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Willibald Alexis: Cabanis - Kapitel 47
Quellenangabe
typefiction
authorWillibald Alexis
titleCabanis
firstpub1832
addressFrankfurt
senderwww.gaga.net
created20050816
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11. Der preußische Dichter

Die Tür schlug hinter ihm zu, die Tür seines Vaterhauses; es war nicht mehr sein Vaterhaus. Und was trug der Heimatlose auf der Brust, der langsam jetzt an der Häuserreihe fortschlich und nicht die Mauer zu sehen schien, gegen die er im nächsten Augenblick anrennen mußte? – Den Leichenstein seiner Mutter, seines Königs Mißgeschick, den Abscheu seiner Familie, die Angst, die Tränen einer lieblichen Braut! Und es lastete darauf ein versiegelter Brief, auf dem Siegel eine Sphinx und in dem Briefe sein Schicksal.

Aber gerade das Übermaß hielt ihn aufrecht. Er kam noch nicht zur Besinnung. Hatte sein Privatschmerz volles Recht, wo seines Königs Hoffnungen zertreten wurden von den Hufen der Sieger? Etienne hatte die Brieftasche eingesteckt, die Gottlieb im letzten Fieberwahn von sich geschleudert, er hatte ein Recht dazu, denn es war seine eigene. Wie der Bruder dazu gekommen war, fragte er sich nicht, wie hätte eine so gleichgültige Frage in dem Augenblick Raum gefunden? Allein die Brieftasche enthielt noch unentsiegelt die Depeschen, welche er den Kommandierenden in Berlin überbringen sollte. Der zweite Bote hatte sowenig wie er sein Ziel erreicht, als es noch Zeit dazu war. Doch aber mochten in den Depeschen Befehle stehen, die auch nach Berlins Einnahme noch von Wichtigkeit waren. Die Generäle, an welche die Adressen lauteten, waren mit ihren Korps in Spandau. War er nun nicht wieder im strengsten Dienst, gebunden, diese wiedergefundenen Dokumente ihnen, so schnell es ging, auszuhändigen?

Etienne wanderte durch die Straßen, als etwas aus einem Fenster ihm winkte. Das winkende Wesen hatte vorsichtig das Gesicht zurückgezogen, als er aufschaute; als er aber die Tür öffnete, erwartete es ihn bereits. Es war Herr Ramler, der ihn, den Finger auf dem Munde, in sein Arbeitszimmer führte.

»Es ist nicht gut, sich draußen zu zeigen, geehrtester Herr. Jede markierte Physiognomie fällt auf. – Ach, meine armen Zöglinge!«

»Nur Mut behalten«, entgegnete Etienne, »täuscht mich nicht alles, so denken die Feinde an einen Abzug, den sie unter den neuerdings ausgeschriebenen Kontributionen zu verbergen suchen.«

»Und wer, Herr Stephan, bringt uns wieder, was sie mitnehmen?«

»Das wohlhabende Berlin kann noch von Glück sagen.«

»Doch unsere lieben Kinder, Herr Stephan, wer schützt die vor dem Kies unter ihren zarten Füßen, vor den Peitschenschlägen der Unmenschen, die Frierenden vor der bitteren Kälte der Herbstnächte?«

»Friedrichs Stern glänzt auch in der Brust dieser Knaben. Ich sah kaum fünfzehnjährige Fähnriche wie Helden sterben, und die noch von den Märchen der Kinderstube träumten, denen drückte schon der Tod den Siegeslorbeer auf die kalte Stirn.«

»So starben sie, aber diese, denen ihre Jahre noch nicht vergönnen, für ihren König zu kämpfen ...«

»Können doch für ihn dulden«, fiel Etienne ein. »O, bedenken Sie, Herr Ramler, welche schönen Erinnerungen bereiten diese kurzen Schmerzen den Kindern für ein langes Leben? Als Greise, wenn Friedrich längst in seinem Elysium ausruht, wenn die Generation, die mit ihm siegte, längst unter dem kühlen Rasen schläft, erhebt sie das Bewußtsein, für ihn gelitten zu haben.«

