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Willibald Alexis: Cabanis - Kapitel 49
Quellenangabe
typefiction
authorWillibald Alexis
titleCabanis
firstpub1832
addressFrankfurt
senderwww.gaga.net
created20050816
projectidbcf691ea
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Fünftes Buch

Wintermärchen

1. Das Gardinenregiment

Die Offiziere waren auf der Jagd. Der Wind trieb durch das Sehneegestöber die Flintenschüsse deutlich heran. Eugenie am Fenster zuckte bei jedem Knall zusammen. »Wenn ihn nun der getroffen hätte! Ein einziger Schuß ...«

»Ist genug, um einem Menschen das Leben zu nehmen, das ist eine noch nicht bestrittene Wahrheit. Aber Sie haben in Ihrem Leben schon wenigstens hunderttausend Schüsse gehört, und heut' sind nur Hasen und Rehe an der Reihe.«

»Es könnte doch ... Du hast nicht geliebt.«

Das Fräulein summte eine halben Ton zwischen den Lippen.

»Verzeihung, Liebe. Ich fühle wohl, ich bin wie ein Kind. Die sich am stärksten dünkten, werden die Schwächsten; das peinigendste Fegefeuer aber ist die Ungewißheit. Da wird das kleinste bißchen Hoffnung Himmelsbalsam.«

Der Graf war eingetreten, Bücher und Portefeuilles im Arm; seine Miene war wohlgefällig: »Reflektionen angestellt über die Vergänglichkeit der Dinge?« rief er den Damen zu. »Was ist denn Himmelsbalsam?«

»Wir sprachen eben von der Süßigkeit des Schlafens«, antwortete das Fräulein. »Die Komtesse meinte, es gebe nichts Angenehmeres, als des Morgens im besten Schlaf sich wecken zu lassen, um dann doch weiter fortzuschlafen!«

»Ob die Herren drüben gutes Glück haben?« bemerkte der Graf.

Die Unterhaltung fing mit der Bemerkung an, daß das Wetter schlecht sei, worauf der Graf hinzufügte, daß es »für Preußen gut genug wäre«.

Amalie erhob sich plötzlich auf den Zehen und blickte mit ausgerecktem Halse über die Schulter des Grafen. »Was war das?«

»Bemerkten Sie etwas?«

»Es kann Täuschung gewesen sein, aber mir kam es vor, als blicke ein Gesicht aus dem Kamin hervor, im Augenblick, wo Sie das von den Preußen sprachen.«

Der Graf stand im nächsten Moment am Kamin, wo nichts zu sehen war.

»Das Schneegestöber blendet«, sagte das Fräulein, »und man kann sich mit sächsischen Augen so gut wie mit preußischen irren.«

»Vorsichtig mit den Ausdrücken, Prinzessin!« warnte der Graf in einem vom vorigen ganz verschiedenen Ton. »Man kann doch nicht wissen ...«

»Teuerster Graf, das ist es ja gerade, um was ich Sie bitten muß. Wenn das ein Offizier gehört hätte! Sie exponieren zu leicht Ihre werte Person in patriotischem Eifer. Sie bedenken nicht, daß Sie sich – auch für uns erhalten müssen.«

Die liebkosende Bewegung, mit der das Fräulein um das Kinn des grauen Hofmanns spielte, konnte nicht sogleich die Bewegung unterdrücken, die ihre Bemerkung veranlaßt hatte. »Sie sind also gewiß ...«

»Daß ich mich diesmal getäuscht haben könnte. Es sind ja alle aus auf die Jagd. Ich bedauere unser armes Revier.«

»Sie werden nicht mehr viel jagen.«

»Wild und Unkraut wächst im Kriege alles wieder. Erinnern Sie sich nur, wie uns damals, als wir aus Dresden kamen, alles hier zerstört und aufgezehrt dünkte und wie charmant es sich jetzt noch hier wohnen läßt, im Vergleich mit unserem Hotel in der Moritzgasse, wo die preußischen Bomben indes bis ins Kellergeschoß schlugen.«

