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Willibald Alexis: Cabanis - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorWillibald Alexis
titleCabanis
firstpub1832
addressFrankfurt
senderwww.gaga.net
created20050816
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5. Die Familie

Die Susanne rüttelte mich aus dem Schlaf. »Auf, auf, Junkerchen, sie kommen schon zusammen, daß du nicht der letzte bist.«

Die Frühstücksmilch verschüttete ich zur Hälfte, die Semmel konnte ich nicht 'runterwürgen. Die Susanne schalt und zog mich mit sich hinaus. Auf dem ersten Treppenabsatz konnte ich schon nicht weiter; ich zerrte sie am Rock und bat sie, nicht so schnell zu gehen.

»Schämst dich nicht, Etienne?« sagte sie, die über Nacht ihre Ketzerangst ganz verschlafen zu haben schien. »Du bist ein großer Junge, was werden die Verwandten dazu sagen?«

Ich wußte wohl, was ein Familiengericht war, es hatte weit mehr zu bedeuten, als daß der König tot war; ach, in dem Augenblick war es schrecklicher als das Katholischwerden.

Ich huschte fast unbemerkt in den großen Saal. Und weil es so unbemerkt geschehen konnte, ward ich doch ordentlich zweifelhaft, ob denn um meine kleine Person die vielen Umstände gemacht würden. So glänzend, so vollständig war noch keine Hochzeit, keine Kindtaufe gewesen. Die Frauenzimmer, wenn auch für ihren Leib, konnten doch kaum in dem, was die Mode und der Schneider dazugetan, auf den Stühlen längs der vier Wände, die Herren mit ihren spitzen Degen kaum ohne sich zu spießen, an den Pfeilern und Fenstern Platz finden. Doch wurde daran fürs erste noch gar nicht gedacht. Meine Mutter bekomplimentierte sich, wie es sein mußte, mit den Eintretenden, die vorher unter sich, auf dem Flur, einen Kampf der Höflichkeit über den Vortritt bestanden hatten. Die kerzengerade Haltung der Damen bei den tiefen Knicksen, der Wellenschlag ihrer Reifröcke, in denen ihr Leib versank, die ernsten Mienen unter den turmhohen Frisuren und die wallenden Federn oben, ich hätte schon damals gelacht, wäre nicht alles auf meinen Rücken abgesehen gewesen.

Es verging eine Viertelstunde, ehe dies wogende Meer auseinander kam, ehe ein jeder einem jeden ein verbindliches Wort gesagt und seinen Platz gefunden hatte. Man sah meiner Mutter die Angst an; sie konnte doch aus Versehen einen Vornehmeren zu tief, einen Geringeren zu hoch placiert haben! Die Ordnung hier war kein leichtes Geschäft, da nicht allein Rang und Reichtum an sich, sondern die verschiedene Abstammung zur Sprache kam. Ein deutscher und ein französischer Rat, von einem Dienstalter, ein deutscher und ein französischer Kaufmann, von gleichem Vermögen, wie sollten sie rangieren? Wie oft hatte meine Mutter den Vorwurf der Verwandten des Vaters gehört: sie begünstige ihre Kolonie, wie deutlich hatten dagegen die näheren Blutsfreunde es ihr zu verstehen gegeben: sie halte nicht genug Familienehre, sie sei zu nachgiebig gegen die Anmaßungen der Sippschaft ihres Mannes.

Man reichte die Schokolade herum. Die grauen Augen des Paten flogen schielend über den weiten Kreis, und der große Mund blieb in einem immerwährenden leisen Lächeln. Er schien der heimliche Dirigent oder gar der Autor des traurigen Schauspiels zu sein; wenigstens merkte man ihm an, daß er im voraus wußte, was kommen sollte. Sein unansehnlicher, fast schmutziger Anzug paßte aber wenig für eine so glänzende Versammlung.