»So vertrauen auch Sie, mein junger Held, daß unsere Sache nicht unterliegt?«

»Wie kann eine Tat ungeschehen gemacht werden? Käme eine Weltschlacht, ein Schlachtfeld, auf dem Preußens Jugend und Preußens Veteranen, Friedrich selbst und die Prinzen seines Heldenhauses niedergestreckt lägen von dem Eisenhagel, zertreten würde das letzte Kind, das die Adlerfahne schwingt, und die Hufe von hunderttausend Rossen zerstampften die blutgetränkte Saat von Heldenleichen, doch wäre die Niederlage kein Untergang, denn was wir getan haben, das löscht kein blutiger Schwamm mehr von den ehernen Tafeln der Geschichte, Preußens Reich steht nun unvertilgbar dort eingetragen, und Friedrich und seine Helden leben ewig.«

Ramler drückte seinen jungen Bekannten an die Brust: »Laß sie hungern, die armen Jungen, laß sie frieren, sie lernen etwas. Es war mir in den Sinn gekommen, heut' mit ihnen zu büßen und mich zu kasteien wie ein katholischer Mönch. Allein ich denke, wir beide sind schon in den Jahren, wo wir die Schule hinter uns haben, wir sollen uns Mut machen für die Zukunft; ich meine darum, mein werter Freund, Sie verschmähen es nicht, mit mir ein gespartes Fläschchen köstlichen Traubensaftes zu leeren, und mit leisem Gläserklange begleiten unsere frommen Wünsche die armen Jungen auf ihrem langen Wege. Sie trinken doch Wein, Herr Stephan?«

Etienne trank Wein. Ramler machte sich selbst auf den Weg, den gesparten Traubensaft zu holen, dem Gaste indessen alle Schätze seiner Studierstube anweisend. Der Dichter blieb lange aus, es war still im Hause, die Stube war freundlich, nichts hinderte unseren Freund, das verhängnisvolle Siegel zu erbrechen und sein Schicksal zu lesen. Er nahm auch den Brief aus der Tasche, er musterte die teuren, wohlbekannten Züge auf dem Briefumschlag: »An meinen Sohn Etienne«, er drückte das Schreiben an seine Brust und las – in Ramlers Konzepten, die auf dem Tische zerstreut lagen. Er las so eifrig, als lerne er die Verse auswendig, ohne doch nachher viel von dem zu wissen, was er gelesen hatte. Als der Wirt draußen hörbar ward, barg er hastig den Brief in der Brusttasche.

»Ich bitte Sie um ein kostbares Geschenk«, rief er dem mit einem bestäubten Korbfläschchen vorsichtig Eintretenden entgegen. »Zur Hälfte habe ich es schon geraubt.«

In Ramlers lächelnder Miene stand, daß er den Inhalt der Bitte ahnte. »Ihr Dythyrambus auf den Adler hat mich in die Wolken gehoben. Ist er gedruckt, kann ihn ein jeder besitzen; ich bitte um etwas Besonderes, um die Handschrift, ich will das Konzept wie einen Schatz, wie ein Familiengut aufbewahren.«

Ramler blickte noch wohlgefälliger. »Wie könnte ich in einer solchen Stunde eine solche Kleinigkeit abschlagen?«

Ramler hatte unterdessen den rot funkelnden Wein in zwei Spitzgläser eingeschenkt. Etienne ergriff das eine: »Dem kühnen Fluge des Adlers!« Die Gläser klangen. »Daß er nie rückwärts fliege!« – »Immer der Sonne entgegen!« – »Demnächst der ihn gen Himmel sandte, der Geber des teuren Geschenkes!« – Das Konzept war in die Brieftasche des Offiziers gewandert. Aber in Ramlers Auge stand eine Träne, nicht des Stolzes, nicht der geschmeichelten Eitelkeit.

»Ja, lassen wir den teuren Geber des Geschenkes leben. Dies Fläschchen kommt von dem edelsten Manne, ein letztes Geschenk, ehe er dahin zog, von wo er nicht wiedergekommen ist. Der Sänger des Frühlings sandte es mir als Abschiedsgruß. Das Gedächtnis Ewalds von Kleist!«

Die Gläser klangen noch heller als vorhin. »Ein freundliches Gedächtnis«, sprach Etienne. »Die deutschen Dichter überlassen Sturm und Krieg den Gewaltigen und die zerreißenden Leidenschaften den Sängern der Vorzeit. Sie schwärmen für Frieden und Eintracht, und der Gedanke an einen fernen Freund begeistert sie wie den Sänger der Laura zu ewigen Tönen. Das hat auch sein Schönes. Wird aber diese harmlose Glückseligkeit dauern?«

