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Willibald Alexis: Cabanis - Kapitel 51
Quellenangabe
typefiction
authorWillibald Alexis
titleCabanis
firstpub1832
addressFrankfurt
senderwww.gaga.net
created20050816
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3. Zitierte Geister

Eugenie saß in ihrem Zimmer. Sie mußte lange schon so gesessen haben; denn an den Wachskerzen hingen fingerlange Schnuppen. Zu ihren Füßen lag der Hund und starrte mit seinen klugen Augen auf die Perle an ihren Augenwimpern. Zuweilen lockte sie ihn mit den Fingern, er schoß in die Höhe und streckte sich doch ebenso schnell wieder hin, als wüßte er, daß er es nicht war, den der Gedanke der Gräfin rief.

Sie hatten eine lange Unterhaltung gepflogen, sie hatten sich auch verstanden, aber nun war die Sprache ausgegangen. Wie zwei Jugendfreunde, die sich wiedergefunden und die Erinnerungen, die das Band zwischen ihnen geknüpft hatten, waren sie vorhin umhergesprungen. Es mochte kindisch ausgesehen haben, wie Eugenie den tollen Sätzen des Hundes folgte, aber der Hund war im Kreis umhergelaufen, treppauf, treppab, und die Komtesse hatte wohl die Orte wiedergefunden, die sie einst mit dem närrischen Tier besucht, aber nicht den, zu dem er sie führen sollte.

»Bist du denn nicht sein Bote?« wiederholte sie eine schon getane Frage. Der Hund sah sie an und regte sich nicht.

»Bist du ihm entlaufen?« Der Hund bewegte sich nicht.

»Gehörst du einem anderen an?« so kleidete sie den Gedanken ein, den in seiner nackten Wahrheit sie nicht über die Lippen zu bringen wagte. »Nein – nein. Gib doch nur soviel Zeichen von dir...«

Der Hund streckte sich platt nieder, den Kopf zwischen die Pfoten sinken lassend. Er drehte sich um wie ein toter Körper; dann, als ihre Hand ihn berührte, sprang er auf, Leben, Lust und Kraft in jedem Gliede, zauste die Schleife ihres Schuhbandes, den Besatz ihres Kleides, legte den Kopf auf ihren Schoß, leckte ihre Hände, wechselte vertrauensvolle Blicke mit ihr und streckte sich abermals hin.

»Du bist besser als ich«, sprach sie, »treu bleibst du deinem Herrn und Freund bis zum Tode. Du widersprachst ihm nie, hattest ihn nie in Verdacht, du fordertest keine Rechte, du dachtest nur an deine Pflichten. Er konnte dich schlagen, mit dem Fuße stoßen, und er blieb dir so wert wie vorher.«

Sie riß aus der verborgensten Lade ihres Schreibpultes Briefe. Der Hund schien vergessen zu sein, als sie die teuren Schriftzüge überlas. »Eine wie lange Bekehrungsgeschichte man aus den Antworten lesen kann! – Er mußte ja zweifeln – wie hart ich da war, wie unverzeihlich von mir – wenn er mit der Vorstellung gestorben wäre – ich fände niemals Ruhe.«

Sie besann sich. Ach, sie hatte ja schon jetzt keine Ruhe. Die Briefe wurden hastig übereinander geworfen, im Schubfach wieder vergraben. Sie ergriff sein Bild, es sah ihr so schmerzlich aus: »Der Maler lügt – oder wenn er jetzt...«

Sie sprang auf, sie warf sich aufs Kanapee. Der Hund ließ keine ihrer unruhigen Bewegungen außer acht: »Was wollte er damit sagen? Friedrich muß, er wird ihm eine Ehrenerklärung geben, das waren des Generals Worte, binnen morgen und einer Woche spätestens. Mein Gott, was kann das sein? Wodurch kann man einen Friedrich zwingen, sein Unrecht einzusehen? – Durch Beweise seiner Unschuld? – Es ist ja alles erschöpfend dargetan, bewiesen. – Sonnenklar, er will nur nicht sehen. – Fürsprache? – Friedrich und Protektion? – Heiliger Gott, wenn man etwas wagte! – Wiederum etwas! – Ein neuer blutiger, gefährlicher Auftrag. – Schon der, nach Berlin durchzudringen, war Vermessenheit. – Es war noch nicht genug. – Was hat man vor? Man will mit seinem Leben spielen. – Will? – Es ist vielleicht schon geschehen! – Die geheimnisvolle Miene des Generals! Seine Ordonnanzen! Mein Gott! Mein Gott! – Soll er eine Kaiserin gefangennehmen, das Archiv in Wien stehlen? – Und mein Vater, sein geheimnisvolles Wesen, wie er mich dabei ansieht! – Weiß er darum? – Rechnet er darauf, daß er dabei untergeht? – In der Nähe vielleicht, hier – stündliche Boten kommen. – Ach! Der Gedanke, mein Vater sein Mörder!«