Unfern von ihm stand der Onkel Rat, gewiß der erste Stern in der Familie, obschon er noch keinen auf der Brust trug. Sein Haar war am feinsten frisiert, seine Schnallen waren die blanksten, sein Anzug der polierteste, gewiß war es auch seine Rede. Auf dem Degengriff ruhte seine linke Hand und auf seinen Lippen ein wohlgefälliges Lächeln. In seiner Milde und Behutsamkeit war der Onkel Rat der Gegensatz zu meinem strengen, herb auffahrenden Vater. Sein Bruder, der Geistliche, war ein bejahrter Witwer und sonst ein stiller Mann. Er trug eine rötliche, glatte Perücke und begrub sich den ganzen Tag in sein Studierzimmer, dessen vier Wände mit allen Ausgaben des Horaz sich füllten; das ist ziemlich alles, was ich von ihm wußte und weiß.

Aber der eigentliche Glanz unserer Familie strahlte vom Kanapee aus. Dort saßen drei Frauen, und das war ein Anblick, der auch jedem Fremden Ehrfurcht gebot. Die an den beiden Ecken hatte die Natur mit junonischer Schönheit bis ins Groteske ausgestattet; die mittlere, älter an Jahren, konnte kaum, vermöge ihrer hohen Frisur und den Federn auf derselben, mit den beiden Riesinnen Reih und Glied halten. Es war hier eine schwierige Vereinigung zwischen dem Stolz der Deutschen und der Kolonialverwandten zustande gekommen. Die mittlere Dame war nämlich die Tante Rätin, welche noch viel besser als ihr Gatte wußte, was es zu be- deuten hat, königlicher Rat zu sein.

Die beiden anderen Damen hatte ein besonderes Glück in die deutsche Familie meines Vaters versetzt. Ich konnte aber dem Himmel für diese besondere Gunst nie so dankbar sein, wie mein Vater es verlangte. Der Wechsler und Bankhalter Splittegarb hatte nämlich zwei einzige Töchter, die, was die Größe anlangte, seinem angefüllten Geldkasten nichts nachgaben. Von ihrer zwiefachen Höhe hatten sie die Schar der kleinen Freier mit hochmütigem Blick übersehen, ohne unter ihnen einen Gegenstand bemerkenswert zu finden. Auch der Vater, einer der reichsten Männer der brandenburgischen Hauptstadt, der viel auf Gleichheit hielt, fand unter allen Bewerbern in der Nähe keinen würdigen Eidam, der in die andere Waagschale so viel werfen könnte, wie er seinerseits hineintat. Er hatte aber nach Wien und Amsterdam geschrieben und vertröstete seine Töchter. Da wollte das launenhafte Glück, daß der König bei einer Bärenhetze beide jungen Damen sah. Er hatte schon viel von ihrer Größe gehört, fand aber seine Erwartung noch übertroffen, und ein Gedanke stieg in ihm auf, der sich noch am selbigen Abend zu einem festen Entschluß gestaltete. Er wollte ihr Glück machen und des Kaufmanns beide große Töchter mit den beiden Flügelleuten der Garde verheiraten. Aus seiner Schatulle selbst wollte er eine bedeutende Aussteuer geben, denn aus einer solchen Ehe konnten doch füglicherweise nur wiederum große Männer und Frauen für das Land hervorgehen! Herr Splittegarb liebte zwar auch die Gleichheit, hatte aber andere Begriffe als der König von den gleichen Ehen. Sein wohlfundiertes Handelshaus schien ihm keine Stützen oder Säulen an den beiden baumhohen Grenadieren zu gewinnen, Noch weniger freuten sich seine Töchter auf die Männer mit Musketen. Ein Widerspruch gegen den ausgesprochenen höchsten Willen lag für den Hofwechsler außer Frage; das leuchtete allen Teilen gleich ein. Es mußte daher eine vermittelnde Auskunft gesucht werden. Die verschriebenen Bräutigams aus Wien und Amsterdam wären selbst auf Fausts Zaubermantel nicht schnell genug eingetroffen, in der Stadt selbst aber waren keine tauglichen Bewerber in der Eile aufzutreiben.

