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Willibald Alexis: Cabanis - Kapitel 52
Quellenangabe
typefiction
authorWillibald Alexis
titleCabanis
firstpub1832
addressFrankfurt
senderwww.gaga.net
created20050816
projectidbcf691ea
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4. Die Erscheinung

Es war schon recht hell, als Eugenie, gestärkt und frisch, die Augen und dann die Gardine aufschlug – aber die Erscheinung, welche hier ihrem ersten Blick begegnete, rief einen kurzen Schrei des Entsetzens hervor.

Die Erscheinung war ein Mann, dessen abgetragener Manchesterrock samt der Frisur und dem Zopf unmöglich aus der Geisterwelt stammen konnte. Er saß auf einem Stuhle dicht vorm Bett und schien, ein Bein über das andere geschlagen und ein Buch in der einen Hand, durch das Aufschreien der Gräfin eben erst in seiner gemächlichen Lektüre gestört worden zu sein.

»Wohl geruht, Komtesse, wenn es zu fragen erlaubt ist?« wandte er sich verbindlich an die Dame.

»Wer sind Sie? Fort – im Augenblick fort!« schrie die Gräfin.

»Sollt' ich Ihnen im Verlauf weniger Jahre so unbekannt geworden sein?« entgegnete der Fortgewiesene, ohne Miene zu machen, der Anweisung zu folgen.

»Wenn Sie es sind, wie kamen Sie her, wie hatten Sie die Dreistigkeit?«

»Nur nicht, bitte ich, meinen Namen genannt, die Wände haben hier Ohren.«

»Wenn Sie Gast im Schloß sind, Herr Marquis, so begreife ich doch nicht, was Ihnen das Recht, die Erlaubnis, die Dreistigkeit, ja nur die Mittel gab, in mein Zimmer einzudringen.«

»Ich bin nicht Gast im Schloß und will es auch niemals werden, vielmehr lediglich hier in Ihrem Zimmer und bei Ihnen. Die Mittel, einzudringen, gewährten Sie, gnädigste Komtesse, mir hilfreichst selbst, als Sie gestern abend beim Hinauslaufen die Tür offen ließen. Da schlüpfte ich hinein.«

»Sie waren die ganze Nacht in meinem Zimmer? Entsetzlich! Ich wünsche inständigst, Herr Marquis, daß Sie meine Lage bedenken, und daß Sie bei einer fremden Dame sind.«

»Fremd! – Werden Sie nicht meine Schwiegertochter? Soll der Vater nicht das Recht haben, seine Tochter auch im Negligé zu besuchen?«

»Es ist noch nicht soweit«, sagte sie errötend; »überdies – weiß Ihr Herr Sohn um Ihre Anwesenheit?«

»Kinder brauchen nicht alles zu wissen. Halt, er weiß, daß ich hier bin, im Schloß nämlich, ich kam ihm um eine halbe Stunde zuvor; er weiß, daß er mein Sohn, aber nicht, daß er mein legitimer Sohn ist. Alles, nämlich, daß ich die Nacht hier zugebracht, daß ich Ihnen meinen Besuch, Sie zu meiner Vertrauten gemacht und was ich Ihnen vertraut habe, dies erfährt er durch Sie. Sind Sie nun gehörig vorbereitet, mich anzuhören?«

»Sie waren schon gestern abend hier?«

»Bagatelle! Das mag er Ihnen erzählen, wenn er es der Mühe für wert hält. Ich sah Licht an Ihren Fenstern; ich schlich mich hinein, da ich von alters her die Sprünge, Gänge, Sätze, Schliche kenne. Ach, das waren gute Zeiten, als wir mit der seligen Klinkauf unterhandelten; ich war, ohne daß Sie es wußten, jede Woche mindestens einmal hier, bald im Pelz, bald in der Stalljacke, bald als Mensch, bald als Gespenst. – Damals, Komtesse, war Ihr Herr Vater noch ein feiner Mann. Doch genug davon, wir werden alle schwach; es hat nicht jeder das Privilegium von der Natur in der Wiege erhalten, einmal kühn gefaßte Pläne mit gleicher Geistesstärke bis an sein Ende nicht aus dem Auge zu lassen. – Die Phantasie täuscht, der Verstand wird schwach. An einem Gängelbande führte man uns in die Welt ein, an einem Gängelbande gehen wir wieder hinaus. Aber es gibt auch Greise, die noch gerade, aufrecht im Steigbügel, den Zügel zu fassen wissen. Der Doge Dandolo, ein blinder Greis, eroberte Konstantinopel, jener dreiundachtzigjährige Marino Faliero hatte noch Mut, gegen seine Republik zu konspirieren und, was mehr besagen will, ein junges Mädchen zu heiraten. Dies haben Sie nie von mir zu besorgen, Komtesse; als wir uns trennten, gab ich meiner Gattin mein Ritterwort, Etienne erhält keinen Bruder, der ihm seine Ansprüche schmälert; die volle Liebe des Vaters, sein ganzes Erbe bleibt ihm, und darum seien Sie unbesorgt, liebe Komtesse, wegen Schmälerung des Erbteils.«

