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Willibald Alexis: Cabanis - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
authorWillibald Alexis
titleCabanis
firstpub1832
addressFrankfurt
senderwww.gaga.net
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10. Das Vaterhaus

Die Tür, an die zu klopfen er gestern keinen Mut hatte, lag hinter ihm, auch der dunkle Flur; er war die Treppe hinaufgestiegen, er war durch die weißen Flügeltüren mit Goldleisten in das Putzzimmer getreten, einst so hoch und so geräumig, daß selbst die tätige Knabenphantasie Mühe hatte, es zu bevölkern und auszuschmücken. Jetzt wartete er einsam in dem düsteren, altfränkischen und unwohnlichen Gemach auf die Ankunft des Herrn Inspektors. Der Dienstbote, der ihn gemeldet, war ihm fremd. Es war alles fremd und kalt. Die Scheiben, blind, mit Spinnweben bezogen, schillerten in allen Regenbogenfarben, der Kalk bröckelte von den Wänden, die Posaunenengel an der Zimmerdecke waren verstümmelt, angeschwärzt, und wo war das Auge der tätigen Hausfrau auf den Möbeln, den Dielen?

Warum lehnte er sich an den Kamin? Hatte er keinen Mut, dem Manne entgegenzublicken, der ja nicht mehr sein Vater war? Ach, der schwache, gebeugte, verarmte Greis hatte durch einen kostbaren Leichenstein das Andenken seiner Mutter geehrt, er hatte auf dem Leichenstein gesessen und geweint! Gegen den konnte er nicht als Mann auftreten. Und war das nicht dasselbe Zimmer, wo die vornehmen Tanten und Kusinen und Onkel und Kusins, deutscher und französischer Zunge, auf Kanapees und Polsterstühlen gesessen hatten, wo der Bruder Gottlieb vorgeführt, wo er gezüchtigt worden war, am Geiste härter als am Leibe? Da stand er, da rückte er mit dem Ellenbogen, und die Montur saß ihm auf dem Leibe; den Fensterflügel sah er zum letztenmal an, als er kehrtmachte, um nicht wieder über die Schwelle des elterlichen Hauses zu treten. Stand nicht dort noch das verblichene Kanapee, wo seine Mutter geweint hatte und er und sein kleiner Bruder, das Gesicht auf ihrem Schöße, als es hieß, Gottlieb müsse ins Feld ziehen?

Die Tür ging auf, und der alte Mann, den er auf dem Kirchhof gesehen hatte, trat ein. Er blickte gleichgültig zu dem Fremden auf. In dem Ton der Stimme lag noch etwas von dem deutschen Manne, der jedermann ohne Furcht ins Gesicht blickte und ohne Umschweife sagte, was er dachte.

»Wer sind Sie? Was wollen Sie?«

»Sollten meine Züge so ganz verlöscht sein?«

»Ich habe nicht Zeit, mein Herr, mich viel an alte Bekannte zu erinnern. Sie erinnern sich meiner auch nicht.«

»Doch, doch, ich war in diesem Hause als Kind – ich war ...«

Etiennes stockende Sprache machte den Alten doch aufmerksam. Er sah ihn forschend an.

»Mein Taufname ist Etienne ...«

Wie hatte der Name auf den alten Advokaten gewirkt, wie auf die zarte Stephanie, wie lebte er noch bei der Tante Rätin; hatte er hier alle Wirkung verloren? – Nein, das konnte nicht sein Vater sein, der ihm einige Augenblicke ins Gesicht blickte und dann so tonlos wie vorhin sprach: »Sie verzeihen, mit den Jahren wird das Gesicht schwach – wie lange ist das nun auch schon her...«

»Etienne heiße ich«, fuhr der junge Mann auf, »ich war Sohn hier vom Hause, hier lebte meine Mutter.«

Der Alte winkte mit dem Kopf und wischte sich eine Träne aus dem Auge.

»Wollen Sie nicht Platz nehmen, Herr Marquis? Es sieht hier jetzt schlecht aus.«

Vaterliebe hatte er nicht erwartet, Zorn vielleicht, Entrüstung, Überraschung, aber nicht diese Gleichgültigkeit. Wie eiskalt war der Boden unter seinen Füßen, der Frost drang erstarrend durch die Adern! So ganz verloren, so weggewischt, so weggeschwemmt hatte er nicht die Heimat gewähnt. Er hatte doch geglaubt, Hand in Hand mit dem Manne, der sein Vater gewesen war, eine Träne um die Mutter weinen zu können. Was war der Krieg, der verwüstende, menschenmordende, mit seinen Brandfackeln gegen den am Geist nagenden Wurmfraß der Jahre?