Nun traf es sich, daß zwei Vettern meines Vaters als bescheidene Kommis im Kontor des Herrn Splittegarb gerade noch arbeiteten, als der Wächter schon die zehnte Stunde ausrief. Sie waren nur an hohen Festtagen zur Tafel ihres Prinzipals gezogen worden und mit den Töchtern des Hauses in keine andere Berührung gekommen, als daß sie ihnen beim Einsteigen in den Wagen den Kutschenschlag hielten. Man denke sich daher ihre Verwunderung, als beide, »wie sie da wären«, in des Prinzipals Wohnstube zitiert wurden. Hier fragte man sie, ob sie geneigt seien, Herz und Hand den Töchtern ihres Herrn zu überlassen. Da eine verneinende Antwort nicht wohl denkbar war, stand der Notar schon bereit, die Verlobungsringe lagen auf dem Tisch, die Protokolle waren bald in Richtigkeit, und die Damen schrieben in schlecht verhehltem Zorn ihre Namen darunter. Da nun soll es sich begeben haben, behauptet der böse Leumund, daß eine Verwechslung vorfiel. Jungfrau A verlobte sich durch ihre Schrift dem Kommis und Vetter B, da doch vorher bestimmt war, daß sie den Vetter A heiraten solle, und Jungfrau B, dem B bestimmt, jenen A. Der Notar wollte, als dies beim Vorlesen bemerkt wurde, den Bogen zerreißen, die Erbinnen erklärten aber, das sei im Grunde gleichgültig, sie hätten nicht Lust, zweimal zu unterschreiben, es müßte nun schon dabei bleiben, und meine Vettern waren noch allzu verblüfft von dem Glück und viel zu demütig, um etwas dagegen einzuwenden. So bekam jeder meiner Vettern erstens eine reiche Frau, er wußte nicht wie, und zweitens statt der bestimmten eine andere. Am ändern Morgen um sieben Uhr schon – es war im Winter – saßen die Neuverlobten in zwei Kutschen und gaben ihre Karten in der Stadt ab. Um neun Uhr erhielt Herr Splittegarb die Aufforderung, vor dem König zu erscheinen. Er war außer sich vor Zerknirschung, als er das Anerbieten des Monarchen vernahm, sprach vom gerührten Vaterherzen, das ihm nicht länger erlaubt, den Tränen seiner geliebten Töchter zu widerstehen, von der aufopfernden Liebe der beiden Jünglinge, erbot sich aber, wenn Seine Majestät es gutheiße, das kaum geknüpfte Band wieder zu zerreißen. Der Monarch war ärgerlich, aber eine Verlobung, als Vorbereitung zu einem Sakrament, ihm eine viel zu ernste Sache, um dies zuzugeben. Auf diese Weise hatten unsere Vettern die reichsten Erbinnen von Berlin gewonnen, und das Glück war mit einem Male, wir wußten nicht wie, in unserer Familie!

Wenigstens hieß es so. In den engeren Familienkreisen unserer Vettern befand es sich nicht jederzeit. Außerhalb des Hauses zog man freilich von nun an vor ihnen als vor reichen Leuten tief die Hüte, im Hause waren sie aber nicht mehr als vorher, das heißt die gehorsamen Diener ihrer Prinzipalstöchter. Sie mußten, wenn sie in die Wohnzimmer ihrer Frauen treten wollten, sich melden lassen, sie wurden zum Essen gerufen und mußten Fächer und Tücher halten.

Der Vater sah ruhiger aus, als ich es mir vorgestellt. Die Hände auf dem Rücken, stand er nicht weit von mir, und ich behorchte manches von dem, was er mit dem Oheim Rat im Vertrauen sprach, während die Schokoladebecher noch klapperten und die Mitteilungen der Gevatterinnen und Nachbarinnen in ein dumpfes Gesumme ausliefen.

»Bis zwölf ist es abgetan«, bemerkte der Vater. »Wir warten nur auf den Inspektor von Joachimsthal.«

»Die Herren werden heut' auch zu tun haben«, sagte der Oheim.