Sie hatte sich plötzlich mit dem Ausruf: »Nein, das darf nicht sein!« aufgerafft, die Pelzsaloppe umgeworfen, die Kerze ergriffen und stand an der Tür. Ebenso schnell hielt sie inne. »Nein!« Sie stellte den Leuchter weg. – Ich will mir seinen Geist zitieren. – Willst du's denn durchaus erzwingen? – Und wenn du nun atemlos, erschöpft zu seinen Füßen liegst, dein Herzblut ausspritzend auf seine Reitstiefeln, und er dir gnädig zunickt, ein bißchen lächelt, kerzengerade wie sonst, schnupft und über dich hinwegschaut, was hast du davon? – Darum hingeopfert Jugendmut und Jugendhoffnung, Liebe und Glück – um ein gnädiges Lächeln! – Und das wollen Freunde sein, die dir das raten? Immer wieder und wieder zu versuchen, ob es denn gar nicht möglich sei, den herzlosen Marmorkönig zu überzeugen, daß du es ehrlich mit ihm meinst und deine Pflicht getan hast? – Was brauchst du ihn, um zu atmen, um dich zu wärmen? Ist er Sonne, Luft? – O, wäre ich Mann, mein Stolz sollte es sein, ihnen zu beweisen, diesen Hohen, diesen Göttern der Erde, daß man ohne sie leben kann.«

Das war eine künstliche Haltung, sie dauerte nicht lange. Der Schlummer senkte sich zu flüchtigem Besuch auf ihre geschlossenen Augenlider, fieberische Träume gaukelten davor.

Sie war in Berlin, wie es vergangenen Karneval wirklich der Fall gewesen. Auch Etienne war dort gewesen; allein durch ein neckendes Spiel des Zufalls hatten ihre Briefe sich verfehlt. Am Tage, da die gräfliche Familie zum Tor einfuhr, war er zum anderen hinausgeritten. Als er es erfahren, mit Mühe Urlaub erhalten hatte, Tag und Nacht zurückgeritten und im bezeichneten Gasthof abgestiegen war, hatten Meronis vor einigen Stunden das Wirtshaus, die »Stadt Paris«, verlassen. Er wollte ihnen nach, als ein Leibhusar des Prinzen Heinrich ihn aufs Schloß bestellte. Der Prinz machte ihm Hoffnung auf einen Gnadenblick des Königs; der Gnadenblick blieb aus; dafür erhielt er die Eskorte eines Trupps Rekruten nach dem Rhein, und die lange gewünschte, oft besprochene Zusammenkunft war Luft geworden.

Es war daher nichts Wunderbares, wenn Eugenie träumte, wie sie mit Etienne in Berlin zusammentraf und ihn doch nicht sah. Sie saß in einem Wagen, und er saß in einem Wagen, jede der beiden Equipagen mit einem reichsfreiherrlichen Zuge von sechs Paradepferden bespannt, jagten sie um das große Opernhaus und konnten sich doch nicht einholen. Jedes sah nur den Staub der Räder des anderen; so gleichmäßig schnell, so geschickt kutschierten die beiden Wagenlenker, die niemand anders waren als der Marquis und ihr eigener Vater. Befahl sie, um dem ängstlichen Spiele ein Ende zu machen, daß ihr Vater schnell umlenken sollte – und er gehorchte auf den Wink –, so hatte ihr Geliebter jedesmal denselben Einfall, und sie blieben sich immer gleich weit und gleich nahe. Das Volk blieb stehen, es sammelte sich halb Berlin auf den Treppen des Opernhauses, vor der Bibliothek, an Prinzessin Amalies Palais, der Todesschweiß stand der Gräfin auf der Stirn. Sie winkte – umsonst, sie rief – umsonst–, sie fiel dem Kutscher, ihrem Vater, in den Arm, umsonst. Es peitschten die beiden Kutscher aus Leibeskräften, und das Volk fing an zu murren, vermutlich, weil man die Tiere ohne Not quälte, das Murren wurde Ernst, und sie erwachte.