»Setzen Sie sich, Herr Marquis«, wiederholte der Inspektor und rückte einen Stuhl heran. – Sie saßen sich gegenüber.

»Es ist eine schlimme Zeit heuer, Teuerung und Not – das sieht hier anders aus als sonst. – Ich danke Ihnen, daß Sie die Gefälligkeit gehabt haben, mich zu besuchen. – Es kommt sonst niemand mehr zu mir.«

»Niemand! – Wo sind die Verwandten?«

Der Inspektor zuckte die Achseln. »In der langen Friedenszeit von Anno fünfundvierzig bis siebenundfünfzig schleppte es sich so hin, allein der Krieg, der lange Krieg! – Wie die Kunden abnahmen von der Fabrik, nahm's auch mit den Bekannten ab. Dann kam das schwere Jahr neunundfünfzig, ja, wer das überstanden hätte! Es sind schlimme Zeiten, es hätte aber noch immer schlimmer kommen mögen.«

»Unglücklicher Mann!« rief Etienne aus.

»Und Krankheit kam dann auch hinzu, schlechte Menschen. Man soll sich auf niemand verlassen. Der Mensch kann viel vertragen, aber wenn die auch schlecht werden, auf die man ganz vertraut hatte – ja, es gibt schlechte Menschen! – Sie sind wohl mit den Kaiserlichen hier?«

»Ich bin Offizier im Dienst des großen Königs.«

Es war, als überkäme eine Erinnerung den Mann, die ihn doch auch kalt ließ: »So, so – das ist brav von Ihnen, daß Sie Preußen nicht ganz vergessen haben. Kann ich Ihnen mit etwas dienen?«

Die Empfindung, die hier nicht war, gestorben schon oder schon verleugnet, zitterte auf den Lippen des jüngeren Mannes mit aller Heftigkeit, als er, die Hand des Alten ergreifend, antwortete: »Ich danke Ihnen, was Sie an meiner Mutter getan haben – ich sah ihren Leichenstein.«

Der Inspektor wandte sich ab, und eine Bewegung seiner Hand hieß den, der jetzt ein Fremder im Hause war, schweigen: »Sie schläft in Frieden! Es war eine brave Frau. Es lebte keine zweite wie sie.«

»Sagen Sie mir: Wie waren ihre letzten Tage?«

»Es tut nicht gut, zu viel an Vergangenes zu denken.«

»Ich sah sie nicht wieder – seit ich aus dem Hause kam.«

»Ich bin nicht daran schuld!« sagte der alte Mann. »Das machen Sie ab mit dem Herrn Marquis, der für alles seine Gründe hat.«

»Der Marquis, mein Gott, ist er hier?«

»Gewesen.«

Welche Last von Fragen schwebte auf der Zunge des Offiziers! Die Lippen hielten sie zurück, es war immer zu früh, die eine Frage war zu gewichtig, der Augenblick nicht passend. Er suchte nach einer Annäherung, einer Vorbereitung für sich selbst. Die Frage verwandelte sich zehnfach von der ersten Fassung, bis sie über die Lippen kam, und da war sie etwas Gleichgültiges:

»Der Marquis war hier, und Sie in Not und Elend?«

Der Inspektor zuckte die Achseln: »Es wäre unbescheiden gewesen, noch mehr vom Herrn Marquis zu fordern.«

»Fordern? Sah er denn nicht mit eigenen Augen, gab er nicht freiwillig? Er ist nicht geizig.«

»Er war selbst nicht bei Gelde.«

»Der Marquis von Cabanis?«

»Wohnte bei seinem Aufenthalt im vierten Stock in einer Bodenkammer. Er äußerte, jeden Taler schwer zu missen.«

»Eine neue Grille. – Sah er meine Mutter?«

»Sie starb in seinen Armen.«

»Und er konnte – elender Gedanke an Geld! Sie starb in seinen Armen, und sie hat – ihm vergeben?«

Der Alte blickte gen Himmel. »Sie trug niemandem etwas nach, sie hat keinem Menschen jemals gezürnt. Was über sie kam, kam von dem, von dem alle gute und vollkommene Gabe ausgeht. Sie war zu gut für diese Welt, sie hatte keinen Willen, keine Laune, nicht einmal einen Wunsch – sie war ganz Ergebung.«