»Wir wollen, denk' ich, heut' nur in eine frohe Zukunft blicken«, sagte Ramler. »Und wenn auch der deutsche Genius einst in die Blitzregionen dringt, warum sollte er den Sinn nicht dahin mitnehmen? Doch lassen Sie uns mit diesem Glase alle trüben Gedanken hinunterspülen. Die Toten rührt nicht mehr der Jammer, und wir brauchen eine heitere Aussicht. Eine gute Reise unseren armen Kadetten und eine glückliche Rückkehr! Es sind Knaben von ausgezeichneten Fähigkeiten darunter. Und wer weiß, ob dies Mißgeschick nicht zu ihrem Wohlsein anschlägt. Frühe Leiden sind eine gute Schule wider den Dünkel; neben den Talentvollen und gerade unter ihnen regt sich zu meinem Leidwesen bereits der Junkerstolz. Sie träumten mir schon zuviel von der Zeit, da das Portepee an ihrer Seite und in ihrer Hand die Fuchtelklinge glänzen soll, und es war ihnen schwer beizubringen, daß der Mut auch ohne Schläge existieren kann. Sie werden lernen, wie Schmerzen weh tun, und menschlicher gegen ihre künftigen Untergebenen verfahren.«

»Meinen Sie?«

»Sie sind selbst Offizier!« rief Ramler etwas erschrocken aus.

»Aber kein Freund des Fuchtelwesens. Die Zeiten, da Ehre allein den Soldaten regiert, müssen noch kommen.«

»Ist Friedrich glücklich?«

»Er wird es werden, wenn er seine Feinde besiegt hat.«

»Wovon wird alsdann sein Geist leben?«

»Vom Anblick seiner glücklichen Untertanen. Beneidenswerte Ordnung, Gesetze, die Wohlhabenheit des Bürgers, die Fortschritte der Kultur, das Glück aller wird sein Werk sein.«

»Wird er diese Untertanen anders betrachten als der Matador im Schachspiel die hölzernen Puppen? Ist der Schachspieler glücklich, wenn er mit ihnen ein Spiel gewonnen hat und sie sauber wieder in die Schachtel packt? Umgekehrt! Der Geist ist abgemattet von der Anstrengung, er findet keine Behaglichkeit in dem Gedanken, ihn solange angestrengt zu haben um ein Spiel mit ungeschickt gedrechselten Figuren. Friedrichs Glück, sein Frieden dauern nur, solange er kämpft. Rettung zu finden, wo alle verzweifeln, das ist seine Größe. Aber wenn er gerettet ist, wer rettet ihn vor sich, wenn er überwunden hat, wer stärkt ihn zum Siegerkampfe mit sich selbst? O, er wird so groß hervorgehen, daß er so erhaben dasteht, wie der Montblanc öde und kalt über den Bergen und Fluren. Die Gewitter berühren ihn nicht mehr, die Stürme wehen vergebens um seinen nackten Scheitel, er sieht die blühenden Menschen und ihr Treiben klein, klein zu seinen Füßen, aber er hört nicht ihre Stimmen.«

»Hüten Sie sich, ein Dichter zu werden, Sie fallen aus den Gleichnissen.«

»Jene armen Kleinen werden kein Erbarmen lernen unter den Peitschenhieben der Kosaken; wird er die Liebe lernen, weil man sie ihm nicht bewies? Er weiß, wie Schmerz tut, was es heißt: das Herz blutet. Des geringsten Tagelöhners Frau in seinem Reiche, darbend, in Lumpen, gichtbrüchig, aussätzig, kann nicht sagen: ›Ich habe mehr gelitten als mein König.‹ Denn was an Leid einem Menschen kann zugemessen werden, von der Knabenzüchtigung bis zu dem Seelenschmerz, den nur erhabene Geister empfinden, er hat das volle Maß bis auf die Hefe geleert. Die rauhe Hand des Vaters lag auf seinen Schultern, er sah die Angst der Mutter, der Schwestern, ein Beil schwebte über seinem Haupte, er sah es sinken auf den Hals seines Busenfreundes. Hohe Schlösser kühner Jugendträume stürzten zusammen. Gift schwebte an seinen Lippen, die Welt stand gegen ihn auf, die Vernichtung öffnete mehr als einmal gegen ihn den Rachen, er hat nie verzagt, er hat überwunden und nicht geklagt. Was sind die kleinen Wesen unter ihm, was gibt ihnen ein Recht, daß er Rücksicht auf ihren Schmerz nehme, daß er ihre Klagen anhöre? Können sie ihren kleinen Schmerz nicht verbeißen, da er seinen königlichen verbissen hat? – Ist unter allen seinen Untertanen ein Geist, vor dessen Überlegenheit er Achtung fühlen muß, von dem er lernen mag, ein genialer Kopf, dessen Phantasie ihn überflügelte? Er ist und bleibt der Größte an Geist wie an Würde, hoch steht er über der Menschlichkeit, deren Anforderungen er nicht kennt, und allein hadert er mit sich und dem Wurme, den niemand tötet, wenn ihm nicht Beistand von außen kommt.«