Es war der Pudel, dem ihre heftigen Bewegungen nicht gefallen hatten. Im Zimmer war es düster und einsam, totenstill im weiten Schloß, Mitternacht war vorüber. Über die weite Schneemasse, soweit sie diese von ihrem Turm übersehen konnte, fuhr der bitter scharfe Nordwind, der Mond zeigte seine Sichel im wolkenlosen Himmel, und das Sternenheer, wie Brillanten an dem azurnen Gewölbe, gab dem Schnee von seinem Glanze ab; es strahlte und flimmerte von der Frostdecke. Welche andere Einsamkeit draußen als in den dunklen Wänden des Zimmers; sie suchte bange nach Gegenständen in der unermeßlichen Einförmigkeit. Wo eine vereinzelte Fichte ihre Äste senkte, wo eine Erhöhung Schatten warf, fernhin nach dem Saume des Waldes irrte ihr Blick. Sie suchte nach etwas und wußte sich nicht zu sagen, wonach. Ein Geist hauchte über die flimmernde Eisdecke; was nahm er nicht Gestalt an, was wurde er nicht sichtbar, was trat er nicht unter ihr Fenster? – Der tiefe, tiefe Fichtenwald jenseits, was konnte er nicht bergen in seinem verschwiegenen Schoße? Konnte es nicht herausbrechen plötzlich, über die Ebene sprengen? Die feste Schneedecke knirschte. Und wirklich, dort regte sich etwas, schwarze Schatten strichen über die weiße Ebene. Es waren nur die Dämmerschatten eines Fluges Dohlen. Sie kreisten um ihr Fenster. Aber dort? Die Kiefer warf ihre Überlast erstarrenden Schnees ab. Dort aber? Es regte sich am Saum des Waldes, ein Schatten fegt seitwärts, ein schwarzes Roß sprengt feuerschnaubend herüber. Die Komtesse hielt sich die Hände vors Gesicht, ihre Phantasie, die den weiten, öden Raum mit Schreckgestalten bevölkerte, überwältigte sie. Sie wollte nicht mehr sehen.

Augenblicklich, als sie sich wieder in die Sofaecke geworfen hatte, trat auch Berlin und der Opernplatz ihr wieder vor Augen. Eine prächtige Staatskarosse bewegte sich vom Brandenburger Tor her. Mit gemessenen Tritten, ihre Stäbe in der Hand, trabten, vorauf Platz machend, die königlichen Läufer in ihren hochgeschürzten Springerröcken. Es wich alles zurück, die Hüte fuhren von den Köpfen, die Mützen verkrochen sich. Sechs Jäger, die an den Tritten der königlichen Equipage hingen, sprangen im selben Augenblick herab und rissen dem König die Türen auf. Der Monarch trat heraus, in seinem abgetragenen Rock, seinen staubigen Stiefeln, der Dürftigste unter den Glänzenden. Sein Blick musterte die Menge. Im nächsten Augenblick war er oben auf der Freitreppe des Opernhauses. Wollte er hier Audienz erteilen, das Berliner Volk anreden? Er hatte zu schaffen, sich gegen den Andrang zu verteidigen. Das Bild wechselte abermals. Der König Friedrich stand mit gezücktem Degen am Treppenrande und verteidigte sich gegen einen Ungestümen. Der Ungestüme war – Etienne. Auch er mit blankem Degen. Ein wütender Kampf, der Leutnant wollte durchaus hinauf zum König, der König wollte ihn nicht hinauflassen. Blut rieselte schon die Treppe herab. Der König stieß zu, Etienne parierte nicht, der Degen fuhr ihm in den Leib, und der Leichnam stürzte die Treppe herab – doch nein. In dem Augenblick, da der König zustieß, stieß jemand den Leutnant zurück, und der Degen des großen Friedrich fuhr bis ans Heft dem – Marquis von Cabanis in die Brust. Er sank – nicht die Treppe hinunter, sondern galant auf das – Knie, zog den Degen mit Geschicklichkeit aus dem Leibe und präsentierte ihn zierlich dem König mit den Worten: »Sire, Sie haben mir Gerechtigkeit gewährt. Heil meinem großen Monarchen!« Nun war alles Freude und Jubel, der Marquis tanzte, und die Treppe und Berlin tanzte, Eugenie und Etienne standen am Altar, und der Marquis, dessen Wunde, nachdem viel Blut herausgeflossen war, zum bunten Ordensbande zuheilte, legte beider Hände ineinander, und rufend: »Kinder, wir müssen eine große Galoppade tanzen, denn es gibt nur einen einzigen König Friedrich«, schwenkte er den Leuchter.