»Keinen Wunsch, alter Mann?« unterbrach ihn heftig Etienne. »Wünschte sie nicht, daß ich zurückkehrte, hat sie mir kein Erbteil hinterlassen: keinen Seufzer, keinen Fluch? O, sprechen Sie, ob es die beste Mutter niederwarf in Sorge und Verzweiflung, ob ich es war, mein kindlicher Leichtsinn, mein sträfliches Ausbleiben, die ihre Jahre verkürzten.«

»Lassen Sie das, wir haben alle an der Schuld zu tragen.«

»Und Ihnen hinterließ sie kein Zeichen, keinen letzten Gruß für mich?«

Der alte Mann strich sich über die Stirn: »Doch – doch... Sie verzeihen mir, ich habe an so viel anderes zu denken. Sie schrieb Ihnen viele Briefe.«

»Wo sind sie?«

»Die Briefe hat der Herr Marquis mitgenommen.«

»Alle?«

»Nein – ich entsinne mich – einen, den letzten, gab sie mir, ich sollte ihn für Sie bestellen. – Ich wußte ja nicht, wo Sie waren.«

»Geben Sie ihn mir!«

»Ich werde Ihnen denselben holen.«

Etienne wollte ihm folgen. »Nein, mein Herr, wo ich hingehe, da ist nicht Ihres Bleibens. Ich habe noch mein Päckchen Sorge für mich zu tragen. – Es ist ein Kranker, ein Verwundeter, er hat nicht mehr lange zu leben, nicht mal so lange wie sein Vater. Für ihn hat die Welt auch nichts mehr, keine Leiden und keine Freuden, den lassen Sie mir allein. Ich bin bald wieder hier.«

Er ging. Die Tür öffnete sich gleich wieder, aber nicht der Vater, sondern der Doktor Zierlein trat heraus. Er kicherte etwas und wies mit der Stockspitze schon von der Schwelle auf unseren Helden:

»Salve, salve! – Haben erfahren. – O, wir kennen uns noch ganz gut. Sind etwas in die Höhe geschossen, braun geworden, das geniert nicht den alten Zierlein. Salve, salve, mi domine! mein Herr Oberleutnant, oder noch Unterleutnant? Tut nichts, tut nichts, wenn nur der Leutnant dabei ist.«

»Sie sind hier ein redlicher und treuer Hausfreund geblieben.«

»Mache die Moden nicht mit.«

»Sie waren beim Unglück des Hauses?«

»Selbst verloren dabei – tut nichts. Mancherlei Medikamente schlagen falsch an.«

»Und wie steht es hier im Haus?«

»Schlimm.«

»Könnte ihm vor der Hand mit hundert Dukaten geholfen werden?«

Der Arzt sah ihn fragend an. »Für den Tod ist kein Kraut gewachsen.«

»Tod?« Etienne blickte den Mann mit der unbeweglichen, immer freundlichen Miene an. Sie hatten sich mißverstanden.

»Der Tod ist ein reißendes Tier, mein junger Herr, er ist ein schleichender Wurm, der wie eine kriechende Schlange in die Fersen sticht, er schwimmt wie ein Haifisch im Wasser und schießt wie ein Raubvogel durch die Luft; vor ihm ist keine Sicherheit in Luft, Wasser, Erde, im Feuer am allerwenigsten. Doktor, flick' zusammen! heißt's; ja, flicke du, solange es zu flicken gibt. Salben sind kein Blut, Pflaster keine Haut, Gras stopft nicht das Loch, wo die Kugel hindurchgegangen ist. Flick, flick! Wir sind alle nur Flickwerk. Der alte Zierlein hat geflickt, aber dem Klapperbein schneidet er keine Nase aus Taubenfleisch und kein Bruststück aus einem Rehziemer. Klapperbein will auch sein Recht haben und gewinnt auf die Letzt jeden Prozeß, ob's heißt Klapperbein contra Gottlieb Bohm oder Klapperbein contra Doktor Zierlein, ob vorm Magistrat oder vorm Kammergericht, egal, und der Verklagte zahlt allemal die Kosten.«

»Gottlieb Bohm!« seufzte Etienne. »Eine Kugel traf ihn?«

»Eine! Wär' zu wenig gewesen für einen, der eine harte Haut für derlei hat. Er ist ordentlich durchlöchert. Da kommt der Vater, der kann was davon erzählen, wenn er Lust hat. Der Gottlieb wär' ein braver Bursche geworden, hätte nicht nötig gehabt, sich seiner zu schämen, wenn die Furcht Gottes ihm ins rechte Ohr wär' eingetrichtert worden.«

Der alte Mann blieb auf der Schwelle stehen und winkte dem Offizier.

