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Willibald Alexis: Cabanis - Kapitel 48
Quellenangabe
typefiction
authorWillibald Alexis
titleCabanis
firstpub1832
addressFrankfurt
senderwww.gaga.net
created20050816
projectidbcf691ea
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12. Viktoria!

In Jacke und Schürze eines Handwerksmannes – denn auch der braune Pächterrock des Eigentümers aus Wasserburg konnte ihm nach den letzten Vorfällen gefährlich werden – wanderte Etienne durch das Brandenburger Tor und sagte der Vaterstadt, die ihn nicht als Sohn anerkannt hatte, zum zweiten Male Lebewohl.

Die Nacht war noch fern; statt der tausend Lichter hinter ihm klangen ihm diesmal die tausend Stimmen der Beute packenden Troßknechte nach, fluchender Kosakenoffiziere, jammernder Bauern, deren magere Pferde die übertürmten Bagagewagen ziehen sollten. Requirierte Gespanne von Charlottenburg bis Berlin. Der Wind schüttelte die Wipfel des Tiergartens und fegte die gelben Blätter längs der Straße, und ein grauer Himmel blickte auf den Trauertag herab. Doch Etienne war mutig.

Verschloß nicht die Brieftasche, welche er unter dem Hemd fest an den Arm gebunden trug, doch eine Anweisung auf etwas, das er nicht sich verdanken sollte? Noch war der Brief seiner Mutter nicht entsiegelt, noch wußte er nicht gewiß, was längst in ihm, halb Gewißheit, lebte. Er mochte, er wollte es jetzt nicht wissen. Er fühlte sich so stark, allein den Stürmen die Spitze zu bieten, wie der Held, sein König.

Der freundliche Flecken an der Spree, Charlottenburg, schon damals ein beliebter Vergnügungsort der Berliner, bot ein trauriges Bild der Zerstörung. Entfernt von der unmittelbaren Aufsicht der kommandierenden Generäle und nicht durch das Gold und die Klugheit eines Gotzkowsky gehindert, überließen die hier eingedrungenen Bataillone sich der wilden Beutelust. Sächsische Infanterie wollte hier Vergeltung üben für das, was Friedrich ihrem schönen Vaterlande getan. Es geschah auf eine Weise, welche die gerühmte sächsische Bildung verunglimpfte und Friedrich, als er davon erfuhr, in eine Wut versetzte, kaum vereinbar mit dem Weisen, dem Feldherrn und dem König.

Etienne eilte, hindurchzukommen, aber am Schlosse war das Gedränge am stärksten. Man zerschlug, verbrannte in dem Hofe die kostbaren Möbel, welche aus den Fenstern herabgeworfen wurden. Das eiserne Staket davor war niedergerissen. Eine Schwadron Dragoner tummelte ihre Rosse auf den Blumenbeeten, ja ein Riese von Flügelmann trug einen kleinen Tambour auf dem Rücken, der mit dem Ladestock Scheibe um Scheibe der Orangeriehäuser einschlagen mußte. In dem schönen Park tanzten und taumelten Angetrunkene umher, mit Frauenputz und Möbeldecken behängt; die Hermen der römischen Kaiser büßten es mit ihren Nasen, daß sie so ruhig der bacchantischen Wut zusahen, und der Pallasch eines Junkers wurde schartig von den grimmigen Hieben gegen den Stamm einer Platane, welche auch der Axt eines Holzhauers Schwierigkeiten gemacht hätte. Der Junker wollte die schönen Linden rächen, die die preußischen Grenadiere vor seiner Tante Schloß im letzten Winter gefällt hatten, er wollte sich nun auch warm machen zum nächsten.

Noch ärger war das Getöse in den Galerien selbst. Eine Kompanie verfuhr daselbst systematisch in ihrem Zerstörungswerk. Etienne hatte, zurückkehrend vom Garten, sich nicht enthalten können, auch hier einen Blick hineinzuwerfen, und er war in diesem Augenblick vielleicht der einzige, der den unersetzlichen Verlust in seiner Größe empfand, den blinde Erbitterung nicht dem König von Preußen, sondern der ganzen gebildeten Welt zufügte. Es hämmerte und schlug im Prachtsaal wie in einer Steinmetzwerkstatt, und dicker Staub qualmte aus den geöffneten Flügeltüren. Es krachte, dröhnte, und ein Kopf rollte vor Etiennes Füße – der Kopf eines Jupiter Pluvius. Am Fenster hämmerte ein anderer an einer Venus.