»Ich werde es den preußischen Bomben nicht vergessen.«

»Man gewöhnt sich an alles, Herr Graf. Im Alter stimmt jeder seine Forderungen herunter. Sehen Sie, dieser König von Preußen, erst wollte er die ganze Welt erobern, dann, als er ein bißchen mit dem Kopf an eine harte Wand gerannt war, begnügte er sich mit Schlesien, und heute ficht er um nichts mehr, als daß sie ihn nur existieren lassen. So geht's, meine ich in meinem bescheidenen Verstande, bergab mit allen sterblichen Wünschen. Wir zum Beispiel, Ihre gnädige Tochter und ich, Gott, in unserem siebzehnten Jahre dachten wir an nichts anderes als an Prinzen und Fürsten, zum wenigsten Minister und Feldmarschälle – versteht sich: junge, und lauter Exzellenzen – häkelten wir an unsere Schleppe. Und heut' steht unser Sinn nicht höher als auf Leutnants. Ja, unser teuerster Papa, es ist eine eigene Geschichte, wenn man alt wird. Ich weiß von Staatsmännern, die in ihrer Jugend sehr gescheit waren, auch noch gescheit sind, sich aber im Verlauf der Zeit so herabgestimmt haben in ihren Plänen, daß, während sie sonst zwischen Kaiserinnen und Königinnen kuppelten, Bündnisse unter europäischen Kabinetten intrigierten und zerrissen, sie sich heut' begnügen, gegen Proviantfuhren zu konspirieren und – gegen Leutnants. Du lieber Gott, wenn große Politiker so heruntersteigen, wer wollte dann noch klagen, daß er auch mit seinen Wünschen herunter muß?«

»Was meinen Sie denn mit Leutnants?« fragte der Graf ärgerlich.

»Das entfuhr mir so unschuldigerweise als Beispiel. Wir können dafür auch ›Portepeefähnriche‹ setzen.«

»Gegen Leutnants«, fuhr der Graf fort, »die es in einem sechsjährigen Kriege nicht bis zum Rittmeister gebracht haben, braucht doch wohl niemand zu konspirieren.«

»Sie müßten, dünkt mich«, bemerkte die Komtesse mit einiger Bitterkeit, »jetzt mit Friedrich recht zufrieden sein.«

»Sind Sie das?« fiel Amalie ein. »Ach, was der große König für ein eigen Schicksal hat! Anfänglich waren alle alten Weiber, sowohl männlichen als auch weiblichen Geschlechts, wider ihn, jetzt, da er alt wird, fangen aber auch die jungen schon an, auf ihn loszuhacken, zumal die Enthusiastinnen, weil er nicht jeden Leutnant zum Generalleutnant avancieren kann.«

»Was bewegt denn nun unser Fräulein zur Bewunderung?«

»Pures Mitleid! Sie erinnern sich, wenn die Komtesse ein schönes Kleid so früh ablegte, trug ich es noch ein paarmal, wenn es mir auch nie gefallen hatte, bloß aus Teilnahme für die gefallene Größe. Ach, und dieser Friedrich, jüngst noch verehrt im Schlosse wie ein Halbgott, wie strahlte und knisterte es durchs ganze Haus von seiner Glorie, und jetzt steht die Bewunderung für ihn, die Liebe, das Bedauern, das Mitleid, das man doch den gewöhnlichsten Leuten schenkt, die einmal an unserem Tische gesessen haben, wie ein abgeriebener Besen im düstersten Winkel. Meine teuersten Verwandten, ich müßte ja kein menschliches Wesen sein, wenn sich da nicht das Herz im Leibe umkehren und das Mitleid hätte regen sollen. Erlauben Sie mir doch, noch ein klein wenig den armen Mann und König zu lieben. Es wird bald vorüber sein.«

»Wir erlauben dem Fräulein, wozu es Lust hat, nur ersuchen wir es, auf uns mehr Rücksicht zu nehmen als auf die fremden Gäste, und von der Klugheit unserer Tochter sind wir überzeugt, daß eben, wie ihrem scharfen Blicke die Glorie um des preußischen Königs Haupt verschwunden ist, auch der falsche Schein um die Köpfe seiner Soldaten sie nicht mehr lange blenden wird.«

»Gemerkt?« fragte Amalie, als der Graf den Saal verlassen hatte.

»Wie kannst du immer noch dein Vergnügen darin suchen, den alten Mann aufzuziehen?«

»Und wie kann der alte Mann noch immer intrigieren, da ihm doch nie etwas gelungen ist? Er führt wieder etwas Ungeheures im Schilde. Passen Sie auf, er fädelt etwas ein, das uns alle in Erstaunen setzen soll. Läge nicht der Schnee ellenhoch, so glaubte ich, er unterminiere das Schloß, um die preußische Einquartierung in die Luft zu sprengen.«

»Er bleibt mein Vater, Amalie. Wie ich auch für mich handeln und denken werde, meiner Pflicht getreu, so werde ich doch stets dabei bedenken, daß er mit jedem Jahre älter und schwächer wird und damit kein Gegenstand des Spottes, sondern der fürsorgenden Achtung.«

»Ach, was das gut ist, wenn man in seinem Alter moralisch wird«, brummte Amalie der Abgehenden nach.

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