»Darf ich nicht mit?« fragte der Doktor.

»Gottlieb verlangt nach dem fremden Herrn, lieber Doktor, und er hat nicht mehr viel zu sprechen.«

»Versteh', versteh'. Der Offizier ist der Beichtvater seiner Kompanie. Der Doktor muß aber dabei sein, um zu sagen: ›hic est finis!‹«

Der Inspektor führte Etienne durch ein Nebenzimmer in die halbdunkle Krankenstube. Der Doktor folgte; behutsam schloß der Vater hinter ihm die Tür, daß kein Luftzug eindringe oder kein Lauscherblick sein schmerzliches Geheimnis verrate. Dann stellte er sich mit gefalteten Händen neben dem Krankenbett hin. Die großen Augen des darin Liegenden waren aber allein auf Etienne gerichtet. Die Lippen bewegten sich, aber er konnte noch nicht sprechen.

»Du bist verwundet, Gottlieb?« fragte Etienne und hielt ihm die Hand hin.

Der Kranke nickte, aber die Lebensgeister seines Vaters schienen mit einem Male zu erwachen, ein flüchtiges Rot lagerte auf dem abgemagerten Gesicht, die eingefallenen Augen glänzten, und indem er sich am Kopfende hinsetzte, gestützt auf das Kissen, sprach er mit einer Wärme, einem Redefluß, den niemand nach dem Bilde von vorhin erwarten durfte:

»Ob du verwundet bist, Gottlieb, fragen sie. Zeige doch deinen Leib, den Fleck, wo keine Kugel streifte und kein Säbelhieb saß! Dir hätten sie können goldene Berge versprechen, dich zum hohen Offizier machen, und sie hätten dich doch nicht zum Schelm gemacht. Du wärst nicht 'rübergegangen zu den Feinden, und wenn du dein Leben lang bei uns Gemeiner bliebst. Verwundet wurdest du freilich, denn wo Gefahr war, krochst du nicht hinter den Busch, sondern warst der erste drauf. Gefangen warst du, und die Kugel stand aufs Fortlaufen, aber du ranzioniertest dich und verkleidetest dich nicht; in deines Königs Montur liefst du Tag und Nacht bis Berlin und hast hier ausgehalten, wo's am heißesten war. – Ja, da standen wir beide an einer Schanze, Vater und Sohn, und schwuren noch einmal auf die Degenspitze des alten Feldmarschalls Lehwald, Treue unserem König. Wenn alle so gestanden hätten wie du, mein Gottlieb, dann säh's anders um Berlin aus, dann preßten sie keine Kontributionen, die Österreicher zögen nicht den Bürgern das Hemd über den Leib, und sie plünderten nicht des Königs Residenz. Du bist kein schlechter Soldat gewesen, der Feldherr von achtzig Jahren, der nur drei Haare noch auf dem Kopf und drei Schritte zum Grabe hatte, klopfte dir auf die Schulter und sagte: »Brav geschossen, mein junger Bursch, wie heißt du?« Sieh, Gottlieb, und das können, das sollen alle wissen, das soll dein himmlischer Vater selbst hören, da, in dem Augenblick, wo das der alte Feldmarschall Lehwald zu dir sprach, habe ich dir alles vergeben und vergessen, was du mir je im Leben angetan, ich hab's dir in der Seele abgebeten, wenn ich zu hart gegen dich war. Weiß Gott, ich hab's immer nur dir zu Liebe getan, allein ich wußte ja nicht, als ich dich schlug, daß du mal so brav werden würdest.«

Des Kranken Augen leuchteten wieder etwas.

»Gottlieb, kennst du mich nicht mehr?« sprach Etienne. Der Angeredete hatte seine Kräfte gesammelt.