Eugenie drückte zu, aber Etiennes Hand verging zu Luft, sie riß die Augen auf, dem Marquis fiel der Leuchter aus der Hand, aber des Marquis Gesicht grinste sie doch noch an. Den Finger auf dem Mund, war er im nächsten Augenblick zur Tür hinaus. Sie rief ihn zurück, er wollte nicht. Sie rieb sich die Augen: »Fatale Träume! Immer Menschen sehen zu müssen, die man nicht mag! Aber der Marquis...« Es überzog sie ein eisiger Luftzug. »Das war er ja selbst, das war nicht Traum. – Torheit!« Sie sprang auf. Ihr Fuß stieß an den Leuchter, die Tür war offen. – »Was ist das? – Traum, Märchen? – Herr Marquis!« Sie rief den Namen, schauderte und lachte. – Es bellte unten. Wo war der Hund, wohin der treue Pudel? – Das war seine Stimme, seine! Sie riß das Fenster auf. Die Eisluft war warm. Von einem schwarzen Pferde sprang ein Reiter. Der Reiter, das Pferd und der Hund, der ihn mit tollen Jubelsprüngen belästigte, während er des Tieres Zügel an einen Baum hängte, waren die einzigen lebenden Wesen in der weiten Schneeeinsamkeit. Der weiße Schnee war grüner Rasensamt, von Morgenrot überfärbt, die weißen, Schneelasten tragenden Bäume grünten und blühten, Singvögel zwitscherten in der eiserstarrten Luft. Sie konnte kaum die dunkle Gestalt in ihren Umrissen erkennen, war sie doch beständig eins mit dem an ihr emporspringenden Hunde, und doch wollte sie sie anrufen, aber der Name Etienne erstarrte in der Kehle, die Lippen versagten, oder die Lunge hatte nicht die Kraft. Die dunkle Gestalt wandte sich durch den hohen Schnee nach einer Stelle der Mauer, wo die Hinterpforte angebracht war. Eugenie streckte ihr die Arme entgegen, wer mochte das unten sehen? – »Ich komme«, rief sie, wer mochte das hören? Im Fluge war sie zur Tür hinaus. Die Pelzsaloppe blieb an einem Nagel hängen. Was brauchte sie einen Pelz? »Vorsicht!« flüsterte ihr eine bekannte Stimme im dunklen Vorflur zu. Was bedurfte sie der Vorsicht? Sie sprang, sie flog am Gehseil die enge, dunkle, eckige Wendeltreppe hinunter, wo sie bei hellem Tage jede Stufe betastete. Sie mußte wieder treppauf, in der Dunkelheit fand sie auf den ersten Griff die Schlüssel zu den Türen. Da schwang er sich – sie sah es vom Korridorfenster – über die niedrige Mauer. Nur ein kurzer Gang, nur eine Tür trennte sie noch von ihm, und sie hielt den Schlüssel in den Händen.

Das Schloß drehte sich um. Jetzt saß der Schlüssel; eine Hand von außen drückte die Klinke nieder, die Zugluft riß den mächtigen Eichenflügel weit auf. »Bist du's?« rief sie und lag aufatmend an der Brust des Eintretenden. Der Nordwind brauste durch den offenen Zugang. Dem Glücklichen wurde bang für das warme, frische, junge Leben, das alle seine Pulse in seiner Brust auszuatmen schien. Er schlang den Mantel um sie und drückte seine Lippen auf ihre Stirn. Sie hatte ihm noch nicht ins Gesicht gesehen. Die Gedanken zuckten wie Blitze in sich begegnenden Gewittern. Wenn er es nun nicht, wenn es ein anderer war! – Er sprach ja nicht. – Es wäre entsetzlich. Sie betete, daß er es sei. – Da hörte sie ihren Namen, es war seine Stimme. Sie hätte jetzt um Vergebung beten mögen, daß ihre Angst einen Augenblick hatte zweifeln können.

»Du bist es, du lebst, bist bei mir, das ist kein Traum mehr – nein, nein, das ist Wahrheit. O, warum schweigst du noch?«

»Noch bin ich's, Eugenie, bei Gott, noch ich und nicht mein Geist.« Er wandte sich, und das schwache Mondlicht beschien sein Gesicht, aber die Tür widerstand ihm, als er sie gegen den Sturm zudrücken wollte.

»Fort, fort von hier«, rief Eugenie, »daß sie dich nicht wieder mir fortnehmen, der tückische Zufall, die bösen Feinde, der neckende Traum. Hier, weißt du, das war ja die Tür, wo wir uns sahen, um zum erstenmal uns zu trennen. Nie, nie mehr trennen.«

Sie hatte ihn ins innere Schloß gezogen. In derselbe Halle, auf derselben Bank, wo er einst verwundet, ein schöner Jüngling, in der malerischen Uniform der Magyaren gesessen hatte, saß er auch jetzt – ihr Arm um seinen Hals –, sie weinte an seiner Brust, sie zitterten vor Freude, sie sprachen miteinander, sie wußten nicht, was. Es war so unendlich viel, wie sollte das Unendliche in ein paar Worte gefaßt werden? Es waren Brocken, so unzusammenhängend, so Unwichtiges berührend, daß ein dritter Zuhörer beide für verwirrt gehalten hätte.