»Ich habe gewiß nie darum Sorgen gehabt.«

»Eben darum will ich Ihnen jetzt dieses Verhältnis aufklären. Hugo Capet hatte sieben Söhne ...«

»Um's Himmels willen, gedenken Sie die ganze französische Geschichte bis auf Ludwig den Fünfzehnten mir vorzutragen?«

»Sie haben recht. Ein andermal. Nur soviel hier: Es wäre mir nicht unmöglich, noch durch heraldischen Prozeß zu beweisen, daß das Haus Cabanis eine Nebenlinie der Capets sei, von einem Oheim des genannten Hugo, Grafen von Paris, und auf diese Weise würde mein Interesse an der Sache der Stuarts aufs neue bekräftigt und begründet erscheinen. Doch waren die Capets bekanntlich nur Lehensträger der Karolinger, und ehe nicht zu beweisen stände, daß sie schon unter den Merowingern frei gewesen sind, wäre dadurch nichts gewonnen, im Gegenteil, unser Stammbaum verschlimmert, unser Schild verkürzt. Darum mag dies vorderhand ruhen. Aber die Sache der Stuarts wird nicht ruhen, und ich kam, Ihnen im Vertrauen die freudige Botschaft zu sagen, daß mir der Prätendent in einem Briefe, den ich vorgestern aus Rom erhielt, das Oberstleutnantpatent für Etienne versprochen hat, sobald die Franzosen in Schottland landen und der neue legitime Aufstand dort ausbricht. Er soll nicht als Leutnant sterben.«

»Und deshalb sind Sie hier, Herr Marquis?«

»Nicht gerade darum. Ein glücklicher Zufall ließ mich auf meinen Sohn stoßen und ihm, eigentlich wider meinen Willen, behilflich sein. Der nächste Schritt war: ich mußte hierher. Ich wagte mich niemandem in einem von Preußen besetzten Schlosse anzuvertrauen als derjenigen, welche ihr Schicksal mit dem meines Sohnes verbinden will. Ihr Licht leitete mich in Ihr Zimmer ...«

»Ich bin seit gestern abend vor lauter Überraschungen nicht zu mir selbst gekommen. Ich erwarte noch viele Aufklärungen.«

»Darum bin ich ja gerade hier. Auch ich liebe die Aufklärung.«

»Herr Marquis, ich muß meine dringende Bitte wiederholen, daß Sie meine Lage bedenken und mich verlassen.«

»Sie wollen aufstehen? – Warum haben Sie das nicht früher gesagt? Bitte tausendmal um Verzeihung. Ich verschwinde wie der Wind, oder wissen Sie was? Ich drehe mich um, indessen springen Sie auf, kleiden sich an, und ich teile Ihnen das Nötigste aus unserem Stammbaum währenddessen mit.«

Die Gräfin mußte über den Vorschlag, den sie ablehnte, lächeln. »Tut nichts«, fiel der Marquis ein, »morgen um diese Zeit sitze ich wieder an Ihrem Bett, und Sie hören, wer Etienne ist.«

»Warum wollen Sie bis morgen warten?«

»Während des Tages darf niemand auch nur ahnen, daß ich hier bin, und ich hoffe, Sie brauchen aus dem Schrank keine Bücher.«

»Wie, Sie wollten dort im Schrank sich den ganzen Tag über verstecken?«

»Sie haben recht. Ich kenne ja Schlupfwinkel genug. Morgen um diese Zeit auf Wiedersehen, Gott befohlen bis dahin!«

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