»Ach, Herr Leutnant, ich meine, Sie sollten mich anders wiedersehen.«

»Ich bin noch dein Bruder, ich bin wieder dein Bruder, Gottlieb.«

»Und niemand braucht sich deiner zu schämen«, fuhr der alte Inspektor drein. »Wenn Seine Majestät zurückkehren, will ich selbst um Audienz bitten und vor ihn hintreten und sagen, was der alte Feldmarschall zu mir gesagt hat. Und wenn du zehnmal gegen die Subordination gefehlt, was du hier getan hast, macht es wieder gut. Wenn's auch niemand mit Augen gesehen hat, der König wird es doch einem alten Vater glauben: o, er müßte ja kein Mensch sein, wenn ich ihm erzähle, wie du dich mit zehn herumgeschlagen hast und, deinen König in der Brust, nicht um einen Schritt gewichen bist. Ja, ja, Herr Marquis, glauben Sie es mir nur, ich bin stolz auf meinen Sohn, ich bin sehr stolz auf ihn, und wenn ich noch einen Taler in der Tasche habe, will ich ihm einen Denkstein setzen lassen, denn mein Sohn hat für das Vaterland gefochten, und für das Vaterland ist er verblutet.«

Man wußte nicht, ob dieser Eifer des alten Mannes, so ungewöhnlich bei seinem Charakter, mehr aus wirklicher Begeisterung entsprang oder aus einem Gefühl der Reue um etwas, das er nicht wieder gutmachen konnte und das ihn aus den sterbenden Zügen des verwundeten Sohnes mahnte.

»Nur nicht gefangen werden«, sprach Gottlieb, die Augen auf den Bruder gerichtet.

»Sei unbekümmert. Sie werden hier nicht eindringen. Die Plünderung hat aufgehört, man spricht davon, daß sie abziehen.«

»Ha! – Doktor, gib mir die Muskete.«

Der Arzt zuckte die Achseln und blickte den Offizier mit Bedeutung an.

»Die Muskete, Doktor«, fuhr der Kranke fort, und seine Augen rollten, er warf den Arm auf dem Deckbett rechts und links.

»Mein Bruder Gottlieb, du bist noch zu schwach, um die Muskete zu führen.«

»Ich bin nicht schwach«, erhielt er zur Antwort, »ich hab zwei Husaren aus dem Sattel geworfen. – Wetter, wie sie flogen!«

»Damals. Jetzt mußt du wieder stark werden. – Ich komme zu dir in die dunkle Stube, ich will mich bei dir verstecken, wir wollen abwarten, bis unsere Freunde kommen, bis die preußische Trommel wieder draußen schlägt. Still, ums Himmels willen, still, lieber Gottlieb, sonst verrätst du deinen Bruder.«

Der Kranke fixierte ihn mit seinen gläsernen Augen. Als erkenne er ihn jetzt erst, faßte er seinen Arm mit der Stärke des Fieberkranken: »Still, still!« wiederholte er feierlich. »Still, still, ich habe dir was zu sagen.«

Er winkte den anderen. Der Doktor sah den Inspektor an, der Inspektor wollte nicht gehen. Er zählte das Leben seines einzigen Sohnes nach Sekunden, und ein Fremder sollte ihm noch davon rauben! Aber der Fremde stand so tief gerührt neben dem Bett, er hielt den Arm und den Leib des Kranken, er nannte ihn Bruder, die Träne stand in seinem schönen Jünglingsauge, und Gottlieb wiederholte ängstlich seine Weisung.

Etienne stand allein am Krankenlager, seine Hand gepreßt von beiden feuchten Händen des Bruders; die großen Augen desselben ließen keinen Blick, keine Miene, keinen Atemzug des glücklichen Bruders außer acht:

»Sagt' ich's nicht, du verläßt mich nicht? Du wirst nicht dulden, daß sie mich binden, mich einsperren, mich peitschen.«

»Niemals, Gottlieb.«

»Ach, ein so vornehmer Herr! – Und es ist auch mein treuester Freund, er hat mich nie verlassen. – Den auch nicht peitschen! – Ich lasse Sie nicht los, bis Sie's mir versprochen haben.«

»Was soll ich dir versprechen?«

»Daß Sie ihn zu sich nehmen wollen.«

»Deinen Freund?«

»Es ist ja nur mein Hund. Daß ihn nicht die Scharfrichterknechte fortschleppen oder die Österreicher mitnehmen oder die häßlichen Milchweiber vorspannen vor ihren Karren. Ich ertrüg's nicht im Grabe. Es war ein Tier, so gut wie ein Mensch. Lieber Herr Leutnant, Bruder, das können Sie mir schon zu Gefallen tun. Er kostet Ihnen nichts; o, er ist so schlau und sucht sich selbst sein Fressen.«

