«, der Friedrich einmal gehört, aufzustöbern! Es war ihm auch gelungen, als er witterte, daß ihm jemand zuvor- oder doch zugleich angekommen sei. Er macht hastig Anzeige beim nächsten kommandierenden General und treibt sich nun in der Nähe des Ortes ängstlich wie ein Drache umher, der über dem Schatze schwebt. In einem kläglichen wendischen Heidekrug treffen wir uns über Nacht: er hält uns für die angeforderten kaiserlichen Husaren, als er mit Entsetzen Preußen erkennt. Größer wird sein Schreck, als er mich erblickt und inne wird, daß er gegen seinen Sohn operiert hat. Allein mit der schnellen Entschlossenheit, die ihn auszeichnet, weiß er im Augenblick, was zu tun ist, und wie er früher alles daran gesetzt hat, die Kasse den Österreichern in die Hände zu spielen, bietet er nun seinen ganzen Scharfblick auf, uns – und natürlich unseren Fang mit, denn ich hatte ihm erklärt, mich unter keiner Bedingung davon zu trennen – glücklich über die Grenze zu schaffen. Er leitet die kaiserlichen Husaren irre, uns auf Wege und Stege, wo wir keine Feinde treffen, und es gelingt uns glücklich, bis dicht an die Grenze zu kommen, wo wir erst ein kleines Gefecht zu bestehen hatten, das indes zu unserem Vorteil ausschlug, da man uns zu rechter Zeit Verstärkung schickte. Ich vermute, daß wir auch diese meinem Vater verdanken, der uns aus dem Gesicht entschwunden war.«

»Hast du keinen Argwohn, daß mein Vater seine Hand im Spiel hatte?« fragte Eugenie.

»Weshalb argwöhnen, Teure? Die Sache ist vorüber, das preußische Geld in Sicherheit, ich lebe und bin hier, du bist außer Sorge und ich glaube zufrieden, und wir beide ...«

»Sind noch nicht verheiratet«, sprach eine Dritte, Amalie, die unbemerkt ein- und zwischen beide getreten war. »Aber auf euren Gesichtern steht's geschrieben, es wird nun nicht lange mehr dauern. Gott sei Dank, es ist auch Zeit. Amen, amen, Kinder!«

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