Etienne wollte der Zerstörung den Rücken wenden, als er in einem Seitenkabinett zwei junge Burschen beschäftigt fand, eine bis dahin übersehene Statue von ihrem Fußgestell zu reißen. Es war eine Viktoria, eine Antike, sie war noch zu retten. Den blutjungen Burschen, der eben den Arm aufhob, riß er zurück. »Was tust du da?«

Die Viktoria, gerüttelt, wankte vor ihm, hinter ihm blickte ein grimmiges Gesicht, und eine markige Hand faßte ihn am Kragen.

»Ach du, mein lieber gnädiger Herr«, stammelte der Bursche, »nehmen Sie es doch nicht ungütig.«

Der junge Soldat hatte ein besseres und schnelleres Gedächtnis als der Offizier, den erst die nächsten Worte daran erinnerten, daß er ja einen alten Bekannten vor sich hatte. Es war der Bruder von Eugenies Milchschwester, ein Bedientensohn aus dem Gute des Grafen, ein gutes Blut, treu ergeben seiner Herrschaft und ehrerbietig gegen alles, was ihr anhing. Auch der andere Soldat war aus dem Dorfe. Beide kannten Etienne, er hatte nichts von ihnen zu befürchten.

»Aber, unsinniger Bursche, was tut dir das steinerne Bild?«

»Nichts, gnädiger Herr!«

»Sahst du nicht, wie der Graf, wie die Gräfin die Bildsäulen in ihrem Schlosse wertschätzten! Das sind nicht die Feinde deines Landesherrn. Haben die Preußen das bei euch getan?«

Der Bursche stammelte etwas davon, daß sich die Sachsen das Wort gegeben hatten, nichts, was dem Könige lieb wäre, ganz zu lassen und für die vielen Schlösser in Sachsen, die von den Preußen gelitten, auch einmal an einem ihres Königs Vergeltung zu üben.

Mit freundlichem Backenstreich und zwei Silberstücken, die er in die Hand der Burschen drückte, war diesmal die Antike gerettet, denn die Appelltrommel rief die Soldaten auf die Straße; die Burschen entfernten sich, ihre Mützen zwischen den Fingern kneifend, beschämt-froh, daß der gnädige Herr ihnen einen Gruß an ihre Gräfin auftrug, wenn sie wieder in die Heimat kämen.

Etienne aber nickte lächelnd der Statue einen Abschiedsgruß zu und eilte, von den verwunderten Blicken des Aufsehers verfolgt, zum Schlosse hinaus.

Ein Sprung von der Westterrasse des Schloßgartens brachte Etienne auf den Weg nach Spandau. Querfeldein stieg er den Mühlenberg hinan. Ein Husarenposten rief ihn umsonst an. Ein Pistolenschuß paffte hinter ihm in die Luft. Er hatte die erste Höhe gewonnen, er eilte unverfolgt durch den unfruchtbaren Kies und Sand dem Walde zu. Nun senkte sich der festere Boden, die Wiesen der Spree und der Havel lagen zu seinen Füßen, die roten Mauern von Spandaus Zitadelle, der Juliusturm, die braunen Dächer tauchten aus dem feuchten Grunde auf. Der Rauch von hundert Wachtfeuern wirbelte in die Luft, Zelte erhoben sich auf den Wiesen, man exerzierte. Nur einen Atemlauf, und das erste preußische »Wer da?« rief ihn an; er war wieder bei den Seinen.

Doch schon hier am Bergrande überkam ihn dies wohltätige Gefühl der Sicherheit, welches Friedrichs Kriegern so oft die Überlegenheit des Sieges verschafft und nur einmal – bei Hochkirch – verderblich wurde. Er wollte noch einmal ausruhen, allein sein, er wollte – mit sich sprechen, seine Erlebnisse überschlagen. Er kam nicht als ein Siegesbote, sondern als ein Verspäteter; die Träume auf Ehrenlohn waren dahin, und er wußte nicht, wie man ihn empfangen werde.

Unter drei einsamen Kiefern, deren hochaufgeschossene Wipfel über den Hügelrand nach der Festung nickten, saß er, und die Brieftasche war geöffnet und das Siegel des Briefes erbrochen, der ihm die letzten Grüße der sterbenden Mutter übermitteln, der ihm sagen sollte, ob er ein anderes Wesen mit vollem Herzen lieben, ob er ihm zürnen mußte. Es war der feierlichste Moment seines Lebens. Der Brief seiner Mutter war kurz – es lag noch ein anderer darin – er war mit der zitternden Hand einer Kranken geschrieben, abgebrochen, verlöscht durch Tränen. Ach, wieviel stand zwischen den wenigen Zeilen!