Ramler sah ihn erstaunt an: »Wie kommen Sie dazu, eine so trübe Aussicht sich auszumalen, die nicht zu den Eindrücken der Gegenwart paßt? Wir sind nicht gewohnt, uns den Helden allein zu denken, wenn wir ihn in der Mitte seiner Braven wissen.«

»Aber der Krieg wird ein Ende nehmen.«

»Und darf der Tapfere über den Sieg hinaus denken?«

»Ich lernte zu viel grübeln. Ein vaterländischer Fehler, Herr Ramler! Ich meinte oft nach meiner Sinnesart sonst dem Süden anzugehören; diese Neigung beweist mir wenigstens, daß ich ein echter Norddeutscher bin. Kann ich meinen Gedanken wehren, wenn ich, gelangweilt von tagelanger Rast in meinem Zelte, mir Friedrich in ähnlicher Lage denke? Welche Langeweile muß ein König haben; wie aber erst ein Friedrich, wenn er nach einem Kriege, wie dieser, noch dreißig Jahre in Frieden lebt!«

»Wissen Sie nicht, daß Friedrich neulich gesagt hat, er möchte mit jedem wohlhabenden Bürger aus der Brüderstraße tauschen?«

»Wir sind genügsame Menschen, Herr Ramler; ein Gericht, durch Arbeit erworben, eine warme Studierstube, ein bescheidenes Gärtchen hinter dem Hause, ein Abendspaziergang aufs Feld nach der Arbeit, ein Lied der Geliebten, eine Unterhaltung mit einem Freunde, danach kann sich sehnen, wer in der Julisonne mit blutigen Füßen neun Meilen den wunden Leib schleppen muß. Aber dem invaliden Husaren dünkt schon eine Winterruhe bei gemächlicher Pflege unerträglich! Und ein Friedrich! Ein Spott, es zu denken. O, wenn er nicht mehr wird siegen können, er wird fürchterlich sein.«

»Hat der König Sie zurückgesetzt? – Wie Sie zusammenfahren! Ein bitteres Gefühl hat sich in Ihre Begeisterung eingeschlichen, Sie dürfen es nicht leugnen.«

»Verleumde ich den großen Mann?«

»Das nicht. Ihre Sprache klingt mir nur fremd.«

»Er verkennt auch Sie. Er liest nicht Ihre Oden; er lächelt vielleicht über Ihren Eifer.«

Ramlers Gesicht verklärte sich ungewöhnlich. »Ich weiß. Es ist auch ein Schmerz, aber ein schon verwundener. Sie sollen meinen neuen Oden nicht anmerken, daß der sie nicht würdigt, zu dessen Ehre sie erklingen. Nicht wahr, Sie werden darum auch nicht den Abschied fordern, wenn Sie nicht avancieren, selbst wenn Sie niemals avancieren! O, Ihr Gesicht täuscht mich nicht.«

Etienne war aufgesprungen und drückte die Hand des Dichters. »Niemals!«

»Stürmen Sie nicht so fort. Ein letztes volles Glas auf den Einen, den Unvergleichlichen. Ob uns die Sonne sieht, wissen wir nicht; doch welcher Eingekerkerte wollte so töricht sein, nach Flecken in ihr zu suchen, wo er sie zum ersten Male wieder erblickt. Friedrich der Einzige lebe!«

»Ewig!« entgegnete Etienne, mit ihm anstoßend. Die Gläser klangen hell.

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