»Lieber Gottlieb, um den Hund trage keine Sorge.«

»Er läuft Ihnen wie Ihr bestes Pferd; wenn Sie zu ihm sagen: ›Kusch‹, rührt er sich nicht, wie eine Leiche, er wacht, wenn Sie schlafen, und tausend Schritt weit im Felde, wenn Patrouillen kommen, spitzt er die Ohren – schwimmen kann er – Tiras, Tiras!«

Der Hund, der wirklich so still unter dem Bett gelegen hatte, daß man ihn nicht bemerkte, war mit einem Satze auf demselben und drückte seinen Kopf in der Hast der Freude tausendmal an den Arm und die Brust des Herrn, welcher in einer Sprache, die Etienne nicht verstand, mit ihm ein langes Gespräch führte. Beide Wesen schienen so völlig sich zu verstehen, und Gottlieb schien nur noch für den Hund zu leben. Ihre Augen sahen sich an wie zwei Liebende, die nach langer Trennung ein kurzes Wiedersehen feiern.

»Gottlieb, es greift dich an.« Der Kranke hörte nicht.

»Ja, Gottlieb mußt du ihn heißen. Das versprich mir noch, die schöne Gräfin hat ihn auch so genannt.«

»Ich gelobe dir, ich will ihn halten wie meinen Bruder.«

»Die schöne Gräfin war ihm auch gut. Sie ließ ihn den Kopf auf ihren Schoß legen, so streichelte sie ihn. Ja, ich sah einmal, wie eine Träne auf das Tier fiel, der Schelm ist nur so verwöhnt davon. Wollte erst mein Kommißbrot nicht fressen – allezeit Braten und Markknochen. Warte nur – das gewöhnten wir ihm ab. Aß denn sein Herr Braten? Höre, du mußt ihn Gottlieb nennen, und die Gräfin, wenn sie deine Frau ist, wird ihn nicht an die Kette legen lassen.«

»Alles verspreche ich dir. Er soll auch Gottlieb heißen...«

»Und dein Bruder sein. Er war mein Bruder. Treu ist er, treu wie einer, so bin ich auch, weiß Gott – ich habe nichts gelernt, aber treu war ich...«

Mit Gewalt hielt ihn Etienne vom weiteren Sprechen ab; jedes Wort atmete Fieberzuckungen, die keine Kraft haben, sich noch mehr zu steigern. Stumm, mit heftigen Gebärden, mit ängstlichen Blicken, daß er verstanden werde, überwies er den Hund seinem neuen Herrn. Der Hund wollte es noch nicht begreifen, er kehrte immer wieder zu seinem alten Herrn zurück, und dessen Heftigkeit ging in Wut über. Sie wurde so grauenhaft, daß Etienne besorgt um Beistand rief.

»Laß sie nur kommen, ich hab es schon mit mehr aufgenommen. – Hallo, Tiras! Zu – drauf...«

Als der Inspektor mit dem Arzt zur Tür hereinstürzte, hatte sich der Verwundete, dessen Fieberkräfte dem Bruder zu stark geworden waren, im Bett aufgerichtet und stand mit grimmigen Gebärden wie ein Fechter, der einen Angriff erwartet. Der Zufall wollte es, daß in dem nämlichen Augenblick eine österreichische Kompanie durch die Straße marschierte.

»Herein! – Ich bin ein Preuße!« schrie er. »Nur heran, will euch weisen, wie man mit Kolben schlug bei Roßbach, wie man bei Leuthen drosch – spielt auf – pfeift – hallo, will auch aufspielen – heran, Friedrich kommt! Heran! – Da, die Depeschen! Bruder, fang' sie – Friedrich kommt! – Platz von der Brücke! Hallo, mein Tier, wir schwimmen hindurch.«

Erst schleuderte er etwas, das er auf der Brust auch in der Bewußtlosigkeit des Fiebers bewahrt hatte, über die Köpfe fort – es war eine Brieftasche –, dann mit einem wilden Satze sprang er selbst, die beiden Alten zurückstoßend, weit aus dem Bett. »Viktoria!« war sein letztes Wort, und er sank zu Boden. Die Fieberkraft, die ihn vorhin fähig gemacht hätte, Eisenketten zu sprengen, war verschwunden, blutend an den aufgebrochenen Wunden, lag er röchelnd auf der Diele, und die drei Männer trugen den Widerstandslosen auf das Lager zurück.