Und der Zuhörer fehlte nicht. – »Wie kamst du her? – Sie haben dir nach dem Leben gestellt? – Bist du verwundet? – O Gott, geritten in der kalten Nacht – die Hand ist noch erstarrt und klamm. – Du bist gewiß nicht verwundet?«

»Ein guter Geist hat mich geschützt und durch alle Gefahren geleitet.«

»Also doch Gefahren? – Wer schickte dich in die Gefahr? – Wer wagte nicht selbst, wer war so feig, so elend, so kleinlich ...«

Etienne hatte bis dahin, den Arm um ihren Leib geschlungen, sie angehört, statt zu antworten, stand er plötzlich auf. »Was willst du?« – sie blickte in die Höhe, sie war nicht mehr allein mit dem Geliebten. Die Halle hatte sich gefüllt, lächelnde Gesichter, Neugier, Staunen, Wohlgefallen in den Blicken. Die mitgebrachten Kerzen beleuchteten das selige Paar, das den Eintritt so vieler übersehen, überhören hatte können. Nur eine peinliche Miene hätte man hier bemerken mögen, die des Schloßherrn.

»Euer Exzellenz, ich komme, zu melden ...« wollte der Offizier anheben.

»Daß Sie hier sind«, unterbrach ihn lächelnd der General, »und das freut mich Ihretwegen und einer geehrten Freundin halber; daß auch mir als des Königs General Ihre Ankunft willkommen ist, darf ich hoffen.«

»Sie dürfen«, antwortete Etienne mit der Miene frohen Bewußtseins.

»Davon melden Sie mir später. Es wäre unrecht, wo keine Gefahr im Verzuge ist, die Freude eines Wiedersehens im ersten Augenblick schon stören zu wollen, eine Freude, die kein Lohn eines Monarchen ersetzte. Der Meinung ist unser würdiger Wirt doch auch?« wandte er sich zum Grafen, seinen Arm vertraulich fassend.

»Ich muß nur bedauern, daß meine werten Gäste noch so späten Störungen ausgesetzt sind«, entgegnete dieser. »Meine Schuld ist es nicht.«

»Sie sehen, man läßt sich ja nicht stören«, sagte der General, auf Eugenie deutend. Mit klarem, glänzendem Blick, den Arm in dem des Geliebten, schaute sie umher, allen erklärend: Ja, ich bin glücklich, und alle fragend: Wer hat etwas dagegen?

»Das sind nicht mehr Gespenster, meine Herren, deren Stunde ist vorüber«, wandte der General sich zu den Anwesenden mit Laune, die beiden ihnen vorstellend: »Das sind wirkliche, menschliche, und zwar glückliche Wesen. Hier Leutnant Etienne, eben zurückgekehrt von einem ehrenwerten, schwierigen Auftrag, der glückliche Verlobte der Komtesse, unserer liebenswürdigen Wirtin. Gratulieren Sie, meine Herren! Ich beginne, den würdigen Mann an meiner Seite meiner vollen Teilnahme zu versichern. Sein Auge glänzt vor Freude, seine Arme breiten sich unwillkürlich dem langersehnten Eidam entgegen. Überlassen Sie sich ganz Ihrem Gefühl, Herr Graf.«

Die angekündigte und anempfohlene Umarmung fiel etwas steif aus.

»Auf meinem Zimmer erwarte ich Sie«, flüsterte der General dem Leutnant zu und verabschiedete sich von Eugenie mit einem Tone, der herzliche Teilnahme verriet. »Sie sind doch mit mir zufrieden, schöne Komtesse? Aber sie sollen es noch mehr werden.« Der Graf hatte sieh vor ihm unbemerkt davongeschlichen.

Die übrigen Anwesenden waren – aus Diskretion oder vom Schlaf getrieben – dem Beispiel der beiden Häupter der Gesellschaft bald gefolgt, ohne den Liebenden von den kostbaren Augenblicken durch Abschiednehmen einige zu rauben. Die Augenblicke wurden zu Minuten, wo Eugenie dem Geliebten sagen konnte, daß er ein böser Zauberer sei, der sie so verwandelt habe, daß sie sich selbst nicht wiedererkenne. Tausend Dinge wollten sie sich sagen, und als die Scheidestunde schlug, hatten sie sich nichts gesagt.

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