»Armer, armer Etienne! – Wie lang ist's her, daß wir uns nicht sahen! – Und nun soll ich Dir schreiben, Dich ermahnen, Dich beschwören, bei meiner Mutterliebe Dich bitten, beim Fluch einer Mutter es Dir zur Pflicht machen. – Nein, gutes Kind, alles, nur das nicht – ich kann Dir nicht drohen. Du sollst den Abschied nehmen, dem König nicht mehr dienen. Ich weiß, es wird Dein Herz brechen. – Wohlan, ich bitte Dich, ich beschwöre Dich – mehr kann ich nicht, ich habe Dich nun gebeten und beschworen – er will es so. Der Schmerz ist schon überwunden, glaube es mir, lieber Sohn, ich weiß ja doch, Du wirst nichts tun, was nicht der Himmel beschlossen hat, das du tun sollst. Liebe, achte Deinen Vater; des Vaters Segen baut den Kindern Häuser! Wie sollte je mein Fluch sie wieder einreißen? – Nein, mein Kind, ich habe viel dulden müssen. Ach, daß ich Dich nicht sehen sollte, Du nicht aufwuchst unter meinen Augen, zum Mann wurdest, das war am schwersten zu tragen. Ich habe ihm auch das vergeben. – Sei Deinem Vater gehorsam, er ist besser, als er scheinen will. – O, sähst Du ihn, wie er an meinem Bett wacht, nachts kein Auge zudrückt – wenn ein bitteres Gefühl gegen ihn in mir war, seine Liebe hat es weggetilgt. Ich liebe ihn wieder, soviel es mir erlaubt ist, ihn zu lieben. – Er sagt mir: Du kommst – ach, ich sehe Dich nicht wieder, ich fühle es. – Er hat mir alles erzählt, was Du verschwiegen. Des Himmels Segen über Dich, mein geliebter Sohn, er hat meine heißen Bitten erhört. Nein, Du konntest nicht verdorben werden. – Auch Deine Verwandten sind alle gut, achte sie. Wie gern hätte ich Dich einmal mit der kleinen Stephanie am Altar gesehen. Es wird auch so gut sein. Ich segne die Gräfin Eugenie. Ach, mein Kind, der Gedanke stärkt mich mehr, als ich hoffte. Es wird immer besser, immer freundlicher. Tu', was Dein Herz Dir sagt. Wir sehen uns wieder – in einer besseren Welt. Mein einzig geliebter Sohn. Gott mit Dir! Deine treue Mutter.«

Er wog auf dem Finger die Einlage von der Hand des Marquis, sie wog so leicht. »Und in den wenigen Zeilen, flüchtig geschrieben, soll es stehen – eine Welt für mich.«

Er erbrach das Siegel.

»Etienne, tu', was Deine sterbende Mutter von Dir wünscht. Hättest Du nur einen Zug ihres Charakters! Es gab kein folgsameres Wesen auf der Welt. O, sie war ein Engel. Wir waren beide ihrer nicht wert. – Denke, wer Du bist, und handle. Aber Du mußt für Dich handeln. Ich kann Dir kein Geld schicken! Rechne überhaupt nicht so viel auf mich. – Wärst Du bei der Kaiserin geblieben, Du kommandiertest jetzt ein Regiment. Wenn Du ein Mann geworden bist, so verbrenne Deine Uniform; laß mich keinen Fetzen davon wiedersehen. Verschwiegenheit, Dein ...«

»Also das Rätsel ungelöst!«

Mit einer Gleichgültigkeit, als sollten die Kiefernwipfel sie ihm ansehen, steckte er den Brief ein. Er hatte auch noch die schmutzige Brieftasche des Advokaten: »Das in Spandau; die Luft hier ist dafür zu rein.« Er stand auf. »Ja, ich will tun, was meine sterbende Mutter von mir gewünscht und was mein Herz mir sagt. Es stimmt beides. Friedrich für immer!« rief er, und als die erste preußische Schildwache ihr »Wer da?« dem Herbeieilenden entgegendonnerte, wiederholte er aus voller Brust: »Friedrich für immer!«

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