»Mein Söhn, mein Sohn«, wimmerte der Alte, »noch nicht, nur jetzt noch nicht. O, vergib mir, vergib mir, was ich an dir gesündigt. Ich meinte es gut, klage mich nicht an. Jeder Schlag traf deinen Vater dreifach. Ich wollte dich zwingen, ein rechtschaffener Mensch zu werden. O, mein Gottlieb, ich habe dich mehr geliebt, als ein Vater ein Kind lieben soll; nur darum war ich so unbarmherzig. Öffne noch einmal deine Augen, sprich noch einmal, höre mich noch einmal – ich hatte ja ein Herz für dich. Deine Mutter, in ihrer Sterbestunde band sie dich mir auf die Seele. Da gelobte ich mir die Strenge, die auf keine Bitten hört – der allmächtige Gott hört auch auf Bitten, er ist gnädig – hab ich gefehlt, gesündigt, stirbst du an meiner Herzenshärte, glaub' es nicht, es war weich wie Wachs für dich. Ich habe geirrt, ich wollte gerecht sein, und was ist die Gerechtigkeit des schwachen Menschen! Der Allwissende wird fürsprechen für mich bei dir. Stirb nur jetzt noch nicht, bis du mich angesehen hast.«

Das war leise hingemurmelt, das Gesicht des alten Mannes ruhte auf der Brust des Sterbenden. Gottlieb hörte die Worte des Vaters, er schlug die Augen auf, und ein wehmütiges Lächeln schwebte um seine Lippen. Etienne trat an ihn heran und faßte teilnehmend seine Hand: »Dein König wird doch noch triumphieren!« Als sollten die Worte eine Versicherung von außerhalb gewinnen, drang in dem Augenblick ein heller Sonnenstrahl durch die Fensterläden in das dunkle Zimmer. Er fiel quer über das Bett und beleuchtete die Züge des Sterbenden. Die letzten Blicke desselben schienen auf dem Gesicht des Inspektors zu ruhen. Nach einigen Minuten winkte der Doktor dem Offizier, und dem Vater sprach er zu: »Den trifft kein Unglück mehr.«

»Er hat vergeben«, flüsterte Etienne dem noch regungslos über der Leiche Knienden ins Ohr.

»Ich bin nun allein«, sagte der Vater. Die Stimme war fester als vorhin.

Etienne sprach etwas leise mit dem Doktor, er ließ seine Geldbörse ihm in die Hand gleiten. »Es wird zurechtkommen«, antwortete der Arzt, »sein Letztes hat er auf den schönen Marmorstein vor dem Halleschen Tor verwendet, und was ihm noch blieb, mußte hinaus auf die Straße, als Hülsens Korps uns zu Hilfe kam. O, er ist ein Patriot, der Alte.«

»So bleibt ihm noch etwas.«

Sie waren in das Vorderzimmer getreten. Nicht mehr so gebückt, so gebrechlich wie vorhin erschien ihnen der Inspektor, als er ihnen nachkam und die Tür hinter sich schloß. Er sah sie schweigend an, als warte er, daß sie Abschied nehmen würden, und durch neue Rede fürchtete er den Aufbruch zu verzögern.

»Alter Freund«, sagte der Doktor, »was nun?«

»Meinen Dank für Ihre Dienste, die Dienste sind nun aus.«

»Oho, Inspektor, mir entgeht man nicht. Wir sehen uns noch. Mußt auch noch mal Patient werden, bis du deinen letzten Gang antrittst.«

»Ich danke Ihnen, Herr Marquis, für Ihre Hilfe und will es nicht vergessen«, sprach er und verbeugte sich. »Steht noch sonst etwas Ihnen zu Diensten?«

»Den Brief meiner Mutter.«

»Richtig. Sie verzeihen.«

Er holte aus dem Wandschrank einen Brief. Sein Lebensrätsel ruhte verschlossen in Etiennes Hand.

»O, nicht hier, Herr Marquis«, sprach der Alte, als Etienne ans Fenster treten wollte, »nicht hier! Es ist ein Leichenhaus. Mein Sohn und ich, da ist Schmerz genug in dem öden Hause. Es hat kein anderer Platz. Leben Sie wohl – glückliche Reise! Hier ist nichts mehr zu suchen, und das Haus ist noch mein, solange ich lebe. Glückliche Reise, glückliche Reise!«

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