»Warum verschoben wir es nicht wenigstens? Daß gerade an einem so wichtigen Tage die Familie zusammenkommen mußte.«

»Für mich ist ein Tag so wichtig wie der andere, wenn ich meine Pflicht tue«, rief der Vater. »Selbst die neue Majestät soll mich darin nicht hindern. – Ist sie schon aus Rheinsberg eingetroffen?«

»Gewiß, gewiß.«

»Die Herren denken vielleicht schon daran, daß eine neue Zeit kommt«, hub mein Vater nach einer Pause an. »Nun, das ist etwas früh, der alte Herr hat sich kaum schlafen gelegt; man sollte meinen, schicklichkeitshalber sollten sie doch traurig scheinen, bis er in der Gruft liegt. Aber das wird unserer Jugend zu lang. Hübsch schnell abgeworfen die alte, strenge Zucht, die Aufsicht ist fort. Ja, wir werden andere Zeiten bekommen, Herr Schwager. Die deutschen Männer aus der guten Zeit von ehemals können immer ihr Plätzchen hinterm Ofen bestellen. Der alte Dessauer soll gestern schon sehr bedenklich den Kopf geschüttelt haben. Für den wird auch keine Ehre mehr abfallen. Die bleibt den modischen Ausländern!«

»Es weiß ja noch niemand, was kommen wird«, sagte der Rat.

»Ich meine, wir können es raten. Unser magerer Sandboden, denk' ich, wird jetzt fett werden von Unrat. Die nichts zu beißen und zu brechen haben auswärts, werden zu uns laufen, wenn sie nur Verse machen können und einen Witz reißen über die Ehrbarkeit. Es wird ein sauberes Gesindel ins Land kommen. Berlin wird ein Magnet werden für alle schlechte Sippschaft. Alfanze und Tanzmeister kommen in den Geheimen Rat, der brave deutsche Mann wird sich nicht tief genug bücken können und doch nichts abkriegen als Spott. Man wird einen Verdienstorden stiften für ungehorsame Söhne. Die Zucht- und Arbeitshäuser werden sich füllen, wenn man's noch der Mühe wert hält, für sie was auszugeben. Die schöne Armee, die das Königreich bei den Potentaten in Respekt hielt, sehe ich schon entlassen, denn für die Soldatenzucht soll der junge Herr so wenig Sinn haben wie für Kirchenzucht und Ordnung. Die Akademie wird ins königliche Schloß logiert. Im Staatsrat wird man wohl Konzerte geben. Der Tag wird Nacht und die Nacht zum Tage von den lustigen feinen Gesellschaften. Ein ehrbarer Mann wird nicht mehr am Schloßplatz wohnen können, und der Große Kurfürst auf der Brücke kann sich nur umkehren, weil er nicht mehr aufs Schloß wird sehen wollen. Ja, Herr Schwager, das sehe ich kommen: König Fridericus der Erste, gottseligen Andenkens, hat das Königreich Preußen gestiftet, und unter Fridericus dem Andern wird es in Schimpf und Schande untergehen.«

»Herr Schwager sind in einer irritierten Stimmung«, sagte der Rat, während seine Augen mit dem Ausdruck inneren Entsetzens umherforschten, wer die Blasphemie mit angehört haben könne.– »Sollten doch bedenken«, setzte er hinzu, »mit wem man sich unterhält; auch bedenken, daß der Kronprinz in letzten Tagen in löblichem Vernehmen mit der Majestät ihres höchstseligen Herrn Vaters standen.«

»Kann sein, kann sein, Herr Rat! Mancher Mann sieht durch eine schwarze Brille, aber darum doch geradeaus. Ich habe nicht gelernt, anders zu sprechen, als ich denke. O, ich weiß, es hoffen bei uns viele, denen die alte Zucht ein Dorn im Auge war, auf die neue Sonne. Sie meinen, ein Kronprinz, der französische Bücher schrieb, habe einen guten Anfang gemacht zu einem deutschen Könige. Preußen wird ein Schlaraffenland werden. Die alten Vorurteile werden mit eins fortgeblasen sein und die Bauernknechte französisch reden, weil der junge König ein Philosoph ist. Ich meine aber, wir leben in einem armen Lande, und mit dem bloßen Sonnenschein ist nichts getan. Ich meine, wir sind nicht hier, um Melonen und Weintrauben zu ziehen, sondern mit unserer Hände Arbeit Korn zu säen zum täglichen Brot, nicht um zu singen und zu tanzen, sondern im Schweiß unseres Angesichts zu graben, pflügen, säen und dann zu ernten, was der liebe Gott in seiner Gnade beschert.«

»Worin Seine neue Majestät auch gewiß nichts ändern werden«, sagte der Rat mit feinem Lächeln. »Indessen, mein lieber Herr Inspektor, wir können doch nicht alle Bauern sein; wenn wir alle den Flegel in die Hand nähmen, wo bekämen wir dann unsere Kanzleirevisoren und Inspektoren her? – Freilich, es könnte mancherlei anders werden. Man wird der Kunst und Wissenschaft an der Spree vielleicht Tempel bauen, allein darum wird man doch in Teltow Rüben ziehen, und alle Bauerntölpel werden noch nicht Flöte spielen.«

»Wenn wir aber einen König haben, der Flöte spielt und französische Verse macht, wie da, Herr Schwager, werden die europäischen Potentaten, die schon mit Neid unser Wachstum anschielten, denselben Respekt behalten, als da ein König, wie der Hochselige, seine Siebenzigtausend ihnen vorexerzierte?«

»Nun, wenn er auch gerade keinen zweiten Prinzen Eugen verspricht, so gibt es doch in der Geschichte Beispiele von Manövern ohne Soldaten, von Schlachten, die man auf dem Papier liefert, von einer diplomatischen Strategie. Der junge König wird höfliche Agenten an die diversen Höfe schicken, durch Versicherung ferneren Wohlwollens alte Freunde zu erhalten, durch graziöse Komplimente neue zu gewinnen suchen. Da er ein feiner Mann ist, wird ihm das besser gelingen als dem Hochseligen, der etwas mit zu derber Sprache dreinfuhr. Seine geschmackvolle Neigung hat ihm schon als Kronprinz Freunde bei den einflußreichen Großen und schönen Geistern in Paris gemacht. Der Hof von Versailles wird ihn gewiß protegieren, und die von einigen Patrioten hier so absonderlich gefürchtete Regierung wird sonder merklichem Aufheben und Skandal, mein werter Herr Inspektor, zu Ende kommen.«

Meines Vaters patriotisches Herz hatte zwar viel Furcht vor dem kaiserlichen Hofe, immer gaukelte ihm dunkel die Furcht vor, daß einmal ein zweiter Schwarzenberg über Nacht uns um unsere Selbständigkeit, den Protestantismus oder Gott weiß was, bringen könnte; aber er war doch mehr Deutscher als Preuße, und der Gedanke einer Protektion von Versailles mußte sein Innerstes empören.

»Amen!« rief er. »Gut, daß ich ein alter Mann bin und das Ende nicht zu erleben brauche. Bring er's zu Ende und mit Ehren; ich habe meine eigene Ehre. Die ist altmodisch, darum will ich sie für mich behalten. Mein Haus ist auch altmodisch, aber es hat eichene Türen und eiserne Beschläge dran; die sollen Zucht und Sitte verschließen.«

Ihr Gespräch wurde hier durch die allgemeine Aufmerksamkeit unterbrochen, mit der alle Köpfe sich nach der Tür drehten. »Er kommt«, hieß es, und man hörte Tritte die Treppe herauf.

»Wer kommt?« fragte es in mir, und mein Herz schlug so stark, daß es meine Nachbarin erschreckte. Mein kleiner Verstand hätte sich längst sagen können, daß ich diesmal nicht der Verurteilte war, daß das ganze Gewicht des Familienzorns auf einem anderen lastete, ich konnte ahnen, wer der andere war, und doch – der Himmel muß große Nachsicht haben mit der menschlichen Schwäche –, ich konnte in dem Moment meine ungeheure Freude nicht vor mir selbst verbergen, daß es ein anderer war und nicht ich.

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